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Rezensionen verfasst von
Marc Ahlburg (Nürnberg)
(REAL NAME)   

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Tage der Nemesis
Tage der Nemesis
von Martin von Arndt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

5.0 von 5 Sternen Geschichtsstunde in Romanform, 3. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Tage der Nemesis (Gebundene Ausgabe)
Der Beginn des 1.Weltkrieges jährt sich 2014 zum 100.Mal und die Bücherwürmer unter uns erwartet eine große Schwemme an Literatur, die sich mit diesem als Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts bezeichneten Krieg beschäftigt, der alle politischen Entwicklungen in den darauf folgenden Jahrzehnten beeinflusste und es, wenn wir ehrlich sind, auch heute noch macht. Das vorliegende Buch von Martin von Arndt beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Thematik, wenn auch nur im Hintergrund. Es präsentiert dem Leser nicht den 1.Weltkrieg direkt, sondern die Folgen dieser Material- und Menschenschlacht, indem der Autor mit Andreas Eckart eine Figur installiert, die die Grausamkeiten auf den Schlachtfeldern Frankreichs miterlebt hat und durch diese traumatisiert wurde. Nach dem Krieg steht er in Diensten der Berliner Polizeibehörde und ermittelt in einem Fall, der sich tatsächlich so zugetragen hat – eine Mordserie an Türken, die von einer armenischen Untergrundgruppe, die unter dem Decknamen „Operation Nemesis“ tätig ist, durchgeführt wird. Diese Untergrundgruppe möchte den Genozid rächen, der an ihrem eigenen Volk von den Türken unter dem Deckmantel einer Zwangsumsiedelung durchgeführt wurde. Martin von Arndt verbindet in diesem Roman Fiktion, in Person der Ermittler, und dokumentarisch belegte Geschehnisse, die die Anschläge an den Türken betreffen. Wenn man dieses Buch liest, sollte man vorher so wenige Informationen wie möglich über die Operation Nemesis und deren Taten an sich heran lassen, um die Spannung zu halten. Nach der Lektüre fördert die Recherche einige Überraschungen zutage und zeigt einem, wie viel von der Wirklichkeit von Arndt in seinen Roman hat einfließen lassen und die eine enorme Recherchearbeit von ihm vermuten lässt.

Es beginnt alles wie ein ganz gewöhnlicher Kriminalfall. Ein türkischer Mann wird auf offener Straße hingerichtet und der Täter durch umstehende Passanten aufgehalten. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel, denn der Mord selber war mit einer Präzision ausgeführt, der eine spontane Tat eigentlich ausschließt. Doch Verständnisschwierigkeiten in der Sprache, da der Täter nur armenisch spricht, und kaum vorhandene Indizien, die einen geplanten Mord aufzeigen, lassen die Untersuchungen zu einem Kraftakt werden und letzten Endes scheitern. Der leitende Ermittler in diesem Fall ist ein Mann namens Andreas Eckart, der traumatisiert, durch den ersten Weltkrieg seinem eigentlichen beruflichen Betätigungsfeld als ausgebildeter Mediziner nicht mehr nachgehen kann und sich deshalb in den Dienst der Polizei gestellt hat und im Berlin der 20er Jahre seinen Dienst vorschriftsgemäß erledigt. Dabei lässt ihn der Mord an dem Türken keine Ruhe. Der Täter wird aus der Untersuchungshaft mangels Indizien vorerst entlassen und, wie von Eckart vermutet, taucht dieser sofort unter. Deshalb nimmt Eckart weitere Spuren auf und kommt einer Gruppe Armenier auf die Spur, die einen Genozid an ihrem Volk an den Leuten rächen wollen, die zu diesem Zeitpunkt in der obersten Führungsebene der Türkei an der Macht waren. Durch seine Untersuchungen kommt Eckart immer mehr in Interessenskonflikte, da er auf der einen Seite die Handlungen der armenischen Untergrundgruppe nachvollziehen kann und andererseits die Leute beschützen muss, die diesen Genozid angeordnet haben, beziehungsweise die Täter des geplanten Mordes überführen. Dass er dabei zu viel Staub aufwirbelt und die Interessenlagen verschiedener Parteien empfindlich stört, merkt er fast zu spät und gerät in die Schussbahn der Operation Nemesis, der Türken, denen die Anschläge gelten und gewissen Leuten im Auswärtigen Amt, die ein nicht geringes Interesse daran haben, dass die Anschläge stattfinden und deshalb Eckarts Arbeit sabotieren.

Wie ich weiter oben schon erwähnt habe, sollte man dieses Buch lesen, ohne sich vorher über die Operation Nemesis und deren Taten zu informieren. Das erweitert den Lesegenuss und erhält einem die Spannung. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen, denn es handelt sich hier keinesfalls nur um einen Roman der die gängigen Muster von Tat – Täter – Motiv –Verurteilung abhandelt, sondern mit einer einprägsamen, kriminalfallartigen Tat einsteigt, um dann die großen Instrumente auszupacken. Dabei behandelt Martin von Arndt in „Tage der Nemesis“ vielfältige Themen. Zum einen lässt er das Leben im Nachkriegsdeutschland bzw. –europa einfließen – zum Großteil handelt der Roman in Berlin und ein Abstecher nach Rom ist auch dabei, der das langsame Aufmarschieren der Rechtsradikalen in Europa andeutet. Das zweite große Thema, welches behandelt wird, ist das der Nachwirkungen des 1.Weltkrieges und was es vor allem mit den Menschen gemacht hat, die daran aktiv teilgenommen haben. Der Autor macht diese Auswirkungen in seinem Roman vor allem an Andreas Eckart fest, indem er in ihm immer wieder die Erinnerungen an die französischen Schlachtfelder aufleben und ihn halb daran verzweifeln lässt. Das Kriege auch immer wieder von politischen Führungen benutzt werden, um ihre eigenen Pläne umzusetzen, ist in der deutschen Geschichte durch Hitler fest verankert. Doch auch die Türkei und die damaligen Machthaber haben den 1.Weltkrieg dazu genutzt, um die Bevölkerungsgruppe der Armenier auszulöschen, was von Arndt als drittes Hauptthema in seinen Roman eingehen lässt. Diese drei geschichtlichen Vorgaben, die allesamt, direkt oder indirekt, mit dem 1.Weltkrieg im Zusammenhang stehen, verwebt von Arndt geschickt und ohne großes Aufsehen und wie nebenbei in den Hauptplot um die Operation Nemesis. In meinen Augen sind ihm dabei sind ihm dabei die Bilder um den Kommissar Eckart und sein Kriegstrauma, als er lebendig begraben, nur seine Hand schaute aus der Erde, von einem französischen Bauern gerettet wurde, besonders eindringlich gelungen. Die Szenen, die von Arndt da beschreibt, lassen einen eine Weile nicht mehr los und obwohl es nur kurze Sequenzen sind, beschreiben sie das Grauen 1.Weltkriegs und was es mit den Menschen im Nachhinein gemacht hat auf den Punkt.

Der Hauptplot um die Operation Nemesis ist, unter der erwähnten Tatsache, dass man so wenig wie möglich darüber weiß, ein spannend zu lesendes Stück (Krimi)- Literatur, den man unter den Begriff der Semifiktion einordnen kann, denn die Tatsachen, die von Arndt meinem Vernehmen nach sehr detailliert recherchiert hat, werden wunderbar in die fiktionale Ermittlerarbeit von Kommissar Eckart eingebunden. Sollten jedoch die Operation Nemesis und deren Taten schon bekannt sein, kann man umso mehr die wunderbare Atmosphäre einatmen, die dieser Roman versprüht. Die Sprache ist klar, kommt ohne große Umwege und Schnörkel zum Ziel, lässt dabei aber kaum Details aus, was den Leser an manchen Stellen ganz schön schlucken lässt (Stichwort Genozid und Kriegserlebnisse des Kommissars). Das Buch „Tage der Nemesis“ habe ich sehr gerne gelesen und kann es allen krimi- und geschichtsaffinen Lesern empfehlen. Es schloss die Lücke in meinem geschichtlichen Wissen bezüglich des Genozids und der Vertreibung der Armenier beziehungsweise hat dieses Wissen aufgefrischt. Der Plot ist, trotz der Tatsache, dass er wahren Tatsachen entspringt, spannend geraten. Man sollte aber keine wilden Verfolgungsjagden oder ähnliches erwarten, denn es ist trotz aller Spannung ein relativ ruhig gehaltener Roman geworden, der auf verschiedenen Wegen Beispiele der Grausamkeiten des 1.Weltkrieges wiedergibt und auch ganz nebenbei die Lage eines angespannten Europas einbindet, in welchem sich gerade entscheidet, wohin der Weg gehen wird. Bitte mehr von Eckart, den ich als einen der interessantesten Charaktere empfinde, der mir in den letzten Monaten in der Literatur vor die Augen kam - Herr von Arndt, übernehmen Sie!


