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Jakob Knab (Kaufbeuren)
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Sehnsucht nach dem Lichte - Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl: Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte
Sehnsucht nach dem Lichte - Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl: Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte
von Robert M. Zoske
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 59,00

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen konfessionalistisches Konstrukt:, 12. September 2014
Schleiermacher schafft es im Index auf 34 Einträge. Den Namen Karl Barth sucht man dort vergeblich. Dabei wird Barth immerhin in einer Fußnote kurz erwähnt. Nicht interessiert ist Zoske an der Umkehrung Schleiermachers, denn Barths "Römerbrief" (1919) ist ein unüberhörbarer Protestschrei gegen die liberale Theologie und gegen nationalprotestantische Mentalitäten des 19. Jahrhunderts. Idealtypisch für jenes preußische und fromme Selbstbewusstsein steht der Name Schleiermacher.

Zoske schlägt eine ideengeschichtliche Brücke von Schleiermacher zu Max Horkheimer von der Frankfurter Schule. Ausführlich wird dabei dessen SPIEGEL-Interview vom Januar 1970 zitiert. Auf der anderen Seite interessiert sich der Autor nicht dafür, dass Horkheimer im Jahr 1936 Theodor Haeckers Buch "Der Christ und die Geschichte" (1935) besprach. Vor allem durch die innewohnende Sehnsucht nach universaler Gerechtigkeit erweckte Haeckers Wort bei Horkheimer Achtung. Der Konvertit Haecker, einer von Scholls Mentoren, passt nicht in Zoskes Gesamtduktus, so zeichnet er ein Zerrbild. Dabei zählte Haecker für Scholl zu "jenen gewaltigen Erscheinungen, die das, was sie geschrieben haben, durch ihre Person noch steigern." Doch Zoskes Sympathien liegen anderswo, sein spürbares Wohlwollen gilt dem homoerotischen und esoterischen Dichter Stefan George.

Auch zu Werner Bergengruen, Carl Muths Nachbarn in München-Solln, fand Hans Scholl Kontakt. Er schätzte ihn "über alle lebenden deutschen Schriftsteller." Im Frühjahr hatte 1942 Bergengruen die Predigten des Bischofs von Galen nachts in Briefkästen verteilt. Diesen Mut zeigte er auch Monate später; denn folgte er der Bitte, die am Ende der Flugblätter der Weißen Rose zu lesen war: "Bitte vervielfältigen und weitersenden!" Vergeblich sucht man den Namen Bergengruen bei Zoske.

1941 las Scholl das Buch "Kierkegaards Folgen" des katholischen Philosophen Alois Dempf. Die Kennzeichnungen bei der Lektüre, so Zoskes These, zeigen u.a. Scholls Suche nach einem "Staat ohne Repressalien gegen den Einzelnen". Scholls Vorbilder seien die Dissidenten Ockham, Luther und Kierkegaard. Zoske erwähnt freilich nicht, dass Ockham für die erbsündig verderbte Welt eine möglichst wirksame "Staatszwangsgewalt" aufrichten wollte. Nachzulesen bei Dempf auf Seite 104! Ein weiteres Beispiel für Zoskes konfessionalistisches Konstrukt: Paul Nordhues (1915 – 2004), der spätere Weihbischof von Paderborn, war im Herbst 1942 an Scholls Frontabschnitt als katholischer Militärseelsorger eingesetzt. Nach dem Krieg erzählte er, wie Hans Scholl seine Gottesdienste mitgefeiert und voller Eifer an seinen Bibelstunden teilgenommen hatte. Nordhues war sehr erstaunt, als er darüber aufgeklärt wurde, dass Scholl evangelisch gewesen sei. Vergeblich sucht man den Namen Nordhues bei Zoske. Gleiches gilt für die Namen G.K. Chesterton, Etienne Gilson, Francis Jammes, Alfred von Martin, Charles Peguy und Karl Pfleger.Auch als Hans Scholl in einer Krise die Begegnung mit Theodor Haecker (Ellermeier, S. 199f.) suchte, wird von Zoske übergangen. Auch dieser Satz: „Durch alle Nacht hindurch leuchtet ein dauerndes Licht.“ (Ellermeier, Seite 200). (Nota bene: Im November 1921 hatte Haecker das Bekenntnis abgelegt: „In alle Nacht leuchtete doch immer ein Licht, das nicht von dieser Welt ist.“ – Zoske kennt diese Stelle.)

Zoske berichtet nicht darüber, dass Haecker bereits im Januar 1942 aus seinen Übersetzungen zu Newmans Predigten las (Beuys, S. 331, Ellermeier, S. 199; Knab, S. 60). Mit anderen Worten: Zoske weiß darum – aber Haecker und Newman passen nicht in sein Schema. Auf Seite 362f. berichtet Zoske von jenem Sonntag im Advent 1942. Dem Leser wird vorenthalten, dass Haecker aus seiner Übersetzung von Newmans „Antichrist“ vorlas. Als sich im Advent 1942 Weggefährten Theodor Haeckers in München versammelt hatten, kam die Frage dabei auf die Heraufkunft des Antichrist. Haecker war darauf vorbereitet, er las zunächst die paulinische Bibelstelle 2 Thess 2, 1-12 vor und gab dann eine Deutung ganz im Sinne des englischen Theologen John Henry Newman. Hans Scholl protestierte impulsiv gegen diese endzeitliche Deutung: "Der Antichrist kommt nicht erst, er ist schon da!" In seiner Darstellung übergeht Zoske, dass Haecker aus seiner Übertragung von Newmans Oxforder Adventspredigten (1838) "Der Antichrist nach der Lehre der Väter" vorlas. Zoskes Auslassungen sind, mit Verlaub, ein intellektuelles Ärgernis!

