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Rezensionen verfasst von
tyler (Hürtgenwald)

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Second Life Syndrome
Second Life Syndrome
Wird angeboten von Hausmusik
Preis: EUR 22,60

32 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein zweites Leben ..., 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Second Life Syndrome (Audio CD)
Zu behaupten, Riverside hätten nach ihrem starken Debüt "Out Of Myself" eine 360°-Drehung vollzogen, wäre wohl etwas übertrieben und vielleicht einfach fehl am Platz. Viel mehr entwickelte man mit den Einflüssen der ersten CD und vielen frischen Ideen einen Art-Neoprog, der virtuoser, gewaltiger, dichter und atmosphärischer kaum sein könnte. Bereicherte man die schwebenden Klanglandschaften auf dem ersten Album noch mit gilmouresken Gitarren, wundersamen Effekten, folkloristischen Einsprengseln und einigen, wenigen metallastigen Aspekten, so hat man dies auf "Second Life Syndrome" konsequent weiter entwickelt. Das Ganze wirkt jetzt nicht nur viel schlüssiger als zuvor, sondern betont auch den hohen Grad an Abwechslung, und das über die gesamte Länge von gut 65 Minuten.
Wir steigen ein mit "After". Flüsternde Verse gehen über in beschwörenden Gesang, begleitet von schamanenhaften Stimmen. Man erinnert sich an den ersten Teil von "Reality Dream" des ersten Albums, diese wundersame Atmosphäre baute sich schon damals auf, und o Heiland, es scheint ganz so, als würde es wieder passieren. Nun setzt der neue Mann an den Keys, Michal Lapaj, ein und übertrifft schon jetzt seinen Vorgänger, indem er mit seinem gekonnten Spiel den Sound perfekt akzentuiert. Schliesslich endet der Song mit Piotr Grudzinskis klassisch-hymnischem Gitarrenspiel.
"Volte-Face" dann, setzt mit treibendem, schon fast polterndem Intro ein. Irgendwie befürchtet man, dass es jetzt so weitergehen könnte, doch gerade als man diesen Gedanken auszuführen gewagt hat, sticht eine wunderbare Melodie aus den Lautsprechern und schon ist dieses Feeling da, was man sonst nur von Pink Floyd, Porcupine Tree, Opeth in ihrer Damnation-Phase oder gar Marillion kennt. Diese Vergleiche sind übrigens durchaus angebracht, will man die Band wirklich unbedingt irgendwo einordnen. Als die Orgel gepaart mit Piano ertönt ist jedoch klar, dass hier etwas ganz Eigenständiges am Werke ist. Immer mehr baut sich diese schwebende Atmosphäre auf und Sänger Mariusz Duda stellt nun sein auf "Out Of Myself" angedeutetes, stimmliches Potenzial unter Beweis. Ähnlich wie ein gewisser Mikael Åkerfeldt versteht es Duda absolut reine Passagen zu singen und im nächsten Moment vor Wut auszurasten. Wahnsinn.
"Conceiving You" ist zwar weniger spektakulär, fügt sich aber doch perfekt in das Gesamtbild ein, welches das Album noch preisgeben wird. Natürlich geben sich hier wunderbare Melodien, typischer Neoprog-Rock und traumhafte Pianoeinlagen die Hand, und bilden somit einen perfekten Übergang zu dem, was nun folgt.
Ein moderner Klassiker. Kein Song, schon jetzt Legende. Wer den ersten Teil von Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond" kennt, und von einem glücklichen Menschen, der beim damaligen Release der "Wish You Were Here"-Scheibe dabei sein durfte, erzählt bekommen hat, was diese Gruppe zu dieser Zeit in den Köpfen von vielen Menschen auslöste, der kann nun dieses Gefühl nachvollziehen, denn der Titelsong "Second Life Syndrome" ist eine Liebeserklärung an den neuzeitlichen Prog-Rock. Sowas erlebt man ganz selten. Mit welcher Leichtigkeit hier die Instrumentalisierung mit Melodie, Progressivität und dem Wechselspiel aus laut und leise zu einem fast 16-minütigen Monstrum verschmolzen wird, ist schlicht und ergreifend zum heulen genial. Und ich dachte schon, sowas dürfte man nie wieder erleben.
Allein schon für diesen Song teilen sich Riverside ab sofort meine Riege der neuen Helden des Progressive-Rock mit solch illustren Gefährten wie The Mars Volta, Liquid Scarlet, Tenhi, Little Atlas, Isildurs Bane und anderen ...
Noch ganz in Ekstase von Grudzinskis Gitarrenspiel, das ich garnicht oft genug betonen kann, geht es nun mit "Artificial Smile" weiter. Ich fühle mich so stark an "Deadwing" von Porcupine Tree erinnert, dass in mir leichte Zweifel aufkommen. Gerade aus rockig und treibend, ich werde ungeduldig und dann schaffen es die Jungs wieder mich völlig unerwartet zu überfallen. Ein Wechselspiel aus bedrohlichen und hypnotisierenden Parts tanzt nun um den mittlerweile schreienden Sänger und lässt den Song stürmisch enden. Die Überraschung ist geglückt.
"I Turned You Down" kommt dann wieder aus einer ganz anderen Ecke. Ich musste ehrlich an Metallicas "S&M - Symphonie & Metallica" denken, als die Streicher einsetzten und den Song wahrlich episch einleiteten. Sänger Mariusz setzt mal wieder alles daran, seinem lethargischen Gesang Platz zu verschaffen, was ihm mit Bravour gelingt, bevor Piotr das Ganze mit seinem Spiel unterstreicht und der Hymnencharakter der Gruppe wirklich zur Geltung kommt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 27, 2008 10:12 PM MEST


