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R.E.R. "R.E.R."
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Grießnockerlaffäre: Ein Provinzkrimi
Grießnockerlaffäre: Ein Provinzkrimi
von Rita Falk
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Franz Eberhofers "Outtakes", 5. Februar 2013
"Outtakes" kennt man aus Filmen. Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben, weil eine Einstellung nicht optimal war, die Schauspieler sich versprochen oder ihren Text vergessen hatten oder sonst ein Versehen passiert ist. Manchmal werden solche Outtakes im Abspann gezeigt, gerade weil die "Pleiten, Pech und Pannen" besonders lustig sind.

Was ich aus Rita Falks "Grießnockerlaffäre" herausheben will, sind keine "Outtakes" im oben beschriebenen Sinn (sie haben es ja ins Buch geschafft!). Nach der Lektüre des neuen Falles, fand ich es lohne sich eigentlich gar nicht, eine weitere Meinung darüber abzugeben. Die Bücher sind ein Riesenerfolg. Hundertfach rezensiert. Man liebt sie oder man liest sie erst gar nicht. Dennoch geht es mir bei jedem Band so, dass es einige Szenen gibt, die irgendwie besonders sind, obwohl sie (oft) mit der eigentlichen Handlung gar nichts zu tun haben. Und so kam ich auf die Idee diese einmal besonders hervorzuheben. Womit wir beim "Outtaking" sind.

Szene Eins zeigt das Franz über eine gehörige Portion gesunden Menschenverstand verfügt. Als ein paar junge Burschen mutwillig ein Maisfeld zerstören und Franz durch Zufall darauf aufmerksam wird, reagiert er (wie immer) recht eigenwillig, aber das Resultat gibt ihm (wie immer) recht. "Noch nicht einmal das Blaulicht scheint ihnen zu imponieren. Und es gibt auch keinerlei Fluchtversuche. Im Gegenteil. Sie reißen und zerren und trampeln in der gleichen Lässigkeit weiter, als täte es mich gar nicht geben". Franz schafft es die "Rasselbande" zur Vernunft zu bringen und dabei dem Bauern gleichzeitig ein paar "freiwillige" Erntehelfer zu verschaffen.

Szene Zwei: Die Geschichte mit dem "blöden Miststück", einem Schwiegermutter -tochter Streit über zwei Etagen. "Die Schwiegertochter sei ein stinkfaules Weib, sagt die Schwiegermutter". "Liegt bis Mittag im Bett und frühstückt dann erst mal auf dem Balkon." Die Schwiegertochter, eine "echte Sahneschnitte" wie der Franz findet, sagt dagegen, dass "die Schwiegermutter der Teufel in Vollendung sei und ihr auch schon mal den grintigen Badezimmerläufer direkt von oben auf den Frühstückstisch ausgeschüttelt hat." Franz, entrüstet ob dieser Schlechtigkeit und geblendet von viel nackter Haut, beschlagnahmt den Badezimmerteppich der Schwiegermutter. Was sonst!

Das Rita Falk auch ganz anders kann, beweisen die ruhigen Momente. Szene Drei: Als der Tod bei der Familie Eberhofer einzieht, tritt an die Stelle von Klamauk ruhige Besonnenheit und Brauchtum. "Die Hände liegen ineinandergefaltet und halten einen Rosenkranz. Der Papa zieht einen Stuhl hervor, klappt die Bibel auf und beginnt in leisen Worten daraus vorzulesen. Genau so ist es gewesen, wie die Mama starb. Das weiß ich aus Erzählungen. Aus hundertfachen Erzählungen."

Rita Falks Erzählungen sind so sympathisch und lebensfroh, dass man sie sich "hundertfach" weiter wünscht. Das Universum um den "Eberhofer Clan" in Niederkaltenkirchen macht einfach gute Laune. Oder wie Rita Falk im Nachspann schreibt, "die großartige Stimmung bei ihren Lesungen, die sie immer wieder überwältigt". Überraschend ist das nicht. Denn ich habe hier noch nicht mal erwähnt, was sich der Franz (neben seinem Stress den Mörder des verhassten Barschl zu finden) für den obdachlosen "Catweazle", den lebensmüden Landarzt und den verzweifelt fahruntüchtigen Metzgerbuben ausgedacht hat.


Störenfrieda und der Rückwärtsflohmarkt
Störenfrieda und der Rückwärtsflohmarkt
von Jana Frey
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht begeistert, 28. Januar 2013
Mit Nachfolgebänden ist das immer so eine Sache. Vor knapp zwei Jahren habe ich den ersten Band von "Störenfrieda" gelesen. Mein Urteil fiel damals positiv aus. Die Geschichten fand ich frisch, frech, kindgerecht formuliert und originell. Jetzt habe ich den zweiten Band der Reihe gelesen und bin nicht mehr ganz so begeistert.

Die siebenjährige Frieda lebt mit Mama, Papa, den Zwillingsschwestern, der Oma, dem Uropa und der Urgroßtante weiterhin in der großzügigen Villa am Stadtrand. Noch immer herrschen eitel Friede, Freude und Sonnenschein, nur getrübt durch die zeitweilig auftretenden dunklen Wolken des Unmutes, die meist dann aufziehen, wenn Frieda wieder irgend etwas angestellt hat. Friedas "Streiche" sind eher gedankenlose Mätzchen, die durch ihre ganz eigene kindliche Logik verursacht werden. So weit, so gut. Wirklich lustig oder zum Lachen fand ich aber nur wenige Geschichten. Friedas Versuch ihren Papa vor der Liebe einer russischen Studentin zu retten beispielsweise. Oder ihren "Afrika-Satz" bei der Werbung für Erbsensuppe. Manch andere Geschichte war einfach nur albern oder vorhersehbar.