Die perfekte Theorie: Das Jahrhundert der Genies und der Kampf um die Relativitätstheorie
Die perfekte Theorie: Das Jahrhundert der Genies und der Kampf um die Relativitätstheorie
von Pedro G. Ferreira
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Biographie zur größten gedanklichen Meisterleistung der Menschheitsgeschichte, 9. Mai 2014
Auch wenn ich mit diesen Worten vielleicht ein wenig zu hoch greife, so finde ich doch, dass diese unfassbare Relativitätstheorie eines der größten Meisterleistungen menschlichen Denkens ist, die je zu Papier gebracht wurde. Selbst heute verzweifeln oder erfreuen sich Studenten, Gelehrte und Professoren an dieser Theorie, die vor knapp 100 Jahren von Albert Einstein erdacht wurde und die durch vielfältige Tests und Nachweise bestätigt wurde. Pedro G. Ferreira, seinerseits selber in der Relativitätsforschung tätig und begeisterter Anhänger dieser Theorie hat nun eine Biographie dieser Relativitätstheorie heraus gebracht, die ihre Entstehung und vor allem ihre Weiterentwicklung näher betrachtet.
Physik, Mathematik oder Astronomie war für viele sicher ein rotes Tuch in der Schule und die meisten haben sich damit bestimmt auch nicht weiter beschäftigt, als sie eine Ausbildung gemacht haben oder zur Uni gingen. Mir haben diese Fächer immer zugesagt und mich in den Ingenieurberuf geführt und auch die Relativitätstheorie und ihre ganzen Ableger, die sich mittlerweile in der Astronomie und anderswo tummeln, um mehr über die Anfänge unseres Universums zu erfahren, haben es mir immer wieder angetan und gelegentlich lese ich auch gerne ein Buch darüber. Es muss ja nicht mit Formeln und abstrakten Herleitungen gefüllt sein, sondern soll zum Nachdenken anregen, über unser Dasein und wie unsere Welt und das schwarze Etwas über unseren Köpfen funktioniert. Diese Voraussetzungen haben mich zu diesem Buch geführt, was eine Art Biographie der allgemeinen Relativitätstheorie darstellt, die Albert Einstein 1915 veröffentlichte und das Ganze, bis dahin existierende physikalische Verständnis, welches auf die Mechanik von Newton zurück zu führen ist, in Frage stellte beziehungsweise in einem Maß erweiterte, wie es die wenigsten Menschen zur damaligen Zeit erfassen konnten. Vor allem finde ich faszinierend, dass er sich diese Theorie allein durch Gedankenexperimente herleitete und zu Papier brachte. Erste Bestätigungen konnten erst im Jahre 1919 vorgenommen werden, als eine Sonnenfinsternis die Erkenntnis brachte, dass das Licht, welches ein Himmelsobjekt abstrahlt, durch die Gravitation von Planeten und Sternen, abgelenkt wird.
Sicher haben ein paar Physik- und Astronomieinteressierte in den Nachrichten Mitte März ein bedeutendes Ereignis erfassen können, dass ein nächster Schritt zur Vereinheitlichung der Quanten- und Relativitätstheorie sein könnte und einen Blick in die Anfänge unseres Universums erlaubt. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Sachbuch erscheint und manche Aussagen, die in diesem Buch getroffen werden, von der Aktualität der Ereignisse bestätigt oder widerlegt werden. Als ich das Buch vor ein paar Tagen gelesen habe, kamen mir gleich die Neuigkeiten in den Sinn, die über die im Buch beschriebenen Gravitationswellen berichteten und die in diesem Buch ein ungelöstes Rätsel bleiben – so schnell kann es gehen.
Diese Biographie der Relativitätstheorie geht relativ chronologisch vor und man kann am Anfang noch gut folgen. Es werden Dinge genannt, die, so finde ich, zum allgemeinen Wissen der Menschheit geworden sind. Man muss nicht wissen, wie diese Theorie im Speziellen aufgebaut ist (und glaubt mir – im Buch ist von nichtlinearen, partiellen Differentialgleichungen die Rede – da würde selbst so manchem Mathematikstudent der Kopf rauchen), um zu verstehen, wie sie funktioniert. Vieles kann durch Beschreibungen und kleine Beispiele erklärt werden und wird dadurch auch verständlich. Doch desto weiter die Biographie in die Entwicklung von Einsteins Theorie vordringt, umso unübersichtlicher wird es im Buch. Immer mehr Personen bringen Ideen ein, wie man die Gleichungen anwenden kann. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kristallisieren sich nach und nach zwei essentielle Dinge heraus, die mittels der Relativitätstheorie beleuchtet werden können und erklärbar sind. Zum einen wird immer deutlicher, dass unser Universum, wie wir es kennen, einen Anfang hat und diesen können wir mittels der Relativitätstheorie und den angeschlossenen Beobachtungen ermitteln und “beobachten”. Und zum zweiten die Vereinbarkeit der Quantentheorie mit der allgemeinen Relativitätstheorie zur sogenannten Quantengravitation. Beide Schlachtfelder können mit den weiter oben erwähnten Gravitationswellen neue Impulse erhalten, worauf Ferreira in seinem Buch auch hinweist und damit ist die Relativitätstheorie so aktuell wie nie.
Diejenigen, für die die oben genannten Fächer ein rotes Tuch sind, sollten dieses Buch mit Vorsicht genießen. Es ist zwar alles gut und verständlich vom Autor erklärt, aber teilweise sind die Ideen so abstrakt, dass sie das eigene Vorstellungsvermögen, auch das meinige, ganz schön fordert und auch an ihre Grenzen bringt. Ich für meinen Teil fand es ganz interessant zu sehen, wer alles in dem Süppchen über die Jahre mitgekocht hat und es sind mir auch einige bekannte Namen unter die Augen gekommen, die ich von meinem Studium her mit ihren Leistungen noch kannte (die nicht unbedingt mit der Relativitätstheorie zu tun hatten). Der ersten Hälfte des Buches konnte ich deshalb auch noch relativ gut folgen und mir das meiste vorstellen. Doch als es zu den Errungenschaften kam, die im letzten Drittel des 20.Jahrhunderts und zu Beginn des 21. in der Erforschung der Relativitätstheorie eine Rolle spielten, bin ich nicht mehr so gut mitgekommen und es wird auf jeden Fall mehrere Leseanläufe benötigen, um davon das Meiste zu erfassen. Zu viele Namen mit zu vielen Ideen haben bei mir den Lesefluss und das Verständnis für das Gelesene erheblich verlangsamt, da mit zunehmender Zeit seit Einführung der Relativitätstheorie die Quer- und Rückverweise natürlich zunehmen.
Insgesamt liest sich das Buch aber recht locker weg, auch wenn ich der Meinung bin, dass es mit gewissen Vorkenntnissen leichter fällt, in dieses Buch zu finden und es zu genießen. Die Sprache ist nicht zu theoriegeschwängert, so dass man trotzdem auch ohne jedwede Vorkenntnis einfach in dieses Buch kommen kann. Ich empfehle es aber auch denjenigen, die Interesse an der Geschichte der Relativitätstheorie haben, denn diese ist spannend und birgt viel Potential zum Nachdenken, womit ich auch den Bogen zu meiner Überschrift schlagen möchte, denn wo, wenn nicht in der Relativitätstheorie und ihrer Erforschung unseres Universums, kann so vortrefflich über unser Sein und unsere Welt philosophiert und gestritten werden.


