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Rezensionen verfasst von
Martyn

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Suck It and See
Suck It and See
Wird angeboten von Side Two
Preis: EUR 18,82

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Arctic Monkeys - Ein Nachruf, 5. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Suck It and See (Audio CD)
Es ist ernüchternd, die Idole meiner Jugend in solch desolatem Zustand vorzufinden. Was die Arctic Monkeys auf ihrem aktuellen Album "Suck it and See" darbieten, ist uninspirierte und plumpe Rockmusik, die im trostlosen Tal musikalischer Einfallslosigkeit zwischen ewig gleich klingenden Gitarrenriffs und seelenlosen Texten mäandert. Wüsste man nicht um die Vergangenheit dieser ehemals "echtesten" aller Indie-Rock-Bands der 2005er Ära, wäre man ob dieses desaströsen Albums geradezu gezwungen, sie in die Schublade "just another indie band" einzuordnen. Statt eingängiger Melodien und markanter Basslinien, flüchten sich die vier Jungs aus Sheffield in lächerliche Shalalala-Gesänge und auswechselbar-eintönige Stücke, die zu allem Überdruss auch noch ungewohnt ideenlos instrumentiert sind.

Selbst an der (neben "Brick by Brick" ebenfalls) vorab veröffentlichen Single-Auskopplung "Don't Sit Down 'Cause I've Moved Your Chair" ist das Beste noch der Songtitel. Es ist wahrlich faszinierend, wie jedem einzelnen der 12 Stücke jeglicher Verve fehlt. Sicher, könnte man einwerfen, muss selbst eine gestandene Gitarrenkrach-Band nicht am laufenden Band treibende Hüpfhymnen fabrizieren. Sicher, könnte man entgegnen, wenn aber eine Band wie die Arctic Monkeys, die durch den einzigartigen Charme ihres nonchalanten Mitten-in-die-Fresse-Rocks vorgeprägt ist, sich in die Sparte gleichsam tiefgründiger Rockmusik begibt, sollte man diesen Schritt - der ja gemeinhin hin als Entwicklung hin zu komplexerer, anspruchsvollerer Musik gesehen wird - mit hörbarer Überzeugung von der eigenen Sache gehen. Doch nach dieser Überzeugung klingt "Suck it and See" gerade nicht. Es ist vielmehr anspruchsvoll gedachte Musik ohne Anspruch.

Nach dem unter Kritikern durchaus positiv aufgenommenen, in Fankreisen jedoch reichlich umstrittenen, weil düsteren Vorgänger "Humbug" (2009), versuchen die Arctic Monkeys auf ihrem nunmehr vierten Studioalbum gleichsam einen Mittelweg zu gehen zwischen dem ungezügelten Rock-Impetus ihrer beiden ersten LP's "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" (2006) und "Favourite Worst Nightmare" (2007) einerseits sowie der dezenten Ernsthaftigkeit ihrer letzten Platte. Es sind auch die gleichen stilistischen Mittel wie ehedem, nur mangelt es sowohl an der übermütigen Leichtigkeit als auch an wirklichem Potential zu bedeutungsreicher Musik.

Dass sich ehemalige Indie-Rock-Giganten generell schwer tun, ihren Platz im Heute dieses elektrophilen Zeitalters zu finden, merkt man auch den jüngsten Alben von etwa The Strokes ("Angles") oder The Wombats ("This Modern Glitch") an. Im Gegensatz zu den Arctic Monkeys haben jene allerdings zu einem neuen Stil gefunden, auch wenn dieser mit seiner offenkundigen Synthie-Sympathie beim ersten Hören zunächst ungewohnt und unangenehm dem Zeitgeist anbiedernd klingen mag. Selbst wenn man aber dem cleanen Indie-Rock weitgehend treu bleibt, können immer noch fabelhafte Alben entstehen ' wie unlängst The Pigeon Detectives auf "Up, Guards And At 'Em!" (2011) bewiesen haben.

