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Rezensionen verfasst von
Steffen Herrmann

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Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Niklas Luhmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,00

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bibel der Systemtheorie, 30. Dezember 2010
Die Lektüre von "Soziale Systeme" war für mich eine Offenbahrung und ich konnte nicht mehr verstehen, wieso Luhman bisher nur eine periphere Bedeutung für mich gehabt hatte. Über weite Strecken las ich das Werk wie ein Lehrbuch und ich hatte das Gefühl, dass es ziemlich genau den Punkt markiert, wo die Soziologie von einem kollektiven Diskurs in Wissenschaft umschlägt.
Der Stil ist manchmal etwas dröge, doch fast immer präzise und sogar humvorvoll. Das Buch kommt (für L. nicht selbstverständlich) fast ohne Redundanzen aus und bezüglich der Tiefenschärfe seiner Analysen sucht es seinesgleichen.
Das klingt sehr elogisch, doch ich glaube zu Recht.

Ich möchte, um das zu veranschaulichen, eine Stelle zitieren:

"'Person' ist die Bezeichnung dafür, dass man nicht beobachten kann, wie es zustande kommt, dass Erwartungen durch Zusammenhang in einem psychischen System an Wahrscheinlichkeit gewinnen (...).'Intelligenz' ist die Bezeichnung dafür, dass man nicht beobachten kann, wie es zustande kommt, dass das selbstreferentielle System im Kontakt mit sich selbst die eine und nicht die andere Problemlösung wählt. 'Gedächtnis' ist die Bezeichnung dafür, dass man nicht beobachten kann, wie der komplexe aktuelle Zustand in den nächsten übergeht (...). 'Lernen' ist die Bezeichnung dafür, dass man nicht beobachten kann, wie Informationen dadurch weitreichende Konsequenzen auslösen, dass sie in einem System partielle Strukturänderungen bewirken, ohne dadurch die Selbstidentifikation des Systems zu unterbrechen (S.158)"

Dieses längere Zitat sei mir nachgesehen, ich habe es ausgewählt, weil es typisch ist. Wen es anspricht, für den ist dieses Buch geeignet, wen nicht, für den eher nicht.

Nun zum Inhalt.
Das Buch operiert an der Grenze zwischen einer Allgemeinen Systemtheorie und einer Theorie sozialer Systeme. Nicht zu Unrecht gilt der Autor als Antiphilosoph, weil er gern (und gut) philosophische Grundanahmen mit einer gewissen Nonchalance zertrümmert.
Die Systemtheorie beginnt mit einer Setzung ("Es gibt Systeme!") und distanziert sich so zunächst von allen Reflexionsphilosophie vom Typ Descartes'. Der Ausgangspunkt des denkens besteht in einer System-Umwelt Differenz, die unaufhebbar ist. So grenzt sich L. einmal von der Dialektik ab (die auf die Identität von Einheit und Differenz zielt anstatt - wie die Systemtheorie - auf die Differenz von Einheit und Differenz) und genauso von der Ontologie (indem er die Analyse unter eine konsequente Temporalisierung zwingt und eine Totalität ablehnt, weil diese eben die Differenz von System und Umwelt überschreiten würde). Das Verhältnis von Elementen und System ist eben etwas grundsätzlich anderes als das von Teil und Ganzem.
"Soziale Systeme" ist zu komplex und zu dicht, als dass es in diesem Rahmen auch nur ansatzweise rekapituliert werden könnte. Einige Thesen seien dennoch angeführt:

- Systeme bestehen aus der Selektivität ihrer Operationen. Operationen, müssen, da sie bereits im Entstehen vergehen in diesem Vergehen Anschlussoperationen produzieren. Wie diese Anschlüsse aus dem Horizont der Möglichkeiten ausgewählt werden, hängt von früheren Operationen ab, sodass in der strukturierten Abfolge der Elemente die Systematizität zu finden ist.

- Systeme finden ihre Elemente nicht in der Umwelt, sondern produzieren sie selbst. L. nennt das die operative Geschlossenheit der Systeme. Aus dieser Selbstproduktion der Elemente folgt, dass in den Selektionsmodi der Anschlussoperationen die Selbstreferenz der Systeme begründet liegt.