Obwohl Hans Scholl Werke von Georges Bernanos ("Die Sonne Satans", "Tagebuch eines Landpfarrers"), einem Vertreter der literarischen Bewegung Renouveau catholique, las, findet dies Zoske nicht der Erwähnung wert. Auf der anderen Seite wird der Dekadenzdichter Paul Verlaine ausführlich gewürdigt. Breiten Raum nimmt die umstrittene Frage ein, ob Hans und Sophie Scholl vor ihrer Hinrichtung den Wunsch äußerten, in die katholische Kirche aufgenommen zu werden. Doch diese Quelle fehlt: Nach Zuspruch des protestantischen Gefängnispfarrers verzichteten sie darauf, um ihrer Mutter nicht zusätzlich Schmerzen zu bereiten.

„Der Versuch der Nationalsozialisten, den Philosophen [Nietzsche] für ihre Zwecke zu vereinnahmen, war so absurd wie ihre Instrumentalisierung Luthers.“ (Seite 253). Diese vollmundige These ist Beleg dafür, dass Autor Zoske den Stand der Forschung nicht zur Kenntnis nehmen will. Zunächst sollte er einfach die Ausführungen der EKD zum Lutherjubiläum lesen: „
Als "dunkles Kapitel" bezeichnet der Lutherforscher Bernhard Lohse die Haltung des Reformators zu den Juden. Martin Luther (1482-1546) wandte sich in einer Schärfe gegen das Volk der Bibel, die es noch Jahrhunderte später dem NS-Regime leicht machen sollte, sich auf ihn zu berufen. Auch wenn es keine direkte Linie zu Hitler oder gar zum Holocaust gibt, bleibt Luthers Judenhass für die evangelische Kirche ein schwieriges Erbe. Das gilt auch im Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum.“ ([...])
Für den NS-Ideologen Rosenberg lag es auf der Hand, an Nietzsches Verachtung des Christentums („Sklavenmoral) anzuknüpfen. 1930 trat Alfred Rosenberg mit seinem Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ an die Öffentlichkeit. In seinem „völkischen“ Kern bedient sich dieses Werk u.a. bei Paul de Lagarde (1827 – 1891) und Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900).
Aus der Predigt des Berliner Generalsuperintendenten Otto Dibelius zur Eröffnung des Reichstages am 21. März 1933: „Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos waltet.“
Nachdem der Erzbischof von Canterbury die NS-Aggression gegen die Tschechoslowakei verdammt hatte und zur Einheit der protestantischen Kirchen aufgerufen hatte, unterzeichneten u.a. Repräsentanten von elf Landeskirchen die „Godesberger Erklärung“. Traurige Berühmtheit erlangte die erste Fassung der Grundsätze vom 26. März 1939. Hier der Kernsatz: „Indem der National-sozialismus jeden politischen Machtanspruch der Kirchen bekämpft und die dem deutschen Volke artgemäße nationalsozialistische Weltanschauung für alle verbindlich macht, führt er das Werk Martin Luthers … fort.“
Wer sich als kundiger Leser die Mühe macht, Zoskes konfessionalistisches Konstrukt auf handwerkliche Professionalität zu überprüfen, wird auf folgende Manipulation stoßen, denn Zoske schreibt auf der besagten Seite 253: „Beide Denker [Luther und Nietzsche] standen in ihrer Einmaligkeit gegen jeder Vermassung, sie hatten ‚Charakter und eigene Art, forderten und förderten das Anderssein. Scholl hatte erkannt , wie die Erziehungsmethoden des Regimes jede Menschlichkeit vernichteten , so dass nur noch, wie Nietzsche nahelegte, ein liebevoller göttlicher Blick’ sie wieder erwecken konnte. Scholl sah, wie Thomas Mann, den Philosophen ‚wesentlich als Protestanten’.“ Als Beleg für den Ausdruck „liebevoller göttlicher Blick“ wird in der Fußnote 1196 die Seite 139 in Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen angegeben. Doch wird man dort nicht fündig. Richtig ist vielmehr: Den Ausdruck vom „liebevollen göttlichen Blick“ gebraucht Nietzsche in seinem Antichrist, Hier der Kontext, um Nietzsches Aussageabsicht und –inhalt zu verdeutlichen: „Aus der Höhe gesehn, bleibt diese fremdartigste aller Tatsachen, eine durch Irrtümer nicht nur bedingte, sondern nur in schädlichen, nur in leben- und herzvergiftenden Irrtümern erfinderische und selbst geniale Religion ein Schauspiel für Götter – für jene Gottheiten, welche zugleich Philosophen sind, und denen ich zum Beispiel bei jenen berühmten Zwiegesprächen auf Naxos begegnet bin. Im Augenblick, wo der Ekel von ihnen weicht (– und von uns!), werden sie dankbar für das Schauspiel des Christen: das erbärmliche kleine Gestirn, das Erde heißt, verdient vielleicht allein um dieses kuriosen Falls willen einen göttlichen Blick, eine göttliche Anteilnahme... Unterschätzen wir nämlich den Christen nicht: der Christ, falsch bis zur Unschuld, ist weit über dem Affen – in Hinsicht auf Christen wird eine bekannte Herkunfts-Theorie zur bloßen Artigkeit.“ (Nietzsche, Der Antichrist, Kapitel 39).Zoske liegt auch falsche mit seiner Behauptung, Nietzsche sei wesentlich als Protestant zu verstehen. Richtig ist vielmehr: Nietzsche rebellierte gegen ein düsteres deutsches Luthertum. Sein Entwuf vom „Tod Gottes“ als übernatürlicher Person verdankt sich auch Hegel, Schopenhauer und ist den Verhältnissen des deutschen Protestantismus im späten 19. Jahrhundert geschuldet. Sapienti sat!


Ehre, wem Ehre gebührt!: Täter, Widerständler und Retter (1939-1945)
Ehre, wem Ehre gebührt!: Täter, Widerständler und Retter (1939-1945)
von Wolfram Wette
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,80

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ehre, wem Ehre gebührt!" (Röm 13,7), 21. August 2014
Der vorliegende Band vereinigt die wichtigsten neueren Forschungsergebnisse des namhaften Militärhistorikers Wolfram Wette. Vor uns liegt eine eindrucksvolle Summe seines unermüdlichen Schaffens in einem engagierten, couragierten und kritischen Forscherleben.

