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Rezensionen verfasst von
Andreas Gryfius

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Jung & schön
Jung & schön
DVD ~ Marine Vacth
Preis: EUR 13,99

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Große Filmkunst - in Deutschland unverstanden, 24. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Jung & schön (DVD)
An den Anfang seines Films Jeune & Jolie setzt François Ozon den Blick durch einen Feldstecher auf eine halbnackte junge Frau, die im Folgenden Geschlechtsverkehr mit älteren Männern haben wird, für Geld. Diese klar voyeuristische Perspektive ist in ihrer Ehrlichkeit insofern bemerkenswert, als Jeune & Jolie nicht nur das Porträt der außergewöhnlichen Isabelle zeichnet, sondern auch Kommentar zur Bigotterie einer angeblich liberalen, intellektuellen Pariser Oberschicht sein will. Dass Ozon homosexuell ist, tut dabei zunächst nichts zur Sache. Er bekennt Farbe: die Frau interessiert ihn, fasziniert ihn, auch wegen ihrer Schönheit, ihrer Sexualität. Ozon handelt nicht bigott. Er steht mutig zu seiner Neugierde, zu seiner Begierde. Genau davon handelt der Film: von Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber. Vom Mut andere Wege auszuprobieren als die Mehrheit, bei vollem Bewusstsein, ohne sich dafür mit Alkohol oder Marihuana berauschen zu müssen. Und ohne diese Wege nur mittelbar – im Theater, der Kunst oder der Literatur – nachzuvollziehen. Nahezu alle Nebenfiguren und Antagonisten in Jeune & Jolie belügen sich selbst oder ihre Partner. Sie gerieren sich als moralisch integer und erwachsen, sind dabei aber genauso unmündig wie Kant es in seinem Aufsatz zur Aufklärung beschreibt:

"Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."

Es muss aber kein Buch oder Arzt sein: es kann einfach die herrschende Meinung sein, aus der der Mutlose keinen Ausweg findet, eine Meinung die, wie Kant betont, ihre Ursache in bewusst geschürten Ängsten hat.

"Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotism und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurteile werden eben sowohl als die alten zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen."

In diesem Sinne ist es dann eben doch relevant, dass Ozon homosexuell ist, denn er weiß vermutlich, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden, weil er die "Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge" der Bourgeoisie zu Gunsten einer wahrhaftigeren Existenz für sich negieren musste.

Im besten Fall wird eine solche Negation als "krank" und "unnormal" stigmatisiert, dem oder der "Betroffenen" – wie Isabelle – ein Heilungsversuch beim Psychologen empfohlen. In schlechteren Zeiten werden die "Andersartigen" verbrannt oder auf schlimmere Weise ermordet. Immer ist der Grund für den Tugendterror der Wunsch, dem vermeintlich Guten zum Durchbruch zu verhelfen, indem man das vermeintlich Schlechte kriminalisiert und ausmerzt, ob nun zu Zeiten der Inquisition, der Hexenverbrennungen oder anderen Terrorherrschaften. Robespierre erklärt:

"Die Terreur ist nichts anderes als unmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Ausfluss der Tugend; sie ist weniger ein besonderes Prinzip als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringlichsten Bedürfnisse des Vaterlandes."

Nun, wenn der "Ausfluss der Tugend" seine Rechte fordert, wenn Katholiken, Idealisten und andere Fundamentalisten aus Reinheitswahn Gesetze zimmern, sind Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Freidenker und Prostituierte seit vielen Jahrhunderten unter den ersten Opfern.

Büchners Held Hérault fordert in Dantons Tod deswegen:

"In unseren Staatsgrundsätzen muss das Recht an die Stelle der Pflicht, das Wohlbefinden an die der Tugend und die Notwehr an die der Strafe treten. Jeder muss sich geltend machen und seine Natur durchsetzen können. Er mag nun vernünftig oder unvernünftig, gebildet oder ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an. Wir alle sind Narren, es hat keiner das Recht, einem andern seine eigentümliche Narrheit aufzudringen."

