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Rezensionen verfasst von
Marybeth

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Miss Garnet's Angel
Miss Garnet's Angel
von Salley Vickers
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,68

2.0 von 5 Sternen Kein Buch für mich, 23. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Miss Garnet's Angel (Taschenbuch)
"Miss Garnet's Angel" hat sehr viele positive Rezensionen bekommen, aber auch sehr viele negative, so dass man wohl behaupten kann, dass dieses Buch polarisiert. Für mich war es eine Tortur, es bis zu Ende zu lesen, und dass ich durchgehalten habe, lag vor allem daran, das ich nicht schon wieder ein Buch nach der Hälfte abbrechen wollte.
Dabei hatte mich der Inhalt erst so angesprochen: Venedig (eine Stadt, die ich nur aus der Literatur kenne), Schönheit, Kunst, Engel und dazu die enthusiastischen Adjektive, mit denen Salley Vickers Debutroman überhäuft wurde ("subtle", "haunting", "mesmerizing" usw.) ließen mich eine sehr geheimnisvolle Handlung erwarten.
Leider hat sich die Geschichte der rigiden ältlichen Jungfer Julia Garnet, die nach dem Tod ihrer Freundin Harriet für ein halbes Jahr nach Venedig zieht und dort eine Wandlung zu einer lebensfrohen Philosophin durchmacht, für mich ziemlich schnell entmystifiziert. Zu konstruiert sind Salley Vickers Handlungsstränge, es geht wohl auch nicht anders, denn sie versucht die Wandlung der Julia Garnet und parallel dazu die Geschichte des Zwillingspaares Toby und Sarah einzubetten in die alttestamentarische Erzählung von Tobias und dem Erzengel Raphael.
Nichts an den Personen, ihren Dialogen oder Erlebnisen erschien mir natürlich, und ich konnte bezeichnenderweise nur mit einer Figur halbwegs warm werden: der verstorbenen Harriet, die als einzige soetwas wie ein authentisches Wesen mit auf den Weg bekommen hat. Alle anderen wirkten auf mich wenig originell. Das amerikanische Ehepaar, Charles und Cynthia, ist sehr reich und sehr informell und gibt Parties, Julias Bekannter (und Schwarm) Carlo erscheint als eleganter Lebemann und Charmeur, der Monsignore mit dem Mops ist drollig und irgendwie überflüssig - seine Erzählungen tragen allenfalls dazu bei, den ohnehin nicht sehr übersichtlichen Handlungsverlauf noch etwas verzweigter zu machen. Toby und Sarah sind rätselhaft, ohne interessant zu sein.
Mit der Hauptperson, Julia Garnet, konnte ich auch dann nicht (oder erst recht nicht) warm werden, als sie (erstaunlich, nach nur einem halben Jahr) ganz Venetianerin geworden ist und sich in ein Darling verwandelt hat.
Der Sprachstil des Romans ist über weite Teile sperrig. Ich habe mich des Öfteren an einem Satz verhakt, der einfach nicht in den Lesefluss passen wollte (dies eine Beobachtung, die auch von Muttersprachlern gemacht wurde). Auf der anderen Seite befinden sind viele Dialoge einfach auf small-talk-Ebene, nett, aber bedeutungslos.
Seltsamerweise scheint Venedig die meiste Zeit über nur von Personen aus Julias unmmittelbarer Nachbarschaft oder Bekanntenkreis bevölkert zu sein, die Piazzas sind leer, die Gassen und Brücken sind leer, die Kirchen sind es bis auf wenige, schweigende, Besucher meist auch. Und ebenso seltsam kam es mir vor, dass alle Menschen, die Julia kennenlernt, sie sofort ins Herz schließen, sie einladen, ihr ihre Adresse geben usw. Wenig glaubwürdig, dass eine Person, die in Jahrzehnten gerade einmal zwei, wie es scheint, wenig herzliche, Freundschaften schließen konnte, nur durch eine Ortsveränderung plötzlich so von Fremden umschwärmt wird, die innerhalb einer halben Stunde zu Freunden werden.
Nicht, dass das nun alles so oberflächlich wäre, es gibt da ein paar Charaktere mit komplexen Hintergründen, nicht zuletzt gehört dazu auch Julia Garnet. Aber Salley Vickers erzählt mit ihrem Roman nun einmal eine alte Geschichte von Wundern und Heilung nach, und das macht es notwendig, ziemlich abrupte "jetzt wird alles gut-Szenarien" zu entwerfen. Letztendlich wird damit die Komplexität der Beziehungen und Schicksale banalisiert und in den Dienst des Wunderbaren gestellt.
Was ich mit dem Schluss anfangen soll, weiß ich nicht so recht.
Ich war jedenfalls froh, als ich feststellen konnte, dass das Ende des Buches schneller erreicht sein würde als angenommen, da die letzten dreißig Seiten dieser Ausgabe den Text eines weiteren Romans der Autorin enthalten.


