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Rezensionen verfasst von
Volker Keding

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Ein Mensch namens Luther: Vom Geheimnis der Wandlung
Ein Mensch namens Luther: Vom Geheimnis der Wandlung
von Georg Gremels
  Gebundene Ausgabe

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sophies Welt auf theologisch, 6. April 2003
Gremels' Lutherbuch ist keine kirchenhistorische Untersuchung. Es liest sich wie ein Krimi, wie Umberto Eco, oder wie Jostein Gaarders Sophies Welt. Der gespenstisch anmutende Buchdeckel lässt kein konventionelles Lutherbuch vermuten: er stellt einen betenden Mönch ohne Kopf dar - fast ohne Kopf, denn der erscheint auf der Rückseite. Was fehlt hier, und warum? Wissen wir heutigen nicht mehr, was im Kopf Luthers vor sich ging? Müssen wir die von ihm überlieferte Gestalt hin- und herwenden, um sein Gesicht wahrnehmen zu können? Der fast kopflose Luther gibt die Frage auf: Wer ist der Mensch namens Luther?
Noch etwas suggeriert der Umschlagentwurf: Luther zeigt sich als betender Mönch. Gremels liebt den jungen Luther, das wird im Buch deutlich, und von allen Bildern überzeugt ihn besonders Cranachs Stich von 1520, die den Mönch mit dem zergrübelten asketischen Gesicht und den brennenden Augen darstellt (eine Vorliebe, die ich teile).
Spannend wie ein Krimi ist auch die literarische Form: ein Briefwechsel zwischen einem naturwissenschaftlich ausgebildeten Skeptiker namens Christian und seinem theologisch gebildeten Freund Markus, letzterer der Autor von 50 Briefen. Jeder neue Brief fasst die Reaktion des Dialogpartners kurz zusammen, der sich gleichsam aus dem Off äußert, und versucht, seine Fragen zu beantworten und sich seiner Kritik zu stellen. Die Neugier treibt zum Weiterlesen: Wie wird Christian auf diesen Brief reagieren, und wie schafft Markus diesmal den Übersetzungsschritt in Christians Verstehensrahmen hinein?
Was mich an dem Buch beeindruckt, fasse ich in vier Qualitätsaussagen zusammen: Es hat Lebensnähe, Frische, Weite und Tiefe.
(1) Christian akzeptiert nur lebensnahe Gedanken; betroffen und selbstkritisch spiegelt Markus seine Antwort: „Du kannst die Konsequenzen für dein Leben nicht erkennen!" (S. 241). Luther kommt nicht als Thema um seiner selbst willen zur Sprache. Es geht anlässlich von Luther um eine religiöse Welterfahrung zweier moderner Menschen, die um die innerste Mitte ihres Daseins ringen. Immer wieder weichen Christian und Markus von dem historischen Thema ab, weil sie von einem wichtigeren gepackt werden: Was ist der Sinn des Lebens, wie lautet die Gottesfrage heute, wie können wir nach vielfältigen kulturgeschichtlichen Umbrüchen, die uns vom Weltbild der Bibel trennen, Gott denken und erfahren? Es ist dem Autor gelungen, theologische Gedanken so mit allgemein menschlichen Themen zu vernetzen, dass die anschaulichen Briefe scheinbar lebensfremde und veraltete Vorstellungen transparent machen für Gegenwartsfragen.
(2) Dass auch Luther selbst mitten im Leben stand mit Spannungen und Widersprüchen, wird tabufrei erzählt. Alltagsnahe und offenherzige Bilder sorgen für Frische. Keine binnenkirchliche Atmosphäre kommt auf, auch nichts Museales. Vielmehr ertappen wir Luther - ich verfremde, treffe aber damit den Flair des Buches - im Gespräch mit nachdenklichen Menschen unserer Zeit, z.B. mit Berthold Brecht, Emmanuel Lévinas, Carl Gustav Jung, Odo Marquard. Gremels gelingt es immer wieder durch frei gewählte Analogien und Übertragungen, ein altes Thema neu und in verblüffend anderem Setting interessant zu machen. Es gibt kein Tabu, wie der Autor Markus seinem Freund Christian gegenüber selbst von sich bekennt: „Ich habe etwas gegen Denkverbote" (S. 137). Frischer Wind, geistige Weite, Anregung, ja Provokation zum Neudenken ist Grundduktus der Briefe.
(3) Die Weite äußert sich besonders darin, dass dem Autor keiner der imaginären Gesprächspartner Luthers zu weit von der Kirche entfernt ist, um ihn unbefangen zum Übersetzer der Geisteswelt Luthers zu machen. Große Denker wie Goethe, Hegel, Kierkegaard, Nietzsche, Nils Bohr, Martin Heidegger, Pierre Teilhard de Chardin, der indische Weise Ramana Maharshi und der chinesische Philosoph Laotse treten auf, um Gedanken Luthers von bisher unbekannten Seiten zu beleuchten.
(4) Nun könnte all dies Innovative in die Gefahr geraten, Luther unserem Zeitgeschmack modisch anzupassen. Jedoch genau in diese Falle tappt Gremels nicht. Das gelingt durch die vierte Qualität der Darstellung: den Tiefgang. Die unergründlichen Spannungen im Gottesbegriff Luthers, seine Verborgenheit und sein Offenbarsein, Unerkennbarkeit und Freundlichkeit, lotet Gremels in bewundernswürdiger Tiefe aus (Brief 5-9.19.24.39-40).
Der gedankliche Ablauf bringt in der ersten Hälfte des Buches Luthers reformatorischen Durchbruch zum Klingen, mit Kierkegaards Begriff der Verzweiflung als Schlüssel. In der zweiten Hälfte werden drei große Themen Luthers ausgiebig diskutiert: Seine Rechtfertigungstheologie als Grenzerfahrung unseres Leistungsvermögens (Brief 28-33); sein abgründiges Verhältnis zum freien Willen und zu Gottes Allwirksamkeit (Brief 34-41) und sein Natur- und Sakramentsverhältnis als Transzendierung des rationalen Vorstellungsvermögens (Brief 42-48). Das erste Thema qualifiziert sich besonders durch Lebensnähe, das zweite durch Tiefe, das dritte durch Weite des Denkens, und es möge nun dem Leser überlassen bleiben, es selbst zu erfahren und sich nicht auf mein Zeugnis zu verlassen.
Nach so viel Zustimmung muss ich auf e i n e Schwachstelle des Buches hinweisen: Brief 26 wirkt wie eine uninspirierte Pflichterfüllung einer thematischen Abrundung, um auch noch wenigstens etwas zum alten Luther zu sagen. Die für Gremels typische Fähigkeit einer überraschenden öffnenden Innenansicht fehlt hier, und ganz offensichtlich kennt er den späten Luther nicht. Das überholte Zerrbild vom alten Luther, dessen Antlitz sich verdüstert in „endlosen Streitigkeiten und Streitschriften" (S. 156) ist unter dem Niveau des Buches. Hier könnte die Kenntnis seiner späten Predigten und Briefe, aber auch seiner großartigen Vorlesung zum 1. Buch Mose den Blick weiten für einen auch im Alter differenzierten und weitherzigen Luther.
Dennoch ist das Buch unbedingt lesenswert. Es sinniert zwar darüber, was im Innersten Luthers vorgegangen sein mag, aber mehr noch grübelt es darüber, was derselbe zeitlose Gott, von dem Luther ergriffen und verwandelt wurde, in unserem Leben anstoßen kann.