Der Kindheitserfinder: Roman
Der Kindheitserfinder: Roman
von David Grossman
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Aufbegehren! Welches Aufbegehren? I am Verzweifling, 16. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Kindheitserfinder: Roman (Taschenbuch)
Im Mittelpunkt der ganzen Geschichte steht ein Junge namens Aaron Kleinfeld. Er ist zu Beginn des Romans ungefähr 10 Jahre alt, hat die üblichen Sorgen und Ängste, die jeder Junge in diesem Alter hat. Einziger besonderer Umstand ist der, dass er im Staat Israel in den 60er Jahren aufwächst, was meist nur wenig detailliert durchschimmert und gegen Ende des Romans durch die Einbindung des 6-Tage- Krieges etwas mehr Einfluss gewinnt. Ansonsten dreht sich alle um das Leben und Aufwachsen von Aaron Kleinfeld in einer Wohnsiedlung in einem Ort unweit von Tel Aviv entfernt (was ich nur vermuten kann, da ich keinen Ortsnamen erkannt habe, in dem Aaron und seine Familie leben).
Wie schon erwähnt, lebt Aaron ein relativ normales Leben als Kind, hat zu Beginn enge Freundschaften zu Jungs aus der Nachbarschaft, Zachi und Gideon, spielt seine Spielchen und besitzt eine überdurchschnittliche Phantasie, die zu Beginn des Romans von seinen Freunden in den kindlichen Spieltrieb mit aufgenommen wird, doch umso älter die Jungs werden, desto mehr wird Aaron für diese Phantasie belächelt. Seine Familie scheint auch normal zu sein, doch umso mehr man hinter die Fassade blickt, desto mehr Risse zeigen sich in der heilen Welt, die sich den Kinderaugen geboten hatten. Der Vater Mosche liebt seine Frau Hindale nicht mehr oder hat sie nie geliebt. Er flirtet zwar mit anderen Frauen, insbesondere mit der verschrobenen Nachbarin Edna Blum, doch irgend etwas hält ihn an der Mutter seiner Kinder, sei sie noch so tyrannisch in ihrem Tun und ätzend mit ihren Aussagen. Dieses Verhalten legt sie auch bei ihren Kindern an den Tag, was Aarons Schwester Jochi zuerst zu spüren bekommt und sie in die Arme der Armee flüchten lässt. Aaron wird von seiner Mutter dadurch tyrannisiert, weil er nicht wächst, was er im Übrigen in der ganzen Handlung nicht tun wird, die ganze 4 Jahre umspannt, und seine kindliche Phantasie behält. Das macht ihr zu schaffen und das sagt und zeigt sie ihm immer wieder ganz deutlich.
Gerade das Verhalten der Mutter gegenüber der ganzen Familie lässt Aaron zweifeln, ob er überhaupt so werden will, wie die Erwachsenen um ihn herum. Er bleibt in seiner kindlichen Welt gefangen und entfernt sich so immer mehr von seinen Freunden, die immer mehr das andere Geschlecht und ihren eigenen Körper entdecken. Dieses Treiben bleibt Aaron fremd, auch wenn er glaubt, sich in Jochi, ein Mädchen, die mit ihm zusammen den gleichen Schulweg hat, zu verlieben. Doch als er dieses Mädchen mit seinem ehemaligen besten Freund Gideon teilen muss und die beiden in eine Art Arbeitslager fahren, lässt er beide in dem Wissen ziehen, dass sie zusammen kommen werden.

„Diese Stunde, sag ich euch, wird noch eine Ewigkeit dauern. Sie werden ihr ganzes Leben hier verbringen, während andere Kinder Pausen haben und nach Hause gehen und groß werden und zum Militär gehen und heiraten, nur seine Klasse bleibt hier und gerät in Vergessenheit, und wenn dann endlich das erlösende Klingelzeichen ertönt, werden sie sich hinaustasten, verwirrt und verblüfft mit den Augen blinzeln und wie eine Bande zitternder Greise über den beleuchteten Hof tappen, mitten durch die neue Generation.“

So ähnlich, wie in diesem Textausschnitt, fühlte ich mich, während ich das Buch las. Zu großen Teilen war es sehr zäh zu lesen, was auch an dem engen Textsatz und der Art gelegen hat, wie sich manchmal die Absätze über mehrere Seiten zogen. Ebenso wurde das Lesen dadurch erschwert, dass Gedankengänge Aarons ohne Vorankündigung in Erzähltes übergingen und umgekehrt, das direkte Rede teilweise nicht sofort ersichtlich war und in manchen Passagen das Erzählte überhaupt nicht Kontext der Geschichte passen wollte, was sich besonders am Ende des Romans bemerkbar machte, als die Phantasie Aarons immer groteskere Züge annimmt und er, so schien es mir, eine Art Schizophrenie entwickelte. Dieses Buch war in meinen Augen ein hartes Stück Arbeit und da ich nicht gerne Bücher abbreche, habe ich mich größtenteils damit gequält. Beim Lesen der Letzten Seiten habe ich mich erleichtert gefühlt, dass ich es bald hinter mir habe. Das soll jetzt aber nicht bedeuten, dass dieses Buch schlecht geschrieben ist oder keine interessanten Facetten bot, aber es war eine schwere Kost, die umständlich zu lesen war und kaum einen roten Faden bereit hielt, an dem man sich entlang hangeln konnte und der einem zeigte, wohin das alles führen sollte.
Gerade die Worte, mit denen Grossman schreibt und die an manchen Stellen überbordende Phantasie Aarons zu etwas formt, was man begreifen kann, sind stellenweise richtig schön zu lesen und wurden wunderbar von Judith Brüll ins Deutsche übertragen. Doch bemerkte ich auch, gerade weil es ein Text ist, der ein Kind, das im Begriff ist, erwachsen zu werden, beschreiben soll, dass manche Passagen nicht so recht zu einem 10-14Jährigen passen wollen. Kindlich war da das wenigste, auch wenn ich der Meinung bin, dass Grossmann die Umstände, unter denen Aaron in die Pubertät kommt, damit besonders hervorheben möchte
Ich fand dieses Buch über weite Strecken anstrengend zu lesen, was an der Form des Textes und auch an dessen Inhalt lag. Es war in dem Sinne schwierig, weil man keinen richtigen Handlungsverlauf, eher einzelne Episoden im Leben von Aaron Kleinfeld und dessen Umfeld präsentiert bekommt. Viele einzelne, kleine Textpassagen fand ich dagegen, als Ausschnitt und für sich gesehen, richtig gut und sprachen meine eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen an (z.B. den Teil, als Aaron eine langsam vergehende Unterrichtsstunde beschreibt), doch weitestgehend haben mich die Ereignisse erstaunlich kalt gelassen und weitestgehend nicht berühren können.


Dexter - Die siebte Season [4 DVDs]
Dexter - Die siebte Season [4 DVDs]
DVD ~ Michael C. Hall
Wird angeboten von Topbilliger
Preis: EUR 23,30

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kann ein Monster menschlich sein?, 11. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dexter - Die siebte Season [4 DVDs] (DVD)
*** Enthält Spoiler ***

Direkt im Anschluss an das Ende der 6.Staffel geht es hier weiter und Deb muss mit dem fertig werden, was ihr Bruder ist - der wahre Bay Harbour Butcher. Sie hilft ihm beim vertuschen des Mordes an DDK. Durch die Entdeckung mittels Deb ist Dexter so durch den Wind, dass er seine Sache nicht so anpackt, wie er es immer macht und dadurch Fehler macht. Der gravierendste ist der, dass er seine Blutplättchen am Tatort vergisst und es dort von LaGuerta gefunden wird. Diese erinnert sich sofort an den Fall des Bay Harbour Metzgers und stellt Ermittlungen in eigener Sache an. In der Zwischenzeit versucht Deb die neuen Erkenntnisse über ihren Bruder zu verarbeiten und deckt ihn bei seiner Arbeit, was sie an den Rande des Nervenzusammenbruches führt. Dexter selbst bricht mit seiner Regel, Trophäen zu sammeln, doch macht er weiter, wie bisher - mit kleinerer Ausnahmen - und er verliebt sich in einer andere Killerin, bei der es nicht über das Herz bringt, sie umzubringen und doch muss er sich der Tatsache stellen, dass er die Zukunft nicht mit ihr teilen kann. Zusätzlich wird Dexter noch von einem Mafiaboss gejagt, weil er seinen Geliebten in die Tiefe des Meeres geworfen hat. In der Summe zieht sich die Schlinge um Dexters Hals immer mehr zu und es werden Entscheidungen getroffen, die die Zukunft einiger Personen in Frage stellen werden.

