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Rezensionen verfasst von
A. Wolf (Wiesbaden)
(REAL NAME)   

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The Man in the Dark
The Man in the Dark
von Paul Auster
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,55

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The weird world rolls on, 23. November 2008
Rezension bezieht sich auf: The Man in the Dark (Gebundene Ausgabe)
Der vierte Roman innerhalb von fünf Jahren - wahrlich, Paul Auster lässt seine Fangemeinde selten lange auf das nächste Werk warten. Und dabei gelingt es ihm mit seiner ungemein flüssigen, ungemein kurzweiligen Erzählweise, immer wieder neue Leser zu rekrutieren, um mit ihnen auf den Feldzug für die nackte literarische Wahrheit zu gehen, die da lautet: Ein Roman ist eben ein Roman. Sein Schöpfer, der Autor, ist mit der Allmacht ausgestattet, Welten zu schaffen, Welten zu zerstören. Er hat jederzeit das Recht, die Fiktion, deren Leser eben noch so gefesselt erlegen war, zu brechen. Es ist erstaunlich, dass dieses postmoderne Konzept so beharrlich zu funktionieren scheint - und das schon seit Jahrzehnten. Aber soll man dieses Repetieren einem Paul Auster wirklich vorwerfen? Hat er doch mit seinem Man in the Dark" (Dt. Mann im Dunkel") nun endlich mal wieder - sozusagen wortwörtlich - voll ins Schwarze getroffen.

Erzähler der Geschichte ist August Brill, von der Gebrechlichkeit des Alters gezeichnet, liegt er in tiefster, onyxschwarzer Nacht in seinem Bett und ringt krampfhaft mit dem Verdrängen schmerzlicher und traumatischer Erlebnisse. Dem Krebstod seiner Frau. Und der emotionalen Zerrissenheit der übrigen Familie: Im Haus wohnen noch seine Tochter Miriam, die vor Jahren von ihrem Mann verlassen wurde und Kathy, seine Enkelin, deren Freund Titus ermordet wurde.

Ungemein temporeich, in einer geradezu endzeitlichen Atmosphäre, ersinnt Brill die Geschichte von Owen Brick. Der 30-jährige, Zauberer von Beruf, wacht in einem parallelen Amerika der Gegenwart auf - und wird mit der Ermordung eines Mannes beauftragt. Dieses Amerika hat den 11. September 2001 nicht erlebt, auch den Irak-Krieg hat es nicht gegeben. Stattdessen tobt ein zweiter Sezessionskrieg. Wir erfahren, dass Föderalisten - unter George W. Bush - gegen unabhängige Einzelstaaten kämpfen und das dem ganzen Blutvergießen nun ein Ende bereitet werden soll. Bricks Auftrag lautet, den Schöpfer dieses parallelen Amerikas zu töten, um das alte" Amerika wiederherzustellen: August Brill.
Auf seiner endzeitlichen Odyssee wird Brick mit seiner Vergangenheit konfrontiert - sein Jugendschwarm, Virginia, versucht ihn auf sanfte Weise von der Wichtigkeit seines Auftrags zu überzeugen. Schläger, die mit der Ermordung seiner Frau drohen und mit weiteren Argumenten, die sichtliche Spuren an Brick hinterlassen, wählen eher unsanfte Methoden.

Brill steigt immer wieder aus dieser Fiktion um Owen Brick heraus und vergegenwärtigt uns sein ganz persönliches Leid. Die Welt der Literatur ist ein schöner Trost, um die reale Welt zu ertragen. Aber Vergessens süßes Gegengift", wie es in Macbeth heißt, wird nicht genügen. Brill erkennt, dass er der düsteren Realität nicht mit Geschichten begegnen kann. Miriams Aufsatz über Rose Hawthorne, die - trotz vieler Unzulänglichkeiten und ihrem ganzen Scheitern - doch noch etwas aus ihrem Leben machen konnte, verfasste in ihrer mediokren Lyrik einst den Satz: As the weird world rolls on. Es geht weiter. Immer und immer weiter.

Dieser Auster-Roman stellt voller Groll über ein gespaltenes Amerika. Er verwischt einmal mehr die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Und er lässt, wie eh und je, den Leser in die klassische Auster-Falle tappen: Es ist eben alles nur eine Geschichte. Allerdings ist das letzte Drittel dieses Romans ausnahmsweise der Realität gewidmet. Da springt Mister Auster über den eigenen (postmodernen) Schatten und lässt seinen Erzähler poetisch, tiefgründig und realistisch wie selten über das Leben sinnieren. The weird world rolls on - das wünscht man sich auch für zukünftige Auster-Welten, auch wenn sie verzaubern und alle Zauberei - dann und wann zum Ärgernis des Lesers - als Humbug entlarven, es sind und bleiben faszinierende Welten, in die man gerne versinkt.


Mann im Dunkel
Mann im Dunkel
von Paul Auster
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The weird world rolls on, 23. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Mann im Dunkel (Gebundene Ausgabe)
Der vierte Roman innerhalb von fünf Jahren - wahrlich, Paul Auster lässt seine Fangemeinde selten lange auf das nächste Werk warten. Und dabei gelingt es ihm mit seiner ungemein flüssigen, ungemein kurzweiligen Erzählweise, immer wieder neue Leser zu rekrutieren, um mit ihnen auf den Feldzug für die nackte literarische Wahrheit zu gehen, die da lautet: Ein Roman ist eben ein Roman. Sein Schöpfer, der Autor, ist mit der Allmacht ausgestattet, Welten zu schaffen, Welten zu zerstören. Er hat jederzeit das Recht, die Fiktion, deren Leser eben noch so gefesselt erlegen war, zu brechen. Es ist erstaunlich, dass dieses postmoderne Konzept so beharrlich zu funktionieren scheint - und das schon seit Jahrzehnten. Aber soll man dieses Repetieren einem Paul Auster wirklich vorwerfen? Hat er doch mit seinem Man in the Dark" (Dt. Mann im Dunkel") nun endlich mal wieder - sozusagen wortwörtlich - voll ins Schwarze getroffen.