Magnus Finn and the Ocean Quest (Kelpies: Magnus Fin)
Magnus Finn and the Ocean Quest (Kelpies: Magnus Fin)
von Janis Mackay
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,57

3.0 von 5 Sternen Schottlands Antwort auf Harry Potter???, 20. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Kinderbücher zu lesen, gehört seit längerem zum mehr oder weniger festen Repertoire auch erwachsener Leser. Ich selbst war - und bin - ein absoluter Fan von Harry Potter und liebe nach wie vor meine Astrid-Lindgren-Bücher. Auf die Magnus Fin Serie (es gibt zwei Fortsetzungen) war ich neugierig wegen des Themas. Janis Mackay variiert hier den schottischen Mythos der "Selkies", Seehundwesen, die an Land gehen und Menschengestalt annehmen können, denen allerdings der Weg zurück ins Meer verwehrt ist, wenn ihr Seehundsfell zerstört wird.
"Magnus Fin and the Ocean Quest" hatte außerdem durchweg beinahe enthusiastische Rezensionen ausnahmslos von sehr erwachsenen Lesern erhalten, die das Buch für ihre Kinder respektive Enkelkinder gekauft und dann selbst nach eigenen Aussagen verschlungen hatten. Gelobt wurden Mackays Vorstellungskraft und Sprache, die Art, wie die rauhe nordschottische Küstenlandschaft in dem Buch lebendig wird; sogar als "schottische Antwort auf Harry Potter" wurde das Buch bezeichnet.
Angesichts dieser Beurteilungen war es eine ziemliche Enttäuschung, und das liegt, glaube ich, nicht, oder zumindest nicht hauptsächlich, daran, dass ich eben doch zu alt dafür bin, oder das Buch zu jung für mich.

Magnus Fin ist der Sohn einer Menschenfrau und eines Selkies. Als einer der wenigen, die sowohl dem Meer als auch dem Land angehören, erwartet ihn an seinem elften Geburtstag die große Aufgabe, den Ozean und seine Bewohner von dem monsterhaften "Falschen König" zu befreien und Neptun, der in einen tiefen Schlaf versetzt wurde, zu wecken, damit dieser das Meer mit seinen Wellen von der Verschmutzung durch die Menschen (für die der "Falsche König" als Metapher dient) reinigen kann. Der Stoff hätte etwas hergegeben, und auch die eingebettete Umweltthematik, mit der Janis Mackay versucht, junge Leser für das Problem zu sensibilisieren, ist ja ein guter Ansatz.
Leider empfand ich das Buch über weite Stellen als wenig spannend, manchmal sogar uninspiriert. Magnus Fins Abenteuer unter Wasser, das er gleich bei seinem ersten Besuch in der fremdartigen Welt und nach megakurzer Einführung durch seine Selkie-Großmutter ganz allein zu bewältigen hat, wird im Wesentlichen heruntererzählt, als fühle Janis Mackay sich selbst eigentlich ein bisschen zu erwachsen dafür. Es gibt viele erzählerische Schwächen. Das beginnt mit dem Schreibstil. Die Autorin hat eine Vorliebe für die Häufung von Sätzen nach dem Schema "Magnus Fin did this then that" oder hölzene Beschreibungen wie "Dann rissen sie beide die Arme empor und jubelten." Die Unterwasserwelt wird mit wenigen, sich oft wiederholenden, Phrasen gezeichnet (ich weiß nicht, wie oft z.B. "a frowd of seagrass" herumwedelt). An einer Stelle erschreckt Magnus Fin sich maßlos, weil ein fürchterlich aussehender Fisch vor ihm auftaucht. Man hätte da eine Beschreibung dieser furchterregenden Erscheinung erwartet. Mackay allerdings beendet die Episode mit der Erklärung, dass es sich um einen Anglerfisch handelt. Schließlich weiß jedes Kind, was das ist, oder? Ebenso lieblos wird versucht, ein bisschen Spannung in das Ganze zu bringen, wenn Magnus und seine Großmutter auf dem Weg zu Neptuns Grotte mal eben, quasi im Vorbeischwimmen, ein paar Jungen vor dem Ertrinken retten, wozu die Autorin ihnen ganze eineinhalb Seiten einräumt. Ebenfalls eineinhalb Seiten dauert es, bis Magnus die Tür zu Neptuns Grotte aufschließt. Dass seine Oma ihn fünfmal auffordert, doch bitte endlich die Tür aufzuschließen, steigert die Spannung nicht wirklich. Und wenn der Junge mal vor lauter Angst nicht weiter weiß, dann muss er nur seinen Talisman anfassen, den er um den Hals trägt, und sofort ist er enorm mutig und weiß, was er zu tun hat. Nur wenn der "Falsche Köng" und seine Knechte, die fiesen Haie, ihren Auftritt haben, wird die Geschichte ganz amüsant - leider erübrigt sich das Problem ebenso schnell wie alles andere. Und ja, süffisant grinsende Haie kennt man aus "Findet Nemo", und der Fiesling ist eine Mischung aus Star War's Jabba the Hut und Lovecraft's Catulluh - leider werden junge Leser des Buches das nicht zu würdigen wissen.
Nein, dies ist hoffentlich nicht die schottische Antwort auf Harry Potter, und nur viel Lokalpatriotismus lässt anderes vermuten. Vielleicht ist das Buch für sehr junge Leser okay, deshalb die drei Sterne. Eingeordnet wird es in die Altersgrupe 8-12. Der Protagonist ist elf Jahre alt (das Einzige, was er mit Harry gemeinsam hat, abgesehen von wilden schwarzen Haaren). Leser ab zehn dürften sich aber von Plot und Schreibstil bereits unterfordert fühlen. Wobei das letztendlich für den deutschen Buchmarkt egal ist. Die Bücher um Magnus Fin wurden, soweit ich recherchieren konnte, bis heute nicht ins Deutsche übersetzt. Was vielleicht auch schon etwas aussagt.


