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Alfons Kilad "Alfons Kilad"

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Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre
Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre
von Yanis Varoufakis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Ökonom auf ungewohnten Wegen, 1. August 2015
Wer sich dafür interessiert, warum man sich bei Varoufakis meist mehr mit seinem Outfit und seinem persönlichen Lebensstil beschäftigt als mit seinen Vorstellungen zur Wirtschaft, findet in dieser neusten Veröffentlichungen eine nachvollziehbare Erklärung. Denn selbst wer schon viele (auch interessante) Bücher zum Thema "Wirtschaft und Krise" gelesen hat, wird nach der Lektüre von "Time for Change" feststellen, dass Varoufakis irgendwie anders mit dem Thema umgeht - und diese andere Herangehensweise gefällt natürlich nicht jeden. Das fängt schon bei der Art und Weise an, wie er seine Theorie vermittelt.

So sollte man die Tochter von Varoufakis als erklärten Adressat nicht zu wichtig nehmen, wie Varoufakis selbst im Vorwort zur deutschen Ausgabe betont (S.9). Eher geht es dem Autor wohl darum, möglichst viele Menschen - also auch die "Wirtschaftsmuffel" - zu erreichen. Aber gerade dies macht die Sache so interessant, besonders wenn man bedenkt, dass Varoufakis alles, was ihm zum gewählten Thema wichtig erscheint, auf gerade einmal 180 Seiten unterbringt - und dies in der Tat in recht verständlicher und nachvollziehbarer Form. Dies liegt sicher auch daran, dass Varoufakis sich Beispielen und Analogien bedient, die gewöhnlich nicht mit dem Thema "Wirtschaftstheorie" in Verbindung gebracht werden. So gibt es auch hier wieder - wie schon in der früheren Veröffentlichung "Der globale Minotaurus" - Rückgriffe auf die griechische Mythologie. Ergänzt wird dies allerdings nun durch zahlreiche Rückgriffe auf Literatur und Film, wie z.B. Doktor Faustus, Frankenstein und auf die Matrix-Triologie, welche sogar eine recht zentrale Stelle bei der Erklärung des Arbeitsmarktes einnimmt (der arbeitende Mensch kann nicht zur Maschine werden). Darüber hinaus gibt es jedoch auch viele Rückgriffe auf geschichtliche Ereignisse. So erklärt Varoufakis z.B. den Charakter von Geld sowie Inflation und Deflation (mit Bezug auf Richard Radford) durch die Geldfunktion von Zigaretten in deutschen Kriegsgefangenenlagern (S.151f), oder die Wurzeln der Ungleichheit, durch eine Antwort auf die selbstgestellte Frage: "Wieso sind die australischen Aborigines nicht in England eingefallen?" (S.13ff), was natürlich nicht am Gen oder der Hautfarbe liegt. Dabei bleibt Varoufakis jedoch stets beim Thema. Für ihn ist die heutige Art des Wirtschaftens ein geschichtlicher Prozess und wird stets als widersprüchliche Angelegenheit betrachtet.

Die Konzentration auf die wesentlichen Aspekte wirtschaftlicher Entwicklung, betrifft auch den Unterschied seiner Vorstellungen zu anderen Ökonomen. Dies geschieht stets im Rahmen der Darstellung seiner Wirtschaftstheorie. So wird der/die für wirtschaftliche Fragen interessierte Leser/Leserin viel Bekanntes entdecken, manches in Gestalt einer kritischen Betrachtung, anderes wiederum als positiven, anregenden Rückgriff. Stets geht es jedoch um die grundsätzlichen Streitpunkte in Varoufakis Zunft. Es ist überhaupt schwierig, Varoufakis Anschauung in die übliche Wirtschaftsdebatte einzuordnen. Er ist - streng genommen - weder Keynesianer noch typischer Marxist, obwohl stets Anleihen existieren. Nur macht Varoufakis daraus stets seine eigene Sache, was natürlich auch viel Stoff für Kritiken aus allen Richtungen liefern kann - jedoch auch zum Hinterfragen gewohnter Sichtweisen. Kritiker wie Befürworter von Varoufakis finden hier sehr viel Material für eine sachlicher Auseinandersetzung ebenso wie neue Ansätze.

Ungewohnt ist sicherlich für einige gestandene Ökonomen wohl auch, dass Varoufakis die existierende Waren- und Geldwirtschaft selbst zum Hauptgegenstand seiner kritisch-analytischen Sichtweise macht und damit letztlich auf die Wurzeln der ganzen Angelegenheit zurückgeht. Das Resultat ist, dass durch eine neue (oder bessere) Orientierung bei "der Macht der Märkte" und des Geldes, sich plötzlich ungewohnte Perspektiven eröffnen, obwohl Varoufakis selbst - außer seiner kurzen Betonung der Bedeutung einer (echten) Demokratie statt Marktgesetze - keinen gesellschaftlichen Gegenentwurf entwickelt. Dieser Verzicht passt jedoch ins Konzept, da Varoufakis die vorherrschende Ökonomie für eine "Theologie nach Gleichungen" hält (S.S.175), womit er sich auch von Marx und seinen Gesetzesbegriff deutlich abgrenzt. Varoufakis beschränkt sich auf die wesentlichen Wahrheiten der heutigen Art des Wirtschaftens (Zusammenfassung S.174) und stellt - nicht nur seine Tochter "vor der harten Wahl zwischen der blauen und der roten Pille" (S.175), d.h. zwischen "trügerischer Scheinwelt" und einem "schwierige(n) und gefährliche(n) Leben", was jedoch zugleich die einzige Chance für Veränderung ist. Dass Varoufakis mit seinen Vorstellungen zu einer anderen Wirtschaftspolitik in Griechenland bei den Institutionen nicht so recht durchkam, war für ihn also keine Überraschung, sondern zwangsläufig.

Aktualität erreicht Varoufakis auch durch die Hinweise auf das, was er "Lebenswert" nennt und gegenüber Tausch- und Gebrauchswert deutlich abgrenzt, etwas, was für jeden nachvollziehbar ist, der weiß, dass z.B. Solidarität ein Austauschprozess ist, jedoch nicht von Tauschwerten (vgl. bes. S.31ff). Ebenso ist seine Darstellung des Widerspruchs Ökonomie <> Ökologie äußerst aktuell (S.125ff), wobei Varoufakis besonderen Wert auf einen gemeinschaftlichen, statt eines privaten Nutzens, natürlicher Ressourcen legt. Varoufakis hält auch die subjektive Sichtweise (Optimismus/Pessimismus) zum Verständnis wirtschaftlicher Entwicklungen für zumindest beachtenswert (S.114f), und nimmt somit auch hier den Menschen als Gestalter wirtschaftlicher Abläufe in die Ökonomie hinein.

"Time for Change" ermöglicht quasi einen Blich von außen auf das Wesentliche. Dass es Zeit für einen Wechsel ist, wird so deutlich. Varoufakis versucht einer breiten und interessierten Öffentlichkeit das dazu erforderliche Wissen möglichst verständlich und ohne unzulässige Vereinfachung zu vermittelt.

NACHTRAG: Zwei - recht kompromisslose - Kritiken am Buch, finde ich sehr nützlich, um die Position von Varoufakis zu verdeutlichen. Deshalb habe ich mich ausnahmsweise zu einer nachträglichen Ergänzung meiner Rezension entschlossen.