Erzähler der Geschichte ist August Brill, von der Gebrechlichkeit des Alters gezeichnet, liegt er in tiefster, onyxschwarzer Nacht in seinem Bett und ringt krampfhaft mit dem Verdrängen schmerzlicher und traumatischer Erlebnisse. Dem Krebstod seiner Frau. Und der emotionalen Zerrissenheit der übrigen Familie: Im Haus wohnen noch seine Tochter Miriam, die vor Jahren von ihrem Mann verlassen wurde und Kathy, seine Enkelin, deren Freund Titus ermordet wurde.

Ungemein temporeich, in einer geradezu endzeitlichen Atmosphäre, ersinnt Brill die Geschichte von Owen Brick. Der 30-jährige, Zauberer von Beruf, wacht in einem parallelen Amerika der Gegenwart auf - und wird mit der Ermordung eines Mannes beauftragt. Dieses Amerika hat den 11. September 2001 nicht erlebt, auch den Irak-Krieg hat es nicht gegeben. Stattdessen tobt ein zweiter Sezessionskrieg. Wir erfahren, dass Föderalisten - unter George W. Bush - gegen unabhängige Einzelstaaten kämpfen und das dem ganzen Blutvergießen nun ein Ende bereitet werden soll. Bricks Auftrag lautet, den Schöpfer dieses parallelen Amerikas zu töten, um das alte" Amerika wiederherzustellen: August Brill.
Auf seiner endzeitlichen Odyssee wird Brick mit seiner Vergangenheit konfrontiert - sein Jugendschwarm, Virginia, versucht ihn auf sanfte Weise von der Wichtigkeit seines Auftrags zu überzeugen. Schläger, die mit der Ermordung seiner Frau drohen und mit weiteren Argumenten, die sichtliche Spuren an Brick hinterlassen, wählen eher unsanfte Methoden.

Brill steigt immer wieder aus dieser Fiktion um Owen Brick heraus und vergegenwärtigt uns sein ganz persönliches Leid. Die Welt der Literatur ist ein schöner Trost, um die reale Welt zu ertragen. Aber Vergessens süßes Gegengift", wie es in Macbeth heißt, wird nicht genügen. Brill erkennt, dass er der düsteren Realität nicht mit Geschichten begegnen kann. Miriams Aufsatz über Rose Hawthorne, die - trotz vieler Unzulänglichkeiten und ihrem ganzen Scheitern - doch noch etwas aus ihrem Leben machen konnte, verfasste in ihrer mediokren Lyrik einst den Satz: As the weird world rolls on. Es geht weiter. Immer und immer weiter.

Dieser Auster-Roman stellt voller Groll über ein gespaltenes Amerika. Er verwischt einmal mehr die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Und er lässt, wie eh und je, den Leser in die klassische Auster-Falle tappen: Es ist eben alles nur eine Geschichte. Allerdings ist das letzte Drittel dieses Romans ausnahmsweise der Realität gewidmet. Da springt Mister Auster über den eigenen (postmodernen) Schatten und lässt seinen Erzähler poetisch, tiefgründig und realistisch wie selten über das Leben sinnieren. The weird world rolls on - das wünscht man sich auch für zukünftige Auster-Welten, auch wenn sie verzaubern und alle Zauberei - dann und wann zum Ärgernis des Lesers - als Humbug entlarven, es sind und bleiben faszinierende Welten, in die man gerne versinkt.


Orlando, English edition: A Biography (Oxford World's Classics)
Orlando, English edition: A Biography (Oxford World's Classics)
von Virginia Woolf
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ist dies, was die Leute Leben nennen?", 13. Juli 2008
Virginia Woolfs "Orlando" erschien am 11. Oktober 1928 in London. Als befreiende Entspannung nach den Strapazen im Zuge der Entstehung von "Miss Dalloway" und "To the Lighthouse" (dt. "Die Fahrt zum Leuchtturm") geschrieben, steht "Orlando" nicht in einer Reihe mit den ganz großen Werken Virginia Woolfs. Die Autorin schlüpft darin in die Figur eines Biographen, der über mehrere Jahrhunderte hinweg die Geschichte des androgynen Wesens Orlando schildert. Die Zeitspanne, die dabei abgedeckt wird, reicht vom elisabethanischen England bis ins Jahr 1928.

Zu Beginn steht der Jüngling Orlando: Ein poesiebegeisterter Knabe, der vom großen literarischen Ruhm träumt. Schließlich steht er in den Diensten von Königin Elisabeth und wächst zu deren Günstling empor. Bald folgen die erste große Liebesenttäuschung und daraufhin eine weite Reise als Gesandter an den türkischen Hof. Es ist das große und ewige Thema der Autorin, das uns auch in "Orlando" begegnet: der Wandel des Menschen. Den großen Clou landet Woolf, als sie Orlando nach tagelangem Schlaf als Frau erwachen lässt:

"The trumpeters, ranging themselves side by side in order, blow one terrific blast: --
'THE TRUTH! at which Orlando woke. He stretched himself. He rose. He stood upright in complete nakedness before us, and while the trumpets pealed Truth! Truth! Truth! we have no choice left but confess -- he was a woman."