Full Service
Full Service
von Scotty Bowers
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,95

1.0 von 5 Sternen Das geht gar nicht, 20. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Full Service (Taschenbuch)
Ich hatte mir dieses Buch bestellt in der Hoffnung, ein bisschen mehr oder weniger bissigen oder amüsanten Klatsch zu lesen. Außerdem war es von einem Autor, dessen Name ich nicht erinnere, auf einer Seite mit Buchempfehlungen, zu den drei besten Büchern, die er 2012 oder 2013 gelesen hatte, gezählt worden.
Klatsch und Tratsch gibt es tatsächlich in Hülle und Fülle. Es gibt jedoch noch etwas, das mich dazu bringt, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, doch eine Rezension zu diesem buchgewordenen Beweis, dass Papier geduldig ist, zu schreiben und zu warnen: Finger weg! Und was mich ebenfalls dazu bringt, zum allerersten Mal einem Buch nur einen einzigen Stern zu verpassen.
Wenn es nur so wäre, dass Scotty Bowers "Memoiren" (wenn es denn überhaupt welche sind, die Authenzität des Berichteten ist in anderen Bewertungen angezweifelt worden, aber das kann ich nicht beurteilen) schlecht geschrieben sind und den Leser auf jeder Seite mit schamlosem Geprahle über seine Ausdauer und Unwiderstehlichkeit usw. usf. langweilen. Wenn es nur daran läge, dass der Mann sich für das größte Gottesgeschenk in Sachen Erotik nach Casonova hält. Wenn es nur so wäre, dass er ziemlich unsympathisch erscheint, wenn er an seiner Freundin (und Mutter seines Kindes) Betty vor allem ihre wortlose Tolerierung seiner zahllosen Dienstleistungen auf der horizontalen Ebene für quasi ganz Hollywood lobt. Dann könnte ich mich zu zwei Sternen aufraffen, denn was mir nicht gefällt, gefällt ja vielleicht anderen.
Richtig gefährlich wird Bowers Prahlerei aber, wenn er berichtet, dass er seine ersten sexuellen Erfahrungen als Siebenjähriger machte, als sein Nachbar, ein Familienvater, sich mit ihm in der Scheune traf und sich in seiner Anwesenheit selbst befriedigte. Später stellt sich der Neunjährige dann dem halben klerikalen Personal Chicagos zur Verfügung. Bowers rühmt sich, er hätte diese Übergriffe, die man außerhalb seines fragwürdigen Kosmos als Kindesmissbrauch bezeichnet, nie als verkehrt oder unnatürlich empfunden. Im Gegenteil, er hätte immer das Gefühl gehabt, Menschen glücklich zu machen - einschließlich sich selbst. Nun ist es gut ihn, dass er aus diesen Erfahrungen offenbar keine Schäden davon getragen hat (es sei denn, man deutet seine Enthüllungen selbst als Spätfolgen einer Traumatisierung, was aber wohl zu weit greifen würde). Leider scheint er sich aber der gesellschaftlichen Wirklichkeit von Pädophilie und der Schwere des Themas überhaupt nicht bewusst zu sein. Es wäre sehr wünschenswert und notwendig gewesen, wenn an igendeiner Stelle, wenn schon nicht durch Bowers selbst, dann doch durch seinen Lektor oder Verleger, deutlich gemacht worden wäre, dass es sich NICHT um eine ganz natürliche Spielart von Sexualität handelt, wenn Nachbarn und Priester kleine Jungs befummeln. Es gibt viele Szenen in diesem Buch, die den einen oder anderen abstoßen mögen, ob dies so ist, bleibt letztendlich Geschmacksache. Die unreflektierte, verharmlosende, vielleicht sogar noch einladende, Darstellung von Bowers Erfahrungen als Lustobjekt Pädophiler, gehört absolut nicht in diese Kategorie.


Elizabeth is Missing
Elizabeth is Missing
von Emma Healey
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,62

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ungewöhnlich und nahegehend, 3. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Elizabeth is Missing (Taschenbuch)
Maud, eine alte Dame über achtzig, ist der festen Überzeugung, dass ihre Freundin Elizabeth verschwunden ist, und dass dies nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Sicherlich steckt Elizabeths wenig sympathischer Sohn dahinter? Verständlicherweise glaubt niemand Mauds Geschiche, weder ihre Tochter noch ihre Pflegerin noch die örtliche Polizei, denn Maud leidet an einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz und findet sich im Alltag nicht mehr zurecht. Das Kurzzeitgedächtnis ist praktisch nicht mehr vorhanden, die vielen Zettel, die ihr als Gedächtnisstütze dienen sollen, geraten durcheinander und sind wenig hilfreich. Nur ein Gedanke ist ist koherent und stetig: Elizabeth wird vermisst.
Was ausgezeichnet funktioniert, ist Mauds Langzeitgedächtnis, die Erinnerung an die Ereignisse im ersten Jahr nach dem Krieg, als ihre Schwester Sukey spurlos verschwand. Die Umstände dieses Verschwindens, in einer Zeit, in der viele Menschen, gekennzeichnet von den Folgen des Krieges, einfach ausbrechen wollten und mit nicht mehr als einem Koffer aufbrachen, wurden niemals geklärt und verfolgten Maud durch ihr gesamtes Leben. Kann es sein, dass Sukey ohne eine Nachricht einfach auch ihr altes Lben hinter sich lassen wollte? Oder wurde sie Opfer eines Verbrechens?
Mauds Erinnerungen vermischen sich mehr und mehr mit den nicht mehr fassbaren Dingen der Gegenwart, doch sie bleibt den merkwürdigen Ereignissen auf der Spur.