Bei der letzten Geschichte wurde mir aber etwas unbehaglich. Frieda ist frustriert, weil die Familie keinen Fernseher hat. Kurzerhand steigt sie durch das offene Badezimmerfenster des Nachbarn, als sie sieht, dass dieser das Haus verlässt und macht es sich in seinem Fernsehsessel gemütlich. Als Herr Kurzhals wieder nach Hause kommt und Frieda entdeckt, wirft er sie lediglich mit den Worten "Raus mit dir, du kleiner Satansbraten" hinaus. Das der heimliche Einstieg in ein fremdes Haus eine Grenze überschreitet, wird nicht thematisiert.

Ähnlich ist es bei weiteren Geschichten aus dem Buch. Als Frieda gegen ausdrückliches Verbot im Garten ein Feuer entzündet. Als sie Wertgegenstände der Familie entwendet um diese (für einen guten Zweck) zu verkaufen. Oder als sie auf einer Hochzeitsfeier unbemerkt (wie einst der Rattenfänger von Hameln) alle kleinen Kinder einsammelt und zum Schlafen in ihr Zuhause bringt. Was eine polizeiliche Suchaktion verursacht, aber keinerlei Konsequenzen hat. Zwar lässt die Autorin den Uropa poltern "Diesmal bist du wirklich zu weit gegangen, Störenfrieda" oder die Mutter schimpfen "Bist du etwa völlig verrückt geworden?". Aber das war es dann auch schon.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass Kinder beim Lesen oder Vorlesen der Geschichten ihren Spaß hätten. Ich habe aber ebenso wenig Zweifel, dass man einiges zu erklären hätte. Viele Fragen, die Kinder automatisch stellen, weil sie reflektieren, das Geschehen hinterfragen und auf sich beziehen würden.

Frieda reflektiert nicht. Sie reagiert mit Unverständnis auf das Unverständnis! Nur so kann es natürlich immer wieder zu "Störenfriedafällen" kommen. Gerade weil die Autorin Frieda aber als ein intelligentes, freundliches Kind beschreibt, sollte sie ihr auch das nötige Handwerkszeug zur Weiterentwicklung mitgeben. Dann würden die "Störfälle" vielleicht auch wieder origineller.


Der Schmuck der Lady Catherine
Der Schmuck der Lady Catherine
von Joan Aiken
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Marketing für Jane Austen, 27. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Schmuck der Lady Catherine (Taschenbuch)
Der Begriff "Spin-off" kommt eigentlich aus dem Bereich der Wirtschaft. Aber auch in den Medien verwendet man diesen Begriff, wenn beispielsweise im Fernsehen beliebte Nebenfiguren erfolgreicher Serien zu Helden einer neuen Serie werden. In der Literatur sind solche "Ableger" nicht ganz so üblich. Joan Aiken, die bereits verstorbene erfolgreiche britische Kinder- und Kriminalbuchautorin hat ganze fünf solcher Folgeromane in ihrem Oeuvre. Es sind Fortsetzungen einiger Romane von Jane Austen, mit denen sie ihrer Verehrung für diese Autorin Ausdruck verlieh.

Welcher Liebhaber der Werke von Jane Austen hat nicht die Figuren ihres wohl berühmtesten Werkes "Stolz und Vorurteil" vor Augen. Wer erinnert sich nicht, an die herrschsüchtigen Bemerkungen, die die gestrenge Lady Catherine an Elizabeth Bennett oder an den unterwürfigen Mr. Collins richtet. Die Tante von Mr. Darcy spielt, gemeinsam mit ihrer Tochter Anne, die Hauptrolle in Joan Aikens Roman. Ihr Landsitz Rosings, in "Stolz und Vorurteil" nur einer der Nebenschauplätze, wird zur Bühne für das Geschehen.

Ein Kutschenunfall aufgrund eines plötzlichen Wintereinbruchs lässt das Geschwisterpaar Delaval auf dem Landsitz der reichen Lady Catherine stranden. Die gestrenge Hausherrin ist zunächst nicht erfreut über diesen unerwünschten Zuwachs in ihrem Haus. Der gewinnende Charme von Ralph und Priscilla bleibt jedoch nicht ohne Wirkung und schon bald ist von einem Aufbruch der beiden nicht mehr die Rede. Nur Tochter Anne hat Vorbehalte gegen die Gäste. So mischt sich, nach ihrem Empfinden, der junge Mann zu sehr in die Angelegenheiten ihrer Mutter. Seine Absichten erscheinen edel, aber bald schon werden die fatalen Folgen der vermeintlich guten Ratschläge offen kundig und Lady Catherine muss nicht nur um ihren Besitz fürchten.

