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Rezensionen verfasst von
Anja Friedrich (München)

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Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in Dir. Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie
Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in Dir. Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie
von Günter Faltin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unternehmensgründung als Sinnstiftung, 10. Februar 2015
Ich bin Investorin und engagiere mich auch in Unternehmensgründungen. Die meisten jungen Leute, die wg. einer Finanzierung zu mir kommen, verfügen jedoch über kein ausgereiftes Ideenkonzept, sondern lediglich über einen mehr oder weniger guten Einfall. Auf den ersten Blick schon sieht man allzu oft, daß die Sache nicht ausgereift ist, und daß die jungen Möchtegern-Entrepreneurs keine Schulung darin genossen haben, eine unternehmerische Idee konsequent und professionell zu entwickeln.

Immer habe ich mir gewünscht, daß es eine Art Leitfaden gäbe, der ihnen in dieser für sie oft neuen Welt zeigt, worauf es bei der Ideenentwicklung und der Gründung ankommt, und wie man sich in den ersten so spannenden und gefährlichen Jahren mit seinem Baby, dem jungen Unternehmen, verhält. »Kopf schlägt Kapital«, der Klassiker von Günter Faltin, ist bereits 2008 erschienen und heute auf der ganzen Welt verbreitet. Das war schon eine große Hilfe, und ich habe es meinen Jungentrepreneurs oft in die Hand gedrückt: Lesen Sie das, entwickeln Sie ein Entrepreneurial Design und kommen Sie dann noch einmal wieder!

Umso erfreulicher, daß der Autor nun ein neues Buch vorlegt. Es heißt »Wir sind das Kapital« und entwickelt Faltins Ideen konsequent weiter. Wir erfahren aber noch viel mehr als, was zu einem erfolgreichen Entrepreneurial Design (Faltins Begriffsschöpfung charakterisiert den geistig-unternehmerischen Gehalt und die Stringenz einer Unternehmensidee) gehört.

Fans von »Kopf schlägt Kapital« wird es freuen, daß auch »Wir sind das Kapital« über den gewohnten Faltin-Sound verfügt: Locker, humorvoll und um Schulgrammatik unbekümmert führt er uns durch die Prinzipien erfolgreicher Unternehmensgründung. Das Buch macht beim Lesen einfach Spaß!

»Wir sind das Kapital« verfügt über eine deutliche philosophisch-kulturelle Dimension, und gerade darum ist es ein brauchbares Ökonomie-Buch. Die meisten Ökonomen heutzutage treten ja den Beweis für die These an, daß derjenige, der nur von seinem eigenen Fach etwas versteht, auch davon nichts versteht. Faltin hingegen ist wie seine großen Vorgänger Smith, Riccardo, Sombart, Weber oder Keynes ein hochkultivierter Autor, der Ökonomie aus dem historisch-kulturellen Gesamtkontext versteht und verstehbar macht. Das gibt ihm einen Vorsprung vor seinen theoretischen Mitstreitern, wenn nicht schon sein Erfolg als Unternehmer ihn von diesen deutlich unterscheiden würde. Denn wem vertrauen Sie sich, wenn Sie ein Unternehmen gründen wollen, lieber an? Einem, der diesen Weg schon mehrfach mit Erfolg gegangen oder einem, der nie aus dem Hörsaal herausgekommen ist?

Vor diesem Hintergrund versteht Faltin Unternehmensgründung als künstlerischen Prozeß. Wir lernen, daß heutige Unternehmensgründung gegenüber früheren einige entscheidende Paradigmenwechsel vollzogen hat. Heute muß ein Unternehmen ökonomisch, ökologisch und sozial nicht nur aussehen, sondern auch so sein, wenn es langfristig am Markt erfolgreich werden und bleiben will. Schlüsselworte für die Figur des Entrepreneurs sind nunmehr Sympathie, Aufmerksamkeit und Authentizität.

Das neue Buch stellt dem prospektiven Entrepreneur die entscheidenden Fragen, was seine eigene Motivation, seine eigene Position in der Welt betrifft. Es geht um mehr als nur um erfolgreiche Unternehmensgründung, obgleich diese im Mittelpunkt von »Wir sind das Kapital« steht. Es geht auch darum, seine eigene Position in der Welt zu bestimmen. Faltin spricht hier vom »Seins-Modus«. Für ihn ist Unternehmensgründung immer auch Sinnstiftung.

In Faltins Verständnis wird Entrepreneurship zu einer Form der politisch-wirtschaftlichen Opposition. Man solle sich nicht auf die passive Rolle beschränken, sondern einen Schritt weiter gehen und Alternativen zur Verblödung moderner Konsumwelten aufzeigen. Innovation heißt nicht nur, technischen Fortschritt umzusetzen. Es gibt Innovation in vielen Bereichen, auch ganz einfache, aber sinnvolle Innovationen. Wir sind schon als Kinder neugierig und experimentierfreudig. Anders ausgedrückt: Wir alle haben das Potential für Innovation. Dafür bringt das Buch eine ganze Reihe origineller Beispiele, nicht zuletzt die »Freundesökonomie« als einfachste Art von Entrepreneurship; als Einstieg sozusagen. Seine Freunde betrügt man nicht, sagt Faltin. Von hier aus kann man eine neue Ökonomie beginnen, die sich an Aufklärung statt Verdummung, an Nützlichkeit; verantwortungsvollem Handeln und guter Qualität orientiert.

Das Buch ist nicht zuletzt gegen Ohnmacht, Konvention, Großkonzerne und Marketing-Mißbrauch geschrieben. Bei der Vorführung des »Marketing-Monster« entwickelt Faltin einige satirische Verve. Der immer beherrschender auftretenden Dominanz einer Handvoll Großkonzerne, die inzwischen auch die Gesetze großer Staaten aushebeln und immer ungenierter versuchen, die Welt nach ihren Maßstäben umzubauen, können wir mit politischen Maßnahmen allein nicht genug entgegensetzen. Bedrängt und an die Wand gedrückt von einigen wenigen Global Players, haben wir nur eine einzige Möglichkeit, so Faltins Kernthese, ihnen Widerstand zu leisten: Indem wir selbst in den Ring steigen und ihnen mit eigenen Ansätzen entgegentreten.


Hofmannsthal. Orte: 20 biographische Erkundungen
Hofmannsthal. Orte: 20 biographische Erkundungen
von Wilhelm Hemecker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

4.0 von 5 Sternen Les topoi d’Hugo v. Hofmannshal, 22. Januar 2015
Quels lieux associez-vous avec Hofmannsthal ? Sur tout Vienne, sans doute, car dès sa jeunesse ce poète avait l’ambition d’être un sort d’animal héraldique de la capitale d’Autriche, sinon l’aigle à deux têtes lui-même. Le poète parlait de son « austriacisme pratique » . Si on lit plusieurs ouvrages de Hofmannsthal, on est de plus en plus énervé par tout ce chichi pseudo-aristocratique qu’il exerce. Malgré son penchant pour l’aristocratie ce poète n’était jamais indubitablement un part de la classe qu’il admirait si passionnément.