Emma Healey erzählt Mauds Geschiche aus zwei Perpektiven, der der knapp sechzehnjährigen, und der zweiundachtzigjährigen Maud, und man könnte sagen, damit aus der Sichtweise zweier verschiedener Personen. Maud als Teenager wird dem Leser dabei weniger komplex vorgestellt als ihr dementes Ich fast siebzig Jahre später. Die junge Maud erscheint etwas sperrig, spröde und in sich gekehrt, hauptsächlich durch ihre geliebte Schwester definiert, scheint aber hypersensibel zus sein, denn sie nimmt jedwede kleine Veränderung des Lichts, jeden Gesichtsaudruck, jeden Geruch in ihrer Umgebung überdeutlich wahr, und diese Fähigkeit beitzt sie auch noch als alte Frau.
Die alte Maud hingegen ist ein Charakter, der einen nicht kalt lassen kann. Sie ist keine niedlich-senile Miss-Marple-Kopie. In Büchern über Demenzkranke wird oft betont,wie zärtlich, rührend, manchmal sogar unfreiwillig witzig der Umgang mit den Patienten für die Angehörigen sein kann. Hier nicht. Wer mit Demenzkranken zu tun hatte, wird sehr viel in Mauds Verhalten und in der Reaktion ihrer Umwelt wiederfinden können. Man versteht Mauds Frustration, bis hin zur Agression, in einer Welt, in der niemand ihr mehr zuzuhören will oder sie zu begreifen scheint, aber ebenso ist einem nachvollziehbar, dass ihre Mitmenschen, allen voran ihre Tochrer, nicht nur einmal an den Rand der Verzweiflung getrieben weden angesichts der Unmöglichkeit, zu Maud vorzudringen und etwas plausibles an die alte Dame heranzutragen. Mauds zunehmende Orientierungslosigkeit fordert dabei nicht nur ihren Angehörigen und ihr selbst, sondern auch dem Leser ein nicht geringes Maß an Geduld ab. Gleichzeitig ist man erschüttert von dem voranschreitenden Prozess des Pesrönlichkeitsverlusts und des Vergessens, dessen Zeuge man wird.
Alles in allem keine leichte Lektüre, und man sollte dieses Buch vielleicht nicht als Thriller lesen, auch wenn es als solcher deklariert wird. Spannend ist es dennoch mitzuerleben, wie durch die glasklaren Erinnerungen an Kleinigkeiten einer längst vergangenen Zeit allmählich Licht ins Dunkel kommt.


Will Grayson, Will Grayson
Will Grayson, Will Grayson
von John Green
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,15

5.0 von 5 Sternen Freunde sucht man sich nicht aus, man findet sie, 26. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Will Grayson, Will Grayson (Taschenbuch)
Vor ein paar Jahren, als John Green und David Levithan noch ziemlich unbeschriebene Blätter waren, entstand die Idee zu diesem Roman, der wohl auch für die beiden ein kleines Experiment war: zwei Jungen, die nichts weiter gemeinsam haben als den gleichen Namen, begegnen sich zufällig in Chicago an einem denkbar unwahrscheinlichen Ort. Was dazu führt und was sich dann im weiteren Verlauf daraus ergibt, wird kapitelweise abwechselnd aus der Perspektive eines der beiden Protagonisten erzählt, wobei jeder Autor für einen der beiden Wills verantwortlich zeichnet. Abspachen zwischen Green und Levithan gab es nicht, so dass jeder auf das jeweils neuestes Kapitel und den Protagonisten des anderen gespannt war und darauf schreibend reagierte. Offenbar stimmt die Chemie, denn an keiner Stelle hat der Leser das Gefühl. es gäbe irgendwelche Brüche in der Charakterisierung, auch dort nicht, wo sich der Autor auf den jeweils "anderen Will" beziehen und ihn in sein Kapitel einbeziehen muss.
Das liegt aber vielleicht auch daran, dass der eigentliche Protagonist des Buches ein ganz anderer ist, ein Unikum namens Tiny Cooper, der ein Freund des einen, und später der Freund des anderen Will ist. Tiny ist das Verbindungsstück zwischen den beiden Wills,und es ist die Geschichte seiner Freundschaft und Liebe und Suche nach Freundschaft und Suche nach Liebe, seinem Hinfallen und Aufstehen und seiner unerschütterlichen Zuversicht in sich und andere, um die es tatsächlich geht.
Tiny Cooper ist ein Charakter, der polarisiert. Als Leser kann man nur zu gut nachvollziehen, warum der eine Will, sein bester Freund, sich manchmal wünschen würde, nicht mit ihm befreundet zu sein. Tiny ist riesig, pompös, überlebensgroß, mit einem Ego, das die Seiten von selbst zu füllen scheint (manchmal hatte ich wirklich den Eindruck, er wächst den beiden Autoren über den Kopf), er lässt nie jemanden ausreden, lässt andere nach seiner Pfeife tanzen, ist spontan bis zur Rücksichtslosigkeit, eine Diva und Star seiner eigenen Lebensinszenierung. Er ist aber auch jemand, der intuitiv seine Mitmenschen versteht und ihr Bestes möchte, auch wenn dies bedeutet, sie zu überrumpeln. Man möchte ihn anschreien und gleichzeitig in den Arm nehmen.
Will Grayson, Will Grayson ist mit viel zum Teil schnodderigem Witz geschrieben. Vor allem aber ist es an mehr als einer Stelle ohne Einschränkung emotional. Für den Schluss sollte man sich ein paar Taschentücher bereitlegen, was keinem Leser peinlich sein muss, da hier bewusst auf und vor der Bühne die großen Gefühle nicht inszeniert, sondern gelebt werden.