Der Buchtitel "Ehre, wem Ehre gebührt!" nimmt Bezug auf eine Stelle im Römerbrief des Apostels Paulus (Röm 13, 7). Dies sind erstaunliche Berührungspunkte, denn im genannten Kapitel 13 ermahnt Paulus seine Leser: "Jedermann sein untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat." In seinen Beiträgen zeigt Autor Wette, wann dieser Gehorsam gegenüber der Obrigkeit seine Grenzen hat. Aber zunächst erfährt der Leser, wohin blinder Untertanengeist führen kann. Der preußische General Carl von Clausewitz (1780–1831) bekannte, dass er sich nur zu glücklich fühlen würde, "einst in einem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden". Schon früh spürte Hitler seine Wahlverwandtschaft zu dieser Lebensverachtung. Mehrere Liegenschaften der Bundeswehr sind nach Clausewitz benannt. Generäle und Obristen der Bundeswehr halten das Andenken an diesen Kriegstheoretiker in der Clausewitz-Gesellschaft wach.

Unter der Überschrift "Marinetraditionen: Untergang in Ehren" wird Vizeadmiral Adolf von Trotha (1868 – 1940) genannt, der im Herbst 1918 einer der Anstifter zu der Idee einer Todesfahrt der Hochseeflotte war. Leider erfährt der Leser nicht, dass es in Kiel eine Scheer-Mole gibt. Angesichts der drohenden Niederlage plante Admiral Reinhard Scheer (1863 – 1928) Ende Oktober 1918 einen letzten Vorstoß der Marine. Der Aufstand der Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven verhinderte diese Todesfahrt. Im Sommer 1917 hatte der heute noch traditionswürdige Admiral Scheer die umstrittenen Todesurteile gegen die Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis bestätigt.

In seiner Auseinandersetzung mit den Tätern konstatiert Wette den Abschied von der sauberen Wehrmacht, die angeblich "heldenhaft" und "ehrenvoll" gekämpft habe. Es wird der damalige Minister Volker Rühe (CDU) zitiert, der 1995 auf der Münchner Kommandeurtagung Klartext sprach: "Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen."

Von den Gestalten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus sollen an dieser Stellen zwei Persönlichkeiten genannt werden: Oberst Graf Stauffenberg sowie Alexander Schmorell. Sorgfältig und kundig wird Stauffenbergs Weg vom loyalen Offizier zum Attentäter nachgezeichnet. Im Herbst 1941 hatte Stauffenberg erklärt: "Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen. Während des Krieges darf man so was nicht machen, vor allem nicht während eines Krieges gegen die Bolschewisten. Aber dann, wenn wir nach Hause kommen, werden wir mit der braunen Pest aufräumen." Es wäre nun aufschlussreich zu erfahren, in welcher Weise auch religiöse Beweggründe zu Stauffenbergs Wandel beitrugen. Im Sommer 1942 sprach er bei gemeinsamen Ausritten mit einem Stabsoffizier das gefährliche Thema der Tyrannentötung an. Zur ethischen Rechtfertigung berief sich Stauffenberg auf Thomas von Aquin, dem bedeutendsten Theologen des Mittelalters. Am Tag nach der Invasion vom 6. Juni 1944 war Oberst Stauffenberg zum Vortrag im Führerhauptquartier auf dem Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. "Hitlers Augen" – so sein Eindruck – "seien wie hinter Schleiern, hinter einem Vorhang gewesen, die Atmosphäre faul und verrottet, als bekäme man keine Luft." Am Tag darauf nahm Stauffenberg an der Fronleichnamsprozession in Berchtesgaden teil. Hier legte er ein öffentliches Bekenntnis zu seiner katholischen Herkunft ab. Drei Wochen vor dem Attentat besuchte er den Berliner Bischof Preysing; denn er suchte den Segen einer kirchlichen Autorität. Am Abend vor dem Hitler-Attentat ließ Stauffenberg seinen Wagen vor der Rosenkranz-Basilika an der Grenze zwischen den Berliner Stadteilen Dahlem und Steglitz anhalten. Zur Zeit des Abendgottesdienstes trat er in die Kirche ein und verharrte im hinteren Kirchenraum.

Zu Recht wird Alexander Schmorell zu den führenden Köpfen der Weißen Rose gezählt, denn zusammen mit Hans Scholl verfasste er Ende Juni / Anfang Juli 1942 die ersten vier "Flugblätter der Weissen Rose". Der folgende Satz freilich muss ergänzt werden: "Zusammen mit Hans Scholl verfasste er nun das fünfte Flugblatt der ’Weißen Rose’ mit dem Titel ’Aufruf an alle Deutschen!’, das Schmorell nicht nur in München, sondern auch in österreichischen Städten verteilte." Hier die ergänzte Sicht: Mitte Januar 1943 hatten Scholl und Schmorell ihre Flugblattentwürfe verfasst. Schmorells Text jedoch stieß aufgrund von "kommunistisch klingenden Aufforderungen" auf Ablehnung bei Professor Kurt Huber. Zu Scholls Entwurf machte Huber einige Änderungsvorschläge. Das fünfte Flugblatt wurde von allen Mitgliedern der Weißen Rose, nicht nur von Schmorell, verbreitet.

Als im Februar 2012 Schmorell als "Alexander von München" heiliggesprochen wurde, wurde er auch so aus dem Schatten von Hans und Sophie Scholl befreit. In diesem Umfeld wäre es freilich hilfreich für den Leser, wenn der Autor auch auf Schmorells religiöse Beweggründe eingegangen wäre. So legte er in seinem Abschiedsbrief seinen Eltern ans Herz: "Vergesst Gott nicht!" Im Dezember 1942 hatte sich Schmorell oft mit Glaubensfragen, vor allem mit der Grenzerfahrung Sterben und Tod, befasst. Eine Weggefährtin war davon betroffen, aber sie konnte diese "Neugier aufs Jenseits" nicht teilen: "Er aber glaubte felsenfest an ein Leben nach dem Tode und sogar an eine Verbesserung der geistigen Kräfte nach dem leiblichen Tode."