Par contre, pendant la lecture de ces poèmes on est souvent agacé par la découverte, qu’il a plagié sinon saccagé beaucoup des auteurs classiques. »Wir sind aus solchem Zeug wie das zu träumen…« par exemple, le commencement de ses célèbres Terzinen über Vergänglichkeit, est copié au pied de la lettre du Tempest de Shakespeare.

Il reste toujours dans son œuvre une atmosphère du snobisme, de la pose, de la hypocrisie, de l’oppression, du serrement de cœur.

Cette anthologie d’un ténébreux « Institut Ludwig Boltzmann pour l’histoire et la théorie de la biographie » à Vienne – évidemment les autrichiens ont des instituts pour tout – tente avec vingt lieux, vingt auteurs, mais dans un approche identiques d’explorer et prospecter un lieu hofmannsthalien, réinventer des petits mondes dont lesquelles le poète a vécu et fait ses vers et sa prose, parcourir des univers intérieures et extérieure d’une poésie et littérature qui a enchantée des générations de lecteurs.

En plus, les auteurs de cette anthologie déploient un cercle social qui représente une certaine élite social européen entre 1900 et 1930 ; Leopold v. Andrian, Helene v. Nostitz, Richard Strauss etc. Étonnement, Hofmannsthal n’était pas en contact avec la famille impériale autrichienne, au contraire de son collègue Josef Roth qui en exil à Paris était proche de l’archiduc Otto, l’héritier du trône.


Herkunft
Herkunft
von Botho Strauß
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

4 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Herkunst, 20. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Herkunft (Gebundene Ausgabe)
Auf den Buchumschlag ist der Name des Autors, Strauß, mit SS gedruckt, obgleich man das ß auch im Großdruck verwenden kann. Der Text verzichtet glücklicherweise auf die staatlich aufoktroyierte Neue Rechtschreibung und ist in bewährter Rechtschreibung verfaßt. Allerdings kennen weder Autor noch Verlag die Ausnahme von der Großschreibung am Satzanfang beim Adelsprädikat (S. 32f). Auf S. 67 verwendet er das Wort »Teil« falsch und im Sinne der Jugendsprache. Gibt es im Carl Hanser Verlag einen Lektor?

Der Autor bemüht sich um Schlichtheit, schreibt aber viel zu umständlich. Immerhin ist es ihm gelungen, jedwedes Brio zu vermeiden und einen sehr ruhigen Stil zu schreiben. Das Buch ist matt bis zur Ermüdung. Der Stil des Büchls ist einerseits reich an Adjektiven und behauptet nur, wo er zeigen sollte, andererseits handelt es sich um einen schweren Nominalstil wie auf einem Landratsamt. Bei ihm zieht man nicht den Hut, es ist vom »Hutziehen« die Rede (S. 53). Dem Schriftsteller Herrn Strauß und seinen Kollegen sollte die Kleine Prosaschule von Broder Christiansen zur Verfügung gestellt werden; Schriftsteller sind im allgemeinen Leute, die nicht allzugut schreiben können.

Ein großer Verdienst ist die Kürze des Textes. Er umfaßt nur neunzig Seiten.

Der Schriftsteller behandelt eine Jugend in Bad Ems in den fünfziger und sechziger Jahren. Von dieser Epoche erfährt man nichts. Der Text könnte ebensogut in den zehner oder zwanziger Jahren spielen. Gelegentliche eingestreute kulturkritische Aperçus bleiben extrem klischeehaft; etwa auf S. 52: »Man hat im wesentlichen nach Mustern gelebt und nach Mustern sich verbraucht. Auch die Liebe verfolgt nur, was in ihr Beuteschema paßt.«

Eine Stärke des Büchls sind die imaginativ-poetischen Passagen im zweiten Teil. Die Struktur des Büchls ist eine ungünstige, dergestalt, daß im ersten Teil ein geschlossener Bericht geboten, im zweiten verstreute Erinnerungen und Assoziationen nachgereicht werden.

Die Jugend von Botho Strauß war keine bildungsbürgerliche, sie war von Groschenheften, Trivialliteratur und Fernsehen bestimmt. Mangelnde Bildung machte Strauß anfällig für literarische Hochstapler wie Paul Celan. Zum Glück sah er früh im Fernsehen auch Theaterstücke und fand durch diese Übertragungen den Weg zum Sprech-, wenn auch nicht zum Musik- und Tanztheater.

Die Herkunst aus einer Kurstadt und die kulturhistoriographischen Reminiszenzen provozieren zum Vergleich mit Reinhold Schneiders »Balkon«; mag der Leser selbst urteilen.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 30, 2015 3:13 PM MEST


Abmarsch in die Barbarei. Gedanken über Deutschland
Abmarsch in die Barbarei. Gedanken über Deutschland
von Sieburg Friedrich und Klaus [Hrsg.] Harpprecht
  Gebundene Ausgabe

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unbrauchbar, 14. November 2014
»An den Texten wurde nichts verändert«, schreibt Klaus Harpprecht, der Herausgeber dieser Auswahl von Schriften Friedrich Sieburgs. »Lediglich einige Übergänge verlangten stilistische Anpassungen.«

Mit anderen Worten: Das Buch ist völlig unbrauchbar, weil wie nie wissen, ob wir ein Wort von Sieburg lesen oder eine »stilistische Anpassung« von Harpprecht.


Reclams Ballettführer
Reclams Ballettführer
von Klaus Kieser
  Gebundene Ausgabe

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Klassiker in neuem Gewand, 12. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Reclams Ballettführer (Gebundene Ausgabe)
Als Mädel schmökerte man noch in einer alten Ausgabe von Reclams Ballettführer, wenn man mit dem Bus zur Ballettstunde fuhr. Es handelte sich dabei um Reclams leichten und biegsamen Ballettführer von Otto Friedrich Regner von 1956. (Damals waren die Leute an bessere Literatur gewöhnt als heute. Führende deutsche Schriftsteller hießen Friedrich Sieburg, Carl Schmitt und Reinhold Schneider.) Als man das Jahre später las, war man etwa zwölf Jahre alt, man schrieb also ca. das Jahr 2000.