Aber ist es wirklich so, dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, in der der Volonté générale alles Andersartige niedermetzelt? Wohl kaum. Aber in einem wirklich aufgeklärten Zeitalter leben wir wohl auch nicht, so sehr wir es uns gerne versichern. Dazu müsste der Einzelne besser oder überhaupt erst in der Lage sein, aus gesellschaftlich verankerten Denkschablonen auszuscheren, oder zumindest nicht sofort nach dem Arzt zu rufen, wenn es ein anderer tut. Wie schwer das in Wirklichkeit fällt, demonstriert François Ozon seinen Zuschauern auf meisterhafte Weise. Dort, wo sie hingehört, an das Ende des regulären dritten Filmaktes, setzt er die "Bekehrung" der Heldin, wie wir sie erwarten. Isabelle versöhnt sich mit der Welt, mit ihrer Mutter und besucht sogar eine Party Gleichaltriger. Hier betrinkt sie sich zwar nicht wie ihre Mitschüler, die ihre Ängste nur mittels Alkohol überwinden können, lässt sich aber noch einmal auf einen jungen Mann ihres Alters ein. Sie führen angeregte Gespräche über Nichtigkeiten, er reißt sie sogar aus ihrem Ernst, aus ihrer Melancholie. Sie streifen im Morgengrauen über den Pont-Neuf, sie bilden mit ihren Silhouetten ein Herz. Wahre Liebe, ideales Glück, schönste Harmonie scheinen möglich! Beim Sex profitiert Isabelle danach von ihren Kenntnissen, sie übernimmt die Führung als es nötig wird. Die Sonne strahlt ins Esszimmer der Familie. Gefrühstückt wird gemeinsam...

Ja, denken wir, da ist jemand nach allen Regeln der Hollywooddramaturgie "mit dem Elixier" zurückgekehrt in den Schoß der bürgerlichen Gemeinschaft. Isabelle ist zur "Wandlerin zischen den Welten" geworden. Nach dem "Coming of age" ist sie zu wahrer Reife und Erwachsenheit gelangt...

Moment, sagten wir "Erwachsenheit" und meinten Mündigkeit? Weil sich die junge Frau in die gängigen Normen der Bourgeoisie eingliedert? Ist es wirklich das, was wir von ihr fordern, dass sie ihren Mut, ihre Neugierde und Promiskuität von nun an verleugnet? War ihr Handeln so schlecht, hat sie so viele Menschen verletzt? Hat sie überhaupt andere Menschen verletzt oder haben sich diese Menschen nicht selbst verletzt durch ihre eigene Bigotterie? Das sind viele Fragen, die auch einen Filmkritiker überfordern können. Die "Zeit" übertitelt ihre Besprechung von Jeune & Jolie wie folgt:

"Was treibt die da nur? – François Ozon lässt eine Jugendliche sich prostituieren und bietet leichter Hand ein paar Ideen, warum sie das tut. Am Ende ahnt man: Wir brauchen das nicht zu verstehen."

Oder anders gesagt: niemand, auch kein Filmkritiker, kann beim Blick in den Spiegel dazu gezwungen werden, die Augen zu öffnen. Isabelle wagt es im letzten Filmbild – und erkennt sich selbst.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 20, 2014 8:59 PM MEST


Die unsichtbare Frau
Die unsichtbare Frau
von Siri Hustvedt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Literarisch sehr interessant, 28. Oktober 2013
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Rezension bezieht sich auf: Die unsichtbare Frau (Taschenbuch)
Zum Inhalt ist hier viel gesagt worden, deswegen nur zur Ergänzung: Das Buch ist vom achronologischen Aufbau und der erzählerischen Perspektive her sehr interessant. Der hochdepressive, neurotische Blick der Protagonistin wird ohne allzu große Fingerzeige auf die sogenannte Wirklichkeit oder das Objektive hin durchgehalten. Die Ausweglosigkeit einer an sich überhaupt nicht ausweglosen Situation, der Käfig, den sich die junge Frau selber bastelt, ist grandios und lebendig gezeichnet. Die Spannung wird auf kunstvolle Weise bis zum Ende hochgehalten, obwohl es sich ja letztlich vor allem um eine Charakterstudie handelt. Was mich allerdings wirklich erschüttert hat, ist nicht eigentlich das hoffnungslos unemanzipierte der Protagonistin und auch nicht ihre Selbstdefinition über Männer, sondern der in diesem Zusammenhang frappierende Fakt, dass die Autorin das Buch unbedingt ihrem Mann Paul Auster widmen musste (hat Max Frisch seinen Gantenbein der Bachmann gewidmet - nein!), und dass sie in ihrer Klappentext-Biografie als Tochter und Ehefrau vorgestellt wird, während Paul Auster in seinen Klappentexten als Großschrifsteller (ohne Erwähnung der Frau und Eltern) vorgestellt wird. Das lässt das Buch für mich noch einmal in einem ganz anderen, schrecklichen Licht erscheinen. Findet nicht nur die Protagonistin, sondern auch die Autorin keinen Ausweg aus ihrer Männerfixiertheit, also dem Abhängigsein von der Meinung eines faszinierenden Mannes? Kommt daher das Unschlüssige, Unrunde, nicht zu Ende gedachte?