Morimur
Morimur
Preis: EUR 18,99

52 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überirdisch schöne Klänge zu tiefsinniger religiöser Lyrik, 25. Mai 2002
Rezension bezieht sich auf: Morimur (Audio CD)
Als mir ein Freund Morimur vorspielte, war ich zunächst entzückt von der unbeschreiblichen, fast übermenschlichen Reinheit der Gesänge. Das Hilliard Ensemble war mir schon früher aufgefallen im Zusammenhang mit Jan Garbarek (Officium); wie Sphärenmusik mutet ihr Gesang dort an. So auch hier, nur dass man auch von den deutschsprachigen Texten getroffen wird. „Morimur" - wir sterben - um das zu wissen, braucht man kein religiöser Mensch zu sein, es zeigt schon die Erfahrung, dass der Tod uns „in seinem Reich gefangen" hält (so die Worte Martin Luthers in Nr. 6 und 12 der CD). Oder man ist schon durch die Philosophen davon überzeugt, dass das Sein zum Tode ein entscheidendes „Existential" (Heidegger) des Menschen ist. Gleichwohl: Die Erhabenheit der Lied-Vertonungen Bachs und die Reinheit und Schönheit der Interpretation des Hilliard Ensemble führen über allgemeine Menschheitserfahrung und logische Refklexion hinaus und geben der Musik etwas Überirdisches.
Nicht genug, dass in den ersten 20 Sätzen der CD abwechselnd ein Kirchenchoral und ein Satz aus der Partita für Violine solo d-moll BWV 1004 (wunderbar gespielt von Christoph Poppen) den Hörer begeistern kann: Der eigentliche Höhepunkt kommt in Nr. 21, und es traf mich wie ein Donner, als ich begriff: Hier werden die soeben vorgestellten Gesänge mit der Ciaccona aus der d-moll-Partita genial verknüpft, als hätte es immer so sein müssen. Nur angedeutet werden die Choralstrophen, sie treten still zur Ciaccona, die Menschen-Stimmen zur Violine, um bescheiden, fast schüchtern wieder in den Hintergrund zu treten, einem anderen gesungenen Gedanken Raum gebend. Mir wurde fast schwindelig, als die Viertelstunde dieses feinen komplexen Gewebes vorüber war.
Die CD klingt lakonisch aus mit der mehrfach zitierten knappen Beobachtung „den Tod niemand zwingen kunnt", ein Fragment aus der Kantate BWV 4 „Christ lag in Todesbanden" zu Worten eines Osterliedes Martin Luthers. „Den Tod niemand zwingen kunnt" - diese Worte klingen wie ein roter Faden durch die ganze Einspielung immer neu an (Nr. 2, 6, 10, 12, 20 und 22). Eine bedrückende Botschaft? Wohl eher eine realitätsgerechte Voraussetzung der anderen Seite dieser Lyrik: Gottvertrauen, Osterglaube: („der ist wieder erstanden / und hat uns bracht das Leben. / Des wir sollen fröhlich sein ...). Dies dürfte von den Künstlern implizit mitgemeint sein, und der Kehrvers „Den Tod niemand zwingen kunnt" drängt auf seine Ergänzung „außer dem lebenschaffenden Gott".

Das umfangreiche Textheft überrascht durch musiktheoretische Funde von Prof. Helga Thoene, ohne deren Veröffentlichungen der Violinvirtuose Poppen nicht auf den Gedanken dieser Verschränkung von Bachchorälen mit der Ciaccona gekommen wäre. Wie weit man den Analysen zur Zahlensymbolik folgen kann, vermag ich nicht zu beurteilen, aber die These der verborgenen Melodiefragmente in der Ciaccona wird klanglich überzeugend gestaltet. In jedem Falle bereichert die Hintergrundsinformation den Genuss des Hörens.
Nur ein Defizit enthält das Begleitheft: Die gesungenen Worte werden nicht, wie bei Einspielungen von Vokalmusik zu erwarten wäre, abgedruckt.


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