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Rezensionen verfasst von
victor_eremita (Wien)

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Warrior King [UK IMPORT]
Warrior King [UK IMPORT]

4.0 von 5 Sternen Apotheose des Kampfkunstkinos, 19. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Warrior King [UK IMPORT] (DVD)
Martial Arts Kracher der Sonderklasse mit der thailändischen Entdeckung Tony Jaa, der von vielen zum legitimen Nachfolger Bruce Lees und Jackie Chans erkoren wurde. 'Warrior King' ('Tom yum goong', 2005) ist eine Rückbesinnung auf die klassischen, physischen Qualitäten des Kampfkunstkinos und zugleich dessen Steigerung ins Extremste und Abstrakteste: Menschliche Interaktionen finden fast ausschließlich auf der Ebene der körperlichen Konfrontation statt, im Finale brechen Knochen und reißen Sehnen gar im Sekundentakt. Prachya Pinkaews Film ist Körperkino par excellence, komplett ohne CGI und Wireworks und damit ganz auf die akrobatischen Fähigkeiten seines Hauptdarstellers zugeschnitten. Wie schon in dem Erfolgshit 'Ong-Bak (2003)', der ersten Zusammenarbeit von Pinkaew und Jaa, ist die Handlung bloßer Vorwand: Eine Gangsterbande entführt zwei Elefanten aus einem thailändischen Dorf nach Sydney und der tapfere Kham (Jaa) macht sich auf, sie zurückzubringen. Unterstützt wird er dabei von der Prostituierten Pla (gespielt von der atemberaubend schönen Bongkoj Khongmalai) und dem Polizisten Mark (erneut in der Rolle des trotteligen Sidekick: Petchai Wongkamlao). Wirklich zu sich findet der Film aber nur in seinen Kampfszenen, mit denen er dann so beschäftigt ist, dass sich z. B. nicht einmal in Ansätzen eine Lovestory ausgeht. Auch die Freundschaft zwischen Kham und Mark bleibt bis zum Schluss eine bloße Behauptung. Im Gegensatz zu 'Ong-Bak', der noch stärker in klassischen Erzählmustern verhaftet bleibt, ist sich Warrior King' seiner Thesenartigkeit voll bewusst. Dieser Wille zur puren Form äußert sich einerseits in den brillanten Choreographien und atemberaubenden Stunts. Dazu ist Pinkaew aber auch um einiges stilsicherer geworden: Jede Szene hat ihren eigenen unverwechselbaren Charakter und wird auf je unterschiedlichste Weise filmisch umgesetzt. Am meisten im Gedächtnis bleibt sicher die virtuose Szene im Restaurant (fast 5 Minuten ohne Schnitt!), in der sich Jaa über mehrere Stockwerke nach oben kämpft und die sich schon jetzt ihren Platz unter den furiosesten Plansequenzen der Filmgeschichte gesichert hat. Für Genrefans unverzichtbar!

Zur DVD: Obwohl der Film auch auf Deutsch erschienen ist (als 'Revenge of the Warrior' bei e-m-s), handelt es sich dabei um eine deutlich gekürzte Fassung (allerdings hauptsächlich in 'Handlungsszenen' und nicht in Kampfszenen). Die Unsitte, asiatische Filme bei uns gekürzt auf den Markt zu bringen (wie erst kürzlich John Woos 'Red Cliff'), hat leider Tradition. Zwar wird die Geschichte durch die längere Version nicht unbedingt schlüssiger, trotzdem empfehle ich das Original, allein schon aus Prinzip. Die längere Fassung ist der hier besprochene UK-Import, der auch einige sehenswerte Extras, wie Interviews mit Darstellern, Regisseur und Stunt-Koordinator enthält.


John Carpenters The Ward
John Carpenters The Ward
DVD ~ Amber Heard
Wird angeboten von Online-Versand-Grafenau GmbH
Preis: EUR 11,39