Perdition City
Perdition City

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die ulver'schen Klangwelten, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Perdition City (Audio CD)
Ein Werk das ich seit einigen Jahren zu den wohl genialsten Scheiben auf dem Electronica-Sektor zähle, und das für mich bis heute Nichts von seinem revolutionären Charakter verloren hat.
Ihre zeitgenössischen Werke werden bei einem Großteil der Fangemeinde zerrissen. "Zu progressiv" sei das Ganze, "zu schwierig" und einfach "jenseits von allem was sich 'Musik' nennen darf"; der letzten Behauptung muss ich ohne Umwege beipflichten. Das, was Ulver seit diesem Album, oder auch teilweise schon seit "Themes From William Blake's The Marriage Of Heaven & Hell" kreieren, ist viel höher, viel intensiver und viel fortschrittlicher als das Meiste, was dieser Tage den Titel "Musik" aufgedrückt bekommt.
Die Metamorphose, welche die Gruppe über die Jahre durchgemacht hat, ist nicht minder beeindruckend wie ihr Verständniss für das kombinieren der unterschiedlichsten Töne aus unterschiedlichsten Epochen der musikalischen Geschichte. Was sich auf diesem Album andeutet und auf den nachfolgenden Erscheinungen, wie der "A Quick Fix Of Melancholy" EP oder "Teachings In Silence", konsequent bis zum aktuellen "Blood Inside" durch- und fortsetzt, ist eine Symbiose aus elektronischen Klängen und Geräuschen, die mit dem lethargischen Gesang von Garm und unterschiedlichsten Instrumenten (etwa Saxophon oder Klavier) nuanciert wird und so noch nie dagewesen ist.
Es ist unglaublich wie eingängig, aber doch avantgardistisch diese Musik klingt.
Los geht es mit dem wunderbar düsteren "Lost In Moments" mit seiner virtuos-jazzigen Saxophon-Untermalung. Kälte macht sich breit, irgendwie denkt man an ein urbanes Ambiente, bevor das Ganze in einem furiosen und stimmgewaltigen Bolero der Emotionen endet. Wahnsinn.
"Porn Piece Or The Scars Of Cold Kisses" spaltet sich selbst in zwei Teile. Bestimmte Aspekte des ersten Teilstücks verlagern sich darin zunehmend in den Zweiten und lassen so zwar einen Übergang erscheinen, suggerieren aber trotzdem noch die Zusammengehörigkeit der Stücke und somit das homogene Gebilde des Songs.
"I remember walking, one side of the town to the other
Alone one night in January... or February
It's like in an old movie from some other land
It lasted for hours
Only streetlights
And the grating of gravel in pedestrian subways"
"Hallways Of Always" nun, atmet. Dieses Lied lebt, es spricht mit dem Hörer, vermittelt ihm eine Berg- und Talfahrt der Gefühle und lässt ihn am Ende verloren zurück. Es deutet sich nur an, wächst, gedeiht und letztendlich zerfällt es wieder. Interpretationsfreiraum ohne Text.
Weiter geht es mit "Tomorrow Never Knows". Absolut tiefschwarzer Trip-Hop der ulver'schen Sorte. Man erinnert sich an die "Dust Brothers". Doch dann erscheint ganz leise (leise? ja.) ein Licht am Ende des Tunnels, der Song geht in seine Endphase über. Vergessenheit und Obskurität verschmelzen zu angenehmer Gleichgültigkeit.
"The Future Sound Of Music"; der Titel könnte in keinem Fall besser ausgewählt sein. Zu Beginn monotone Maschinengeräusche, futuristische Bilder erscheinen vor dem geistigen Auge, und wie aus dem Nichts taucht das Piano auf. Wer hätte gedacht, dass man auf der Suche nach den schönsten Klängen der Zeit, ausgerechnet mit drei (!) Tönen eine der mitreißendsten Melodien überhaupt kreieren kann. Man fühlt sich beruhigt, geniesst die Schwerelosigkeit, bevor einen der drückende und wie aus dem Hinterhalt stürzende Bass in Begleitung von leisem Chorgesang und anderen Maschinengeräuschen wachrüttelt und in wehklagenden Gitarrentönen erschlagen zurücklässt. Man begreift nicht so Recht, was da gerade passiert ist.
"We Are The Dead" bietet nun deshalb eine kleine Pause. Das Gefühlchaos will geordnet sein. Apokalyptische Chöre, das Rauschen eines Radios, leises Geflüster ... Botschaften, Schatten.
"Dead City Centres" beginnt mit unangenehmer Ruhe, und hallenden Klängen; als schlenderte man durch einen Reaktor. Dann ein Rauschen, Fiepen, kaum zu beschreibende Klänge. Und wieder setzt das Piano ein, spielt ruhig und verträumt. Ein Zug rauscht vorrüber, für einen kurzen Moment ist die hallende Stille erfüllt von Hektik. Plötzlich erscheint wieder das Saxophon mit Schlagzeug dezent begleitet. Hört sich ja schon fast an, als säße man in irgendeiner von Zigarettenrauch durchzogenen Spielunke. Eine Nachrichtendurchsage ? Das passt irgendwie ins Bild. Urplötzlich kommen Streicher zum Einsatz, und man befindet sich in "Catalept". Es stellt sich der Gedanke ein, als wolle das Album eine Geschichte erzählen, nur welche ? Man scheint in die Zukunft versetzt und ahnt der Dinge die da kommen.
"Nowhere/Catastrophe" setzt ein und begleitet den Hörer hinaus aus dieser verlorenen und hoffnungslosen Stadt, ein aufblitzender Gesang, verzerrt, verwaschen, genial.
Und mit den Zeilen
"You fly, or rather float, drift / Through an enormous dark room / A room of noises"
verabschiedet sich dieses zeitlose Meisterwerk, welches eine noch völlig unbekannte Klangwelt ergündet hat.
Jemand hat mal geschrieben:
"Wenn ein gewisser Richard Wagner oder Igor Stravinsky in heutigen Zeiten leben würde, dann würde er diese Musik machen.
Ist das Musik für die klaustrophobische Generation ?"