So behauptete Thomas Geisen in der Frankfurter Rundschau am 27.07.2015, dass Varoufakis "Welt (...) fast ausschließlich aus Klassenkampf, Ausbeutung und Unterdrückung, aus Schwarz und Weiß" bestünde. Doch das Problem für speziell "marxistische Klassenkämpfer" wird mit Varoufakis wohl eher sein, dass er den marxschen Klassenbegriff gerade völlig ausspart. Eher verbindet ihn mit Marx, dass Varoufakis niemanden die persönliche Schuld an einer wirtschaftlichen Entwicklung gibt, die nicht nur den Arbeiter, sondern auch den Unternehmer (oder Kapitalisten) in seinem Handeln maßgeblich prägt. Bei Varoufakis ist es "Maria mit ihrer Kühlschrankfirma" (S.118f) an deren fiktives Beispiel er recht nachtvollziehbar die beliebte Standardbehauptung widerlegt, dass nur der Lohn möglichst niedrig sein muss, um Arbeitslosigkeit zu verhindern. Um das so erklären, benötigt Varoufakis keine marxistischen Kampfbegriffe, sie erklären nichts und sind eher für das Verständnis hinderlich.

Was übrigens ebenfalls mit Marx in Beziehung gesetzt werden kann, ist Varoufakis Bezug auf den Film Matrix, den er zur Illustration des widersprüchlichen Prozesses der Technikentwicklung (Fluch oder Segen oder beides?) benutzt und der von Kritikern ins Lächerliche ("Kinderbuch") gezogen wird. Auch wenn sich bei Varoufakis selbst dies nicht so eindeutig finden lässt (er erwähnt Marx nur einmal ganz kurz namentlich), erklärt er mit seiner Matrix-Illustration etwas, was dem marxschen "tendenziellen Fall der Profitrate" sehr ähnlich ist. D.h. dass die Technik die lebendige Arbeit niemals ersetzen kann, auch wenn das von Seiten des Kapitals angestrebt wird. Lächerlich ist hieran nichts. Ich habe noch nie eine solche nachvollziehbarer Erklärung gefunden, warum mit einer Reduzierung der menschlichen Arbeit zugleich auch tendenziell die Rendite sinkt.

Ein ziemliches Missverständnis kommt in der Kritik am historischen Verständnis des Autor durch Ulrike Herrmann in der taz v. 27.07.2015 zum Ausdruck. Denn Herrmann geht fälschlich davon aus, dass sich die wesentlichen Veränderungen in der Wirtschaftentwicklung (Entstehung von Schulden, Tauschwert, Geld usw.) auf (simple) Fakten zurückführen ließen. Dass ist jedoch nicht der Fall. Varoufakis benutzt letztlich auch wegen der Verständlichkeit der wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge deshalb eher eine Methode,. die der slowenische Philosoph Zizek unter den Begriff "Quasi-Ursache" fasst, d.h. dass "ein Ereignis (die Entstehung von etwas Neuem) nicht auf seine historischen Umstände reduziert werden kann" (vgl. Slavoj Zizek "Weniger als nichts", S.1164). So ist z.B. der Tausch "Schwein gegen Schubkarren" ein konkretes historisches Ereignis. Die Entstehung des Tauschwerts als bestimmender historischer Wandel ist jedoch mehr als die Addition vergleichbarer konkreter Ereignisse. Nichts gegen Ulrike Herrmanns historischen Forschungsdrang. Aber wie es sachlicher laufen kann, zeigt z.B. ein Vergleich von Varoufakis Position zu der Funktion von Schulden mit der von David Graeber ("Schulden - Die ersten 5.000 Jahre"). Letzterer liefert eine detaillierte historische Analyse der Schuldenproblematik; Varoufakis konzentriert sich auf die wesentliche Mechanismen. Nur im Resultat sind sich beide einig. Der einer ergänzt hier also den anderen.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass Herrmann bei der Industrialisierung in England bei einem "Rätseln der Wirtschaftsgeschichte" hängenbleibt und nur die (unbestrittene) Kriegsführung Großbritanniens hervorhebt, wogegen Varoufakis den englischen Militarismus aus der wirtschaftlichen, "nicht von der Anwendung roher Gewalt" bestimmten Bedingungen ableitet, was weniger moralisierend und beweiskräftiger ist (die Engländer waren nicht von Natur aus kriegerisch). Varoufakis bestreitet auch keineswegs, dass die Katholiken (wie Medici) sich nicht konsequent an das "christliche Zinsverbot" hielten; es ändert jedoch nichts an der Funktion von Zinsen. Sein Verweis auf das Judentum als "antisemitisch" zu werten (so Herrmann), geht bereits deshalb in die falsche Richtung, weil Varoufakis das Verleihen von Geld gerade nicht als verdammenswert, sondern als etwas ganz Zwangsläufiges und für die Entwicklung der Wirtschaft sogar Notwendiges betrachtet. Die Theorie vom Kredit ohne Zins (Freigeld) lehnt Varoufakis übrigens als Illusion ab. Sicher lässt sich darüber streiten, ob sich die Religion ausschließlich aus wirtschaftlichen Faktoren ableiten lässt. Varoufakis geht es hierbei jedoch ausschließlich um die Ideologie, also um das, was "die Mehrheit davon überzeugt, dass die Herrschenden rechtmäßig herrschen" (S.21). Religion ist für Varoufakis nur die Urform von Ideologie oder - in Anlehnung an Marx "übersetzt" - die vorkapitalistische Form des "falschen Bewusstseins".

Im Fazit weisen die wenig hilfreichen Kritiken am Autor nur daraufhin, dass Varoufakis sich gerade nicht in gewöhnliche Betrachtungsweisen einfach einordnen lässt. Er verfasste kein Geschichtsbuch, sondern erklärt mit Hilfe historischer Rückgriffe die wesentlichsten Aspekte der Wirtschaftsgeschichte und unterscheidet sich in sofern sowohl von rein empirischer Beweisführung als auch von einer Ökonomie, die sich nur auf scheinbar überhistorische (Markt)Gesetze beruft. Für mich ist Varoufakis vor allem eins - innovativ. Um zu verstehen, warum er bei manchen so unbeliebt ist, sollte man schon das Original lesen.


Der globale Minotaurus: Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft
Der globale Minotaurus: Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft
von Yanis Varoufakis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein sehr wichtiges Buch, 27. Juni 2015
Da bereits in anderen Rezensionen (fast) alles Wichtige gesagt wurde, kann ich mich kurz fassen. Ich fand das Buch sehr spannend und erfuhr auch viele Aspekte, die mir bisher unbekannt waren. Dies auch auf Seiten der Theorie. Denn bisher hat meines Wissens niemand so klar erkannt, dass sich - anders wie z.B. in der Physik - in der Ökonomie sich Zeit und Komplexität nicht formal vereinen lassen, woraus sich ergibt, dass ökonomische Voraussagen stets begrenzt sind und vor allem nicht wissenschaftlich ausreichend begründet werden kommen (Varoufakis wählt deshalb auch den historischen Weg mit Bezug auf die Wirtschaftspolitik).

Besonders lesenwert fand ich auch Kapitel 7 (S.201ff), wo Varoufakis den Geithner-Summers-Plan zur Bankenrettung 2008 erklärt. Es ist schon eine ziemlich befremdliche Idee einen Markt für wertlose Papiere durch simulierte Preise zu schaffen. Trotz vieler, auch guter Bücher zum Finanzcrash 2008, ist für mich Varoufakis unbedingt lesenswert. Aktuell ist sein Buch auch für Interessenten am Hintergrund der Griechenland-Auseinandersetzung lesenswert. Um die Haltung der Tsipras-Regierung wirklich zu verstehen, sollte man Varoufakis Einschätzung kennen.