Joan Aiken hat sich mit ihren Krimis und Psychothrillern einen Namen gemacht und das sie das Metier beherrscht, zeigt sich in diesem Roman. Sehr geschickt spinnt sie bekannte und neue Figuren in ein Netz von Handlungen, dessen harmloser Beginn sich furios wandelt und zwischen düsterem Geheimnis und geheimnisvollen Rätsel changiert. Aus Jane Austens Vorlage übernimmt sie neben Lady Catherine und deren Tochter Anne, die Bewohner des Pfarrhauses Mr. Collins und dessen Frau Charlotte, sowie deren Schwester Maria Lucas. Auch Oberst Fitzwilliam, der gute Freund von Mr. Darcy aus "Stolz und Vorurteil" ist mit von der Partie.

Gerade die Handlung die Aiken um die "alten Bekannten" aus der Austen Vorlage strickt, waren für mich am interessantesten. Allerdings zeigen sich hier, wie ich finde, auch die größten Schwierigkeiten einer solchen Fortsetzung. Lady Catherine ist von Joan Aiken, meiner Meinung nach, perfekt getroffen. Auch Charlotte und Mr. Collins weisen eine vortreffliche Ähnlichkeit auf. Ganz anders die Figuren Maria Lucas, Anne und Oberst Fitzwilliam. Hier hatte ich das Gefühl, dass der Dramaturgie zuliebe eine Persönlichkeitswandlung vorgenommen wurde. Aus Maria (ängstlich, nichtssagend) und Anne (blass, krank, scheu, geistig schwach) werden urplötzlich autark denkende und handelnde selbstbewusste Frauen mit ausgeprägten charakterlichen Eigenschaften. Der vormals ehren- und liebenswerte Fitzwilliam dagegen, wird in einen gewissenlosen Opportunisten verwandelt.

Ich fand diese "Verwandlungen" zwar nicht ganz stimmig, habe das Buch aber dennoch mit Vergnügen gelesen. Mir ging es mehr um, wie es im Klappentext so schön heißt: "Ein Wiedersehen mit alten Freunden". Wer sich einmal mit dem Jane Austen Virus angesteckt hat, wird ihn ohnehin nicht mehr los. Ihre Helden, oder vor allem die Heldinnen, wachsen einem ans Herz und begleiten einen durchs Leben. Jane Austen zu lesen bedeutet für jeden etwas anderes. Aber jeder der Jane Austen in sein Leben aufnimmt, wird es dadurch bereichern.

Die Folgeromane von Joan Aiken sind für mich daher so etwas wie Marketing für Jane Austen. Merchandising Produkte die man als Anhänger von ihr eben einfach haben muss.


Der Fall Collini: Roman
Der Fall Collini: Roman
von Ferdinand von Schirach
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

4.0 von 5 Sternen Eine böse Tat - was bedeutet das?, 20. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Fall Collini: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der unbescholtene Werkzeugmacher Fabrizio Collini ermordet den Industriemagnaten Hans Meyer. Mehrere Kopfschüsse und ein brutal zerstörtes Antlitz deuten auf einen persönlichen Racheakt hin, aber jede Verbindung zwischen Täter und Opfer fehlt. Caspar Leinen, gerade zugelassener Rechtsvertreter, wird dem Italiener als Pflichtverteidiger zugeordnet, ohne zu ahnen, dass es sich bei dem ermordeten um den Großvater seines besten Freundes handelt. Der unerfahrene Anwalt muss sich der Frage stellen, ob er den geständigen Mörder überhaupt verteidigen kann, solange dieser nicht verteidigt werden will. Collini schweigt hartnäckig über sein Motiv. Schließlich stößt Leinen, rein zufällig, auf eine Spur die weit in die Vergangenheit reicht und die Tat in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

Ich weiß nicht, inwieweit Nichtabonnenten die Möglichkeit haben das Archiv der Süddeutschen Zeitung online einzusehen. Im großen Wochenendinterview vom 31.7.2010 sprach Rebecca Casati mit Ferdinand von Schirach über "Motive". Die Wochenendinterviews der SZ sind eigentlich immer hochinteressant und lesenswert, aber manche hinterlassen einen noch stärkeren Eindruck. So auch das Interview mit dem Berliner Strafverteidiger, der mit seinen Büchern "Verbrechen" und "Schuld" Bestseller schrieb. Wer die Möglichkeit hat, dem sei die Lektüre empfohlen.

Nachdem ich das Interview vor mehr als zwei Jahren gelesen hatte, machte ich mir eine Notiz das Buch "Schuld" in dem es in dem Gespräch unter anderem ging, unbedingt zu lesen. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich das bis heute noch nicht geschafft habe. Der Autor ist mir allerdings in Erinnerung geblieben. Als in der Bücherei "Der Fall Collini" vorrätig war, griff ich selbstverständlich sofort zu.

Ferdinand von Schirach erzählt in einem eigentümlich sachlichen Stil, der nüchtern klingt und dennoch ungeheuer fesselt. Er reduziert die Handlung auf die wesentlichen Fakten und "garniert" diese mit wenigen, aber aussagekräftigen, Hintergrundinformationen. So erlebt man einige Sommertage in Kindheit und Jugend des jungen Anwaltes. Oder man erfährt etwas über den Verteidiger der Gegenseite, den legendären Staranwalt Richard Mattinger. Eine Stelle, die mir besonders in Erinnerung blieb, war folgende: "Am nächsten Verhandlungstag fragte Mattinger weiter. Und am übernächsten. Am Ende stand die Frau siebenundfünfzig Tage im Zeugenstand und musste seine Fragen beantworten. Am Morgen des achtundfünfzigsten Tages gab sie zu, dass sie ihren Mann aus Eifersucht ins Gefängnis bringen wollte. Die letzte Frage war die gleiche wie am Anfang: Möchten Sie zugeben, dass Sie gelogen haben?"

