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Rezensionen verfasst von
Andreas Penselin (Nürnberg)

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Kosmos Himmelsjahr 2014: Sonne, Mond und Sterne im Jahreslauf
Kosmos Himmelsjahr 2014: Sonne, Mond und Sterne im Jahreslauf
von Hans-Ulrich Keller
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einfach genial, 8. Dezember 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Ich kaufe jedes Jahr die neue Ausgabe dieses atsronomischen Klassikers. Ich habe als blutiger Anfänger der Hobby-Astronomie unglaublich viel daraus gelernt. Aber auch jetzt noch bietet das Buch jeden Monat wichtige aktuelle Informationen für mich in klarer und übersichtlicher Form. Die Monatsthemen schaffen es immer wieder selbst komplizierte Themen spannend und gut verständlich darzustellen. Das Buch ist für mich zu einem unverzichtbaren Begleiter durch das astronomische Jahr geworden.


Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern
Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern
von Richard David Precht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Precht ignoriert Schüler mit Behinderungen, 1. Oktober 2013
Das Wesentliche an Kritik und Zustimmung wurde bereits von anderen formuliert. Insbesondere Herrn Prof. Burows Kritik stimme ich uneingeschränkt zu.
Daher sei nur noch aus persönlicher Sicht auf zwei spezielle Aspekte hingewiesen.

Der Rezensent ist Vater eines Sohnes mit einer Behinderung sowie Sonderschullehrer. Zusammen mit anderen Eltern haben wir in Bayern eine Initiative zum gemeinsamen Lernen von Schülern mit und ohne Behinderung gegründet, die gegen erhebliche Widerstände in der bayerischen Bildungspolitik und Schulverwaltung den gemeinsamem Unterricht für Schüler mit und ohne Behinderungen bis weit in die Hauptschulstufe hinein erreichen konnte. Hierfür waren Gepräche bis ins Kultusministerium sowie Petitionen an den Landtag erforderlich. Erwähnt wird dies lediglich um zu verdeutlichen, dass dem Rezensenten mangelnde Kritikfähigkeit am deutschen Schulsystem kaum vorzuwerfen ist.

Vor Ort allerdings haben wir fast immer Unterstützung bei Lehrkräften und Schulleitern gefunden. Wir verdanken vor allem ihnen sehr viel. Meine eigenen Klassen unterrichte ich seit über 20 Jahren nicht an der Sonderschule sondern als Außenklasse an verschiedenen Grundschulen. Auch dort bin ich stets auf große Offenheit zur Zusammenarbeit gestoßen.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist zweierlei an Herrn Prechts Buch wirklich ärgerlich. Erstens spricht er stets vom dreigliedrigen Schulsystem, das in Wahrheit ein mindestens viergliedriges ist. Sonderschulen sowie Schüler mit Behinderungen existieren für ihn in seiner Analyse des bestehenden Schulsystems nicht – und das trotz der aktuellen Diskussionen um die Inklusion. Alles, was er an Revolutionen des schulischen Unterrichts vom Schreibtisch aus fordert – weil es die gegenüber jeglicher Veränderung angeblich so resistenten Lehrer verweigern - wird von all denen bereits praktiziert, die in ihrem Grundschul-Klassenzimmer neben einem späteren Gymnasiasten einen oder mehrere Schüler mit Behinderungen oder Teilleistungsstörungen unterrichten. Dies ist nur mit erheblichen zusätzlichen Anstrengungen in Sachen innerer Differenzierung, projektorientiertem Unterricht, sowie Freier Arbeit möglich. Und es erfordert letztendlich eine Bereitschaft des gesamten Kollegium neue Wege mit zu gehen.

Precht vergiftet aber zweitens durch seine immer wieder überzogene und oberflächliche Lehrerschelte die Atmosphäre im Bemühen für mehr Freiraum der Lehrer sowie adäquate Rahmenbedingungen. Er schürt und stachelt teils völlig unnötig die Ablehnug derer an, die es noch zu gewinnen gälte. Ich kann nur bewundern, mit wie viel Engagement und Mut zu unkonventionellen Unterrichtsformen Grundschullehrer auch in Bayern sich bemühen einer Schülerschaft gerecht zu werden, bei denen die Schere immer weiter auseinander geht zwischen idealen Lernvoraussetzungen einerseits und erheblichen Einschränkungen sowie schwierigen häuslichen Verhältnissen andererseits. Dies lediglich abzutun mit dem Argument schwierige Schüler habe es schon immer gegeben, ist ignorant gegenüber einer wirklich beunruhigenden Zunahme an massiven Teilleistungsauffälligkeiten im Bereich der sinnlichen Wahrnehmung, der motorischen Steuerung und dessen, was man grob mit sprachlich gelenkter Handlungsplanung sowie anhaltender gedanklicher Fokussierung umschreiben könnte. Und dies betrifft wohlgemerkt nicht etwa die Situation in den Sonderschulen sondern vor allem die in den Grundschulen. Dies müsste uns auch als Störung des täglichen Lebens in unserer Gesellschaft sowie deren offensichtlich pathogenen Einflüssen ernsthaft beunruhigen und zu Gegenmaßnahmen wach rütteln.