Diese 7.Staffel bringt endlich das, was spätestens schon am Ende der 5. und damit in der 6.Staffel hätte behandelt werden müssen - die Aufdeckung von Dexter durch seine Stiefschwester. Die Entwicklung dieser beiden Charaktere sind in der Logik der Serie glaubwürdig gehalten, wobei ich sogar Dexters Entwicklung, auch wenn es schräg aussehen mag, mehr verstehe als die Entscheidungen von Deb, ihren Stiefbruder zu schützen. Insgesamt gesehen empfinde ich diese Staffel als logische Fortsetzung zur 2.Staffel und bringt langsam die Entscheidung, ob man mit Dexter sympathisieren soll oder eher nicht. Ich gehe langsam in die Richtung, dass das eine sehr schwierige Entscheidung wird, denn obwohl er in mancher Hinsicht seinesgleichen aus dem Weg räumt, ist er ein unmenschliches Tier mit einer menschlichen Maske, die immer mehr abfällt, umso mehr er versucht, nicht er selbst zu sein. Die Entscheidung, zu der er Deb am Ende von Staffel 7 zwingt und die in meinen Augen der bisher stärkste Cliffhanger in dieser Serie ist (ja, es übertrifft für mich sogar Ritas Tod) und wirft schon jetzt für mich interessante Handlungsstränge auf, von denen ich hoffe, dass diese logisch zu Ende geführt werden. Zusätzlich zu diesem Plot um Deb und Dexter bietet diese 7.Staffel noch den interessantesten Zweikampf seit Dexter mit Doakes kämpfen musste und auch wenn es logisch zu Ende gebracht wurde, war es schade, dass dieser Teil der Geschichte ein klein wenig zu früh beendet wurde, denn die Szenen mit Isaak Sirko sind richtig klasse und brachte einen der besten Dialoge der Serie bisher zustande ("In einem anderen Leben hätten wir Freunde sein können").

Diese 7.Staffel stellt die 6. weit in den Schatten und kommt durch die starken Plots um Deb und Dexter bzw. zwischen Dexter und Isaak richtig in Fahrt. Gerade weil Isaak als Mafiaboss srupellos vorgeht ist er eine echte Gefahr für Dexter und verleitet zum Nägelkauen. Das Ende ist nervenaufeibend und wirft Fragen auf, die hoffentlich beantwortet werden. Insgesamt würde ich diese Staffel von ihrer Qualität nach der 1. und 2. einordnen, da sie es versteht, die Geschichte aus Sicht von diesen aus weiter zu erzählen, was man schon viel früher hätte machen müssen.


Dexter - Die sechste Season [4 DVDs]
Dexter - Die sechste Season [4 DVDs]
DVD ~ Michael C. Hall
Wird angeboten von Topbilliger
Preis: EUR 21,50

3.0 von 5 Sternen Dexter vor Gottes Gnaden, 11. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dexter - Die sechste Season [4 DVDs] (DVD)
**** ENthält Spoiler ****

Wie es die Überschrift schon andeutet, geht die 6.Staffel geht auf religiöse Pfade und zwingt Dexter dazu, biblisch zu denken, denn der Doomsday Killer (sehr knackig von der Miami Metro mit DDK abgekürzt) geht um und will den Weltuntergang mit seinen Morden einläuten. Dexter will diesen aufhalten und mischt dabei mit seinen eigenen Methoden mit.

Diese Staffel als schlechteste zu bezeichnen, finde ich ein wenig übertrieben, denn sie unterbietet die 3. in ihrer Gesamtheit nicht beziehungsweise sehe ich sie ungefähr auf einem ähnlichen Level. Sie hat sicher ihre Momente, bei denen ich mir denke, dass hätten die mal lieber sein gelassen (z.B. 7.Folge mit Bruder Brian- Revival) und nicht gerade hohes Niveau hatten. Demgegenüber steht aber in meinen Augen ein Hauptplot, der es an Spannung nicht missen lässt und der stringent seinem Ende entgegensteuert und an mancher Stelle zu überraschen weiß. Angenehm fällt weiterhin auf, dass die Soap- Elemente nicht mehr so im Vordergrund stehen und wenn diese doch eingestreut werden, dann sind sie sinnvoll in die Hauptgeschichte eingebettet und endlich werden teilweise die Nebenfiguren weiterentwickelt. Das Ende weiß zu überraschen, auch wenn ich mich durch ein paar Artikel schon selbst gespoilert habe. Endlich ist das eingetreten, was man zum Ende der 5.Staffel hätte machen sollen - die Aufdeckung von Dexter durch seine Stiefschwester. Denn wie es in dieser Staffel gelöst wurde ist es ganz großer Mist und zieht sie in meiner Gesamtwertung nach unten.
Insgesamt ist es wieder Unterhaltung auf hohem Niveau, aber man erkennt die Abnutzungserscheinungen und kann nicht leugnen, dass die Macher eher hätten zu Potte kommen sollen, aber die Kuh muss eben so lange gemolken werden, wie sie Milch gibt.

Für den harten Hauptplot und die endlich erfolgte Aufdeckung von Dexter gibt es Pluspunkte, Abzüge in der B-Note durch einige unnötige Spielereien, wie die Folge mit der imaginären Wiederauferstehung von Brian Moser, die überhaupt nicht in das Gesamtgefüge passte.


Kaltblütig: Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen
Kaltblütig: Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen
von Truman Capote
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über die Psychologie eines abnormalen Verbrechens, 21. März 2014
Auf dieses Buch bin ich schon vor einigen Jahren aufmerksam geworden, als ich den Film „Capote“ gesehen habe, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches zum Thema hatte und bei dem der Schriftsteller von dem leider vor einigen Tagen verstorbenen Philip Seymor Hoffmann sehr gut verkörpert wurde und für den er nicht umsonst den Oscar gewonnen hat. Aus dem Film sind mir einige eindrückliche Bilder im Gedächtnis geblieben, so zum Beispiel der Mord an der Familie Clutter, der zwar geräuschvoll, aber kurz gezeigt wurde und ebenso das Erhängen der zwei Mörder, Hickok und Smith, welches dem Schriftsteller Capote, der diesem Ereignis beiwohnte, nicht mehr losließ und in seiner Schaffenskraft beeinträchtigte. Nun habe ich das Buch „Kaltblütig“ gelesen, welches seit der Sichtung des Filmes auf meinem Zettel war. Es ist als Tatsachenroman aufgebaut, bei dem man, wenn man den Fall nicht kennt, meint, es wäre eine erfundene Geschichte, was das Ganze noch mehr in die Ebene des Unfassbaren hinabzieht. Das Buch hat mir in der Summe sehr gut gefallen, auch wenn es einige Punkte gab, die zwar auch gut waren, mir persönlich aber zu langatmig gestaltet waren.

Die Familie Clutter, eine angesehene Farmersfamilie aus Holcomb wird am Morgen des 15.11.1959 bestialisch ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Unmenschlich und kaltblütig hingerichtet. Nichts deutet auf ein Verbrechen aus Hass hin, sondern die Zeichen gehen vermehrt in Richtung eines Raubüberfalls. Die Mörder, es steht schnell fest, dass es 2 gewesen sein müssen, haben sehr wenig Spuren hinterlassen. Einzig zwei Fußabdrücke, die die beiden hinterlassen haben, bilden eine brauchbare Spur, die auch zu ihrer, wenn auch eher zufälligen Überführung beitragen wird. Lange Zeit tappt die Polizei und das Kansas Bureau of Investigation im Dunkeln.
Die zwei Mörder, die frisch aus der Haft entlassenen Perry Smith und Richard Eugene Hickock auch Dick genannt, sind derweil auf der Flucht und lassen sich mal in Mexiko, mal in Las Vegas blicken. Doch bleiben sie nie wirklich lange, da Dick als unsteter Typ immer wieder mit seinen Gelegenheitsjobs unzufrieden ist. So ziehen sie weiter über das Land, bis sie eines Tages, nachdem sie aus Mexiko wieder nach Las Vegas zurückkehren, mehr per Zufall von einer Polizeistreife gesichtet und nach einigem Abwarten festgenommen werden. Als beide getrennt verhört werden, geben sie eine erfundene Geschichte zu Protokoll, die, je länger sie diese aufrecht erhalten wollen, umso umglaubwürdiger wird. Als erstes bricht Dick Hickock ein und legt ein umfassendes Geständnis ab, welches durch Perry in nur 2 Punkten abweichend bestätigt wird und das im Endeffekt zu ihrer Verurteilung führt. Das Strafmaß lautet für beide Hinrichtung durch den Strang. Durch umfangreiche Gegenmaßnahmen wird die Ausführung dieser Strafe um mehrere Jahre verzögert, was vor allem ein Anliegen von Dick ist, da er behauptet und auch das von Perry bestätigt, dass er niemanden getötet hat und dies auch nicht vorhatte. Doch er wird des gleichen Verbrechens beschuldigt wie Perry Smith. Beide werden am 14.April 1965 nacheinander hingerichtet.

