Fashion Sale Hier klicken b2s Cloud Drive Photos Inspiration Shop Learn More designshop Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Summer Sale 16
Profil für Kai Leuner > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Kai Leuner
Top-Rezensenten Rang: 25.495
Hilfreiche Bewertungen: 347

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Kai Leuner (Thriller-Autor)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9
pixel
Die geheime Geschichte der Digedags: Die Publikations- und Zensurgeschichte des "Mosaik" von Hannes Hegen
Die geheime Geschichte der Digedags: Die Publikations- und Zensurgeschichte des "Mosaik" von Hannes Hegen
von Mark Lehmstedt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

25 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kritisch, spannend und hochinformativ: Auf den Spuren der Digedags, 23. September 2011
Bei der Lektüre der "Geheimen Geschichte der Digedags" hatte ich sehr schnell das Gefühl, einen Schatz in der Hand zu halten, der ebenso sorgfältig behandelt werden muss wie früher die heiß begehrten "alten" Mosaiks. Mark Lehmstedt hat sich mit diesem hervorragenden Buch zweifellos einen Platz im Autoren-Olymp gesichert. 430 prall mit Informationen gefüllte Seiten, höchst detailreich, mit wissenschaftlicher Exaktheit und doch spannend wie ein Krimi, ergänzt um sorgfältig ausgewählte Abbildungen und Fotos, mit einem gerade durch seine Schlichtheit beeindruckenden Design - hier waren ein Autor und ein Verlag am Werk, die Bücher lieben. Und auch wenn man über die stetig steigenden Bücherpreise schimpfen mag, die knapp 25 EUR für Lehmstedts hochwertiges Buch sind wirklich bestens investiert. Denn der Autor sorgt nicht einfach nur (das aber auch!) für allerbeste Unterhaltung. Vielmehr schließt er eine Lücke, indem er zum einen weitaus tiefgründiger und fundierter als seine (wenigen) Vorgänger die turbulenten Jahre der Digedags beleuchtet und zum anderen höchst kritisch ihren Erschaffer "Hannes Hegen" (Johann Hegenbarth) würdigt. Wenn man im Blick behält, dass Lehmstedt bereits Anfang der neunziger Jahre mit den Recherchen für sein 2010 erschienenes, mit knapp 700 Fußnoten unterfüttertes Werk begonnen hat, kann man ermessen, wie viel Arbeit er in dieses Projekt gesteckt hat. Aber das Ergebnis spricht für sich. Gewiss, es findet - worauf in anderen Besprechungen auch hingewiesen wird - in mancherlei Hinsicht eine Art Entzauberung statt. Aber hierbei handelt es sich nicht um jene Art von (fremdschämender) Enttäuschung, die man verspürt, wenn man sich heute noch einmal das "Ferienheim Bergkristall" anschaut. Im Gegenteil, die von den Digedags ausgehende Faszination wird gewissermaßen wieder aufpoliert. Aber ihren Erschaffer wird man mit ganz anderen Augen sehen. Denn es war - diese Deutung legt das Buch nahe - in erster Linie Hegenbarth (und nicht die SED, die Zentralleitung der FDJ oder gar die Stasi), der Mitte der siebziger Jahre das Ende des "alten" Mosaiks herbeiführte und so Millionen Leser um weitere Abenteuer der Digedags geprellt hat.

Lehmstedt beginnt mit einer kurzen Biographie des "Mosaik"-Erfinders, der aus einer sudetendeutschen Glasmacherfamilie stammt und sich zu Beginn seiner Karriere als Zeichner hauptsächlich von Karikaturen für verschiedene Zeitschriften der DDR ("Frischer Wind", "Eulenspiegel", "Wochenpost", "Magazin", "NBI" und "Deutsche Lehrerzeitung") verdingte. Im Frühjahr 1955 unterbreitete Hegenbarth dem Verlag Neues Leben Vorschläge für eine "Bilderzählung". Hierbei hatte er sein Ohr offenbar am Puls des Brachengeschehens, denn der Zeitpunkt seines Angebots war überaus günstig gewählt: Just in dieser Phase gab es im Verlag Stimmen, die neben der seit einiger Zeit erscheinenden "Atze" ein weiteres DDR-eigenes Comic zur Zurückdrängung der als "Schund und Schmutz" angesehenen westdeutschen Comics befürworteten und nach (dauerhaft) tragbaren Konzepten suchten. Im Dezember 1955 erschien die erste Ausgabe des "Mosaiks", und der sensationelle Siegeszug der Digedags begann. Lehmstedt schildert anschaulich, wie aus dem Ein-Mann-Betrieb Hegen das ca. neun- bis zwölfköpfige "Mosaik-Kollektiv" wurde, wie sich Inhalt und Ausrichtung der Hefte immer wieder änderten (und erst mit der Runkel-Serie beginnen m.E. die wirklich guten Mosaiks), wie die Digedags im Laufe der Jahre ihre "endgültige" Gestalt erhielten, wie es zum Wechsel vom Verlag Neues Leben zum Verlag Junge Welt kam und vor allem, wie das "Mosaik" immer wieder von der Einstellung oder aber der grundlegenden Änderung hin zu einem plumpen Propagandainstrument bedroht war. Dabei waren es, wie der überraschte Leser erfährt, übrigens gar nicht immer Pionierleitung, FDJ, SED oder das DDR-Kulturministerium, die den Digedags den Garaus machen wollten. Im Gegenteil, das höchst profitable Heft, das mit seinen immensen Gewinnen andere defizitäre Verlagsprodukte stützte, hatte in den verschiedenen Machtzentren auch Fürsprecher. Mitunter wurden kritische Stimmen vielmehr von konkurrierenden Verlagen lanciert oder kamen (zumindest scheinbar) gar "von unten". So beschwerte sich eine Bibliothekarin aus Halle im Januar 1959 mit einem vierseitigen Brief an das Kulturministerium über "unwissenschaftliche Spinnereien", "Sensationshascherei" und - man höre und staune - eine "aparte sexuelle Note" in den Mosaiks. Trotz der kaum verhüllten Drohung, alle Kinderbibliothekare der DDR gegen das Heft mobilisieren zu wollen, tat das Kulturministerium erst einmal - nichts. Aber auch "von oben" drohte mehrfach Gefahr. So 1959/60, als überlegt wurde, den Digedags künftig weniger Platz einzuräumen und daneben eine "Pioniergruppe Pfiffikus" auftreten zu lassen, deren "lustige Erlebnisse" etwa beim "Geländespiel" oder bei der "Hilfe für Rentner" geschildert werden sollten.

