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Rezensionen verfasst von
Igelmanu

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Die Eismacher: Roman
Die Eismacher: Roman
von Ernest van der Kwast
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Zwischen zwei Welten, 24. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Eismacher: Roman (Gebundene Ausgabe)
»Enrico erzählte von der Herstellung, von den verschiedenen Schritten. Eine Art Alchemie. Wie der gefrorene Schnee mit einem kleinen Hammer zerbröckelt und in eine Holztonne geschüttet wird, rings um einen Metallzylinder, wobei man Salz hinzugibt, um den Schmelzpunkt abzusenken. Wie der Brei, aus dem das Speiseeis werden soll, in den Zylinder der mechanischen Eismaschine gegossen wird. Wie der Eismacher schließlich die Kurbel zu drehen beginnt und das Rührwerk die Masse zur kalten Zylinderwand befördert und wieder abstreift. Drehen, drehen, drehen. Wie sich am Rand das erste Eis bildet, noch spröde. Wie Luftbläschen in die Masse gelangen und wie sie an Umfang zunimmt. Rosa Erdbeereis, graugrünes Pistazieneis, zimtfarbenes Schokoladeneis. Drehen. Bis es fest und dick und köstlich ist.«

Fasziniert lauscht Giuseppe Talamini den Worten Enricos. Es ist das Jahr 1891, Giuseppe ist noch ein Junge und arbeitet zusammen mit den Männern von Venas di Cadore, einem kleinen Ort in den Dolomiten, bei der Schneeernte. Eine harte Arbeit, große Brocken aus dem Schnee zu hacken und Waggons damit zu beladen und dass man aus diesem Schnee etwas machen kann, was der Beschreibung nach eine wahre Köstlichkeit ist, ist kaum zu glauben. Trotzdem verliert er sogleich sein Herz an diesen Gedanken: Er will ein Eismacher werden! Und entgegen aller Widerstände, aller Klagen seiner Familie, dass er den Verstand verloren hätte und sich eine ordentliche Arbeit suchen solle, erreicht er sein Ziel, verwirklicht seinen Traum.
Mehr als hundert Jahre später sind ihm weitere Generationen von Eismachern gefolgt. Sein Sohn übernahm das Eiscafé von ihm, danach dessen Sohn und nun wäre die Reihe an Giovanni Talamini, doch dessen große Liebe gilt nicht dem Eis, sondern der Literatur…

Dies ist ein Buch, in dem man sich beim Lesen verlieren kann. So schön ist die Geschichte, die es erzählt. Eine Geschichte, die malerische Landschaften zeigt, Speiseeis in einer solchen Vielfalt und Präzision beschreibt, dass man beständig Appetit bekommt und dazwischen über Lyrik schwärmt.
Aber es ist auch eine Geschichte, die nicht ohne Dramatik ist. Denn zwischen Urgroßvater und Urenkel liegen weitere Generationen, die sich in ihr Schicksal fügten, ihre eigenen Wünsche ignorierend. Auch Giovannis Vater tat seine Pflicht, obwohl er sich ein anderes Leben gewünscht hätte. Bezeichnend seine Anklage:
»Ich habe siebenundfünfzig Jahre lang keinen Sommer gehabt.«
Sommer, die Zeit, die für einen Eismacher acht Monate pausenloses Schuften bedeutet. Giovannis Bruder Luca folgt der Tradition und arbeitet täglich im Eiscafé. Gefangen in ihren eigenen Zwängen überziehen die beiden Giovanni mit Vorwürfen.

So detailliert, wie das Leben der Eismacher beschrieben wird, wird auch das Leben Giovannis beschrieben, der in einem Verlag arbeitet, dort die Lyriker betreut und für die Organisation von Festivals um die ganze Welt reist. Ein Leben, das ihn glücklich macht und das er sich trotzdem nie gestattet, aus vollem Herzen zu genießen.

Bei allem Anspruch sind die Texte manchmal herrlich amüsant, schon die Überschriften der Kapitel treffen einerseits den Punkt und lassen andererseits den Humor des Autors erkennen. Beispiel? Gleich das erste Kapitel trägt den Titel »Wie mein Vater sein Herz an eine 83 Kilo schwere Hammerwerferin verlor«. Mich hatte das Buch bereits auf dieser ersten Seite gepackt.

So verfolgt man die Lebensgeschichte Giovannis, beginnend mit einem ausführlichen Rückblick auf das Leben seines Urgroßvaters und eins ist dabei schnell klar: Der Begründer der Eismacher-Familientradition war genauso wie sein Urenkel seinem eigenen Traum gefolgt. Aber vermutlich konnte er nach Erreichen seines Ziels einfach nur glücklich sein, Giovanni lebt in ständigem Konflikt, auch mit sich selbst, er wird zum Wandler zwischen zwei Welten.

Der Stil ist wunderbar leicht zu lesen und man bleibt gerne dran. Allerdings: Die Kapitel, die sich mit der Lyrik und Giovannis Verlagsarbeit befassten, waren mir an einigen Stellen etwas zu ausführlich. Es mag daran liegen, dass Lyrik nicht so meins ist. Jedenfalls merkte ich bei einigen Abschnitten, dass es mich doch danach verlangte, wieder ins Eiscafé zu kommen ;-) Wer Lyrik mag, wird sich über die Liste der zitierten Gedichte im Anhang freuen, erleichtern sie doch die Zuordnung der diversen Zitate sehr.