Die Zeit der musikgeschichtlichen Bedeutung der Arctic Monkeys jedoch scheint mit "Suck it and See" vorbei zu sein. Sie haben ihre dancing shoes abgegeben.


Hest
Hest
Preis: EUR 19,98

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "I wanna do something. - What you wanna do? - Dance!", 28. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Hest (Audio CD)
Wer über einen solch absonderlichen Bandnamen verfügt, muss eigentlich nicht unbedingt mal mehr gute Musik abliefern, Aufmerksamkeit in der Indie-Szene ist ihm so oder so schon gewiss. KAKKAMADDAFAKKA tun es trotzdem: Nach dem eher unscheinbar gebliebenen 2007er Debütalbum "Down to Earth" ist nun ihre Sophomore-LP bei Bubbles Records erschienen.

Was die fünf jungen Norweger auf "Hest" veranstalten, ist ein wunderbarer Eklektizismus aus Disco-Pop, Sixties und Trash, bis hin zu Ragtime, Ska und Reggae. Selbst ein treibendes Instrumental ("Heidelberg") will da nicht fehlen, möchte man dem Charme des andersartigen, aber irgendwie meisterlichen Skandinaven-Pop gerecht werden.

Von keinem geringeren als Erlend Oye (The Whitest Boy Alive, Kings of Convenience) produziert und releast, weist das zweite Album die Oye-gemäße gutgelaunte Gelassenheit auf, gleichwohl die neun kurzen Songs impulsiver und tanzbarer daherkommen. Der wiederkehrende Einsatz des Pianos verleiht "Hest" gar eine schicke Retro-Note, die beinahe so klingt, als würden die Beatles im Jazz-Milieu der roaring twenties aufspielen. Nur um alsbald wieder von dezenten Synthie-Elementen anachronistisch gebrochen zu werden...

Auch die Texte passen stilistisch zu diesem Genre-Mix, indem sie sich oszillierend zwischen Alltagshymnen ("YOUR GIRL"), existenziellen Fragen des Lebens ("IS SHE old enough for me?"), pubertärer Spaßigkeit ("You're TOUCHING me, I'm touching you, Uuuoohuohohohoh Uuuooh...") und dezidierter Bescheuertheit ("I wanna be a GANGSTA.") bewegen.

KAKKAMADDAFAKKA machen Musik, zu der man am liebsten in der Spätnachmittagssonne über laue Wiesen tänzeln möchte, die jedoch nie so ganz den Eindruck abschütteln kann, einfach zu nett sein zu wollen...

Dauerschleifenpotential: "Restless", "Your Girl", "Is She"


Torches
Torches
Preis: EUR 6,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "MGMT without the overpowering weirdness", 9. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Torches (Audio CD)
"Indie-Musik ist häufig potentielle Mainstream-Musik, nur wissen die Mainstream-Menschen nicht, dass sie überhaupt existiert." (Albert Koch: musikexpress, 09/2010)

FOSTER THE PEOPLE sind das im Moment wohl perfekte Beispiel nicht nur für diese Musikjournalisten-Sentenz, sondern auch dafür, wie schnell und steil Band-Karrieren in Zeiten des Internets verlaufen können.

Wiewohl erst im Herbst 2009 gegründet und mit dem auf ihrer Website veröffentlichten Song "Pumped Up Kicks" zu einiger Berühmtheit in der Blogosphere gelangt, unterschrieben FOSTER THE PEOPLE bereits im Juni 2010 einen Plattenvertrag beim Major-Label Columbia, erreichten mit ihrer EP erst Verzückung in der Musikpresse und mit diesem ihren Debüt-Album dann Top-10-Platzierungen im angloamerikanischen Raum.

