Profil für Onticus > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Onticus
Top-Rezensenten Rang: 2.803.869
Hilfreiche Bewertungen: 60

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Onticus

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Gott: Eine kleine Geschichte des Größten
Gott: Eine kleine Geschichte des Größten
von Dr. Manfred Lütz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

60 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Einseitig, widersprüchlich und teilweise einfach falsch, 9. Januar 2009
Dem Buch gestehe ich seinen lockeren Stil gerne zu, dieser kann aber nicht den schwachen Inhalt verdecken. Meine wichtigsten Kritikpunkte sind:

1) Nach Lütz' Ansicht müssten Atheisten, wenn sie konsequent sind, Nihilisten werden, so wie Nietzsche (S. 62, 228). Doch Atheismus führt nicht zwangsläufig zum Nihilismus. Moral muss nicht theistisch begründet werden. Man kann genauso konsequent seine Werteorientierung säkular begründen. Wer etwas anderes sagt, verunglimpft nichtreligiöse Menschen.

Noch dazu müssen Gläubige ihre (religiös vermittelte) Ethik für gottgegeben und damit letztlich für unhinterfragbar halten. So kommen wir aber im internationalen und interreligiösen Dialog nicht weiter. Besser sieht es bei säkularen Ethiken aus, die man argumentativ begründen muss und über die man daher auch wirklich diskutieren kann.

2) Nach Lütz wäre die Quantentheorie der argumentative Super-GAU des Atheismus, denn jetzt seien unerwartete Ereignisse (also ein Eingreifen Gottes) jederzeit möglich (S. 65). Das ist erstens physikalisch fragwürdig, denn auch nach der Quantentheorie ist nicht jederzeit jede beliebige Verletzung der Naturgesetze möglich. Zweitens ist es auch theologisch fragwürdig: denn wenn der Gott der Christen laut Credo allmächtig ist, wozu braucht er dann die undeterminierte Welt der Quantentheorie, um eingreifen zu können - müsste er das nicht in jedem Fall können?

Anders als von Lütz behauptet, ist ein materialistisch-deterministisches Weltbild übrigens auch gar nicht das "entscheidende Argument" (S. 65) für den Atheismus. Das entscheidende Argument ist, dass wir die Hypothese "Gott" nicht unbedingt brauchen, um die Welt und die Entstehung des Lebens zu erklären. Es gibt keinen rational zwingenden Grund, an Gott zu glauben, das ist der springende Punkt.

3) Lütz zitiert zustimmend R. Spaemann: wenn vernünftig sei, was alle vernünftigen Wesen für vernünftig hielten, könnten gerade einmal 250 Jahre Atheismus einer kleinen Minderheit den Atheismus nicht vernünftig machen (S. 179). Doch dieses Argument ist unrichtig und widersprüchlich: an anderer Stelle gibt Lütz nämlich selbst zu, dass es den Atheismus schon über 2000 Jahre gibt (S. 65). Außerdem ist Vernünftigkeit keine Frage der Mehrheit. An anderer Stelle in seinem Buch gibt Lütz auch das zu, wo es ihm in die Bezug auf die Deutschen passt: da schreibt er dann auf einmal, dass die Mehrheit auch gerne mal ziemlich viel Unsinn glaubt (S. 271).

Zudem sind nach einer aktuellen Statistik (Britannica online) etwa 777 Millionen Menschen nichtreligiös und 153 Millionen sind Atheisten - das kann man nicht als "kleine Minderheit" abtun. Hinzu kommen noch 385 Millionen Buddhisten, die auch nicht einfach als Theisten zu verbuchen sind, weil der Buddhismus keinen Schöpfergott kennt. Und was wirklich am vernünftigsten wäre, ergibt sich nicht aus irgendwelchen Mehrheiten, sondern aus einer einfachen Überlegung: Unbestritten kann man die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen, also wäre es das vernünftigste, genau diese Ansicht auch zu vertreten - also mit anderen Worten Agnostiker zu sein.