Jene Grundschullehrkräfte praktizieren also bereits in erhebliche Ausmaß Inklusion ohne die hierfür zwingend erforderlichen Rahmenbedingungen bereitgestellt zu bekommen: kleinere Klassen und Sonderschullehrer als Zweitlehrer vor Ort und als Bestandteil des Grundschulkollegiums - um nach den aktuellen Erfordernissen aller Schüler vor Ort einsetzbar zu sein. Herrn Prechts arrogantes Urteil über einen Unterricht, den er selbst nur ungenügend kennengelernt haben kann, ist in meinen Augen stellenweise blanker Zynismus gegenüber zahlreichen Lehrkräften, die mit hohem Engagement bis an den Rand ihrer Kräfte tagtäglich hervorragenden Unterricht ganz im Stillen, in den vier Wänden ihres Klassenzimmers halten. Sie schreiben keine Bücher über schulische Revolutionen, aber sie sind der eigentliche Motor dafür, dass sie stattfinden könnte, wenn denn die schulische Bürokratie und Bildungspolitik ihre Verweigerungshaltung endlich aufgeben würde. Wenn man hier wirklich etwas bewegen will, sollte man sich sehr genau überlegen, mit welcher Kritik man sich an wen wendet, statt blindlings auf alle Beteiligten verbal einzudreschen.

„Auf den Lehrer kommt es an! ....Aber es gibt noch immer zu wenige gute Lehrer...... weil sie nicht so ganz wissen, was ein guter Lehrer eigentlich sein soll.“ Aber Precht weiß es. Er weiß auch, wie dumm die PISA-Studien sind. Aber dass die dummen Schüler in Schweden durch die besten Lehrer ruck-zuck die besten Schüler wurden, misst er an den Ergebnissen in Mathetests. Und die Befähigung zum Lehrberuf will er gar in Castings überprüfen lassen. Deutschland sucht den Superstar-Lehrer? Wer darf da mitsuchen und nach welchen Kriterien? Wer bestimmt, ob jemand andere begeistern kann? Gibt es dafür objektive Maßstäbe? Oder darf das subjektiv von Leuten wie Precht entschieden werden? Der von Precht so gerne zitierte G. Picht hat einmal geschrieben: Bildung ist, wenn man weiß, was man sagt.

Precht prügelt verbal auf die Lehrer ein, statt sich mit den vielen veränderungsbereiten zu solidarisieren, um gemeinsam die Revolutionen in der Organisation von Schule in Gang zu bringen, die in der Tat so dringend notwendig wären. Er schürt die Ablehnung nicht nur der Lehrer, statt Unterstützung zu befördern. Als Pädagoge versagt er selbst - gemessen an den Ansprüchen, die er an andere stellt – dabei, die Bereitschaft und die Fähigkeit für Neues zu wecken und für einen Einsatz in diese Richtung zu begeistern, statt ein Umdenken durch Druck und Beschimpfungen zu erzwingen.

Lenin soll gesagt haben, wenn in Deutschland die Revolution auf dem Bahnhof stattfinde, kaufe sich der deutsche Revolutionär zunächst eine Bahnsteigkarte. Eine Revolution lauthals als von anderen durchzuführen einzufordern, befördert sie nicht zwangsläufig. Die arrogante Geste, sie mit mangelnder Kenntnis und Sensibilität für die aktuelle Lage auszurufen, kann beitragen, sie zu behindern.