That's Soul 1-6
That's Soul 1-6

5.0 von 5 Sternen Ja, that was Soul, 27. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: That's Soul 1-6 (Audio CD)
Ende der 60ziger und Anfang der 70ziger war Soul der angesagte Disco-Stil. Die 6 CDs erschienen ursprünglich als LP und die CD-Versionen entsprechen den Ursprungsalben und sind nicht remasterd. Die Auswahl war/ist gekonnt und immer noch absolut hörenswert. Da viele Stücke in unzähligen neuen Recover-Versionen erschienen sind, sind die CDs auch was für die Jüngeren, wenn sie mal hören wollen, wie es damals so klang. Und klar, natürlich eine super Sache für alle Nostalgier.


Trugschlüsse der Volkswirtschaftslehre: Wie Professoren mit Modellen Studenten indoktrinieren und eine krisenverschärfende Wirtschaftspolitik fordern
Trugschlüsse der Volkswirtschaftslehre: Wie Professoren mit Modellen Studenten indoktrinieren und eine krisenverschärfende Wirtschaftspolitik fordern
von Wolfgang Waldner
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein interessanter Blick auf die vorherrschenden Theorien der VWL, 24. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wolfgang Waldner wendet sich mit dieser kleinen Veröffentlichung schwerpunktmäßig an Studenten der Volkswirtschaftslehre (VWL). Die Kritik geschieht auf der Basis der theoretischen Positionen von Keynes. Sehr gelungen finde ich, das - was Waldner selbst - im Untertitel mit den Worten zum Ausdruck bringt: "Wie Professoren mit Modellen Studenten indoktrinieren (...)". Es war für mich sehr aufschlussreich, dass hinter komplizierten Modellen oft nur viel realitätsferner Unfug steckt, den man jedoch nur dann erkennt, wenn man die von den Professoren (und Lehrbüchern) vorgebende Ebene überschreitet. Interessant sind auch die historischen Hintergründe bezüglich der einzelnen Theoretiker der VWL.

Etwas nachteilig empfand ich die Strukturierung des Inhalts. Hier gibt sehr gute Abschnitte, aber leider auch Abschnitte, die ich nicht immer richtig einordnen konnte. Auch werden einmal tatsächliche Trugschlüsse sehr anschaulich widerlegt, auf der anderen Seite stehen manchmal nur Behauptungen. Ebenso macht der Wechsel von der historischer zur theoretischen Darstellung die Angelegenheit nicht unbedingt klarer. Außerdem mag es ja zu treffen, dass vieles in der Wirtschaft durch bewusste und interessengeleitete Steuerung geschieht; für mich übertreibt der Autor hier etwas, was letztlich auch für ein Verständnis ökonomischer Zusammenhänge nicht unbedingt hilfreich ist.

Trotzdem ist diese Veröffentlichung lesenwert, allein schon wegen der Sichtweise auf das, was heute meist als letzte Weisheit der VWL gelehrt wird. Auch wenn ich nicht immer der gleichen Meinung wie Waldner bin, gab mir seine Abhandlung doch eine Menge Gedankenanstöße.


Grundrechte-Report 2015
Grundrechte-Report 2015
von Till Müller-Heidelberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

5.0 von 5 Sternen "Die Gefährdung der Verfassung geht vom Staat aus" (Vorwort), 8. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Grundrechte-Report 2015 (Taschenbuch)
Diesen jährlichen "alternativen Verfassungsbericht" zu bewerten ist nicht so einfach, weil eigentlich jeder lesenwert ist. Wer sich über den wahren Stand und Bestand unserer Demokratie ein Bild machen will, sollte zugreifen. Hier wird in konzentrierten Beiträgen viel von dem erzählt, worüber in den Medien oft nur verkürzt oder auch gar nicht berichtet wird. Der schöne Schein bekommt Risse, die einem oftmals überraschen, erschrecken und zumindest selten unberührt lassen. Was die Autoren hier wiedergeben ist letztlich praktizierte Grundrechtsverbundenheit, besonders empfohlen letztlich auch für den Schulunterricht.


Basiswissen Ziviles Wirtschaftsrecht: Ein Lehrbuch für Wirtschaftswissenschaftler
Basiswissen Ziviles Wirtschaftsrecht: Ein Lehrbuch für Wirtschaftswissenschaftler
von Knut Werner Lange
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

4.0 von 5 Sternen Guter Einstieg ins Zivilrecht, 8. Juni 2015
Dieses erprobte "Lehrbuch für Wirtschaftswissenschaftler" liegt nun in der 7.Auflage vor. Allerdings sollte niemand den Titel missverstehen. Unter einem zivilen Wirtschaftsrecht versteht der Autor nahezu das gesamte BGB (allgemeiner und besonderer Teil) wie das Handels- und Gesellschaftsrecht. Ergänzt wird das Ganze durch eine grundsätzliche Rechtsdefinition, einer Darstellung des europäischen Rechtsetzungsprozesses und Hinweisen zur juristischen Methodik. Für wenig Geld also viel Stoff - und dies mit einem sehr hohem Informationsgehalt. Auch wenn das Lehrbuch sich vorrangig an Studenten wendet, ist es grundsätzlich auch für alle Interessenten geeignet, die sich mit dem Zivilrecht näher beschäftigen wollen.

Die Besonderheit dieser Veröffentlichung besteht darin, dass nach Rechtsbereichen strukturiert wird. Dadurch werden auch Bereiche erfasst, die sich dem BGB nicht direkt entnehmen lassen. Grundsätzlich wird in allen Bereichen die aktuelle Rechtssprechung berücksichtigt. Vorteilhaft ist auch, dass durchgehend die maßgeblichen Gesetze genannt werden. Jeder Abschnitt schließt mit einer Zusammenfassung (Kurzrepetitorium), welche die wichtigen Aussagen enthält. Schaubilder werden zu Verdeutlichung hier und dort eingesetzt. Der didaktische Anspruch bleibt jedoch etwas hinter Umfang und Tiefe dieses Lehrbuch zurück.

So werden zwar grundsätzliche Rechtsbegriffen teilweise separat erklärt. Ihre Bedeutung ergibt sich jedoch meist erst durch deren Anwendung in den einzelnen Rechtsgebieten (z.B. beim Trennungsprinzip). Ein Lesen von vorn bis hinten empfiehlt sich deshalb für das Verständnis. Ebenso empfiehlt sich eine Vertiefung der Rechtsproblematik durch zusätzlich Fallbeispiele. Der Autor verweist zwar hier und dort auf mögliche Probleme bei Klausuren, aber ein System konnte ich hier nicht ausmachen und für eine fehlerfreie Anwendung bei Klausuren, ohne zusätzliche Literatur, ist das Zivilrecht zu komplex. Ebenso konnte ich nicht immer nachvollziehen, warum der Autor einmal Anwendungsbeispiele brachte und an anderen Stellen nicht. Auch das Stichwortverzeichnis überzeugt nicht so recht (einem wichtig erscheinende Aspekte sollte man besser zum Wiederauffinden im Buch markieren).

Allerdings wird die Materie durchgehend recht verständlich abgehandelt, was diese Mängel deutlich zurücktreten lässt. Trotz didaktischem Anspruch setzt der Autor unverkennbar auf ein Auswendiglernen des Stoffes. Hier bietet er jedoch eine gute Basis für die Beurteilung von zivilen Rechtsproblemen. Anbetracht des Umfangs an Lehrbüchern zum bürgerlichen Recht, kann dieses Lehrbuch nicht nur mithalten, sondern sollte die erste Wahl sein.