Autor Wolfram Wette sieht als bleibende Botschaft des Widerstandes, dass "in der Nazi-Zeit nicht alle Deutschen dem Größenwahn, dem Kriegsgeist und dem mörderischen Rassismus Hitlers und der NSDAP verfallen waren. (…) Allerdings darf man daraus kein falsches Bild von der Größenordnung des deutschen Widerstandes ableiten. Er umfasste weit weniger als ein Prozent der Bevölkerung." Die Rehabilitation und den Meinungswandel bei den Deserteuren sieht Wette als ein "positives historisch-politische Lehrstück, das zeigt, wie geschichtspolitisches Engagement in einer pluralistischen Demokratie zu Erfolgen führen kann". Ausdrücklich wird dabei der vorbildliche Einsatz von Ludwig Baumann, dem Vorsitzenden der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, gewürdigt.

Mit bewundernswerter Kenntnis der historischen Zusammenhänge und mit anrührendem Engagement bringt Autor Wolfram Wette dem Leser das Schicksal der wenigen Rettungswiderständler nahe. Ihnen, die ihr Leben riskierten, um verfolgte Juden zu retten, wird Zivilcourage, also der Mut zum eigenen Entschluss und zur eigenen Verantwortung, zugesprochen. Feldwebel Anton Schmid (1900 – 1942) ist die Ikone des Rettungswiderstandes. In ihrem Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" schreibt die jüdische Gelehrte Hannah Arendt (1906 – 1975) über die Zeugenaussage von Abba Kovner, dem ehemaligen Kommandeur im jüdischen Untergrund im Raum Wilna in Litauen: "Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmid einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe." Es gibt indes auch solche Geschichte zu berichten: Als am 8. Mai 2000 die Kaserne in Rendsburg nach Feldwebel Anton Schmid benannt wurde, stieß dies auf Ablehnung bei der Mehrheit der dort stationierten Soldaten. Minister Rudolf Scharping (SPD) musste diesen Traditionsnamen von oben durchsetzen. Ende März 2011 wurde der Standort Rendsburg aufgegeben. Damit erlosch auch der Traditionsname "Feldwebel Schmid". In der Bundeswehr fand sich bislang kein Standort, der diesen ehrenvollen Traditionsnamen übernehmen will. Zuvörderst im Standort Appen, wo Hauptmann Marseille, ein Kriegsheld der NS-Propaganda, als traditionswürdig gilt, stieß eine mögliche Neubenennung „Feldwebel-Schmid-Kaserne“ auf einhellige Ablehnung.

(In jedem historiographischen Buch, so lautet eine Binsenweisheit unter Rezensenten, schleichen sich kleine Fehler ein: Stauffenbergs Vorname war Claus, nicht Wolf (S. 51). Minister Rühe hielt seine Münchner Rede zum Traditionsverständnis der Bundeswehr nicht im Oktober 1996 (S. 58), sondern im November 1995:)

Ehre gebührt nicht den Tätern und Kriegshelden der Wehrmacht, so Wettes Kernthese, sondern den Widerstandskämpfern und Opfern der Geschichte! Das inhaltsreiche und sehr empfehlenswerte Buch gewinnt auch durch die zahlreichen Illustrationen. Zu guter Letzt wünscht man dem engagierten und verdienstvollen Autor dieses ansprechenden und überzeugenden Lesebuches auch eine kundige Leserschaft. Ehre, wem Ehre gebührt!


Frieden lernen: Friedenspädagogik und Erziehung im 20. Jahrhundert
Frieden lernen: Friedenspädagogik und Erziehung im 20. Jahrhundert
von Till Kössler
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Krieg und Gewalt mit pädagogischen Mitteln verhindern, 17. August 2014
Wer sich mit Friedensforschung befasst, muss die grundlegende Frage beantworten, ob er Gewalt als prinzipiell vermeidbares soziales Phänomen oder als anthropologische Konstante versteht. Dieser gewaltigen Herausforderung stellen sich die Autoren des vorliegenden Sammelbandes. Ihr Ausgangspunkt verdeutlicht die sozialgeschichtliche Perspektive: Seit vielen Jahren beschäftigt sich die historische Forschung mit der Frage, wie Staaten und Gesellschaften Heranwachsende für Kriege vorbereitet haben und welche Rolle Formen der Sozialisation in der Ermöglichung von massenhafter Gewalt in der Geschichte gespielt haben. Schon in der Einleitung bedauern die Herausgeber, dass die Forschungen zu Friedenserziehung vielfach noch am Anfang stehen. Dennoch gilt: Es möge den Autoren und Herausgebern gelingen, die Mauer aus Gleichgültigkeit und Desinteresse zu durchbrechen. Im begrenzten Rahmen einer Rezension ist es nicht möglich, das gute Dutzend an Beiträgen in gleicher Weise zu würdigen. Daher sollen die drei Aufsätze von Keim, Wette und Bald herausgegriffen werden.

Einen souveränen und kenntnisreichen Überblick bietet der Paderborner Friedensforscher Wolfgang Keim in seinem Beitrag "Friedensengagement in der Reformpädagogik". Er benennt den Grundwiderspruch zwischen einer humanen Erziehung, die sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientierte, und der eine militaristische Grundverfassung des Kaiserreiches entgegenstand. So kann es nicht verwundern, dass auch Reformpädagogen dem militaristischen Zeitgeist erlagen. Georg Kerschensteiner (1854 – 1932) erklärte den "Kampf" als den "natürlichen Zustand der Dinge", folglich "Erziehung zum Kampfe und nicht zum Frieden" als fundamental für jede Menschenerziehung. Allen voran war jedoch Hermann Lietz (1868 – 1919), der Gründer der ersten reformpädagogischen "Landerziehungsheime" in Deutschland, ein extremer Vertreter nationalistischen, militaristischen und antisemitischen Denkens. Es gab freilich Ausnahmen. Wolfgang Keim würdigt die Friedenspädagogen Friedrich Wilhelm Foerster (1869 – und 1966) sowie Wilhelm Lamszus (1881 – 1965). Zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges veröffentlichte Lamszus den Antikriegs-Roman "Das Menschenschlachthaus", der die Wirkungen des modernen Krieges als Maschinerie mit hoch differenzierter Waffentechnik und Vernichtungspotenzial beschrieb. Der Erfolg des von ihm so bezeichneten Jugendbuches brachte dem Autor Überwachung und kurzzeitig auch Berufsverbot ein. Wolfgang Keims lapidares Fazit: Die Vielfalt friedenspädagogischer Positionen und Aktivitäten fiel 1933 der Machtdurchsetzung der Nationalsozialisten zum Opfer.