Fazit: Eine große Geschichte, sehr schön und eindringlich erzählt.

»Eng und klein / Das Herz, das Einem nur mag Liebe weihn, / Das Hirn, in dem nur Ein Gedanke brennt, / Das Leben, das nur Einen Zweck erkennt, / Der Geist, der Eins nur schafft, und wahndurchgraut / Ein Grabmal seiner Ewigkeit erbaut!« (Percy Bysshe Shelley)


Seegrund: Kluftingers dritter Fall
Seegrund: Kluftingers dritter Fall
von Volker Klüpfel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Kultiger Kommissar und faszinierender Fall, 24. Juni 2016
»Mit einem Schlag schien es kälter als zuvor. Sein Blick wurde ebenso starr wie der von Yumiko. Er schluckte, schloss für einen Moment die Augen, öffnete sie wieder - was er sah, war real: Etwa zehn Meter entfernt, nur wenige Schritte vom Seeufer, lag ein Mann im Schnee. Er steckte in einem eng anliegenden schwarzen Anzug und lag auf dem Bauch, die Arme weit vom Körper weggestreckt. Er war nicht besonders groß, wirkte aber muskulös. Der Kopf lag so, dass der Kommissar das Gesicht nicht sehen konnte. Dunkelblondes Haar klebte nass am Schädel des jungen Mannes. Doch Kluftigers und Yumikos Aufmerksamkeit wurde von einem anderen Detail gefangen genommen: In einem Radius von beinahe zwei Metern um den Körper hatte sich der Schnee dunkelrot verfärbt. Offensichtlich lag der Mann in einer unvorstellbar großen Blutlache.«

Eigentlich sollte der Familienausflug der Kluftingers nach Neuschwanstein gehen, doch Kluftinger, den es vor den Touristenscharen dort grauste, überredete Frau, Sohn und dessen neue Freundin, doch stattdessen zum malerischen Alatsee zu fahren. Natürlich konnte er nicht ahnen, welche schockierende Entdeckung dort auf sie warten würde...

Unversehens hat Klufti also wieder einen verzwickten Fall zu lösen. Dabei spielen die ökologischen Besonderheiten des Alatsees eine große Rolle und Klufti muss bei seinen Ermittlungen zudem weit in der Vergangenheit forschen. Und als wenn das noch nicht schwer genug wäre, plagt er sich mit einer schweren Erkältung rum und muss mit einer Kollegin aus Füssen zusammenarbeiten. Und diese Kollegin ist noch mal ein Charakter für sich!

Auch dieser Klufti-Krimi gefiel mir sehr! Wie schon in den Vorgängerbänden (Milchgeld, Erntedank) wird reichlich Lokalkolorit geboten und Kluftinger brilliert als Allgäuer Original. Faszinierend fand ich zudem die Infos rund um den Alatsee, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte, der jetzt aber auf der Liste der Orte steht, die ich unbedingt noch bereisen möchte. Einiges an geschichtlichen Ereignissen und Mythen rankt sich zudem um den See, was im Buch in einer spannenden Handlung umgesetzt wird. Beim Krimi selbst stimmt auch alles, es wird logisch ermittelt, die Auflösung ist schlüssig und die sich durchs Buch ziehenden Rückblenden, die sich chronologisch immer mehr in die Vergangenheit bewegen, machen neugierig und erhöhen die Spannung.

Normalerweise ist mir bei einem Krimi immer wichtig, dass nicht zuviel Privates rund um die Ermittler präsentiert wird. Ich gestehe, dass es mir bei Kluftinger anders geht und ich jeden Abschnitt, in dem er eins seiner ewigen Duelle mit seinem schnieken und intellektuellen Nachbarn ausficht, genieße. Wenn er sich dann noch der Freundin seines Sohnes zuliebe in ein japanisches Restaurant wagt oder an seiner "chronischen Leichenunverträglichkeit" laboriert, hab ich beim Lesen ein breites Grinsen im Gesicht. Eine Zeitung bezeichnete Kluftinger mal als „den Columbo von Altusried“ – dem mag ich mir nur anschließen.

Fazit: Erneut ein toller Regionalkrimi mit einem richtigen Ermittler-Original.

»Hm, wieder so ein Rätsel«, knurrte der Kommissar. »Wär ich an diesem Sonntag doch bloß nach Neuschwanstein gegangen ... Kruzifix!«


Erntedank: Kluftingers zweiter Fall
Erntedank: Kluftingers zweiter Fall
von Volker Klüpfel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Es ist ein Schnitter, der heißt Tod…, 24. Juni 2016
»Er presste die Zähne zusammen und blickte starr auf das Bild, das sich ihm bot. Vor ihm lag ein Mann, nur mit einer Hose, Strümpfen und einem ehemals weißen, jetzt ziemlich verdreckten Hemd bekleidet. Sein Kragen war von verkrustetem Blut dunkelrot, fast schwarz gefärbt. Eine tiefe, klaffende Wunde zog sich quer über den Hals des Mannes. Auf der Stirn klebte ebenfalls eingetrocknetes Blut. Doch das war es nicht, was den Kommissar und offenbar auch die anderen Kollegen so aus der Fassung brachte. Auf der Brust des Mannes lag, mit ausgebreiteten Flügeln, ein toter, pechschwarzer Vogel.«

Ein wirklich schauriger Fund, der nicht nur Kluftinger (der ja bekanntlich auf Leichenfunde sehr sensibel reagiert), sondern auch sein ganzes Team entsetzt. Weshalb drapierte der Täter einen toten Vogel auf der Brust seines Opfers? Was wollte er damit aussagen? Als nur wenig später ein zweites Mordopfer gefunden wird, erkennen die Ermittler zwei Dinge: Scheinbar orientiert sich der Täter an alten Sagen. Und mit großer Wahrscheinlichkeit hat er sein Werk noch nicht vollendet...