- Erst die Selbstreferenz ermöglicht die Differenzierung zu Subsystemen. Systeme können, da sie vor allem Anschlussoperationen suchen (sich also vornehmlich um ihre Autopoiesis kümmern) sich gegenseitig nicht kausal beeinflussen. Die Inter-System-Strukturen untersucht L. unter den Begriffen Interdependenz, strukturelle Kopplung und strukturelle Drift.

- Die Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikationen. Menschen sind keine Systeme. Psychische Systeme bestehen aus Bewusstseinsoperationen. Psychische und gesellschaftliche Systeme sind einander gleichwertig, indem sie eben Systeme sind und je ihrem eigenen Operationsmodus folgen. Die Kopplung zwischen ihnen ist innerhalb des Paradigmas der Systemtheorie zu beschreiben (wie etwa auch die Kopplung zwischen Nerven- und psychischem System). Luhmann nimmt das von Husserl so schlecht gelöste Problem der Intersubjektivität neu auf und bindet es in eine generelle Theorie ein.
Das soll hier genügen. Das Lesen des Buches ist anstrengend, aber es ist der Mühe wert. Wer also Abstand gewinnen möchte vom Seichten und wissen will, was die Welt zusammenhält, der kommt um diese Perle der Wissenschaft nicht herum.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 30, 2013 12:13 PM MEST


Die Kathedrale des Meeres: Historischer Roman
Die Kathedrale des Meeres: Historischer Roman
von Ildefonso Falcones
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

4.0 von 5 Sternen Lebendige Geschichte, 13. Juni 2010
Historischer Stoff zieht Leser an, in diesem Fall zu Recht. Die Geschichte spielt im Spanien des 14. Jahrhunderts, einer faszinierenden und brutalen Zeit. Die Gegensätze sind vielfältig: Stadt und Land, Adel und König, Reich und Arm, Bürgertum und Klerus, Hoffnung und Tod, Liebe und Grausamkeit, Juden und Christen. Dem Autor gelingt es, uns in diese mittelalterliche Welt zu versetzen, ihr Leben und innere Konsistenz zu verleihen. Im Unterschied zu "Die Säulen der Erde", mit dem man das Buch zu Unrecht oft vergleicht, hatte ich hier nicht den Eindruck,als seien Characktere der Gegenwart in eine historische Kulisse geworfen. Falcone passt mit der Psychologisierung auf, so erhält auch das Sittengemälde seine Überzeugungskraft.
Gewiss ist auch einiges zu bemängeln.
Das Buch hat keinen wirklichen Schwerpunkt (Die Kathedrale ist es nicht).
Mitunter droht es zu einem reinen Schmöker zu werden.
Auch die Personen machen Metamorphosen durch, die gewaltsam erscheinen. Der Protagonist (Arnau) wird von einem plebebejschen Stadtjungen zum Mörder und notorischen Ehebrecher und schliesslich zum seignoralen Finanzoligarchen. Seine erste Liebe vom süssen Mädchen zur immergeilen Hure und schliesslich zur mütterlichen Entsagenden. Arnaus bester Freund ist zunächst ein strolchender Stadtjunge. Er wird zum begabten Studiosus und endet als grausamer, komplexbeladener Inquisitor.
Diese schriftstellerischen Unvollkommenheiten verzeiht man dem Autor, zumal das Buch durchweg spannend bleibt und einen Sog entwickelt, ohne zu einem Bestseller im schlechten Sinne zu werden.


Der Ursprung des Kunstwerkes
Der Ursprung des Kunstwerkes
von Martin Heidegger
  Taschenbuch

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutscher Tiefsinn, 14. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Ursprung des Kunstwerkes (Taschenbuch)
"Der Ursprung des Kunstwerkes" ist ein schmales Büchlein und doch ein kräftiger Anstoss zum Denken. Heidegger fragt nach dem Werkhaften des Werkes und stellt das Werk dem Ding und dem Zeug gegenüber. Die bloss daseienden Dinge werden auf ihre Nutzbarkeit hin befragt, zu Zeug umgeschaffen, dessen Wesen in seiner Verlässlichkeit liegt.
Wenn das Werkhafte des Werkes verstanden werden will, muss es aus dessen Dinghaftigkeit (seiner Materialgebundenheit) und seiner Zeughaftigkeit (dem Kunstbetrieb) herausgelöst werden. Das Kunstwerk ist so nichts innerweltlich Vorfindliches, sondern es stiftet eine Welt, indem es der Benutzung widersteht und die Dinge als solche in die Unverborgenheit bringt.
Diese Lichtung als Streit der verschliessend-hervorbringenden Erde und der Offenheit der Welt ist nicht nur der Ort der Schönheit, sondern zugleich der der Wahrheit.
Die Kunst ist für Heidegger ihrem Wesen nach Dichtung, denn erst mit der Sprache eröffnet sich die Welt und somit jene Unverborgenheit, in der sich das Kunstwerk ereignen kann.