Häufig gehandelt als die neuen MGMT, und bisweilen verglichen mit TWO DOOR CINEMA CLUB, PHOENIX oder PASSION PIT, kreiert das Trio aus Los Angeles herrlich eingängigen Indie-Pop zwischen 80s-Synths, feinstem Falsett und forschen Elektro-Beats. Dabei ist der Variantenreichtum der zehn kurzweiligen Songs beachtlich: Neben tanzbaren Stücken ekstatischer Ausgelassenheit, allen voran "Pumped Up Kicks", "Don't Stop (Color On The Wall)" und "Houdini", laden ruhigere Songs wie "Waste" oder "Warrant" in ihrer Piano-Untermalung zu schwelgerischem Einfach-nur-in-die-Sonne-legen-und-vor-sich-hin-träumen ein.

Was Mark Foster und seine "Leute" (Bassist Cubbie Fink sowie Drummer Mark Pontius) auf TORCHES zelebrieren, ist optimistischer, dabei stets aber auch durchdachter, kurz: grandioser Indie-Pop, der - man kann es nicht oft genug sagen - unerhört nach Sommer klingt und die Hoffnung auf die ein oder andere herausstechende Band im sonst so oberflächlichen Mainstream-Pop-Betrieb aufrechtherhält.

Dauerschleifenpotential: "Helena Beat", "Pumped Up Kicks", "Waste", "Houdini"


The Beginning of the Beginning of...
The Beginning of the Beginning of...
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen old is always better, 9. August 2011
Die neue LP der sympathischen Schweden ist ein wahres musikalisches Sonnenbad!

Daniel Johansson und Joakim Sveningsson warten auf ihrem nunmehr vierten Album wieder mit all den musikalischen Facetten auf, für die man sie kennt und schätzt: beschwingte Sommerlieder, skurrile Instrumentierung, Fanfaren, Synthesizer, Chöre und inmitten all der Ausgelassenheit das ein oder andere melancholische Interludium zum Runterkommen.

Alles zusammen ergibt schön eingängigen, dabei stets unverbindlichen Gitarrenpop, der sich wie eine etwas jovialere Form der grandiosen SHOUT OUT LOUDS ausnimmt. Polka-Rhythmen, Akkordeon, Bläser und Glockenspiel kommen einem zwar immer irgendwie ein bisschen bekannt und schon mal gehört vor, nichtsdestotrotz ist die FRISKA-VILJOR-typische Mischung aus Euphorie und Melancholie rund um Frauen, Alkohol und das Leben an sich wieder in so hübsche Melodien verpackt, dass man von diesem Old-is-always-better schnell überzeugt ist. Die Jungs haben ihren Stil gefunden!

Sicherlich wird man dem Album letztendlich fehlenden Tiefgang und oberflächliches Songwriting vorwerfen können - nur: wozu? Friska Viljor haben auf THE BEGINNING OF THE BEGINNING OF THE END genau die Art Musik gemacht, die sie machen wollten: kurzweiligen Gute-Laune-Pop. Nicht mehr, aber sicherlich auch nicht weniger!

Dauerschleifenpotential: "Larionov", "Useless", "Passionseeker", "To Be Alone"


Native to
Native to
Preis: EUR 16,81

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "bass heavy, beat driven, pop-influenced lo-fi dance music", 5. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Native to (Audio CD)
Nachdem sie ja bereits zwei Songs ("South Pacific" und "The Greeks") zu Kitsuné Samplern beigetragen haben, wurde es auch Zeit: IS TROPICAL haben ihr Debüt veröffentlicht. Und dieses Album ist ein furioses Elektro-Gefrickel, aus dem all der jugendliche Übermut spricht, wie man ihn schon lange mal wieder gebrauchen konnte. NATIVE TO klingt immer ein bisschen abseits der Spur, kein einziger der 12 kurzweiligen Stücke des Albums wirkt mehrfach bearbeitet, künstlich retuschiert und im Studio geglättet, sondern weißt ein perfektes Maß an Antikonformität und Stilbruch auf. Was 2009 mit maskiert-musikalischen Hausbesetzungssessions in London begann, hat sich zu schriller albumtauglicher Indietronica entwickelt, der man in seiner Unbeschwertheit trotz allem stets auch anhört, dass es ein Debüt ist. Zum Glück.