F
F
von Daniel Kehlmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kehlmann hits the bottom, 4. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman, der es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist es auch nicht Wert einmal gelesen zu werden, hat Jean-Paul gesagt. Im Falle von F. würde ich widersprechen. Vielleicht, weil F. gar kein echter Roman ist, sondern eine essayistische Tragikomödie, also mehr Theater als Prosa, eine sehr unterhaltsame, gut lesbare Denkanregung, die freilich nicht so tief geht, dass es anfängt wirklich weh zu tun. Eine nihilistische Weltanschauung wird als grundsätzliche Haltung von Anfang bis Ende durchgehalten, die Übermenschwerdung des Autoren und Vaters Arthur bildet dafür den roten Faden. Aber genau hier krankt das Ganze auch auf Konzeptebene. Denn gerade das angeblich mögliche andere Leben, das Arthur führt, wird nur behauptet und bleibt die größte Utopie, mehr noch als bei Nietzsche. Er lebt mit seinen Büchern und seinem Schreibtisch in einem abseits der Welt gelegenen Haus und kommt weitgehend ohne menschliche Nähe aus, nur wie? Max Frisch, der vielleicht auch Inspiration für diese Figur war, hat seine Ideen in den Romanen immer wirklich auf die Probe gestellt, phänomenal im Gantenbein, auf den ja auch angespielt wird. Aber eben nicht nur intellektuell auf die Probe, sondern auf die Probe des Lebens. Selbst Godard hat bei Le Mepris jede noch so kleine Regung und Bewegung mit Menschenblut gefüllt. Noch einmal: nicht, um zu unterhalten, sondern um die Utopie (eines Lebens für die Kunst, oder in Kehlmanns Fall, eines Lebens, das einem selbst gemäß ist, ohne Verpflichtung) auf die Probe zu stellen. Und weil Kehlmann eben dies nicht tut, wirft F. Fragen auf, macht sie fassbar, unterhält, gibt Anregungen, aber macht es nicht nötig, das Ganze nochmal durchzuarbeiten und zu prüfen. Dass ausgerechnet der Mensch, der als Symbiose vom "letzten Menschen" und Übermenschen selbstlose Liebe, Caritas, zeigt, ermordet wird, und ihm nicht einmal der Trost bleibt, sinnvoll seinem Gewissen gefolgt zu sein, ist aber sehr hübsch dargestellt und in seiner Konsequenz dem Buch auch gemäß, wenn auch schwer erträglich. Kehlmann macht sich mit F. gewissermaßen leer, hits the bottom, wie es im Fight Club heißt, entfernt sich vom immer etwas illusionären Menschlichen, und ich bin sicher, sein nächstes Buch wird von der Rückkehr mit dem selbst gewählten Elixier der Liebe handeln, von einem Trotzdem. Ich bin sehr gespannt.