Damnation
Damnation
Wird angeboten von all-my-music-rheingau
Preis: EUR 10,98

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schöne Verdammnis, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Damnation (Audio CD)
Der Ausflug von Åkerfeldt und co. in akustische und zutiefst düstere musikalische Gefilde, erwies sich als eines der wunderschönsten und zuglech tiefsten Alben, die je eine Gruppe von leidenschaftlichen Musikern aufgenommen hat.
Mit "Windowpane" könnte das Album kaum entspannter beginnen. Eine beruhigende Hymne an den Herbst. Erst ein lethargischer Basslauf, dann Übergang zum akustischen Teil und nun ein sanftes Gitarrensolo. Die Progressivität dieses Werkes deutet sich schon an. Keyboards ertönen, und wieder dieser unvergleichliche Sound den Opeth schon seit "Orchid" und "Morningrise" weiter und weiter perfektionierten und den sie scheinbar in endlose Höhen fortzuführen vermögen. Jener Sound, der einen an regnerischen Herbstnachmittagen am Fenster sitzen lässt und trotz des Wetters (oder vielleicht gerade deswegen) immer wieder ein Lächeln ins Gesicht spielt.
Ebenso leitet auch "In My Time Of Need" die Sequenz zum Träumen ein.
Stockend und leicht verzerrt flüstert Åkerfeldt seine Verse dem Hörer ins Ohr, bevor alles umschlägt und eine regelrechte Klangextase folgt. Kühl und doch irgendwie warm anmutend, ruhig und doch sehr eindringlich, man mag garnicht versuchen, den musikalischen Kosmos von Opeth in irgendeiner Form zu definieren. Dafür ist das Ganze einfach zu schade und zu facettenreich.
"Death Whispered A Lullaby" leitet diese wunderschöne Lethargie, die Kern des Albums ist, wundersam fort. Lindgrens Gitarre ertönt und man gleitet dahin, das Gebilde aus dezenten Drums, einem kräftigen aber keinesfalls penetranten Bass und Åkerfeldts Stimme zündet sofort. Ein Funke springt über, sogleich ist man Feuer und Flamme für diese mit dem Hörer kommunizierende Musik. Man will zuhören, es geht einfach nicht anders.
Wenn nun "Closure" einsetzt, fühlt man sich in einen Wechsel zwischen beschwörenden, schon fast mystischen und geradeaus rockenden Parts versetzt. Dann erscheint völlig unerwartet eine aus diesem Spiel stechende Gitarre, die nun begleitet von Percussions weiterführt, lamentiert und ebenso schnell, wie sie eingesetzt hat, wieder verschwindet, um sofort in "Hope Leaves" überzugehen.
Bei diesem Song möchte man am liebsten alles vergessen und in vollkommener Gleichgültigkeit versinken. Eine sehr prägnante Melodiekurve, die in ständiger Begleitung von Mikael Åkerfeldts wunderschönem Gesang noch besser zur Geltung kommt. Eine Ode an die Melancholie, regnerische Spaziergänge und gemütliche Abende vor dem Kamin.
Mit "To Rid The Disease" folgt nun eines der gefühlvollsten und schlicht wunderschönsten Stücke, die ich je vernehmen durfte. Alles wird von einem ruhigen Gitarrenlauf eingeleitet, mystische Gesänge ertönen im Hintergrund, eine pechschwarze Düsterheit überkommt einen, und dann erstrahlt jäh eine dieser Melodien, die beflügeln, innerlich zum lachen bringen und nicht mehr loslassen. So spricht Åkerfeldt:
"There's innocence torn from its maker
And stillborn, the trust in you
This failure has made the creator
So would you tell him what to do"
Und versteht es damit, wie so oft, auch auf lyrischer Ebene voll und ganz zu überzeugen. Dabei betont der Mann stets, dass ihn die Texte nur sekundär an seinen Werken beschäftigen, richtig so aber mindestens ebenso unglaublich, angesichts solchen lyrischen Könnens.
Aus einer Laune heraus folgt in den letzten zwei Minuten noch ein stechend-unheimliches Piano-Solo und obwohl es urplötzlich erscheint, fühlt man, wie es sich in den Song einfügt.
Das Instrumental "Ending Credits" ist durchzogen vom Gitarrenspiel Lindgrens, das nicht selten einen gewissen Gilmour-Flair aufweist. Doppelt hält besser, und so überschneiden sich die Melodien immer wieder, und zerlaufen wieder, bevor sich alles leise dem betäubenden Schluss zuwendet.
"Weakness" könnte als Titel nicht besser ausgewählt sein. Als läge man im Koma und würde von irgendwo aus der Finsternis eine Melodie vernehmen, die durch einen riesengroßen Korridor schallt, dessen Ende man nicht zu erkennen vermag. Schon fast ängstlich schleicht die Melodie durch den eigenen Kopf, der sich unweigerlich verabschiedet und in unendliche Klangwelten entschwebt. Fantastisch, wie kann man mit solch simplen Mitteln nur derartige O(h)rgasmen erzeugen ... mir ist es ganz einfach ein Rätsel.
Und so ergibt man sich völlig erschöpft dem Genie dieser Gruppe, zu der mir im Grunde kein passendes Schlusswort einfällt, ausser vielleicht:
"Weaker now, drawing fluid from me
You kill me
I'm not afraid of what you have just done
But of what you've just become"