Vita Sackville-West, die Geliebte Virginia Woolfs, stand Pate für Orlando. Ihre hochadelige Herkunft bedingte eine Familiengeschichte, die über mehrere Jahrhunderte reicht. 8 Illustrationen sind dem Buch beigegeben, teilweise ist Vita selbst darauf zu sehen, teilweise Personen aus ihrem Umfeld selbst. Eine nähere Kenntnis der Biographie Vitas erlaubt es, Verweise zu deuten und Personen wiederzuerkennen. Doch das alles ist nicht nötig, um beim Lesen von "Orlando" großen Genuss zu verspüren. Gewiss, wer Virginia Woolf liebt, der liebt sie für die feuerwerkartigen inneren Monologe, für Passagen erlebter Rede, die in nahezu jedes Handbuch eingegangen sind. "Orlando" gibt sich unter solchen Kriterien deutlich sparsamer, doch liegt seine Stärke besonders in den ironischen Darstellungen der jeweiligen Epochen, die Orlando durchlebt. Wer berühmte Figuren - wie einen Alexander Pope zum Beispiel - kennt, der hat wahre Freude an dessen zynischen Bemerkungen. Im viktorianischen Zeitalter gefällt der romantisch verklärende Unterton.

Eine Schwäche kann auch zur Stärke werden. Und so ist es wohl gerade die augenscheinliche Leichtigkeit des Romans, die Woolf ihren ersten großen kommerziellen Erfolg bescherte. Gehobenen ästhetischen Maßstäben hält diese phantastische Geschichte allerdings dennoch stand. Und auch wenn sich Woolf im Klaren darüber war, dass sie hier nicht ihr Opus Magnum produziert hatte, so weiß ihre in schöne Prosa gegossene - und damit verewigte - Liebe zu Vita Sackville-West auch heute noch zu begeistern.

Wer von Orlando nicht genug bekommen kann, der schaue sich die Verfilmung an. Darin gibt es eine gnadenlos gut spielende Tilda Swinton als Orlando, wunderschön fotografierte Landschaften, einen starken Soundtrack und vieles mehr zu entdecken.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 21, 2008 9:09 PM MEST


Orlando: Eine Biographie
Orlando: Eine Biographie
von Virginia Woolf
  Broschiert

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ist dies, was die Leute Leben nennen?", 13. Juli 2008
Rezension bezieht sich auf: Orlando: Eine Biographie (Broschiert)
Virginia Woolfs "Orlando" erschien am 11. Oktober 1928 in London. Als befreiende Entspannung nach den Strapazen im Zuge der Entstehung von "Miss Dalloway" und "To the Lighthouse" (dt. "Die Fahrt zum Leuchtturm") geschrieben, steht "Orlando" nicht in einer Reihe mit den ganz großen Werken Virginia Woolfs. Die Autorin schlüpft darin in die Figur eines Biographen, der über mehrere Jahrhunderte hinweg die Geschichte des androgynen Wesens Orlando schildert. Die Zeitspanne, die dabei abgedeckt wird, reicht vom elisabethanischen England bis ins Jahr 1928.

Zu Beginn steht der Jüngling Orlando: Ein poesiebegeisterter Knabe, der vom großen literarischen Ruhm träumt. Schließlich steht er in den Diensten von Königin Elisabeth und wächst zu deren Günstling empor. Bald folgen die erste große Liebesenttäuschung und daraufhin eine weite Reise als Gesandter an den türkischen Hof. Es ist das große und ewige Thema der Autorin, das uns auch in "Orlando" begegnet: der Wandel des Menschen. Den großen Clou landet Woolf, als sie Orlando nach tagelangem Schlaf als Frau erwachen lässt:

"The trumpeters, ranging themselves side by side in order, blow one terrific blast: --
'THE TRUTH! at which Orlando woke. He stretched himself. He rose. He stood upright in complete nakedness before us, and while the trumpets pealed Truth! Truth! Truth! we have no choice left but confess -- he was a woman."

Vita Sackville-West, die Geliebte Virginia Woolfs, stand Pate für Orlando. Ihre hochadelige Herkunft bedingte eine Familiengeschichte, die über mehrere Jahrhunderte reicht. 8 Illustrationen sind dem Buch beigegeben, teilweise ist Vita selbst darauf zu sehen, teilweise Personen aus ihrem Umfeld selbst. Eine nähere Kenntnis der Biographie Vitas erlaubt es, Verweise zu deuten und Personen wiederzuerkennen. Doch das alles ist nicht nötig, um beim Lesen von "Orlando" großen Genuss zu verspüren. Gewiss, wer Virginia Woolf liebt, der liebt sie für die feuerwerkartigen inneren Monologe, für Passagen erlebter Rede, die in nahezu jedes Handbuch eingegangen sind. "Orlando" gibt sich unter solchen Kriterien deutlich sparsamer, doch liegt seine Stärke besonders in den ironischen Darstellungen der jeweiligen Epochen, die Orlando durchlebt. Wer berühmte Figuren - wie einen Alexander Pope zum Beispiel - kennt, der hat wahre Freude an dessen zynischen Bemerkungen. Im viktorianischen Zeitalter gefällt der romantisch verklärende Unterton.

Eine Schwäche kann auch zur Stärke werden. Und so ist es wohl gerade die augenscheinliche Leichtigkeit des Romans, die Woolf ihren ersten großen kommerziellen Erfolg bescherte. Gehobenen ästhetischen Maßstäben hält diese phantastische Geschichte allerdings dennoch stand. Und auch wenn sich Woolf im Klaren darüber war, dass sie hier nicht ihr Opus Magnum produziert hatte, so weiß ihre in schöne Prosa gegossene - und damit verewigte - Liebe zu Vita Sackville-West auch heute noch zu begeistern. Brillant ediert von Klaus Reichert, macht auch die deutsche Ausgabe große Freude und - bei denen, die Woolf noch entdecken wollen - gewiss Lust auf mehr.