17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nostalgisches Stück Genrekino, 1. März 2012
Rezension bezieht sich auf: John Carpenters The Ward (DVD)
John Carpenter is back! Der Anstaltsthriller "The Ward" ist nach fast zehnjähriger Absenz auch eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Ähnlich wie Regie-Altmeister Scorsese (dessen "Shutter Island" gewissermaßen das barocke Gegenstück zu "The Ward" darstellt) präsentiert uns Carpenter einen lupenreinen Genrefilm, der in seiner präzisen Erzählweise Erinnerungen an frühere Meisterwerke wie "Halloween" oder "Assault on Precinct 13" weckt.
Hätten Story und Drehbuch (Michael u. Shawn Rasmussen) gestimmt, das würdige Alterswerk wäre perfekt gewesen. So bleibt die Geschichte um eine Brandstifterin, die sich in einer Psychiatrie mit dem rachsüchtigen Geist einer ermordeten Insassin herumschlagen muss, leider stark klischeebelastet und wirkt - vor allem dank der vorgestrigen Schlusspointe - eher uninspiriert. Macht aber nichts. Das Wichtigste ist, dass sich Carpenters Regie ihre Integrität bewahrt hat. Wortkarg nimmt die Geschichte ihren Lauf, man erfährt kaum etwas über den Hintergrund der Figuren, sie werden zu reinen Trägern der immer mehr an Fahrt aufnehmenden Handlung. Unglaublich wie Carpenter es immer noch meisterhaft versteht, den filmischen Raum zu erkunden, den begrenzten Schauplatz (der Film spielt fast ausschließlich im Psychiatriegebäude) maximal auszunutzen: Treppenhäuser, leere Gänge, Aufzugsschächte etc. erfüllen alle im Laufe der Handlung eine gewisse Funktion. Personal und Dekor sind auf ein Minimum reduziert, fast schon wie im Kammerspiel. Daraus beziehen so viele Filme des Puristen Carpenter ihre Kraft: Eine Gruppe von Menschen kann einen bestimmten Ort nicht verlassen (etwa die Polizeiwache in "Assault" oder die Polarstation in "The Thing") und muss mit einer tödlichen Bedrohung fertig werden. Im Falle von "The Ward" wird die Protagonistin Kristen (Amber Heard) zusammen mit einigen Mitinsassinnen in einen Trakt gesperrt, in dem ein mordender Geist sein Unwesen treibt. Übergeordnete, ordnungsstiftende Instanzen (in diesem Fall: zwei Pfleger und ein Arzt) sind - auch dies typisch für Carpenter - seltsam unterrepräsentiert. Schade, dass vieles davon am Ende erklärt und die wirksamen Reduktionen im Nachhinein gerechtfertigt werden.
Die Schauspieler leisten durchwegs gute Arbeit, allen voran die umwerfende Amber Heard: Nach "All the boys love Mandy Lane" spielt sie hier eine weitere Hauptrolle in einem Horrorfilm, die sie mit feinen Nuancen und ohne übertriebenes Gekreische meistert.

Auch wenn "The Ward" als aktueller Horrorthriller daherkommt, wirkt er seltsam anachronistisch. Das fängt damit an, dass der Film in den 60er Jahren spielt (besonders deutlich wird das in der wunderbaren Tanzszene, die einen für ein paar Momente das düstere Ambiente vergessen lässt). Der Film macht außerdem von vielen Elementen Gebrauch, die man sich eigentlich gar nicht mehr ironiefrei einzusetzen traut: die Anklänge an klassische Gruselfilme, den Gothic-Horror (bei Nacht gibt es ständig Gewitter) sowie den traditionellen Slasher-Film (ein Genre, das Carpenter mit "Halloween" selbst begründet hat) sind längst passé. Auch das Sound-Design wirkt irgendwie antiquiert (angefangen bei der Titelmelodie bis hin zur akustischen Unterstützung der Schockmomente). Dem Film ist es hoch anzurechnen, dass er trotzdem nie ins Lächerliche abdriftet und es schafft eine stimmige Atmosphäre zu etablieren. Abseits von postmodernem Zitatkino ist Carpenters "The Ward" eine fast schon nostalgische Rückbesinnung auf ein klassisches Genrekino, das in Zeiten von dominierenden Blockbuster-Spektakeln und Special-Effects-Overkill immer wichtiger wird.