An diesem Klufti hatte ich wieder viel Spaß! Schon der erste Fall des Allgäuer Ermittlers (Milchgeld) gefiel mir sehr und dieser hier hält das hohe Niveau. Die Kombi stimmt einfach, Klufti und sein Team sind mir schwer sympathisch und der Fall einfallsreich gestrickt, spannend geschrieben und in der Auflösung stimmig.

Unbedingte Voraussetzung für den Lesegenuss ist aber, dass man keine "Bayern-Unverträglichkeit" hat, denn bayerisch wird's nicht zu knapp - wir haben hier einen Regionalkrimi vom Feinsten. Kluftinger verkörpert fast jedes Klischee, das man dieser Ecke Deutschlands nachsagt, ist dabei aber so liebenswert und wirkt so "echt", dass ich ihn von Anfang an ins Herz geschlossen hatte. Und immerhin, im Vergleich zu seinem Vorgesetzten, der zu meiner großen Erheiterung in allertiefstem Dialekt parliert („Homm S‘ wos rausgfundn?“), spricht Kluftinger ein lupenreines Hochdeutsch ;-)

Aber Klufti ist nicht nur ein unterhaltsames Original, sondern auch ein toller Ermittler. Er grübelt, arbeitet planvoll und sein Vorgehen sowie die Auflösung erschienen mir logisch und schlüssig. Die Thematik rund um die regionale Sagenwelt fand ich zudem höchst interessant! Die einzelnen Kapitel werden jeweils von einer Strophe des Erntelieds von Clemens Brentano eingeleitet und ich war jedes Mal gespannt, was der „Schnitter“ wohl weiter vorhat.

Fazit: ich glaube, das wird meine Lieblingsreihe! Spannender Regionalkrimi mit einem liebenswert menschlichen Ermittler.

»Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
er mäht das Korn, wenn’s Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Daß schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du mußt es nur leiden;
Mußt in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!«


Der Nordseespuk: Ein Theodor-Storm-Krimi
Der Nordseespuk: Ein Theodor-Storm-Krimi
von Tilman Spreckelsen
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Nicht drin, was draufsteht, 10. Juni 2016
»Als ich wieder dort ankam, wo ich den Kelch gesehen hatte, ließ ich die Leiter vorsichtig in den Schlick gleiten, bis sie flach darauf lag. Ich kletterte herunter und blieb auf der Leiter liegen. Was immer die Leute in den Hafen geschmissen hatten, faulte hier vor sich hin. Weil ich im Dunkeln nur Umrisse sah, musste ich nach dem Kelch tasten. Ich fasste in verrottendes Gemüse, Scherben, Tierknochen und Federn, meine Hände waren nach kurzer Zeit schleimig und stanken schlimm. Einmal schnitt ich mir an einer Muschelschale den Daumen auf. Irgendwann war da Stoff unter meinen Fingern, grob gewebt, trocken und einigermaßen steif. Und unter dem Stoff etwas Festes.
Der Kelch war das nicht, der war verschwunden. Ich musste zweimal hinsehen, um zu erkennen, was an seiner Stelle lag: der ausgestreckte Körper eines Mannes, halbnackt, reglos, das Gesicht in den Boden gedrückt.«

Husum, kurz vor Weihnachten 1843. Während die übrigen Bewohner der Stadt in ihren Betten schlummern, hat Peter Söt, Schreiber bei Rechtsanwalt Theodor Storm den Abend wie üblich verbracht, nämlich in Gesellschaft von reichlichen Mengen Branntwein. Daher gibt es auch niemanden, der bezeugen könnte, dass Söt im Hafenbecken zunächst einen goldenen Kelch und anschließend einen Toten gefunden hat und dass er vor allem nichts mit dessen Tod zu schaffen hat. Selbsthilfe ist also angesagt, zumal Söts Situation nach dem Auffinden einer weiteren Leiche noch prekärer wird. Gemeinsam mit Storm und dessen Cousine Constanze versucht er herauszufinden, wer für die Morde verantwortlich ist, was es mit dem goldenen (und nun verschwundenen) Kelch auf sich hat und wie eine mysteriöse Sekte, deren Mitglieder sich als Anhänger der Jungfrau Antoinette Bourignon bezeichnen, ins Bild passt…