Anders als heute konnte im Internet noch nicht allzu viele Ballettaufzeichnungen finden. Und so war, wer die historischen Angaben und die Zusammenfassung der Handlung an seinem inneren Auge vorbeiziehen ließ, auf seine Phantasie gestellt. Viele der Ballette, deren Beschreibung man im Bus in Reclams Ballettführer las, hat man erst später auf der Bühne gesehen. Wichen die Aufführungen auch oft erheblich von dem ab, was kindliche Ballettphantasie eingegeben hatte, so darf man doch sagen, allein die Tatsache, von den jeweiligen Werken schon einmal gehört zu haben, die Erfahrung, das Werk schon einmal oder mehrfach in der eigenen Phantasie selbst inszeniert zu haben, gab eine vielschichtige Grundlage, die Aufführung zu begreifen, die sich da vor einem abspielte.

Es ist also an Ihnen, ob Sie Reclams Ballettführer nur als Nachschlagewerk nutzen, oder als Leucht- und Erkenntniswerk, das eigene künstlerische und ästhetische Einsichten befeuert.

Ein Schatzkästlein zum Nachblättern

Als Ergänzung sollte man das 1984 ebenfalls bei Reclam erschienene stupende Ballett-Lexikon von Horst Koegler stets griffbereit halten, welches auf fünfhundert Seiten u. a. die Zusammenfassungen der Ballette, die im Ballettführer stehen, in geraffter Form bietet. Koegler freilich begreift den ganzen Ballett-Führer bereits in sich und bietet darüber hinaus noch sehr viel mehr.

Wenn auch durch das Internet eine Explosion des Wissens auch im Tanz-Bereich stattgefunden hat, so bleibt Reclams Ballettführer als historische Ergänzung ganz interessant. Sind auch einzelne Einträge zum Tanztheater oder zu speziellen Balletten etwa bei Wikipedia sehr gut oder geradezu überdimensioniert, ist doch das Fachwissen, welches sich im Laufe der Jahrzehnte angelagert hat, im Ballett-Führer bemerkenswert und mehrfach von Experten durchgearbeitet, immer wieder aktualisiert.

Es ist schon ein ganz eigenes Schatzkästlein, welches sich öffnet, wenn man das handtaschenfreundliche Büchl im typisch platzsparenden Reclam-Format aufschlägt. Es ist ja nicht nur die zeitgenössische Intelligenz der letzten Fassung, die den Leser anspricht, vielmehr auch die darunterliegenden Palimpseste von Erfahrung und Weisheit mehrerer Generationen von Ballettomanen; erlebte, erlittene, durchdachte und durchfühlte Texte, auf den neuesten Stand gebracht.

Reclams Ballettführer ist seit 1956 treuer Begleiter aller Tanzfreunde. Er erfuhr 1996 und 2003 umfassende Ergänzungen, Kürzungen, Umarbeitungen und Bearbeitungen. Diese gingen jeweils mit einer Veränderung und Erweiterung des Tanz- und Ballettbegriffs einher und zeigen das veränderte Verständnis von Ballett und Modern Dance. Es ist also lohnend, auch die älteren Ausgaben zu sehen, denn natürlich steht auch manches in ihnen, was in den neueren weggelassen wurde.

Ballett ohne Neger?

Als Kuriosität muß man anmerken, daß die politische Korrektheit Einzug gehalten hat und etwa Neger aus dem ehrwürdigen Standardwerk gehen mußten; leider hat man sich auch der staatlich oktroyierten Rechtschreibung unterworfen, statt bei der bewährten zu bleiben, an welcher die bedeutenden Wissenschaftler und Schriftsteller bis heute aus gutem Grund festhalten. Um noch etwas zu kritisieren, muß man gestehen, daß in der neuen Ausgabe das Blau des Leineneinbandes ebenso das Auge beleidigt wie jenes des Umschlages.

O. F. Regners Führer von 1956 hatte gut 400 Seiten, nach der Neubearbeitung von Hartmut Regitz und Heinz-Ludwig Schneiders von 1996 waren es über dreihundert mehr. Die neue Ausgabe, in welcher Klaus Kieser und Katja Schneider als Herausgeber zeichnen, und die die Namen der ehrwürdigen Vorgänger einfach wegläßt, obwohl der Löwenanteil der Arbeit in jenen Vorarbeiten von Regner, Regnitz, und Schneiders liegt, begnügt sich mit 620 Seiten. Erstmals sind Farbabbildungen berücksichtigt, auch ist das Papier angenehm getönt und nicht so grellweiß wie in der mittleren Ausgabe.

Ist Reclams Ballettführer für Ballettomanen und Ballettratten unverzichtbar?

Die Ballettzusammenfassung ist zweifellos ein eigenes literarisches Genre, nicht anders als die Zusammenfassung von Opernhandlungen. Sie ist in ihrer Dichte und Knappheit am nächsten der Novelle verwandt, übertrifft diese naturgemäß aber in ihren phantastischen Aspekten. Ihre besondere Stärke besteht darin, daß sie nicht als literarische Gattung gemeint ist und eben darum dichterisch wirkt.

Erzählbarkeit ist in Balletten per se ballettführerfreundlich. Allerdings werden Ballette für die Bühne geschrieben und nicht für den Ballettführer. Es stellt sich angesichts der verschiedenen Ausgaben von Reclams Ballettführer also die Frage, ob hier narrative Ballette bevorzugt werden, weil sie sich besser für den Ballettführer eignen, oder ob sie sich in dem hier privilegiert dargestellten deutsch-amerikanischen Raum größerer Beliebtheit erfreuen als ballet pur.

Für unseren Geschmack jedenfalls kommt die Ballettarbeit in Ländern wie Frankreich und Spanien hier ebenso zu kurz wie eine kritische Interpretation der Entwicklung des Tanztheaters. Zudem hätte man gern mehr Technisches erfahren und eine Einführung in die Grundlagen der Aufzeichnungssysteme gelesen.

Fazit: Reclams Ballettführer ist in all seinen Fassungen ganz interessant, wer jedoch für alle Fragen gerüstet sein will, wird sich eher an Reclams Ballett-Lexikon von Horst Koegler halten.

Antiaristokratisches Ressentiment?