The Ward [DVD]
The Ward [DVD]
Wird angeboten von nagiry
Preis: EUR 5,87

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nostalgisches Stück Genrekino, 7. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Ward [DVD] (DVD)
John Carpenter is back! Der Anstaltsthriller "The Ward" ist nach fast zehnjähriger Absenz auch eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Ähnlich wie Regie-Altmeister Scorsese (dessen "Shutter Island" gewissermaßen das barocke Gegenstück zu "The Ward" darstellt) präsentiert uns Carpenter einen lupenreinen Genrefilm, der in seiner präzisen Erzählweise Erinnerungen an frühere Meisterwerke wie "Halloween" oder "Assault on Precinct 13" weckt.
Hätten Story und Drehbuch (Michael u. Shawn Rasmussen) gestimmt, das würdige Alterswerk wäre perfekt gewesen. So bleibt die Geschichte um eine Brandstifterin, die sich in einer Psychiatrie mit dem rachsüchtigen Geist einer ermordeten Insassin herumschlagen muss, leider stark klischeebelastet und wirkt - vor allem dank der vorgestrigen Schlusspointe - eher uninspiriert. Macht aber nichts. Das Wichtigste ist, dass sich Carpenters Regie ihre Integrität bewahrt hat. Wortkarg nimmt die Geschichte ihren Lauf, man erfährt kaum etwas über den Hintergrund der Figuren, sie werden zu reinen Trägern der immer mehr an Fahrt aufnehmenden Handlung. Unglaublich wie Carpenter es immer noch meisterhaft versteht, den filmischen Raum zu erkunden, den begrenzten Schauplatz (der Film spielt fast ausschließlich im Psychiatriegebäude) maximal auszunutzen: Treppenhäuser, leere Gänge, Aufzugsschächte etc. erfüllen alle im Laufe der Handlung eine gewisse Funktion. Personal und Dekor sind auf ein Minimum reduziert, fast schon wie im Kammerspiel. Daraus beziehen so viele Filme des Puristen Carpenter ihre Kraft: Eine Gruppe von Menschen kann einen bestimmten Ort nicht verlassen (etwa die Polizeiwache in "Assault" oder die Polarstation in "The Thing") und muss mit einer tödlichen Bedrohung fertig werden. Im Falle von "The Ward" wird die Protagonistin Kristen (Amber Heard) zusammen mit einigen Mitinsassinnen in einen Trakt gesperrt, in dem ein mordender Geist sein Unwesen treibt. Übergeordnete, ordnungsstiftende Instanzen (in diesem Fall: zwei Pfleger und ein Arzt) sind - auch dies typisch für Carpenter - seltsam unterrepräsentiert. Schade, dass vieles davon am Ende erklärt und die wirksamen Reduktionen im Nachhinein gerechtfertigt werden.
Die Schauspieler leisten durchwegs gute Arbeit, allen voran die umwerfende Amber Heard: Nach "All the boys love Mandy Lane" spielt sie hier eine weitere Hauptrolle in einem Horrorfilm, die sie mit feinen Nuancen und ohne übertriebenes Gekreische meistert.

Auch wenn "The Ward" als aktueller Horrorthriller daherkommt, wirkt er seltsam anachronistisch. Das fängt damit an, dass der Film in den 60er Jahren spielt (besonders deutlich wird das in der wunderbaren Tanzszene, die einen für ein paar Momente das düstere Ambiente vergessen lässt). Der Film macht außerdem von vielen Elementen Gebrauch, die man sich eigentlich gar nicht mehr ironiefrei einzusetzen traut: die Anklänge an klassische Gruselfilme, den Gothic-Horror (bei Nacht gibt es ständig Gewitter) sowie den traditionellen Slasher-Film (ein Genre, das Carpenter mit "Halloween" selbst begründet hat) sind längst passé. Auch das Sound-Design wirkt irgendwie antiquiert (angefangen bei der Titelmelodie bis hin zur akustischen Unterstützung der Schockmomente). Dem Film ist es hoch anzurechnen, dass er trotzdem nie ins Lächerliche abdriftet und es schafft eine stimmige Atmosphäre zu etablieren. Abseits von postmodernem Zitatkino ist Carpenters "The Ward" eine fast schon nostalgische Rückbesinnung auf ein klassisches Genrekino, das in Zeiten von dominierenden Blockbuster-Spektakeln und Special-Effects-Overkill immer wichtiger wird.


Godard's King Lear [IT Import]
Godard's King Lear [IT Import]
DVD ~ Burgess Meredith
Wird angeboten von DaaVeeDee-DEU
Preis: EUR 25,98

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Attacke eines heiteren Nihilisten, 12. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Godard's King Lear [IT Import] (DVD)
Jean-Luc Godards "King Lear" ist weniger ein Film als eine Versuchsanordnung. Fragmente von Geschichten, die sich überlagern, ergänzen, auflösen. Wie kaum ein anderes Werk von Godard, stellt dieser den Film als Medium aber auch das Prozedere der Produktion, der Veröffentlichung und der Rezeption radikal infrage. Immer wieder scheint er sich zu verlieren, Zwischentitel wie "No thing" oder "Nothing" sind beständige Fluchtpunkte. Und doch heißt es weitermachen. So wie Edgar (Leos Carax) gegen Ende einen wild durcheinander gebrachten Filmstreifen sorgsam wieder aufrollt.