Ich mag historische Krimis sehr, habe mich aber über diesen hier mehrfach geärgert. Der Grund ist einfach: Es ist nicht drin, was draufsteht. Das erste, das fehlt, ist der „Spuk“. Gut, die Sekte hatte ein paar ungewöhnliche Rituale und die Jungfrau pausenlos Visionen, außerdem war ein Kelch in einem Moment noch da und im nächsten verschwunden. Als „Spuk“ finde ich das aber reichlich dünn.
Das zweite, vielleicht noch gravierendere, ist der „Theodor-Storm-Krimi“. Dieses Buch ist ein Krimi, einverstanden. Und es taucht eine Person namens Theodor Storm auf, die auch den historischen Vorgaben entspricht, also zur richtigen Zeit in Husum lebt und als Anwalt arbeitet. Aber das war es dann leider auch. Der Storm im Buch tritt als Ermittler fast nicht in Erscheinung, erscheint nicht mal sonderlich intelligent und schon gar nicht lässt er in irgendeiner Weise erahnen, dass er nicht nur Jurist, sondern auch ein bedeutender Schriftsteller war. Da ich davon ausging, hier einen Dichter als Ermittler erleben zu können, war ich wirklich enttäuscht und fühlte mich getäuscht. Gleich „Peter-Söt-Krimi“, „Historischer Nordseekrimi“ oder ähnliches zu schreiben wäre ehrlicher gewesen. Dann hätte ich mich beim Lesen auch nicht ärgern müssen, sondern ich hätte mich entspannt um den eigentlichen Krimi kümmern können.

Diesen würde ich zwar nicht als umwerfend, aber als solide bezeichnen. Man darf als Leser aber keine großartigen Leistungen im Bereich der Deduktion erwarten (auch wenn sich einem dieser Gedanke durch die Konstellation „Schreiber berichtet aus seiner Erzählperspektive über die (angeblichen) Ermittlungstätigkeiten seines Chefs/Kollegen/Freundes“ gelegentlich aufdrängt). Die Atmosphäre der Stadt wird sehr schön deutlich und durch den ruhigen Stils des Buchs noch unterstrichen. Durchaus gelungen ist, wie die Geschichte der Antoinette Bourignon in die Handlung eingeflochten wird. Was ihren historischen Hintergrund angeht, scheint der Autor auch ordentlich recherchiert zu haben und ich fand diesen Teil, sowie alles, was es über die Sektenmitglieder, ihre Ansichten und Rituale zu lesen gab – zwar nicht gruselig – aber sehr interessant.

Fazit: Solider Krimi, aber leider ist nicht drin, was draufsteht.


Westermann und Fräulein Gabriele: Roman
Westermann und Fräulein Gabriele: Roman
von Katharina Münk
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen Der Anarchist mit der Schreibmaschine, 10. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
»Frau Marelli, können Sie eigentlich Schreibmaschine schreiben?«
Er sah sie nicht, stellte sich aber vor, wie ihre rechte Hand bewegungslos auf der Maus verharrte und sie nachdachte. … »Was soll die Frage?«, rief sie herüber. … »Ich donnere hier mit vierhundert Anschlägen durch das System, und Sie fragen mich, ob ich Schreibmaschine schreiben kann?«
Westermann … trat wieder in ihr Büro. »Ich meine so eine Maschine mit Wagen, der beim Tippen so lange nach links fährt, bis es klingelt und Sie dann den Rückführhebel nach rechts betätigen müssen, um das Teil wieder herüberzuschieben. Da knallt per Tastendruck der Typenhebel mit der Type auf die Walze, und Sie schreiben direkt mittels Druckerschwärze auf Papier! … Klack, klackklack, klack. Verstehen Sie?«
»Nein«, sagte sie.
»Diesen alten Film mit Jerry Lewis kennen Sie nicht, oder?« Er bewegte nun alle zehn Finger in der Luft, sagte irgendwann »Ping« und imitierte anschließend mit der linken Hand den Wagenanschub.
»Soll ich Ihnen eine Tablette auflösen?«

Als Richard Westermann zur Trauerfeier für den bedeutenden Autoren Rupertus Höfer geht, ahnt er noch nicht, dass diese Feier sein ganzes Leben verändern wird. Doch was die alte mechanische Schreibmaschine, die auf Höfers Sarg steht, in ihm auslöst, kann man nur mit „Liebe auf den ersten Blick“ beschreiben. Westermann, IT-Vorstand und bislang fest etabliert in der digitalen Welt, betritt eine ganz andere – eine analoge, entschleunigte und zudem ausspähsichere…

Dieses Buch hat mir richtig Spaß gemacht! Das Szenario selber ist schon herrlich – und mal ehrlich: Die analoge Welt wirkt zwar heute umständlich und veraltet, hatte aber auch ihre Vorteile. Westermann betritt diese für ihn neue (alte) Welt und ist Willens, genau diese Vorteile für sich zu entdecken. Zunächst einmal heißt es aber sich zu orientieren, sein Leben umzustellen und vor allem, reichlich Widerständen zu trotzen und sich in der Öffentlichkeit mutig zu behaupten. Wie es aussieht, wenn ein IT-Vorstand bei einer Pressekonferenz mit einer mechanischen Schreibmaschine auftaucht, kann man sich vorstellen!