So weit, so gut. Die Abhandlung ist in der Mitte zwischen dem Früh- und dem Spätwerk des Philosophen. Wir finden hier noch die mächtige Sprache von "Sein und Zeit", doch leider auch schon die verquaste Wortakrobatik des Seinsmystikers.
Heidegger verbannt entschieden den Künstler aus dem Wesen des Kunstwerkes. Das wesentliche Kunstwerk ist in sich ständig, es hat sich ereignet. Diese Abkehr vom romantischen Geniebegriff leitet auch Heideggers Abkehr vom Subjekt ein, aus dem Sein wird das Seyn.
Insofern wird Heideggers Begriff der Erde, der nicht die stoffliche Erde des Ackers und auch nicht die planetarische Erde meint, aber mit beiden Bedeutungen spielt und sie metaphysisch auflädt, ein Schlüsselbegriff. Die Argumentation wird nicht unsinnig, doch krude, gerät in ein Fahrwasser, das nur noch für die Jünger des Meisters geschaffen ist.
Auch wie er zwischenzeitlich die Wahrheit und die Schönheit in eins zu setzen scheint, mutet übermässig kühn, wenn nicht verantwortungslos an. Später erfahren wir immerhin, dass es auch andere Modi gibt wie Wahrheit west, doch warum etwa die 'staatsgründende Tat' als etwas zu deuten ist, wo Wahrheit west, doch nicht die Wissenschaft, erfährt nicht einmal die Andeutung eines Nachweises.
Heidegger, dessen Heroen in der Kunst Hölderlin und van Gogh und nicht Joyce und Picasso heissen konnte eigener Aussage nach "das Wegweisende der modernen Kunst nicht sehen."
Er arbeitet geschickt mit Beispielen. Den Begriff der Erde leitet er mit Ausführungen über einen griechischen Tempel ein, der den Menschen ein Gesicht gibt, indem der die Götter anwesend sein lässt und indem er einen Stand hat, aus etwas aufragt, was dessen Grund ist.
Die Zeughaftigkeit legt er an einem van Gogh-Bild dar, das Bauerschuhe datstellt. Jedoch handelt es sich nicht um die Schuhe einer Bäuerin, noch wahrscheinlich überhaupt um ein paar Schuhe. Genaues Hinsehen war Heideggers Sache nicht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 19, 2012 12:07 PM MEST


Feuerkind
Feuerkind
von Stephen King
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Carries Schwester, 3. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Feuerkind (Taschenbuch)
Ich kenne Carrie (als Film), doch seit ich "Das Feuerkind" gelesen habe, frage ich mich, ob es gerecht ist, dass man Charlie so viel weniger kennt als ihre Schwester.
Das Buch ist phänomenal: spannend, menschlich, intelligent (keine grosse Literatur, aber diesen Anspruch erhebt King ja ausdrücklich nicht).

Zwei sind auf der Flucht, ein Vater mit seiner Tochter. Es ist eine einfache, liebevolle Beziehung, die zu Herzen geht. Wenn man ein Buch von Stephen King gelesen hat,fällt es leicht, die Amerikaner zu mögen.
Sicher, er gilt als Meister des Horrors. Doch was seine Geschichten auszeichnet, ist, dass das Unheimliche aus den Poren des Alltages aufleuchtet. Wir finden hier einen tiefen, doch subtilen Bruch, der durchaus als eine Wahrheit verstanden werden kann. In das "Feuerkind" erscheint das Magische geradezu als eine Erweiterung des Gewöhnlichen und wir gelangen in eine familiäre Trinität.