Wer von Orlando nicht genug bekommen kann, der schaue sich die Verfilmung an. Darin gibt es eine gnadenlos gut spielende Tilda Swinton als Orlando, wunderschön fotografierte Landschaften, einen starken Soundtrack und vieles mehr zu entdecken.


Das Gegenwort-Wörterbuch. Ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen
Das Gegenwort-Wörterbuch. Ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen
von Wolfgang Müller
  Taschenbuch
Preis: EUR 44,95

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wenig sinnvoll - aber beinahe, 12. Juli 2008
Über die deutsche Sprache kann man so unendlich vieles sagen. Was gern erwähnt wird: Es gibt so um die 300.000 bis 500.000 Wörter - Sprachwissenschaftler sprechen von Lexemen, wie man's nennt, ist wurscht, es ist auf jeden Fall eine ganze Menge. Selbst die begabtesten, von Natur aus gesegneten Sprecher kommen kaum über einen aktiven Wortschatz von über 12.000 Wörtern hinaus. Weit, weit mehr als für den Alltag nötig. Aber was machen Journalisten, Schriftsteller, Werbetexter und andere, deren Handwerkskunst die Sprache ist, wenn sie sich auf die bisweilen verzweifelte Suche nach dem einen richtigen, passenden, treffenden Wort begeben, das einen Sachverhalt so, und zwar nur genau so auf den Punkt bringt? Wie quälend kann sie sein, die Suche nach diesem Wort, wie schön das Gefühl, selbiges tatsächlich einmal gefunden zu haben.

Der Bücher zum deutschen Wortschatz gibt es viele. A. M. Textors Synonymwörterbuch erfüllt in Kombination mit dem altehrwürdigen Dornseiff viele Forderungen, die man an Nachschlagewerke zur sprachlichen Vielfalt stellen kann. Beim De Gruyter Verlag liegen viele der maßgeblichen Werke zur deutschen Sprache vor, von Sprachgeschichten bis hin zu guten Lexika. So auch das Gegenwort-Wörterbuch. Es sollte nicht mit einem Antonymen-Wörterbuch verwechselt werden, denn während Antonyme in der Regel das Gegenteil eines Wortes umreißen, stellt das Gegenwort-Wörterbuch stets den Spiegel, die Umkehr, sozusagen das Gegenstück, das Pendant zu einem Wort dar.

So weit so gut. Aber wir reden bei Gegenwörtern nicht in erster Linie vom bloßen Wortschatz, sondern haben es in gewisser Weise auch mit Wortbildung zu tun. Dazu muss man häufig einfach Silben anhängen und aus "nötig" wird ganz schnell das Gegenwort "unnötig". Aus "kraftvoll" wird "kraftlos" und so weiter. Das Gegenwort zu Wolf: die Wölfin - sehr aufschlussreich, nicht wahr?

Der Gedanke hinter dem Gegenwort-Wörterbuch, nämlich sprachlich auf den Punkt zu kommen, ist richtig. Aber warum hat man hier nicht einfach ein intelligenteres Synonymwörterbuch erstellt, das nicht einfach Synonyme/Antonyme aneinanderreiht, sondern gleichzeitig auch das exakte Gegenwort angibt? Das Ergebnis wäre eine sinnvolle Investition gewesen, der Effekt wäre gewaltig gewesen. So allerdings endet das Aufschlagen und gezielte Suchen leider überwiegend im Frust. Beim Durchblättern stoppten meine Augen beim Eintrag "Fummeltrine", dessen Gegenteil der "Lederkerl" sein soll. Gut möglich, dass dieses leichte Schmunzeln eine singuläre Erfahrung mit diesem Werk ist.

Wer also die Wortbildungsgesetze kennt, der braucht dieses Buch wirklich nicht. Nur wenige Treffer helfen wirklich, vieles davon findet man auch im Duden. In gewisser Weise sind die in einem Kapitel gemachten Anmerkungen zur Wortbildung sogar noch hilfreicher, als die Lexikoneinträge selbst.

Der Versuch ist aller Ehren wert, aber das Experiment ist gescheitert: Bäume wurden sinnlos gefällt - sie können einem leidtun. Der De Gruyter Verlag sollte hier vielleicht einfach ein Einsehen haben und das Konzept entweder schleunigst überarbeiten oder das Werk komplett einstampfen. Oder steht gar demnächst das Gegensatz-Wörterbuch an. Dann bin ich gespannt, was ich unter dem Eintrag "kaufen Sie dieses Buch" finden werde.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 23, 2012 11:17 AM CET


Die Lilienhand: Alle Sonette
Die Lilienhand: Alle Sonette
von Spenser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Schönste aber bleibe dir verhüllt, 12. Juli 2008
Edmund Spenser (1552 - 1599) ist der neben Geoffrey Chaucer größte Autor der frühenglischen Literatur. Zu seinen großen Werken gehören das gewaltige Versepos "The Faerie Queene" - eine Allegorie auf den englischen Hof -, sein "Shepheardes Calender" - eine sprachlich vollkommene Portraitierung politischer Fragestellungen in bukolischen Eklogen. Und schließlich seine Sonette, die ihre ganz eigene, charakteristische Stimme besitzen; nicht zuletzt durch das neuartige Reimschema, das sich von Petrarcas Sonetten deutlich absetzt: abab - cdcd - ee (Petrarcas Laura-Sonette reimten auf abbaabba - cdecde). Diese als "Spensarian Stanza" in die Geschichte der Dichtkunst eingegangene Form wurde stilbildend für Spensers gesamtes Schaffen, das abschließende Reimpaar der Sonette griff Shakespeare auf und kultivierte es bis hin ins Sublime.