In seinem Aufsatz "Abschied von der Kriegskultur" konstatiert der Freiburger Historiker Wolfram Wette: "Von den deutschen Einigungskriegen im 19. Jahrhundert bis zum Kriegsende 1945 wurden in Deutschland viele Generationen – Männer, Frauen und Kinder – einer staatlich organisierten Erziehung zum Krieg ausgesetzt, und das nicht etwa nur beim Militär, sondern auf allen Ebenen des Erziehungs- und Bildungswesen." Das Sterben im Krieg wurde als Heldentod verklärt. Unter der Diktatur Hitlers wurden die Jugendlichen und die jungen Männer einer systematischen "Erziehung zum Tod" unterworfen. Auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges entstand in den vormals verfeindeten Nationen der feste Wille zur Abkehr von den kriegerischen, selbstzerstörerischen Irrwegen. Der Kalte Krieg aktivierte alte Feindkonstellationen, was dann auch zu einer Wiederbewaffnung der beiden deutschen Staaten führte. Wette skizziert auch die großen geschichtspolitischen Debatten in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. "Zu den erfreulichen friedenspolitischen Lernprozessen", so Wolfram Wettes Fazit, "hat die spät einsetzende, aber den stetig, gründlich und zunehmend tabufrei geführte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in erheblichem Maße beigetragen."

In seinem Beitrag „Frieden im Bildungskonzept von Graf Baudissin“ beschäftigt sich der Münchner Historiker Detlef Bald mit den Versuchen Baudissins, das Konzept der Inneren Führung in der Bundeswehr heimisch zu machen. Denn der Militärreformer Baudissin wollte Streitkräfte aufbauen, die gleichzeitig verteidigungsbereit und friedensfähig waren. Graf Baudissin stieß auf den erbitterten Widerstand der Falken, der Traditionalisten und alten Kameraden, die seinerzeit noch von einer "neuen Wehrmacht" sprachen. Langfristig erwies sich jedoch das Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform als wirkmächtig. Zu der aufgeklärten Gesellschaft der Bundesrepublik, so Detlef Balds Ausblick, gehöre eine militärpolitische "Kultur der Zurückhaltung".

Fazit: Alle Autorinnen und Autoren des vorliegenden Sammelbandes leisten aufschlussreiche, kenntnisreiche sowie stets engagierte und lesenswerte Beiträge zu einer Ideen- und Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Friedenserziehung freilich, so mein pessimistischer Ausblick, spielt nur eine marginale Rolle, wenn es um die großen bedrückenden Fragen der Menschheit geht: Hungersnöte und Durst, Flucht und Vertreibung, Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, Klimachaos und zusammenbrechende Ökosysteme. Die Kriege der Zukunft sind Kriege um schwindende Ressourcen. Bei der ungerechten Reichtums- und Machtverteilung auf unserem Planeten geht es auch um den Zugang zu den überlebenswichtigen Ressourcen. In den Klimakriegen des 21. Jahrhunderts wird dafür anonym und in technisch höherer Form getötet werden.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 17, 2014 12:13 PM MEST


Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär: Vom Hungerplaner vor, zum "Welternährer" nach 1945
Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär: Vom Hungerplaner vor, zum "Welternährer" nach 1945
von Wigbert Benz
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Stimme der Humanität angesichts von Verdrängung und Schuldabwehr, 17. Juni 2014
Erstmals stieß ich auf Rieckes Namen in Ernst Klees verdienstvollem Werk "Das Personenlexikon zum Dritten Reich". Hier erfährt man: Im Krieg Leiter der Chefgruppe Ernährung und Landwirtschaft im Wirtschaftsstab Ost (Vierjahresplan). 1943 Staatssekretär im Reichsernährungsministerium. Mai 1945 Staatssekretär der Geschäftsführenden Regierung Dönitz in Flensburg. Nach 1945 bei Hamburger Handelshaus.

Es sind zwei Sätze, die Rieckes Lebensgeschichte markieren: Neben Herbert Backe war er mitverantwortlich für den Plan, beim "Unternehmen Barbarossa" 1941 Millionen Menschen verhungern zu lassen. In einem Geleitwort für ein Buch des Friedensnobelpreisträgers John Boyd Orr sprach er sich dafür aus, Finanzmitteln aus dem Rüstungsbereich in den Agrarbereich umzuschichten, um so den Welthunger zu bekämpfen. Somit drängt sich für den Rezensenten die Frage auf: Ist seine Lebensgeschichte die Geschichte von Einsicht, Bedauern und Neuorientierung, von Reue und Umkehr?

Hans-Joachim Riecke wurde am 20. Juni 1899 in Dresden geboren. Als Kriegsfreiwilliger aus dem Herbst 1914 entwickelte er auch aufgrund seiner Kriegserfahrungen eine "Abneigung gegen alles Bürgerliche". Im März 1920 gehörte er zu den Kapp-Putschisten. Nach dem Scheitern schloss er sich dem "Bund Oberland" an. (NB. Weiterhin finden sich in Oberammergau eine Freikorps- sowie eine Oberlandstraße.)