Das geschilderte, real sachliche Wissen des Autors zu Abläufen bei Gericht bzw. hinter den Kulissen desselben fand ich besonders spannend, weil es eben nicht nur authentisch wirkt sondern wohl auch ist. Ein Faktor für den Erfolg seiner Bücher ist sicher das Befriedigen einer natürlichen Neugier bzw. der Hang sich gerne "fremdzugruseln". Die Prosa von Schirachs bedient aber keineswegs niedere Instinkte. Die Würde der Figuren bleibt zu jeder Zeit gewahrt.

"Mein Gewissen ist ruhig. Gewiss, ich habe ein Kriminalverbrechen begangen; gewiss, ich habe den Buchstaben des Gesetzes verletzt und Blut vergossen; nun gut, so nehmt für den Buchstaben des Gesetzes meinen Kopf." So gelassen resümiert der Mörder Raskolnikow am Ende von Dostojewskis "Schuld und Sühne". Ähnlich reagiert auch der Täter Collini. Ihn umgibt eine stille Größe, die von Beginn an ahnen lässt, dass hinter der Tat mehr steckt als offen sichtlich. Ferdinand von Schirach beschreibt mit dem "Fall Collini" nicht nur ein spektakuläres Verbrechen sondern arbeitet , bei der Beschreibung der Verteidigung, gleichzeitig ein dunkles Kapitel Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland auf.

"Eine böse Tat - was bedeutet das?" fragt Dostojewskis Raskolnikow. Ferdinand von Schirach zeigt es.


Abschied für Anfänger
Abschied für Anfänger
von Anne Tyler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Im Leben und im Tod gut aufeinander achtgeben, 14. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Abschied für Anfänger (Gebundene Ausgabe)
Herzliches Beileid, tiefempfundene Trauer, dankbares Gedenken. Tröstlicher Ausdruck der Anteilnahme für jemand der einen lieben Menschen verloren hat. Bei Aaron ist es seine Frau Dorothy, die nach nur vier Jahren Ehe durch einen schrecklichen Unfall starb. Gerade noch hatte das junge Paar gestritten und sich in verschiedene "Schmollwinkel" des kleinen Hauses zurückgezogen, als sich der Rückzugsort Dorothys als tragischer Fehlgriff erweist. Sie hinterlässt ihren traumatisierten Ehemann nicht nur mit einem unersetzlichen Verlust sondern auch mit Schuldgefühlen nach dem Motto: "Wenn ich die Zeit zurückspulen könnte, würde ich mich nie wieder allein in ein Zimmer zurückziehen. Ich würde dir nachlaufen, mich hinter dich stellen, bis du dich umdrehst".

Anne Tyler spult für den Leser die Zeit sehr wohl zurück. In Rückblenden lässt sie den Ich-Erzähler Aaron die kurze Zeitspanne, die er mit seiner Frau erlebte Revue passieren. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf Aarons Art und Weise seine Trauer zu verarbeiten oder vielmehr dies nicht zu tun. Der Verlust seiner geliebten Frau ist für ihn so schmerzlich, dass er sie imaginär wieder heraufbeschwört. Ihre "Heimsuchungen" sind für ihn so real, dass er mit ihr redet, spazieren geht, einkauft und sogar streitet. Durch diese postmortalen Begegnungen lernt er seine Frau noch einmal kennen und verstehen, wie es ihm zu ihren Lebzeiten nie möglich war. Am Ende kann er loslassen und neu beginnen.

Anne Tyler ist eine Meisterin darin Tiefgründigkeit leicht und humorvoll zu beschreiben, ohne es am nötigen Ernst fehlen zu lassen. Aus all ihren Romanen spricht ein tiefes Grundverständnis für alles menschliche. Sie umgibt ihre Figuren geradezu liebevoll damit. Sei es der verschrobene Mr. Leary, der erst durch die Liebe zu einer Hundetrainerin an seinem eigenen Leben teilnimmt. Oder Maggie Moran, die sympathisch zerstreut, auf einer langen Autofahrt mit ihrem Mann ein ganzes Leben gedanklich aufdröselt und dem Leser vor Augen führt, was Glück und Zufriedenheit bedeuten. Für diesen Roman "Atemübungen" erhielt Tyler 1989 den Pulitzerpreis.

Zentrales Thema in all ihren Romanen ist das besondere Wesen und der Zusammenhalt in Familien oder familienähnlichen Strukturen. Alle "Tyler Familien" weisen Ähnlichkeiten auf. Eigentümliche Berufe, physische Besonderheiten, skurrile Gewohnheiten oder sonstige Kuriositäten. Das gilt auch für den vorliegenden Roman. Aaron ist leicht behindert. Seit einem Unfall in seiner Kindheit muss er eine Beinschiene tragen und sich mit einem Gehstock fortbewegen. Sein Humpeln und das ab und an auftretende Stottern haben ihn selber zwar nie gestört, jedoch dazu geführt, dass ihn seine Umgebung immer zu sehr "bemuttert" hat. Nur Dorothy hat das nie getan. Nun muss er (oder meint es zu müssen) seine Selbständigkeit gegenüber den gutgemeinten Hilfsangeboten verteidigen. Auch, oder gerade, im familieneigenen Verlag bei dem er für seine Schwester arbeitet. Die drei Angestellten sind für ihn wie einer Erweiterung der Familie und dementsprechend fürsorglich. Sein Arbeitsalltag ähnelt denn auch mehr einem Kaffeeklatsch, bei dem man ständig zuviel Kuchen angeboten bekommt.