Zu der einfallsreichen Handlung gesellt sich mit Westermann ein Charakter, der ein wirklicher Sympathieträger ist. Ein bisschen eigen, ein wenig schräg, mit einer ungewöhnlichen Vorliebe für Beerdigungen und dem seit früher Kindheit gelebten Vorsatz, „einmal am Tag etwas zu tun, vor dem man Angst hat“. Auch bei den weiteren Charakteren sind einige sehr interessante dabei und bei jedem davon kann der Leser gespannt sein, wie er wohl auf die gute „Gabriele“ reagieren wird…
»Hörst du dieses fette Klackern? Oder ist das mehr ein Schnalzen? Und der Wagenrücklauf – es ist, als würde sie ganz kurz Luft holen, bevor sie einrastet. Da ist so eine Spannkraft im Ton, total dynamisch.«

Das Handlungsspektrum umfasst (abgesehen von Schreibmaschinen und Beerdigungen) sowohl die berufliche Welt unseres Protagonisten mit diversem, was es in der IT-Branche an Themen geben kann, als auch sein Privatleben, in dem es um seinen Sohn, die Nachbarin und seine über achtzigjährige Mutter Yolanda geht, die ausgerechnet jetzt beginnt, bei „Tracebook zu schetten“ und das „Internetz“ zu erobern.

Fazit: Ein rundum gelungenes Lesevergnügen!

»Sein Blick ging … unwillkürlich zur Tür zwischen Küche und Flur hinüber, wie um sich zu vergewissern oder vielmehr um sich ultimativ anzufreunden mit dem, was er da vorhatte an diesem Tag: die Maschine mitzunehmen. Er hatte sie bereits aus der Waffenkammer geholt und griffbereit in den Türrahmen gestellt. Jeden Tag etwas tun, wovor man Angst hatte – und dies würde etwas für die ganz Harten werden. Eine Meditation für Fortgeschrittene unter völliger Ausschaltung des gesunden Menschenverstands und jeglicher Planung. Schön bekloppt eigentlich. Westermann kam sich jetzt schon vor wie ein Anarchist.«


Revival: Roman
Revival: Roman
von Stephen King
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Etwas war passiert., 23. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Revival: Roman (Gebundene Ausgabe)
»Zitternd blickte ich zum Mond hinauf und fragte mich, wer – oder was – mich da im Griff gehabt hatte. Dass ich von etwas beherrscht worden war, war mir nämlich klar. Als ich wieder in meinem Zimmer lag …, bemerkte ich, dass ich in eine Glasscherbe getreten war und mir ziemlich übel den Fuß aufgeschnitten hatte. Davon hätte ich aufwachen müssen, aber das war nicht geschehen. Weshalb? Weil ich gar nicht geschlafen hatte. Da war ich mir sicher. Etwas hatte mich aus mir selbst herausgeholt und dann die Gewalt über mich übernommen, um mich wie ein Automobil zu steuern. ……
Etwas war passiert.«

Jamie Morton ist sechs Jahre alt, als er Charles Jacobs kennenlernt. Dieser ist ein junger, methodistischer Pfarrer und gerade neu in der Gemeinde von Jamies Familie. Mit seinem Charisma gewinnt der junge Prediger schnell die Herzen der ganzen Gemeinde und auch die Jugend liebt ihn und seine Art, mit elektrischen Spielereien und kleinen Zaubertricks biblische Inhalte zu vermitteln. Nach einem furchtbaren Unfall jedoch verliert Jacobs seinen Glauben und verlässt die Gemeinde. Viele Jahre später begegnen er und Jamie sich wieder. Jamie ist zu dieser Zeit ein drogenabhängiger Musiker und völlig am Boden und Jacobs eine Art von Magier, der auf Jahrmärkten elektrische Experimente vorführt. In der Folgezeit werden sich die Wege der beiden immer wieder kreuzen und Jamie erkennt, dass Jacobs‘ Experimente von Mal zu Mal spektakulärer werden, scheinbar nicht ohne Folgen bleiben und auf irgendein unbekanntes, aber vermutlich schreckliches Ziel hinsteuern...

Mit diesem Buch beweist Stephen King erneut, dass (gefühlt) in jeder Kleinstadt in Neuengland das Böse haust. Anfänglich wirkt alles harmonisch, friedlich, idyllisch. Wer King kennt, der weiß, dass dieser Schein trügt. Langsam schleicht sich das Grauen an, überfällt Protagonisten und Leser wie aus heiterem Himmel und lauert von dieser Zeit an bedrohlich und beständig im Hintergrund. Von Zeit zu Zeit blitzt es ein wenig auf, tarnt sich dann mit Phasen voller vermeintlicher Normalität um sich letztlich zu einem furiosen Höhepunkt hin zu steigern. Ich persönlich finde diese Art des Spannungsaufbaus genial, ich könnte mir aber vorstellen, dass anderen Lesern diese zwischenzeitlichen „Normalphasen“ zu ruhig sind.

Für mich waren die etwas über 500 Seiten viel zu schnell gelesen. Lediglich den Höhepunkt hatte ich mir persönlich noch grauslicher vorgestellt. Aber welche Schilderung kann schließlich auch gegen die eigene Phantasie bestehen?

