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Rezensionen verfasst von
kloy

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Hart auf hart: Roman
Hart auf hart: Roman
von T.C. Boyle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Perfekte Konstruktion ohne Identifikationspotential, 16. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Hart auf hart: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die meisten Besprechungen beschäftigen sich, und das nicht nur bei diesem Roman oder bei Boyle generell, mit den Themen, die angepackt werden. Also dem Inhalt. Ich verzichte deshalb auf die Inhaltsangabe. Der eine oder die andere äußert sich vielleicht auch mal zum Stil. Ich bin ein Verfechter der Einheit von Inhalt und Form.

TC Boyle ist ein Meister der Form. Es ist unglaublich, wie geschickt er seine Charaktere konzipiert, ein jeder Charakterzug, jedes noch so kleine Erlebnis wird in den Gesamtzusammenhang des Romans gestellt. Das gilt umso mehr für das Zusammenspiel der Figuren in dem dramatischen Geschehen, in dem sie, einmal so angelegt, schicksalhaft und gewissermaßen ausweglos gefangen sind. Wichtig deshalb auch, dass der Roman aus den Perspektiven der Hauptakteure erzählt wird, Sten, Adam, sein Sohn, und Sara, Adams Geliebte. Dazu ein historischer Rekurs auf den Waldläufer und Trapper John Colter, den Adam verehrt und mit dem er sich identifiziert.

TC Boyle ist aber auch dafür bekannt, dass er heiße Themn anpackt. Form perfekt, Inhalt brisant. Warum ist die Lektüre dennoch nicht wirklich befriedigend? Weil etwas fehlt, mit dem ich mich als Leser identifizieren kann. Für mich war die Lektüre der Originalversion leider wenig unterhaltsam; es hat mir über weite Strecken keinen Spaß gemacht, den Roman zu lesen. Ich weiß, dass es solche Typen gibt und es bringt mir keinen Erkenntnisgewinn, ihnen in ihrer abstrusen Gedankenwelt zu folgen. Da ist keine Figur, mit der ich mich hätte identifizieren können. Was mich am Ende versöhnt hat, war die wirklich spannende Verfolgungsjagd zum Schluss.


Die dunkle Seite der Lust: Vier Fallgeschichten
Die dunkle Seite der Lust: Vier Fallgeschichten
von Daniel Bergner
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jenseits der Norm aber natürlich?, 10. April 2015
Bergners Buch ist verwirrend und erhellend zugleich. Er stellt in vier Kapiteln Fallbeispiele vor oder anders ausgedrückt: Schicksale. Menschen, die an Paraphilien leiden, also sexuell abweichendem Verhalten: Kinderschänder, Sado, Maso, Fetischisten etc.

Zunächst zu seinem Stil. Der ist erzählerisch, nicht journalistisch, nicht populär-wissenschaftlich, aber auch nicht literarisch im Sinne von fiktiv.
Dennoch erfährt man auch eine Menge Fakten, bekommt Information. Abgesehen von der Schilderung der Schicksale auf eine anschauliche und einfühlsame Art und Weise, erfährt man genauso viel über die Therapeuten und ihre Therapien, und weiterhin über ihre Schicksale und ihre Motivation, sich mit diesen Verirrungen und den Verirrten zu beschäftigen. Sehr interessant ist vor allem sein viertes Kapitel, in dem er eine Frau, die durch einen Unfall beide Beine verloren hat, einen erfolgreichen Modefotografen, der nur Frauen ohne Beine lieben kann und Hans Bellmer (1902 - 1975), der seinen mit seinen deformierten Puppenkörpern und seiner Beziehung zu Unica Zürn als Künstler häufig zu den Surrealisten gezählt wird, miteinander verknüpft. Das ist nicht nur dramaturgisch höchst überzeugend sondern in gewisser Weise auch auf der metaphorischen Ebene.

Ja, es ist am Ende die Frage, was ist gut und was ist böse. Ist der Mensch gut oder böse? Wer entscheidet, was gut und was böse ist und: Wer stellt überhaupt die Frage? Und muss diese Frage durch die Zeiten und Gesellschaften hindurch nicht immer wieder anders gestellt und auch anders beantwortet werden? Bergner urteilt, richtet nicht. Man erfährt eine Menge Dinge, die man sonst sicher nur über intensives Studium erfahren würde. Sex war bis zum 19. Jahrhundert in den meisten Gesellschaften etwa ab dem zehnten Lebensjahr erlaubt, auch mit Älteren. Es dürfte bekannt sein, dass es immer noch Gesellschaften gibt, in denen Mädchen in diesem Alter "verheiratet" werden. Da hilft auch die aufgeklärteste Empörung nichts.