Es gibt mehrere Ebenen, aber keine davon ist annähernd fertig ausgeführt, nur lose Enden, die in einem bunt zusammen gewürfelten "Szenenhaufen" einander begegnen. Eine davon: die desaströse Entstehungsgeschichte, die innerhalb des Films reflektiert wird. Zu Beginn hören wir ein Telefongespräch, in dem der Produzent Menahem Golan von "Cannon Films" Godard dazu drängt, seinen Lear noch rechtzeitig vor den Festspielen von Cannes fertig zu stellen. Das ursprüngliche Konzept sah ein Drehbuch von Norman Mailer vor, der auch selbst die Rolle des King Lear übernommen hätte. Das kam dann aufgrund von Differenzen mit Godard nicht zustande, und das einzige, was von dieser Ursprungsidee übrig blieb, ist die Eröffnungsszene, in der Norman Mailer seiner Tochter Kate das Drehbuch zeigt: eine Adaption von "King Lear" als Mafiavariante "Don Learo". Godard kommentiert in einem zweiten Durchlauf sarkastisch aus dem Off, wie der "Great Writer" in einem Anfall von "star behavior" das Set verlässt.
Die Premiere in Cannes 1987 war ein Desaster und fiel bei Publikum und Kritik durch. Interessant ist, dass "King Lear" im Vergleich zu anderen späten Godard-Filmen relativ zahm bleibt: die Zitierwut ist nicht allzu exzessiv, die Tonüberlagerungen und Zwischentitel halten sich in Grenzen, das Personal ist überschaubar. Die Reaktionen der Kritiker waren in ihrer Ablehnung dafür umso heftiger: einige warfen Godard sogar vor, Shakespeares Stück nie gelesen zu haben.
Wer eine werkgetreue Umsetzung von "King Lear" erwartet, ist hier allerdings fehl am Platze. Was die Kritiker so aus der Fassung brachte, ist diese totale Inkohärenz, die scheinbar willkürlich zusammengestellte Montage und das Fehlen einer einheitlichen "Handlung", was für Godards Spätwerk aber nur allzu charakteristisch ist. Vergleicht man "King Lear" mit späteren Meisterwerken wie etwa den "Histoire(s) de Cinama" oder "Nouvelle Vague", so muss man einsehen, dass hier das Fassungsvermögen der Zuseher noch auf ganz andere Art auf die Probe gestellt wird.

In "King Lear" begleiten wir William Shakespeare Jr. the Fifth (Peter Sellars), der nach einem allgemeinen kulturellen Gedächtnisverlust in der Folge von Tschernobyl, versucht, die Werke seines berühmten Vorfahren neu zu entdecken. Dabei trifft er auf Don Learo (Burgess Meredith) und seine Tochter Cordelia (Molly Ringwald), zwei Figuren aus Shakespeares Stück. Auch hier muss der Vater mit der Zurückweisung seiner Tochter, die er am meisten liebt, hadern (Spätestens hier werden alle Vorwürfe, Godard kenne das Stück gar nicht, entkräftet.). Godard beschreibt hier aber weniger eine Geschichte (etwa die von Lear), sondern reiht verschiedene Situationen und Gedanken aneinander: "King Lear" ist eine Attacke auf das Kino, eine philosophische Meditation über Kunst, ein politisches Statement. Mittendrin Godard selbst als "Professor Pluggy", ein heiterer, Zigarre rauchender Guru mit einer Art Kabelperücke auf dem Kopf, der Shakespeare Jr. the Fifth Vorträge über das Verhältnis von Bild, Wort und Realität hält. Am Schluss gesellt sich noch Woody Allen als "Mr. Alien" zu dem illustren Ensemble.

Trotz dem extrem wirren Eindruck, den "King Lear" nach erstmaligem Sehen zweifelsohne hinterlässt, gibt es diese wunderbar poetischen Momente, die Godards spätes Kino auszeichnen: die Rückwärtsabspulung der Bewegung einer Hand beim Blütenauszupfen, das Kreischen der Seemöwen oder die von Molly Ringwald wunderbar vorgetragenen Shakespeare-Originalpassagen - das alles vermischt sich zu einem wehmütigen Abgesang an das Kino, wie wir es kennen.

"King Lear" ist eines von Godards unzugänglichsten Werken, das selbst unter eingefleischten Godard-Jüngern nahezu unbekannt ist (Umso überraschender, dass der Film auf DVD erschienen ist - mit italienischer und englischer Tonspur bzw. Untertiteln). Ein Film, der immer wieder Gefahr zu laufen scheint, sich im Nichts zu verlieren. "Nothing", Cordelias Antwort auf die Frage ihres Vaters, ist wahrscheinlich die beste Beschreibung von "King Lear". Was bleibt? Ein nihilistischer, kaum "konsumierbarer" Geniestreich.


Barry Lyndon
Barry Lyndon
DVD ~ Ryan O'Neal
Wird angeboten von Filmnoir
Preis: EUR 16,90

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufstieg und Fall eines Opportunisten, 11. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Barry Lyndon (DVD)
Ein Gemälde. Unübertroffen in seiner barocken Übertreibung, farblichen Pracht und Stilisierung. Schelmenstück und Tragödie zugleich, pendelnd zwischen edler Erhabenheit und ironischer Distanz. Erzählt wird die Geschichte von Redmond Barry, einem irischen Landadeligen des 18. Jahrhunderts, der einen angesehenen Platz in der Gesellschaft sucht. Ein Simplicissimus und absurder Held, dem durch die Wirren des Siebenjährigen Krieges jede Art romantischer Vorstellungen brutal genommen und dessen Entwicklung zum Spieler, Betrüger, Hochstapler und Opportunisten gezeigt wird. Einer der Höhepunkte in Kubricks Kunstkino: die Verführung der Countess von Lyndon. Ein Spieltisch, Kerzenschein, verstohlene Blicke. Die Kamera gleitet hinaus, ein Ballett der Anziehung untermalt vom Andante aus Schuberts Es-Dur Trio, der Kulminationspunkt: ein Kuss. Der zweite Akt dann eine Chronik des Niedergangs. Der gegen sein Schicksal Ankämpfende wird trotz seiner Fehler zum Menschen. Ob tragischer Held oder nicht spielt letztendlich keine Rolle, nimmt man den Epilog ernst.