Fazit: Da hat Mr. King ja wieder einen fiesen Alptraum gehabt! Den Leser freut’s ;-)

»Den größten Teil meines Lebens habe ich jene verflucht, die versuchen, diese Stupidität und Sinnlosigkeit zu erklären, indem sie was vom Glauben schwafeln und Kindergeschichten über den Himmel erzählen. Derartiges Geschwätz hat mich nie getröstet, und das gilt mit Sicherheit auch für dich. Aber dennoch … da ist etwas.«


Heißes Blut, kalte Nerven: Roman
Heißes Blut, kalte Nerven: Roman
von Arto Paasilinna
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

4.0 von 5 Sternen Schwarzer Humor und ein interessanter Überblick über ein Jahrhundert finnischer Geschichte, 14. Mai 2016
»Hanna belächelte den tierischen Ernst ihres Mannes. Sie erklärte, dass Linnea es nicht böse meine und dass sie keineswegs eine primitive Wahrsagerin, sondern eine in jeder Hinsicht vernünftige Frau aus dem Volk sei, die nur zufällig eine besondere Begabung besitze. Tuomas solle doch bitte schön seinen großen Mund halten, wenn die Frauen über Seelisches und über Erscheinungen sprächen, wovon die dickschädeligen Männer absolut nichts begreifen würden.«

Was Tuomas so gar nicht begreifen kann, ist, dass seine sonst so vernünftige Frau der Weissagung von Linnea, ihres Zeichens Hebamme, Wahrsagerin und Fischerin, Glauben schenkt. Es ist Januar 1918, gerade wurde sein jüngster Sohn Antti geboren und dieser wird, allen Kriegsgefahren zum Trotz, laut Linnea ein alter Mann werden und erst im Jahr 1990 sterben, präzise am 12. Juli.

In der Folge kann der Leser Antti durch ein aufregendes Jahrhundert finnischer Geschichte begleiten. Dabei gerät er - ebenfalls im Bewusstsein der überlebenssichernden Prophezeiung – in viele gefährliche Situationen, erlebt Höhen und Tiefen und ist irgendwann auch im Jahr 1990 angekommen…

Dieses Buch hat mich positiv überrascht. Als alter Paasilinna-Fan musste ich es natürlich lesen, trotzdem hatte mich die Inhaltsangabe zunächst nicht sonderlich gereizt. Nun stelle ich fest, dass die Geschichte Finnlands im 20. Jahrhundert hochinteressant ist und von Paasilinna in gewohnt schwarzhumoriger Art und Weise und in seinem ganz besonderen Stil dargestellt wird. Das Thema „Tod“ bietet sich für schwarzen Humor aber auch bestens an und gestorben wurde zu dieser Zeit bekanntlich reichlich.
»Antti stirbt nicht im Krieg, hab keine Angst. Bei Tuomas bin ich mir nicht ganz sicher und bei den Pferden auch nicht, aber Tuomas ist ja schon recht alt, und Pferde kann man sich jederzeit neu kaufen.«

Auch die Charaktere sind typisch für Paasilinna. Sie haben es meist faustdick hinter den Ohren, viel Gutes in sich, diverse Schwächen und Charakterfehler und sind trotzdem – oder gerade deshalb – so sympathisch. Randnotiz für Fans: Natürlich taucht auch irgendwann Seppo Sorjonen, der menschliche Running Gag, auf. Ich verrate aber natürlich nicht, in welcher Funktion ;-)

Im Vorwort gibt die Übersetzerin übrigens schon mal ein paar Anmerkungen, die den deutschen Leser, der womöglich nicht gut mit der finnischen Geschichte vertraut ist, beim Verständnis unterstützen. Ich fand das sehr hilfreich! Wer sich allerdings überhaupt nicht für Geschichte interessiert und keine Schilderungen von Kriegsaktivitäten lesen mag, findet zu diesem Buch wahrscheinlich nur schlecht Zugang. Auch Leser, die sich mit dem Thema „Tod“ nur ernsthaft befassen möchten oder können, sind hier nicht richtig. Denn auch wenn Paasilinna an der einen oder anderen Stelle gerne mal einen gesellschafts- oder sozialkritischen Seitenhieb landet, ist bei ihm nun mal schwarzer Humor angesagt.

Fazit: Schräg, viel schwarzer Humor und ein interessanter Überblick über ein Jahrhundert finnischer Geschichte.


Das Papierhaus: Roman
Das Papierhaus: Roman
von Carlos María Domínguez
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,00

4.0 von 5 Sternen Sehr schönes Büchlein, perfekt für Bibliophile., 12. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Das Papierhaus: Roman (Gebundene Ausgabe)
»Ich hatte die herrliche Ausgabe der irischen Märchen mit einem Vorwort von William Butler Yeats und den Originalillustrationen von James Torrance schon einmal in der Hand gehabt, ebenso den unveröffentlichten privaten Briefwechsel des Marquis de Sade, und es hatte auch die Gelegenheit gegeben, für wenige Minuten Inkunabeln zu berühren, ihre Seiten umzublättern, ihr Gewicht zu prüfen – ein einmaliges Privileg. Aber kein Buch hatte mich je so verwirrt wie dieses rustikale Exemplar, dessen klamme, aufgequollene Seiten schon um ihrer selbst willen nach einer Lektüre verlangten.«

Die Literaturdozentin Bluma Lennon wird eines Tages – vertieft in ein Buch mit Gedichten von Emily Dickinson – von einem Auto überfahren und getötet. Der junge Kollege, der ihren Lehrstuhl übernimmt (und übrigens der Erzähler der Geschichte ist), erhält kurz darauf mit der Post ein arg mitgenommenes Buch, adressiert an Bluma. Weder gibt es einen Absender, noch ein Begleitschreiben. Die einzigen Spuren sind uruguayische Briefmarken und eine Widmung im Buch von unserer Dozentin an einen gewissen Carlos. Da den Erzähler mehr mit Bluma verband als nur Berufliches und das beschädigte Buch zudem seine Neugierde weckt, reist er nach Südamerika, um das Rätsel zu lösen…