Simon, Gary und Don haben den Sound der Zeit jedenfalls erkannt und kompromisslos umgesetzt. Und wenn ihre Entwicklung so weitergeht, werden aus den bisherigen gemeinsamen Auftritten mit LCD Soundsystem, Klaxons und Egyptian Hip Hop bald Aufritte mit LCD Soundsystem, Klaxons und Egyptian Hip Hop als Support.

Dauerschleifenpotential: "South Pacific", "Land of the Nod", "Lies", "Clouds"

(btw: das Musikvideo zu "The Greeks" muss man sich einfach ansehen!)


Young the Giant
Young the Giant
Preis: EUR 17,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "once every three thousand years", 5. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Young the Giant (Audio CD)
Ein feines Debüt-Album, das die fünf Kalifornier da vorgelegt haben.

YOUNG THE GIANTs selbstbetitelter Erstling ist subtile Independent-Musik, die sich souverän im Grenzbereich des Pop-Rock bewegt und in sich unglaublich stimmig wirkt. Ja, YOUNG THE GIANT zeugen von einer solch musikalischen Reife, wie ich sie seit The XX's Debüt im letzten Jahr nicht mehr gehört habe. Gitarren, Bass, Drums, Percussions und Vocals fügen sich zu einem angenehm gelassenen, unaufdringlichen Sound, aus dem allein das allseits geliebte und in den USA bis auf Platz 5 der Billboard Alternative Charts gestiegene "My Body" in seiner impetuösen Rock-Manier (vielleicht gar nicht mal so vorteilhaft) heraussticht. In seiner Gesamtheit jedenfalls ist YOUNG THE GIANT understatement pur: keine Rockstarposen, kein Selbstdarstellertum, einfach nur wunderbare Popmusik.

Morissey höchstselbst drückt auf seiner website seine Verzückung ob dieses famosen Debüts aus: "Having suffered with relish so much yes-but-no new music, I could break down with happiness at the new - debut - CD by Young The Giant. I will be kneeling with gratitude on a hardwood floor for many years to come. It is the whole thing ... it is the perfect tone ... and Sameer's voice is unbreakable."
Mehr kann man dem eigentlich nicht hinzufügen...

Dauerschleifenpotenzial: "Apartment", "Cough Siroup", "12 Fingers", "Strings", ...ach, eigentlich alle!


Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus
Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus
von PeterLicht
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Idee, nicht Kunst., 28. September 2010
Vielleicht bin ich nicht "indie" genug, um dieses Buch zu verstehen...

Peterlicht, dieser wohl genialste deutschsprachige Musikpoet, hat "Ein Buch vom Ende des Kapitalismus" veröffentlicht, das mit seinem Titel naja nicht wirklich viel zu tun hat. Vielmehr sammelt er Einfälle, Impressionen, kurze Geschichtchen, Träume, Beschreibungen, Liedtexte undsoweiter, ohne dass sich ein inhaltlicher Zusammenhang oder ein Thema ergäbe. Es sind schlicht rohe Fetzen, aus denen ein Autor nach längerer Reflexionsphase dann ein Buch machen würde. Peterlicht dagegen hat das Rohmaterial Rohmaterial sein lassen - und bleibt bis auf einen wunderbaren Aphorismus über die Liebe ("Die Liebe wohnt 2000 Kilometer unter dem Meer. Hin und wieder steigen Blasen auf.") ohne Aussage.

Wenn man die Jubelrufe des Feuilletons besieht, wird einem klar, dass dieses Buch nicht die zartfühlige Weltsicht eines zartfühligen Autors ist, sondern vornehmlich eine Sammlung von Unsinn, an dem sich die vom gängigen Hochliteratur-Trott ermattete Feuilletonisten-Riege ergeifern kann. 'Uuuh, ein Autor, der es wagt, die klassischen Erzählformate zu brechen. Der Unsinn schreibt und der vor sich herträumt.` Natürlich ist es Unsinn, vielleicht sogar anarchischer Unsinn. Doch so sehr der Unsinn unser allzu oft nüchternes Leben aufheitert, bleibt dieses Buch unzugänglich, da es geradezu darin erstickt.