Geldsozialismus: Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression
Geldsozialismus: Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression
von Roland Baader
  Broschiert
Preis: EUR 13,90

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Goldrausch gegen wirtschaftliche Depression?, 31. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wohl deutlich anders als die meisten Rezensenten hier, habe ich mir diese letzte Veröffentlichung von Roland Baader nicht aus Begeisterung für mir bisher völlig unbekannte Ideen zugelegt. Mir ist aus Auseinandersetzung die sog. "Österreichische Schule" durchaus ein Begriff. Mich interessierte an Roland Baader besonders, ob er gegenüber seinen theoretischen Vorgänger (Hayek, von Mises usw.) Neues oder wenigstens Interessantes zu bieten hat. Leider reiht sich das Wirken Baaders für mich recht lückenlos in die bereits bekannten Argumente und Kritiken an "den Österreicher" ein.

Worauf bereits der Titel "Geldsozialismus" hinweist, so ist auch Baader schnell mit dem Schreckgespenst "Sozialismus" bei der Hand, sobald es um staatliche Eingriffe in den Markt oder - wie hier - um das staatliche Geldmonopol geht. Das nervt zwar, hat aber Tradition bei den "Österreicher". Unbestreitbar lässt sich die aktuelle Geldpolitik aus berechtigten Gründen kritisieren. Als Ursache für eine drohende globale Depression stützt sich Baader jedoch leider ausschließlich auf die Geldtheorie der "Österreichischen Schule", bzw. betrachtet diese Gefahr als Resultat davon, dass deren Vorstellungen angeblich zu wenig die wirtschaftliche Entwicklung prägten und prägen.

Nun waren "die Österreicher" immer schon vehemente Verfechter einer sich selbst am besten regulierenden freien Marktwirtschaft. Dies basierte auf Adam Smith, obwohl dieser bereits die Notwendigkeit von staatlichen Schutz für die arbeitende Bevölkerung sah. Doch während letzterer genial war, kamen die "Österreicher" mit staatlichen Eingriffe nie ganz klar. So kostet ein Wohlfahrtsstaat / Sozialstaat fraglos Geld (wie böse). Aber er ist keine Erfindung irgendwelcher staatsgläubiger Sozialisten. So klingt es zwar recht verlockend, wenn Hajek auch die Arbeitskraft als Ware wie jede andere behandelt sehen wollte. Arbeitslosigkeit hat dies nie verhindern können. Und wenn von Mises sogar die Freiheit des Eigentums als Grundvoraussetzung für alle anderen Freiheiten betrachtete, waren die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft Abhängigen stets bezüglich Eigentum und Freiheit immer mehr oder weniger am untersten Ende der Skala angesiedelt. Und wenn der Markt den Preis für Arbeit immer mehr nach unten drückte, musste entweder der Staat eingreifen - oder die Menschen verhungern lassen. Der Markt regelte hier nur sehr begrenzt etwas und wenn, nur mit staatlicher Unterstützung im Sinne von wenigstens etwas Freiheit für alle (mal von Afrika und Asien abgesehen).

Mit dem Problem der Freiheit bei existenzieller Abhängigkeit von der Nachfrage nach Arbeitskraft, setzt sich auch Baader nicht auseinander, und auch nicht mit der naheliegenden Vermutung, dass die inflationäre Geldflut ein logisches Ergebnis freier marktwirtschaftlicher Entwicklungstendenzen sein könnte (freier Wechselkurs ermöglichte doch Handel mit Geld). Dies betrifft auch die Edelmetalldeckung des Geldes: Wenn - nach amtlichen Angaben - das Welt-BIP real von ca. 5 Billionen Dollar 1950 auf fast 50 Billionen Dollar 2005 gestiegen ist, wie sollte dieser Anstieg durch Gold gedeckt werden können, wenn die Goldmenge im gleichen Zeitraum gerade mal um das Vierfache gestiegen ist? Eine Antwort bleibt Baader hier schuldig.

Wie seine theoretischen Vorgänger bereits, führt Baader alles auf die Geldpolitik zurück, auf die "fiat money", "Falschgeld" oder "schlechtes Geld". Nicht zufällig war für "die Österreicher" Keynes stets der große Buhmann. Für Keynes stand zwar die Wirtschaftspolitik im Mittelpunkt (hier besonders das Problem der Nachfrage), er setzte sich jedoch auch mit der Geldpolitik ausführlich auseinander. "Die Österreicher" glaubten an den naturwüchsigen Markt, Keynes versuchte durch staatliche Eingriffe ein Marktgleichgewicht herzustellen. Dies war - zugegeben vereinfacht - die Grundlage der Auseinandersetzung (und natürlich war auch Keynes nicht frei von Fehlern).

Auch Baader träumt den großen Traum, wenn er glaubt, dass ein freier "Zinssatz die Produktion über die Zeitachse hinweg (...) Marktkräfte in Harmonie zueinander" bringen würde (S.95). Ein paar Seiten später führt er dann alles (z.B. "unbeschreibliches Leid der Völker") auf ein "wachsendes Geldvolumen" zurück (S.99), was nach Keynes bei staatlichen Investitionen tatsächlich passieren kann. Aber Leid? Private Geldmengensteuerung wird hier sicher nichts Gegenteiliges bewirken. Wie auch, wenn ein Gut (Ware) Mangelware ist? Wer sich einmal nüchtern damit auseinandersetzt, was denn heute eine Golddeckung wirtschaftlich bewirken würde, kann wohl nicht übersehen, dass Gold ein Mangelprodukt ist. Und was verursacht mehr Leid und soziale Konflikte als eine Mangelwirtschaft, wo jeden Besitzer eine hohe Zahl Nichtbesitzer gegenübersteht? Bezeichnend ist hier z.B. auch Baaders Illustration mit der "Monatsmiete von einem Krügerrand" (S.155f). Wenn der Mieter plötzlich in Euro zahlt, soll er auf die Straße gesetzt werden. Schön, dass es so viele Mieter mit Krügerrand gibt. Aber das Sozialleistungen edelmetallgedeckt sein sollen, fordert Baader natürlich nicht; ihm geht es um die Reichen nicht die Armen, die Baader glauben sollen, dass stabiler Reichtum irgendwann und irgendwie auch ihnen angeblich zu Gute käme.

Nicht ganz abwegig, gehen deshalb einige Kritiker der "Österreichischen" Schule davon aus, dass deren Anliegen in den Auseinandersetzung ihrer Zeit einzig darin bestand, sich vor allem gegen die Arbeiterbewegung zu positionieren (von Mises erklärte dies sogar unmissverständlich). Es handelt sich hier also weniger, um eine volkswirtschaftliche Theorie, sondern um eine Theorie, entwickelt für nur eine Gruppe der Gesellschaft, für die Besitzenden. Diesen Eindruck der Einseitigkeit vermittelt leider auch Baader. Und dies nicht nur, weil er an einer Geldstabilität vor allem diejenigen interessiert sind, die möglichst viel besitzen. Dass ungleiche Vermögensverteilung irgendwann an ihre Grenzen stößt, ist unbestreitbar. Aber Umverteilung ist nicht Baaders Ding und kann es auch nicht sein, wenn staatliche Eingriffe das große Tabu (böser "Sozialismus") sind. Für ihn reduziert sich die Gefahr auf das "staatsmonopolitische und ungedeckte Papiergeld - und die zentralplanwirtschaftlichen manipulierten Zinsen" (S.136). Wo soll hier der Plan sein, wenn die Zentralbanken aufgrund der Macht der Verhältnisse die Zinsen permanent unten halten, wie gegenwärtig schon länger? Und kann Geld nicht auch durch Arbeit einen Wert erhalten? Gold ist zwar selten, aber trotzdem ebenfalls Produkt von Arbeit - und ziemlich harter und schlecht bezahlter übrigens.