Spenser wirkte lange nach - Shakespeare, Milton, Byron, Keats, immer wieder findet man sprachliche Verneigungen vor dem großen Verskünstler. Ein Grund dafür: Seine Sonette sind vielfach Inbegriffe für die typischen Sprachbilder, wie etwa Vergleiche der Geliebten mit Dingen aus der Natur. So in Sonett 15, das all die bloßen reinen Äußerlichkeiten mit dem wichtigsten, das dem Auge Verborgenen, nichtig erscheinen lässt:

But that which fairest is, but few behold,
Her mind adorned with virtues manifold.

Das Schönste aber bleibe dir verhüllt:
Ihr stolzer Sinn, von Tugenden erfüllt.

Übersetzer Alexander Nitzberg spricht von einer Auflösung des Konflikts auf einer höheren Ebene. Dies findet sich auch im beeindruckenden Sonett LXXV, das den berühmten Vanitas-Gedanken in sehr berührender Art aufgreift:

One day I wrote her name upon the strand,
But came the waves and washed it away:
Agayne I wrote it with a second hand,
But came the tyde, and made my paynes his pray.
Vayne men, sayd she, that doest in vaine assay,
A mortall thing so to immortalize,
For I my selve shall lyke to this decay,
And eek my name bee wyped out lykewize.

Den liebsten Namen schrieb ich in den Sand,
Da schwand er mit der Ebbe in der See.
Und wieder einmal schrieb ich ihn, da schwand
Er mit der Flut zu meinem tiefen Weh.
Sie sprach: der Unbestand! Gelang es je,
Dem Sterblichen Unsterblichkeit zu leihn?
Weil ich am Ende ebenso vergeh,
Und auch mein Name soll vergessen sein.

Wo Shakespeare der große Dramatiker war und selbst Gesetze der Strophe qua der eigenen Genialität außer Kraft setzte, da spielte Spenser auf gedanklich subtile Weise: sanfter, nicht minder schön als Shakespeare, doch - wie Nitzberg treffend anmerkt - kontemplativer. Diese Raffinesse auch einmal komplett in Deutsch vorliegen zu haben, ist ein längst überfälliger Akt der Übersetzungskunst. Dem Jung und Jung Verlag sei dafür gedankt, dem Übersetzer der "Lilienhand", Alexander Nitzberg, ebenso. Doch kommt man nicht umhin, im direkten Vergleich die englische stets als die kunstvollere, die schwungvollere Version klassifizieren zu müssen. Allzu häufig versagt Nitzberg in seinem Unterfangen, die "Geschmeidigkeit" Spensers, deren Fehlen er an früheren Übersetzungen kritisiert, selbst zu erzeugen.

Und so stellt sich dem Literaturfreund einmal mehr die Frage: Ist das überhaupt übersetzbar? Ein Klaus Reichert weicht auf Prosa aus, um Shakespeares Sonetten gerecht zu werden. - Und dahin mit der Melodie. Ältere romantische Übersetzungen von Spenser schweben in romantischen Lieblichkeiten und vergessen - selbstverliebt - den Gegenstand. Und auch Nitzbergs modern anmutende Übersetzung wird dem großen Spenser nicht gerecht. Spensers Figur Colin Clout, der unglücklich verliebte Schäfer aus dem "Shepheardes Calender", würde vielleicht sagen: sick fancies weren foolerie." Und noch etwas poetischer ließe es sich mit Nitzberg sagen: "Das Schönste aber bleibe dir verhüllt."

Aber kann es nicht genügen, Spenser dem deutschen Publikum überhaupt einmal nah zu bringen? Gewiss, es kann. Und so bleibt am Ende die Empfehlung an alle, die Spenser noch nicht kennen, ihn hier kennenzulernen. Schließlich sind auch die Originaltexte vorhanden, ebenso ein durchaus brauchbarer Kommentar. Und vorhanden ist auch eine ambitionierte Übersetzung, vielfach gut, vielfach dem Original spürbar unterlegen - dennoch hilfreich für alle jene, die sie brauchen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 17, 2008 9:47 PM MEST


Die Spur des Teufels: Roman
Die Spur des Teufels: Roman
von John Burnside
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Überwiegend überzeugend, 20. Juni 2008
"In Coldhaven, einem kleinen Fischernest an der Ostküste Schottlands, wachten die Menschen vor langer Zeit an einem düsteren Morgen Mitte Dezember auf und sahen nicht nur, dass ihre Häuser tief und traumverloren unter einer so dicken Decke Schnee begraben lagen, wie sie nur ein- oder zweimal in jeder Generation ausgebreitet wird, sondern dass darüber hinaus, während sie geschlafen hatten, etwas seltsames geschehen war, etwas, was sie nur mit Geschichten und Gerüchten zu erklären wussten, die sie allerdings, da sie ein braves und gottesfürchtiges Volk waren, höchst ungern weitererzählten, Geschichten, in denen der Teufel vorkam (...). Jene, die am lang vergangenen Wintermorgen als Erste aus den Betten waren, (...) sollten die Ersten sein, die jenes Phänomen bemerkten, das die ganze Stadt später die <Spur des Teufels> nannte."