Natürlich beschreibt Lehmstedt auch das Ende der Digedags und den schwierigen Wechsel hin zu den von Hegenbarth vehement als Plagiat bekämpften Abrafaxen in den 'neuen' Mosaiks. Spätestens an dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass der Autor leider keinen Zugang zu Hegenbarth selbst erhielt. Der hatte nach der Wende zwar, wie Lehmstedt etwas schmallippig anmerkt, ein Mosaik-Fan-Buch ohne jeden analytischen Anspruch durch großzügige Abbildungsgenehmigungen unterstützt, eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk indes nie gefördert. Da somit eine der wichtigsten (wenngleich nicht objektivsten) Erkenntnisquellen nicht ausgeschöpft werden konnte, bleiben etliche Fragen unbeantwortet. So wird jedenfalls mir nicht klar, wieso Hegenbarth von Anfang in einer geradezu unheimlich starken Position war und bis zum Ende der Digedags das Heft des Handelns derart fest in der Hand halten konnte. Das beginnt bereits mit seinem ersten Verlagsvertrag. Ja, der Verlag wollte eine Bildgeschichte, und Hegenbarth konnte sie liefern, war also zur rechten Zeit am rechten Ort. Aber letztlich brauchte er den Verlag mindestens genauso dringend wie dieser ihn. Die Etablierung des Heftes in der Presselandschaft der DDR war wahrlich kein Selbstläufer, und die späteren zahllosen Angriffe gegen das "Mosaik" zwangen dessen Unterstützer zu einem ständigen - von Lehmstedt anschaulich beschriebenen - Lavieren und Taktieren zwischen diversen Fronten. Wie es Hegenbarth unter diesem Umständen gelang, schon für das erste, noch 32seitige Heft ein Honorar von 25.000 Mark herauszuhandeln (1955!), bleibt ebenso unbegreiflich wie der Umstand, dass er sich auch später, als die Hefte vom "Mosaik-Kollektiv" unter seiner mehr oder weniger dichten Anleitung gestaltet wurden, neben einem üppigen Monatssalär von etwa 12.000 Mark (die anderen Mitarbeiter erhielten z.T. nicht einmal ein Zehntel dieser Summe) auch nahezu sämtliche Urheberrechte sichern konnte. Denn das Mosaik war, auch dies wird von Lehmstedt herausgearbeitet, längst kein Autoren-Comic (mehr), also kein Produkt des Einzelkünstlers Hegenbarth, sondern ein Teamprodukt. Der Qualität des Heftes hat dies, nebenbei bemerkt, äußerst gut getan. Denn man betrachte einmal die noch stark karikaturistischen Hegenbarth-Digedags der ersten Hefte und ihr heutiges, wesentlich gefälligeres und 'endgültiges' Aussehen, das nach Lehmstedts Darstellung maßgeblich von der Grafikerin Lona Rietschel und eben nicht von Hegenbarth gestaltet wurde. Den schöpferischen Anteil des an der inhaltlichen Ausrichtung der Hefte maßgeblich beteiligten und für die Texte (und damit den Großteil des Witzes) allein verantwortlichen Lothar Dräger schätzt Lehmstedt auf fünfzig Prozent. Doch er wurde von Hegenbarth mit mauen zehn Prozent abgespeist. Womit natürlich mehr für diesen selbst blieb: Der Digedags-Erfinder ist mit den Mosaiks reich geworden. So verdiente er im Laufe von etwa achtzehn Jahren allein rund zwei Millionen Mark mit den monatlich erscheinenden Heften. Neuauflagen und Sammelbände spülten zusätzliche, teilweise sechsstellige Beträge in seine Kasse.

Aber wieso, muss man sich zwangsläufig fragen, sollte Hegenbarth dann selbst das Ende der Digedags herbeigeführt haben? Lehmstedt kann die Umstände, die zum Ende des "Mosaiks" führten, nicht vollständig rekonstruieren, macht aber eines deutlich: Verlag und Zentralrat der FDJ waren nach Lage der Dinge an einer Fortführung des Heftes interessiert. Demgegenüber präsentierte Hegenbarth Gründe (die angesichts früher zu überwindender Schwierigkeiten nachgerade lächerlich wirken), aus denen er künftig leider nur noch sechs und nicht mehr zwölf Hefte pro Jahr gestalten könne. In diesem Zusammenhang berichtet Lehmstedt, dass Hegenbarth ab Anfang der siebziger Jahre mit dem Bau einer Villa auf einem Wassergrundstück im Süden Berlins beschäftigt war und seinen Mitarbeitern erklärt habe, wie viel schöner es doch sei, nicht ständig am "Mosaik" arbeiten zu müssen, sondern die Hälfte der Woche am Wasser verbringen zu können. Insofern wird man mutmaßen dürfen, dass Hegenbarth inzwischen einfach genug Geld verdient und schlichtweg keine Lust mehr hatte, das "Mosaik" im bisherigen Umfang weiterzuführen. Statt eines klaren "Ich will nicht mehr!" entschied er sich für einen vergifteten Vorschlag, den der Verlag aus nachvollziehbaren Gründen nicht annehmen konnte. Für mich höchst erstaunlich war übrigens, wie rechtsstaatlich sich Verlag und FDJ-Zentralrat in dieser Phase gegenüber Hegenbarth verhalten haben. Was hätte angesichts des sonstigen alltäglichen Unrechts in der DDR näher gelegen, als einfach ohne Hegenbarths Zustimmung mit den beliebten "Digedags" weiterzumachen? Immerhin verfasste der (von urheberrechtlichen Kenntnissen allerdings offenbar weitgehend unbelastete) DDR-"Staranwalt" Karl Friedrich Kaul sogar ein Rechtsgutachten, wonach Hegenbarth angesichts der an ihn gezahlten Millionen-Vergütung keinerlei Schutzrechte an den Digedags mehr zustünden - eine andere Sichtweise liefe "den Interessen unserer sozialistischen Gesellschaft zuwider". Mit derartigen Begründungen wurde, wie gesagt, auch weitaus größeres Unrecht begangen. Doch der Verlag tat, gestützt auf ein gegenteiliges Gutachten seines eigenen Justitiars, alles, um mit Hegenbarth, der wegen der "Abrafaxe" eine Klage beim Bezirksgericht Leipzig (wegen Verletzung seines Urheberrechts) angestrengt hatte, zu einer friedlichen Einigung zu gelangen. Was auch gelang. Leider, möchte man sagen. Denn der geneigte Leser kommt nach der Lektüre von Lehmstedts Buch nicht umhin, sich eine Klage der anderen Mitarbeiter des "Mosaik-Kollektivs" gegen ihren früheren Chef mit dem Ziel einer dem jeweiligen tatsächlichen schöpferischen Anteil entsprechenden Aufteilung der rund zwei Millionen Mark zu wünschen.

Fazit: Lehmstedts hochspannendes Buch ist ein absolutes Muss für jeden, der die Faszination der "Digedags" jemals erlebt hat. Ein großes Buch!


44 jours : The Damned United
44 jours : The Damned United
von David Peace
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,25

4.0 von 5 Sternen Tagebuch eines Scheiterns, 25. August 2011
Rezension bezieht sich auf: 44 jours : The Damned United (Taschenbuch)
Man kann Brian Clough wahrlich nicht vorwerfen, dass er sich bei seinem neuen Team einschmeicheln wollte, nachdem er 1974 völlig überraschend den Posten des Cheftrainers bei Leeds United übernommen hatte. Jenem Klub also, der unter Cloughs Vorgänger und Erzfeind Don Revie nahezu alles gewonnen hatte, was es damals im britischen Fußball zu gewinnen gab. Clough empfahl seinen Spielern nämlich als erstes, all ihre Medaillen und Pokale in den "größten Mülleimer, den Ihr finden könnt", zu werfen, denn: "Nichts von dem, was Ihr gewonnen habt, habt Ihr fair gewonnen. Alles, was Ihr erreicht habt, habt Ihr durch gottverdammten Betrug erreicht."