Dieses Buch tat weh und hat sicherlich schockiert zu einer Zeit, als man an das Friedfertige im Menschen glaubte. In einer Zeit, in der, wie es Capote in den oben geschriebenen Zeilen beschreibt, niemand dem anderen misstraute und alle offen miteinander umgingen. Doch ein Verbrechen, dass durch nichts zu erklären ist, änderte alles. Die Skrupellosigkeit, mit der die Clutters ermordet wurden, ist mit nichts zu begreifen, ebenso wenig wie die beiden Mörder mit dieser Tat umgegangen sind. Es veränderte die Menschen und wer kann ihnen diese Veränderung und die damit einhergehende Angst verübeln? Truman Capote, mit einer feinen Beobachtungsgabe ausgestattet, hat sich diesem Stoff angenommen und daraus einen Tatsachenroman gezaubert, der stellenweise bewegt und manchmal auch langweilt. Doch gerade die Passagen, auf die es ankommt machen einen betroffen. Sei es der Mord an der Familie Clutter, der später in dem Buch beschrieben wird oder die Gleichgültigkeit, mit der die Mörder ihren Taten ins Auge sahen. Ebenso das Gerichtsverfahren, welches den Anschein der Voreingenommenheit präsentiert, da die Grausamkeit der Tat mit der Strafe der Hinrichtung vergolten werden sollte und die Geschworenen den Tätern gar keine Chance einräumten ihre Taten zu erklären. Capote versucht in seinem Buch alle Seiten zu beleuchten. Die Opfer- und die Täterseite, ebenso wie die der Menschen, die nach der Tat ihr Leben umstellen und diejenigen, die die Verhaftung beziehungsweise Verurteilung der Mörder zu verantworten haben. Daraus entwickelt Capote ein Kaleidoskop der unterschiedlichen Gefühlslagen bei denen man sich eigentlich sicher wähnen sollte, auf wessen Seite des Gesetzes man stehen will und doch macht er es einem gerade zum Ende des Buches noch einmal schwer, das zu akzeptieren, da es gewisse Dinge im Leben gibt, die Menschen so beeinflussen, dass sie im Endeffekt zu Tieren werden und ihrer Umwelt solche Taten, wie zum Beispiel den Mord an den Clutters, aufdrängen. Das sind stellenweise die Passagen, die mir an diesem Buch nicht gefallen haben, da sie es unnötig in die Länge streckten. Es geht hier vor allem um Stellen, als Capote versucht, uns die Menschen Hickock und Smith über ihre Vergangenheit näher zu beschreiben. Er wollte damit sicher versuchen, diesen beiden Menschen, die als kaltblütig hingestellt wurden, ein wenig ihrer Würde wiedergeben und er wollte wahrscheinlich auch für sich eine Erklärung finden, wie es zu so einer Tat kommen kann. Doch gerade diese Stellen sind es, die das Buch etwas zäh machen.

Die Sprache von Truman Capote, wunderbar elegant übersetzt Kurt Heinrich Hansen, ist verschnörkelt und manchmal verwinkelt. Aber trotzdem klar und verständlich. Gerade die Stellen, die den Mord, das Gerichtsverfahren, die Flucht und die Verhaftung beschreiben, sind sehr eindrücklich geschrieben und brennen sich in das Gedächtnis ein. Die Recherchen dafür müssen sehr umfangreich gewesen sein.
Insgesamt ist es ein schaurigschönes Buch, welches einem Tat und ihre Umstände beschreibt, um sie begreifbar zu machen. In einer wunderbaren, eleganten Sprache, bringt uns Capote in diesem Tatsachenroman eine Geschichte, die ebenso gut für einen Krimi herhalten könnte, wenn man nicht weiß, dass diese Geschichte auf waren Tatsachen beruht und diese wiedergibt. Ich kann das Buch jedem ans Herz legen, die mit dem Genre etwas anfangen können und einen Zugang zu so einer Geschichte finden. Ich für meinen Teil habe dieses Buch an den meisten Stellen verschlungen, nur die schon angesprochenen Passagen haben mich in meinem Lesefluss gestört und passten meiner Meinung nach nicht so richtig in das Buch hinein. Hätte sich Capote weniger an Erklärungsversuchen gewagt, wäre es für mich ein rundum gelungenes Buch geworden.


DeLonghi ECAM 22110B Kaffee-Vollautomat  (1.8 l, 15 bar, 1450 Watt, Dampfdüse) glossy black
DeLonghi ECAM 22110B Kaffee-Vollautomat (1.8 l, 15 bar, 1450 Watt, Dampfdüse) glossy black
Preis: EUR 324,00

15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Vollautomat, der zum Einstieg vollkommen ausreichend ist, 13. März 2014
Wer sich diese DeLonghi mit dem Vorsatz zulegt, guten Kaffee zu machen, der an den Spitzen- Cappuccino vom guten Italiener um die Ecke heran reicht, der sollte sein Vorhaben lieber nicht in die Tat umsetzen. Wer jedoch keine Kapselmaschine haben möchte und trotzdem keinen Filterkaffee (mehr) trinken möchte, der ist hiermit gut bedient. In die zweite Kategorie reihe ich mich ein und möchte nun meine Erfahrungen mit der DeLonghi ECAM 2210B mit euch teilen.

Filterkaffee! Das war für mich bisher das täglich Brot und das mit einer Maschine, die noch den Stempel VEB getragen hat. Sie hat ihren Dienst getan, denn jeden Morgen 20min darauf zu warten, dass 5 Tassen Kaffee fertig werden – das sollte nicht mehr sein. Also stand der Entschluss schnell fest, dass eine neue Maschine ins Haus sollte. Doch was soll man sich zulegen bei diesem Markt, der so viele unzählige Alternativen bietet? Wieder eine Filterkaffeemaschine? Wenn ich ehrlich zu mir bin, hat mir der Kaffee eigentlich nie richtig geschmeckt, vor allem weil er immer zu bitter war. Eine Kapselmaschine? Obwohl günstig, ist es teuer erkauft, da die Kapseln oder alternativ auch Pads dann doch ziemlich ins Geld gehen. Und der Umwelt zuliebe wollte ich mir so ein Ding auch nicht ins Haus holen, denn in meinem Haushalt wird viel Kaffee konsumiert. Also bleibt schlussendlich nur noch die Entscheidung für einen Vollautomaten. Nach langem hin- und herüberlegen, Sichtung des Budgets und dem Wälzen der vielen Kommentare für die unzähligen Varianten war klar, dass es das vorliegende Einstiegsmodell von DeLonghi werden sollte.

1. Der erste Eindruck:
Auch wenn viel Plastik an dieser Maschine dran ist und sie auf den ersten Blick etwas klobig daher kommt, ist der Gesamteindruck positiv. Die wichtigsten Elemente sind sofort zu sehen und griffbereit. Die mechanischen Elemente machen einen stabilen Eindruck und nach dem Aufbau in der Küche macht dieser Apparat schon was her.

2. Die Vorbereitung zum Einsatz:
Diesen Vollautomaten sollte man nicht bedienen, ohne vorher die Anleitung zur Erstinbetriebnahme gelesen zu haben. Gerade die Bestimmung der Wasserhärte und die Abstimmung der Maschine darauf sollte beachtet werden. Da bei uns die härteste Stufe des Wassers vorliegt wäre die Anbringung des mitgelieferten Filters eigentlich angebracht. Es ist uns erstens zu aufwändig und zweitens auf Dauer auch zu teuer, weshalb wir darauf verzichten und lieber die Maschine regelmäßig entkalken. Auf diesen Punkt komme ich noch mal zurück.
Alle weiteren Handgriffe (Einfüllen der Bohnen, Wasserbehälter auffüllen, wie entnehme ich das Mahlwerk, Einschalten der Maschine, Dampfdüse bediene etc.) sind nach einmaligem Durchlesen der Anleitung fast selbsterklärend und müssen nur bei den Dingen, die man nicht alltäglich bedienen muss, ab und zu nachgelesen werden.