Baader macht es den Lesern eigentlich einfach. Denn immer wieder kommt sein "Falschgeld" (fiat money), weshalb die Geldtheorie "der Österreicher" eigentlich den theoretischen Knackpunkt darstellt. Auch wenn sich Baader noch so sehr darüber ärgert, dass von Mises keinen Nobelpreis bekam und Hayek seinen Preis "mit dem schwedischen Obersozialisten (??) Gunnar Myrdal teilen" musste (S.115), dass mit der Geldtheorie der "Österreicher" ist selbst aus Sicht immens wachsender Schulden, eher ein Randproblem, ja, eine Ausrede. Warum will man noch mit Geld (als Ware) handeln, statt es zu investieren oder zumindest die gigantischen Vermögensüberhänge abbauen, bevor irgendeine größere Wirtschaftskatastrophe hier gewaltsam Abhilfe schafft? Es ist übrigens eine Tatsache, dass mit dem Vermögen und der Vermögenskonzentration parallel die Staatsverschuldung wuchs. Interessant ist, dass Baader eigentlich nur - wenn auch ungewollt - die Fehlerhaftigkeit der Geldtheorie "der Österreicher" demonstriert.

So ist seine Definition "Was ist Geld?" (S.9) zum einen viel zu abstrakt und zweitens theoretisch unbrauchbar. Baader sieht nur den Austausch, "eine Holzschubkarre gegen den zwanzigsten Teil einer lebendigen Kuh" (S.9). Nur warum gerade zwanzig Schubkarren für eine Kuh und nicht zehn? Baader begreift nicht, dass sich im Geld auch ein reales Verhältnis von Werten darstellt. Ebenso ist sein Verständnis von Schulden fragwürdig, obwohl heute immer mehr die Erkenntnis sich durchsetzt, dass Schulden dem Austausch historisch vorausgingen. Zwar weiß auch Baader: "Gäbe es keine Schulden, gäbe es also auch kein Geld, jedenfalls nicht im Papiergeldsystem" (S.19). Wenn also eine Kuh - einmal angenommen - zwanzig Schubkarren kostete, wurde die Kuh nicht geteilt, sondern bei einem aktuellem Bestand von nur zehn Schubkarren, wurden zehn Kerben für die Schuld von zehn Schubharren in ein Kerbholz geritzt. Und diese Kerbhölzer ließen sich durchaus handeln oder auch tauschen, Geld entstand so aus Schulden.

Statt auf die Werterhaltung besonders beim durch Edelmetall gedeckten Geld einzugehen, übernimmt Baader unkritisch die Geldunterteilung von Mises in " 1) Basismetall-Münzen, 2)Warengeld, 3) Kreditgeld, und 4) fait money (ungedecktes Papiergeld)" (S.12). Doch kann sich hier jeder trösten - für den Kauf eines neuen Flachbildschirms reicht das Papiergeld und natürlich - ein Krügerrand nimmt wahrscheinlich auch jeder gern. Damit will ich sagen, dass solche Geldtheorien nur irgendeinen praktischen Sinn ergeben, wenn es kracht (z.B. Inflation). Und dann geht es auch nur um die Ursachen. Klar, wird dann Papiergeld im Gegensatz zu Edelmetallen (u.U. auch Immobilien) immer wertloser. Aber auch wer einige Milliarden in den Büchern hat, besitzt fait money, d.h. ein Stück Papier mit dem Aufdruck seines Guthabens. Denn egal wie z.B. 1 Millionen Euro zustande kommen, sie werden nicht von selbst immer mehr. Dies funktioniert nicht, wenn der reale Wert (z.B. die Wirtschaftsleistung) immer mehr absinkt. Letztlich verbleibt auch Baader auf der ziemlich begrenzten Ebene seiner Vorgänger: Werterhaltung ohne Berücksichtigung der Wertschaffung. In Baader eigen Worten - ein "Wahn", der jedoch nicht so gefährlich ist, weil die geliebte Marktwirtschaft ihn früher oder später als solchen entlarvt.

Ob da eine Privatisierung (Entnationalisierung) von Geld sinnvoll (vgl. S.150ff) ist, ist deshalb die große Frage. Zu Baaders Beispiele gibt es jede Menge Gegenbeispiele, Bedenken oder andere Interpretationen. Beispielsweise lag in Baaders "guter Zeit ohne Inflation" zwischen 1870 und 1910 der Wert des Volksvermögens bei ca. 650 Prozent des Jahreseinkommens und war noch dazu extrem ungleich verteilt, China war das erste Beispiel für Inflation usw. Zumindest sollte ein Wirtschaftstheorie nicht nur die Interessen privater Gläubiger bedienen. Der "Hexenwahn", den Baader erwähnt (S.5), war ja auch nur eine Seite des mächtigen Besitzes der Kirche spätestens seit dem 15. Jahrhundert.

Fazit: Eine Kritik an der Zentralbankpolitik (dem "Gelddrucken") halte ich durchaus für sinnvoll und die Angst um das Ersparte für durchaus berechtig. Nur dass da eine (weitere) Privatisierung der richtige Weg wäre, halte ich für Unsinn. Was Baader übersieht: Die heutige Zentralbankpolitik ist viel zu sehr privaten Interessen verpflichtet (wenn auch in unterschiedlicher Intensität, wie besonders die FED zeigt), es liegt also überhaupt nicht an zu wenig Privatisierung. Und einen Sozialismus sehe ich im Moment nicht - außer vielleicht als Abart in China. Also nichts Neues durch Baader im Götterhimmel der freien Marktwirtschaft "der Österreicher", außer vielleicht der Eindruck, dass Baader nur jene Geister besiegen wollte, die sein Liberalismus erst rief. Das funktioniert tatsächlich nicht auf Dauer. Aber immerhin: Wer eine gutes Beispiel neoliberalen Denkens sucht, findet bei Baader jede Menge Stoff. Aber war dies wirklich die Absicht des Verfassers?


Was will Europa
Was will Europa
von Srecko Horvat
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Höchst aktuell, 24. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Was will Europa (Broschiert)
Diese Veröffentlichung entstand 2013 im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt Kroatiens, dem Land, aus dem einer der Verfasser, der Philosoph und Beitrittsgegner Srecko Horvat, stammt. Der zweite, Slavoj Zizek ist Slowene und mittlerweile durch seine große Anzahl an Veröffentlichungen eine bekannte internationale Größe in der heutigen Philosophie und Soziologie (letzte Veröffentlichung "Weniger als nichts").

Der Band vereint zum einen Einzelbeiträge dieser beiden kritischen Denker in lockerer thematischer Reihenfolge, wobei das Thema "Europa" den verbindenden roten Faden darstellt. Ergänzt wird der Band durch ein Vorwort von Alexis Tsipras "Die Zerstörung Griechenlands als Modell für das gesamte Europa", einem Gespräch zwischen Horvat und Tsipras über die Zukunft der EU und Diskussionsbeiträgen auf dem 6. Subversive-Festival in Zagreb am 15. Mai 2013, für deren Organisation die beiden Autoren maßgeblich verantwortlich waren. Es handelt sich übrigens um jenes Festival, auf dem angeblich Varoufakis seinen Mittelfinger ausstreckte. Leider beschränkte sich die mediale Wahrnehmung dieses Festivals auf diese, nicht aussagekräftige, Geste Varoufakis. Dieser Band beweist, dass hier an Stoff wesentlich mehr beachtenswert ist, als die beleidigte (deutsche) Volksseele, ahnt.