Hierzulande ist der Name Brian Clough nicht mehr allzu vielen Fans geläufig, aber man erinnere sich an Otto Rehhagels Wechsel zum FC Bayern München 1995 und multipliziere die damalige durchaus explosive Situation mit 100. Clough verabscheute Don Revie, seit der ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen als Trainer - Revie war mit Leeds United zu Gast bei Cloughs damaligem Klub Derby County - wie Luft behandelt hatte. Clough hasste Don Revie, weil Leeds United in seinen Augen unehrlichen Fußball spielte, mit Kickern, die die Schiedsrichter bedrängten, die theatralisch zu Boden gingen, ohne auch nur berührt worden zu sein, die protestierten, wenn es nichts zu protestieren gab und vehement Verwarnungen für ihre Gegenspieler forderten. Und aus diesem Hass hatte Clough, dem vom lieben Gott neben einer äußerst spitzen Zunge auch eine gehörige Portion Dummheit gegeben worden war (ja, auch eine dicke Scheibe Genialität, die sich aber eben nur entfaltete, wenn Clough seinen Intimus Peter Taylor an seiner Seite hatte - und das war in Leeds nicht der Fall, weil Taylor die Situation realistischer einschätzte und Clough dringend abrat), nie einen Hehl gemacht. Über Jahre hinweg war, geschürt durch immer neue verbale Aggressionen von beiden Seiten, so eine gepflegte Feindschaft entstanden. Umso sensationeller war es, dass Leeds United, nachdem Don Revie 1974 den Posten des englischen Nationaltrainers übernahm, nicht seinen Wunschnachfolger Johnny Giles verpflichtete, sondern ausgerechnet Brian Clough. Was folgte, war eine der turbulentesten, chaotischsten und kürzesten Trainer-Regentschaften in der Geschichte des englischen Fußballs: Ganze 44 Tage hielt sich Brian Clough bei einem Verein, bei dem ihm von nahezu allen Seiten - vom Nachwuchstrainer über die Spieler bis hin zu den Sekretärinnen - teilweise hasserfüllte Ablehnung entgegenschlug.

Der britische Autor David Peace, der mit seinen vier Yorkshire-Ripper-Thrillern und zuletzt mit seiner Tokio-Serie Weltruhm erlangte, erzählt in seinem weitgehend auf Fakten basierenden Roman "The Damn Utd", minutiös jene 44 Tage, wobei er parallel - im Buch durch Kursivschrift abgehoben - Cloughs Werdegang bis zur Verpflichtung durch Leeds United und damit natürlich auch die Entstehung der Feindschaft zwischen ihm und Revie nachvollzieht. Die Idee selbst ist faszinierend - der Zeitraum ist eng begrenzt und aufgrund zahlreicher Biographien (die Peace herangezogen hat) gut beleuchtet. Peace macht aus diesem Faktenmaterial einen hochspannenden "Fußball-Roman", der die damaligen Beteiligten - und insbesondere Brian Clough - lebendig werden und erahnen lässt, weshalb diese "Ehe" niemals funktionieren konnte. Das Einzige, was mir an dem Buch missfällt, sind jene Passagen, in denen Peace durch völlig unnötige stakkatoartige Wiederholungen einzelner chorartiger Zeilen so etwas wie Atmosphäre schaffen will, was in einem Film vielleicht gehen mag, in einem Buch jedoch delatziert wirkt. So wird an einer Stelle auf etwa zwei Seiten allein dreizehnmal die Zeile "Derby. Derby. Derby. Derby. Derby. Derby." wiederholt. Solche Stellen lassen das Buch völlig unnötig aufgeplustert erscheinen. Und das hat Peace, der ein großartiger Erzähler ist, überhaupt nicht nötig.

"Den" Schuldigen gibt es für das gigantische Scheitern Cloughs in Leeds nicht. Auf der einen Seite stand der neue Trainer, dem es offensichtlich nicht gelang, die Gemütslage des Vereins, in den er kam, auch nur annähernd nachzuvollziehen und sich darauf einzulassen, und der kaum einen Versuch unternahm, die bestehenden Gräben zu überwinden. Auf der anderen Seite standen in der Tat charakterlose Kicker, die mehr oder weniger unverhohlen "gegen" ihren neuen Trainer spielten, ohne dass die Klubführung einschritt und ein Exempel statuierte. Fairerweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich einige Spieler - teilweise erfolgreich vor Gericht - gegen die Darstellungen in Peaces Buch wehrten. Es ist schwer zu beurteilen, ob Clough in Leeds überhaupt eine Chance hatte. Aber nachdem alle Beteiligten von Anfang an praktisch alles falsch machten, war das Ende nur eine Frage der Zeit. Und das Ende kam schneller als erwartet, als Clough in den ersten sechs Spielen nur ein einziger Sieg gelang, was für Leeds den schlechtesten Start seit 15 Jahren bedeutete.

Peace reiht eine Fülle von lebendigen Szenen aneinander, die die faszinierende Chronologie eines Scheiterns ergeben: Es geht los mit Cloughs erstem Eintreffen bei Leeds, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Er begegnet dem Nachwuchstrainer und Revie-Vertrauten Syd Qwen, der gerade das Amateurteam aufs Feld führen will. Natürlich "übersieht" Owen Cloughs zum Gruß ausgestreckte Hand. Und auf dessen Frage, ob einer der Kicker nicht kurz auf seine Söhne aufpassen könne, während er - Clough - sich im Verein bekannt macht, zischt Owen: "Sie sind bei uns schon allseits bekannt, Mr. Clough. Und diese Jungs sind hier, um zu trainieren. Nicht, um Ihre Söhne zu unterhalten." Cloughs kurzes Gastspiel bei Leeds endet mit einem Gespräch beim Vorstand, bei dem es um seine Abfindung geht. "25.000 Pfund [damals immerhin ca. 150.000 DM - KL] für 44 Tage Arbeit?", brüllte der Vorstandsvorsitzende Sam Bolton. "Das ist gottverdammter Wucher!" Sein Blutdruck stieg noch weiter, als Clough kühl außerdem die Übernahme seiner Einkommensteuer in den nächsten drei Jahren verlangte und außerdem den ihm zur Verfügung gestellten Mercedes behalten wollte. Bolton war fassungslos: "Wer zur Hölle glauben Sie eigentlich zu sein?" "Brian Clough", lautete die schlichte Antwort. "Brian Howard Clough."

Übrigens brachte der Trainerwechsel auch Cloughs Vorgänger Don Revie keine Vorteile. Er verbrachte drei erfolglose Jahre als Nationaltrainer, ehe er in die Vereinigten Arabischen Emirate und damit ins fußballerische Niemandsland abtauchte. Clough schaffte hingegen ein sensationelles Comeback. 1975 wechselte er zu Nottingham Forrest und gewann 1979 und 1980 zweimal hintereinander den Europa-Cup.

Fazit: Ein hochspannendes Kapitel des britischen Fußballs.


The Damned United [UK Import]
The Damned United [UK Import]
DVD ~ Colm Meaney
Wird angeboten von ZOverstocksDE
Preis: EUR 2,61

5.0 von 5 Sternen Wunderbare Verfilmung eines wunderbaren Buches, 16. August 2011
Rezension bezieht sich auf: The Damned United [UK Import] (DVD)
Die Verfilmung des großartigen Buches Damned Utd orientiert sich weitgehend an der literarischen Vorlage, weshalb hinsichtlich des Inhalts auf meine Besprechung des Buches verwiesen werden soll.