Ein Buch für Bibliophile ist das – anders kann man es nicht sagen. Die Liebe zum gedruckten Wort springt dem Leser von jeder Seite entgegen, bei fast allen Charakteren steht das Buch im Mittelpunkt ihres Lebens. Selbstironisch werden die „klassischen“ Probleme des Bibliophilen angegangen, beispielsweise der chronische Platzmangel und der Wunsch nach immer noch mehr Büchern. Fasziniert las ich, was einem „Abhängigen“ so alles widerfahren kann! Im Klappentext wird das Buch als „eine hintersinnige Liebeserklärung“ bezeichnet, das trifft es sehr gut. Schöne Zeichnungen und eine fein formulierte Sprache runden den Lesegenuss ab. Der Nicht-Bibliophile allerdings wird nach der Lektüre vermutlich ein großes Fragezeichen im Gesicht haben ;-) Das Buch hat im Grunde nur ein Manko: Es ist so kurz, man würde gerne mehr davon lesen.

Fazit: Sehr schönes Büchlein, perfekt für Bibliophile. Ein wenig mehr Umfang wäre aber noch schöner gewesen.

» [Aber] Brauer ist immer ein zwanghafter Leser gewesen. Kaum hatte er Geld, schon setzte er es in Bücher um. Als ich ihn vor etlichen Jahren an den Bücherständen in der Tristán Narvaja kennengelernt habe, wusste ich auf Anhieb, dass er ein unrettbarer Fall war. Man kann das an der Haut erkennen; bei den Abhängigen ist sie leicht pergamentartig.«


Indianertod. Pastor Wolff und der Mordfall Winnetou
Indianertod. Pastor Wolff und der Mordfall Winnetou
von Rainer Buck
  Broschiert
Preis: EUR 12,95

4.0 von 5 Sternen Solider Krimi mit viel Karl-May-Feeling, 9. Mai 2016
»Als die beiden Helden des Westens nach erfolgreichem Kampf davonritten und die eingeschüchterten Roten noch mit einigen Pistolensalven in die Luft beeindruckten, fasste sich Winnetou plötzlich an die Brust. Keiner nahm zunächst Notiz davon, doch der Apatschenhäuptling krümmte sich plötzlich immer stärker im Sattel. Er glitt wie in Zeitlupe vom Pferd und blieb schließlich regungslos im Sand liegen.
Old Shatterhand bemerkte es als Erster, sprang aus dem Sattel und beugte sich über den Freund. Er kniete nieder, versuchte Winnetou aufzurichten, doch dessen Körper hatte jede Spannung verloren. Winnetous Kopf in seinen Schoß gebettet, schaute Old Shatterhand mit weit aufgerissenen Augen in die Runde und ins Zuschauer-Oval.«

Für einen kurzen Moment glaubt der pensionierte Kriminalkommissar Robert Falke, der eine Aufführung der Karl-May-Spiele in Bad Espefeld genießen wollte, dass man das Programm in Winnetou III geändert hätte. Doch dann wird ihm und dem Rest des geschockten Publikums klar, dass der Häuptling der Apachen diesmal tatsächlich in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist.

Manuel Wolff, im Hauptberuf Pastor und nebenbei Journalist, wollte eigentlich für seine Zeitung eine Kritik zu der Aufführung schreiben. Nun wird er, der ebenfalls im Publikum saß, zum Schreiber eines Sensationsberichts, den er zu gerne noch mit weiteren Infos ergänzen würde – zum Beispiel zum Täter. Manuel und sein Freund Robert (der sich viel zu früh pensioniert fühlt) beginnen zu ermitteln…

Na, das war ja mal ein interessantes Ermittlerduo! Manuel und Robert verbindet neben der gemeinsamen Bibelstunde die Liebe zu Karl May und beide wollen sich aus verschiedenen Gründen nicht allein darauf verlassen, dass die Polizei ihre Arbeit macht. Während der Charakter von Robert recht einfach gestrickt daherkommt (er wäre halt gerne noch aktiv ;-), ist der von Manuel schon vielschichtiger.
Ermittelnde Geistliche tauchen zwar in der Literatur immer mal wieder auf, aber auf einen ermittelnden Pastor, der zudem noch Journalist ist, bin ich noch nicht gestoßen. Auch darüber hinaus ist Manuel für einige Überraschungen gut, was jeden freuen dürfte, der gerne über die menschliche Seite, einschließlich menschlicher Verfehlungen und Schwächen, eines Geistlichen liest. Mir war er jedenfalls sehr sympathisch und ich schließe mich dem Autor an, der im Nachwort schreibt:
»Würde sich ein Pastor in der Figur des Manuel Wolff wiedererkennen, wäre er im Grunde nur zu beglückwünschen.«

Die eigentliche Krimihandlung erscheint klassisch und solide. Es gibt verschiedene Verdächtige, falsche Spuren und reichlich Stoff zum Miträtseln. Die kurzen Kapitel lassen sich flott lesen und verleiten dazu, immer „nur noch eins mehr“ lesen zu wollen. Es gibt allerdings sehr viel Privates und Zwischenmenschliches, was man den sympathischen Charakteren von Herzen gönnt, was aber aufgrund des Umfangs ein wenig die Spannung dämpft. Der Krimifreund sollte sich bewusst sein, dass neben der Jagd auf den Täter hier auch andere Dinge wichtig sind.