3. Los geht es:
Bohnen einge- und Wasserbehälter befüllt und schon kann es losgehen. Maschine ein, auf Espresso oder Kaffee gedrückt und schön tröpfelt/fließt der Kaffee in die Tasse. Erster Eindruck – wässrig bis fad, was sich anfangs auch nicht zu ändern schien. Doch so nach und nach kam der Kaffeegeschmack ohne das bittere zu beinhalten, was den Filterkaffee immer ausgemacht hat. Sehr angenehmer Kaffeegenuss, den ich so bisher nur aus dem Restaurant kannte und nun endlich auch zu Hause genießen konnte.
Da auch gerne mal ein Cappuccino oder ein Latte Machiato getrunken wird, ist die Milchaufschäumdüse ebenfalls von Interesse. Da wir keinen Aufwand betreiben wollten mit einem Milchbehälter, der den Milchschaum direkt abgibt und die Reinigung sicher erschwert hätte, ist dieses System für den Gelegenheits- oder Wochenendmilchaufschäumer ideal. Dampfsystem eingeschaltet, Tasse oder Glas mit Milch gefüllt und in die Dampfdüse hinein halten und dann nach Gefühl den Milchschaum erzeugen. Das erfordert ein bisschen Übung, aber man bekommt es von Anfang an recht gut hin, wenn man die Handgriffe aus etwaigen Kaffeehäusern oder Bars schon mal gesehen hat. Espresso aufgefüllt und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

4. Erfahrungen:
a) Bohnen:
Hier gibt es unzählige Angebote an Bohnen mit den Unterscheidungsmerkmalen der Sorte und wie diese geröstet sind. Da variiert der Geschmack und es muss jeder für sich selbst heraus finden, was er gerne trinkt, wie stark er den Kaffee braucht und wie die Maschine mit den Bohnen klar kommt. Wir hatten bisher 2 Sorten – einmal von Lavazza (den Röstgrad kenne ich leider nicht) und aktuell von Espressone mit einer relativ milden Sorte und sind mit beiden Sorten sehr zufrieden.
Im Durchschnitt werden mit der Maschine 5-10 Tassen Kaffee/Espresso gemacht, weshalb der Bohnenbehälter alle 3 Tage neu aufgeüllt werden muss. Ein Kilogramm Bohnen halten sich bei uns knapp eineinhalb Wochen, was eine Steigerung des Verbrauchs gegenüber der Nutzung der Filterkaffeemaschine darstellt, aber der bessere Geschmack und die intensivere Auseinandersetzung mit dem Kaffee macht diese Mehrnutzung mehr als wett.
b) Reinigung:
Die tägliche Reinigung kann man in den allabendlichen oder mittäglichen Abwasch mit einbauen. Den Auffangbehälter für die gepressten Mahlabfälle lässt sich leicht reinigen, ebenso wie die Auffangwanne für das Tropfwasser. Beim Mahlwerk reicht es, dieses einmal pro Woche unter klarem Wasser abzuspülen. Die Milchaufschäumdüse ist auch sehr einfach zu reinigen, was gleich nach der Nutzung erfolgen sollte, da die Milchrückstände nach ein paar Stunden etwas schwerer zu entfernen sind.
Das Entkalken ist, da wir sehr hartes Wasser haben, fast einmal im Monat dran. Dazu haben wir das Entkalkungsmittel gekauft, was vom Hersteller empfohlen wird und sind bisher sehr zufrieden damit. Spült die Maschine ordentlich durch und gibt das Gefühl, dass das nichts verstopfen kann (mal schauen, wie es in 2 Jahren aussieht). Einziger Wermutstropfen ist, dass das Spülen nur über die Dampfdüse geschieht und nicht über die Kaffeedüsen. Dazu schwirren im Internet aber Anleitungen herum, wie man dieses Manko umgeht, was ich aber noch nicht ausprobiert habe.
c) Die tägliche Handhabung:
Hier kann ich nur sagen, dass diese Maschine richtiggehend einfach zu bedienen ist. Ab und zu, wenn eine Fehlermeldung auftritt, die man nicht kennt, muss das Handbuch in dem betreffenden Abschnitt eingesehen werden und bisher konnte alles behoben werden. Nur ein einziges Mal hatte nur ein Neustart über den Ein/Ausschalter auf der Rückseite Abhilfe geschafft, da ich vom Umschalten von Pulverkaffee auf gemahlenen Kaffee etwas falsch gemacht hatte und die Maschine darauf etwas verstockt reagierte.
Nach dem anfänglichen Gefühl, der Kaffee schmecke wässrig, haben die Geschmacksknospen jeden Tag einen wohlfeinen Kaffee mit einem Schuss Säure, der genau richtig ist, auf ihren Fühlern. Die betriebsseitige Einstellung des Mahlgrade habe ich mittlerweile auch etwas verfeinert, was zwar den Kaffeedurchfluss etwas verlangsamt hat, dafür aber der Kaffee einen ticken mehr Intensität hat.
Die Auflage, auf die die Tassen abgestellt werden, zerkratzte sehr schnell, was ich persönlich nicht als negativ oder störend empfinde. Bei diesem Preis und für einen Gebrauchsgegenstand, der täglich benutzt wird, ist das ein zu verschmerzender Punkt. Ich bringe das als Anhang mit in diese Besprechung mit ein, da es bei einigen schon zu Punktabzug geführt hat, was ich persönlich nicht verstehe, da man bei diesem Preis nicht erwarten sollte, dass die Maschine nach 3 Monaten immer noch wie geleckt aussieht. Da muss man sich in einer anderen Preiskategorie umschauen.

Gesamtfazit:
Ich bin mit dieser Maschine rundum zufrieden. Sie macht den Kaffee, den ich gerne trinke, sie ist einfach zu bedienen und in punkto Pflege ist kein großer Aufwand zu betreiben. In der Summe ist das Preis- Leistungs- Verhältnis mehr als angemessen und die Maschine für diejenigen, die sich mit dem Gedanken tragen, einen Kaffeevollautomaten zu kaufen, als Einstiegsmodell mehr als geeignet.

P.S.: Diese Rezension wurde nach einer Nutzungszeit von etwa 3 Monaten geschrieben. Ich versuche diese immer wieder, in etwas größeren Zeitabständen zu aktualisieren, damit man ein Bild davon bekommt, wie sich die Erfahrungen über einen längeren Zeitraum entwickeln.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 26, 2014 4:40 PM CET


Non Stop
Non Stop
Preis: EUR 15,23

5.0 von 5 Sternen Ein grooviges Bassgewitter zieht auf und fegt euch auf den Dancefloor, 5. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Non Stop (Audio CD)
Tiga, den die meisten sicher noch von Tiga&Syntherius mit ihrer Interpretation des Titels „Sunglasses at Night“ kennen dürften, hat 2012 eine neue Compilation heraus gebracht. Mit seinen Alben und Eigenproduktionen bin ich nie richtig warm geworden, da mir diese einfach nicht gefallen haben. Doch seine Mixcompilations für die DJ- Kicks Reihe und die Doppel- CD „Mixed Emotions“ haben es mir angetan und laufen seit ihrem Erscheinen immer wieder in schwerer Rotation in meinen Musikabspielgeräten. Nun erschien Ende 2012 mit Non Stop der neueste Mixcompilationwurf des Kanadiers, bei dem man sich überzeugen kann, dass er es immer noch drauf hat. Zwar nicht ganz so gut, wie bei den schon genannten Compilations, aber immer noch gut genug für ein paar wunderbare Abgeh- und Gänsehautmomente, dessen man bei seinen Mixen nie satt wird. Eingeleitet mit einem sehr schunkeligen Swingin‘ Party von Kindness geht danach die Abfahrt auch schon langsam los, um in immer höheren Wogen der Ekstase entgegen zu fiebern. Dabei „plätschern“ zwar ab und zu ein paar zu ruhige Sachen hinein, aber diese lassen einen wenigstens kurz verschnaufen und stören deshalb auch nicht. Wie man es von Tiga kennt, ist das Ganze hochwertig gemischt und wirkt trotz der kurzen Laufzeit, die manche Titel in dem Mix haben, nicht abgehackt oder Stakkato-mäßig runtergeleiert. Er kann es meiner Meinung nach immer noch und darf auch gerne noch mehr solche Mixcompilations nachschieben. Ich hätte nix dagegen.


Der Gang vor die Hunde
Der Gang vor die Hunde
von Erich Kästner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 5vor12, Momentaufnahmen in einer Republik kurz vor dem Abgrund, 20. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Gang vor die Hunde (Gebundene Ausgabe)
Wer Erich Kästner bisher nur als Kinderbuchautor sah, wird, genau wie ich, überrascht sein, dass er auch Bücher für Erwachsene geschrieben hat. Mit „Der Gang vor die Hunde“ erschien im letzten Jahr die ungekürzte beziehungsweise von Kästner ursprünglich angedachte Ausgabe von „Fabian – Die Geschichte eins Moralisten“. Diese Geschichte lässt uns in die Zeit der Weimarer Republik eintauchen, als es mit ihr schon wieder bergab ging und die ersten Tendenzen in Richtung Nationalsozialismus auftauchten. Wir lernen den 32- Jährigen Werbetexter und Propagandisten Jacob Fabian kennen, der im Berlin Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre lebt. Wir begleiten ihn in Situationen, die an der Grenze des moralischen sind und immer wieder haarscharf an dieser entlang schrammen. Er begibt sich gedankenlos in diese Momente. Ihm fehlt es an einem strukturellen Tagesablauf und Zukunftsdenken, was ihn so durch die Zeit treiben lässt.