So sehr ich Peterlichts Musik liebe, so sehr bedaure ich sagen zu müssen, dass WIR WERDEN SIEGEN! nicht wert ist gelesen zu werden. Denn den einen Schritt, den seine Musik auszeichnet, hat er hier nicht gemacht - den Übergang von Idee zu Kunst.


Das Wochenende
Das Wochenende
von Bernhard Schlink
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein VERZICHTBARER Roman, 13. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Wochenende (Gebundene Ausgabe)
Ein ehemaliger RAF-Terrorist wird begnadigt und verbringt sein erstes Wochenende in Freiheit mit seinen ehemaligen Freunden und damaligen revolutionären Sympathisanten auf einem abgeschiedenen Landgut, wo nicht nur er, sondern gleich alle mit ihrer Vergangenheit, ihren einstigen Idealen und dem, was letztlich aus ihrem Leben geworden ist, konfrontiert werden.

Eine an sich tolle Idee, aus der ein blendender Roman hätte werden können - wenn nur nicht Bernhard Schlink ihn geschrieben hätte.

Schlink schafft es einfach nicht (und hat es noch nie geschafft), auch nur den Ansatz einer authentischen Atmosphäre zu erzeugen. Seine Figuren bleiben durchweg leblos, steril und uninspiriert wie Marionetten. Der Roman ist zwar solide geschrieben, man liest ihn gern zu Ende, er ist nicht schlecht. Aber mehr auch nicht. Zu sehr baut er auf plumpen Fragen und Andeutungen auf, so offensichtlich, dass man jedesmal schon mit absoluter Gewissheit weiß, vom Autor noch genauestens aufgeklärt zu werden innerhalb der 225 Seiten. Wenn man Schlink einen Vorwurf machen muss, dann den, dass er zu faktisch schreibt, dass er der Phantasie des Lesers zu wenig Spielraum lässt, indem er zu viel erklärt.

Gleichwohl Schlinks Thematik, auch angesichts der gegenwärtigen medialen Popularität der jüngsten deutschen Geschichte, interessant anmutet, kann er nichts Erhellendes dazu beitragen. Weder gibt er der Debatte um die Begnadigung von RAF-Terroristen eine neue Tiefe noch beleuchtet er den Sachverhalt aus einem anderen, ungewohnten Blickwinkel.

Berhard Schlink hat mit DAS WOCHENENDE einen verzichtbaren Roman geschrieben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 24, 2014 10:49 AM CET


Die neuen Leiden des jungen W (suhrkamp taschenbuch)
Die neuen Leiden des jungen W (suhrkamp taschenbuch)
von Ulrich Plenzdorf
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich hatte nie im Leben gedacht, daß ich diesen Werther mal so begreifen würde.", 27. Dezember 2007
Dieser Roman entschädigt.
Entschädigt für Teile des Deutschunterrichts der Elften Klasse; für die bisweilen qualvollen Stunden, die sich der Schüler durch "Die Leiden des jungen Werther" schleppen musste. Gleichwohl Goethes alter ego ob seiner überbordenden Emotionalität und Ausschließlichkeit der Liebe fest im 18. Jahrhundert verschlossen blieb, nimmt sich Ulrich Plenzdorf dennoch des Paradetextes des Sturm und Drang an, überträgt Grundzüge auf die Gegenwart und schreibt die "neuen Leiden" des Werther 200 Jahre später ohne je den Eindruck eines billigen Abklatsches von Goethes Jungwerk zu machen.

Der Werther des Jahres 1972 heißt Edgar Wibeau. Der 17-jährige Vorzeigelehrling flieht nach einem Streit mit seinem Ausbilder von der Kleinstadt Mittenberg ins sozialistische Ost-Berlin. Haust er dort erst inkognito in einer heruntergekommenen Gartenlaube und widmet sich allein der abstrakten Kunst und gammelt, so lernt er dann die Kindergärtnerin Charlie (cf. Lotte) kennen und "wird nicht wieder." Edgar verliebt sich unsterblich in die 20-jährige. Doch als beider Beziehung zueinander immer enger wird, steht plötzlich Dieter da (cf. Albert), Charlies Verlobter, der gerade erst von der Armee zurückgekehrt ist.