Hexenwind,Ltd
Hexenwind,Ltd
Preis: EUR 18,54

21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Übe dich in Fantasie, die alte Kunst, gebrauche Sie, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Hexenwind,Ltd (Audio CD)
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man die schönsten und vielseitigsten Künstler erst im Laufe der Zeit zu schätzen lernt.
Einige geben ihre Schönheit schon beim ersten Hören preis, doch da gibt es auch immer wieder jene, die es verstehen, ihr Schaffen in verwobenen und sich selbst gebärenden Arrangements zu verschachteln, um einem das gesamte Ausmaß ihrer Musik anfänglich vorzuenthalten. Sie verlangt immer wieder gehört zu werden, will, dass man sie entdeckt.
Ist man nun in der Lage diesen Prozess fortzuführen, eröffnen sich jene Werke in völlig neuem Licht. Meist lohnt es sich derartige Klangcollagen zu erforschen und die Idee, die dahinter steckt, zu erfassen.
Also, zu jenen Künstlern gehört auch die von mir hoch geschätzte Gruppe Dornenreich.
Ihr aktuelles Werk "Hexenwind" trudelte einen Tag nach dem offiziellen Erscheinungstermin bei mir ein und o Heiland, was bin ich froh, dass mir eine limitierte Erstauflage zugesandt wurde.
Der Knaller ist zum einen die Aufmachung, die edler nicht sein könnte (Digipak inkl. Prägedruck, was will man mehr?), aber zum anderen auch der Inhalt, denn Dornenreich haben hier ein kleines, der Perfektion nahes Kunstwerk abgeliefert, welches auf mystische Weise viele Botschaften übermittelt, die es zu interpretieren gilt.
Es herrscht Stille. Die eben erwähnte, Mystik auf diesem Album ist im wahrsten Sinne des Wortes "grauenvoll". Grimmig, wütend aber sehr gefühlvoll splittern die insgesamt 5 Lieder aus den Lautsprechern.
Das Intro "Von der Quelle" lässt der Dinge ahnen, die da kommen.
Eine eiskalte Stille wird von Windrauschen durchzogen, dann, Eviga haucht dem ganzen nun Leben ein, und beginnt mit den Zeilen:
"Nun, da meine Tiefe nicht mehr schweigt,
erweckt mich reiner Augenblick zum Leben."
Doch jäh wird die Stille unterbrochen. "Der Hexe flammend' Blick" beginnt, nun erstreckt sich ein keifender Gitarrenlauf "geschickt, und doch nie beherzt" durch den gesamten Song. Und obwohl alles in gewisser Weise düster und bedrohlich wirkt, glimmt doch immer wieder diese Romantik auf, die für die Gruppe so typisch ist. Man kann dies wohl mit Fug und Recht als wahrhaftige, musikalische Poesie bezeichnen.
In dieser Tradition steht ebenfalls "Der Hexe nächtlich' Ritt", das schon fast progressiv und gewohnt finster daher kommt. Beeindruckend vor allem hier, wie es Eviga und Valnes immer wieder schaffen, diesen grandiosen Drahtseilakt zwischen frostiger Dunkelheit und wärmender Ouvertüre zu meistern. Man merkt in jeder einzelnen Sekunde, mit wieviel Leidenschaft diese zwei komponieren und Geschichten erzählen.
Unplugged folgt nun der Übergang "Aus längst verhalltem Lied". Träge und voller Trostlosigkeit schleift sich die Gitarre durch das Stück, wird indes hier und dort von helleren Tönen voran getrieben und entgleitet schliesslich nahtlos in das letzte Lied "Zu Träumen wecke sich, wer kann".
Hier liegt ein Teil der Interpretation schon in der Schreibweise des Titels. Gestehe ich dem Namen die Bedeutung "des Traumes" zu, oder doch lieber prädikativ "des Träumens" ? Hier sei jedem die Entscheidung überlassen. Inwiefern das Ganze dann auch Sinn ergibt, wage ich nicht zu erläutern. Wo bliebe denn da der Spaß ?
Mit einem untypischen Fade In startet das Lied. Zu Beginn schwebend, erheben sich die Töne immer weiter und generieren nach einiger Zeit eine Melodie, die mir Gänsehaut ohne Ende beschert. Die Magie ist nun vollkommen entfaltet, wird hier und dort sanft von der E-Gitarre begleitet, die immer wärmenden Texte und das Flüstern von Eviga versöhnen mehr und mehr; man fühlt sich geborgen.
Diese Klangwelt, einerseits unheimlich wütend, revelatorisch und doch so angenehm liebevoll tröstend, weckt Gefühle die nur noch zum Lächeln bringen.
Abschliessende Sätze sind vollkommen unnötig.