The Ant Colony
The Ant Colony
von Jenny Valentine
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,83

5.0 von 5 Sternen Zimmer mit Einsicht, 26. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Ant Colony (Taschenbuch)
Ganz und gar zufällige Begegnungen zwischen vollkommen fremden Menschen, die für alle Beteiligten eine positive Veränderung herbeiführen - so könnte man wohl die Grundidee hinter den drei Romanen von Jenny Valentine zusammenfassen, die ich bisher gelesen habe (neben diesem "Finding Violet Park" und "Broken Soup"). Dabei geraten die Bücher nicht, wie diese Zusammengassung vielleichtt befürchten lässt, kitschig oder mit zuckrigen Happy End. Am Ende steht ein möglicher Weg, ob dieser aber dauerhaft beschritten wird, bleibt offen.
Jenny Valentines Protagonisten sind um ihre Lebensumstände nicht zu beneiden, wenn sie auch nach außen hin vorgeben, ganz gut damit zurechtzukommen. "The Ant Colony" wird aus der Perspektive zweier sehr unterschiedlicher Charaktere erzählt, der zehnjährigen Bohemia, die von ihrer mit dem Leben und den Männern überforderten viel zu jungen Mutter außer dem schrägen Namen noch nicht sehr viel bekommen hat, aber über eine erfrischend positive Lebenseinstellung verfügt. Und dem siebzehnjährigen Sam, der nach London zieht, um unsichtbar und allein zu sein. Die beiden verbindet zunächst nicht mehr, als dass sie im gleichen Haus mit billigen Wohnungnen in Camden landen, dessen Besitzer Steve sich die Miete im Voraus in braunen Umschlägen ausbezahlen lässt und das Vorhandensein eines Schlafsofas als Möblierung verkauft. Außerdem wohnen dort noch Isabel, eine alte Frau, die sich in alles einmischt, und Mike, ein etwas umgepflegter Typ mit Körpergeruch.
Das wirklich Clevere an Jenny Valentines Erzählung ist die allmählich sich vor dem Leser entfaltende Charakterisierung der Figuren. Anfangs erscheinen einem Steve, Isabel und Mike aus der Perspektive von Bohemia und Sam eher unsympathisch, "a bunch of freaks", wie Sam seinen Eltern schreiben würde, wenn er sich trauen würde, ihnen zu schreiben. Aber ebenso, wie die drei älteren Mieter mit jedem Kapitel etwas menschlicher und liebenswerter werden, werden langsam, aber sicher die wahren Umstände von Bohemias Vernachlässigung und Sams gewähltem Eremitendasein deutlich, und das beide die Hilfe der Nachbarn benötigen.
Am Ende versteht der Leser die Worte, die Sam beim Aufräumen seiner Wohnung auf einem Zettel zwischen den Dielen findet: "Please let me stay in this house forever."
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Foxglove Summer (PC Peter Grant Book Book 5) (English Edition)
Foxglove Summer (PC Peter Grant Book Book 5) (English Edition)
Preis: EUR 6,27