Was ist zur DVD zu sagen? Selbst jene, die sich nicht für Fußball interessieren, aber dafür für die englische Sprache, werden mit "The Damned United" viel Spaß haben. Denn der großartige Michael Sheen lässt Brian Clough ein scharfzüngiges Nordenglisch sprechen, mit dem man früher in der Schule allerdings kaum Dank geernet hätte. Fußballfans, die das Buch kennen oder sich durch den Film über Cloughs tragisches Scheitern in Leeds informieren wollen, werden von der sorgfältigen Auswahl der Darsteller und dem hervorragenden Drehbruch begeistert sein. Obwohl Michael Sheen im Film jünger wirkt, als der echte Brian Clough bei seinem Amtsanritt in Leeds tatsächlich war, werde ich die Person Brian Clough stets mit ihm verbinden, so wie Colm Meaney und Timothy Spall ihre Protagonisten Don Revie und Peter Taylor lebendig werden lassen. Michael Sheen mimt Brian Clough nicht auf zurückgenommene, zurückhaltende Weise. Im Gegenteil, er reizt die (mitunter etwa dümmliche) Großspurigkeit seines Helden aus, ohne dabei allerdings den Bogen zu überspannen. Selbst die Nebenrollen, etwa Stephen Graham als der unverhohlen gegen den Trainer spielende Leeds-Kapitän Billy Bremner oder Jim Broadbent als der Vorsitzende des früheren Clough-Vereins Derby County, Sam Longson, sind einfach großartig besetzt. Die Handlung orientiert sich wie gesagt eng am Buch, wobei so manche interessante Szene der Schere zum Opfer gefallen und nur im Bonusmaterial zu finden ist, etwa jene, in der Clough den Schreibtisch seines Vorgängers Don Revie zerhackt und verbrennt. Indes bleiben zahlreiche Szenen übrig, etwa Cloughs Fernsehinterview kurz vor seinem Amtsantritt oder sein erster Besuch beim Vorstand von Leeds United, die man wieder und wieder anchauen möchte, einfach, weil sie so grandios gespielt sind. Ganz nebenbei vermittelt der Film auch die Atmosphäre des britischen - zumal, wenn es um den vorherigen Clough-Klub Derby geht, unterklassigen - Fußballs der siebziger Jahre mit schlammigen Plätzen, heruntergekommenen Vereinsheimen und Spielern, die Fußball arbeiten.

Fazit: Großes Kino für Fußballfans.


The Damned United - Der ewige Gegner
The Damned United - Der ewige Gegner
DVD ~ Colm Meaney
Preis: EUR 6,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, 16. August 2011
Rezension bezieht sich auf: The Damned United - Der ewige Gegner (DVD)
Vor einigen Monaten habe ich David Peace' wunderbares Buch Damned Utd besprochen, einen Roman über die chaotische, nur 44 Tage währende Amtszeit des charismatischen Trainers Brian Clough bei Leeds United in der Saison 1974/75. Nun ist das Buch bei Heyne auch in deutscher Fassung erschienen (Damned United: Roman). Die Verfilmung des Bestsellers ist auf dem deutschen Markt bereits seit geraumer Zeit erhältlich. Vorab schon einmal soviel: Selbst jene, die sich nicht für Fußball interessieren, aber dafür für die englische Sprache, werden mit "The Damned United - Der ewige Gegner" in der Originalfassung viel Spaß haben. Denn der großartige Michael Sheen lässt Brian Clough ein scharfzüngiges Nordenglisch sprechen, mit dem man früher in der Schule allerdings kaum Dank geernet hätte.

Fußballfans, die das Buch kennen oder sich durch den Film über Cloughs tragisches Scheitern in Leeds informieren wollen, werden von der sorgfältigen Auswahl der Darsteller und dem hervorragenden Drehbruch begeistert sein. Obwohl Michael Sheen im Film jünger wirkt, als der echte Brian Clough bei seinem Amtsanritt in Leeds tatsächlich war, werde ich die Person Brian Clough stets mit ihm verbinden, so wie Colm Meaney und Timothy Spall ihre Protagonisten Don Revie und Peter Taylor lebendig werden lassen. Michael Sheen mimt Brian Clough nicht auf zurückgenommene, zurückhaltende Weise. Im Gegenteil, er reizt die (mitunter etwa dümmliche) Großspurigkeit seines Helden aus, ohne dabei allerdings den Bogen zu überspannen. Selbst die Nebenrollen, etwa Stephen Graham als der unverhohlen gegen den Trainer spielende Leeds-Kapitän Billy Bremner oder Jim Broadbent als der Vorsitzende des früheren Clough-Vereins Derby County, Sam Longson, sind einfach großartig besetzt. Die Handlung orientiert sich eng am Buch, wobei so manche interessante Szene der Schere zum Opfer gefallen und nur im Bonusmaterial zu finden ist, etwa jene, in der Clough den Schreibtisch seines Vorgängers Don Revie zerhackt und verbrennt. Indes bleiben zahlreiche Szenen übrig, etwa Cloughs Fernsehinterview kurz vor seinem Amtsantritt oder sein erster Besuch beim Vorstand von Leeds United, die man wieder und wieder anchauen möchte, einfach, weil sie so grandios gespielt sind. Ganz nebenbei vermittelt der Film auch die Atmosphäre des britischen - zumal, wenn es um den vorherigen Clough-Klub Derby geht, unterklassigen - Fußballs der siebziger Jahre mit schlammigen Plätzen, heruntergekommenen Vereinsheimen und Spielern, die Fußball arbeiten.

Ebenso gelungen wie der Film sind Cover und Ausstattung der DVD. So gibt es neben zwei Audio-Spuren (Englisch und Deutsch) auch die dazugehörigen Untertitel und einiges an Bonusmaterial. Und auf dem Cover erscheint Michael Sheen als Brian Clough mit all seinem großspurigen und in stillen Momenten doch grüblerischen Selbstbewusstsein.

Fazit: Großes Kino für Fußballfans.


Damned United: Roman
Damned United: Roman
von David Peace
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Faszinierende Chronologie eines Scheiterns, 7. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Damned United: Roman (Taschenbuch)
Man kann Brian Clough sicher nicht vorwerfen, dass er sich bei seinem neuen Team einschmeicheln wollte, nachdem er 1974 völlig überraschend den Posten des Cheftrainers bei Leeds United übernommen hatte. Jenem Klub also, der unter Cloughs Vorgänger und Erzfeind Don Revie nahezu alles gewonnen hatte, was es damals im britischen Fußball zu gewinnen gab. Clough empfahl seinen Spielern nämlich als erstes, all ihre Medaillen und Pokale in den "größten Mülleimer, den Ihr finden könnt", zu werfen, denn: "Nichts von dem, was Ihr gewonnen habt, habt Ihr fair gewonnen. Alles, was Ihr erreicht habt, habt Ihr durch gottverdammten Betrug erreicht."