Of Natural History
Of Natural History

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Naturkunde, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Of Natural History (Audio CD)
Ich hasse es, Rezensionen über solche Gruppen und deren Alben zu schreiben, denn ich finde keine Worte, die beschreiben könnten, wie sehr ich sie vergöttere. Aus diesem Grund beginne ich sofort mit dem eigentlichen Review und versuche mein Bestes.
Eine Hymne an den Morgenstern ("A Hymn To The Morning Star") leitet dieses Werk einer anarchistischen Avantgarde/RIO-Truppe ein, die so unglaublich verspielt und systemlos ist, dass das Ganze irgendwo wieder kalkuliert sein muss, denn mit welcher Perfektion diese akustische Anarchie dem Hörer entgegenbrettert ist so überwältigend, dass man sich erschrocken zurücklehnt, und apathisch lauscht ... diese Töne, nicht zuzuordnende Geräusche, ein Schrei, jetzt eine Frauenstimme, poltern, kratzen ... Schatten, Wölfe, grimmig organisiertes Chaos ...
"The Donkey-Headed Adversary Of Humanity Opens The Discussion" (genialer Titel) ist wie ein Serienmörder, der sein Opfer quält, malträtiert und letztendlich tötet. So viele Gedanken, die einem durch den Kopf schiessen, man weiß Nichts mit ihnen anzufangen. Was soll das? Wo führt es hin? Soll es überhaupt führen? Vorwärts oder rückwärts? Was ist Fortschritt, was Rückschritt? Gibt es fortschrittlichen Rückschritt? Der Song entgegnet mir mit schweigendem Lärm. Alles wird lediglich angedeutet, und explodiert unerwartet in chaotischem (dieses Prädikat wird wohl noch oft auftauchen) Gitarrenlärm, begleitet von Drums die schlicht die Kontrolle verlieren und undefinierbaren Klängen, die viel zu abstrakt sind um sie zu beschreiben.
Und gerade als man dies realisiert hat, schlägt auch schon "Phthisis" ein. Eine Art Flöte von verstimmter Gitarre begleitet setzt ein, dann stampfende Drums, weibliche Gesänge, eine schräge Geige im Hintergrund und die von der Band eigens kreierten Instrumente, jetzt ist alles aus und ich befinde mich in einem vollkommen(en) meschuggen Zirkus.
"Bring Back The Apocalypse". Der Titel bestimmt das Aussehen des Songs. Dunkler Bass im Hintergrund, ständig durchbrochen von hellem Geklimper, Scratchen, verzerrte Instrumente und eine Triangel. Was ? Ja.
"Bring back the apocalypse
Never
for the end"
Als nächstes erscheint "FC The Freedom Club". Die Anlehnung an einen der genialsten Filme des 20. Jahrhunderts ist wahrlich beabsichtigt. Man bedenke die Zweideutigkeit des Titels. Nun aber zur "Musik". Zu Beginn ertönen schräge Gesänge, begleitet von Xylophon ...
"And let us never forget
that the human race with technology
is like an alcoholic with a barrel of wine"
... jetzt wütet dieses Bolero aus purem Hass und Verzweiflung. Ein Sturm aus instrumentaler Ambivalenz. Die E-Geige (ja, genau) im Hintergrund, 12-saitige Klampfen und Percussion-Gitarren, ein "Slide Piano Log", der "Pedal-Action Wiggler", die "Electric Pancreas" und noch weitaus mehr verrückte, von der Band eigens kreierte Instrumente verschaffen sich Platz und wüten mit der Gewalt der Natur. Jetzt zirpen die Grillen, Wind rauscht und Frösche ertönen. Wir stehen mitten im Wald .. alleine ... ratlos zurückgelassen.
"Gunday's Child" beginnt. Eine zirkusartige Melodie, die zappaeske Klangwelten preisgibt und verstörender nicht sein könnte klingt an, Carla Kihlstedt verfeinert das Ganze mit ihrem teils klagenden, dann flüsternden und leicht verzerrten Gesängen, als plötzlich aus dem Hintergrund das raue, brüllende Organ von Sänger Nils Frykdahl schallt. Jetzt wird es wieder ruhiger, die Melodie stets im Hintergrund nimmt das Gebilde schon fast Hymnencharakter an. Zerläuft dann aber wieder im vertrackten Musik-Kosmos der Gruppe und ein röhrender Saitenanschlag begleitet den Hörer neben leisem Geräusch-Allerlei aus dem Song.
"The 17-Year Cicada" nun, gehört zu den kürzesten Kreationen auf dem Album. Ein Übergang soll geschaffen werden. Quietschende Geigen durchbrechen das Klanggebilde und werden von den typisch-undefinierbaren Tönen begleitet. Schnell und fast unbemerkt geht es weiter.
"The Creature" hat schon fast etwas von einem Schlaflied. Der Text mit heller, aber sehr ruhiger Stimme vorgetragen. Irgendwo tönt indes ein einsamer Bläser, bevor er von Drums und Gitarre Gesellschaft bekommt.
Hier klimpert es, dort rauscht es, alles greift ineinander. Die Natur ist perfekt.
Schleichend kommt nun "What Shall We Do Without Us" daher. Erst dümpelt alles ruhig und besonnen vor sich hin, rast dann aber mit einem Affenzahn nach vorne. Unterlegt von elektronischem Bass und mehrläufiger Stimme schwappt diese Welle in eine unsinnige Konversation zweier Männer.
Nun erwartet einen das längste Stück des Albums, "Babydoctor".
Hier bahnt sich etwas an. Die Spannung wird bis ins unerträgliche gesteigert, gepaart mit unheimlichen Gitarren- und Geigenmelodien stammelt und singt Nils einen Vers nach dem anderen runter. Bis dann endlich alles aus den Fugen gerät und der Sturm von Neuem beginnt. Doch jäh wird der Musikfluss wieder unterbrochen, und zum ersten Mal vernimmt man doch tatsächlich so etwas wie "Eingängigkeit" in der Musik von SGM. Eine geheimnisvoll anmutende Melodie von E-Geige gespielt tönt sanft durch den Raum, in dem das Chaos jedoch schon lauert und dann auch unwiderruflich lospoltert. Und trotz dieser von faulenden Klängen durchsetzten Atmosphäre, wirkt alles so passend und schlicht so perfekt ineinander greifend, dass man sich dem nicht entziehen kann und vor allem nicht entziehen will.
Regelrecht dadaistisch geht es nun mit "Cockroach" weiter. Ein Text wider die menschliche Kreatur, im direkten Vergleich zu einer Küchenschabe.
"Your persistence is disgusting
I could never find my self trusting
A creature that would rather live
in the trash than in the lawn
COCKROACH YOUR PROBLEMS ARE NOT MINE!"
Absolut genial.
Und mit diesen misanthropischen, alles verachtenden Worten entschwindet man in den letzten Song, der schlicht "Bonus Track" heißt, und auch ebenso schlicht Geräusche und Samples aus der Natur wiedergibt.
Einen passenderen Ausklang zu einem der Avantgarde-Alben überhaupt könnte ich mir nicht vorstellen.
"Aiming to answer common questions" steht auf der Frontseite des Albums.
Und das ist wahrlich gelungen.


Blackwater Park
Blackwater Park
Wird angeboten von all-my-music-rheingau
Preis: EUR 10,98