Aktuell ist dieser Band, weil mit der Regierung Tsipras in Griechenland Anfang dieses Jahres, vieles, was die drei Autoren bereits 2013 diskutierten, höchst aktuell geworden ist. Was verbindet z.B. Tsipras mit dem Hegelianer Zizek? Horvat weist auf eine "typische" Aussage Zizeks hin, der an Tsipras "als Platoniker" glaube, und deshalb diesen nur "unter der Bedingung" unterstütze, dass er als Tsipras "geheimer Berater" tätig sein darf (S.93). Und in der Tat - Tsipras Verhalten - jetzt als Regierungschef - gewinnt an Nachvollziehbarkeit deutlich durch die, durchaus gegenüber Linken kritisch eingestellte, Position Zizeks. Für Zizek-Fans enthält der Band auch alles, was für Zizeks Philosophie als typisch gilt, bis hin zu kritischen Anmerkungen zum letzten Satz von Beethovens 9. Symphonie (S.105ff).

Aber auch derjenige, der sich dafür interessiert, warum Syriza an der Macht, nun gerade so und nicht anders agiert, erfährt durch diesen Band viel an Wissenswerten. Alle ihm wichtige Fragen zu einer anderen Politik in Griechenland und in Europa, beantwortet Tsipras bereits 2013, auch dank der präzisen Fragestellung Horvats. Natürlich setzt dies die Bereitschaft voraus, überhaupt etwas tiefer in die aktuelle, heftig geführte Auseinandersetzung über Griechenland unter Tsipras einzusteigen. Mir hat dieser Band sehr geholfen, das in den Medien häufig nur verzerrt dargestellt Verhalten der jetzigen griechischen Regierung, besser zu verstehen. Übrigens können mit diesem Band auch eingeschworene Tsipras-Gegner ihre Haltung überprüfen - natürlich nur sofern man will.


Thomas Piketty und die Verteilungsfrage: Analysen, Bewertungen und wirtschaftspolitische Implikationen für Deutschland
Thomas Piketty und die Verteilungsfrage: Analysen, Bewertungen und wirtschaftspolitische Implikationen für Deutschland
von Gustav A. Horn
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,30

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Guter Leitfaden und wichtige Ergänzung zu Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert", 18. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit den 10 Beiträgen von 14 Wirtschaftsfachleuten liegt ein sehr guter Leitfaden zum Hauptwerk von Piketty vor. Sowohl Pikettys Stärken als auch Schwächen werden auf theoretisch hohem Niveau, untermauert mit vielen Berechnungen, Fakten sowie Auseinandersetzungen zur Methodik, nachvollziehbar herausgearbeitet. Geeignet ist diese Veröffentlichung sowohl für all diejenigen, die bereits Pikettys "Kapital" gelesen haben als auch für diejenigen, die sich über Pikettys Argumente und Methodik nur informieren wollen. Aber auch wer sich unabhängig von Piketty mit der Vermögens- und Einkommensverteilung (speziell in Deutschland) auseinandersetzen möchte, erhält hier einen Fundus an Fakten, Berechnungen und Argumenten. Die Autoren behandeln in sofern Piketty als wichtigen Anstoß zu einer wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung, die bereits unabhängig von ihm immer mehr an Brisanz gewinnt.

Für mich waren diese Beiträge besonders hilfreich, um mich in dem umfangreichen Pro und Contra in der Debatte um Piketty zu orientieren. Anders wie manche Kritiker, verzichten die Autoren auf eine populärwissenschaftliche Problembehandlung zu Gunsten einer wissenschaftlichen Fachbewertung. Auch wenn dies für Laien das Verständnis teilweise etwas erschwert, entspricht dies in meinen Augen dem, wie Piketty selbst seine Argumentation untermauert. Plakativen und oberflächlichen Wertungen wird eine Fachdebatte gegenübergestellt, wobei streckenweise tiefer - und häufig auch anders - in die ökonomische Materie eingedrungen wird, als Piketty dies selbst praktiziert.

Konkret gibt Julian Bank zunächst einen ausführlichen Überblick über die einzelnen Positionen zu Piketty besonders in Deutschland. Dazu strukturiert Bank die Auseinandersetzung nach den vier Bereichen, Kapitalbegriff bei Piketty, dessen zentrale Behauptung des Ungleichgewichts r > g, den Daten und schließlich Pikettys politischen Empfehlungen. Dies geschieht meist nur informativ und ohne eigene Positionierung. Kritisch merkt Bank zu den häufigen Verrissen in Deutschland allerdings an, dass es hier offensichtlich an der Bereitschaft mangelt, "dem Thema der wachsenden Ungleichheit den Ernst entgegenzubringen, der angemessen wäre" (S.31).

Die nächsten vier Beiträge setzen sich vor allem theoretisch mit der Ableitungen der Ungleichheitsdynamik in Pikettys Verteilungstheorie und seinem Kapitalbegriff auseinander. Wer über ökonomische Grundkenntnisse verfügt, ist hier sicher besser dran als ein Laie. Gemildert wird letzteres Defizit jedoch dadurch, dass die Konsequenz der jeweiligen fachlichen Betrachtung stets klar benannt wird. Umgekehrt ermöglichen Berechnungen und wirtschaftstheoretische Ableitungen eine der Sache angemessene Kontrolle. Besonders gelungen fand ich diesbezüglich den Beitrag von Peter Bofinger und Philipp Scheuermeyer (S.101ff), da ihnen eine recht gute Verbindung aus Darstellung der komplexen Zusammenhänge und Verständlichkeit gelang.

Schwerpunktmäßig handelt es sich durchgehend um Fachauseinandersetzungen mit Pikettys Positionen und Argumenten. Eine Auseinandersetzung mit Befürwortern oder Kritikern Pikettys geschieht meist nur indirekt. Dabei lässt sich die (zum Teil unterschiedliche) Wertung in der Aussage so zusammenfassen, dass es trotz Schwächen in Pikettys Analyse keinen Grund gibt, die Verteilungsfrage abzuhaken. Das genau Gegenteil ist der Fall, wie die Autoren nachweisen. So zeigt z.B. Johannes Schmidt (S.133ff), dass Pikettys Vorgehen zwar nicht immer konsequent ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass man über andere Herangehensweisen zu ähnlichen und sogar eindeutigeren Ergebnissen kommt.

Charlotte Bartels und Timm Bönke beschäftigen sich danach in einem Beitrag ausführlich mit den Problemen einer statistischen Erfassung höher Einkommen, Vermögen und Erbschaften in Deutschland (S.159ff). Gerade angesichts der von ihnen dargestellten Schwierigkeiten wird deutlich, was Piketty mit seinen Berechnungen eigentlich geleistet hat.

Stefan Bach untersucht dann die Entwicklung der Vermögens- und Erbschaftssteuer in Deutschland (S.193ff) und veranschaulicht durch detaillierte Berechnungen, was für konkrete Auswirkungen steuerliche Veränderungen haben würden. Für eine Diskussion über eine Vermögensabgabe oder Vermögenssteuer legt er hiermit sehr brauchbares, da durch Zahlen belegtes, Material vor.

Bei der folgenden Untersuchung von Kai Daniel Schmid und Dorothee Spannagel zum Kapitaleinkommen und zur Einkommensungleichheit in Deutschland (S.243ff) ist nicht nur interessant, wie Veränderungen im Kapitaleinkommen sich beim Einkommen auswirken (und umgekehrt). Sie zeigen auch auf, dass sich die "stärkste Ungleichheit entlang der Markteinkommensverteilung" beim "Einkommen aus Vollzeiterwerbstätigkeit" zeigt (S.258), einem wenig beachteten Problem, dem sich anschließend Ulrike Stein ausführlich widmet (S.273ff).