Das Buch fängt damit an, dass Fabian in eine Art Verbindungsclub Einlass ersucht, den man nur vom Hörensagen kennen darf und der ihm von einem Arbeitskollegen empfohlen wurde. In diesem Lokal können sich Männer und Frauen ganz ungezwungen treffen und bei gefallen zu sich nach Hause gehen, um ungezwungen das zu tun, was zwei erwachsene Menschen gerne im Schlafzimmer (außer schlafen) machen. In diesem Lokal lernt Fabian eine Frau namens Irene Moll kennen, die den widerspenstigen Fabian mit zu sich nach Hause nimmt, um ihn zu verführen. Als sich herausstellt, dass Irene Moll eigentlich verheiratet ist und ihr Mann … Moll dieses ganze Treiben absegnet, wenn der vermeintliche Liebhaber von Irene Moll seinen Maßstäben genügt, ist das Fabian zu viel und er verlässt dieses skurrile Ehepaar mit dem Hintergedanken diese nie wieder zusehen, was sich im Falle von Irene Moll leider nicht erfüllen wird, da sie Fabians Wege immer wieder kreuzt und ihm unmoralische Angebote unterbreitet und das in Momenten in denen es Fabian eigentlich nicht passt. Auch wenn Fabian kein Schwerenöter ist, lässt er Irene Moll als Einzige während der ganzen Geschichte immer wieder mit ihren Forderungen im Regen stehen.

Seine Arbeit als Werbetexter für eine Zigarettenmarke macht er mehr gelangweilt als inspiriert und die Ideen für seine Texte fallen ihm auch immer wieder vor die Füße, weshalb er die Vorgaben von Direktor Breitkopf, was Pünktlichkeit und Arbeitsmoral angeht, nie ernst nimmt und sogar verhöhnt. Damit macht sich Fabian bei Direktor Breitkopf nicht gerade beliebt, obwohl er das alles mehr im Scherze sagt und immer etwas zu sehr auf die leichte Schulter nimmt. Daraus entsteht eine Situation, in der er Direktor Breitkopf zum Spaß provoziert und mit Übertreibungen in die Weißglut treibt. Das bringt Fabian in ein Dilemma, die ihn in einer Zeit empfindlich treffen wird.

Mit seinem Freund Stephan Labude, der an einer Doktorarbeit im literarischen Gebiet arbeitet und kurz vor seinem Abschluss steht und der mit vollem Verstand an seiner Zukunft feilt, macht er Berlin unsicher. Eines Tages wird Fabian von Labude zu einem Atelier geführt, in welchem es etwas freizügiger vonstattengeht. Dort lernt Fabian die angehende Juristin Cornelia Battenberg kennen und die beiden verlieben sich ineinander. Da sie auch noch zufällig im selben Haus wohnen, steht einer ernsten Beziehung nichts mehr im Wege und die Zukunft, die für Fabian bisher immer im Nebel lag, nimmt immer schärfere Konturen an. Doch dann bricht mit seiner plötzlichen Arbeitslosigkeit und der prekären Beschäftigungssituation in Berlin diese klar geglaubte Zukunft in sich zusammen. Ein kurzer Hoffnungsschimmer keimt auf, als Cornelia einen Termin zum Vorsprechen für eine Rolle in einem Film zugesagt bekommt und sie diese Rolle auch bekommt. Doch der Preis dafür ist hoch und die Beziehung zwischen den beiden auf dem Prüfstand. Was danach geschieht raubt Fabian den letzten Glauben an einen Weg in die sicher geglaubte Zukunft.

„’[…]Ich saß in einem Wartesaal, und der hieß Europa. Acht Tage später fuhr der Zug. Das wusste ich. Aber wohin er fuhr und was aus mir werden sollte, das wusste kein Mensch. Und jetzt sitzen wir wieder im Wartesaal, und wieder heißt er Europa! Und wieder wissen wir nicht was geschehen wird. Wir leben provisorisch, die Inflation nimmt kein Ende!’
[…]
‚Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen’ sagte Fabian, ‚und die Gerechten noch weniger.’“

Wer Erich Kästner bisher nur als Autor von Werken wie „Emil und die Detektive“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ kannte, in denen er pointiert Geschichten präsentierte, die für Erwachsene und Kinder gleichermaßen geeignet sind, wird überrascht sein, dass es auch einen anderen Kästner gab. Mir war jedenfalls nicht geläufig, dass Kästner auch Bücher geschrieben hat, die sich zielgerichtet an ein erwachsenes Publikum richten. Das Wissen darum änderte sich, als ich im Herbst letztes Jahr einen Artikel in der FAZ las, der von einer Neuauflage seines Werkes „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ (von dem ich schon öfter mal gehört habe, aber nie wusste, um was es in dem Buch geht) unter dem ursprünglich geplanten Namen „Der Gang vor die Hunde“ las. Hier präsentiert uns Kästner einen Blick in das Berlin der Weimarer Republik Ende der 20er Anfang der 30erJahre des 20.Jahrhunderts, als der 1.Weltkrieg schon überwunden war und die Nationalsozialisten langsam am Horizont auftauchten. Mit den Augen des Jacob Fabian sehen wir eine Welt, in der es, wenn auch übertrieben dargestellt, an unmoralischen und unmenschlichen Situationen nur so wimmelt. Wie sich die Menschen den einfachen Gelüsten hingeben, wie die Kultur immer mehr den Bach runter geht und wie der Umgang der Menschen untereinander nicht mehr durch Respekt sondern durch gegenseitiges Misstrauen, langsam steigende Angst und der Sicherung der eigenen Existenz geprägt ist. Fabian entzieht sich diesem Rummel, indem er belustigt den Beobachter der Lage spielt und abwarten möchte, wohin sich denn alles entwickeln wird. Er lässt sich einfach treiben, er weiß nur nicht wohin die Reise geht.

„Den Untergang Europas konnte er auch dort abwarten, wo er geboren worden war. Das hatte er davon, dass er sich einbildete, der Globus drehe sich nur, solange er ihm dabei zuschaue. Dieses lächerliche Bedürfnis anwesend zu sein! […] Und er musste, noch dazu freiwillig, hinterm Zaune stehen, zusehen und ratenweise verzweifeln.“

Dieses Buch hat mir außerordentlich gut gefallen. Man erkennt den Erich Kästner wieder, den man mit seiner Kinderliteratur lieb gewonnen hat. Seinen ironischen Biss, der auch in den Kinderbüchern durchleuchtet, verstärkt er hier, in dem noch Zynismus hinzukommt, um die Zustände anzuprangern und anzumahnen, dass die Zukunft noch schlimmeres bereit halten wird. In manchen Passagen will man eigentlich über die übertrieben dargestellten Situationen und die Komik die sie eigentlich ausstrahlen schmunzeln, doch dieses bleibt einem meist im Halse stecken und wandelt sich teilweise in einen kalten Schauer um, weil die Weitsicht, die Kästner hier an den Tag legt, beängstigend erscheint. Seine Sprache, die er dafür verwendet ist gewandt, teilweise dreckig und er beschreibt auch Tätigkeiten sexueller Natur, vor denen die meisten zu der Zeit zurückschreckten. Diese Passagen sind es größtenteils auch, die sein damaliger Lektor anmahnte zu kürzen oder umzuschreiben, damit es keinen großen Aufschrei gibt, denn Kästner war zu dem Zeitpunkt als Fabian erschien schon ein bekannter und erfolgreicher Autor. Jede neue Erscheinung des „Fabian“ war also eine „gekürzte“ Variante dessen, was Erich Kästner ursprünglich plante. Durch Zufall ist der Herausgeber des vorliegenden Bandes, Sven Hanuschek, auf das Originalmanuskript von „Fabian“ gestoßen. Dieses sorgsam redigierte Manuskript enthielt auch alle Passagen, die damals für die Erstausgabe herausgestrichen wurden. Hanuschek hat diese Puzzleteile in mühevoller Kleinstarbeit wieder zu dem Roman zusammengefügt, wie ihn Erich Kästner ursprünglich andachte, und er hat die Puzzlearbeit auch im Detail in einem Anhang ausgewiesen, in dem die geänderten Stellen dem Originalmanuskript gegenüber gestellt werden. Außerdem sind dem Roman alle Nachworte von Erich Kästner angehängt, die er je zu Fabian geschrieben hat und ebenfalls erzählt Hanuschek in einem kleinen Essay die wechselvolle Geschichte dieses Buches.