Seine Gefühle in dieser aufgewühlten Zeit drückt Edgar meist durch Zitate aus Goethes Werther aus, die er in unregelmäßigen Abständen seinem Kumpel Willi auf Tonband schickt, der - da er den Werther nicht gelesen hat - freilich herzlich wenig damit anfangen kann:

"Verstehen Sie's?"
"Nein. Nichts..."
"Ich denke manchmal - ein Code."
"Für einen Code hat es zuviel Sinn. Ausgedacht hört es sich auch wieder nicht an."

Die Parallelen zwischen Werther und seinem eigenen Leben werden Edgar schließlich so evident, dass er konstatieren muss: "Ich hatte nie im Leben gedacht, daß ich diesen Werther mal so begreifen würde."

Gleichwohl Edgar sich wieder an Charlie annähert, es schließlich gar zu einem Kuss kommt, zieht sie doch das Leben an der Seite ihres Mannes Dieter vor, während Edgar, der sich mittlerweile aus Geldnot auf dem Bau verdingen muss, ganz der Fertigung eines für das Handwerk revolutionären nebellosen Farbspritzgerätes widmet. Beim erwartungsvollen ersten Testlauf jedoch kommt es aufgrund von Konstruktionsfehlern zu einem elektrischen Defekt: Der Jugendliche erliegt einem Stromschlag.

In "reinen Dialogen" beschreibt der Roman, wie Edgars Vater, der seinen Sohn früh verließ und deshalb kaum wirklich kannte, in Gesprächen mit Personen aus Edgars früherem Umfeld zaghafte Nachforschungen über den Tod seines Sohnes anstellt. Edgar kommentiert die Gespräche aus dem Jenseits, was bisweilen zu wunderbar bizarren Szenen führt, wenn Edgar etwa emotional bewegt, aber - tot - doch für die Lebenden unhörbar und somit völlig machtlos fleht: "Heul doch nicht, Charlie. Lass den Quatsch. Das ist doch kein Grund zum Heulen."

Man kann in diesen Roman gewiss viel hineininterpretieren.
Letztlich jedoch überträgt Plenzdorf den Stoff des Werther auf die heutigen Lebensumstände, um - wie einst Goethe - am Exempel eines atypischen jungen Mannes aufzuzeigen, dass in einer ethisch normierten Gesellschaft, die von traditionellen Rollenbildern und einem vorgefertigten Menschenverständnis durchsetzt ist, der individuelle Entfaltung des Einzelnen weder Raum noch Akzeptanz gegeben wird. Sei es in der bigotten Wertegesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts, sei es im sozialistischen Arbeiterstaat der DDR.

Mag Goethes Werther auch literarisch hochwertiger und literaturgeschichtlich bedeutender sein, so ist Plenzdorfs Wibeau gegenwärtig doch weitaus lebensnäher, nachvollziehbarer und in seiner jugendlichen Sprache und Gestaltung Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Generation: der Jugend von heute.


Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch)
Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch)
von Martin Walser
  Broschiert
Preis: EUR 6,50

45 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychogramm mit Pferd, 24. August 2007
Ein ruhiges Urlaubsdomizil am Bodensee. Seit Jahren schon pflegt Oberstudienrat Helmut Halm zusammen mit seiner Frau Sabine hier seinen Urlaub zu verbringen. Es sind diese vier Wochen im Sommer, die es Halm einmal im Jahr erlauben, dem alltäglichen Trott zu entfliehen und mal ganz er selbst zu sein. Und dann steht da plötzlich dieser Klaus Buch vor ihm, dieser ehemalige Schul- und Studienfreund, der so anders ist als Helmut, jung, aktiv, lebensfroh, der von dessen angestammten Urlaubsort so spricht: "Das ist schon ein Scheißsee. (...) Das sei vielleicht was für Opas, in deren Wipfeln Ruh ist. Jetzt schau dich doch einmal um, diese Gegend, eingeschlafen für immer. Ich schwör' dir. Hier geht nichts mehr. Wir sind im Totenreich. Farbloses farblos im Farblosen."

