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Rezensionen verfasst von
Peter Pfrommer 'Die Entdeckung der Ichlosigkeit' (Coburg)

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Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
von Thomas Metzinger
  Gebundene Ausgabe

37 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es geht im Grunde um etwas ganz Einfaches, 4. November 2009
Keine Zweifel, das Buch von Thomas Metzinger behandelt das Thema Ego und Bewusstsein in sehr umfassender und auch für Nicht-Wissenschaftler verständlicher und ansprechender Weise. So wird z.B. anschaulich dargestellt, wie das Gehirn ein Repräsentations- bzw. Realitätsmodell der Welt erstellt, dieses jedoch selbst nicht als Repräsentation erleben kann. Schließlich erfüllt ein solches Modell nur dann seinen Zweck, wenn es zuverlässig für Realität gehalten wird. Das Gehirn konstruiert außerdem ein ganzheitliches Selbstmodell, zu dem insbesondere auch die Vorstellung von sich selbst als handelndes Wesen (Gefühl der Agentivität) gehört. Im Grunde funktioniert das Gehirn wie ein Flugsimulator, der nicht nur die Landschaft, sondern auch den steuernden Piloten simuliert. Hierzu gehört auch, dass das Gehirn maßgebliche Entscheidungsprozesse zur Handlungssteuerung nicht sehen kann. Sie sind unbewusst. Die Lösung dagegen wird auf die Stufe des Bewusstseins gehoben. Das sieht dann so aus, als käme die Lösung sozusagen aus dem Off. Und dieses Off interpretiert das Gehirn durchaus kreativ als ein lebendiges Ding, als kleines Männchen im Kopf, als Piloten, eben als Ich. Die Entwicklung der Ich-Vorstellung war vermutlich ein höchst wirksamer Trick, mit welchem vor Tausenden von Jahren ein ganz neuer Schwung in die Evolution gekommen ist. Damit erschlossen sich völlig neue Möglichkeiten und Werkzeuge wie Urheberschaft, Zurechenbarkeit, Verantwortung und Schuld. Trotzdem war es natürlich ein Trick. Ob nun die wissenschaftliche Erkenntnis dieses Zusammenhangs pessimistisch als ,Downgrade' (192) bezeichnet werden muss, bleibt allerdings dahin gestellt.

Natürlich ist es hoch interessant, die Prozesse der Selbstwahrnehmung zu betrachten und die Mechanismen der Entstehung einer Ich-Vorstellung im Detail zu erklären. Das Buch von Herrn Metzinger leistet dies in hervorragender Weise. Allerdings müssen wir eingestehen, dass dieses Detailwissen unser existentielles Grundproblem weder löst noch entscheidend verändert. Die im Buch aufgeworfenen philosophischen Fragen sind im Grunde ganz einfacher Art und beschäftigen die Menschen seit Urzeiten. Ich verweise hier z.B. auf die altindische Philosophie ,Advaita'. Spätestens mit der Entdeckung des Kausalgesetzes hätte man die Vorstellung vom individuellen, eigenständig handelnden Ich ad acta legen müssen. Schließlich gelten die Naturgesetze auch für das Subjekt, womit dieses selbst zum Objekt wird. Darüber hinaus sind mit wissenschaftlichen Methoden gar keine unabhängigen Objekte feststellbar, sondern nur sich wechselseitig bedingende Prozesse (den Prozess der Selbstwahrnehmung als Subjekt mit eingeschlossen). Die ,Welt' entfaltet sich stets als Ganzes. Ohne einen Subjekt-Objekt-Dualismus, also ,nondualistisch' betrachtet, ist der Mensch kein eigenständig handelndes Wesen IN der Welt, sondern ein vollkommener Ausdruck VON der Welt. Oder einfacher ausgedrückt: der einzelne Mensch und seine Wahrnehmung sind NICHTS und gleichzeitig ALLES. Das ist nun wirklich nicht neu, umso erstaunlicher ist es daher, dass sich das kollektive Bewusstsein der Menschheit einer nicht dualen (nondualen) Weltsicht nach wie vor sehr erfolgreich verweigert. Die Philosophie muss sich dieser Tatsache offensichtlich immer wieder neu stellen.

Außerdem geht es am Ende immer um die Frage, weshalb überhaupt etwas wahrgenommen wird, bzw. wie ohne Beobachter der Eindruck einer Welt entsteht. So plastisch das Bild vom Egotunnel auch sein mag, in gewisser Weise schwebt das Bewusstsein nicht in einem Tunnel, sondern eher im Nichts. Meiner Ansicht nach gleichen sich die Fragen nach der Herkunft des Universums und nach der Herkunft des Bewusstseins wie zwei Seiten derselben Medaille. Selbst wenn die neuronalen Mechanismen entschlüsselt werden, welche die Selbstwahrnehmung als Subjekt steuern, ist das Phänomen des Daseins an sich noch nicht erklärt. Außerdem gilt es zu bedenken, das der Versuch, die determinierten Mechanismen des Bewusstseins mit Hilfe von determinierten Mechanismen des Bewusstseins zu erklären, ein unauflösbarer Zirkelschluss bedeuten kann. Was bleibt, ist die kuriose Feststellung, dass da etwas existiert (nennt man es nun Welt, Materie, Energie, Gott oder was auch immer), das sich nicht erkennen lässt, da es das Erkennende selbst ist und sich, meiner Ansicht nach, in dem in hilfloser Weise ,Sein' genannten Zustand offenbart. Wie Metzinger selbst bekennt: Das größere Gesamtbild, nach dem wir suchen, lässt sich nicht im Egotunnel reflektieren (291).

Abschließend möchte ich anmerken, dass die von Metzinger an vielen Stellen als ,beunruhigend' bezeichneten Erkenntnisse des Buches keineswegs negativ als Verlust empfunden werden müssen. Schließlich wird ja nur ausgedrückt, was ohnehin schon der Fall ist. Und außerdem entlarvt das Buch den katastrophalen Albtraum vom getrennten und sterblichen Individuum als das, was er ist, nämlich als Traum (oder als Simulation, wie Metzinger sagen würde...)


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