4) Nach Lütz würde die sogenannte Pascalsche Wette auch heute noch zweifelnde Menschen überzeugen (S. 42). Tatsächlich läuft die Pascalsche Wette nur auf die altbekannte Drohung hinaus: "Besser, du glaubst an Gott, bevor du in die Hölle kommst". Menschen Angst zu machen ist aber wahrlich etwas anderes als sie zu überzeugen.

Interessant ist hierbei, dass Lütz sich scheut, das unpopuläre Wort "Hölle" auszusprechen. Er fasst die Pascalsche Wette zusammen: "Wenn man leichtsinnigerweise so lebt, als gäbe es Gott nicht - und es gibt ihn in Wirklichkeit doch, dann würde man mit dem ewigen Nichts bestraft" (S. 42). Streng genommen wird Lütz hier häretisch, denn nach Neuem Testament und kirchlicher Lehre kommen Ungläubige nicht in ein "ewiges Nichts" (d. h. sie hören nicht auf zu existieren), sondern sie müssen für immer in der Hölle bzw. im ewigen Feuer leiden (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche §§ 1034-35). Wollte Lütz hier etwa nicht zugeben, wie grausam sein christlicher Gott sein kann, der doch ein Gott der Liebe sein soll? Deshalb macht mir die Pascalsche Wette auch keine Angst: ein wirklicher, glaubwürdiger Gott der Liebe würde, wenn es ihn gäbe, moralisch lebende Skeptiker eben nicht in die Hölle werfen.

5) Lütz erwähnt ein Experiment des Stauferkaisers Friedrichs II., Säuglinge ohne Sprache aufzuziehen, in der Erwartung, sie würden dann von allein in einer Art Ursprache reden. Jedoch: "Das Experiment scheiterte, man bekam die Ursprache nicht heraus, denn alle Kinder - starben" (S. 259). So jedenfalls Lütz, doch hätte er auch hier besser recherchieren sollen. Das angebliche Experiment Friedrichs II. wird nur von einem einzigen Chronisten berichtet, nämlich Salimbene von Parma, und der kolportierte gern Gerüchte und war außerdem ein erklärter Gegner Friedrichs II. Heutige Historiker bezweifeln deshalb diese Geschichte.

6) Nach Lütz hätte Stephen Hawking in seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" behauptet, Papst Johannes Paul II. habe die Urknalltheorie und christliches Schöpfungsdenken für unvereinbar erklärt. Eine solche Papst-Ansprache habe es aber nicht gegeben (S. 141) - nur hat das Stephen Hawking auch nie behauptet. Was Hawking wirklich schreibt, ist: Bei einer Konferenz im Vatikan ermahnte der Papst die Wissenschaftler, sie sollten zwar die Entwicklung des Universums nach dem Urknall erforschen, aber nicht den Urknall selbst, denn der sei das Werk Gottes (Eine kurze Geschichte der Zeit, Paperback-Ausgabe 1995, S. 148). Über diese Aufforderung mag man zwar geteilter Meinung sein (immerhin erteilte der Papst hier ein Denkverbot!), aber von einer Unvereinbarkeit des Urknalls mit der christlichen Schöpfungsidee hat er auch laut Hawking nicht gesprochen. Dabei nennt Lütz sogar ein eigenes Unterkapitel auftrumpfend "Der Irrtum des Stephen Hawking" - schon peinlich, wenn das dann nicht stimmt.

Fazit: Nichts gegen saloppe Bücher, aber ich habe etwas gegen Bücher, wo ständig unfair argumentiert wird (meine Punkte sind nur Beispiele). Von einem christlichen Buchautor erwarte ich, dass er sich auch an das achte Gebot hält: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden" - d. h. also dass er keine Fakten verdreht. Auch ehrliche Christen werden zugeben müssen, dass ihrer Religion mit so einem Buch nicht gedient ist. Und die Wissenschafter, denen Lütz im Nachwort seines Buches für die Durchsicht des Manuskripts dankt (S. 297), haben sich in meinen Augen blamiert, weil sie dem Autor derart viele Unkorrektheiten durchgehen ließen. Manfred Lütz sollte sich bei Stephen Hawking und bei seinen vielen enttäuschten Lesern entschuldigen.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 22, 2012 11:47 AM CET


Seite: 1