In Romanen von Anne Tyler steckt viel Lebenserfahrung und Weisheit. Sie begleiten einen sozusagen durchs Leben und man nimmt sie immer wieder gerne zur Hand. Sie sind humorvoll, intelligent und bereichern durch ihr lebensbejahendes Gefühl. Ihren Figuren würde man gerne einmal begegnen bzw. Freundschaft mit ihnen schließen, so sonderlich sie auch sein mögen.

"Abschied für Anfänger" ist ein leiser, aber intensiver, Roman über die Begegnung mit dem Tod und den Umgang damit. Aarons Freund Luke erklärt auf die Frage ob die Toten einen heimsuchen: "Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass sie einen nicht heimsuchen. Aber man kann sich, wenn man eine Person richtig gut kennt und man ihr im Leben genau zugehört hat, durchaus vorstellen, was sie einem jetzt zu sagen hätte. Wichtig ist also, im Leben gut achtzugeben". Im Leben und im Tod gut aufeinander achtzugeben. "Abschied für Anfänger" zeigt wie.


Alice im Wunderland (insel taschenbuch)
Alice im Wunderland (insel taschenbuch)
von Lewis Carroll
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unsinn, Wahnsinn, Widersinn, 13. Januar 2013
"Bilde dir niemals ein, dass du anderen anders erscheinen könntest als so, wie du ihnen hättest erscheinen können, wenn du verschieden von dem gewesen wärst, was sie von dir gehalten hätten." "Das würde ich, glaube ich, besser verstehen, sagte Alice höflich, wenn ich es aufgeschrieben sähe. Wenn sie es sagen, kann ich ihren Worten kaum folgen." "Das ist noch gar nichts gegen das, was ich sagen könnte, wenn ich wollte! erwiderte die Herzogin geschmeichelt".

Wer "Alice im Wunderland" liest, sieht alles aufgeschrieben vor sich und dennoch fällt das Verstehen manchmal schwer. Es geht in diesem Kinderbuchklassiker wohl auch nicht um das Verstehen sondern um dessen genaues Gegenteil. Was Alice im Land der verrückten Herzkönigin erlebt, geht weit über die Grenzen des rationalen Verständnisses hinaus. Der vernunftbegabten Alice begegnet an diesem "traumhaften" Nachmittag so viel wunderliches, dass sie an ihrer eigenen Identität zu zweifeln beginnt. Mit einer Mischung aus kindlichem Ernst und spielerischer Neugier begegnet sie all den unglaublichen Mysterien und versucht aus dem sie umgebenden Unsinn schlau zu werden.

Ohne Nachzudenken ist sie dem sprechenden Kaninchen in seinen Bau gefolgt. Sie landet in einem unterirdischen Tunnel und folgt dem Weg in eine Halle mit unzähligen, verschlossenen Türen. Nur eine lässt sich öffnen und führt in einen wunderschönen Garten. Aber Alice ist viel zu groß um durch die winzige Tür zu passen. Wie durch Zauberhand erscheinen Tränke und Kuchen, die sie abwechselnd schrumpfen und wachsen lassen. Zunächst zaghaft, dann immer entschlossener probiert sie diese. Zu groß, dann wieder zu klein, findet sie keinen Weg aus ihrem Gefängnis bis der Strom ihrer eigenen Tränen sie hinaus ins "Wunderland" trägt.

Es folgen Begegnungen mit sprechenden Tieren, wie der altklugen Raupe oder der weisen Grinsekatze, eine verrückte Teegesellschaft mit dem Märzhasen, dem Hutmacher und der schläfrigen Haselmaus, die bewegende Geschichte der Suppenschildkröte oder die launige Weise der Hummerquadrille. Am Ende gelangt Alice doch noch in dem wunderschönen Garten der Herzkönigin. Dort gehen die Abenteuer allerdings erst richtig los und am Ende muss das Mädchen sogar um ihren eigenen Kopf fürchten.

Ich hatte "Alice im Wunderland" zum Vorlesen für meine "Lesepatenkinder" der Grundschule ausgewählt. Schön war, dass die Kinder der Geschichte auch fast 150 Jahre nach ihrem erstmaligen Erscheinen (und unzähligen Verfilmungen und Hörbuchversionen) noch mit Interesse zuhören. Ich spürte, dass sie den Zauber der Erzählung nachfühlen können. Wichtig ist aber auch, nicht zu übersehen, dass die Handlung sehr komplex und an vielen Stellen erklärungsbedürftig ist, nicht nur was Sprache und Wortwahl betrifft (siehe Einleitung oben).

Zum Vorlesen eignet sich "Alice im Wunderland" meines Erachtens für Kinder ab etwa 9 Jahren (dritte Grundschulklasse). Älteren Kindern kann man das Buch zum alleinigen Erkunden in die Hand geben. Ich hatte meiner Tochter (11 Jahre) probehalber daraus vorgelesen und sie nahm es gleich, um es alleine fertig zu lesen. Mit inbrünstiger Begeisterung sagte sie nach Ende der Lektüre "in diesem Buch stehe von vorne bis hinten nur Unsinn", was sie als Kompliment verstanden wissen wollte. "Aber das ist noch gar nichts gegen das, was ich sagen wollte, wenn ich könnte" hätte ich (im Sinne der Herzogin) schmunzelnd erwidern können.