1. Die Mutter. Sie kann Gegenstände verrücken, doch diese Fähigkeit ist schwach, also weiter nicht der Rede wert.
2. Der Vater: Er kann Menschen beeinflussen, doch dieses Zustossen wirkt auf ihn zurück: durch Kopfschmerzen, durch Hirnblutungen und mehr. Der Autor macht den Schmerz, der zunehmend auf das "Er stiess hart zu." folgt, greifbar. Mir tat es jedesmal selbst weh.
3. Die Tochter: Sie kann durch ihre psyschische Energie Feuer entzünden. Anscheinend sind ihr keine Grenzen gesetzt, die einzige Schranke ist die Moral des Kindes. Sie will keine Feuer machen, obwohl es ihr im Grunde Spass macht.

Gerade diese moralische Ebene ist sehr überzeugend. Wir sehen ein Mädchen vor uns, das seine Kindlichkeit früh verloren hat. Ernst, gefühlvoll, ein Kind der Sehnsucht und der Einsamkeit - traurig, klar und mächtig. Stephen King weiss, was es heisst, ein Aussenseiter zu sein.
Ich möchte hier innehalten. Wer ein Buch braucht, das er in einem Zug durchlesen möchte, dem sei dieses empfohlen.


Volksfeinde: Ein Schlagabtausch
Volksfeinde: Ein Schlagabtausch
von Michel Houellebecq
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wen interessiert's?, 26. Februar 2010
Das Buch ist leider ein Dokument der Eitelkeit. Das ist schade, denn es mangelt nicht an klugen Gedanken und auch nicht an schriftstellerischer Virtuosität. Levy machte auf mich einen nicht so sympathischen Eindruck. Er erzählt gern von seinen Erfolgen, präsentiert sich als weltläufig und als Moralisten, er bläst sich auf. Houellebecq gefiel mir besser, aber auch er zeigt mehr Neigung, sich mit dem Charakter seiner Kritiker zu beschäftigen als mit etwas Wichtigem.
Dieser Briefwechsel ist nicht grundschlecht. Die Differenz zwischen dem illusionslosen Pazifismus Houellebecqs und dem angestrengten Moralismus Levys hat seinen Reiz, manchmal kommt so etwas wie Spannung auf. Über weite Strecken hat dieser Sparringskampf zweier Männer des mittleren Alters etwas Fades. Wir erfahren Einiges, so dass Houllebecq lieber im Halbschlaf und Levy lieber bei klarem Bewusstsein vögelt - wen interessiert's?
Fazit: Man kann es lesen, aber es gibt auch genug andere Bücher, die es zu lesen lohnt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 7, 2011 2:31 AM MEST


Mit Staunen und Zittern
Mit Staunen und Zittern
von Amélie Nothomb
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lebensfroher Masochismus, 10. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Mit Staunen und Zittern (Taschenbuch)
"Mit Staunen und Zittern" ist der treffende Titel dieses gelungenen Buches. Wir erfahren vom konsequenten Abstieg der hoffnungsvollen jungen Frau in einem japanischen Grossbetrieb. Der Blick von unten erscheint der einzig angemessene zu sein, um eine Gesellschaft zu beschreiben, die ohne Humor auskommt. Die Japaner, so erfahren wir, sehen die Europäer etwa so, wie diese die Afrikaner betrachten: Als eine exotische Spezies mit unerklärlicher Lebensfreude; von löblichen Ausnahmen abgesehen unfähig zu wahrer Disziplin; nicht recht erwachsen, mit einem Wort - unterlegen.
Die Autorin begegnet der Situation mit einem lebensfrohen Masochismus, verletzt und neugierig-robust, zitternd und staunend. Sie ist die Stimme des Lebens in einem Mechanismus, wo der Einzelne wenig zählt. Die Welt, in die wir bei der Lektüre treten ist kafkaesk, und sie tritt uns ohne alle Verfremdung, selbst ohne literarische Kunstfertigkeit als blanke Realität entgegen.
Für mich war es ein kurzweiliges Lesevergnügen. Für einen Europäer, der sich gern als Inhaber einer Leitkultur versteht, hat es einen feinen Reiz, einmal mit einem anders gearteten kulturellen Imperialismus konfrontiert zu werden.