Möglichweise drängt sich der Eindruck auf, daß die neuen Herausgeber Kieser und Schneider nicht ganz über die Kultur, Sensibilität und Sprachfeinheit verfügen wie Regner, Regitz und Schneiders. Diesen Eindruck konnte man auch erhalten, als man den Bildband »Ballett heute« studierte mit Kiesers barschen Texten. Ist es übertrieben zu behaupten, daß in Bearbeitung der neuesten Ausgabe des Ballett-Führers eine Art anti-aristokratisches Ressentiment federführend war? Nehmen wir zum Beispiel die Josephslegende, ein Ballett mit Musik von Richard Strauss. (Zunächst eine kleine Kuriosität: In Regitzens und Schneiders‘ Fassung des Ballettführers behaupten diese, es sei sonderbar, daß Richard Strauss den Tanz sehr wertgeschätzt habe, wie es der Tonsetzer in einem Brief bemerkt. Dieses über einen Komponisten zu schreiben, der in der zentralen Szene seiner zentralen Oper einen spektakulären Tanz vorgeschrieben hat, ist schon kurios. Im übrigen hätten die Autoren wissen sollen, daß gerade in der Wilhelminischen Epoche dem Tanz höchste Wertschätzung entgegengebracht wurde. Siehe z. B. Gerhart Hauptmanns Bemerkung, der Tanz sei die Mutter aller anderen Künste.) Gleichviel, wir haben also in der ersten Ausgabe des Ballett-Führers und auch nach der großen Umarbeitung von 1996 nach den Ausführungen zu Straussens Josephs-Legende noch ein ganz zauberhaftes Kapitel, das den gesellschaftlich-kulturellen Hintergrund dieses Werkes geradezu erzählerisch heraufbeschwört. Dieser Teil fehlt in der Kieser-Schneider-Bearbeitung, und man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, daß jene glanzvollen Seiten nicht aus Platzgründen fallen mußten, sondern weil Kieser und Schneider die elegante alteuropäische Welt nicht paßte.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 18, 2015 7:36 PM CET


Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation.: Vier Aufsätze.
Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation.: Vier Aufsätze.
von Carl Schmitt
  Broschiert
Preis: EUR 18,00

5.0 von 5 Sternen Ein Abenteuerroman aus Spanien, 12. Oktober 2014
Mit seinem Abenteuerroman »Donoso Cortés« schließt Carl Schmitt an vergleichbare Romane von Karl May an, etwa »Durchs wilde Kurdistan« oder »Im Reich des silbernen Löwen«, die er in seiner Jugend verschlungen hat. Donoso Cortés ist eine Art Zorro, als dessen Peitsche seine scharfe Zunge dient. Er taucht überall auf, wo der Welt nach seiner Meinung Gefahr droht und versucht die Leute mit seiner messerscharfen Rede wieder auf den rechten Pfad zu bringen, welches aber tragischerwiese oder glücklichweise, je nach Standpunkt des Lesers, scheitert.

Spanien, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Wie ganz Europa steht auch die iberische Halbinsel unter dem Schock der Achtundvierziger-Umtriebe, bei denen Idealisten und selbsternannte Freiheitskämpfer, aber auch hergelaufener Pöbel, Räuber und Mörder das Volk in Angst und Schrecken versetzten. Ähnlich wie sein Vorbild Karl May versteht es Carl Schmitt überzeugend, vom ersten Satz an eine katastrophische Atmosphäre zu erzeugen, welche die Handlung sofort rasant in Fahrt bringt. Während Karl May in seinen Romanen mit einem humorigen Untergrund arbeitet, muß es bei Carl Schmitt immerzu eine künstliche Hochspannung sein. Außerhalb katastrophischer Antinomien fühlt sich dieser Autor nicht wohl. Mit der Dämmerschoppengemütlichkeit eines imaginären Abends am Lagerfeuer, wie wir ihn bei Karl May ebensogern erleben wie bei Reinhard Mey, kann Carl Schmitt nichts anfangen. Er langweilt sich schnell, wenn es nicht um Letzte Dinge geht. Während Karl May in der Sekurität des neunzehnten Jahrhunderts aufwuchs, haben wir in Carl Schmitt einen vom Weltkrieg traumatisierten Autor vor uns. Er wird nie wieder zur Ruhe finden.

Dabei will er auch noch liebgehabt werden. Während Karl May in Old Shatterhand ein Bild von dem Mann zeichnet, der er gern gewesen wäre, und in den er sich nun spiegelt, einen Faust-, Maulhelden und Draufgänger, (oft ist man auch an einen Pfadfinderjungen erinnert, der sein erstes Romänchen schreibt), verhält sich die Sache bei Carl Schmitt leider etwas komplizierter und tragischer. Einerseits läßt Schmitt seinen Helden Donoso Cortés durchaus martialisch auftreten, andererseits verlangt er für ihn und für sich selbst zärtliche Ehrfurcht und schreckt sogar vor Wehleidigkeit nicht zurück. Wenn man Passagen wie die folgende liest, darf man nicht vergessen, daß der Autor nicht nur von seinem Protagonisten, sondern vor allem von sich selbst spricht:

»Aber der furchtbare, oft teuflische Haß, der sich gegen diesen gütigen und zartfühlenden Menschen auch heute noch richtet, hat offenbar tiefere metaphysische Gründe. Er hängt gerade mit der Rationalität seines Wesens zusammen. Dem Geschmack der Zeit hätte es mehr entsprochen, wenn die erschütternden Dinge, die der Spanier zu sagen hatte, aus dem Munde eines Romantikers und eines Irrationalen gekommen würden.«

In dieser Textpassage aus dem Juni 1950 kommt Carl Schmitts weinerliche Art dieser Zeit besonders peinlich zum Durchbruch. Jahrzehntelang hat er seine Leser intellektuell und bildungsmäßig überfordert, und nun wundert er sich, daß sie ihn aus dem Wissenschaftsbetrieb hinausgeschmissen haben.

Leider verfügen die anderen vier Textteile der obskuren Ausgabe, die einem in die Hände gefallen ist, nicht über eine Datierung, obgleich diese für das Verständnis des Romans unabdingbar wäre. Meine Ausgabe ist etwas größer als ein Reclam-Heft, feldgrau, und der Verlag nennt sich Peiran Verlag, Plettenberg; von diesem Verlag findet sich nur noch ein einziges Büchl im Internet, Schmitts weinerliche Autobiographie Ex Captivitate Salus. Die ganze aus zwei Büchln bestehende Reihe nennt sich ziemlich großspurig: Dokumente der Konterrevolution, aber wie das mit der Konterrevolution in Deutschland eben so ist, sie wird hin und wieder einmal angekündigt, findet aber nie statt. So soll es sich ja auch mit der von Helmut Kohl angekündigten »Wende« Anfang der achtziger Jahre verhalten haben.

Karl May nennt seine Winnetou-Romane jeweils »Eine Reiseerzählung«, und dies wäre auch eine passende Gattungsbezeichnung für Schmitts Roman vom tragischen Helden Donoso Cortés. Wie es sich für einen Abenteurroman gehört, fängt die Geschichte in Spanien an. Bald aber schon wird dem Romancier die iberische Halbinsel zu eng, und er begleitet seinen Protagonisten an den Hof des französischen Bald-Kaisers Napoléon III. und seiner schönen Frau Eugénie, die ja ebenfalls aus Spanien kommt. Richtig spannend für uns deutsche Leser wird es aber erst, als Schmitt auf die Idee kommt, Donoso Cortés nach Berlin reisen zu lassen. Hier zeigt er sich wiederum als echter Nachfahre von Karl May, der seinen Winnetou ja ebenfalls auf Deutschland-Tournee schickt.