Das Böse
Das Böse
von Terry Eagleton
  Gebundene Ausgabe

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Tolle Stoffsammlung zum Thema, 25. November 2012
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Rezension bezieht sich auf: Das Böse (Gebundene Ausgabe)
Das Buch ist eine tolle Stoff- und Quellensammlung zum Thema, nicht mehr, nicht weniger. Eagleton zitiert aus antiken Quellen, aus klassischen Romanen, aus moderner Philosophie, lang und breit, auf stellenweise sehr unterhaltsame Weise. Das Buch ist Populärliteratur im besten Sinne. Da hat sich ein Publizist ein Zeitfenster genommen, um sich mit einem Thema auseinanderzusetzen und es von einigen Seiten zu betrachten. Allerdings ist es bei vielen solcher Bücher so, dass man schnell das Gefühl des Aufderstelletretens und Aufgeblasenseins bekommt. Das ganze, also die These, hätte wunderbar auch in einem 15-seitigen Aufsatz beschrieben werden können. Die Argumentation, die Auseinandersetzung mit der These ist äußerst schwach. An jeder Stelle möchte man ein "Ja aber" rufen, dass der Autor aber immer umgeht, statt es vorwegzunehmen und zu entkräften. Er unterscheidet zwischen dem Bösen und dem Schlechten, schafft es aber nicht ansatzweise eine Grenze zu ziehen. Klar ist nur: Hitler war böse, während man bei Stalin und Lenin noch zweifeln könnte. Nun ja... Da traut sich jemand nicht in die Tiefe seiner eigenen Gedankenfässer zu steigen, bzw. sieht sich zwar nach den Figuren um, die die Schatten an der Wand produzieren, steigt aber nicht aus der Höhle. Am absurdesten wird es gegen Ende, wenn sich - nach liberaler Einleitung - seine konservative Seite zeigt und er andeutet, dass Schludrigkeit und das Überschreiten gesellschaftlicher Konventionen auch schnell ins Böse gehen können... Schade auch, dass er sich nur mit dem Theoretischen auseinandersetzt, statt Fälle von Massenmördern und Satanisten zu untersuchen und zu besprechen. Alles in allem: eine bequem vor sich hinentwickelte Schreibtischarbeit, die viel Leseanregung gibt. Bei perfekter Übersetzung.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 8, 2013 10:14 PM MEST


Icon Poet: Alle Geschichten dieser Welt
Icon Poet: Alle Geschichten dieser Welt
von Andreas Frei
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 68,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein sehr schönes Erwachsenenspiel, 22. September 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
1. schade, dass der Preis so hoch ist.
2. für kreative Runden, die genug von Nobodys Perfect haben perfekt
3. hier geht es weniger ums Gewinnen als um den Spaß - sehr schön
4. Trotzdem empfehlen sich Regeländerungen. Wie zum Beispiel die Nobodys Perfect Regel, dass einer die Geschichten aller vorliest und dann bewertet wird.
5. insgesamt ein sehr inspirierendes, schön gestaltetes Ding, das jeden, der so etwas Besonderes zu schätzen weiß, beglücken wird


Weitlings Sommerfrische: Roman
Weitlings Sommerfrische: Roman
von Sten Nadolny
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein sehr persönliches Buch über das Autorendasein, 23. Juli 2012
Für Nadolny-Fans ist dieses Buch ein Fest, obgleich es keine wirklich spannende "Story" und keinen kantigen "Helden" gibt und sich nicht "wegliest" (es ist mehr wie eine langsame Floßfahrt über die Havel oder ein Plättentrip über den Chiemsee). Es bietet einen interessanten Blick in die literarische Schreib- und Lebenswerkstatt des Autoren und ist überhaupt ein Buch über das Autorendasein. Denn die Zeitreise, in die der Held Weitling gestoßen wird und die Parallelfigur, die durch seine Rückkehr in die Jetztzeit entsteht, sind im Grunde eine Beschreibung des Autorenlebens im Hier und Gestern, im Ich und Er, in Realität und Fiktion (die aber für einen Autoren sicher mehr Realität ist, als umgekehrt...).

Zusätzlich zu dieser allgemeinen Betrachtungsebene kommt die persönliche, denn Nadolny erzählt hier viele autobiographische Dinge nur leicht verfremdet. Das Buch erinnert so auf sehr schöne Weise an viele, auch unbekanntere Werke von Max Frisch, wobei Nadolny natürlich viel zu vorsichtig ist, um so verwegene Gedankensalven wie Max Frisch aus der Hüfte abzufeuern, und auch nicht eitel genug, um sich so von allen Seiten selbst zu bespiegeln (manchmal möchte man sagen: leider, aber dafür würde man auch lieber mit Nadolny ein Bier trinken gehen, als mit Frisch).