Zimmer Nr. 10: Der siebte Fall für Erik Winter (Ein Erik-Winter-Krimi, Band 7)
Zimmer Nr. 10: Der siebte Fall für Erik Winter (Ein Erik-Winter-Krimi, Band 7)
von Åke Edwardson
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Fehlende Spannung - wenig unterhaltend, 7. Januar 2013
Im heruntergekommenen Hotel Revy wird die Leiche einer erhängten jungen Frau gefunden. Einen Selbstmord können die Ermittler ausschließen, denn der Toten wurde nachträglich eine Hand bis zum Ellbogen weiß lackiert. Kommissar Eric Winter erinnert sich an einen ungelösten Fall vom Anfang seiner Laufbahn. Damals war eine junge Frau verschwunden. Auch sie hatte eine Nacht im Zimmer Nr. 10 desselben Hotels übernachtet. Besteht ein Zusammenhang zwischen der ermordeten Paula Ney und der vor fast zwanzig Jahren verschwundenen Ellen Börge? Winter und sein Team tappen lange im Dunkeln, bis die Stücke aus der Erinnerung mit den aktuellen Ergebnissen dem Aufklärungspuzzle einen Sinn geben. As es soweit ist, wird es für Winter sehr gefährlich.

Ake Edwardson steht für anspruchsvolle Kriminalliteratur. Sein Kommissar Winter ist ein eher sperriger Typ, mit dem man sich nicht sofort (wenn überhaupt) anfreundet. Seine Vorliebe für handgefertigte Schuhe und Maßanzüge wirken oft deplaziert. Seinen Snobismus hat der Autor durch die Zugabe einer Frau und zwei Töchtern in den letzten Romanen abgemildert. Der Hang exklusive Zigarillos zu rauchen, seltenen Single Malt Whisky zu trinken und Jazz von John Coltrane zu hören wirkt zwar eigen, macht ihn aber auch etwas menschlicher.

Winter ist ein Grübler. Der Eifer seine Fälle zu lösen wird von seinem Ehrgeiz beflügelt und nicht von seiner Nächstenliebe. Gerade dieser Ehrgeiz aber wandelt sich im vorliegenden Fall und macht diesen für ihn umso schwieriger. "Winter glaubte es tatsächlich. Noch vor einigen Jahren hätte sein Ehrgeiz ihm die Erkenntnis verbaut. Aber in der letzten Zeit hatte sich sein Ehrgeiz in Grenzen gehalten. Eine Müdigkeit hatte von ihm Besitz ergriffen, die er so noch nie zuvor empfunden hatte. Es war nicht die Familie, nicht die kleinen Kinder. Er selbst war die Ursache, seine Art, sich bei der Arbeit anzutreiben. Er konnte nicht loslassen."

"Zimmer Nr. 10" ist ein Roman, der als Krimi kaum in Fahrt kommt. Hier steht das Verbrechen allenfalls in zweiter Reihe und wirkt, was das Motiv betrifft, sehr bemüht und konstruiert. Winter dagegen ist an einem Punkt angekommen, der ihn über sein Leben und das bisher erreichte nachdenken lässt. Immer wieder mischen sich seine Erinnerungen, in die ohnehin nur schleppend voran gehenden Ermittlungen. Seitenlange Dialoge und gedankliche Monologe ermüden, weil einfach nichts voran geht. Empfindungen aus dem jetzt und Erlebnisse aus der Vergangenheit (und umgekehrt) wechseln sich ohne Hinweis ab. Oft kann man erst nach einigen Seiten erkennen, in welcher Zeit die Handlung gerade spielt. Das verwirrt. Die ständigen Ja/Nein/Ja/Nein Antworten die Winter sich selbst bei jeder Gelegenheit zu geben pflegt sind eine weitere Eigenart, die beim Lesen lästig fällt. Literarischer Anspruch hin oder her. Meiner Meinung nach fehlt dem Roman das, was jeder Krimi haben sollte: Spannung.

Das zugrunde liegende Rätsel, dass am Ende zuverlässig gelöst wird, ist eher psychologisch kompliziert als spannend. Die menschlichen Befindlichkeiten der Ermittler und Protagonisten, sind psychologisch aufschlussreich aber wenig fesselnd. Midlifecrisis bleibt Midlifecrisis, egal wie elegant man darüber schreibt. Gut, wenn man sich als Leser damit auseinandersetzen will. Schlecht, wenn man eigentlich "nur" einen unterhaltsamen Krimi zur Ablenkung lesen möchte.


Nullzeit
Nullzeit
von Juli Zeh
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aufreibender Nervenkitzler, 31. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Nullzeit (Gebundene Ausgabe)
Sven Fiedler hat Deutschland vor vierzehn Jahren verlassen. Seither lebt und arbeitet er als privater Tauchlehrer auf der Insel Lanzarote. Seine neuen Schüler erweisen sich als Herausforderung. Die Soap Darstellerin Jola will sich mit dem Tauchunterricht für die Rolle der Lotte Hass in einem geplanten Kinofilm empfehlen. Für die junge Schauspielerin die letzte Gelegenheit um dem Schicksal als austauschbare Serienfigur zu entgehen. Ihr wesentlich älterer Lebensgefährte, der Schriftsteller Theo, hält nichts von der Idee und lässt seine Geringschätzung allzu deutlich werden, obwohl er auf Kosten seiner Freundin lebt seitdem ihn eine Schreibblockade und übermäßiger Alkoholkonsum hemmen. Schon der erste Tauchgang bringt die gestörten Wesenszüge der beiden Eleven zum Vorschein. Dennoch kann Sven sich der Anziehungskraft des zerstörerischen Paares nicht entziehen. Eine Katastrophe bahnt sich an.