Leser, die den Rest der Welt allzu gern als erratischen rechten Block sehen, vorzugsweise unter der Bezeichnung »Faschismus«, lernen im Kapitel über Cortés Berlin-Aufenthalt, daß die Wirklichkeit sehr viel differenzierter ist, als sie sich gedacht haben. Wie zu erwarten, gefällt es dem feurigen Spanier in der preußischen Hauptstadt ganz und gar nicht. »Der katholische Royalismus romanischer Art, das dynastische Gefühl evangelischer Preußen, die Verbindung russischer Orthodoxie mit dem Zarismus waren drei religiös und national verschiedenartige konservative Mächte, welche niemals eine so homogene Einheit bilden konnten wie die internationale Revolution, deren Rationalismus die traditionellen Hemmungen mit mechanischer Einfachheit vernichtete.«

Obwohl Donoso Cortés keinen echten Glauben mehr aufzubringen vermag, empfiehlt er die katholische Diktatur, weil er weiß, daß alles andere nur viel schlimmer sein kann.

Kein Wunder, daß Donoso Cortés der Idee einer deutschen Einheit mit Ablehnung und Grauen gegenübersteht. Daß sich die inhumane und mechanistische Gleichschaltung, die von Deutschland ausgehend Europa zerstören sollte, nicht im Gewandt einer, wie von Cortés befürchtet, proletarischen Revolution, sondern als liberalistische Wirtschaftsvergottung abspielen sollte, hätte für ihn, der die linke Bewegung ebenso bekämpfte wie den Liberalismus, keinen Unterschied gemacht.


Theodor W. Adorno. »Minima Moralia« neu gelesen (edition suhrkamp)
Theodor W. Adorno. »Minima Moralia« neu gelesen (edition suhrkamp)
von Andreas Bernard
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gruppenbild mit Robert Gernhardt, 12. Oktober 2014
Minima Moralia, die Protagonistin in dem Roman von Theo Adorno, ist ein etwas prätentiöses Frauchen. Je nach Laune wirft sie brillante Bonmots in die Runde, die es wert sind, aufgeschrieben, von der Mitwelt überliefert und der Nachwelt zum Nachdenken überlassen zu werden. Dann aber, so sind nun einmal diese intellektuellen Zicken wie unsere gute Minima, steigert sie sich in ihre einmal für knorke erklärte Ideologie - in diesem Fall den Linkshegelianismus, es könnte aber auch etwas anderes sein – hinein, übertreibt alles bis zum Exzeß, so daß Wohltat Plage wird und Sinn Unsinn, und schon ist unsere gute Mini zum Gespött ihrer Freunde geworden, mit Ausnahme der fanatischen, beschränkten und autoritätsgläubigen, die ihr immer noch alles nachbeten.

Ein Roman wird weitergeschrieben

Wer kennt nicht solche Weiberln wie die Mini aus seinem Freundeskreis? Dem Wiedererkennungseffekt verdankt Theo Adornos Roman seine nun schon über zweieinhalb Generationen unverminderte Beliebtheit, so daß man von einem deutschen Hausbuch sprechen und den Roman neben Effi Briest, Frau Jenny Treibel und Fräulein Else stellen kann, wenn sich das Romänchen bei Erscheinen in der jungen Bundesrepublik auch gegen Romane von Böll und Simmel (Johannes, nicht Georg) behaupten mußte.

Nun kommt die Mini langsam ins gewisse Alter, und da sie eitel ist, will sie sich ihre Aktualität und Attraktivität bestätigen lassen. Was lag da näher, als im Jahre 2003, über sechzig Jahre nach der Niederschrift durch den fleißiger Romanschreiber Theo Adorno und nahezu ein halbes Jahrhundert nach der Publikation, ein paar Leute einzuladen, sich jeweils ein Kapitel aus dem Roman herzunehmen und zu diesem ihren Senf abzugeben?

Die Leute, die hier zu Wort kommen, gliedern sich in zwei Gruppen:
Erste Gruppe: Prominente.
Zweite Gruppe: Unbekannte.

Gruppe 1 besteht aus einer Person: Robert Gernhardt.
Gruppe 2 besteht aus dreiundzwanzig Personen.

Natürlich ist Robert Gernhardts brillanter Kommentar zu Minis Klage über den Niedergang der europäischen Hotelgastlichkeit nicht mit den herzerwärmenden, z. T. gravitätischen Äußerungen der dreiundzwanzig unbescholtenen Bürger zu vergleichen. Aber man sollte hier gar nicht werten. Die Kombination eines brillanten Dichters mit einem Durchschnitt der BRD-Bevölkerung macht gerade den Reiz des Büchls aus.

Die Frage ist nun, ob sich in der Auswahl der Kapitel und in der Richtung der Kommentare eine bestimmte Tendenz offenbart, die es erlaubt, etwas über die Rezeption des Mini-Romans oder die Atmosphäre in der BRD zu Beginn der Zweitausenderjahre zu sagen. Erfreulicherweise bleibt ein solche Tendenz aus. Nur eines zeigt sich, und auch dies ist erfreulich: Leser wie früher, die im Stil des Romanautors Adorno quakten, scheint es inzwischen nicht mehr zu geben. Keiner der zufällig aufgelesenen Passanten denkt oder schreibt in der Art der superschlauen Zicke Minima oder ihres Autors Theo. Hier und da äußert sich bei allem Respekt vor dem Romancier, dessen Klugheit und Produktivität gerühmt werden, doch auch eine milde Kritik an seiner Einseitigkeit und seinem verkorksten Jargon, welcher aus jener hervorgegangen ist.

Falsches Bewußtsein haben immer die anderen

Adornos Slang war nicht nur zeitbedingt, er kam auch aus der Neigung dieses Romanciers, an sich nicht unzutreffende Einsichten so weit zu übersteigern, daß sie ins Absurde kippten. Dies wiederum war nur möglich aufgrund der Tatsache, daß dieser Schriftsteller kein solides philosophisches Fundament besaß, sondern sich auf eine abgelebte Form des Linkshegelianismus bezog, die er sich nach Bedarf jeweils zurechtbog. Damit war Adorno typisch für seine Zeit, die ja auch an anderen unbrauchbaren Erbschaften des neunzehnten Jahrhunderts krankte, wie Darwinismus, Liberalismus, Marxismus und Kapitalismus. In diese Szene des Totalitären paßte Adorno voll und ganz hinein, besonders mit seinem Konzept des Falschen Bewußtseins, welches nach seiner Meinung jeder hatte, der nicht mit ihm und seinen Freunden Horkheimer und Habermas übereinstimmte.