Carmen kehrt heim (OmU)
Carmen kehrt heim (OmU)
DVD ~ Keisuke Kinoshita
Preis: EUR 18,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schrille Komödie mit kritischen Untertönen, 10. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Carmen kehrt heim (OmU) (DVD)
Japanische Komödien und Musicals sind bei uns nahezu unbekannt. Zu unrecht, wie sich an der äußerst lobenswerten DVD-Veröffentlichung von "Carmen kehrt heim" (1951), Japans erstem Farbfilm, zeigt. Zugegeben, einiges ist da gewöhnungsbedürftig. Spätestens wenn zwei Mädchen in schrillen Outfits singend über die Weide tanzen, merkt man, dass hier andere Sehgewohnheiten am Werk sind. Und dennoch: Keisuke Kinoshitas Film ist ein ambitionierter, sehenswerter und unterhaltsamer Streifen mit durchaus kritischen und tragikomischen Untertönen.
Die junge Kin hat gegen den Willen des Vaters ihr Heimatdorf am Fuße des Asama Vulkans verlassen. Nun kehrt sie für einige Tage zusammen mit einer Freundin zurück. Mittlerweile hat sie sich als Stripteasetänzerin "Carmen" in Tokio einen Namen gemacht und sorgt in dem kleinen Dorf für gehörigen Aufruhr.
Kinoshita kontrastiert dabei gekonnt die grellen, bunten Kleider der beiden Mädchen mit der natürlichen Schönheit der Landschaft und weist so auf die Kluft zwischen der ländlichen Bevölkerung und dem Stadtleben hin. Es finden sich auch einige versteckte Reflexionen über Kunst bzw. Kunstbetrieb: So ist der einzige echte Künstler im Dorf ein blinder Komponist, der in Geldnöten steckt und seine Orgel verkaufen musste, während die auffallend- aufreizenden Neuankömmlinge als große Künstlerinnen gefeiert werden. Da wittert auch ein angehender Hotelbesitzer seine Chance. Durch diese und andere Details gelingt Kinoshita ein überraschend hellsichtiger und kritischer Kommentar an der modernen Nachkriegsgesellschaft, die sich zunehmend weiter entfremdet. In erster Linie ist "Carmen kehrt heim" aber eine schrille Komödie, eine Mischung aus Musical und Heimatfilm, schräg, witzig und charmant.

Zur DVD: Bedenkt man das Alter des Films wirken die Farben erstaunlich kräftig, die Bildqualität ist in Ordnung. Dennoch dürfte das Ausgangsmaster nicht von besonders guter Qualität gewesen sein, was sich vor allem an der dürftigen Tonqualität zeigt. Das ist schade, vor allem bei einem Film, der seinen Reiz aus den schrägen Tanz- und Musikszenen bezieht. Dennoch großes Lob an "poly film" diesen Film in der fantastischen Reihe "Japanische Meisterregisseure" herausgebracht zu haben.


Die zweigeteilte Frau
Die zweigeteilte Frau
DVD ~ Ludivine Sagnier
Wird angeboten von Online-Versand-Grafenau GmbH
Preis: EUR 9,59

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Chabrol auf bekanntem Terrain, 9. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Die zweigeteilte Frau (DVD)
Ein weiterer zynischer Blick hinter die Fassade des französischen Bürgertums. Chabrol macht seit einigen Jahren das, was er am besten kann: er seziert eine kranke Gesellschaft und führt seinem Publikum die banale wie alltägliche Qualität des Bösen vor Augen.
Ein Beginn - blutrot eingefärbte Landschaften, dazu Puccini, geben den Tragik versprechenden Ton vor. Eine Frau zwischen zwei Männern: die blonde Gabrielle (Ludivine Sagnier), Wetterfee eines Fernsehsenders, engelhaft, unschuldig lässt sich mit dem deutlich älteren Erfolgsautor Saint-Denis (François Berléand) ein, dessen sexuellen Jagdinstinkt auch ein langjähriges Eheleben nicht ermüden konnte.
Hörigkeit, Unterwerfung, Sex. Das geht so lange gut bis eine dritte Person das Chabrolsche Schlachtfeld betritt: der junge labil-nervöse Millionenerbe Paul (Benoît Magimel). Die menage a trois ist komplett. Ursache, Wirkung - ein Netz aus Obsession, Tod und Verrat entspinnt sich...