Interessant auch die Frage, ob die, womöglich schon pränatale, sexuelle Prägung im dafür vorgesehenen Zeitfenster, endgültig ist. Und ob man beispielsweise von Geburt an homosexuell ist. Bergner führt eine Ethnie an, in der es üblich ist, dass die heranwachsenden Jungmänner sich gegenseitig oral befriedigen. Jeder Mann in diesem Volk macht also eine solche (aktive und passive) Phase der Gleichgeschlechtlichkeit durch, bevor er dazu autorisiert ist, mit dem gleichen Vergnügen, Kinder zu zeugen.

Das Buch war für mich stellenweise nur mit Schmerzen zu lesen, aber es lohnt sich, den Schmerz auszuhalten (ohne das Gefühl haben zu müssen, paraphil zu sein).


No Pier Pressure (Deluxe Edition)
No Pier Pressure (Deluxe Edition)
Preis: EUR 18,50

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen No Peer Pressure, 3. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: No Pier Pressure (Deluxe Edition) (Audio CD)
So kann man den Titel auch verstehen. Und Brian hat eine Menge Leute eingeladen, ob die alle unter der Kategorie "Peers" rangieren, ist eine andere Frage. Aber diese Mischung aus Brian, Beach Boys (wie sie heute klingen könnten) und eben jenen Musikern und Musikerinnen, die eingeladen waren, ist ganz sicher mehr und besser als man erwarten durfte. Relaxed und sehr schön arrangiert, alles, was man sich von Brian Wilson erhoffen darf. Thanks a lot, Brian!


Fortpflanzung nach Tagesform: Roman
Fortpflanzung nach Tagesform: Roman
von Katinka Buddenkotte
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Schlechte Tagesform, 28. März 2015
Romane haben für mich zwei Möglichkeiten, unterhaltsam zu sein: Ein interessanter Plot oder eine interessante Sprache („interessant“ ist als Platzhalter zu verstehen für die jeweils einzusetzenden Adjektive). Besonders gelungene Romane zeichnen sich dadurch aus, dass beides, Sprache und Plot, hoch interessant sind.

Der Plot in „Fortpflanzung nach Tagesform“ hat Potenzial. Eine Pärchen, eigentlich ganz glücklich, eigentlich ganz gut zueinander passend, kommt zu der Erkenntnis, schon in den Dreißigern, eigentlich könnten wir doch ein Kind haben. So weit, so gut, aber es klappt nicht mit dem Kinderkriegen und schon wird es kompliziert. Das Potenzial liegt hier also in einer Art „romantic comedy“, weil sich das Pärchen nach der Krise mit all ihren Katastrophen wieder glücklich vereint. Das funktioniert nur, wenn das Personal drum herum genügend Potenz für Verwirrung und Verführung sorgt. Auch das ist vorhanden. Nach rund 200 Seiten ist aber das Potenzial des Plots und des Personals aufgebraucht und die Geschichte schleppt sich ohne Höhepunkt über die letzten 40, 50 Seiten.

Warum komme ich außerdem zu dem Schluss, dass der Roman für mich nicht funktioniert? Weil die Ich-Erzählerin Maike unglaublich geschwätzig ist und einfach kein Ende findet. Dauernd versucht sie cool zu sein, originell und möglichst komisch zu formulieren, was Buddenkotte aber nicht immer hinbekommt. Und auf die Dauer ist dieser Ton schwer zu ertragen.

Zwei Zitate: „Meine Jeans liegt auf dem Boden, ich selbst auf dem Küchentisch. Und es ist großartig.“ Das ist die einzige tatsächliche Darstellung dieser Aktion, Liebe, um die es ja auch geht, wenn man Kinder haben will, ansonsten wird nur darüber palavert. Es geht mir nicht darum, mehr solche „Stellen“ und diese möglichst anschaulich vorgesetzt zu bekommen, aber es fällt auf, dass selbst banalste Details mit üppigster Bildhaftigkeit ausgestattet werden, die nicht immer wirklich stimmig ist. Maike sieht fern: „Der smarte Mann hat sich Gesellschaft gesucht, ein zartes Stück Kindfrau, das malerisch auf ein Hotelbett gegossen wurde, vertraut dem Helden an (…).“ Aha, ein Stück Frau wurde gegossen.