Temporeich, kunstvoll und vor allem recht unheimlich lässt der Schotte John Burnside seinen Roman "Die Spur des Teufels" beginnen. Doch wird es, anders als der Duktus der ersten Seiten vermuten ließe, keine Schauermär vor der rauen, schottischen Küste geben, keine Phantastik, die ein Stephen King in einem nicht minder verschlafenen Nest in Maine erzählt hätte und auch keinen mystischen Gesang aufs Meer, der doch so typisch ist für britische und irische Autoren, von einer Iris Murdoch bis hin zu John Banville.

Für das, was uns Burnside erzählen will, hätte es der Sage vom dem Meer entstiegenen Teufel nicht bedurft. Wollte man John Burnside böse, würde man ihm einen kleinen Trick unterstellen, denn die ersten Seiten eines Buches, sind schließlich die, auf die es durchaus ankommt, zumindest, wenn es um die vorrangige Weckung des Leseinteresses geht. Und dort punktet Burnside gewaltig, doch schon bald konzentriert sich das Handlungsgeschehen auf Michael Gardiners Leben; Burnsides Protagonisten, der uns in besagtem Coldhaven die Geschichte eines höchst verschrobenen, provinziellen Pöbels erzählt, der Michaels Eltern - die nicht nur das Stadtleben satt hatten, sondern auch an einer unheilvollen Vergangenheit zu leiden haben, um an der beschaulichen Küste ein Refugium und zugleich Inspiration zu finden (der Vater ist Photograph) - bei jeder sich bietenden Gelegenheit drangsaliert.

All diese Kindheits- bzw. Jugenderinnerungen an Coldhaven brechen hervor, als Michael - wohlhabend, müßiggängerisch, sich in seiner Ehe langweilend - eines morgens die Zeitung aufschlägt, und erfährt, dass Moira, seine Geliebte von anno dazumal, sich und ihre beiden Kinder umgebracht hat. Allein Hazel, ihre 14-jährige Tochter, ist dem grauenvollen Ereignis nicht zum Opfer gefallen. Michael erinnert sich zurück, an Tom Birnie, den grobschlächtigen Kerl, der Moira freite, und der Stachel des Zweifels bohrt sich in Michaels Brust: Vor 14 Jahren hatte er eine Affäre mit Moira, 14 Jahre alt ist Hazel - ist sie, die Hinterbliebene, womöglich seine leibliche Tochter? Manisch besessen von diesem Gedanken, einem Stalker gleich, verfolgt Michael Hazel auf Schritt und Tritt, bis die beiden schließlich eines Tages durchbrennen und eine scheinbar ziellose Reise antreten.

John Burnside versteht sich in seiner Sprache auf schöne, kraftvolle Bilder. Dass er auch Lyriker ist, liefert dem Roman an vielen Stellen einen sehr erfreulichen Benefit. Die Schatten der Vergangenheit nehmen einen großen Raum ein in der Farbsymbolik des Romans. Man denke hier an die kunstwissenschaftlichen Bemerkungen zu Lichtquellen in Bildern, ehe Michael kurze Zeit später eben jene eigene Schattenseite zeigen wird. Darüber hinaus gibt es viele weitere Textstellen, die stets Licht- und Schattenflächen genauestens charakterisieren. Zudem ist Michael selbst durchaus überzeugend gezeichnet, das Dahinsiechen seiner Ehe zu Amanda metaphernreich geschildert.

Und doch, bei aller Atmosphäre, Mystik, dem kunstvollen und zugleich unterhaltenden Erzählstil kommt man nicht umhin, Schwachstellen des Romans auszumachen. Dazu zählt vor allem jene Reise mit Hazel, in der Nabokovs "Lolita" als Intertext allzu bemüht beschworen wird. Hazel bleibt leider gänzlich rätselhaft, die psychologische Spannung zwischen den beiden hätte - wenn man schon so krampfhaft "Lolita" bemüht - überzeugender gestaltet sein dürfen.

Dennoch ist "Die Spur des Teufels" durchaus lesenswert. Die kleinen Abstriche tun dem insgesamt kunstvollen und zugleich kurzweiligen Erzählduktus keinen Abbruch: Der Sätze, die sich über eine ganze Seite bewegen, sind nicht wenige. Allenthalben streut Burnside Zitate aus Filmen und der Literatur ein. Und allenthalben überzeugen den Leser schöne Bilder und weitere Eindrücke, die das Gefühl erwecken, gerade selbst den salzigen Geschmack des schottischen Meeres auf der Zunge zu spüren, umweht von einer eiskalten Brise.


Poems (Dodo Press)
Poems (Dodo Press)
von Alan Seeger
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Hab mit dem Tod ein Rendezvous", 19. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Poems (Dodo Press) (Taschenbuch)
Der Lauf der Zeit bringt es wohl mit sich, dass manche Dichter, Schriftsteller, Künstler in Vergessenheit geraten. Neben den Epigonen hat eben meist nur der Mainstream Platz. Oder die Nischen, die im jeweiligen Zeitgeist zumindest als ebensolche existieren. Der Lyriker Alan Seeger (22.6.1888 - 4.7.1916) ist in Deutschland kaum mehr ein Begriff.

Der einstige Mitschüler T.S. Eliots in Harvard schloss sich während des Ersten Weltkriegs der französischen Fremdenlegion an und starb im Gewehrfeuer um das umkämpfte Örtchen Belloy-en-Santerre. Gerade mal 28 Jahre alt wurde Seeger. Ein Intellektueller, der das Leben eines Bohemiens hätte führen können. Vieles deutete in seiner Vita darauf hin, er würde den Weg eines Schöngeistes einschlagen: "At an age when the social instincts are usually most lively I came to understand the pleasures of solitude. My books were my friends. The opening to me of the shelves of the college library, a rare privilege, was like opening the gates of an earthly paradise." Doch wie auch die so genannten "War Poets" durchströmte Seeger ein besonderer Idealismus. Es war die Liebe zu Frankreich, die Verteidigung seiner Wahlheimat, die ihn in den Krieg ziehen ließ.