Kurz: Es ist eine sehr persönliche Reflektion über das Leben und das Schreiben, man könnte auch sagen persönliche Kunst und persönliches Leben Nadolyns verschwimmen hier in einem beeindruckenden Werk. Dabei geht es auch viel um Gelassenheit, die Dinge nehmen wie sie kommen, um Erinnerung, Heimat und Familie. Es ist auch das ehrlichste Buch Nadolnys, da es kaum versucht, sich beim Leser anzubiedern oder auf Gefallen zu stoßen. Allerdings ist es dabei in der Tat, wie ein Vorschreiber anmerkte, etwas betulich, und zwar in dem Sinne, dass es nicht wirklich in Untiefen des Lebens und des Charakters vorstoßen WILL (es geht dem Schmerz aus dem Weg bzw. nimmt ihn als alltäglich hin, ohne ihn zu dramatisieren). Gelassenheit auch hier, Akzeptanz, das Wissen von etwas Größerem, von etwas Göttlichem, vom Voranschreiten der Welt, und Vollendung des Werkes des Vaters im Sohn oder der Tochter... Also auch ein beeindruckend "religiöses" Werk.

So wie mir als junger Mensch die "Entdeckung der Langsamkeit" und "Netzkarte" Kraft und Energie gegeben haben, so bereitet dieses Werk wohl ein wenig aufs Alter und Schlimmeres (?) vor. Ich freue mich in diesem Sinne auf weitere Werke Nadolnys, die hoffentlich so ehrlich und gut geschrieben bleiben, aber bei aller königlichen Beschreibungs-Kunst vielleicht auch das Drama oder den Witz im "richtigen" Leben suchen, wie es beispielsweise Yasushi Inoue gelingt. (Ich meine damit: gerade den charaktergefestigten Menschen, den Gelassenen, den, der seinen persönlichen Weg gefunden zu haben meinte, ins Drama oder die Komödie zu reißen.)


Der Russe ist einer, der Birken liebt: Roman
Der Russe ist einer, der Birken liebt: Roman
von Olga Grjasnowa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Seltsamer Trip in eine ungewohnte Weltwahrnehmung, 20. Juni 2012
Vorneweg: Ich habe mich lange nicht so über ein Buch geärgert und es beim Lesen gehasst, ich habe dabei gestöhnt und geflucht. Ich hätte sofort nach Lektüre wahrscheinlich jedem davon abgeraten. Nun, einige Wochen später, hat sich diese Meinung, dieses Gefühl verändert. Ich habe viel über die (deutsche, europäische, junge, weibliche) Welt nachgedacht, wie sie die Protagonistin empfindet und beschreibt, viel über ihre Wahrnehmung und ihre kalte Poetik, die teilweise so persönlich ist, dass man schnell verleitet ist, das ganze als Selbsttherapie einer "narzisstischen Depression" abzutun, nicht als Kunst, was ein irgendwie wahnsinniger, zumindest kritikwürdiger Gedanke ist...

Also kurzum: die Protagonistin ist auf stille, merkwürdige, durch ein Trauma begründete Weise gefangen in einem Wunsch nach Erlösung, nach Ruhe und Frieden, und ist dabei für ihren Unfrieden durch einen gewissen Stolz und eine gewisse Überheblichkeit (die ihr ein wichtiger, lebensnotwendiger Schutz ist), durch eine gewisse Intoleranz auch selbst verantwortlich. Sie ist in gewisser Weise ihr eigener Antagonist ohne dies zu reflektieren. Sie, die Intolerante, empfindet andere als intolerant. Sie, der Troublemaker, sehnt sich nach Ruhe, sie, die Verletzte, verletzt andere, sie, die Schwache, sieht auf Schwache herab.