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schwarze Gewässer, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Blackwater Park (Audio CD)
Opeth sind ja seit jeher für ihre absolute Konformität zwischen ihren Werken bekannt. Jedes folgt dem Konzept des musikalischen Fortschritts, den sie über die Jahre mehr unter Beweis stellen konnten, als 90% des mittlerweile sich immer wieder selbst umrührenden und vor Wiederholung nur so triefenden Metalpfuhls.
Eine Gruppe, die dem Genre Hoffnung einhaucht und die Mut zu Experimenten und zu Reisen in noch unerforschte Musikwelten hat.
Los geht es mit dem kolossalen "The Leper Affinity". Die horrorartige Orgel baut sich immer weiter auf und mit einem Knall ist man auch schon mittendrin im progressiven Death Metal-Ozean. Der Klang stets drückend, die Gitarren sitzen perfekt, dazu die ständig im Takt wechselnden Drums und Åkerfeldt, der sich seinen Weg freigröhlt. Nun geht es Schlag auf Schlag (was sich auch nicht mehr groß ändern wird). Ein geniales Riff jagt das nächste, bevor alles wieder versinkt und Mikael mit seinem plötzlich klaren Gesang dazwischen geht. Schwer nachvollziehbare und doch absolut überragende Arrangements prallen nun aufeinander. Ein Schlag nach dem anderen, die Intensität nimmt stetig zu und nach diesen einleitenden Tönen sitzt man schon gezeichnet und innerlich geschunden dort, während man dem ausklingenden Piano lauscht.
Dies war der erste Streich, Nummer zwei folgt zugleich.
"Bleak" ist, wie der Titel schon sagt, düster und freudlos. Zu Beginn noch energisch schallt jedoch schon bald darauf die lamentierende E-Gitarre im Hintergrund. Åkerfeldts wahnsinniges Geschrei, das man nicht oft genug erwähnen kann, schneidet sich durch die Lautsprecher, dann bricht alles auseinander und wunderschöne Melodien umgeben einen, nun gepaart mit des Sängers klarer Gesangsseite ergießt sich ein kleiner akustischer Part der dann wieder in atemberaubende Melodiebögen übergeht. Wunderschön und immer wieder ergreifend.
"Harvest" nun startet mit einem beruhigenden Akustikstück, zu dem sich eine E-Gitarre gesellt. Mir kommen bei dem Stück immer nebelige Ebenen die gerade von der Morgenröte erhellt werden in den Sinn. Kopfkino, das man so schnell nicht mehr vergisst.
"Into the orchard I walk, peering way past the gate
Wilted scenes for us who couldn't wait
Drained by the coldest caress, stalking shadows ahead."
Nun erwartet einen "The Drapery Falls". Kühl eingeleitet verschwimmt das Ganze hinterher im klaren Gesang Åkerfeldts, der sich jetzt auf einer Berg- und Talfahrt von akustischen, härteren und verträumten Parts befindet. Diese zieht sich den gesamten Song über in die wohlverdiente Länge. Von Langeweile kann hier keine Rede sein. Immer wieder erscheinen Arrangements und Töne, die auf's Neue überraschen.
Sanft und ruhig beginnt "Dirge For November". So traumhaft schön wie ein Sonnenaufgang im Winter. Und mit einem Schlag regt sich alles, das Lied kommt richtig in Fahrt. Der typische Todesmetall mit exzessivem Progressive-Einschlag bestimmt nun erneut das Klanggebilde.
Dann nähert sich alles wieder der Ausgangsposition, besonnen endet der Song und erwartet schon das aufkommende "The Funeral Portrait".
Hier gibt es nicht viel zu sagen, außer dass hier alles grooved. Einmal mehr merkt man, zu welchen spielerischen Leistungen die Gruppe fähig ist. Das mag nicht sonderlich komplex sein, ergibt jedoch einen Sound der nur schwerlich nachzuahmen ist. Schlicht und ergreifend eine gewohnt saftige Kost aus dem Hause Opeth.
Mit "Patterns In The Ivy I" folgt nun der erste Teil eines wunderbar reinen Akustik-Stücks. Mit knapp zwei Minuten dient das Ganze jedoch nur als Übergang zum Titelstück des Albums, der zweite Teil, welcher jedoch nur zusammen mit einem weiteren Song auf der Limited Edition des Albums zu finden ist, folgt auf der zweiten CD.
Nun aber zu "Blackwater Park". Das Lied wird düster eingeleitet und offenbart schon anfänglich großartige Melodien, dann geht's kräftig zur Sache und jeder Freund metall'ner Klänge kommt voll auf seine Kosten. Nicht umsonst hat der Song den Titel des Albums bekommen (oder umgekehrt), spiegelt er doch einen großen Teil der Bandbreite an vorher gehörten Klängen wider. Ob laut oder leise, hastig oder gefühlvoll, kalt oder herzlich, die Vielfalt scheint unendlich.
Nun geht der CD-Spieler auf, und was bin ich froh, dass da ja noch eine nette Bonus-CD vorhanden ist.
"Still Day Beneath The Sun" folgt nun und enthüllt sich lethargisch bis tiefschwarz, gefühlvoll begleitet von Mikael.
Ein wenig kommen einem diverse Prog-Rocker der frühen 70'er in den Kopf, welche die Gruppe ja auch oft als eine ihrer musikalischen Einflüsse nennt. Begeisterung macht sich breit und ich muss sagen: Gelungen, Herr Åkerfeldt, absolut gelungen.
Der zweite Teil von "Patterns In The Ivy" folgt im Anschluss. Hier erschliesst sich einem erst - im Zusammenwirken mit dem ersten Teil - die volle Schönheit der Komposition.
Ebenso wie beim vorigen Stück sind Einflüsse aus vergangenen Prog-Rock-Zeiten nicht zu verleugnen. Alles ist auf einen minimalistischen Sound getrimmt und kommt daher umso intensiver rüber.
Mein Beileid geht an diejenigen, denen diese Deluxe-Edition aufgrund der limitierten Auflage verwehrt blieb.
Was soll man sagen, außer das Opeth mit "Blackwater Park" ein wirklich grandioses Album abgeliefert haben, das einem schon fast zu perfekt erscheint. Aber eben nur "fast" und so verbleibt dieses Kunstwerk mit den Worten:
"Still day beneath the sun
Asking you who is the one
And when the day is late
We know who must forever wait "


Grand Opening & Closing
Grand Opening & Closing
Wird angeboten von EliteDigital DE
Preis: EUR 18,61