Es ist eigentlich nicht Aufgabe eines Rezensenten Empfehlungen zu geben, aber ich glaube, dem Roman hätte etwas mehr Distanz in der Erzählperspektive enorm gut getan; also eine Erzählweise in der Dritten Person oder vielleicht mal ein Perspektivwechsel auf die anderen Charaktere. Ich bin mir aber auch bewusst, dass die Schmerzgrenze zwischen lockerem Plaudern und nervigem Geplapper individuell sehr unterschiedlich gezogen wird. Bei mir ist sie jedenfalls etwas zu häufig überschritten. Ganz im Gegensatz zum Roman "Betreutes Trinken".


Der Liebesidiot: Roman
Der Liebesidiot: Roman
von Hajo Steinert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine neue und wohlkingende Stimme, 17. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Liebesidiot: Roman (Gebundene Ausgabe)
Hajo Steinerts Roman-Erstling liest sich gut, richtig gut, obwohl der Held kein strahlender ist, trägt er doch oft genug gezwungenermaßen Korsett und Herrenwindel.

Auf zwei Handlungsebenen entwickelt sich das Drama um den Liebesidioten Sigmund Seiler. Die eine Ebene ist dessen Aufenthalt in der Siegerland-Klinik zur Rehabilitation nach seinem Bandscheibenvorfall. Hier hält er wöchentlich seine Lesestunde ab, die zweite Ebene. Sie umfasst einen knappen Tag vom Essen in der Kantine, wo er seiner Simonetta Vespucci, bekannt von dem Gemälde Botticellis, begegnet, sie den ganzen Tag nicht nur in Gedanken verfolgt, sondern bis vor ihre Haustür, wo sich statt des erhofften Liebesabenteuers der Unfall ereignet, der ihn zunächst ins Krankenhaus, dann in die Klinik bringt. In die zweite Erzählebene hinein sind Rückblenden in Seilers bisheriges Leben mit eingebaut.

Steinert, Jahrgang 1952, lässt vor allem die Fünfziger und Sechziger des letzten Jahrhunderts Revue passieren und das so anschaulich, wie sie selbst den meisten Jüngeren mittlerweile aus Film und Fernsehen bekannt sein dürften. Steinert verfügt über erhebliches erzählerisches Können, das er auf diesen Ebenen zu Klingen bringt, er wechselt sogar zum Ende hin von der ersten zur dritten Person.

Zum Gelingen des Romans trägt unbedingt auch die Tatsache bei, dass sich Sigmund als professioneller Sprecher bei seiner Liebespirsch nicht nur auf seinen optischen sondern vor allem auf den akustischen Sinn kapriziert.

Nicht nur der Titel „Der Liebesidiot“ (vergl. Henscheids „Die Vollidioten“) hat mich an eben jenen Henscheid und seine wunderbaren Romane erinnert. Nein, auch die Sprache ist herrlich der Aura des tragisch-komischen Liebeskranken angepasst.
Unbedingt lesenswert!


Lieber Mr. Salinger
Lieber Mr. Salinger
von Joanna Rakoff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Coming of Age – Zweiter Teil, 9. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Lieber Mr. Salinger (Gebundene Ausgabe)
Coming of age, also der Übergang von der Jugend und Pubertät zum Erwachsenalter ist ein Lieblingsthema der amerikanischen Regisseure und Autoren. Neben all den unsäglichen Klamotten gibt es aber auch ernsthafte Herangehensweisen wie in "American Graffiti" oder auch "The Graduate" (Die Reifeprüfung). Unter den Romanen sticht natürlich Salingers "Catcher in the Rye" (Der Fänger im Roggen) hervor. Das Thema hat sehr viel mit Verlust zu tun, Verlust der jugendlichen Unbekümmertheit, Verlust oft genug der Freunde und der Heimat.

Joanna Rakoffs coming of age liegt etwa zehn Jahre später, bedeutet also den Übergang ins wirkliche Erwachsenleben mit Kindern beispielweise. Und im letzten Kapitel des Romans "Lieber Mr. Salinger" hat die Protagonistin Kinder, und die Zeit, in der der Roman spielt, liegt längst hinter ihr. Bezeichnend, dass sie den Fänger erst dann liest, nachdem sie Salinger persönlich begegnet und sie längst aus dem Alter Holden Caulfields, des Protagonisten, heraus ist. Und seitdem liest sie jedes Jahr nicht nur den Fänger, sondern den gesamten Salinger. Salinger ist, obwohl viele ihn dafür halten, kein one-hit-man, aber sein literarisches Lebenswerk ist überschaubar.