3.0 von 5 Sternen Ganz nett, aber wieder kein großer Wurf., 8. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zumindest darüber kann man sich sicher sein, nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat (vorausgesetzt, man liest es bis zum Schluss): die Rivers of London-Reihe ist auf viele, viele Fortsetzungen angelegt, und Aaranovitch dehnt seinen Plot aus soweit es geht. Manch ein Leser, der bereits die beiden Vorgänger (Whispers Underground und Broken Homes) langatmig und zu wenig actionreich fand, wird nach diesem fünften Band wohl entnervt das Handtuch werfen.
Ich fand das Buch an sich nicht schlecht. Der Plot ist vielversprechend: Peter Grant kommt diesmal in der tiefsten englischen Provinz zum Einsatz. Dort sind zwei elfjährige Mädchen spurlos verschwunden,und manches deutet darauf hin, dass Übernatürliches im Spiel ist. Die Spurensuche ist teilweise richtig spannend, und wie bisher werden den Fantasy-Elementen, die auch hier wieder reichlich vorhanden sind, die minutiösen Abläufe ganz normaler polizeilicher Ermittlungen gegegnübergestellt, was für mich mit den Reiz der Serie ausmacht. Trotzdem gibt es vieles, was meine Geduld allmählich strapaziert.
Wie immer erfährt der Leser nebenbei allerhand Sachliches zu einem bestimmten Thema. Das ist an sich nicht verkehrt, wenn man nicht den Eindruck gewinnen würde, Aaranovitch wolle nach und nach die halbe Encyclopedia Brittanica in seinen Romanen verarbeiten - nicht zuletzt deshalb, weil das Seiten füllt. In diesem Fall lernt man sehr viel über Renaturierungsvorhaben, über unterschiedliche Besiedlungsformen seit der Eisenzeit und über die Fauna und Flora Herefordshires. Was mich daran stört ist, dass vieles davon direkt über den guten Constable Grant an den Leser weitergereicht wird. Der Mann ist Mitte zwanzig und verfügt, neben herauzusragenden polizeilichen Fähigkeiten, die mindestens zwanzig Jahre Dienstzeit vermuten ließen, UND einem immens schnellen Zugang zur magischen Welt auch noch über enzyklopädisches Wissen? Das macht ihn langsam aber sicher zu einem "Know-it-all", gegen den selbst Hermione Granger keine Chance gehabt hätte.
Ein weiterer Schwachpunkt, der auch in Band fünf wieder auftaucht, ist die Einführung vieler Nebenschauplätze und Nebenfiguren, die nicht unmittelbar etwas mit der Handlung zu tun haben. Falls es sich dabei um nicht ganz humane Lebensformen handelt, besteht immerhin die Chance, dass diese in irgendeinem der späteren Bücher noch wieder auftauchen - oder auch nicht. Aaranovitch hat schon einige Erzählstränge ins Leere laufen und einige Charaktere von der Bildfläche verschwinden lassen. Was z.B. ist mit Abigail, dem Nachbarmädchen von Peters Eltern (nicht wirklich ein Verlust), mit den "Quiet People" im Londoner Untergrund, mit dem sprechenden Fuchs, der die mysteriösen Worte äußert: "Your friends are on the other side"? (Ende von Band 3). Auch der "Faceless Man" lässt in "Foxglove Summer" nichts von sich hören, aber immerhin wird angedeutet, dass er wohl wieder auftauchen wird und der ganzen Reihe ein übergreifender Plot zugrundeliegt, bei dem nicht zuletzt Lesley eine wichtige Rolle spielt. Falls der Autor nicht den roten Faden der Reihe längst selbst aus den Augen verloren hat.
Überhaupt, die Personen. Aaranovitch läuft Gefahr, mit zunehmender Produktivität nicht mehr Typen, sondern Stereotypen zu beschreiben,zumindest in den Nebenrollen. Die Charaktere beginnen einander zu gleichen, jedenfalls ist das mein Eindruck. Und last but not least: in diesem fünften Band sind weder Molly noch Nightingale aktiv an der Handlung beteiligt, es wird zwar über sie gesprochen, aber sie tauchen selbst nicht auf. Dafür spielt Beverley Brooke eine prominente Rolle, was zwar schön für Peter ist, mir persönlich aber nicht so gefallen hat.
Hoffentlich lässt Aaranovitch den Constable nach diesem Ausflug ins Grüne in Zukunft wieder in London ermitteln, und nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich viel mehr Nightingale und Molly würde der Serie auch ganz gut tun.


The London Eye Mystery
The London Eye Mystery
von Siobhan Dowd
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Kann jemand sich einfach in Luft auflösen?, 30. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The London Eye Mystery (Taschenbuch)
Es hat seine Vorteile, wenn man anfängt, Bücherlisten nach bestimmten "tags" anzulegen, in diesem Fall nach meiner Lieblings-Metropole London. Sonst hätte ich wahrscheinlich nicht nach einem Buch mit einem Titel wie diesem gesucht, der irgendwie an Enid Blyton erinnert.
Und das wäre sehr schade gewesen. Dieser Roman, eigentlich mit der Zielgruppe 10-14 (möchte ich mal annehmen), ist auch für ältere Leser ein Gewinn. Zum einen ist der Plot schon mal wirklich spannend: ein Junge, zu Besuch bei Londoner Verwandten, besteigt eine Kapsel der Touristenattraktion "London Eye", diesem Riesen-Riesenrad, das einen unvergleichlichen Blick über London gewährt - und kommt nicht wieder zurück. Wie kann nun bitte jemand mitten in der Luft aus einer geschlossenen Gondel verschwinden?
Hier kommt nun der geniale Zug von Siobhan Dowds Roman ins Spiel: sie erzählt die mysteriöse Geschichte zwar aus der Sicht eines Protagonisten, jedoch durch dessen Reflektion über das Verhalten der Menschen um ihm herum, aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Die Erwachsenen, die Eltern und Verwandten des verschwundenen Jungen, zeigen alle verzweifelten Reaktionen im Falle eines vermissten Kindes und handeln entsprechend (Einschaltung der Polizei, Fernsehanfrage), ohne der schieren physischen Unmöglichkeit dieses Verschwindens Rechnung zu tragen. Anders der zwölfjährige Ted, der das Asperger- Syndrom hat. Die Tatsache, dass Emotionen für ihn ein schwer zugänglicher Nebenbereich sind, lässt ihn rein logisch vorgehen wie eine Art Mini-Holmes, den Fokus auf die reinen Tatsachen richten: sein Cousin kann nicht aus heiterem Himmel aus einer hermetisch abgeriegelten Gondel über den Dächern von London verschwunden sein. Was also dann? Mithilfe seiner Schwester Kat geht Ted dem seltsamen Vorkommnis nach.
Dies ist kein Fantasy-Roman, es ist auch kein klassischer Krimi. Man könnte sagen, es ist ein Buch über einen autistischen Jungen, der zufällig in einen nicht ganz alltäglichen Vorfall - und in eine dahintersteckende problematische Familiengeschichte - verwickelt wird, und der zunächst nicht aus Empathie, sondern aus intellektuellem Interesse heraus der Wahrheit auf die Spur zu kommen versucht. Die Stärke von Siobhan Dowds Erzählweise liegt in der Beschreibung kleiner zwischenmenschlicher Details, die das Verhältnis des Protagonistin zu seiner Umwelt und seinen Familienmitgliedern - die beide nur nach einem festen Schlüssel codiert werden können - sehr anschaulich schildern.
Leider ist dies das letzte Buch der Autorin, die 2008 an Krebs starb