Passend dazu war der Stil Adornos über weite Strecken prätentiös und sektiererhaft, reine intellektuelle Masturbation. Er baute sein literarisches Instrumentarium zu einem Folterwerkzeug für Leser aus. Oft genug schraubte er Banalitäten ins Hyperkomplizierte, nur um Leser zu quälen. Diese ließen sich begeistert sekkieren. Der Meister sprach ihren Masochismus an und gab ihnen den Stoff, mit dem sie ihre Ichschwäche zudecken konnten. Die Adorno-Adoranten müssen über Jahrzehnte eine noch größere Bremse gewesen sein als Adorno selbst. Leider enthalten die Schriften Adornos auch viel Geniales, etwa seine Analyse des Kulturbetriebes, sonst könnte man sie einfach als sadistische Manipulationen eines auf allerlei Ebenen zu kurz gekommenen Mannes abtun. Man muß Adorno lesen, aber dieses Lesen bereitet nicht immer Freude, sondern oft Ärger über den affigen Stil und des Autors permanente Versuche, den Leser zu manipulieren.

Adorno und sein verkorkster Jargon

Das Gute ist: Bei Robert Gernhardt und den dreiundzwanzig auf der Straße aufgelesenen Unbekannten finden wir nirgends Gefolgschaft an Adorno, dessen Romane vor langer Zeit einen echten Fanclub besaßen, aber ebensowenig Abrechnung. Dies zeigt uns, wieviel Wasser inzwischen den Main heruntergeflossen ist. Aus der Sicherheit des zeitlichen Abstandes kommentieren die Bürger-Schriftsteller z. T. ganz schlau die Monologe der alten Minima.

Die Kommentare der Passanten sind alle sehr klug, besonders imponiert mir ein Herr Bernhard Böschenstein, der zu Adornos Kommentaren zum Freien Vers Stellung bezog. Hier wird das Genre des Kommentars besonders fruchtbar, und es bestätigt die Initiative der beiden Herausgeber Andreas Bernhard und Ulrich Raulff diese gerade etwa 120 Seiten umfassenden Büchls; in der Tat war es eine gute, produktive Idee, einzelne Kapitel dieses Romans kommentieren zu lassen, und man könnte sich noch andere Spielarten vorstellen, etwa, den Roman weiterzuschreiben. Leider muß ich gestehen, gerade hier in Adornos Überlegungen zum Freien Vers nicht alles verstanden zu haben, denn Theo Adornos Manie, alles noch etwas komplizierter zu machen als nötig steht an vielen Stellen der Verständlichkeit unnötigerweise im Wege. Es ist auch das Imponiergehabe des Kleinbürgers, der sich durch prätentiöse Ausrucksweise interessant machen will. Dabei sind Adornos Überlegungen von Haus aus interessant genug.

Rudolf Schottlaender wird gelobt, weil er kein Antisemit ist!

Als besonderer dialektischer Dreh der alten Minima kann gewertet werden, daß diese die Tusse selbst eine Tussenfeindin ist. Und hier wird der Roman echt spannend, wenn sie über ihre Mittussen herzieht: »Wofern ihnen nur eine gewisse Fülle von Waren gewährt wird, stimmen sie in ihr Los begeistert ein, überlassen das Denken den Männern, diffamieren jegliche Reflexion als Verstoß gegen das von der Kulturindustrie propagiert weibliche Ideal und lassen überhaupt es sich wohl sein in der Unfreiheit, die sie für die Erfüllung ihres Geschlechts halten.« Nicht schlecht beobachtet, man muß nur Samstags vormittags durch die Maximilianstraße gehen um zu sehen, daß diese Beobachtung von 1944 nichts an Aktualität eingebüßt hat. Und Minima erläutert: »Willig, ohne Gegenimpuls, spiegeln sie die Herrschaft zurück und identifizieren sich mit ihr.« Die Identifikation mit dem Aggressor ist eine der gefährlichsten Vertracktheiten der menschlichen Natur, und was sich hier nur auf der Ebene des Tussentums manifestiert, zeitigt auf der politischen die grauenhaftesten Ergebnisse.

Ulrich Raulff wäre nicht Ulrich Raulff, wenn er nicht auch als Herausgeber dieses Büchls wieder mit frappanten bibliographischen Trouvaillen aufwarten würde. Im Nachwort präsentiert er eine Besprechung der Minima Moralia von Rudolf Schottlaender, dem ersten Proust-Übersetzer, der als Jude das »III. Reich« überlebte, zuletzt Im Versteck. Seltsam ist nur, daß Raulff ihm hoch anrechnet, Schottlaender habe Adornos Büchl »ohne antisemitischen Zungenschlag« besprochen.

Volksbefragung über Adorno in der Münchner Fußgängerzone

Außerdem stört, daß Raulff den Roman ein »philosophisches Volksbuch« nennt; denn erstens ist ein solcher Begriff ein Widerspruch in sich selbst, zweitens dürfte der Gebrauch des Begriffs Volk, wie Raulff ihn hier übt, eine ethnologischen Prüfung kaum standhalten, und drittens darf man sich über die Popularität der Minima Moralia auch keinen Illusionen hingeben. Zwar hatten die beiden Herausgeber bei ihrem Projekt Glück, indem die von ihnen in der Münchner Fußgängerzone befragten Passanten alle den Roman von Theo Adorno kannten oder doch so taten, tatsächlich aber dürfte es viele Volksgenossen geben, die von dem Roman noch nie gehört haben.

Warum wurden nur Deutsche eingeladen, obgleich der Roman in viele Sprachen übersetzt ist und man sicher auch interessante ausländische Kommentatoren gefunden hätte? Nur ein einziger ausländischer Mitbürger wurde auf der Straße abgefangen, ein gewisser Slawoj, der aber offenbar den Roman nicht gelesen, sondern nur die Verfilmung gesehen hatte. Es mag auch ein Sprachproblem gewesen sein, aber man hatte den Eindruck, dieser Slawoj hielte Minima Moralia überhaupt für einen Film und kennte den Roman gar nicht. (Es bleibt offen, ob der schwer artikulierende Slowene sich auf die Verfilmung aus den fünfziger Jahren bezog, Regie: Helmut Käutner, mit Romy Schneider als Minima und Alain Delon als Falsches Bewußtsein, oder ob er die Siebzigerjahre-Verfilmung von Schlöndorff meinte, mit Rosel Zech als Mini und R.-W. Faßbinder als Falsches Bewußtsein.)