Der Roman "Lieber Mr. Salinger" ist wirklich sehr klug gebaut und spielt sich vor dem Hintergrund des New Yorks der Neunziger Jahre in einer Literatur-Agentur ab. Joanna ist immer noch überwiegend von Jugend-, College- oder Universitätsfreunden umgeben. Alle voller Hoffnung auf eine Karriere oder Heirat. Die Agentur scheint ein wenig aus der Zeit gefallen und öffnet sich nur widerstrebend dem aufziehenden Computerzeitalter. Joanna hofft selbst auf eine literarische Karriere, muss aber in der Agentur zunächst nur Briefe tippen. Standardbriefe an Salinger-Fans. Hier lernt Joanna, wie sehr Literatur und Leben zusammenhängen. Erst nachdem sie sich mit all der Fan-Post auseinander gesetzt hat, und zwar weit intensiver als es ihr Job verlangt, ist sie bereit, den gesamten Salinger zu lesen, zu begreifen und in ihrem eigenen Leben voranzukommen.

Ein großartiger Roman, in der Tat.


Bleeding Edge
Bleeding Edge
von Thomas Pynchon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,68

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sometimes hard to follow but always easy to enjoy, 11. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Bleeding Edge (Gebundene Ausgabe)
As a native speaker of German I do not get all of the NYC slang idioms but I do get those in Yiddish. So I guess some of the native American readers sometimes get lost as well, so many characters, so much goin on. But still, every chapter, every paragraph and almost every sentence is just a pleasure to read. Again and again there were moments of pure enlightenment for me. Pynchon's style is so unique and intriguing that I think the reader's immediately entangled with Maxine's state of mind which often enough is confusion. Technically spoken it is a 3rd person narrative and main character's (Maxine) point of view. But: Pynchon has a way of telling things that dissolves the borders between author, character, and reader. And these three plus the novel itself become an integer unity. An open reader enters into a new kind of existence. It is in a way psychology, yes it is.
Great read indeed.


Plankton: Ein kollektives Gedächtnis
Plankton: Ein kollektives Gedächtnis
von Simone Neteler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,99

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Das Geraune der Menschen am Feuer", 29. März 2014
Es ist verständlich, dass sich die Rezeption und Diskussion zum „Echolot“ hauptsächlich um den Inhalt drehte, also darum, was Menschen während des Zweiten Weltkriegs erlebt und erlitten haben. Darüber kann man nur schwer eine Würdigung im Sinne kritischer Literaturanalyse schreiben. Kritische Äußerungen zur Form würden, zwar zu Unrecht, aber dennoch so ausgelegt, als kritisiere man die Erlebnisse der Menschen in der Nazizeit. Geht also gar nicht.

Beim „Plankton“ verhält sich das anders. Hier nützt es gar nichts, wenn man einzelne Zitate brächte, um dieses oder jenes zu belegen oder zu widerlegen. Denn die Einlassungen all der Menschen unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Herkunft, mit all den daraus sich ergebenden Implikationen, in einzelnen Zitaten zu verdeutlichen, wird dem Ganzen nicht gerecht. Auch wenn man die extremsten Äußerungen auf die Fragen Kempowskis auflistete, man hätte immer noch nicht das, was dieses Buch ausmacht. Nämlich gerade die Vielfalt und die scheinbare Beliebigkeit.

Es fängt an mit: „Studentin, * 1970 – Prominenz I Costa Cordalis habe ich gesehen. Da war ich aber noch jünger, sieben oder acht. Das war entsetzlich.“ Und endet so: „Student, * 1981 – Schlager I >> Aicha, Aicha, écoute-moi …<< Dann geht’s arabisch weiter.“ Nach dem Geburtsdatum findet man das jeweilige Stichwort zur Frage.

Und damit muss man über die Konzeption dieses Projekts sprechen. Kempowski hat verschiedenen Menschen verschiedene Fragen gestellt und die Antworten werden auf über 800 Seiten aufgelistet. Damit sind wir auch bei der Frage der Autoren- also Urheberschaft. Und bei einem Kunstkonzept eines Warhol, jeder ein Star für fünf Minuten, oder Beuys, jeder ist ein Künstler. Und damit sind wir bei der Kernfrage von Kunst und Künstler. Literatur und Literat. Wo hört Fremdes auf und wo fängt Eigenes an? Einen verschlüsselten Hinweis geben womöglich die Fotos. Zumeist ältere Aufnahmen von Gruppenansammlungen vor baulicher Kulisse. Der Kopf einer Person ist eingekreist und als Vergrößerung noch einmal eingeblendet. In der Masse wirkt das Gesicht einigermaßen scharf, in der Vergrößerung wird es undeutlich. Kempowski selbst ordnet seine drei zusammenhängenden Werke so ein: „Plankton = Schneekristalle – Echolot = verschneite Landschaft – Chronik = Schneemänner.“