Hierzulande ist der Name Brian Clough nicht mehr allzu vielen Fans geläufig, aber man erinnere sich an Otto Rehhagels Wechsel zum FC Bayern München 1995 und multipliziere die damalige durchaus explosive Situation mit 100. Clough verabscheute Don Revie, seit der ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen als Trainer - Revie war mit Leeds United zu Gast bei Cloughs damaligem Klub Derby County - wie Luft behandelt hatte. Clough hasste Don Revie, weil Leeds United in seinen Augen unehrlichen Fußball spielte, mit Kickern, die die Schiedsrichter bedrängten, die theatralisch zu Boden gingen, ohne auch nur berührt worden zu sein, die protestierten, wenn es nichts zu protestieren gab und vehement Verwarnungen für ihre Gegenspieler forderten. Und aus diesem Hass hatte Clough, dem vom lieben Gott neben einer äußerst spitzen Zunge auch eine gehörige Portion Dummheit gegeben worden war (ja, auch eine dicke Scheibe Genialität, die sich aber eben nur entfaltete, wenn Clough seinen Intimus Peter Taylor an seiner Seite hatte - und das war in Leeds nicht der Fall, weil Taylor die Situation realistischer einschätzte und Clough dringend abrat), nie einen Hehl gemacht. Über Jahre hinweg war, geschürt durch immer neue verbale Aggressionen von beiden Seiten, so eine gepflegte Feindschaft entstanden. Umso sensationeller war es, dass Leeds United, nachdem Don Revie 1974 den Posten des englischen Nationaltrainers übernahm, nicht seinen Wunschnachfolger Johnny Giles verpflichtete, sondern ausgerechnet Brian Clough. Was folgte, war eine der turbulentesten, chaotischsten und kürzesten Trainer-Regentschaften in der Geschichte des englischen Fußballs: Ganze 44 Tage hielt sich Brian Clough bei einem Verein, bei dem ihm von nahezu allen Seiten - vom Nachwuchstrainer über die Spieler bis hin zu den Sekretärinnen - teilweise hasserfüllte Ablehnung entgegenschlug.

Der britische Autor David Peace, der mit seinen vier Yorkshire-Ripper-Thrillern "1974 (Red Riding Quartet)", "1977", "1980" und "1983" und zuletzt mit seiner Tokio-Serie ("Tokio im Jahr null: Thriller" und "Tokio, besetzte Stadt: Roman") Weltruhm erlangte, erzählt in seinem weitgehend auf Fakten basierenden Roman "Damned United", minutiös jene 44 Tage, wobei er parallel Cloughs Werdegang bis zur Verpflichtung durch Leeds United und damit natürlich auch die Entstehung der Feindschaft zwischen ihm und Revie nachvollzieht. Die Idee selbst ist faszinierend - der Zeitraum ist eng begrenzt und aufgrund zahlreicher Biographien (die Peace herangezogen hat) gut beleuchtet. Peace macht aus diesem Faktenmaterial einen hochspannenden "Fußball-Roman", der die damaligen Beteiligten - und insbesondere Brian Clough - lebendig werden und erahnen lässt, weshalb diese "Ehe" niemals funktionieren konnte. Das Einzige, was mir an dem Buch missfällt, sind jene Passagen, in denen Peace durch völlig unnötige stakkatoartige Wiederholungen einzelner chorartiger Zeilen so etwas wie Atmosphäre schaffen will, was in einem Film vielleicht gehen mag, in einem Buch jedoch delatziert wirkt. So wird an einer Stelle auf etwa zwei Seiten allein dreizehnmal die Zeile "Derby. Derby. Derby. Derby. Derby. Derby." wiederholt. Solche Stellen lassen das Buch völlig unnötig aufgeplustert erscheinen. Und das hat Peace, der ein großartiger Erzähler ist, überhaupt nicht nötig.

"Den" Schuldigen gibt es für das gigantische Scheitern Cloughs in Leeds nicht. Auf der einen Seite stand der neue Trainer, dem es offensichtlich nicht gelang, die Gemütslage des Vereins, in den er kam, auch nur annähernd nachzuvollziehen und sich darauf einzulassen, und der kaum einen Versuch unternahm, die bestehenden Gräben zu überwinden. Auf der anderen Seite standen in der Tat charakterlose Kicker, die mehr oder weniger unverhohlen "gegen" ihren neuen Trainer spielten, ohne dass die Klubführung einschritt und ein Exempel statuierte. Fairerweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich einige Spieler - teilweise erfolgreich vor Gericht - gegen die Darstellungen in Peaces Buch wehrten. Es ist schwer zu beurteilen, ob Clough in Leeds überhaupt eine Chance hatte. Aber nachdem alle Beteiligten von Anfang an praktisch alles falsch machten, war das Ende nur eine Frage der Zeit. Und das Ende kam schneller als erwartet, als Clough in den ersten sechs Spielen nur ein einziger Sieg gelang, was für Leeds den schlechtesten Start seit 15 Jahren bedeutete.

Peace reiht eine Fülle von lebendigen Szenen aneinander, die die faszinierende Chronologie eines Scheiterns ergeben: Es geht los mit Cloughs erstem Eintreffen bei Leeds, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Er begegnet dem Nachwuchstrainer und Revie-Vertrauten Syd Qwen, der gerade das Amateurteam aufs Feld führen will. Natürlich "übersieht" Owen Cloughs zum Gruß ausgestreckte Hand. Und auf dessen Frage, ob einer der Kicker nicht kurz auf seine Söhne aufpassen könne, während er - Clough - sich im Verein bekannt macht, zischt Owen: "Sie sind bei uns schon allseits bekannt, Mr. Clough. Und diese Jungs sind hier, um zu trainieren. Nicht, um Ihre Söhne zu unterhalten." Cloughs kurzes Gastspiel bei Leeds endet mit einem Gespräch beim Vorstand, bei dem es um seine Abfindung geht. "25.000 Pfund [damals immerhin ca. 150.000 DM - KL] für 44 Tage Arbeit?", brüllte der Vorstandsvorsitzende Sam Bolton. "Das ist gottverdammter Wucher!" Sein Blutdruck stieg noch weiter, als Clough kühl außerdem die Übernahme seiner Einkommensteuer in den nächsten drei Jahren verlangte und außerdem den ihm zur Verfügung gestellten Mercedes behalten wollte. Bolton war fassungslos: "Wer zur Hölle glauben Sie eigentlich zu sein?" "Brian Clough", lautete die schlichte Antwort. "Brian Howard Clough."

Übrigens brachte der Trainerwechsel auch Cloughs Vorgänger Don Revie keine Vorteile. Er verbrachte drei erfolglose Jahre als Nationaltrainer, ehe er in die Vereinigten Arabischen Emirate und damit ins fußballerische Niemandsland abtauchte. Clough schaffte hingegen ein sensationelles Comeback. 1975 wechselte er zu Nottingham Forrest und gewann 1979 und 1980 zweimal hintereinander den Europa-Cup.

Fazit: Wer sich auch nur ein wenig für den britischen Fußball interessiert, findet hier ein hochspannendes Kapitel.


Slugging It out in Japan (Signet)
Slugging It out in Japan (Signet)
von Cromartie
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen TOP: Ein amerikanischer Major Leaguer in Tokio, 30. Juni 2011
Doch, doch, ich habe dem amerikanischen Nationalsport Baseball eine Reihe von Chancen gegeben. Ich habe in New York die Yankees und die Mets besucht, diverse Minor-League-Games im Umkreis von Washington, D.C. (lange, ehe die Nationals kamen) und sogar eine Partie der legendären Yomiuri Giants im Tokyo Dome. Dennoch ist mir Baseball immer - vorsichtig formuliert - fremd geblieben. Folgerichtig hatte ich auch den Namen Warren Cromartie nie zuvor gehört. Wenn ich an dieser Stelle dennoch seine Biographie "Slugging It Out In Japan" empfehle, dann deshalb, weil es ein hervorragendes Buch ist, obwohl sich alles um Baseball dreht. Denn Cromartie, zuvor Profi in Montreal, feierte seine größten Erfolge als Baseball-Legionär in Tokyo und erzählt in seinem Buch äußerst spannend auch und gerade von seiner Zeit als Gaijin.