Das schmale Oeuvre des Dichters, das neben der posthum veröffentlichten Gedichtsammlung "Poems" (1917) noch stilistisch beachtenswerte Briefe und Tagebücher enthält, kreist thematisch um Themen wie Liebe, Einsamkeit und natürlich den Krieg. Seeger versuchte sich an verschiedenen lyrischen Formen, verfasste Sonette, Oden, verarbeitete Themen der griechischen Tradition und tat all das in gefälliger, bisweilen exzellenter Art und Weise. Neben Liebeserklärungen an Paris findet sich auch immer die idealistische Erhöhung, die eben auch typisch für Seeger ist. So schrieb er einmal: "My only salvation will be to die young and to leave some monument which being, if such is possible, more beautiful than the life it commemorates may seem to posterity an only and adequate excuse for that life having been."

Wie Jacqueline Kennedy berichtete, rezitierte ihr Mann, John F. Kennedy, ein Gedicht Alan Seegers besonders gerne. Man trifft vielfach in der Biografie Kennedys auf dieses lyrische Kleinod, rückt es doch das Leben des ermordeten amerikanischen Präsidenten in auf traurige Weise ironisches Licht. Es ist die gleiche Ironie, die auch mit dem Leben und Tod Alan Seegers für immer verbunden sein wird. Hier die letzten Zeilen aus "I have a Rendezvous with Death":

But I've a rendezvous with Death
At midnight in some flaming town,
When spring trips north again this year,
And I to my pledged word am true,
I shall not fail that rendezvous.

"Hab mit dem Tod ein Rendezvous,
Bei Nacht, in einer Stadt, die brennt,
Zieht Frühling nordwärts dieses Jahr,
Halt ich mein Wort, tu meine Pflicht:
Dies Rendezvous verpass ich nicht."
Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 13, 2008 12:02 AM MEST


Gold und Silber: Roman
Gold und Silber: Roman
von Lars Brandt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Reichlich fade erzählter Künstlerroman, 16. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Gold und Silber: Roman (Gebundene Ausgabe)
Lars Brandt ist der Sohn des unvergessenen Altkanzlers Willy Brandt. Seiner literarisch anspruchsvollen Reminiszenz an den großen Vater ("Andenken") folgte sein Debütroman "Gold und Silber". Ein Künstlerroman, ein Roman, dem der Hanser Verlag im Klappentext attestiert, er brächte "das Schwerste auf die leichteste Weise zur Sprache". Ein ästhetisches Versprechen, das der Roman weitgehend schuldig bleibt.

Worum geht es? Brandt versetzt den Schauplatz in die ausgehenden 1990er Jahre, in eine rheinische Stadt, die der Leser früher oder später als Bonn, die Bundeshauptstadt von ehedem, identifizieren wird. Wir befinden uns am Scheideweg Bonns, ihrem Abdriften in die provinzielle Bedeutungslosigkeit. Eine Gruppe avantgardistischer Künstler - eine Boheme würde man sagen - tritt als ungewisse, allmählich zerbröckelnde Gemeinschaft in Erscheinung. Gruppiert um den Protagonisten und Erzähler Rudi, handelt die Geschichte im Wesentlichen von Sinnfragen, vom finalen Durchbruch dieser Zeichner, Filmemacher, Schriftsteller - und Rudis nicht erwiderter Liebe zu Ginevra, genannt Ginger.

Ginevra, richtig, ein ungewöhnlicher Name. Er beschwört den alten Mythos der Artussage um den König von Camelot, seine Frau Guinevere und ihr treues Festhalten am Gatten, so ganz gegen die entflammte Liebe zwischen ihr und dem Ritter Sir Lancelot. Dergestalt erscheinen auch die Bohemiens als tapfere Ritterrunde, die letzten ihrer Art. Generell ist das Konzept Brandts durchaus hintersinnig, allein die Umsetzung der Idee überzeugt nicht - von der Figurenzeichnung bis hin zur Sprache, wirkt alles stilistisch betont entrückt und manieriert, was nicht allein zu Lasten des Lesegenusses geht, sondern auch die Figuren selbst überwiegend farblos erscheinen lässt:

"Ginevra sah und fühlte viel mehr als nur das, was jedem zugänglich ist. Sie war nicht so abgeschlossen wie die anderen, ließ an sich heran, wovon wir nicht einmal ahnten, dass es in der Welt war - nicht weniger als ein Baum oder Berg. Aber selbst sie war nicht darauf gefasst gewesen, dass es plötzlich da war, dieses besondere Jahr. Wir waren uns begegnet und suchten nun des anderen Nähe. Und nichts geschah."

Nichts geschah - eine treffende Charakterisierung der Handlung des Romans, die trotz der zentralen Umwälzungen erstaunlich zähflüssig bleibt. Und so wie Rudi selbst, muss man sich das Innenleben Ginevras und der übrigen Figuren erahnen, da Brandt dem Leser nicht gestattet, sie plastischer werden zu lassen. Passenderweise verschläft Rudi die sich bietende Gelegenheit, Ginger doch noch näherzukommen und auch die Ortswechsel: Bonn - Rom - Berlin verschaffen der Handlung zu keiner Zeit einen dramaturgischen Schwung.