Autor Wigbert Benz schildert die weiteren Stationen: NSDAP, Heirat, Landwirtschaftsrat, Regierungschef des Kleinstaats Lippe, Wechsek nac Berlin in Reichsernährungsministerium. Auf eigenen Wunsch nahm Riecke am Frankreichfeldzug teil. Zehn Tage vor dem 22. Juni 1941, als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, wurde Riecke zum Kriegs- bzw. Militärverwaltungschef bei Görings Vierjahresplanbehörde bestimmmt. Görings Richtlinien sprachen von der Eroberung und Ausbeutung der sowjetischen Ölvorräte, von der Gewinnung von Getreide und davon, dass die "Truppe aus dem Land ernährt" werden muss. Im Mai 1943 gab Riecke an, dass "wir dieses Jahr 3 Mill. t. Getreide aus der Ukraine herausholen". Autor Wigbert Benz fasst zusammen: "Rieckes Apparat raubte innerhalb von knapp drei Jahren ca. sieben Millionen Tonnen Getreide, eine dreiviertel Million Tonen Ölsaaten, ca. 600.000 Tonnen Fette aus der Sowjetunion. Damit konnte ‚die Versorgungslage des deutschen Volkes auf der bisherigen Höhe gehalten werden’, so dass der Wirtschaftsstab Ost vorschlug, Riecke für seine Verdienste das ‚Ritterkreuz mit Schwerter’ zu verleihen." In seinem Erlass vom 18. September 1942 hatte Riecke verfügt: "Dementsprechend sind an Juden keine Fleisch-, Eier- und Milchkarten sowie keine örtlichen Bezugsausweise auszugeben."

Nach dem Krieg stilisierte sich Riecke als "Widerstandskämpfer": Seinen Eintritt in die SS mit dem Rang eines SS-Generals präsentierte er in seinen Erinnerungen als indirekte Folge des 20. Juli 1944 und seines Bemühens, das Schlimmste zu verhindern. Am 23. Mai 1945 wurde Riecke in Flensburg verhaftet. Noch Mitte 1947 wurde beabsichtig, Riecke den Prozess zu machen, doch mit dem beginnenden Kalten Krieg kam es zu einem Umschwung der öffentlichen Meinung in den USA. Ende März 1949 wurde Rieckes Haftentlassung verfügt.

Noch 1950, als sich Riecke mit seinem Entnazifizierungsverfahren herumschlug, wurde ihm vom Hamburger Agrarunternehmer Alfred C. Toepfer das Angebot unterbreitet, in seine Firma einzutreten. Von 1951 bis 1970 war er dort tätig. Im April 1958 erhielt Riecke Zeichnungsvollmacht in der Toepfer-Stiftung. Auf Vorschlag des damaligen Vorsitzenden der Stiftung, des hannoverschen Landesbischofs Hanns Lilje, wurde im Jahr 1964 den Generälen Wolf Graf von Baudissin, Johann Adolf Graf von Kielmansegg sowie Ulrich de Maizière der Stiftungspreis verliehen. Einige Worte zum Vorsitzenden Lilje: Seine Kriegspredigten waren in einem national-protestantischem Pathos verankert gewesen: "Größeres ist für einem Mann auf Erden nicht möglich, als der Tod für das eigene Volk." Nach dem Krieg forderte dieser "Hochwürden" in der Kriegsverbrecherfrage eine Generalamnestie. 1974 wurde er mit der Goethe-Medaille der Toepfer- Stiftung ausgezeichnet.

Hans-Joachim Riecke starb am 11. August 1986 in Hamburg. Alfred C. Toepfer hielt die Grabrede. In seinen "Erinnerungen" hatte Riecke auf seine Lebensgeschichte zurückgeblickt. Und er hatte so Bilanz gezogen: "Ich bin’s zufrieden!" In ihrem Buch "Vordenker der Vernichtung" freilich nennen Götz Aly und Susanne Heim Rieckes "Erinnerungen" eine "Sammlung von Rechtfertigungen, Auslassungen und Lügen".

Dem Autor Wigbert Benz gebührt die uneingeschränkte Anerkennung des Rezensenten für seine souveräne, professionelle sowie historiographisch meisterhafte Beschreibung und Deutung der Lebensgeschichte von Hans-Joachim Riecke. Es gibt Kämpfe in der Geschichtspolitik und an der Erinnerungsfront, denn Geschichte ist eine Waffe. Angesichts von Verdrängung, Schuldabwehr und Wahrnehmungsblockaden hat nicht der Täter Riecke das letzte Wort. Es gereicht dem vorbildlich engagierten Autor Wigbert Benz zur bleibenden Ehre, dass er auch in seinem neusten Werk den verstummten Opfern der Hungerpolitik seine vernehmbare Stimme der Humanität verleiht.


Feldwebel Anton Schmid: Ein Held der Humanität
Feldwebel Anton Schmid: Ein Held der Humanität
von Wolfram Wette
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für uns war er so etwas wie ein Heiliger..., 1. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ schreibt die jüdische Gelehrte Hannah Arendt (1906 – 1975) über die Zeugenaussage von Abba Kovner, dem ehemaligen Kommandeur im jüdischen Untergrund im Raum Wilna in Litauen: „Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmid einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe.”

Dies ist seine Geschichte: Anton Schmid wurde im Januar 1900 in Wien geboren und in der Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian, dem heutigen Oratorium, getauft. Er war ein heiterer, herzensguter Mensch mit einer spürbaren katholischen Grundüberzeugung. In seiner Jugend war er angeblich in ein jüdisches Mädchen verliebt. Wenn beim Gottesdienst der zehnte Mann fehlte, dann kam Anton Schmid in die Synagoge. Mut bewies er schon im März 1938. Als nach dem „Anschluss“ die Auslagenscheibe des Geschäfts einer jüdischen Nachbarin eingeschlagen wurde, hielt er den Täter bis zum Eintreffen der Polizei fest – jedoch landete nicht der Missetäter am Kommissariat, sondern Schmid. Er ließ sich nicht einschüchtern und verhalf nun etlichen jüdischen Bekannten, die tschechische Grenze zu erreichen und zu fliehen.