Abgeschlossen wird der Band durch Untersuchungen von Miriam Rehm und Matthias Schnetzer zur Vermögensverteilung in Europa, unabhängig von den Berechnungen Piketts (S.295ff). Schwerpunkt ist hier nicht Deutschland, sondern Österreich, entsprechend des Arbeitsschwerpunktes der beiden Autoren in Österreich.

Insgesamt liefert diese Sammlung von Beiträgen zur Verteilungsfrage nicht nur Material für eine wirtschaftspolitische Debatte zur Lösung der Verteilungsfrage. Leser und Leserin erhalten hier auch viel nützliches Material und gute Argumente um die Bedeutung von Pikettys Positionen angemessen zu erfassen und um die häufig an ihm, oft mit unrealistischen Vereinfachungen oder oberflächlichen Allgemeinplätzen geübten Kritiken, fachlich angemessen werten zu können. Wer erwägt, sich dieses (übrigens sehr kostengünstige) Buch zu zulegen, sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass es sich bezogen auf die Art der Darstellung um ein Fachbuch handelt, was natürlich kein Nachteil ist, wenn man sich ernsthaft für die Verteilungsfrage interessiert.


Die Schulden im 21. Jahrhundert: Was ist drin, was ist dran und was fehlt in Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert"
Die Schulden im 21. Jahrhundert: Was ist drin, was ist dran und was fehlt in Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert"
von Daniel Stelter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Hält leider nicht das, was der Titel verspricht, 13. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Warum ich mir dieses Buch überhaupt zulegte, war der Anspruch des Autors. Auch für mich ist die Schuldenproblematik ein interessantes Thema. Ich erwartete mir deshalb eher eine kritische Ergänzung von Pikettys Erkenntnissen als dessen völlige Ablehnung. Doch Shelter betrachtet zwar die Datenbasis bei Piketty als "bleibende(n) wissenschaftliche(n) Beitrag" (S.139), alles andere lehnt er jedoch ab. Da Piketty wie Shelter der neoklassischen Sichtweise verhaftet ist, lässt sich Shelters Auseinandersetzung mit Piketty - zugegeben, etwas salopp ausgedrückt - auch als Kritik an einen "Abweichler" lesen. Und in der Tat: Piketty stellt einige bisher als unumstößliche Weisheiten geltende neoklassische Sichtweisen besonders durch seine Daten und Berechnungen in Frage.

Auch wenn Shelter den Anspruch erhebt, Pikettys Position in den wesentlichen Aspekten korrekt darzustellen, war es für mich schwierig, in der Auseinandersetzung Shelter contra Piketty eine eindeutige Position zu beziehen. Immer wieder musste ich die Kritik mit dem Original vergleichen. Sieht Piketty dies wirklich so, wie Shelter dessen Position zusammenfasst? Von dem was Piketty wörtlich vertritt, erscheint leider bei Shelter zu wenig. Außerdem mischt Shelter seine neoklassischen Grundpositionen mir zu sehr in die Auseinandersetzung mit Piketty. Stellenweise stellt Shelter sogar nur Behauptungen auf, wie z.B. dass dann, wenn "die Kapitalrendite wirklich dauerhaft über dem Wachstum der Wirtschaft" läge, "die Gewinnquote auf 100 Prozent des BIP steigen" müsste (S.58) (etwas was, wie Till von Treeck mit ausführlichen Berechnungen nachweist, so nicht stimmt und deshalb nicht als Gegenargument zur "Piketty-Formel" r > g dienen kann). Anderseits geht Shelter durchaus ausführlich auf Rendite, Sparquote, Verteilungsfrage usw. ein, aber leider immer eher global, d.h. ohne klaren Bezug zur Argumentation von Piketty, die sicher nicht immer konsistent ist.

Shelter kritisiert, wie viele andere Ökonomen, natürlich besonders die von Piketty postulierte Ungleichheit von Rendite und Wachstum (r > g). Bedenklich ist, dass letztlich Shelter bezüglich Pikettys Zweifel an der Gültigkeit dieser angeblich "mathematische(n) Gesetzmäßigkeit" (S.59), genau auf jener neoklassischen Argumentationsebene verbleibt, die im Falle Pikettys oft gerade als dessen Mangel betrachtet wird. Nur betrachtet Piketty seine Annahme r > g nicht als Gesetz, sondern als Vereinfachung auf dem Hintergrund, dass die neoklassische Annahme r = g eine unzulässig und empirisch nicht haltbare Abstraktion darstellt. Andererseits kommen die beiden "fundamentalen Gesetze" (konkret: α = P/Y = r K/Y = rβ und β = s/g), also das, was Piketty selbst als "Gesetz" bezeichnet, bei Shelter überhaupt nicht vor. Zugegeben, sicher etwas sehr pauschal ausgedrückt - habe ich den Eindruck, dass Shelter mehr Wert darauf legt, Leser und Leserin für seine ökonomische Sichtweise zu gewinnen, als auf eine hautnahe Auseinandersetzung mit den Positionen von Piketty. So ist beispielsweise zutreffend, dass Piketty nicht eindeutig beim Kapitalbegriff differenziert. Aber Shelters Definitionen sind ebenfalls nur seine Defintionen, wobei übrigens Marx, mit dem Shelter Piketty immer wieder in Zusammenhang bringt, wiederum einen Kapitalbegriff vertrat, der sowohl von Shelters als auch von Pikettys wesentlich abweicht. Ein ziemliches Manko ist in meinen Augen auch, dass bei der Frage des Ungleichgewichts (also der sog. "Piketty-Formel") Shelter bei seiner Kritik sein "Hauptthema", die Verschuldung, völlig ausblendet und - anders wie Piketty - hier nichts Fundamentales liefert. Hinzu kommt, dass Shelter - mit Ausnahme der Schulden - nicht über den von Piketty gesteckten Rahmen hinausgeht. So argumentiert er über weite Strecken mit dem Begriff des Vermögens als Volksvermögen, schließt jedoch bereits in der Definition (vgl. S.23) einen Großteil der Bevölkerung weitgehend vom Vermögensbesitz aus.

Ein wichtiger Aspekt für eine Bewertung von Shelter war für mich natürlich die Schuldenproblematik, der sich dieser - von sporadischen Einsprengseln abgesehen - erst ab S. 72 ausführlich widmet. Hierzu nennt Shelter auch interessante Zahlen, beschränkt das Problem der Schulden jedoch auf den Zeitraum ab 1970. Aufschlussreich ist sicher die Gegenüberstellung des Schuldenwachstums mit der Vermögensquote (S.74f). "Eine frappierende Parallelität!" (S.76), meint Shelter. Was aber sind die Ursachen?

Hier behauptet Shelter: "Die Politik des billigen Geldes und der billigen Schulden ist direkt verantwortlich für die empirischen Messergebnisse von Thomas Piketty" (S.80). Doch was ist Ursache für eine solche Finanzpolitik? Anders gesagt: Shelter "überführt" Piketty quasi in die aktuelle Debatte um die richtige Finanzpolitik (vgl. dazu bes. S.84ff). Dabei weist Shelter zwar daraufhin, dass Piketty es nicht so sieht wie er. Das Problem ist nur, dass er Piketty nicht widerlegt. Shelter stellt zwar korrekt fest: "Vermögen und Schulden sind zwei Seiten derselben Medaille" (S.83). Damit widerlegt er jedoch nicht Pikettys Hauptargument, dass wachsende Verschuldung gerade ein Ausdruck davon ist, dass tendenziell die Vermögensrendite über dem Wirtschaftswachstum liegt. Stattdessen präsentiert Shelter nur Altbekanntes (z.B. mehr Investitionen als ein Heilmittel).