Nachdem der nie sonderlich diplomatische "Cro" 1983 in Montreal nicht mehr erwünscht war (er und der ihm in herzlicher Abneigung verbundene General Manager Jim Fanning waren sich bereits früher unter unerfreulichen Umständen begegnet), sondierte er als "free agent" zunächst Angebote verschiedener Major League Klubs. San Francisco war interessiert und auch Boston und Seattle, aber zu einem Vertragsschluss kam es nicht. Auf einmal meldeten sich die Yomiuri Giants, das janapische Pendant der New York Yankees, und boten "Cro" einen Dreijahresvertrag mit einem Gehalt von 600.000 $. Wenige Wochen später landete der dunkelhäutige Outfielder in Tokyo.

Eine Liebe auf den ersten Blick war es allerdings nicht: Cromartie berichtet vom gnadenlosen Drill im Vorbereitungslager und stundenlangen Besprechungen mit Videovorführungen, von Auswärtsspielen in gesichtslosen Betonstädten und im Bus kettenrauchenden Mitspielern (alle außer ihm rauchten!), von seiner Einsamkeit in seinem Apartment im Botschaftsviertel Hiroo und von seinen sportlichen Eingewöhnungsschwierigkeiten. Er beschreibt sein Verhältnis zum legendären Trainer Sadaharu Oh, zur mitunter aggressiven japanischen Boulevardpresse und zu taktierenden Funktionären. Höchst amüsant ist zu verfolgen, wie er ungeachtet immer neuer Ankündigungen, Japan "nach dieser Saison zu verlassen", seinen Vertrag doch stets wieder verlängert (zuletzt für 2 Millionen Dollar pro Saison). Er sollte insgesamt sieben Jahre in Tokyo bleiben und zu einem der prominentesten (und erfolgreichsten) Ausländer werden, die je in der japanischen Central League aktiv waren.

Fazit: Sicher ist das Buch für eingefleischte Baseball-Fans von noch größerem Interesse. Aber auch wer einfach nur am Leben eines Gaijin im Tokyo der Mittachtziger teilhaben oder die Karriere eines amerikanischen Sportlers im Ausland verfolgen möchte, wird von "Slugging It Out In Japan" fasziniert sein.


Flanagan's Run
Flanagan's Run
von Tom McNab
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein herausragendes Buch, 7. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Flanagan's Run (Taschenbuch)
Tom McNab hat mit "Flanagans Run" eine grandiose Idee grandios umgesetzt: Ein Wettlauf - der größte in der Geschichte der Menschheit - mitten durch das Amerika der Großen Depression, organisiert von dem charismatischen Promoter C.C. Flanagan. Von Los Angeles durch die Wüste nach Las Vegas, über die Rockys, an den endlosen Weizenfeldern von Kansas und Iowa vorbei nach St. Louis, in das von Al Capone beherrschte Chicago und dann weiter nach New Jersey bis nach New York City. 5.062 Kilometer und 134 Meter. Zweitausend Läufer gehen im März 1931 an den Start, magisch angezogen von der übermenschlichen Herausforderung - achtzig Kilometer pro Tag an sechs Tagen die Woche über einen Zeitraum von fast drei Monaten - und dem sensationellen Preisgeld für den Sieger: 150.000 Golddollar, garantiert von der Trans-Amerika-Bank. Das Teilnehmerfeld könnte ungewöhnlicher nicht sein: Da laufen ein vom FBI gesuchter Ex-Gewerkschaftler und ein britischer Lord einträchtig nebeneinander, ein junger Mexikaner, der sein Dorf retten will, und eine ehemalige Tänzerin, der Laufveteran "Doc" Cole, ein bettelarmer Schotte aus Glasgow und eine Mannschaft der Hitlerjugend.

Man sollte meinen, dass bereits der Lauf als solcher durch unterschiedliche Klimazonen mit sengender Hitze an einem Tag und eisiger Kälte am nächsten, mit überschwemmten Straßen und feindseligen Bergen für alle Beteiligten einschließlich den Promoter und sein unermüdliches Team anstrengend genug wäre. Doch auf sie warten nahezu täglich Herausforderungen ganz anderer Art: Mächtige Gegner des Trans-Amerika lassen in Washington ihre Kontakte spielen, um den Lauf zu sabotieren. Sponsoren ziehen ihre Zusagen zurück, auf einen Läufer wird ein Mordanschlag verübt, ein zweiter ist gedopt, und in Chicago will der Mob den Ausgang des Rennens beeinflussen. Der permanent am finanziellen Abgrund taumelnde Flanagan muss seine Läufer ein ums andere Mal bitten, mit Showeinlagen der besonderen Art Geld einzuspielen, um den Jahrhundertlauf am Laufen zu halten. Heute ein Schaulaufen gegen ein Pferd, morgen ein Kampf gegen einen Preisboxer, übermorgen ein Tauziehen gegen stämmige Schottinnen. In Cleveland pokert Flanagan gar höchstpersönlich um die Zukunft seines Projektes.

Tom McNab ist ein ganz, ganz großes Buch gelungen, das in unnachahmlicher Weise das brodelnde Amerika der 30er Jahre lebendig werden lässt und nebenbei auch noch höchst vergnügliche und spannende Unterhaltung bietet, mit überraschenden Wendungen und vielen Informationen zu den Anfängen des Profilaufsports. Mitunter mag das Buch ein wenig wie am Reißbrett entworfen wirken - jetzt kommt die Geschichte von X, hier ein Plotpoint, dann die Geschichte von Y, dann wieder ein Plotpoint - und einige der Figuren mögen ein klein wenig klischeehaft daherkommen, aber das ist ein Nörgeln auf hohem Niveau.

Fazit: Unbedingt lesen!


Trans-Amerika: Roman
Trans-Amerika: Roman
von Tom McNab
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein ganz, ganz großes Buch, 6. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Trans-Amerika: Roman (Taschenbuch)
Eine grandiose Idee, ebenso grandios umgesetzt: Ein Wettlauf - der größte in der Geschichte der Menschheit - mitten durch das Amerika der Großen Depression, organisiert von dem charismatischen Promoter C.C. Flanagan. Von Los Angeles durch die Wüste nach Las Vegas, über die Rockys, an den Weizenfeldern von Kansas und Iowa vorbei nach St. Louis, in das von Al Capone beherrschte Chicago und dann weiter nach New Jersey bis nach New York City. 5.062 Kilometer und 134 Meter. Zweitausend Läufer gehen im März 1931 an den Start, magisch angezogen von der übermenschlichen Herausforderung - achtzig Kilometer pro Tag an sechs Tagen die Woche über einen Zeitraum von fast drei Monaten - und dem sensationellen Preisgeld für den Sieger: 150.000 Golddollar, garantiert von der Trans-Amerika-Bank. Das Teilnehmerfeld könnte ungewöhnlicher nicht sein: Da laufen ein vom FBI gesuchter Ex-Gewerkschaftler und ein britischer Lord einträchtig nebeneinander, ein junger Mexikaner, der sein Dorf retten will, und eine ehemalige Tänzerin, der Laufveteran "Doc" Cole, ein bettelarmer Schotte aus Glasgow und eine Mannschaft der Hitlerjugend.