Selten für Chabrols Spätwerk: ein Film mit soviel Biss und schwarzem Humor, gipfelnd in Szenen hysterischer und doch subtiler Übersteigerungen, nicht zuletzt dank glänzender Dialogpassagen und hingebungsvoll agierender Darsteller. Chabrol führt uns wieder einmal echtes französisches Qualitätskino vor, er spielt regelrecht mit Archetypen des französischen Films. François Berléand als Bonvivant vom Schlage eines Noiret, Serrault oder Piccoli überzeugt ebenso wie Ludivine Sagnier als blonde Unschuld und Benoît Magimel als großspuriger Schwächling. Chabrol schafft es diese repräsentativ etablierten Figuren von einem Augenblick zum nächsten zu relativieren, z. B. wenn er Gabrielle kontrastierend zu ihrem "reinen" Wesen in engem Pfauenkostüm niederträchtig auf dem Boden kriechen lässt - Ausdruck einer bourgeoisen Perversion.
Poetisch das Ende: nach Vorführung eines Zaubertricks, bei dem die Bedeutung des Titels zu tragen kommt, steht Gabrielle im Rampenlicht, strahlt übers ganze Gesicht und empfängt die Welt nach all dem Übel wieder mit offenen Armen...


Antichrist - Special Edition [2 DVDs]
Antichrist - Special Edition [2 DVDs]
DVD ~ Charlotte Gainsbourg
Wird angeboten von Topbilliger
Preis: EUR 10,66

28 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Die Natur als Satans Kirche, 9. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Antichrist - Special Edition [2 DVDs] (DVD)
Zumindest eines dürfte der Regieexzentriker Lars von Trier geschafft haben: die Aufmerksamkeit, die man seinem Film "Antichrist" gewidmet hat, hätte größer kaum sein können. Auf der Croisette war er neben Tarantinos "Inglourious Basterds" der meist diskutierte Film. Radikale Gewalt- und Sexszenen gemischt mit Aussagen des Regisseurs, bei "Antichrist" würde es sich um seinen wichtigsten und persönlichsten Film handeln, vermehrten nur das Interesse. Die einen halten ihn für ein Meisterwerk, die anderen für das Produkt eines Scharlatans, wieder andere attestieren ihm Frauenfeindlichkeit. Die Diskussionen hatten sich über zahlreiche Internet-Blogs auch auf das deutschsprachige Feuilleton ausgeweitet: Namhafte Autoren wie Daniel Kehlmann (in der Zeit) oder Elfriede Jelinek (im Magazin Cargo) haben dazu Stellung genommen. Was steckt letztendlich hinter dem Film?

Der Prolog: ein doppelter Sündenfall. Ein namenloses Paar (Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe) hat leidenschaftlichen Sex unter der Dusche, während der kleine Sohn das Bett verlässt, aus dem Fenster stürzt und stirbt. Eine unglaublich kunstvoll gestaltete Szene - ein schwarzweißes Todesballett, in dem die Montage zwischen dem kopulierenden Ehepaar und dem engelsgleich zu Tode stürzenden Kind von Händels Arie "lascia ch'o pianga" untermalt wird. Zentrale (religiöse) Motive des Films werden bereits hier etabliert: Die zerstörerische Kraft der Sexualität, die Umkehrung der Schöpfung, die Natur des Menschen als Schlachtfeld. "Antichrist" ist des Weiteren in vier Kapitel unterteilt: "Trauer", "Schmerz", "Verzweiflung" und "Die drei Bettler". Die Trauer und Schuldgefühle kann die Frau nicht überwinden. Ihr Mann, Therapeut, glaubt an die wissenschaftliche Rationalität und will sie selbst heilen. Das Paar zieht sich in einen einsamen Wald zurück, der nicht umsonst "Eden" heißt. Ein wahres Alptraumszenario nimmt seinen Lauf, in dem sich die Frau selbst als Verkörperung des absolut Bösen herausstellt.