Brief an meine Mutter
Brief an meine Mutter
von Waris Dirie
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fremde Mutter, 7. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Brief an meine Mutter (Taschenbuch)
Es gibt Bücher, die man liest will, weil man bereits ein anderes Buch des Autoren oder (noch häufiger) der Autorin gelesen hat.
Dazu gehört auch dieses. Es hat sicher nicht die Klasse der "Wüstenblume", doch es ist flüssig geschrieben, mitunter
berührend und stimmt auch nachdenklich. Wir erfahren viel von kulturellen Unterschieden. Einer somalischen Diaspora, die von Machismus und parasitärer Trägheit geprägt zu sein scheint und auf die auch sonst kein gutes Licht fällt. Von einer Tochter-Mutter-Beziehung, die von Fremdheit und einem verzweifelten Werben um Verstehen seitens Waris geprägt ist. Die beeindruckenden Erfolge der jungen Frau zählen auf merkwürdige Weise nicht: nicht für die Mutter und nicht einmal für sie selbst.
Sie bleibt in ihrem kargen Selbstbewusstsein zerbrechlich, authentisch, beseelt, schön: eine Wüstenblume.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 16, 2014 4:57 PM CET


Sein und Zeit
Sein und Zeit
von Martin Heidegger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

20 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klassiker jenseits der Kontroversen, 29. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Sein und Zeit (Gebundene Ausgabe)
Eine Rezension, die sich nicht selbst Beschränkungen auferlegt, erscheint mir bei einem Buch wie "Sein und Zeit" eher nicht ratsam. Dazu ist es zu reich und zu dicht. Man kann Heidegger sicher nicht mehr abtun, genausowenig wie man es noch mit Nietzsche und Marx kann. Er war auf eine kolossale Art fruchtbar; hat keine Schule hervorgebracht, doch Schüler und zwar - vielleicht eines der stärksten Argumente für ihn - selbstständig denkende Schüler.
Man sollte Heidegger auch nicht als den Weisen von Todtnauberg betrachten und "Sein und Zeit" als eine Art Bibel, daraus wird nichts Rechtes. Man gelangt auf diese Art wahrscheinlich nur zu einem Jargon.
Heidegger ist, bei aller Polarisierung die ihn noch immer umgibt, in erster Linie ein Philosoph der Auseinandersetzung. Die Philosophiegeschichte belegt dies, am schmerzhaftesten und vielleicht tiefsten am Beispiel von Levinas, der Heidegger in fast allem widerspricht und ihm doch folgt.
Für wen ist das Buch? Sicherlich für viele, aber in jedem Fall für Menschen, die auf der Suche nach einer Ethik sind. In dieser Hinsicht ist "Sein und Zeit" sehr fruchtbar, vor allem durch die markant-seltsame Abwesenheit des Ethischen.
Hier fallen wir (ironischerweise, denn Heidegger selbst hat hier entschieden Irrelevanz postuliert) ins Biographische. Die Frage, inwieweit Heidegger ein Faschist war, stellt sich noch immer, wenn auch mit verstreichender Zeit die Verbissenheit des Diskurses weicht. (Sicher, Heidegger war fasciniert von Führung, von Schicksal, vom Archaisch-Mystischen). Doch erscheint er immer mehr vor allem als Typus eines Deutschen, der zunehmend historisch wird.

Man mag das Buch unter dem Aspekt der (fehlenden-warum?) Ethik lesen und exemplarisch die Verortung des Gewissens bedenken. Das Gewissen ist bei Heidegger ein Ruf, der das Dasein aus der Herrschaft des Man entfernt und seiner eigensten Möglichkeit zuführt. Diese besteht im Sein-zum-Tode und ist so vor allem das Ende der Möglichkeiten. So weit, so fundamental.
Das "Gewissen" bei Heidegger (und eng verschwistert die "Schuld") ist für eine aufmerksame Lektüre in mindestens drei Hinsichten interessant.
1. Es besetzt eine wichtige, beinahe zentrale Position in der philosophischen Architektur. Die Heideggersche Fundamentalanalyse geht kleinschrittig genug vor, um Konstistenz und logische Stringenz von sich zu beanspruchen. Das Gedankengebäude ist robust genug, um gegen einen Einsturz gefeit zu sein, erweist sich aber ebenso als porös, wenn man hartnäckig und kritisch genug fragt. Geht man von einem von anderen ethischen Grudsätzen getragenen Gewissensbegriff an das Werk heran, ergeben sich vielfältige Möglichkeiten zu dessen Beleuchtung und Dekonstruktion.
2. Es fällt auf, dass das Gewissen nur vor das eigene Sein ruft, dass der Mitmensch also gar nicht wichtig erscheint. Die anderen Menschen sind nichts als ein dumpfes Mit-Sein, das das eigene Sein zwar solidarisch stützt, strenggenommen aber beinahe Dingcharackter hat und unnötig ist. Der Andere ist bei Heidegger nicht ausgezeichnet wie bei Sartre oder mehr noch bei Levinas, aber er bereitet die Notwendigkeit vor, den Anderen ins Zentrum des Philosophierens zu bringen. Bei Heidegger haben die zentralen ethischen Begriffe wie Gewissen, Schuld, Sorge, Verantwortung mit unseren Mitmenschen eher nichts zu tun sondern schmoren als Existentialien im eigenen Dasein.
3. Es gibt keine Brücke zwischen den fundamentalen Existentialien und den konkreten Entscheidungen, die getroffen werden. Das Konkrete gerät rasch in den Ruch des "Vulgären". Einer Philosophie, die sich der Konkretisierung verschliesst und dies auch noch als eine Stärke ausgibt, fehlt allerdings ein wesentliches Element und hat wenig Resistenz gegenüber Instrumentalisierungen. Die spätere ins Mystische drehende, tendentiell reaktionäre Verherrlichung des bäurisch-Archaischen macht das dann nur schlimmer.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 12, 2014 9:46 PM CET