Oscar Wilde and the Candlelight Murders (Oscar Wilde Mystery)
Oscar Wilde and the Candlelight Murders (Oscar Wilde Mystery)
von Gyles Brandreth
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,50

2.0 von 5 Sternen Boredom, after all..., 30. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
...is a form of criticism (Wendell Philipps, nicht O.W.).
Oscar Wilde wäre vermutlich entsetzt darüber gewesen, dass man sich bei der Lektüe eines Buches, das von ihm, und zwar fast ausschließlich von ihm, handelt, langweilen könnte. Noch dazu, wenn dieses Buch ein Kriminalroman sein soll, in dem er sich höchstselbst, mit keinem geringeren als Sir Arthur Conan Doyle an seiner Seite, und assistiert von seinem treu ergebenen Schriftstellerfreund Robert Sherard, in bester Sherlock Holmes-Manier auf Verbrecherjagd begibt. Nur leider funktioniert Gyles Brandreth' originelle Idee, Wilde diese Rolle auf den Leib zu schreiben, nicht so richtig.
Wilde entdeckt die Leiche eines jungen Mannes, der ihm persönlich gut bekannt war (Brandreth legt allergrößten Wert darauf zu betonen, dass das Verhältnis rein platonischer Natur war, was aber wirklich unerheblich ist). Statt sofort zur Polizei zu gehen (was unter den Umständen verständlich sein mag), informiert Wilde zunächst nur Conan Doyle und Sherard; als er die beiden am nächsten Tag zum Tatort führt, ist die Leiche verschwunden, und nichts deutet darauf hin, dass hier ein blutiges Verbrechen stattgefunden hat. Das ist die Ausgangssituation, und dann passiert über Wochen und Monate hinweg eigentlich so gut wie nichts. Was nicht weiter verwunderlich ist, schließlich hat der Mann andere Dinge zu tun, als Mörder zu jagen, etwa "The Picture of Dorian Gray" zu schreiben. Und sonst? Brandreth füllt die Seiten, indem er en gros und en detail beschreibt, was Wilde und seine Freunde wann wo essen (viel) und trinken (noch mehr) und mit welchen Gespannen sie von A über B nach C fahren.Das soll die Atmosphäre des spätviktorianischen London einfangen, bleibt aber nichts weiter als Staffage. Unterdessen bemüht sich Brandreth redlich, den Kreis der potentiell Verdächtigen etwas zu vegrößern, es bleiben aber dennoch zu wenige, um wirklich "suspense" aufkommen zu lassen. Ich gebe zu, dass ich den Täter nicht erraten habe, aber richtig überrascht war ich dann auch nicht, vielleicht, weil sich die Handlung schon so sehr im viktorianischen Dekor verloren hatte, dass ich eigentlich gar nicht mehr wissen wollte, wer es denn nun war. Ehrlich gesagt habe ich, glaube ich, den ganzen Roman nur zu Ende gelesen, weil mir der ermordete Junge leid tat.
Die Auflösung ist eine bühnenreife Inszenierung und Vorführung aller Beteiligten mit Wilde im Mittelpunkt. Und beleuchtet einmal mehr die Problematik, die Brandreth' Roman zugrunde liegt: mir schien es, als hätte er eigentlich beabsichtigt, eine etwas originellere Wilde-Biographie zu schreiben und seine zweifelsohne große Kenntnis über Wildes Leben und Person zu diesem Zweck eher beläufig in einem Kriminalroman verpackt. Das Problem ist nur, dass der echte Oscar Wilde nicht in murder mysteries verwickelt war, und , wäre er es gewesen, vermutlich - hoffentlich - auf einen Teil der schillernden Selbstinszenierung verzichtet hätte. Brandreth lässt Wilde hingegen sich so in Szene setzen, als handle es sich bei dem Mord an einer ihm nahestehenden Person um ein Theaterstück, an dessen Dramaturgie gefeilt werden müsse. Zugunsten dieser Selbstdarstellung (oder aus Autorenperspektive: zugunsten des bisschen an Spannung in dem mageren kriminalistischen Plot) lässt Wilde seinen Freund Sherard (der mehrere Biographien über Wilde geschrieben hat und der im wirklichen Leben sicherlich weitaus weniger einfältig und ahnungslos war, als Brandreth den Leser glauben machen will) absichtlich im Dunkeln, als er die Lösung des Falls eigentlich schon kennt, und er nutzt dessen Gefühlsleben ziemlich skrupellos aus. Was die Figur des semi-fiktiven Oscar Wilde nun wirklich nicht gerade sympathisch macht. Indem Brandreth Oscar Wildes Persönlichkeit in diesem Maße für seine Zwecke funktionalisiert, steht am Ende ein nicht besonders guter Kriminalroman und eine ganz bestimmt nicht gute Wilde-Biographie.
Es gibt vier oder fünf Fortsetzungen der Serie, so genau bin ich nicht dahinter gekommen, weil es eine US - und eine UK-Edition gibt. "Oscar Wilde and the Candlellght Murders" ist identisch mit der (US)-Ausgabe "Oscar Wilde and the Murder of no Importance."