Trier vollzieht mit seinem Film einen Paradigmenwechsel. Jedes "Dogma" hat offenbar irgendwann sein Ende. Keine wacklige Handkamera mehr und keine selbst auferlegten Keuschheitsgelübte. Und wo landet er? - beim Genrefilm. In erster Linie ist "Antichrist" ein brillant inszenierter, eng im Rahmen bleibender Horrorfilm, der aber - und das ist eines der Hauptprobleme des Films - als ambitioniertes Autorenkino daherkommt. Das Unbehagen, das den Zuschauer von Beginn an beschleicht, wird anhand surrealer Szenen, die den Menschen mit der Natur konfrontieren (immer wieder treten Tiere in Erscheinung: Fuchs, Rabe, Reh) virtuos gesteigert und kulminiert in grauenhaften, unnötigen Verstümmelungen (z. B. die Großaufnahme, in der sich die Frau mit einer Schere die Klitoris herausschneidet), die man nicht so leicht aus dem Gedächtnis kriegt.
Die nervende christlich-, religiöse Metaphorik nimmt dem Film schließlich jede Vielschichtigkeit, die er so krampfhaft versucht aufzubauen. Selbst wenn man den Film als Kammerspiel liest, in der ein Paar über die Trauer eines schmerzlichen Verlusts hinwegkommen will, stößt man sich an den Satan- und Hexenallegorien. Alle Zeichen und Fährten, von denen es nicht gerade wenig gibt, verlaufen irgendwie im Sand. Am Ende wird der Film dann auch noch großspurig Andreij Tarkowskij gewidmet.
Natürlich drängt sich so mancher Vergleich auf. Ja, die Waldaufnahmen erinnern teilweise verdächtig an "Der Spiegel" (1975). Ja, auch bei Bergman wimmelt es vor religiösen Motiven. Ja, die Stimmung ist manchmal ähnlich intensiv wie in Roegs "Don't Look Now" (Wenn die Gondeln Trauer tragen, 1973). Was dem Film aber entscheidend fehlt, ist etwas, was ich hier vorsichtig "Wahrhaftigkeit" nennen will (An den Schauspielern liegt das am Allerwenigsten: Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe sind beeindruckend in ihren Rollen).
Dass der Regisseur beim Dreh seine Depressionen, von denen er häufig spricht, verarbeiten wollte, will man ihm schon glauben. Es drängt sich aber leider auch die Vermutung auf, dass hier ein Scharlatan und Blender am Werke ist, dem "Skandale" eigentlich nur recht sind.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 15, 2010 4:18 PM MEST


The Limits of Control
The Limits of Control
DVD ~ Bill Murray
Preis: EUR 7,99

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beliebige Realität: Jim Jarmuschs dadaistisches Cineastenpuzzle, 9. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: The Limits of Control (DVD)
Es gibt sie also doch noch, die Filme, die nach neuen Formen und Welten suchen! "Limits of Control", der neueste Streich von Amerikas Vorzeige- Independentfilmer Jim Jarmusch ist ein Beispiel dafür.
Der Anti-Plot ist schnell erzählt: Ein einsamer, wortkarger Fremder (Isaach De Bankolé) wird auf eine mysteriöse Reise durch Spanien geschickt. Auftrag und Ziel bleiben im Dunkeln. Unterwegs trifft er auf nicht minder mysteriöse Gestalten (Tilda Swinton, John Hurt, Gael Garcia Bernal u.a. tummeln sich in Kleinrollen), die ihm Vorträge über Kunst, Kino oder Moleküle halten. Zwei Tassen Espresso werden jeweils bestellt, von denen eine vom Reisenden dazu verwendet wird, einen kleinen Zettel mit Zahlen hinunterzuschlucken.
Eingefangen wird die Reise von Wong Kar-Wais Stammkameramann Christopher Doyle, der die spanischen Schauplätze (Straßen, Cafes, Wüste) in poetisch ruhige Einstellungen taucht.
Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto mehr scheinen sich die Bilder vom Geschehen zu lösen. Wenn der wortkarge Protagonist am Schluss seinem "Widersacher" (Bill Murray) gegenübersteht, hat der Film sich längst in einer Meditation über Realität, Abbild und Kunst verloren. Keine Handlung wird erkennbar, vielmehr schwelgt Jarmusch in zahlreichen "filmischen Archetypen": der stumme Outlaw, die schöne Blonde, der Cowboy, Gangster, Musiker, Spion. Dass das Ganze auf keinen eindeutig dechiffrierbaren "Sinn" hinausläuft, fällt weiter nicht ins Gewicht, vielmehr sollte man sich diesem hervorragenden Spiel von Wiederholungen und Rekursionen aussetzen. "Realität ist beliebig" bekommt der Einsame einmal zu hören, ein Motto, das gut für den ganzen Film Pate stehen könnte. Es gibt eben keine Regeln, oder: "No Limits, no Control", wie es nach dem Abspann heißt.
Wem das zu kryptisch, sinnlos oder langweilig ist, bitte sehr. Nach ein paar Minuten habe ich alle Einwände vergessen und genieße diesen großartigen Film.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 18, 2015 9:04 PM MEST


Candy [DVD]
Candy [DVD]