Mendelssohn Paulus Herreweghe
Mendelssohn Paulus Herreweghe

5.0 von 5 Sternen Klar und berührend, 18. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Mendelssohn Paulus Herreweghe (Audio CD)
So wie der Elias eine fast neutestamentarische Interpretation der Geschichte dieses für Juden, Christen und Moslems gleichermaßen bedeutenden Propheten liefert und weniger einen Gott des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sondern einen der Barmherzigkeit hervorhebt („...und reut ihn bald der Strafe“ sowie das berühmte „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“), so könnte man im Paulus eine stellenweise jüdisch gefärbte Interpretation des christlichen Apostel sehen. Der Choral „O Jesu Christe, wahres Licht“ beginnt – eingeleitet durch ein Klarinetten-Solo – eher wie ein jiddisches Lied und wandelt sich kaum merklich über ein Gesangsquartett mit dem Einsatz des Chores zu einem wirklichen Choral – ohne den jüdischen Beiklang gänzlich zu verlieren. Die Herkunft der Christen von den Juden sowie das Fortbestehen der jüdischen Wurzeln im Christentum sind hier musikalisch ausgedrückt. Gleichzeitig durchzieht diesen Choral eine überirdische Ruhe, die in der Neuzeit vor Mendelssohn vielleicht nur Bach und Beethoven in Tönen auszudrücken vermocht haben. Gleiches mag für den Gegensatz zur unmittelbar zuvor erklungenen Dramatik des Mordkomplottes gegen Paulus („Ist das nicht der zu Jerusalem verstörte alle ... Weg mit ihm“) gelten. Man kann in Mendelssohn nicht nur den Wiederentdecker Bachs sehen, der die alten Formen der Fuge sowie des Oratorium mit den neuen Ausdrucksmitteln der Romantik wiederbelebt hat, sondern auch eine menschliche Brücke zwischen Juden- und Christentum, die uns noch heute im Streit der religiösen Fanatiker sowohl im Nahen und Mittleren Osten wie in der westlichen Welt viel zu sagen hätte. Es ist für mich atemberaubend, mit welcher Klarheit Herreweghe beides herausarbeitet: die Dramatik des irdischen Geschehens sowie die alle Religionen verbindende Hoffnung auf eine rational nicht erfassbare Geborgenheit des einzelnen Leben im Unendlichen.


Johannes-Passion (Gesamtaufnahme)
Johannes-Passion (Gesamtaufnahme)
Preis: EUR 8,97

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klarheit der musikalischen Aussagen Bachs, 3. Juni 2011
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Johannes-Passion (Gesamtaufnahme) (Audio CD)
Es wurde immer wieder behauptet, die Wahl der Tempi bei den Bachschen Passionen sei eben -Geschmackssache-. Ich versuche, dem mit einem begründeten Plädoyer für gemäßigte Tempi, wie sie in dieser Einspielung auch von Rotzsch gewählt wurden, zu widersprechen. Es ist keine Frage, dass ein Gardiner beispielsweise bei Turba-Chören durch schnelle Tempi einen sehr dramatischen Effekt erzielt. Ich behaupte aber, dass er andererseits damit wesentliche Strukturen verdeckt, die durch langsamere Tempi -wie beispielsweise bei Herreweghe in der Matthäus-Passion und insbesondere hier bei Rotzsch in der Johannes-Passion- viel klarer hörbar werden. Und sie sind für ein Erfassen der Bachschen Aussagen von entscheidender Bedeutung.

