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My Favorite Things
My Favorite Things
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Coltranes Aufbruch zu neuen Ufern, 19. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: My Favorite Things (Audio CD)
"My Favorite Things" ist neben "A Love Surpreme", "Giant Steps" und der schrillen Free-Jazz-Kanonade "Ascension" zweifellos eines der funkelnden Fanale, die aus John Coltranes Oeuvre noch einmal besonders schillernd herausstechen, weil er auf dieser phänomenalen Einspielung das Sopransaxophon als Soloinstrument im Jazz etablierte und mit seinen stilprägenden Improvisationen auch Maßstäbe für nachfolgende Generationen setzte, wie man dieses Instrument im modernen Jazz richtig spielt. In gewisser Weise markiert dieses Album auch einen Wendepunkt in seinem Werdegang, da Coltrane auf dem spirituellen Titelstück erste zaghafte Versuche in der modalen Improvisationsmethode wagt, mit der er sich seit der Zeit im Miles Davis-Quintett tiefgehend auseinandersetzte, denn er improvisiert hier nicht über den Grundakkorden sondern über der Skala, wodurch sich das Gewicht von der harmonischen Spannung auf die melodischen Linien verlagert und so ganz nebenbei tränkt er mit seinen eigenwilligen Interpretationen und den dichten Texturen seiner komplexen Soli diese vier Standardnummern aus dem Jazz-Repertoire in eine extravagante exotische Färbung. Die Basis dafür bereitet Elvin Jones an den Drums, dessen polyrhythmisches Spiel wunderbar mit Coltrane harmoniert, ebenso wie der dynamische Stil von McCoy Tyner am Piano, der ganz elegant seine äußerst flüssigen Läufe auf den rhythmischen Akkorden entlang stolzieren lässt. Komplettiert wird das Quartett von Steve Davis am Bass.

Als Vorlage für das Titelstück "My Favorite Things" diente der gleichnamige Song aus dem Musical "The Sound Of Music", der im Original auf einem Walzer im schnellen Tempo und eintönigen Viertelnoten aufbaut und vermutlich wäre das Stück schon bald in Vergessenheit geraten, würde es nicht diese modale Transkription in eine morgenländische Tonalität von Coltrane geben, der in einem virtuosen, knapp 14-minütigen Schamanenritual beschwörerisch das Sopransaxophon mit dem hypnotischen Klang einer arabischen Oboe im trancehaften Zustand über dem 3/4-Takt dieses beschaulichen Walzers kreisen lässt, sodass dieses Stück täuschend ähnlich einem indischen Raga klingt, ohne dass es tatsächlich einer ist. Coltranes starke Affinität zu fernöstlichen Klängen, die sich ebenfalls auf Skalen und Modi gründen, ist im Wesentlichen auf zwei Aspekte zurückzuführen: Zum einen auf seine rastlose Suche nach neuen Ausdrucksformen, die ihn zu Ravi Shankar führen sollte, einem Sitarspieler, der bereits in den 50er Jahren zu einer Art musikalischen Mentor für ihn wurde; und zum anderen auf seine experimentellen Ansätze über die Musik eine andere Ebene des Bewusstseins zu erreichen, denn "My Favorite Things" ist eines von den klassischen Coltrane-Stücken, in denen sich der Meister beim Improvisieren im losgelösten Schwebezustand intuitiv von der Spiritualität der Töne leiten lässt. Und das Stück hat auch diese rhythmische Gleichförmigkeit, wie man sie analog aus der afrikanischen Ritualmusik kennt, was eine optimale Grundlage für Coltrane darstellt, um darauf seine Ketten aus spektakulären 4- bzw. 8-taktigen Gliedern zu knüpfen, die gegen Ende hin immer stärker im Raum expandieren werden. So richtig auskosten wird Coltrane die kraftvolle Energie dieser Improvisation aber erst in den zahlreichen Live-Auftritten. Bei seinem legendären Konzert im Village Vanguard beispielsweise spielt er sich in einen sagenhaften 26-minütigen ekstatischen Vollrausch.

Ebenso von meditativer Sinnlichkeit geprägt, ist Coltranes melancholische Improvisation von Cole Porters 32-taktiger Ballade "Everytime We Say Goodbye". Ein Stück, das mit einem samtweichen Tonfall, einem stringenten Melodiefluss und einem markanten Dur-Moll-Kontrast auskommt. Während Coltranes Solo eher einen subtilen Klang entfaltet, packt McCoy Tyner am Piano bei seinem Part etwas forscher und temperamentvoller zu.

Weitaus burschikoser und experimenteller fällt dagegen die knapp 12-minütige Interpretation von George Gershwins "Summertime" aus. Auf diesem Stück kommt wunderbar Coltranes Philosophie vom Improvisieren zum Vorschein. Bei ihm war nie der Bandleader der alleinige Star, sondern alle Mitglieder bekamen in diversen Solo-Parts zu gleichen Anteilen Verantwortung übertragen, wodurch das Quartett als symbiotische Einheit in den Vordergrund rücken sollte. Coltrane eröffnet das Stück mit einer vor Wucht strotzenden Improvisation, ehe er von McCoy Tyner mit verspieltem perkussiven Anschlag abgelöst wird, woraufhin eines dieser faszinierenden Zwiegespräche folgt, wie sie insbesondere auf Coltranes späteren Platten häufig vorzufinden sein werden. Hier interagieren Steve Davis am Bass und Elvin Jones an den Drums miteinander, wobei Steve Davis seine dunklen Töne wie perlenartige Tropfen in das Klangbild einsprenkelt, während Elvin Jones wie ein tobendes Gewitter mit urwüchsiger Energie darüber hinwegfegt. Coltrane schreitet schließlich mit dem ihm typischen scharfen, aber präzisen Ton seines Tenorsaxophons ein und führt dieses energetisch geladene Stück mit einem schneidenden Solo zu Ende. Vom Wiegenlied-Charakter von Gershwins Vorlage bleibt freilich nicht mehr viel übrig, aber dennoch ist das Stück ein idealer Ausgangspunkt für diese intensive Improvisation, weil Gershwin bereits in seiner eigenen Komposition afroamerikanische Elemente der Musik adaptiert.

Geschlossen wird das Album mit einem weiteren Gershwin-Standard, wobei Coltrane bei seinen ausschweifenden Soli lediglich das harmonische Material von "But Not For Me" als Korsett für seine Improvisation verwendet. Geschmeidig passt sich McCoy Tyner den Vorgaben des Meisters an, während Steve Davis und Elvin Jones im elysischen Einklang mit ihrem elegant verwobenen Rhythmusgeflecht die Solo-Parts ihrer kongenialen Partner unterstreichen.

Auf dieser Digipak-Edition sind der Vollständigkeit halber noch zwei Single-Versionen von "My Favorite Things" vorhanden. Nichts besonderes, nur ein paar kleine kommerzielle Soundfetzen mit einer Länge von jeweils drei Minuten, aber selbst die hätten gereicht, um John Coltrane zu einer Legende zu machen.


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