Shelter bemängelt an Piketty, dass dieser einen Ausbau des Sozialstaates begrüßt und sich gegen dessen Abbau rigoros wendet (S.98f). Für Piketty ist das theoretisch konsequent. Denn ersten kann durch Abbau von Vermögen ein Sozialstaat gerade aufgebaut oder zumindest gesichert und damit Vermögenskonzentration und -überhänge abgebaut werden. Zweitens führt wirtschaftliche Rezension zu einem zunehmenden Bedarf an Sozialleistungen (z.B. bei Erwerbslosigkeit oder zu niedrigen Löhnen) und damit zu höheren Bedarf an staatlicher Umverteilung zu Gunsten soziale Existenzsicherung. Außerdem stellt bekanntlich eine wachsende Staatsverschuldung grundsätzlich eine Umverteilung von unten nach oben dar, mit den Forderungen der Gläubiger wächst folglich deren Reichtum über die Verzinsung.

Dass mit der Staatsverschuldung die Privatvermögen wachsen und die Vermögenskonzentration zunimmt, ist also nichts Ungewöhnliches. Ebenso wachsen die Privatschulden bei denen, die zwar den Wirtschaftskreislauf (durch Konsum) in Gang halten sollen, aber dafür über zu wenig Einkommen verfügen (sie nehmen Kredit auf, ihre Sparquote sinkt). Mit dem billigen Geld, was Shelter als eine Krisenursache betrachtet, soll ja gerade dieser Kreislauf in Gang gehalten werden (d.h. Investitionen angeregt werden, was jedoch nicht funktionieren muss). Wenn Shelter als Gegenmittel eine "Modernisierung der eigenen Wirtschaft und Investitionen in Bildung Innovation und Infrastruktur" setzt (S.92), ist dies nicht nur eine Allerweltsforderung, deren Wahrheitsgehalt gerade aktuell fraglich ist. Dies ändert vor allem nichts am Grundproblem, d.h. es fehlt die Antwort auf die Frage: Wer soll das bezahlen? Piketty ist hier sehr eindeutig und konsequent, wenn er dazu staatliche Eingriffe in besonders große Vermögen fordert, sei es zur Finanzierung "fundamental erforderlicher Reformen" (Shelter) oder sei es zum Abbau staatlicher Verschuldung. Nur der Markt scheint hier nichts erfolgreich zuregeln. In sofern richtet sich Pikettys Behauptung eines Ungleichgewichtes von Rendite und Wachstum auch gegen zu viel Marktgläubigkeit (obwohl Piketty selbst Marktwirtschaft begrüßt).

Alles, was das Wirtschaftswachstum hemmt (wie eine Sparpolitik) und was gegen eine sozialere Beteiligung an Vermögen und gesellschaftlicher Wertverteilung gerichtet ist, lehnt Piketty ab. Shelter sieht dagegen vor allem "Die wahren Kosten des Sozialstaats" (S.106) und vertritt das ständig wiederholte (einseitige) Argument, "das unser System des Sozialstaats auf den Prüfstand muss" (S.108). Ja, warum nur? Weil das gängige Argument von der Gleichheit von Rendite und Wachstum doch nicht der realen Situation entspricht und der Staat das ausgleichen muss, was der Markt eben nicht schafft? Wenn Shelter der Forderung Pikettys nach Erhalt oder sogar Ausbau des Sozialstaat als elementar für den sozialen Frieden entgegenhält, dass ein "Leben auf Pump (...) eine ebenso große Gefahr für Demokratie und sozialen Zusammenhalt darstellt" (S.108), macht er interessanterweise nicht die Schulden zur Ursache für Vermögenszuwächse, sondern den Sozialstaat. Wobei fraglich ist, ob im Falle von Erwerbslosigkeit, Krankheit oder Alter ökonomisch der Verschuldensbegriff überhaupt sinnvoll angewendet werden kann. Ich konnte leider nichts finden, wo mit seinem Schuldenansatz Shelter nun Piketty etwas Substanzielles entgegengesetzt hätte. Natürlich fördert billiges Geld und billige Kredite eine Verschuldung. Aber das allein dies die Ursache für Vermögenswachstum und Konzentration sei, weist Shelter schlichtweg nicht nach. Er landet nicht zufällig bei bekannten Forderungen nach Wirtschafts- und Finanzreformen, was allerdings wenig überzeugend klingt.

Wenn Shelter am Ende die Frage stellt "Was bleibt von Thomas Pikettys 'Kapital'?" (S.139), stellt sich mir vielmehr die Frage, was von Shelters großen Anspruch, der Schulden als Ursache, übrigbleibt. Leider nicht viel. Wer übrigens ein wirklich gutes Buch zu Bedeutung und Funktion von Schulden lesen will, sollte sich besser David Graeber "Schulden die ersten 5.000 Jahre" besorgen. Dass Shelter einem Schuldenschnitt durchaus positiv gegenübersteht, ist nur ein kleiner Trost (Piketty lehnt ihn übrigens ab, weil er auch kleine Vermögen betreffen würde). Shelter verbleibt wohl nicht zufällig auf einer Ebene, die stellenweise auch bei Piketty kritisiert wird, dass nämlich die Lösung ausschließlich auf der Sekundärebene liegen soll und der Primärbereich außen vorbleibt (z.B. bezogen auf Tarifauseinandersetzungen).

Man kann sich natürlich der Kritik Pikettys versuchen dadurch zu erwehren, indem man sich neoklassischer Dogmen versichert. Ob dies wirklich ausreicht, halte ich für fraglich. Schließlich ist die Annahme eines tendenziellen Ungleichgewichts nicht neu. Neu bei Piketty ist besonders die Datenbasis für solche Annahme. Hier lobt Shelter zwar die Daten von Piketty (von einigen Schwachstellen abgesehen). Es fehlt jedoch durch Shelters Ausweichen auf neoklassische Grundweisheiten ein organischer Zusammenhang; angebliche Stärke und angebliche Schwäche erscheinen oft unvermittelt. Ebenso bringt eine Zusammenfassung von Piketty ökonomischen Grundpositionen nicht viel, wenn bei der Kritik wesentliche Aspekte ausgespart oder zu stark versimplifiziert werden.

Ausführlich habe ich hier die Schuldenproblematik berücksichtigt, weil sie es war, weswegen ich mir Shelters Veröffentlichung überhaupt kaufte. Doch in diesem Punkt widerlegt Shelter Piketty nicht. Er überzeugt mich auch nicht mit seiner fraglichen Annahme, dass nur die Schulden zu Vermögenswachstum und Vermögenskonzentration führen (abgesehen davon, dass Shelter Schulden scheinbar nur ab 1970 als Problem anerkennt). Dass speziell die Staatsschulden Resultat wesentlich "dem Markt" mit seinem Hang zu extrem ungleicher Vermögensverteilung geschuldet ist, eine Einschätzung, die Piketty nahelegt, überzeugt mich da mehr und deckt sich auch mit der wirtschaftlichen Realität. Trotz einer recht vorbildlichen Strukturierung des Inhalts und - besonders im Vergleich zu anderen Piketty-Kritikern - auch sehr sachlichen Argumentation, erscheinen mir mehr als zwei Sterne als Bewertung leider nicht angemessen.


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