Deutsch lernen mit einem Pornschlegel

Es wäre sicher interessant, nachzuschauen, ob aus dem einen oder anderen Unbekannten des Jahres 2003 etwas geworden ist. Ich habe nur eine einzigen Person gegoogelt, einen Herrn Clemens Pornschlegel, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß es eine Person dieses Namens wirklich gibt. Doch es gibt den Herrn, und er ist inzwischen Satyriker geworden. Auf seiner satyrischen Website bietet er in einer angeblichen »Bayerischen Akademie des Schreibens« folgendes an: »Die Bayerische Akademie des Schreibens bietet in Kooperation mit dem Literaturhaus München und mit fünf weiteren bayerischen Universitäten kreative Schreibkurse für Studierende aller Fachrichtungen an. Diese werden jeweils von einem/r professionellen Lektor/in und einem/r professionellen Autor/in betreut und geleitet.«

Da lerne ich bestimmt Schreiben.

gez. Magistra Doktoressa Anja Friedrich, ehem. Studierende bzw StudentIn der LMU, jetzt Alumna; niemals Fräulein gewesen, schon als Frau Friedrich zur Welt gekommen
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Ballett heute
Ballett heute
von Klaus Kieser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Gefrorenes Leben, 5. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Ballett heute (Gebundene Ausgabe)
Der mittelformatige Band »Ballett heute« des Reclam-Verlages macht auf den ersten Blick den Eindruck, es handele sich um eine Bestandsaufnahme heutigen Ballettschaffens. Tatsächlich aber ist es eine Dokumentation der Ballettphotos von Bettina Stöß und hieße korrekterweise: »Bettina Stöß photographiert Ballett«. Das Buch ist also ein dokumentarisch-künstlerisches Zwitterwesen, wobei nicht ganz klar ist, ob die Photographin mit künstlerischem Anspruch auftreten will, oder ob sie sich auf der Rolle einer Dokumentarin künstlerischer Arbeit zurückzieht.

Der Band stellt sich hingegen den Anspruch, heutiges Ballett in Deutschland künstlerisch zu dokumentieren und zeigt Produktionen von dreizehn Kompanien, darunter dem Stuttgarter Ballett, dem Tanztheater Wuppertal, dem Bayerische Staatsballett, dem alto ballett theater essen und dem Ballett am Rhein. Bewußt ist eine Mischung von klassischen und modernen Produktionen gezeigt, Schwanensee und Dornröschen fehlen ebensowenig wie moderne Produktionen wie the second detail von William Forsythe, Compositie von Hans van Manen oder Tanzsuite von Martin Schläpfer.

Das Ganze wirkt etwas steril und macht einen nicht glücklich.

Man muß einräumen, daß der künstlerische Reiz der Photos begrenzt bleibt. Aufnahmen wie diese findet man in jedem Programmheft. Stöß legt Wert auf einen klaren, rhythmisierten, geheimnislos ausgeleuchteten Raum. Man kann ihre photographische Haltung als Bescheidenheit und Respekt gegenüber den Tänzern und Choreographen interpretieren, muß sich jedoch fragen, ob eine produktive Begegnung von Bühne und Kamera nicht doch einen stärkeren eigenen Kunstwillen des Photographen erforderte. Eben dies ist auf nicht wenigen Photos von Stößens Website der Fall, die z. T. weit ausdrucksvoller erscheinen als die in dem vorliegenden Band versammelten Arbeiten.

Möglicherweise oblag der Photographin die Auswahl nicht selbst. Wer die Website von Bettina Stöß zur Ergänzung aufruft, erhält also ein besseres und vollständigeres Bild ihrer Arbeit wie des zeitgenössischen Balletts. Aufgrund der auf der Website vorhandenen Aufnahmen hätte man einen völlig anderen, reizvolleren und vielseitigeren Band zusammenstellen können.

Raum ohne Geheimnis

Das Barsche, oft Geheimnislose, dann und wann den Hyperrealismus Streifende von Bettina Stößens Photostil, sowjet er sich in dem gedruckten Buch zeigt, will den Betrachter nicht so recht glücklich machen. Man wird in einen geheimnislosen Raum gestoßen, dem man gar nicht allzu nahekommen mag. Der Band »Ballett heute« ist eben doch ein Ballett-Photoband, und er muß sich mit anderen Werken dieses Genres messen. Mit aufdringlicher Erinnerungsintensität fallen einem die oft wunderbaren Bände aus der Zeit der vordigitalen und der Schwarzweiß-Photographie wieder ein, und man fragt sich, ob Stöß ihrem Thema nicht doch mehr Dimensionen hätte abgewinnen können, wenn sie eine größere Variation photographischer Perspektiven, Techniken und Materialien verwandt hätte.

Mit ihrer Methode kann man die ungeheure Vielgestaltigkeit des heutigen Tanz- und Ballettwelt allein in Deutschland nicht ausreichend skizzieren oder eine Idee von ihr vermitteln. Daher muß man diesen Band als einen Ansatz sehen, der dem Betrachter nur einen allerersten, weitgehend falschen, Eindruck heutigen Balletts in Deutschland verschafft. Besser wäre gewesen, eine Reihe ganz unterschiedlicher Photographen mit mannigfachen Ansätzen in die Proben und Aufführungen der so vielgestaltigen heutigen Ballettwelt in Deutschland zu entsenden oder, wie gesagt, andere Bilder aus dem reichen Schaffen Stößens zu wählen.

Bettina Stöß photographiert Ballett, und der Tanz erstarrt.

Ist der künstlerische Eigenwert der Photos, die hier versammelt sind, also begrenzt, so lernt man in der gnadenlos dokumentarischen Darstellung jedoch einiges über die heutige neorealistische Schau. Das Prokrustesbett von Bettina Stößens Linse egalisiert hier die unterschiedlichsten Ballettstile zu einer farb-affirmativen, teilweise brüsk positivistischen Ansicht, verweigert sich der Einfühlung und stellt eine Art neoliberale Photographie dar, die sich den beißenden Katalog-, ja Bonbonfarben der achtziger Jahre annähert und gemäß der Ideologie des Neoliberalismus entseelt und schematisch bleibt. Diese Bemerkungen gelten aber, man betont es noch einmal, nicht für Stößens Schaffen insgesamt, sondern lediglich für die hier versammelten Aufnahmen.

Der Ballettautor Kurt Kieser, bekannt als Bearbeiter der neuesten Ausgabe von Reclams Ballett-Führer, greift z. T. wörtlich auf seine in diesem Führer versammelten Texte zurück und stellt gekürzte Fassungen derselben als Erklärung neben die Aufnahmen von Bettina Stöß. Das ist ein legitimes Verfahren, einzelne Texte wirken aber etwas dünn, so daß man lieber im Ballett-Führer nachliest oder besser noch in Reclams Ballett-Lexikon von Horst Koegler und Helmut Günther, soweit die Produktionen in diesem Standardwerk von 1984 bereits berücksichtigt sind. Über die hohe Kultursättigung und Einfühlung solcher Tanz-Autoren wie Koegler, Jochen Schmidt und Wiebke Hüster gebietet Kieser kaum.