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Welcome to The Grand Opening And Closing, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Grand Opening & Closing (Audio CD)
Nils Frykdahl und seine Truppe anarchistischer Schergen, Misanthrophen und Tierfreunde zelebrieren auf ihrem Debüt irgendetwas zwischen RIO, Avantgarde und einem Hauch metall'ne Klänge. Die archaische Gewalt, mit welcher der Sound der Gruppe über einen hinweg fegt, gehört immer noch zum Besten, was man dieser Tage in der weiten Welt der Musik entdecken kann.
Nun folgt die große Eröffnung ...
Brachial und metallisch beginnt das Album mit dem psychopathisch hauchenden "Sleep Is Wrong". Meine Güte, allein schon das galoppierende Gezittere zu Beginn lässt mich erstarren. Dann jedoch kommt's nochmal eine Stufe härter. Schräg und verzogen beginnt irgendetwas zu spielen, ich weiß nicht was es ist. Erst erklingen helle Töne, die mich leicht an eine verstimmte Geige oder Flöten erinnern. Dann setzt die reißende Gitarre ein, und ich erkenne diesen Klang nur, weil ich selbst Gitarre spiele. Ähnlich wie bei Hendrix werden hier Töne erzeugt, die im eigentlichen Sinne nicht mehr zu dem Instrument passen, ignoriert man mal die Tatsache, dass es sich hier sowieso ausschliesslich um eigens umgebaute oder vollkommen selbst konstruierte Instrumente seitens der Band handelt. Die Stimme von Nils Frykdahl vermag es mich immer wieder in ihren Bann zu ziehen. Ich wage garnicht zu behaupten, dass der Mann sonderlich gut schreien oder singen kann (wobei er "Cockroach" sehr schön zum Besten gibt), aber seine Stimme hat etwas Magisches und doch sehr Verstörendes. Nach diesem grandiosen Opener geht es auch schon weiter mit "Ambugaton".
Ungewohnt sanft eingeleitet lauert etwas auf den Hörer. Geklimper hier und dort, ein Melodielauf, der in Wirklichkeit garkeiner ist, im Vordergrund und immer wieder schräge, dennoch aber schlüssige Klänge. Eine Kunst für sich.
Jetzt wird es sogar leicht rockig, und eine Art Mellotron ertönt im Hintergrund. Polternd, chaotisch und mit einem lauten "AMBUGATON!" endet der Song.
Erst einmal ein Schluck Wasser, damit sich die Luftröhre wieder entkrampft. Unbegreiflich, was diese Musik in einem auslösen kann.
"Ablutions" wird hell und leise von etwas Orgelähnlichem, verstimmter Gitarre und Frauenstimme eingeleitet. Unheimlicher könnte man kaum klingen.
"She folds her arms up nicely
Lays them down Upon the table
Wipes her mouth off as she
Tries to find another word for love
She hangs her skin up by the
Window looks to see that all the
Doors are open"
Nils verstärkt jetzt das Ganze mit seiner Stimme und spielt dem Text einen wahnsinnigen Kontrast in die Arme. Jede Sekunde nimmt man Klänge wahr, die in der nächsten wieder verschwinden. Waren sie überhaupt dort ? Wohin sind sie verschwunden ? Was kommt als Nächstes ?
Die Antworten sucht man vergebens, denn wieder regiert das Schweigen bis "1997" startet.
Nun versprüht die Band so etwas wie "Eingängigkeit", wobei das auch schon zu weit gesprochen wäre.
Sofort legt der Song los. Geniale Riffs, rumpelnde Drums und schreddernde Bässe. Dann eine Sirene aus dem Hintergrund; ist das der Refrain ?! Wahnsinn!
Nils keift, faucht und brüllt sich durch das Gebilde, welches indes nahezu explodiert. Schon ein wenig fröhlich klingt das Lied, was in Anbetracht des Kontextes sehr makaber wirkt, denn es ist einem verstorbenen Freund der Band gewidmet. Eine ganz eigen Methode, mit Dingen umzugehen beweisen SGM auch hier wieder. "AAAAHHH!!" ertönt es und der Song ist aus.
Das gut ein-minütige "The Miniature" beginnt ausnahmsweise mal mit einem nicht allzu verstimmten oder verzerrten Instrument. Die Geige fiedelt fröhlich vor sich hin und schon fast gelassene Klänge umgeben den Hörer bis zum Ende.
"Powerless" schleppt sich wahrhaftig träge davon. Nicht zu definierende Töne schallen durch einen dunklen Raum von blasser Kälte.
Nach einiger Zeit kommen lyrische Ergüsse zum Vorschein und der Song fängt an, Energie zu tanken. Teilweise ging mir beim Hören das Projekt Primus von Basslegende Les Claypool durch den Kopf, doch selbst jenes hört sich im direkten Vergleich hierzu wie irgendetwas ... "Gesundes" an. Das ist kein musikalischer Dadaismus mehr, sowas fällt in den noch sehr leeren und unerforschten Kosmos des akustischen Diskordianismus.
"The Stain" behandelt in sehr abstrakter Form diverse gesellschaftskritische Themen und klingt, wie könnte man es auch anders erwarten, schräg, richtig schräg. Nur sporadisch treten irgendwelche identifizierbaren Töne auf. Das Ganze ist ein äußerst schwer greifbares Konstrukt von geradezu jazz-artiger Improvisationskraft und leicht zappaesker Skurrilität.
Erst jetzt beginnt das längste Stück des Albums.
"Sleepytime" beginnt mit dem wiederholten Aussprechen eben dieses Wortes und könnte in seiner Form nicht genialer verwoben sein.
Die scheinbar willkürlich auftauchenden Klänge ergeben bei wiederholtem und genauem Hören eine tolle Melodie, ebenso wie die beiden intonierenden Stimmen.
Dann schafft es die E-Gitarre mit einer zirkusartigen Melodie das Ganze etwas aufzulockern und alles beginnnt ineinander zu fließen. Mehrere Strukturen vereinen sich zu einer Neuen. Ein Prozess, der den gesamten Song über andauert und sich immer weiter steigert.
Neue Melodien entstehen, alte zerfallen - eine Kunst, die zu perfektionieren die Gruppe sich zur Aufgabe gemacht hat.
"Sunflower" nun, lässt das Album beinahe melancholisch ausklingen.
Beginnt man erst einmal in die Strukturen der Musik einzutauchen, sie zu erforschen und ist man wirklich willens, so viel seelische Arbeit hier hineinzustecken, wird man von dem Ergebnis nicht enttäuscht sein.
Natürlich sind viele einfach nicht bereit, solche Klänge " open minded " zu begleiten, und das sei jenen mit Sicherheit nicht zum Vorwurf zu machen, aber dennoch, all diejenigen, welche bereit sind ihre musikalischen Horizonte auszutesten, in ferne Klanglandschaften zu reisen um unglaubliche Schönheit zu entdecken und die Musik nicht "hören", sondern mit Herz und Seele dabei sind, sollten dieses Kunstwerk aufnehmen und erforschen.
... und der große Abschluss.