„Deshalb ist es schon ein seltenes Glück philologischer Arbeit, plötzlich in der Stille und Konzentration des Deutschen Literaturarchivs in Marbach vor einem verblüffend gut erhaltenen, handschriftlich korrigierten Typoskript zu sitzen und genau dieses Leseerlebnis zu haben, das nun, mehr als 80 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe, an das lesende Publikum weitergegeben werden kann. Es ist geeignet, das Bild dieses Autors zu verändern, im feinen stilistischen Detail ebenso wie durch Wiedereinsetzung der Streichung im gröberen Register, im politischen wie im erotischen bzw. sittengeschichtlichen: ein freier, frecher Kästner zeigt sich, der seine besten und kreativsten Jahre vor 1933 hatte und der seine ästhetischen Mittel souverän beherrschte.“

Auch wenn ich vielleicht ein wenig zu euphorisch urteile, so muss ich für mich persönlich anmerken, ein ganz großes Werk deutscher Literatur gelesen zu haben, dass man nun endlich in der Fassung vor sich liegen hat, wie es eigentlich schon für 1931 zur Veröffentlichung vorgesehen war. Geschichtlich gesehen ist dieses Buch ebenfalls als ein wichtiges einzuordnen, denn es war, ebenso wie einige lyrische Werke, ein Grund dafür, dass Kästner durch die Nationalsozialisten zu den verbotenen Autoren gezählt und mit einem Veröffentlichungsverbot belegt wurde. Leider hat sich Kästner als Schriftsteller nie wieder davon erholt. Er hat zwar in der Folge weiterhin wundervolle Kinderbücher geschrieben, aber Literatur mit erhobenem Zeigefinger und mit Anspruch war von ihm nur noch selten bis gar nicht mehr zu lesen. Auch wenn es ein relativ versautes Buch ist, würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass dieses Buch einen Kästner in Hochform repräsentiert und Pflichtlektüre in den höheren Klassen der Schule sein sollte und das man gelesen haben muss.


Die Lage des Landes: Roman
Die Lage des Landes: Roman
von Richard Ford
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

4.0 von 5 Sternen Wohlstandsprobleme, 20. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Lage des Landes: Roman (Taschenbuch)
Frank Bascombe, aus den Romanen „Der Sportreporter“ und „Unabhängigkeitstag“ bekannt (mir jedenfalls nicht, aber dazu gleich mehr), lebt sein Leben mittlerweile in dem kleinen, fiktiven Küstchenstädtchen Sea- Clift in New Jersey, in dem er als Immobilienmakler tätig ist. Die Geschichte steigt 3 Tage vor Thanksgiving im Jahre 2000 ein und beleuchtet die Ereignisse und Tätigkeiten von Frank in seiner Umgebung bis zu Thanksgiving, zu dem ihn seine zwei Kinder Paul und Clarissa mit ihren jeweiligen Partnern besuchen werden, um mit ihm gemeinsam Thanksgiving zu feiern. Dabei erlebt und erfährt man einen Mann in seinen Mitfünziger- Jahren, der sehr viel durchlebt hat und dies in den Tagen vor Thanksgiving reflektiert. Das wären zum Beispiel die Trennung von seiner zweiten Ehefrau Sally, die ihn für ihren tot geglaubten ersten Ehemann verlassen hat, seine Krebserkrankung an der Prostata spielt auch eine große Rolle, die ihn seit einem Jahr beschäftigt und sehr in Sorge versetzt, der vernachlässigte Kontakt zu seinen Kindern und das Immobiliengeschäft, in dem er tätig ist, dem er sich aber irgendwie gleichzeitig nicht mehr so richtig gewachsen fühlt. Zu diesen ganzen Gedanken und Tätigkeiten, die sich in den Tagen vor Thanksgiving ansammeln, schwelt im Hintergrund noch die Präsidentenwahl um Gore und Bush, der Skandal des knappen Wahlausgangs und der Handauszählung der Stimmen in Florida, der einigen sicher noch im Bewusstsein sollte, sofern die Anschläge auf das World Trade Center, dieses „unbedeutende“ Ereignis nicht überblendet haben.

Dieses Buch habe ich eher durch Zufall auf einem Krabbeltisch entdeckt und nur eingesteckt, weil ich den Autor Richard Ford und sein neuestes Werk „Kanada“ im Auge hatte und mit diesem Buch die Gelegenheit nutzen wollte, seinen Stil kennen zu lernen. Leider habe ich mit „Die Lage des Landes“ ein Buch erwischt, dass (quasi) der dritte Teil einer Trilogie über das Leben des Frank Bascombe ist und mir somit gewisse Vorkenntnisse über diesen Charakter fehlen, weshalb er mir irgendwie fremd und fern blieb. Zusätzlich kann das auch an seinen Aussagen liegen, die eine gewisse Angst vorm Alter erkennen lassen, welche ich nicht kenne und (noch) zu abgehoben vorkommt. Möglicherweise lese ich dieses Buch in 10-15 Jahren mit anderen Augen, aber hier und heute gingen mir manche der Sachen, die in dem Buch beschrieben werden, einfach nur auf den Senkel und waren mit zu pessimistisch angehaucht, was aber bei den Lebensumständen, die Frank Bascombe begleiten, einfach nur logische Begleiterscheinungen sind. Die Geschichte selbst schleppt sich auf knapp 700 Seiten dahin wie zäher Kaugummi, man hat irgendwie nur das Ziel Thanksgiving zu erreichen, damit dieser Spuk ein Ende hat. Zwischendurch erheiterten mich einige nette Passagen und hielten mich bei der Stange, aber das waren nicht sehr viele. Was mich daran hinderte zu überblättern, war die Sprache von Richard Ford, die von Frank Heibert gut ins Deutsche übersetzt wurde, was ich an dieser Stelle einfach mal in Unkenntnis des Originals in den Raum werfe. Sie bringt den Pessimismus von Frank und sein relativ biederes Leben (Stichwort Permanenzphase) auf den Punkt und beschreibt das (manchmal zu oft) sehr genau. Wie die Lage des Landes ist, wird immer mal wieder angerissen, besonders in den Momenten, als es um die Präsidentenwahl von 2000 geht, die damals Bush mit einem sehr kuriosen Ausgang in Florida gewann, wenn das noch einigen im Gedächtnis ist. Man hatte den Schritt ins neue Jahrtausend geschafft und war nun an einem Punkt, an dem man nicht so richtig wusste, wie es weitergehen wird. Man hatte sich auf allem ausgeruht, was in den 90ern geschaffen wurde und es waren halbwegs ruhige Zeiten, bevor es den großen Knall des 11.September 2001 gab. Das lässt Richard Ford sehr schön in das Buch einfließen und zeigt in meinen Augen sehr gut, wie um die Jahrtausendwende in Amerika (vor allem auf dem Land – die großen Städte lasse ich aus dieser Betrachtung mal außen vor) ausgesehen haben könnte, was die Menschen bewegte und in welchen eingefahrenen Wegen sich die meisten befanden.

Ohne Erwartungen an das Buch heran gegangen, erwischte ich einen schweren Brocken, was natürlich auch an der Tatsache lag, dass es ein dritter Teil zu einer Trilogie war, weshalb mir der Hauptcharakter Frank Bascombe relativ fern blieb und ich mich mit ihm nicht identifizieren konnte. Der zweite Punkt war sicher der, dass mich seine Altersprobleme relativ unberührt ließen, auch wenn sie gut beschrieben sind, aber das war einfach zu langatmig (zu viele Palaver um nichts), zu pessimistisch und irgendwie auch einen Ticken zu real. Auch wenn das dem vorhergehenden widerspricht, werte ich das Buch an dieser Stelle trotzdem als lesenswert ein. Man muss sich nur den angesprochenen Kritikpunkten gewiss sein. Ich denke mal, dass ich in dieses Werk in ein paar Jahren noch mal einen Blick werfen werde. Anderen Büchern von Richard Ford werde ich sicher noch Gelegenheit geben, sich in mein Bücherregal zu verirren, denn sprachlich hat es mich auf jeden Fall begeistert.


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