Als Feldwebel der Wehrmacht hat er sich in den Jahren 1941/42 einen fast legendären Ruf im Wilnaer Ghetto erworben. Er leitete eine Sammelstelle für versprengte deutsche Soldaten. Gleichzeitig wurde er Augenzeuge von widerwärtigen Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung; er entschloss sich, aus eigenem Antrieb zu helfen. Unter großem persönlichem Risiko versorgte er die Bewohner des Ghettos mit Lebensmitteln, verhalf Menschen zur Flucht. Etwa 300 Juden soll er mit einem Wehrmacht-Lastkraftwagen von Wilna weg in sicherere Städte im benachbarten Weißrussland gebracht haben. Schließlich unterstützte er zusammen mit dem Karmeliter Andreas Gdowski, dem Abt des Wilnaer Klosters Ostra Brama, auch den jüdischen Widerstand, der sich Ende 1941 in Wilna zu organisieren begann. Nach mehrmonatiger Rettungstätigkeit wurde Feldwebel Schmid denunziert, von der Geheimen Feldpolizei verhaftet und vor ein Feldkriegsgericht gestellt. Er zum Tode verurteilt und am 13. April 1942 in Wilna hingerichtet. Gerettete sagten über ihn: „Für uns war er so etwas wie ein Heiliger.“ Gegenüber der geretteten Jüdin Luisa Emaitisaite hatte Anton Schmid dieses Bekenntnis abgelegt: „Es ist mir so, als wenn Jesus selbst im Ghetto wäre und um Hilfe riefe. Jesus ist überall, wo Menschen leiden. Ich bin Christ, Luisa, und Jesus bedeutet mir viel.“

Im neuen Buch von Wolfram Wette ist auch Schmids Abschiedsbrief an seine Ehefrau Stefanie abgedruckt: „Will Dir noch mitteilen, wie das ganze kam: hier waren sehr viele Juden, die vom litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer Wiese außerhalb der Stadt erschossen wurden, immer so 2000 – 3000 Menschen.“ Er bat seine Familie um Verzeihung: „Ich habe nur als Mensch gehandelt und wollte ja niemandem weh tun.“ Aus seinen Zeilen spricht ein tiefes Gottvertrauen, das auch den heutigen Leser anrührt: „Wenn Ihr, meine Lieben, das Schreiben in Euren Händen habt, dann bin ich nicht mehr auf Erden, werde Euch auch nichts mehr schreiben können, aber eines seid gewiß, daß wird uns einstens wiedersehen in einer besseren Welt bei unserem lieben Gott.“

Autor Wolfram Wette stellt den Feldwebel Anton Schmid in den historischen Kontext des Rettungswiderstandes. Gemeint sind damit die risikoreichen Bemühungen einzelner Menschen oder Gruppen, die ihre Nachbarn, Freunde und auch Fremde versteckt, ernährt und damit gerettet haben. Es ist beeindruckend, wie kenntnisreich und meisterhaft das Umfeld erkundet und erhellt wird, in dem Feldwebel Schmid sich bewegen musste. Bei aller Sympathie und Bewunderung für seinen Helden hält der Historiker Wette einen analytischen Grundton durch. Damit hat er eine mustergültig quellenkritische Biografie vorgelegt. Mit diesem faktenreichen und zugleich aufrüttelnden Buch wurde dem kleinen Feldwebel aus Wien ein literarisches Denkmal gesetzt. Des Autors unverstellter Blick gilt dem einfachen Handwerker, der dank seiner christlichen Grundierung aktiven Anstand bewies und die Tugend „compassion“ in die Tat umsetzte. Anton Schmid war ein wahrer Held, auch wenn er sich selbst einfach „nur als Mensch“ verstanden hat. Der Autor würdigt das Vorbild Anton Schmid so: „Er kann die heute und zukünftig lebenden Menschen lehren, dass eine humane Orientierung – Schutz des Lebens und der Würde des Menschen – die Leitlinie für das eigene Handeln sein sollte, im Alltag wie unter schwierigen Bedingungen. Anton Schmid setzte sein Leben ein für die Freiheit des Gewissens und die Würde des Menschen.“


Die russische Seele der "Weißen Rose"
Die russische Seele der "Weißen Rose"
von Igor Chramow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eins vor allem lege ich Euch ans Herz..., 8. August 2013
Rezension Die russische Seele der "Weißen Rose"

Im Geleitwort spricht Bundesminister a.D. Dr. Hans-Jochen Vogel von der Ermutigung „im Sinne eines alte Freundschaften überwindenden friedlichen Miteinanders“. Vogel ist ja bekannt für seine bürokratische Strenge und seine juristische Genauigkeit. Bestimmt will er alte Feindschaften überwinden!

Schon der anrührende Titel lädt den Leser ein, sich auf die Suche zu begeben nach dieser russischen Seele der "Weißen Rose". Der Kundige weiß, es geht um Alexander Schmorell („Schurik“) aus Orenburg (Ural). Chramow erzählt von Schmorells Sehnsucht nach Harmonie, seiner empfindsamen Seele, seiner Naturverbundenheit sowie von seiner Liebe zur Kunst, Musik und Literatur. Fotos von Schmorells Skizzen zeigen eindrucksvoll seine ausgepägte künsterlische Begabung.

In einem Brief an Angelika Probst von Ostern 1941 schreibt er von den russischen Emigranten, die die Kirche in München besuchen. Die orthodoxen Gottesdienste wurden für Schmorell ein Bindeglied zur russischen Kultur und Anlass für eines existenzielle Besinnung: „Heute ist die größte Feier in der Kirche.“ Angesichts des menschlichen Elends klagt er: „Wo bleibt da Gottes Gerechtigkeit, wo?“ Er findet Trost in der Einsicht: „Aber sie glauben an ihr Gebet, daran, dass Gott sie erhören werde, und sie hören nie auf zu glauben. Und doch ist das Schicksal gegen niemand so grausam wie gegen die Gläubigsten aller Menschen.“ Im Frühjahr 1941 sind seine Briefe an Angelika voll von Liebeserklärungen – ihr und Russland gegenüber. Dennoch erfährt der Leser wenig von Schmorells Liebesbeziehung zur verheirateten Angelika, der Schwester seines Freundes Christoph Probst.