Thriller beginnen oft harmlos und steigern sich im Verlauf zu aufreibenden Nervenkitzlern. Juli Zeh gönnt dem Leser diese Verschnaufpause nicht. Von Beginn an reihen sich bei ihr Szenen, die harmlos wirken und doch verstören. Die giftgetränkten Bemerkungen "des alten Mannes" Theo, der seine schöne Freundin nicht nur verbal attackiert. Die gefährliche Aktion Jolas beim ersten Tauchgang, die Theo das Leben hätte kosten können und die den freundlichen Sven in fassungsloser Wut ob einer solchen Handlung entbrennen lässt.

Einen zusätzlichen Effekt erzielt die Autorin auch mit ihrer Art zu Erzählen. Die Geschehnisse werden aus der Sicht des Ich-Erzählers Sven und anhand von Tagebucheintragungen Jolas geschildert. Anfänglich stimmen die Ereignisse überein. Im Lauf der beklemmenden Handlung driften diese aber immer weiter auseinander. Gewissheit und Trug lassen sich nicht mehr unterscheiden. Wer ist Täter, wer Opfer? Was ist Lüge und was nur eine verzerrte Wahrnehmung der Realität? Die Tatsache, dass Zeh die Figur der Jola als schöne Schauspielerin angelegt hat, die einen gewissen Promistatus genießt und diesen auch demonstrativ auslebt, geriert einen weiteren Reiz. Sensationelle Geschichten und Skandale über berühmte Persönlichkeiten (wenn es auch nur erfundene sind) fachen die natürliche Neugier "eines Blickes hinter die Kulissen" einfach an.

Ich habe das Buch daher auch in einem Rutsch gelesen ohne es aus der Hand zu legen (der Weihnachtsfeiertage sei Dank). Neben der Raffinesse im psychologischen Kammerspiel verarbeitet die Autorin viele interessante Fakten rund um das Tauchen. Ob diese authentisch sind, kann ich nicht beurteilen. Zumindest klingen sie so, als ob Juli Zeh sich bei diesem Wassersport auskennt. Auch ihre Beschreibung von Lanzarote ist interessant und lehrreich. Ganz nebenbei erfährt man, auf unterhaltsame Art, viel über die Sehenswürdigkeiten und die spezielle geologische Beschaffenheit der Insel.


Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Roman
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Roman
von Rachel Joyce
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein "Harold" steckt in jedem von uns, 31. Dezember 2012
Harold Fry erhält den Brief einer ehemaligen Kollegin. Queenie Hennessy ist unheilbar an Krebs erkrankt und schreibt um sich zu verabschieden. Harold, gerade frisch in Rente, hatte vor mehr als zwanzig Jahren für einige Zeit mit ihr zusammengearbeitet und sie als Freundin schätzen gelernt. Er überlegt ihr eine Postkarte zu senden, bringt es aber nicht über sich diese einzuwerfen. Von Briefkasten zu Briefkasten lenkt er an diesem sonnigen Aprilmorgen seine Schritte. Als er mittags an einer Tankstelle hungrig einen Burger zu sich nimmt, rät ihm ein junges Mädchen an Heilung zu glauben. Harold fasst einen spontanen Beschluss. Er wird laufen und Queenie wird leben. Ohne es zu wissen, hat er sich zum Pilgern entschlossen. Vom südlichsten Zipfel Englands zur nördlichsten Spitze Schottlands, durch die Höhen und Tiefen seines Lebens und durch die Welt des Alltäglichen.

Das "unwahrscheinliche" dieser ungewöhnlichen Pilgerreise macht den Roman so überzeugend. Die Hauptfigur, der unscheinbare Rentner Harold, steht vom Frühstückstisch auf und läuft los. Mit seiner Postkarte, seinen Segeltuchschuhen und der wasserdichten Jacke verlässt er das Haus. Er kann jederzeit umkehren und geht doch weiter. Er plant nichts und hat doch ein Ziel. Es nimmt alles wie es kommt und lässt sich dennoch von jedem Augenblick überraschen. So einfach und schön liest sich das, das man am liebsten sofort selber irgendwohin aufbrechen möchte.

Im Verlauf der Handlung, wenn Harold beginnt im Rhythmus seiner Schritte über sich selbst und sein Leben nachzudenken, wird klar das hier keineswegs ein unbelasteter Rentner läuft. Viel hat sich angesammelt auf seinem Lebensweg. Seine Ehe mit Maureen gescheitert, die Beziehung zu seinem Sohn David entfremdet, die treue Freundin Queenie vergessen. So klar und deutlich er den Weg zu seinen Füßen wahrnimmt, so klar erinnert er sich plötzlich wieder. Szenen seiner Kindheit und Jugend (der Vater trinkt, die Mutter verlässt die Familie), seiner Ehe (junges Glück und späte Tragik) und seines Arbeitslebens (brutaler Chef und große Schuld) werden lebendig. Je weiter er kommt, desto mehr schärft der Weg auch sein Bewusstsein für die Menschen die ihn umgeben und denen er begegnet.