Eher kann man sagen, daß Klaus Kieser kurz, knapp und barsch dem Leser die wichtigsten Anfangsinformationen für seine Erkundung der deutschen Ballettwelt vermittelt. Ebensowenig wie die Photos von Bettina Stöß besitzen seine Texte irgend Zauber. Nun ist es schon eine Kunst, eine von Natur aus so zauberhafte Welt wie die des Balletts so zauberlos darzustellen.

Bettina Stöß und Kurt Kieser sind Muggles.


Die schrecklichen Kinder der Neuzeit
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das überforderte Kind der Moderne, 4. Oktober 2014
Schreckliche Kinder der Neuzeit sind wir alle, insofern wir nur allzu gern in ruhiger familiärer Generationenfolge leben und sterben würden, durch die Moderne aber dazu gezwungen wurden, jeder für sich die Welt neu zu erfinden, was anstrengend ist, krank und verrückt macht, mag diese Erfindung auch noch so großartig sein.

Slotertdijk ist ein begnadeter Entertainer und Anekdotenerzähler. Er ist derjenige, der zu Sylvester einen Knallfrosch nach dem anderen hochgehen läßt, bis die ganze Gesellschaft in fassungslosem Staunen erstarrt.

Ist er klug? Sicher! Ist er schlau? Natürlich! ist er weise? Das weiß ich nicht.

Die lebenspraktische Dimension fehlt diesem Büchl völlig, und gerade sie würde Sloterdijks Argumentation untermauern. Wie denn auch der Sproß eines jahrhundertealten Familienunternehmens nicht mehr ruhig vor sich hinleben kann. Von den Altvorderen wird nun erwartet, daß er das Unternehmen neu erfindet; zugleich aber sich auf jedem Familienrencontre verhält als lebe man in der Zeit des alten Patritiats. Hier liegt ein ungeheures Paradoxon, das den Einzelnen überfordert und zerreißt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 18, 2015 7:56 PM CET


Wiedersehen mit den Siebzigern: Die wilden Jahre des Lesens
Wiedersehen mit den Siebzigern: Die wilden Jahre des Lesens
von Ulrich Raulff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

4 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rezeptionsästhetische Quelle als unterhaltsames Potpourri, 2. Oktober 2014
Die Siebziger Jahre, aus Distanz betrachtet: Selbstironisch referiert der Autor über seine stark ödipal gefärbten Beziehungen zu seinen Professoren an der Uni in Berlin wie Klaus Heinrich und Jacob Taubes sowie in Marburg, Gelehrten in Paris und Intellektuellen der damaligen Zeit wie Roland Barthes und Gilles Deleuze. Der Einfluß von Heidegger und der Frankfurter Schule wird genüßlich glossiert. Die siebziger Jahre waren offenbar eine unerträglich prätentiöse, sketiererhafte Zeit, und niemand wundert sich im Nachhinein mehr als der Autor selbst über die plötzliche Konjunktur, der der längst abgelebte Neomarxismus in jenen Jahren plötzlich wieder genoß. Gekonnt streut der Verfasser Lyrismen und Komik ein. Zuweilen placiert er für unseren Geschmack etwas zuviel Adjektive. Aber Lektorat ist ja heute Glückssache.

Man ist Jg. 1988 und kennt die Genannten nur noch durch ihre Bücher, so ist dies ein wertvoller Hintergrund. Für die Altersgenossen von Ulrich Raulff muß des Büchl hingegen ein déjà-vu sein, welches sie mit großem Gejohle begrüßen werden. Etwas mehr über die erotischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit hätte man schon gern erfahren. Dafür berichtet der Autor viel über die Atmosphäre in Bibliotheken, wie etwa dem heute nur noch Kunsthistorikern geöffneten Alten Saal der BN in Paris.

Als rezeptionsästhetische Quelle wird des Büchl einen vielzitierten Weg machen, auch in der Übersetzungsgeschichte. Der Stil ist uneitel, leicht und informativ. Seiner kurzen Abrechung mit Gombrichs Warburg-Buch kann man nur von Herzen zustimmen. Das heißt aber nicht, daß man Warburg selbst auf den Sockel heben muß. Mit mildem Witz berichtet Raulff, daß die Siebziger Jahre irgendwie links waren, Carl Schmitt ein verfemter Autor, den man nicht lesen durfte, es sei denn man hieß Jacob Taubes.

Eine prägnante, eindrucksvolle Schilderung vom gar nicht so swingenden London rundet des Büchl ab und zeigt wiederum Raulffs Kunst in wenigen Worten ganze Städte erstehen zu lassen. Wer mehr über die jüdische Emigration in Hampstead wissen will, sollte ein Büchl über Marie-Louise v. Motesiczky lesen, aber keineswegs den abgefeimt flunkernden Canetti.

Zuviel Lesen und zuwenig Leben, nicht wahr? Man darf aber trotz des Charmes von dem Büchl nicht vergessen, daß man die Jugend-Erinnerungen eines Bibliotheksleiters liest. Strukturalismus und Ikonologie waren, wie er ohne Scham und Scheu berichtet, Raulffs postadoleszente Wehwehchen. Da er später den Weg zu Stefan George gefunden hat, kann man ihn, im Gegensatz zu den meisten seiner Altersgenossen, hoffentlich als gerettet ansehen. Meistens betrieben die Leute der damaligen Zeit eine Art intellektueller Masturbation, über welche Raulff nun milde lächelt. Man sollte aber nicht vergessen, daß die ichschwachen und autoritätsgläubigen Halbintellektuellen der Siebziger Jahre die Mächtigen von heute sind, nicht nur in Politik und Universität. Insofern hat des Büchl auch eine tragische Dimension. Es ist nicht Raulff, aber seine Leserin, die sagt: Diese Generation muß weg.

Man hat des Büchl heute Mittag aus einem Schaufenster heraus gekauft. Zugegeben, des Büchl als solches hätte gar nicht so sehr interessiert, doch Raulff ist der Autor des hochgeschätzten Buches Kreis ohne Meister über Stefan Georges Nachleben. Des neue Büchl von ihm hat man in einem Zug durchgelesen. Man konnte nicht aufhören. Die Wäsche stapelte sich, die Kinder plärrten, und der Ehemann mußte sich sein Nachtmahl selber richten.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 24, 2014 11:21 AM MEST


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