Planetary Confinement
Planetary Confinement
Wird angeboten von ProMedia GmbH
Preis: EUR 9,99

23 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gegen jeden Grund, 20. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Planetary Confinement (Audio CD)
Die Gruppe Antimatter ist seit jeher für ihren exzessiv ausgefeilten Gebrauch von elektronischen Klängen bekannt. Nun jedoch schlugen Duncan Patterson und Mike Moss andere Wege ein und schufen mit ihrem ausschweifenden Musikverständniss einen Klang-Ozean voller Trostlosigkeit und einer seltsam anmutenden Wärme.
Das Wort "Antimatter" bedeutet hier jedoch nicht, wie man voreilig annehmen könnte, "Antimaterie", sondern schlicht der "Antigrund" oder "Gegengrund". In Anbetracht der zwei Vollzeit-Pessimisten Patterson und Moss, eine einleuchtende Wortwahl.
Nicht nur bei den Misanthropen von Anathema scheint Patterson in der Lage, seinen absolut tiefschwarzen, seelischen Abgrund zu öffnen und den Hörer hineinfallen zu lassen. Diese Fähigkeit hat er in Form seines neuen Projekts sogar perfektioniert.
So haben Antimatter im Jahre 2005 Nichts von ihrer Magie verloren. Immer noch knackt dieser Strudel aus simplen, musikalischen Elementen und vollkommener Melancholie die Seele des Hörers und sorgt so für unvergleichliche Stimmungen.
Mit dem so vielsagenden Titelstück "Planetary Confinement" beginnt diese Träne von Musik.
Ruhig gediegen pendelt das Intro in Begleitung eines Pianos über einem Abgrund, spielt eine unglaublich traurige Melodie und verstirbt schon nach kürzester Zeit.
Nun beginnt von Akustik-Gitarre eingeleitet "The Weight Of The World".
Die einerseits beruhigende, andererseits sehr banale Stimme von Patterson kann gefallen oder nicht. Mir sagt sie größtenteils sehr zu, nur in manchen Passagen klingt sie mir irgendwie zu austauschbar.
Was den Song an sich jedoch angeht, ist dies bis ins kleinste Detail vollendete Traurigkeit. Die Akustik-Gitarre dominiert spürbar, wird jedoch dezent von Schlagzeug und Streichern begleitet, was dann letztendlich ein klassisches Klangebilde für melancholische Stücke darstellt. Zwar klingt das beschrieben alles andere als neu, oder gar bewegend, doch die Melodien von Antimatter haben eine ganz eigene Art dem Hörer näher zu treten.
Was die Gesänge angeht, so stranden wir nun mit "Line Of Fire" auf einer zwar paradisischen, aber vollkommen verlassenen Insel.
Man spürt und hört diesen wundervollen und absolut atemberaubenden Gesang von Amélie Festa, der so unschuldig und so weit entfernt klingt, als wären dies die Worte eines sterbenden Mädchens, das in den letzten Momenten ihres Daseins Verse absoluter Gleichgültigkeit intoniert. Selten, oder gar noch nie konnte mich Gesang so einschnüren, mir so den Atem nehmen und mir fast Tränen in die Augen treiben. Unglaublich.
Wenn dann gen Ende die Drums dominieren, die Töne, die zu Beginn noch unter Wasser schwelgten, nun Luft holen, die Augen öffnen, und man den Text beginnt zu verstehen, ist die Elegie perfekt.
"Face the panic of today
Breaking barriers from yesterday
I fell into the line of fire
I broke down in the line of fire
Shattered past, and future fears
Take a moment far away from here
Out the strings and fly away
Out the strings and fly away"
Schon fast erweckend klingt "Epitaph" nun aus den Lautsprechern. Die wunderschöne Geige von Rachel Brewster gepaart mit Pattersons Gesang steht anfangs noch in stetigem Wechselspiel zueinander, und geht letztendlich eine Symbiose ein, die Schlagzeug und Akustik-Gitarre mit einbezieht und dramatischer nicht sein könnte.
Jetzt folgt "Mr. White" und wieder erklingt diese atemberaubende Stimme. So sanft und einfühlsam, wie hier die Musik den Hörer umkreist, ist man nicht mehr im Stande zu denken. Nichts ist gelöst, aber Nichts ist von Bedeutung.
"A Portrait Of The Young Man As An Artist" mutet nun etwas langweilig an, und ich sage das ganz behutsam. Aber hier zeigt sich der Gesang sogar etwas monoton, woran auch die wirklich überzeugende Melodie nicht viel ändern kann. Das Lied ist keinesfalls schlecht, dennoch, für Antimatter-Standards eher unterdurchschnittlich.
Ein kleiner Wermutstropfen, bevor es dann mit "Relapse" weiter geht.
Hier strömen hin und wieder in den genialen Fluss aus Gitarre, Orgel und dem mal wieder anbetungswürdigen, weiblichen Gesang fast kaum bemerkbare, elektronische Klänge, die eine traumhafte Melodie preisgeben. Ein Sog aus wohltuender Melancholie entzieht einem jegliche Lebenskraft und lässt den entseelten Körper leblos zurück. Langsam bemerkt man, wie sich Sänger und Sängerin von Song zu Song abwechseln, und so zeigt sich Patterson im folgenden "Legions" endlich wieder von seiner besten Seite.
Der Gesang konsequent im Einklang mit der Melodie, und die Thematik schon fast apokalyptisch vorgetragen.
"Long is the howl at the end
A cry from the tail echoing
And fools reverberate
And fools reverberate and carry on...
What have they done to themselves?
Look what have they done to themselves"
Die Botschaft scheint eindeutig, und die Stimmung ist in Pessimismus getränkt. Wer zu den ewig fröhlichen Verrückten zählt, sollte hier besser weghören. So viel Ehrlichkeit könnte berühren ...
Schliesslich endet das Album mit "Eternity Part 23".
Zu Beginn noch spärlich von der Akustik-Gitarre eingeleitet, entfaltet der Song danach in scheinbar endlosen Keyboard-Passagen (man beachte den Titel des Stücks) seine ganze Schönheit. Kinderstimmen erklingen, der Melodiebogen verändert sich stetig und in weiten Klanglandschaften versinkt man mehr und mehr zusammen mit dem Album.
Dies ist ein Werk, welches so viel offenbaren oder verschleiern kann, dass jeder seine eigenen Erfahrungen damit machen sollte. Man muss diese Tiefe kosten, in sie eintauchen und das Schöne an der eigenen Melancholie entdecken .. um es anders auszudrücken:
"Taste the hell you put us through
Grace the heavens i could promise you
Take a hand in the line of fire
Make a stand behind the wire"
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 5, 2011 3:38 PM CET


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