Man sollte meinen, dass bereits der Lauf als solcher durch unterschiedliche Klimazonen mit sengender Hitze an einem Tag und eisiger Kälte am nächsten, mit überschwemmten Straßen und feindseligen Bergen für alle Beteiligten einschließlich den Promoter und sein unermüdliches Team anstrengend genug wäre. Doch auf sie warten nahezu täglich Herausforderungen ganz anderer Art: Mächtige Gegner des Trans-Amerika lassen in Washington ihre Kontakte spielen, um den Lauf zu sabotieren. Sponsoren ziehen ihre Zusagen zurück, auf einen Läufer wird ein Mordanschlag verübt, ein zweiter ist gedopt, und in Chicago will der Mob den Ausgang des Rennens beeinflussen. Der permanent am finanziellen Abgrund taumelnde Flanagan muss seine Läufer ein ums andere Mal bitten, mit Showeinlagen der besonderen Art Geld einzuspielen, um den Jahrhundertlauf am Laufen zu halten. Heute ein Schaulaufen gegen ein Pferd, morgen ein Kampf gegen einen Preisboxer, übermorgen ein Tauziehen gegen stämmige Schottinnen. In Cleveland pokert Flanagan gar höchstpersönlich um die Zukunft seines Projektes.

Tom McNab ist mit "Trans-Amerika" ein ganz, ganz großes Buch gelungen, das in unnachahmlicher Weise das brodelnde Amerika der 30er Jahre lebendig werden lässt und nebenbei auch noch höchst vergnügliche und spannende Unterhaltung bietet, mit überraschenden Wendungen und vielen Informationen zu den Anfängen des Profilaufsports. Mitunter mag das Buch ein wenig wie am Reißbrett entworfen wirken - jetzt kommt die Geschichte von X, hier ein Plotpoint, dann die Geschichte von Y, dann wieder ein Plotpoint - und einige der Figuren mögen ein klein wenig klischeehaft daherkommen, aber das ist ein Nörgeln auf hohem Niveau. Passend zum Buch gibt es einen für deutsche Verhältnisse außerordentlich gelungenen Klappentext - der auch tatsächlich zum Kauf animiert - und ein stimmungsvolles Cover.

Fazit: "Trans-Amerika" ist kein brandneues Buch, aber da ich es erst in diesem Jahr entdeckt habe, ist es - jedenfalls bislang - mein Buch 2011. Unbedingt lesen!


Accused (A. Scott Fenney)
Accused (A. Scott Fenney)
von Mark Gimenez
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hervorragend, wenngleich nicht ganz so gut wie "The Colour of Law", 15. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Accused (A. Scott Fenney) (Taschenbuch)
Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle Mark Gimenez' phantastischen Debütroman The Colour of Law besprochen. Darin erzählt der texanische Jurist die Geschichte des erfolgreichen Anwalts A. Scott Fenney aus Dallas, der sich urplötzlich zwischen seiner Karriere und seinem Gewissen entscheiden muss. In diesem Buch lernt der Leser auch Scotts attraktive Frau Rebecca kennen. Für die frühere Cheerleaderin und "Miss SMU" war die bekannte Football-Legende A. Scott Fenney die Eintrittskarte in die Welt des Luxus und des Überflusses: eine Villa im noblen Stadtteil Highland Park, Mitgliedschaft in diversen Clubs, Charityveranstaltungen usw. Gimenez skizziert Rebecca dabei nicht als kalte, berechnende Schönheit: Sie liebte Scott durchaus, "but she would not have married him if he had wanted to coach high school football and live in a small house in the suburbs. She could not separate her love from his ambition." Ihre Beziehung zu dem erfolgreichen Anwalt erfuhr eine erste Erschütterung durch ihre (ungewollten) Schwangerschaft: "Rebecca Fenney was not a squat soccer mom in a minivan. She was a sleek white woman in a black Mercedes coupe!" Doch Scott wollte das Kind unbedingt. "When he gazed on his new daughter in the hospital nursery, it was love at first sight. And Rebecca saw that her place in his heart had been stolen." Doch sie ist keine Frau, die sich damit begnügt, im Leben eines Mannes die Nummer zwei zu sein: "Rebecca Fenney needed a man who needed her more than life itself." Also begann sie eine Affäre mit dem jungen Golflehrer des exklusiven Golfklubs in Highland Park. Und dann, als A. Scott Fenney sich gegen seine Karriere entscheidet und dafür, eine junge schwarze Prostituierte gegen alle Widerstände von dem Vorwurf reinzuwaschen, den Sohn eines mächtigen Senators erschossen zu haben, muss Rebecca erkennen: Ihre und Scotts Ambitionen sind nicht länger die gleichen. Ihr Liebhaber erhält zur gleichen Zeit die Spielberechtigung für die PGA-Tour. Rebecca entscheidet sich, ihre Familie zu verlassen und mit ihm zu gehen: "She would be a golfer's groupie."

Mark Gimenez schrieb nach "The Colour of Law" weitere Bücher, ehe er nun mit "Accused" eine Fortsetzung seines Debütromans präsentiert: Zwei Jahre sind inzwischen vergangen. A. Scott Fenney erhält eines Tages völlig überraschend einen Anruf: "Scott, it's Rebecca. I need you." Aus Rebeccas Liebhaber Trey Rawlins, dem jungen Golflehrer in Highland Park, ist mittlerweile ein höchst erfolgreicher Profi geworden: Turniersiege, millionenschwere Werbeverträge, eine Yacht - erneut führt Rebecca an der Seite eines Mannes genau das Leben, das sie immer führen wollte. Doch als sie eines Nachts in dem gemeinsamen Strandhaus in Treys Heimatstadt Galveston aufwacht, liegt er tot mit einem Messer in der Brust neben ihr. Und auf dem Messer finden sich Rebeccas Fingerabdrücke. Natürlich wird sie des Mordes angeklagt - und ihre einzige Hoffnung ist nun ihr Ex-Mann Scott.

Zu den Stärken Gimenz' zählt, sich von gängigen Klischees fernzuhalten: In jedem anderen Thriller wäre Scotts Gegenspieler, der Bezirksstaatsanwalt von Galveston, ein ehrgeiziger, skrupelloser Hardliner, der die Gelegenheit, den Mord an einem Helden der Stadt zu sühnen, nur zu gern und natürlich im grellen Scheinwerferlicht der Medien beim Schopfe packen würde. Doch Rex Truitt, der DA (District Attorney) in Gimenez' Buch, ein Ebenbild von Ernest Hemingway, ist wohl der sympathischste und fairste Staatsanwalt, der jemals in einem Thriller erschien: "Scott, my job is to see justice done, and I intend to do exactly that. I think that means convicting your wife. But if it means setting her free and convicting someone else, so be it." Allerdings hat Scott Fenney auch ohne einen skrupellosen Staatsanwalt, der ihm das Leben schwer macht, noch genügend Arbeit. Denn Trey Rawlins, so findet er schnell heraus, war nicht der Sunnyboy, für den ihn alle hielten, sondern ein Mann mit zahllosen Lastern und noch mehr Feinden: Er nahm Drogen und spielte, er manipulierte Turniere und hatte Affären mit den Frauen und Töchtern anderer Profis. Leider wirkt das Buch an dieser Stelle ein wenig überfrachtet und damit unglaubhaft. Denn sowohl Drogendealer als auch Vertreter der Wettmafia geben Scott nur allzu gern Auskunft über diese Vorfälle und wiederholen - wenn auch etwas widerwillig - ihre Vorwürfe, als sie später im Prozess gegen Rebecca als Zeugen geladen werden, ohne dass der DA dies zum Anlass nehmen würde, tausend auf der Hand liegende Nachfragen zu stellen. So haben die Gerichtszenen mitunter leider Slapstickcharakter. Das Buch findet ein durchaus überraschendes Ende, wobei es aber zu jenen Büchern gehört, bei denen das Ende vorheriges Geschehen in der Rückschau stellenweise unglaubhaft wirken lässt, wodurch beim Leser ein etwas schales Gefühl zurückbleibt.