Nicht segeln, nicht schwimmen oder Rad fahren - alles was er sich für diesen Urlaub vorgenommen hat, ist die fünfbändigen Tagebücher des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zu lesen. Auch wenn er letztlich über ein paar Seiten nicht hinauskommt, allein diese Vorstellung von Urlaubsbetätigung sagt viel über Helmut Halm aus, den Lehrer, der nichts mehr vom Leben erwartet. Der, obwohl erst Ende Vierzig, bereits in einem lebensträgen Phlegma gefangen ist. Der in seiner Isolation vor dem Leben in stiller Angst vor jeder Geselligkeit, vor menschlicher Nähe, vor sozialen Kontakten lebt. Der in seiner kühlen, abweisenden Natur den einzigen Weg gefunden hat, von Mitmenschen nicht erkannt und durchschaut zu werden. Ohne nahestehende Freunde oder Bekannten, die ihn, seine Lebensweise und Spleens kennen, muss er nicht fürchten, seelisch entblößt zu werden, muss er nicht fürchten, seine Gefühle preiszugeben, die alleinige Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Ein Leben ohne Emotionen - ohne sichtbare Emotionen. Helmut Halm - ein Misanthrop, dem plötzlich aufgezeigt wird, dass seine selbstgewählte Lebensabstinenz keineswegs alternativlos ist, dass doch auch er auf eine leutselige Jugend zurückblicken kann, damals, als er noch der "Ha-Ha" genannt wurde, der Ha-Ha, der jeden Unfug mitmachte. Klaus Buch steht vor ihm.

Klaus Buch? Aufs Verrecken nicht will er sich erinnern an diesen braungebrannten, athletischen Sunnny-Boy, der sein einstiger Kommilitone gewesen sein soll.
Hatte Helmut anfangs nur skeptisches Kopfschütteln für den zwanghaft trendigen Habitus Klaus' übrig gehabt, so entwickelt sich der zufällige Urlaubstreff zunehmend zu einem Wettkampf zweier Charaktertypen: In Gestalt von Klaus Buch steht dem introvertierten, menschenscheuen Helmut der personifizierte Widerspruch gegenüber: lebensfreudig, aufgeschlossen, jovial, attraktiv, vollschlanke Freundin im Arm.
Während er sich die ersten gemeinsamen Urlaubsaktivitäten über gänzlich unberührt zeigte von der Dynamik, vom Aktivitätendrang und der körperlichen Fitness seines Pendants, lässt ein Ereignis Helmut aufzeigen, dass diese Koinzidenz am Bodensee immer mehr zur Wachablösung einer Lebenseinstellung wird: Ein fliehendes Pferd, das selbst der Besitzer nicht zu bändigen weiß, kommt auf die Wandergruppe zugeschossen. Während Helmut hastig zurückweicht und gar Mühe hat, seine Spanielhündin zurückzuhalten, nähert sich Klaus, scheinbar in seiner Manneskraft herausgefordert, dem Tier, als dieses am Wiesenrand rastet.
Indem er blitzartig auf dessen Rücken springt, trotz heftigem Widerstreben des Pferdes dessen Herr bleibt und, nach wildem Ritt triumphal zurückkehrend, das Tier seinem Besitzer demonstrativ übergeben kann, hält Klaus seinem gleichaltrigen Schulfreund den Spiegel vor: Klaus' Leben in seinem offenkundigen Erfolg, seiner Unbekümmertheit und ausgelassenen Heiterkeit konterkariert eindringlich die halmsche Einsiedelei, und auch Helmut wird bewusst, dass ihm, dem routinierten und in dieser Routine erschlaffenden Biedermann, unwillkürlich der Staffelstab aus der Hand genommen wird vom Abenteuer, der Nonchalance und Lebensfreude seines Schulfreunds. Dennoch wird der Wunsch nach Veränderung in Helmut erst - und auch da nur latent - hervorgerufen, als dessen Frau Sabine auf die beständige Sexualunlust ihres Mannes hin mürrisch repliziert: "Dann frag ich eben Klaus, ob er mit mir schlafen will."

Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" ist gleichsam eine Synkrisis zweier Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Indem dem braven, pflichtbewussten Kleinbürger Helmut durch die Konfrontation mit seinem ehemaligen Kommilitonen Klaus aufgezeigt wird, dass auch ein vitales, abenteuerlustiges, leutseliges Leben zu Erfolg und Anerkennung führen kann, wird in ihm schließlich das ungute Gefühl evoziert, etwas verpasst zu haben im Leben. Auch wenn er mit sich selbst, seiner Reserviertheit und Apathie voll zufrieden ist, auch wenn er weder Willen, noch Kraft zur Selbständerung hat, so ruft dieser Klaus in seinem plötzlichen Auftreten und der Penetranz seiner Selbstdarstellung in Helmut die Unruhe hervor, sein Leben derweil verschenkt zu haben und zum "schicksallosen Kleinbürger" geworden zu sein, der nach Klaus' Meinung nichts anderes sei als ein "spießig verwitterndes Harnsäurekonzentrat."
Das Psychogramm zweier Charaktere, das Walser in dieser Novelle zeichnet, ist in seiner schonungslosen Offenheit und seiner Authentizität beeindruckend. Und ebenso warnend: Indem ich Wesenszüge Helmuts so deutlich in mir selbst wiederentdeckt habe - Selbstverschluss, Emotionsleere, Distanz, Abgleiten aus Ruhe in Trägheit -, indem ich fast fatalistisch sicher bin, mal so zu enden, wie Helmut in seiner unberührbaren Lebensweise dargestellt wird, und trotz allem Widerstreben glaube, dies nicht beeinflussen, geschweige denn ändern zu können, hat "Ein fliehendes Pferd" mich endlich mit der Frage konfrontiert, was ich denn selbst von meinem Leben erwarte, wie meine Zukunft aussehen soll, was mir wichtiger ist: Anerkennung oder Spaß? Erfolg oder Freiheit? Ruhe oder Party?
Zumal da ich gerade vor der wichtigen Frage nach der idealen Berufs- und Studienwahl stehe und damit vor meiner kurz- bis mittelfristigen Lebensplanung, diente Walsers Novelle als dankbare Orientierungshilfe, auch wenn sie letztlich keine eindeutige Hilfe gibt:

"Du musst gerettet werden. Du brauchst mich, Helmut, das spür' ich." - Auf dem gemeinsamen Segeltörn, auf dem Klaus das Angebot an Helmut ausspricht, mit ihm auf die Bahamas zu kommen, um dort den Neuanfang eines anderen, aufregenden, forschen Lebens zu setzen, kommt plötzlich ein wütender Sturm auf, der nochmals beide Charaktere in ihren Extremen gegenüberstellt: Während Klaus sich an immer stärker werdenden Böen erfreut, bittet Helmut ängstlich, doch bitte das nächste Ufer anzusteuern. Auf dem Höhepunkt des Unwetters - Klaus frohlockt ob des maritimen Abenteuers - stürzt der Bonvivant (unter unglücklicher Mithilfe Helmuts) von Bord. Helmut erreicht das Ufer. Ohne Klaus.
Was dann geschieht, kehrt die bisherige Konstellation gänzlich um: Während Helene, die wohlgeformte Freundin Klaus Buchs, von ihrer Abstinenzler- und Low-Fat-Trennkost-Linie abkommt, zu trinken, rauchen und gar Kuchen zu essen beginnt, gehen die Halms plötzlich in Aktivitätendrang und Vitalität auf, kaufen Fahrradausrüstung und Sportkleidung.
Und dann steht plötzlich Klaus vor der Tür...
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 24, 2012 9:04 PM CET


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