Ich will die Frage „ist das Literatur?“ nicht beantworten. Sie ist ohnehin müßig. Aber das Buch ist eine sehr gute Gelegenheit, sich dieser Frage zu stellen. Lohnt sich die Lektüre? Ich denke schon. Es ist eine andere Art Zapping (als „Bloomsday 97“), über einen sehr langen Zeitraum und gelenkt durch die Fragen und die ordnende Hand eines Autors. Und da die Zeit außerhalb des Buches nicht stillsteht, wird das „Plankton“ zu einem Dokument sich ständig wandelnder Bedeutung. Konsequent nur, dass die Möglichkeit besteht, eigenes Plankton online dazu zufügen und sich so eine individuelle Print-on-Demand Version ausdrucken zu können.

Kempowski: „Es ist so, als ob mit <Echolot>/ und schließlich mit die Literatur an eine Grenze gerät, von der aus oder an der sie umkehrt, zurückkehrt zum Geraune der Menschen am Feuer.“ Menschliche Gespräche vor allem in Gruppen entwickeln sich häufig assoziativ, so dass man sich hinterher fragt, wie sind wir eigentlich von dem Thema auf dieses gekommen und von jenem ausgerechnet darauf? Diesen assoziativen Faden im Plankton zu finden, ist die Herausforderung an jeden Leser.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 2, 2014 6:20 PM MEST


Der Tod steht ihr gut
Der Tod steht ihr gut
DVD ~ Meryl Streep
Preis: EUR 3,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bester Unterrichtsstoff, 12. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Tod steht ihr gut (DVD)
Der Film ist von 1992, ja, aber gerade für Jugendliche im Schulalter bestens geeignet, um ein Thema wie ewige Schönheit und Jugend anschaulich einzuführen. Ich unterrichte Englisch und meine Schüler sind zwischen 16 und Mitte 20.
Ich habe eine Unterrichtsreihe entwickelt, die den Film zur Grundlage hat. Der Film wirft so viele Fragen auf, die beackert werden können. Was ist mit Schönheitsoperationen, Kosmetika und all den anderen Jungmachern und -haltern? Was wäre, wenn wir alle ewig lebten? Wie sähe dann die Welt aus?
Der Film ist dennoch sehr lustig (auch heute noch) und hat schöne Effekte.


Der goldene Schwarm: Roman
Der goldene Schwarm: Roman
von Nick Harkaway
  Broschiert
Preis: EUR 19,99

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Englische Rasanz = deutsche Behäbigkeit?, 12. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Der goldene Schwarm: Roman (Broschiert)
„Ein rasanter Genremix aus Spionageroman, Abenteuergeschichte und Gangsterkomödie, wie er nur aus England kommen kann.“ Die begeisterten Besprechungen, seien sie von The Independent, The Observer oder The Guardian ("Waghalsig und wunderbar erfindungsreich. Auf jeder Seite neue Ideen, schwungvoll und ungeheuer humorvoll erzählt."), sie haben alle den gleichen Tenor und liegen auch durchaus richtig.

Das Problem ist, dass sich britische Rasanz (oder auch Understatement, Humor) nicht ins Deutsche übersetzen lässt. Der Roman braucht mehr als 50 Seiten, um zum Thema zu kommen. Und Harkaway, ein Sohn von John le Carré, schreibt sehr britisch, eine Überfülle von Metaphern und Vergleichen und jedes und alles verdient eine originelle Darstellung:

„Selbst heute, da die dreißig nur noch in seinem Rückspiegel sichtbar ist und ihm von der nächsten Straßenecke bereits die vierzig düster entgegenblickt; nun, da seine Haut von den Lötverbrennungen und den Schnitten und Schürfungen ein wenig langsamer heilt als früher und sein Bauch weniger Waschbrett ist als eine gemütliche, wenn auch solide Bank, vermeidet es Joe, sie anzusehen.“

Das mag im Englischen unterhaltsam sein, klingt im Deutschen aber eher behäbig. Das liegt nicht an der Übersetzung, nein. Das liegt einfach an den unterschiedlichen Lebens- und Lesensweisen. Wollte man bei einem deutschen Leser den gleichen Effekt erzielen wie bei dem englischsprachigen Original, man müsste den Roman neu schreiben.

Die Lektüre lohnt sich aber dennoch. Warum sich nicht bei einer Tasse Tee zurück- und die Füße hochlegen wie in good old England.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 10, 2014 2:36 PM MEST


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