Dies sei an dem Turba-Chor der Johannes-Passion "Lasset uns den nicht zerteilen" exemplarisch aufgezeigt. Es geht um den Rock Jesu, den die Kriegsknechte beschließen im Gegensatz zu den übrigen Kleidungsstücken nicht zu teilen. Bereits beim erstmaligen Hören fällt die für einen einzigen Text-Satz ungewöhnliche Länge des Stückes auf. An zwei Stellen erwartet der Hörer bereits das sichere Ende - und dennoch fließt die Musik weiter, so als wenn sie kein Ende finden könne. Hier ist die Unendlichkeit mit musikalischen Mitteln hörbar gemacht worden. Die beiden Übergänge gliedern das Ganze in drei Abschnitte, die aber gerade nicht als einzelne Teile mit einer klaren Grenze trennbar wären, sondern ineinanderfließen, miteinander "durch und durch" verwoben sind wie der einteilige Rock Jesu - im Gegensatz zu dem teilenden Macht- und Besitzstreben der Kriegsknechte. Der Rock -wie das Musikstück- sind wie ein Gleichnis der Dreieinigkeit, zugleich aber auch der Unteilbarkeit des Lebens. Darin liegt die eigentliche Tiefe der Bachschen Musik sogar über ihre christliche Botschaft im engeren Sinne hinaus. Schaut man sich nun die Sing- und Instrumentalstimmen genauer an, so fallen wiederum drei nahtlos ineinander übergehende Themen auf: Erstens eine fast tänzerische 16-tel Bewegung als Steigerung einer vorherigen auf der Stelle eines einzigen Tones verharrenden 8-tel-Folge, zweitens eine von einem 8-tel abspringende Bewegung in 4-tel-Synkopen, sowie drittens eine die Taktzeiten stattdessen wieder klar betonende 4-tel Bewegung. Jede Stimme enthält ineinanderübergehend diese drei Formen. Sie erklingen aber auch gleichzeitig in den verschiedenen Stimmen. Hier drückt also jede einzelne Stimme wie eine leibnizsche Monade zugleich das Ganze aus. Es wird für den Hörer fast ununterscheidbar, ob es überhaupt einzelne Stimmen oder nur ein Ganzes gibt - so wie auch in der Monadologie eines Leibniz offen bleibt, ob es unendlich viele oder nur eine einzige Monade gibt. Man könnte daher sagen: das Übel beginnt in der Welt mit dem Teilen und Zählen. Die Vertonung all dessen lebt aber von der dynamischen Spannung der trotz ihrer Gleichzeitigkeit auch widersprüchlichen, gegeneinander spielenden drei musikalischen Formen. Auch darin zeigt sich eine über das Konzept der christlichen Dreieinigkeit weit hinausreichenden Tiefe der Bachschen Musik. Diese aber wird zerstört, wenn man das Tempo so flott anzieht, dass die 16-tel-Bewegung zu einer in ihrer tonalen Bewegung nicht mehr genau hörbaren, hektischen Bewegung verkommt und die feinen Strukturen in einem auf die gröberen Taktzeiten reduzierten, unruhigen Staccato verschwinden. In diesem Sinne gehen bei Gardiner die eigentlichen Aussagen Bachs zugunsten eines viel oberflächlicheren, dramatischen Stimmengewirr unter. Bei ihm konzentriert sich alles auf die Ebene der psychischen Verfasstheit der Kriegsknechte - der Dramatik ihres Handelns. Ich kenne keine Aufnahme, die dagegen diese Unteilbarkeit des Lebens derart plastisch und ergreifend hörbar macht wie diejenige von Rotzsch. Allem anderen, was positiv über diese Aufnahme gesagt wurde (herausragend Peter Schreier als Evangelist, usw.) kann ich nur zustimmen. Es braucht an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt zu werden.


Gehirnforschung für Kinder - Felix und Feline entdecken das Gehirn
Gehirnforschung für Kinder - Felix und Feline entdecken das Gehirn
von Gerald Hüther
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,95