Auf seine Kosten kommt der Karl-May-Freund. Wer so wie ich als Kind die Bücher verschlungen und die Filme geliebt hat und wer vielleicht auch schon selbst eine (oder mehrere) Aufführungen einer Freilichtbühne besucht hat, der kann in aufkommenden Erinnerungen schwelgen. Witzig fand ich zudem, wenn gelegentlich in „normalen“ Gesprächen Ausdrücke wie „Greenhorns“ fielen oder eine Person einen Satz mit „wenn ich mich nicht irre“ beendete. :)

Fazit: Solider Krimi mit interessanten Charakteren, viel Menschlichem und ganz viel Karl-May-Feeling.

»Robert Falke konnte wie alle anderen im Publikum zunächst nicht begreifen, was da auf der Bühne passierte.
Spielen sie dieses Jahr doch wieder Winnetou III?, ging es ihm durch den Kopf. Neben ihm hatte Jessica ihr Eis fallenlassen und starrte konsterniert auf die Bühne. Als sich nun Rote-Kreuz-Kräfte zwischen den Reihen der Indianer durchkämpften und den wie gelähmt wirkenden Old Shatterhand zur Seite schoben, ging wohl dem Letzten im malerischen, unweit des Plöner Sees gelegenen Freilichttheater auf, dass etwas Schreckliches passiert war.«


Der Fall Moriarty: Eine Geschichte von Sherlock Holmes' großem Gegenspieler (insel taschenbuch)
Der Fall Moriarty: Eine Geschichte von Sherlock Holmes' großem Gegenspieler (insel taschenbuch)
von Anthony Horowitz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Durchaus gelungen, aber nicht so gut wie sein Vorgänger, 9. Mai 2016
»Sie wohnen in einem der oberen Stockwerke in einem altmodischen Wohnblock. Sie finden, dass Ihre Firma sich nicht genug um Sie kümmert, obwohl Sie doch einer ihrer erfolgreichsten Ermittler sind. Sie sind nicht verheiratet. Es tut mir leid, dass Ihre Überfahrt offenbar besonders unangenehm war – und zwar nicht nur wegen des scheußlichen Wetters am zweiten oder vielleicht dritten Tag. Sie haben den Verdacht, dass Ihre gesamte Reise ein völlig sinnloses Unterfangen ist. Ich hoffe aber um Ihretwillen, dass dies nicht der Fall ist.«

Inspector Athelney Jones von Scotland Yard ist ein großer Bewunderer von Sherlock Holmes und hat sich in dessen Fähigkeiten der Deduktion – wie man sieht – schwer geübt. Der amerikanische Detektiv Frederick Chase, mit dem er an den Reichenbachfällen, dem Ort, an dem Holmes und sein alter Widersacher Professor Moriarty gemeinsam in den Tod stürzten, zusammentrifft, scheint auch entsprechend beeindruckt zu sein.
Chase ist hinter dem berüchtigten amerikanischen Gangster Clarence Devereux her, der seine Geschäfte nach England ausdehnen will. Jones beschließt, diesen Verbrecher zu stoppen und mit Chase zusammenzuarbeiten. Tatsächlich tauchen schon bald die ersten grausam ermordeten Leichen auf und eine gefährliche Jagd beginnt, bei der sich den Ermittlern immer wieder eine Frage stellt: Kann es womöglich sein, dass Moriarty doch noch lebt?

Als ich mich nach „Das Geheimnis des weißen Bandes“ an dieses Buch machte, hatte ich mit einem weiteren Fall für Sherlock Holmes gerechnet. (Ich lese selten die Klappentexte ;-) Nun, Holmes wird regelmäßig erwähnt, taucht aber ansonsten nicht auf. Dafür gibt es Inspector Jones, der sich bemüht, in Holmes Fußstapfen zu treten. Zweifelsohne hat er dabei gute Ansätze, aber weder Holmes Charisma noch seine überragende Intelligenz. Darauf sollte man sich einrichten, sonst könnte man – durch zu hohe Erwartungen – enttäuscht werden.

Der zweite Ermittler (Chase) erscheint als interessanter Charakter, den man schwer einordnen kann. So gesehen ist er ein reizvoller Gegensatz zu Jones, dessen Charakter recht offensichtlich erscheint. Was die Gegenseite angeht, kommen die Personen ziemlich einfach daher, sie sind durch die Bank „nur böse“, haben also wenig Potential für Überraschungen.

Der Fall an sich ist klassisch aufgebaut und orientiert sich auch durch Erzählstil und Atmosphäre an den alten Sherlock Holmes Geschichten. Das, sowie eingebaute Überraschungen, würde ich als wirklich gelungen bezeichnen.

Fazit: Nicht so gut wie sein Vorgänger und Inspector Jones kann sich bemühen, wie er will, Holmes Schuhe sind zu groß für ihn. Davon abgesehen aber ein gelungener und atmosphärisch dichter Krimi.

Er verstummte, und ich starrte ihn an, als ob ich ihn zum ersten Mal sähe. »Sie haben mit fast allem recht, was sie gesagt haben«, murmelte ich heiser. »Aber woher zum Teufel Sie das alles wissen, ist mir vollkommen unerfindlich. Können Sie mir das bitte erklären?«
»Ach, das ist alles recht offensichtlich«, erwiderte er. »Man könnte fast sagen, elementar.«


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