Sherlock - Series 3 [2 DVDs] [UK Import]
Sherlock - Series 3 [2 DVDs] [UK Import]
DVD ~ Benedict Cumberbatch
Wird angeboten von filmrolle
Preis: EUR 13,99

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Out Of Charakter Holmes, 27. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist jetzt wohl ein Jahr her, da konnte ich gar nicht schnell genug an die dritte Staffel von "Sherlock" gelangen und bestellte mir sogar den ziemlich teuren UK Import. Um dann so ernüchtert von dem Gebotenen zu sein, dass ich Episode 3 der neuen Staffel nicht einmal mehr angesehen habe.
Nach den beiden ersten wirklich phänomenal guten Staffeln und dem fulminanten Cliffhanger am Ende von Staffel 2 blieb den sehnsüchtig wartenden Sherlock-Fans nichts übrig, als auf einer Website namens "Sherlockology" hundert verschiedene Verschwörungstheorien über Holmes Trick beim fake seines tödlichen Sprungs zu erörtern, häppchenweise Neuigkeiten über die Fortsetzung der Serie zu erschnüffeln und, natürlich, jede Menge fanfiction auf Tumblr und ähnlichen Adressen zu konsumieren. Beim Ansehen der beiden ersten neuen Episoden wurde ich dann das Gefühl nicht los, dass das Autorengespann Moffat/Gatiss in den sherlocklosen zwei Jahren genau dies auch getan hat. Oh ja, manches von dem, was neu ist an Sherlock, und damit meine ich eine ganz sagenhafte Persönlichkeitswandlung, mag man sogar als eine kleine Verbeugung vor den schreibenden, twitternden, fantasierenden Fans interpretieren - etwa, wenn ein representativer Querschnitt durch alle diese Wie-hat-Sherlock-seinen-Selbstmord-inszeniert-Theorien geboten wird (die Lösung ist dann übrigens genauso ernüchternd wie der ganze Rest).

Vorsicht, SPOILER!
Was in der fanfiction geht und sogar sehr erfrischend wirkt, nämlich aus dem "highly functionating sociopath" einen richtig netten, umgänglichen Kerl zu machen, der plötzlich kinderlieb ist und (ich sagte es schon: SPOILER) auch noch eine Freundin hat, nimmt, wenn es zum Serienkanon wird, der Figur leider jeden Reiz. Denn in der fanfiction habe ich die Möglichkeit, weiterzublättern und in der nächsten story wieder auf die vertraute Charakterisierung zu stoßen. Aber in der Serie lässt sich jetzt ein in slapstick-Manier durch Episode 1 witzelnder Sherlock nicht mehr rückgängig machen, ebensowenig ein best buddy-Typ, der auf einmal eine Frau ohne jeden Mythos (eine Anti-Irene Adler gewissermaßen) in sein Badezimmer lässt.
Auch auf die Gefahr hin, dass es wirklich sehr chauvinistisch klingt und wohlwissend, dass in Conan Doyles Romanen Dr. Watson seine Mary sogar ziemlich früh heiratet (wohl auch eine Vorsichtsmaßnahme des Autors gegen jedwede Spekulationen über die Beziehung zwischen Holmes und Watson): die Tatsache, dass hier mit Mary gleich zu Beginn der neuen Staffel eine weitere Frau ins Spiel kommt, ist ebenfalls kein wirklicher Gewinn für die Serie. Mrs Hudson und die auch hier wieder leer ausgehende Molly hätten mir völlig gereicht. Dazu kommt, dass Mary (gespielt übrigens von Martin Freemans Ehefrau im wirklichen Leben) so umwerfend nett und kumpelhaft und super verständnisvoll ist, dass es einfach nur nervt. Man könnte meinen, dass es da ein bisschen Spannung zwischen ihr und Sherlock geben könnte, oder zwischen Sherlock und John wegen ihr - Fehlanzeige.

Und was ist mit der Handlung? Mit den Kriminalfällen, die in Staffel 1 und 2 ebenso genial in Szene gesetzt wie gelöst wurden? Die spielen, zumindest in den beiden Episoden, die ich durchgehalten habe, nur als Rahmenhandlung eine Rolle. Für mehr war denn wohl auch kein Platz bei soviel Sociolizing der nunmehr drei Hauptfiguren.
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Staffel 4, sollte es sie geben, wird ohne mich stattfinden, fürchte ich. Ich gehe zurück auf fanfiction.net und lese noch einmal die köstlichen Kurzgeschichten, in denen Sherlock und John durch einen seltenen Virus phasenweise zu Velociraptoren (!!!) mutieren. Man mag es mir glauben: da sind die beiden weniger out of character als in dieser dritten Staffel.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 11, 2015 12:43 PM CET


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