78 von 109 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Hirnmythologie für Kinder, 8. März 2009
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Um es gleich vorneweg zu sagen: Ich würde das Buch niemals einem Kind zu lesen geben - auch wenn es mit viel Liebe und Sorgfalt hinsichtlich der verständlichen Formulierungen sowie der sehr ansprechenden Zeichnungen gestaltet ist - sogar gerade deswegen nicht. Der Grund ist ganz einfach: Es verführt bereits Kinder dazu, die naiven Schlussfolgerungen sowie die sehr fragwürdigen Thesen einiger weniger, aber sehr öffentlichlkeitswirksamer Hirnforscher - der Heidelberger Psychiater T. Fuchs nennt sie "Hirnmythologen"- kritiklos zu übernehmen. Und für das zweifellos Richtige, dass in diesem Buch zu finden ist: z.B. dass der Mensch sich nur als soziales Wesen entwickelt, dass Kinder Liebe brauchen, dass Lernen nicht über Angst und Druck, sondern spontane Motivation und aktives, selbstentdeckendes Lernen am nachhaltigsten gelingt - dafür bräuchte es keine Begründung mittels Hirnforschung. Das weiß jeder gute Pädagoge und Erzieher und erlebt es in seiner täglichen Praxis - wenn nicht, wird ihn auch die Hirnforschung nicht davon überzeugen können. Überhaupt: Warum versuchen uns diese Hirnforscher mit Büchern zu belehren, obwohl sie selber die These vertreten, unser Denken und Handeln sei ohnehin nur marginal kognitiv steuerbar - oder in ihrer Sprache: unser Präfrontalcortex unterliege der Macht des Limbischen Systems? Zumindest was die Wirksamkeit ihrer eigenen Reden und Schriften anbelangt, scheinen sie sich selbst nicht wirklich konsequent zu glauben.
Von vielen möglichen Beispielen des Buches sei nur eines kurz angeführt. Gleich auf Seite 6 ist zu lesen: "Und wenn wir denken, denkt eine Zwiebel". Genau das stimmt eben nicht. Ein Gehirn kann nicht denken, nur ein Organismus. Ein Gehirn entwickelt sich auch nicht wie eine Zwiebel, aus der allein heraus die gesamte Pflanze entsteht. Beim Gehirn aber ist es anders herum: Aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich über Zelldifferenzierung eine Nervensystem, aus diesem ein zentrales und innerhalb dessen überhaupt erst ein Gehirn als hochspezialisiertes Organ. Es kann überhaupt nur beitragen zu dem, was wir Denken nennen, sofern es vom Körper versorgt wird. Es steuert also nicht nur den Körper, sondern unterliegt auch selbst -gerade in der Art und Weise seiner Leistungen- dessen Einflüssen. Das Gehirn ist also gerade nicht die ganze Zwiebel, sondern lediglich ein Organ eingebunden in einen Gesamtorganismus und seine Umwelt. Wollte man dieses Bild überhaupt verwenden, dann wäre die Zwiebel unser Leib und das Gehirn lediglich eine ihrer innersten Schalen. Denken ist von Beginn an nicht die isolierte Funktion lediglich eines Teilorgans sondern eine sich entwickelnde Leistung dieses Gesamtorganismus. Wir denken nicht nur mit unserem Gehirn, sondern auch mit unserem Herzen und unseren Muskeln. Nicht umsonst sprechen wir davon, etwas zu begreifen. Dies wäre bei anderen Neurologen wie K. Goldstein, V. v. Weizsäcker oder A. Damasio detailliert und wissenschaftlich begründet nachzulesen.
Und nebenbei bemerkt: Die unter jenen Hirnforschern so beliebte verfälschende Simplifizierung: "Nicht wir, sondern unser Gehirn denkt und entscheidet." setzt ganz naiv und unkritisch einen cartesischen Dualismus, nämlich den Unterschied von "Ich" und "Gehirn" voraus, auf dessen Grundlage allein eine solche entscheidbare Alternative überhaupt nur formulierbar wäre. Diese Grundlage neuzeitlich-abendländischen Denkens, die jene vorgeben so radikal in Frage zu stellen, setzen sie tatsächlich für ihre eigene Argumentation voraus. Da wäre man fast versucht an den berühmten Physiologen Du Bois-Reymond zu erinnern, der im 19. Jahrhundert auf die These eines Kollegen, das Gehirn produziere das Bewusstsein, wie die Niere den Urin, geantwortet haben soll: "Wenn man Sie so hört Herr Kollege, könnte man fast meinen, Sie hätten recht." Und das wäre nicht nur ein böser Scherz. Alle diese Thesen funktionieren nur so lange, so lange sie nicht auf diejenigen selbst bezogen werden, die sie entdeckt zu haben glauben. Dann nämlich fallen alle diese per definitionem eigenen Hirngespinste in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Innerhalb einer dialektischen Leib-Seele-Konzeption würde sich eine solche Alternative nach der entscheidenden Ursache unseres Bewusstseins gar nicht als sinnvoll entscheidbare Alternative stellen: weder unter erkenntnistheoretischem noch unter wissenschaftlichem Aspekt.
Das alles verdeutlicht die gefährlich verfälschenden Simplifizierungen, die in diesem Buch Kindern raffiniert untergeschoben werden. Es zählt zu den Absurditäten in der Argumentation jener Hirnmythologen, dass zunächst dem Menschen alle möglichen Leistungen abgesprochen werden, um sie anschließend einem seiner Organe als Teilfunktionen wieder zuzusprechen. Charakteristisch hierfür sind Sätze - wie sie auch in dem Buch ständig auftauchen: "Meine Zwiebel im Kopf denkt." (S.11) Oder: "Jetzt hat mein Gehirn einen Purzelbaum geschlagen, so hat es sich beim Lachen gefreut." (S.10) Das ist alles andere als wissenschaftlich begründet - es ist pure Hirnmythologie. Und sie kommt in genau dem besserwisserisch belehrenden Unterton daher, den die Autoren ihrerseits einer erheblichen Anzahl an Eltern, Erzieher und Lehrern unterstellen.
Abschließend sei dem erwachsenen Leser stattdessen eine alternative Lektüre empfohlen. Wer sich gründlich in die durchaus bedenkenswerte These des Buchs von Hüther/ Michels einlesen möchte - dass das Gehirn nur als soziales Organ arbeitet - dem sei das neueste Buch jenes Heidelberger Psychiaters T. Fuchs empfohlen. In ihm werden die sowohl wissenschaftlich als auch erkenntnistheoretisch entscheidenden Argumente inhaltlich präzise entwickelt. Der Titel lautet: "Das Gehirn - ein Beziehungsorgan". Dieses Buch sollte wirklich jeder gelesen haben, der sich für das angesprochene Thema ernsthaft interessiert. Dann wird er auch Kindern bessere Anregungen bieten können, wie man sich die Leistungen dieses erstaunlichen Organs in einem nicht weniger erstaunlichen Organismus am ehesten vorstellen kann.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 1, 2012 11:52 AM MEST


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