Wenn und soweit in Gimenez' Buch starke, ehrgeizige Frauen eine Rolle spielen, sind sie - und das mag die obigen Ausführungen zum Thema "Klischees" ein wenig relativieren - ausnahmslos höchst attraktiv: Sei es die Richterin, die unbedingt Bundesrichterin werden will und Scott während eines gemeinsamen Fluges ein mehr als eindeutiges Angebot macht, oder die junge TV-Journalistin, die den Prozess als Sprungbrett für eine Karriere bei den großen Networks nutzen will und für Informationen kleine und größere Gefälligkeiten bietet. Doch diese Überzeichnungen sind eher amüsant als ärgerlich und trüben das Lesevergnügen kaum.

Neben der wirklich spannenden Handlung, die erst in der zweiten Hälfte des Buches an den oben genannten Überfrachtungen leidet, gewährt Gimenez einen ironischen Einblick in den Alltag der Pro Golf Tour und das Leben der Spieler mit üppigen Werbeverträgen ("Endorsements"), Flügen von einem Turnier zum nächsten und allzu leichtem Zugang zu (natürlich ausnahsmlos ebenfalls attraktiven) Groupies, die aufgrund ihrer leichten Bekleidung nur "two pieces" genannt werden. Golf, so erklärt ein Sportagent gegenüber Scott, ist der "WMWM-Sport": White men with money. Ander als das Publikum bei Football- und Basketballspielen bestehe die Anhängerschaft des Golfsports aus Rechtsanwälten, Ärzten, CEOs: "This place could pass for the f***ing Republican National Convention." Und genau das sei auch der Grund, weshalb die Werbedollars weitaus üppiger sprudelten als in anderen Sportarten.

Fazit: Ein außerordentlich gelungenes Buch, wenn auch nicht ganz so gut wie Gimenez' grandioser Debütroman. Wer Fortsetzungen mag, sollte schon deshalb zu "Accused" greifen. Wer einen spannenden Thriller sucht, wird - mit den oben genannten Einschränkungen - ebenfalls bestens bedient, sollte aber zunächst unbedingt "The Colour of Law" lesen. Und wer sich für den Alltag der Pro Golf Tour interessiert, wird an "Accused" ebenfalls großes Vergnügen finden.


The Colour of Law.
The Colour of Law.
von Mark Gimenez
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen DER Dallas-Roman schlechthin, 25. April 2011
Rezension bezieht sich auf: The Colour of Law. (Taschenbuch)
Angesichts der schieren Menge und der höchst unterschiedlichen Qualität amerikanischer Thriller, die Jahr für Jahr ins Deutsche übersetzt werden, ist mir schleierhaft, wieso Mark Gimenez' erstklassiger Debütroman "The Colour of Law" bislang nicht in deutscher Übersetzung vorliegt. Mit einer Gesamtauflage von über 900.000 Büchern ist Gimenez ein Bestsellerautor - viele amerikanische Thriller-Autoren erreichen diese Schwelle nicht und schaffen es dennoch in hiesige Buchhandlungen.

Mir ist "The Colour of Law" während eines Aufenthaltes in Tokio in die Hände gefallen - vielleicht wegen des etwas großspurig anmutenden Blurbs auf dem Frontcover, demzufolge die ehrwürdige britische "Times" Mark Gimenez als "the next Grisham" einstuft. Nach der Lektüre des Buches bleibt mir nur, jene Aussage zu bestätigen: Jawohl, Gimenez ist herausragend - so gut wie Grisham in seinen besten Zeiten. Und mehr noch: Mit "The Colour of Law" präsentiert er nicht nur einem hochspannenden, atemberaubenden Gerichtsthriller. Sondern auch ein Buch, das wie kein anderes das Lebensgefühl der texanischen Metropole Dallas widerspiegelt. Unser Wissen über diese Stadt stützt sich in aller Regel auf die gleichnamige Kultserie der achtziger Jahre, die das einzigartige Neben- und Miteinander von Stetson, Cowboystiefeln und Maßanzug, gläsernen Bürotürmen und Rinderherden in Millionen auch deutscher TV-Haushalte transportierte. So, wie die Geschichte des berühmten Ewing-Clans das Leben in Dallas aus der Sicht der unabhängigen Öl-Produzenten beschrieb, berichtet Gimenez aus der Sicht der Anwälte: A. Scott Finney ("What stand the A for?" - "Nothing.") ist Partner bei Ford Stevens, einer noblen Wirtschaftskanzlei mit zweihundert Anwälten, die im Durchnitt pro Monat 200 Stunden a`250 Dollar abrechnen. Finney, ein ehemaliger Star des einheimischen Universitätsfootballteams, verdient 750.000 Dollar pro Jahr und wohnt in einer luxuriösen Villa im Nobelstadtteil Highland Park, gemeinsam mit seiner attraktiven Frau, einer ehemaligen Cheerleaderin, und der neunjährigen Tochter Boo.

Dieses idyllische Leben gerät aus den Fugen, als Finney von einem Bundesrichter gegen seinen Willen zum Pflichtverteidiger einer Prostituierten ernannt wird, die den Sohn eines mächtigen texanischen Senators erschossen haben soll. Die Kanzlei Ford Stevens steckt in der Klemme. Sie kann es sich nicht leisten, einen Bundesrichter zu verärgern - aber noch weniger, sich Senator McCall, einen Anwärter für das Präsidentenamt, zum Feind zu machen. Finneys Chef macht unmissverständlich deutlich, was er von seinem Anwalt erwartet: Scott soll die Prostituierte in ihr Verderben stürzen lassen. Doch der weigert sich, denn er ist von ihrer Unschuld überzeugt. Damit schafft Scott sich mächtigte Feinde. Der erfolgreiche Anwalt wird plötzlich zum Paria...

Neben diesem spannenden Plot liegt der größte Reiz des Romans wie gesagt in dem ungeheuer atmosphärischen Bild, das er vom Leben der Erfolgreichen und Erfolglosen in Dallas zeichnet. Der Alltag in den Nobelsiedlungen mit der Mitgliedschaft im Country Club und den illegalen mexikanischen Dienstmädchen, der Alltag in der riesigen Law Firm, der sich plötzlich wieder kreuzende Weg zweier Studenten, von denen der eine zu Ford Stevens ging und der andere ein erfolgloser Straftverteidiger wurde, der Ruhm, der in Amerika bereits mit Erfolg im Universitätssport einhergeht (A. Scott Finney ist in Dallas eine Legende, seit er als Footballer in einem Spiel 193 Yards schaffte) - all das verarbeitet Gimenez zu einem großartigen, packenden Gemälde.

Fazit: Wie die "Times" sagte: Der neue Grisham! Unbedingt lesen!


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9