Dabei hätte man durchaus gerne stärker hinter Rudis Fassage geblickt. Doch allzu selten setzt Brandt einmal an, ihn zwischen seinem avantgardistischen Schaffensdrang und seiner fast schon manischen Schwärmerei zu Ginger sprachlich einmal stärker in Szene zu setzen: "Schon bei Tagesanbruch stockte der Dunst schwül, die Mücken standen in ihm wie festgeleimt, und ich wusste, dass es für mich keine Geborgenheit geben würde. Nirgendwo."

Was erzählt der Roman letztlich? Es ist eine Phase des Übergleitens, von einem Zustand in den anderen, den Brandt beschreibt. Doch die Krise seines Künstler-Grüppchens ist ebenso wenig hintergründig durchleuchtet wie Rudi selbst. Dazu serviert Brandt seinen Künstlerroman in einer eher zähen Sprache. Wenngleich zwischen den Zeilen eine gewisse Komik zutage tritt, überwiegt doch das Bild einer viel zu gewollten, viel zu überladenen Geschichte, fernab der leichten Erzählweise, die der Hanser Verlag propagiert hatte.
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Klippen
Klippen
von Adam Olivier
  Gebundene Ausgabe

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Suggestiv, sinnlich, verführerisch, traurig und schön, 15. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Klippen (Gebundene Ausgabe)
Es ist Nacht. Der Erzähler blickt auf die nackte Silhouette der Klippen von Étretat. Vor zwanzig Jahren stürzte sich seine Mutter an eben jenen Klippen in den Tod. Und fügte ihm damit eine bis in die Gegenwart nicht verheilte Wunde zu: "Seit zwanzig Jahren ist meine Mutter tot. Zwanzig Jahre Tag für Tag." Hinter sich, auf dem Bett des Hotelzimmers schlummernd, liegen seine Frau Claire und Töchterchen Chloe. Sein einziger Halt im Leben. Und Halt - das ist zugleich ein zentrales Motiv in dieser stilistisch ausgesprochen elegant geschriebenen Geschichte, die voller Sinnlichkeit steckt, voller zarter Melancholie.

Der Tod der Mutter hinterließ in der Welt Oliviers, des Erzählers, nur eine geisterhäfte Präsenz seiner Mutter - als Sinnbild des allgegenwärtigen Schmerzes -, seinen unsteten Bruder Antoine, einen gewalttätigen Vater und vor allem eine geraubte Kindheit. Aus dem Schatten der Küste von Étretat erhebt sich eine Vergangenheit, die nach Aufarbeitung verlangt. Die Retrospektive lässt die jugendlichen Leidenschaften noch einmal erblühen. Und all die Menschen, die Olivier in jenen zwanzig Jahren begleitet haben.

Es sind für Adam typische Figuren, fragile, hoch zerbrechliche Charaktere: "Lorette schlotterte, ihr war immer kalt, ich zog sie an mich und spürte in ihr so etwas wie eine uralte Angst, einen Riss, den nichts je würde kitten können." Doch auch Olivier selbst muss diese Fragilität an sich konstatieren. Nicht nur im Freitod der zentralen Mutterfigur, sondern auch im Entgleiten anderer, geliebter Menschen über die Jahre hinweg: "Ich stelle fest, dass weder die eine noch die andere an mir hing, während ich mein Leben lang an anderen gehangen, mich an sie geklammert habe, obwohl sie nur rutschige Planken, fragwürdige Weggenossen, unzuverlässige, wankelmütige Komparsen waren."

Den Verlust von Halt, von Liebe, von Gewissheiten erklärt Olivier zum Grundproblem des menschlichen Daseins, und damit zu einer zwar traurigen, doch längst nicht hoffnungslosen Erkenntnis: "Wir kommen und gehen mit den Launen des Zeitenstroms, und alles zerrinnt uns zwischen den Fingern. Wir klammern uns an das, was uns beruhigt, uns Halt gibt und verbindet, und aneinandergedrängt, ohne uns je zu berühren, haben wir weniger Angst und scheint endlich etwas Gestalt anzunehmen. Aber nie wird es je irgendwo greifbar, der Wind bläst, und überall ist Raureif. Wir gehen in der Masse unter, werden weitergetrieben, bewegen uns, vor Kälte zitternd, blind wie Kaulquappen vorwärts. Trotzdem machen wir weiter, die meisten von uns jedenfalls."

Diese Passage ist nur eine von vielen, die von der großen literarästhetischen Güte Olivier Adams zeugen. Dass der um ihn ausgebrochene Hype kein bald verbrausender Sturmwind sein dürfte, zeigt sich bei einem Blick auf sein bisheriges Schaffen. 2004 gewann sein Erzählungsband "Am Ende des Winters" den Prix Goncourt de la nouvelle, sein kurzer Erstlingsroman "Keine Sorge, mir geht's gut" wurde - unter Adams Drehbuch - zum preisgekrönten Publikumserfolg. In diese Erfolgsgeschichte reiht sich "Klippen" nahtlos ein - ein Roman, dessen Autor nochmals gereifter, stilistisch geradezu virtuos wirkt.

Ein Lob gilt auch der ebenfalls preisgekrönten Übersetzerin Carina von Enzenberg: Ihr ist es gelungen, die feinsinnige, poetische und bisweilen sehr sinnliche Prosa Olivier Adams in ein sehr rhythmisches Deutsch zu übertragen. Sätze greifen über auf andere Sätze, antizipieren schon die nächsten und der Leser kann selbst kaum den nächsten Satz erwarten. Nicht zuletzt die Übersetzungsleistung macht "Klippen" zu einem Leseerlebnis von erster Güte.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 18, 2008 12:38 AM MEST


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