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sex-Farce aus dem Geiste Carrolls und Voltaires, 4. Juli 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Candy [DVD] (DVD)
Ein Film, bereit für eine Wiederentdeckung. Eine knallbunte Persiflage, die so wirkt, als hätte sich Barbarella in einen exzessiven Traum von Alejandro Jodorowsky verirrt. Gedreht 1968, trotz beachtlichem Staraufgebot (immerhin: Richard Burton, Ringo Starr, James Coburn, Marlon Brando, Walther Matthau, John Huston, Charles Aznavour u.a.) damals ein Flop. Das mag verwundern, scheint er doch aus heutiger Sicht perfekt in seine Zeit zu passen. Wäre da nicht Terry Southerns ("Dr. Strangelove") anarchische Romanvorlage ...
Schon von Beginn an herrscht eine entrückte Atmosphäre: psychedelische Klänge begleiten eine die Tiefe des Weltalls durchforschende Kamera nur um sich dann als Traum der Protagonistin zu entpuppen: Candy (Ewa Aulin), naiv- blondes Highschool-Girl und Titelgebende Heldin hat schon von Anfang an eher den Charakter eines sexuellen Phantasmas als einer realen Person. In den folgenden zwei Stunden stolpert sie von einer aberwitzigen Episode in die nächste und stößt dabei auf die schillernden Figuren, die den Charme des Films ausmachen. Da wäre einmal der sich selbst inszenierende Poet (Richard Burton), der mexikanische Gärtner (Ringo Starr) oder der in einem LKW hausende Guru (Marlon Brando). Aber auf wen sie auch trifft, alle wollen Candy letztendlich an die Wäsche, teilweise mit den abenteuerlichsten Begründungen - so appelliert etwa der herrsche General (Walter Matthau) an ihren Patriotismus, der Guru verspricht ihr hingegen die Erleuchtung u.s.w. Zu den irrwitzigsten Abschnitten des Films gehören wahrscheinlich die Szenen im Krankenhaus, in denen sich ein Arzt (James Coburn) bei der öffentlichen "Vorführung" einer Operation (zu der das Publikum in Abendrobe erscheint) wie ein Filmstar feiern lässt. Da darf dann natürlich eine "After-Operation-Party", bei der dem Arzt Gelegenheit bleibt, Candy ausführlich zu "untersuchen", nicht fehlen.

Auf den ersten Blick scheint "Candy" vor allem aufgrund einer gewissen 68er Nostalgie heutige Zuseher anlocken zu können. Dafür sorgen die halluzinatorische Atmosphäre, der stimmungsvolle Soundtrack (The Byrds, Steppenwolf) und die zahlreichen Cameo-Auftritte damaliger Prominenter (Ringo Starr, Sugar Ray Robinson, Anita Pallenberg u.a.). Es steckt aber durchaus auch kritisches Potential in dem Film. "Candy" ist eine brillante Sex-Farce, eine Parodie pornographischer Erzählmuster aus dem Geiste Carrolls und Voltaires (die Nähe von "Candy" zu "Candide" ist augenfällig). Dabei verirrt sich Candy als eine Art Alice im (psychedelischen) Wunderland zusehends in immer surrealer wirkenden Situationen und entlarvt mit ihrem Erscheinen die Nichtigkeit hochgestochener Ideale. Einerseits werden die "alten" Werte - verkörpert etwa durch ihren Vater (John Astin), der für Candy Erzieher, Lehrer und Aufseher zugleich ist - über den Haufen geworfen: Schon in der ersten Hälfte des Films wird er quasi unschädlich gemacht und im weiteren Verlauf zu einer Art Maschine reduziert, die (Achtung Spoiler!) sarkastischer Weise Candy am Ende ihre größte sexuelle Erfüllung verschafft. Aber auch die revolutionären Verkünder neuer Ideale wie z. B. der Dichter oder der Guru kommen nicht gut weg. Vor Candy lassen sie ihre Masken fallen und entblößen ihre triebgesteuerte Natur. Insofern ist die blonde Nymphe Candy eine Projektionsfläche, die als halbnackter Engel herabsteigt, um der männlich dominierten Ordnung den Spiegel vorzuhalten. Trotz dieser Irrealität der Figur (die durch Anfang und Ende des Films betont wird), spielt die damals 17-jährige Ewa Aulin Candy zutiefst menschlich und macht durch ihre Gesten und Blicke aus ihrer Rolle einen natürlichen Charakter. Ganz im Gegenteil ihre männlichen Partner (Marlon Brandos herrliches Overacting muss man gesehen haben!): sie wirken bewusst wie Karikaturen.
Fazit: "Candy" ist komisch, ironisch, chaotisch und steckt voller bizarrer Symbole und Episoden. Eine gekonnte Mischung aus erotischem Märchen und absurder Komödie irgendwo zwischen Avantgarde und Kitsch. Der surreale Bilderreigen ist durchaus diskussionswürdig. Eine Wiederentdeckung lohnt sich!

Zur DVD: Für einen doch schon etwas älteren Film präsentiert sich die DVD von cinema club in ausgezeichneter Bild- und mäßiger Tonqualität. Nur englische Tonspur, keine Untertitel und außer dem Trailer keine Extras.


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