"Die Leute kauften Milch, tankten ihre Autos auf, brachten Briefe zur Post. Und niemand wusste, welche entsetzliche Last sie mit sich herumschleppten. Welche unmenschliche Anstrengung es sie manchmal kostete, normal zu erscheinen, zugehörig zur scheinbar so einfachen Welt des Alltäglichen. Als Reisendem stand ihm nicht nur das Land offen, sondern auch alles andere. Die Menschen konnten ungezwungen mit ihm reden, und er konnte ungezwungen zuhören. Ein wenig von ihrer Last mitnehmen, wenn er wieder ging."

Im Klappentext wird im Zusammenhang mit "Harold Fry" auf den "Hundertjährigen" von Jonas Jonasson hingewiesen. Eine saloppe Formulierung im Sinne von "auch dieser 65 jährige verschwindet Aufsehen erregend". Ich habe beide Bücher direkt hintereinander gelesen. Beide werden für mich immer in einem Zusammenhang stehen. Und beide sind auf ihre Art einmalig und großartig. Dennoch ist die "Pilgerreise" ganz anders, als die skurrile Geschichte um den Hundertjährigen.

"Harold ging ein Stück mit diesen Fremden und hörte ihnen zu. Er urteilte über niemanden. Er hatte erfahren, dass ihn gerade die kleinen Dinge anrührten und staunen ließen - und auch die große Einsamkeit. Harold konnte an keinem Fremden mehr vorbeigehen, ohne die Tatsache zu würdigen, dass alle Menschen gleich waren und doch einzigartig, und dass darin das Dilemma des Menscheins bestand."

Den "Hundertjährigen" habe ich "als Leitfaden für ein glückliches und langes Leben" bezeichnet. Die Pilgerreise ist, nach meinem Empfinden, eine Anleitung zur Menschenliebe. Ein "Harold" kann in jedem von uns stecken, das ist die tröstliche Quintessenz. Man muss ihn nur "laufen lassen".


Über Bord
Über Bord
von Ingrid Noll
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

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2.0 von 5 Sternen Enttäuschend, 28. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Über Bord (Gebundene Ausgabe)
"Nonnenkloster" nennen die Mörlenbacher die Villa. Drei Generationen von Tunkel Damen leben unter dem baufälligen Dach des einstmals herrschaftlichen Hauses. Großmutter Hildegard, alt und verwittert wie das Haus dass Gatte Rudolf ihr hinterlassen hat. Tochter Ellen, die nach einer schmutzigen Scheidung wieder im Elternhaus lebt und Enkelin Amalia, die aus Kostengründen noch immer Unterschlupf bei Mutter und Großmutter sucht, bis sie einen solventen Mann fürs Leben gefunden hat. Als eines Tages der gutaussehende Architekt Gerd Dornfeld vor der Haustür steht und behauptet ein unehelicher Sohn des verstorbenen Großvaters zu sein, ist nur Amalia bereit dem Fremden Glauben zu schenken. Ein heimlicher Gentest verschafft zwar Klarheit, bringt aber, neben dem Familienneuzugang, ein paar weitere unangenehme Geheimnisse ans Licht.

Hildegard und Ellen haben aus unterschiedlichen Gründen einen Groll auf Männer. Hildegard, deren Alter sie "vor Torheit schützt", hat mit ihrem Rudolf so einiges erlebt, was sie der Männerwelt abschwören ließ. Ellen, vom Ex-Ehemann betrogen, fühlt sich dagegen noch zu jung um alleine zu bleiben. Allerdings haben ihre bisherigen katastrophalen Erfahrungen dazu gebracht, Männer nur noch als Studienobjekte zu betrachten. So staunt man doch, als sie sich Hals über Kopf in den neuen "Bruder" verliebt.

Als dieser sie und ihre Tochter zu einer Luxuskreuzfahrt einlädt, fasst sie das als Liebesbeweis auf. Die Ehefrau Ortrud, eine nörgelnde Alkoholikerin, ist daher nicht nur während der Reise lästig sondern steht auch dem geplanten Lebensglück im Weg. Bei Ingrid Noll werden solche Hindernisse gerne mit einem Mord aus dem Weg geräumt. So auch hier. Allerdings lässt die Kaltblütigkeit einen diesmal nach Luft schnappen.

Ingrid Noll präsentiert sich in ihrem neuesten Werk "Über Bord" wie immer bitterböse aber mit weniger Humor als sonst. Im Unterschied zu den bisherigen Romanen, bietet der Mord keinen Ausweg aus der Liebes- bzw. Lebenskrise der Protagonistin. Und so bleibt man als Leser etwas ratlos zurück, wenn die unbarmherzige Heldin, sich am Ende als "edle Mörderin" betitelt.

Für mich ein enttäuschender neuer Noll Roman, auf dessen Lektüre man gut verzichten kann. Keine der Figuren hat das Potential sich dem Leser als Sympathieträger anzuempfehlen. Darüber hinaus fehlte mir die warmherzige Grundnote, die dem bitteren Inhalt (wie sonst bei Noll üblich) die Schärfe nimmt. Da halfen auch die romantischen Beschreibungen von Hildegards blühendem Garten und den idyllischen Schauplätzen entlang der Kreuzfahrtroute nichts.


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