Universal-Bibliothek, Nr. 4881: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte
Universal-Bibliothek, Nr. 4881: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte
von Georg Wilhelm Friedrich Hegel
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hegel für alle, 11. März 2009
Sollte jemand den Wunsch erfassen, sich erstmals mit Hegel zu befassen, dann kann ich nur zu diesem Buch raten. Hegel, der normalerweise an der Grenze zur totalen Unverständlichkeit philosophiert, schreibt hier klar, mitunter sogar fesselnd.
Natürlich begegnet er uns nicht als Historiker, sondern als Philosoph. Jedes Ereignis, jede Epoche der Weltgeschichte erscheint nicht als kontingentes Faktum, sondern als notwendige Bedeutung.
Interessant und aufschlussreich war fuer mich das umfangreiche Einfuehrungskapitel, wo er alle Weltgegenden abqualifizierte, die nicht zur Bewegung des Weltgeistes passen: das vorkolumbische Amerika, Südamerika, Afrika. Insbesondere die aufstrebenden Vereinigten Staaten brachten den Philosophen in eine Verlegenheit, der sich schon Ortega y Gasset gewidmet hatte. Kurzerhand verweigerte Hegel der USA einen Platz in der Weltgeschichte und ordnete sie der Zukunft zu. Gibt es im Denken des gewaltigen und gewaltsamen Systemdenkers eine offene Stelle?


Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie
Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie
von Barack Obama
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Begnadeter Schriftsteller, 29. Dezember 2008
Barack Obama ist, neben allem anderen auch, ein begnadeter Schriftsteller. Er schreibt flüssig und fesselnd und dabei mit einer analytischen Prägnanz, die selten ist.
Das Buch macht seinen furiosen Aufstieg plausibel. Die Umstände seiner Biographie (in Indonesien und Hawaii aufgewachsen,'mit amerikanischer Mutter und kenianischem Vater) macht ihn eher zu einem Weltbürger als zu einem typischen Amerikaner).
Seine Kindheit war nicht arm, doch in unmittelbarer Nähe von Armut. Von Anfang an beobachtete er genau und man glaubt ihm, dass die Menschen ihm wichtig sind.
Am meisten beeindruckt mich die erste eigene Entscheidung, die er in seinem Leben getroffen hat. Nach seinem Studium begann er in einem Büro in New York zu arbeiten. Gut ausgebildet,intelligent und smart, war er dafür prädistiniert, eine klassische Karriere zu machen. Doch schon nach kurzer Zeit verliess er diese komfortable Position um Stadtteilarbeit zu machen: Unglamourös, schlecht bezahlt, nahezu hoffnungslos. Das beweist, dass er von seinem Charakter her wirklich selten ist, gerade in unserer Zeit, deren Erfolgsverständnis eindimensional geworden ist.
Was mich überraschte: Welche Rolle die Hautfarbe in seinem Leben und in seinem Denken spielt. Sie ist, neben seinem fast unbekannten Vater, eine der Haupttriebkräfte seiner Entwicklung.
Das Buch verströmt Optimismus und Kraft, es spornt an und ist dabei weder pathetisch noch eitel.
Am Ende bleibt dennoch eine Frage: Wie kann jemand nur so perfekt sein? Er hat sogar richtig pubertiert.


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