Die mögliche "Emanzipation" (von Geschlechterrollen, fesselnden, kulturell bedingten Selbstbildern, Welt-, Männer- und Menschenhass) scheint dem Leser immer greifbar und möglich, der Protagonistin nicht. Sie müsste das Wenige dafür aufgeben, was ihr gerade noch Sicherheit gibt. Sie würde sich wohl auch selbst als tolerant, fried- und menschenliebend bezeichnen und die Diagnose "passiv aggressiv" brüsk zurückweisen. Das macht das ganze Buch so "aufregend" - im eigentlichen - und wie ich jetzt finde - nicht schlechtesten Sinn. Die Tragödie liegt - weil im Text nicht reflektiert - gewissermaßen zur Hälfte, im Weitergedachten außerhalb. Ein literarisches Phänomen, das ich so bisher selten getroffen habe, am ehesten noch bei Thomas Bernhard.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 29, 2014 1:20 AM CET


Oliver Twist - ungekürzt
Oliver Twist - ungekürzt
Wird angeboten von Audible GmbH
Preis: EUR 13,90

4.0 von 5 Sternen Hervorragend gelesen, ohne Kapiteleinteilung, 12. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Oliver Twist - ungekürzt (Hörbuch-Download)
Kurz und knapp: das Hörbuch ist ganz wundervoll gelesen, mit angenehmer Stimme, in angenehmen Tempo, in bewundernswerter schauspielerischer Leistung, die ja auch immer eine interpretierende ist. Jede Figur hat ihre eigene Tonlage, ihren eigenen Witz, alles sehr treffend, alles sehr pointiert. Leider aber - das scheint mir bei vielen Hörbüchern der Fall - ist das Buch nur in zwei Einheiten aufgeteilt, nicht aber in die einzelnen Kapitel. Wenn man es also auf dem kleinen Ipod hört ist ein Springen zwischen den Kapiteln unmöglich. Einmal auf den falschen Knopf gekommen - schon kann man von vorne beginnen. Bei jeweils fünfeinhalb Stunden pro Einheit ist das sehr nervig. Das wäre wirklich verbesserumgswürdig.


Philips QT4022/32 Bartschneider mit 20 Längeneinstellungen , abwaschbar
Philips QT4022/32 Bartschneider mit 20 Längeneinstellungen , abwaschbar
Preis: EUR 43,72

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ladegerät summte, 9. Januar 2012
Habe das Gerät sofort nach Kauf zurückgegeben, da das Ladegerät einen hohen Ton von sich gab (wie unten bereits von anderen erwähnt).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 17, 2012 8:40 AM MEST


Der Friedhof in Prag: Roman
Der Friedhof in Prag: Roman
von Umberto Eco
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Leider ausgesprochen langweilig im eigentlichen Sinne, 25. November 2011
Glücklicherweise habe ich das Buch vor dem Verschenken selbst gelesen und werde nun nach etwas Anderem suchen. Als wäre es Programm, enthält das Werk nichts, was nicht anderswo schon geschrieben und gedruckt worden ist: Eco plündert die gesamte bisherige Literatur und kocht ein brodelndes Gebräu aus unterirdischen Kulten, Teufelserscheinungen, haarsträubenden Riten, Rückgriffen auf templerische Riten mit dem üblichen Baphomet und dergleichen zusammen. Das ganze garniert er mit Kochrezepten. Immerhin scheint er einigen Spaß dabei zu haben, seinen unsympathischen, antisemitischen Helden ohne größeren dramaturgischen Plan und ohne einen frei zu legenden tieferen Sinn durch das revolutionäre Europa des 19. Jahrhunderts stolpern bzw. marodieren zu lassen. Der ganze Roman wirkt, als habe ihn entweder ein weniger talentierter Autor für Eco geschrieben oder als ob Eco das Buch während des Studiums europäischer Geschichte nebenbei mitgeschrieben hätte, quasi zwischen Küche, Weinkeller und Bibliothek. Natürlich enthält es auch einiges Wissenswertes, aber ich kann sagen, dass mich das Lesen trockener Fach- und Kochbücher bei weitem mehr unterhalten hätte. Sollte Thomas Manns lustig vor sich hin fabulierender Zauberberg dem Autoren Inspiration und Motivation gegeben haben, muss man sagen, dass Manns Roman an jeder Stelle von feinem Humor, Intelligenz, Inspiration und Sinnhaftigkeit durchdrungen ist, es geht um etwas, Figuren werden liebevoll
beschrieben und zum Leben erweckt. Das alles vermisst man in dieser kalten Welt unsympathischer Figuren sehr...


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