Dankenswerterweise erzählt der Autor, wie Scholl und Schmorell die Bücherschätze des Pater Romuald von der Stiftsbibliothek St. Bonifaz in München retteten. Warum freilich wird der Leser nicht darüber informiert, wie dieser Kontakt zustande kam? Carl Muth hatte ihn im Frühsommer 1942 gebeten, sich seines Schützlings Hans Scholl und dessen Freund Alexander Schmorell anzunehmen. Sie befassten sich nun mit Thomas von Aquin und anderen christlichen Autoren. Es ging um die brennende Frage nach dem aus christlichem Gewissen gebotenen Widerstand gegen den Missbrauch der Staatsgewalt. Rückblickend sprach der Benediktinerpater Romuald von „Überzeugung, Leidenschaft und Opferbereitschaft“.

Zusammen mit Hans Scholl verfasste Alexander Schmorell Ende Juni / Anfang Juli 1942 die vier „Flugblätter der Weissen Rose“. Chramov betont zu Recht: „Ein Teil des zweiten Flugblattes, dessen Urheberschaft eindeutig Alexander zugeschrieben wird, gilt als einziger bis 1942 in Deutschland bekannter Fall der Auflehnung gegen die gezielte Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung – die wir heute als Holocaust bezeichnen: ‚… nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann.’“

Ein eigenes Kapitel ist der Frontfamulatur gewidmet. Am 23. Juli 1942 bestiegen die Freunde aus der 2. Studentenkompanie am Münchner Ostbahnhof den Zug Richtung Warschau und dann Russland. Nach seiner Verhaftung wird Schmorell aussagen: „Wenn ich als Soldat mit der Waffe in der Hand gegen die Bolschewisten hätte kämpfen müssen dann hätte ich vor Ausführung dieses Befehls meinen militärischen Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht, das ich das nicht kann. In meiner Stellung als Sanitätsfeldwebel ist mir eine solche Meldung erspart geblieben.“ Über Stalingrad wird er beim Verhör diese Erklärung abgeben: „Während Scholl über die Ereignisse von Stalingrad sehr bedrückt war, habe ich mich als für Russland sympathisierend über die nun für die Russen geschaffene Kriegslage förmlich gefreut.“

Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl im Lichthof der Universität München festgenommen. Hans Scholl trug den handgeschriebenen Entwurf von Christoph Probst für ein weiteres Flugblatt bei sich. Dieser Text fiel der Gestapo in die Hände. Am Tag darauf wurde Probst in Innsbruck verhaftet, als er seinem Urlaubsschein für Tegernsee abholen wollte, um seine erkrankte Ehefrau Herta und das neugeborene Kind Katja im Krankenhaus zu besuchen. Am 22. Februar 1943 wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst vom Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler in München zum Tode verurteilt. Diese Urteile wurden noch an jenem Montag in Stadelheim vollstreckt.

Der flüchtige Alexander Schmorell wurde am 24. Februar 1943, zwei Tage nach der Hinrichtung seiner Freunde, in einem Münchner Luftschutzkeller festgenommen. In der Haft verfasste er ein politisches Bekenntnis. Er wurde am 19. April 1943 zum Tode verurteilt. Am 13. Juli 1943 wurde er hingerichtet. Zuvor durfte er an seine Eltern einen Abschiedsbrief schreiben: “Nun hat es doch nicht anders sein sollen und nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei Euer Trost und Eure Hoffnung. (…) In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!! Euer Schurik. Mit mir geht Prof. Huber, von dem ich Euch herzlichst grüßen soll!"

***

Gegen Ende des Buches schreibt Autor Igor Chramow: „Erst 2011 erschienen im Lukas Verlag ‚Gesammelte Briefe’ von beiden Freunden: Alexander Schmorell und Christoph Probst.“ (S. 158). Warum wird nicht erwähnt, dass es sich hier nicht nur um eine Briefedition handelt, sondern dass die Herausgeberin Christiane Moll der Briefsammlung eine biographische Einführung im Umfang von immerhin 280 (!) Seiten voranstellt?

In jedem historischen Buch, so lautet eine Binsenweisheit, finden sich Fehler: Der Münsteraner Bischof von Galen war beileibe nicht „antiautoritär“ (S. 67), sondern regimekritisch. Manfred Eickemeyer war Architekt, nicht Maler (S. 69). Willi Graf gehörte zum Bund Neudeutschland, nicht zum „Jungen Deutschland“ (S. 79). 1937 „absolvierte“ (S. 79) Schmorell nicht, sondern in diesem Jahr legte er sein Abitur ab. Der Name des Münchner Buchhändlers war Söhngen, nicht Söntgen (S. 85).

Noch ein Desiderat für eine derartige Veröffentlichung: Jeder historisch interessierte Leser ist dankbar über ein hilfreiches Personenverzeichnis. Leider fehlt dieser Index.

Fazit: Diese russische Perspektive auf Alexander Schmorell wird jeden Leser faszinieren. Seinen herausragenden und einzigartigen Wert erhält das Buch durch die zahlreichen, z.T. erstmals veröffentlichten Fotos sowie Faksimiles von Dokumenten. Der Orenburger Historiker Igor Chramov (* 1968) hat seinem Mitbürger Alexander Schmorell (1917 – 1943) ein literarisches Denkmal gesetzt. Hier die anrührenden Schlusswörte: "Es gab einen jungen deutschen Mann mit einer russischen Seele, der seine Heimat so liebte, dass er für diese Liebe sein junges Leben ohne Zögern opferte."


Gott will Taten sehen: Christlicher Widerstand gegen Hitler
Gott will Taten sehen: Christlicher Widerstand gegen Hitler
von Margot Käßmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein verdienstvolles Werk, 5. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dieses Buch versammelt erstmals die wichtigsten und bewegendsten Zeugnisse aus dem christlichen Widerstand gegen Hitler – so der Anspruch, verkündet vom Verlag. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein derartiges Lesebuch nicht vollständig sein kann. Dies räumt Herausgeberin Margot Käßmann auch ein, wenn sie schreibt: "Ich denke etwa an Pater Rupert Mayer, der eine wichtige Gestalt des katholischen Widerstandes in Bayern war." Bereits in den frühen 20er-Jahren hatte er die Gefahr erkannt, die von den Nationalsozialisten ausging.

Unverzeihlich ist freilich, dass Max Josef Metzger, eine Pioniergestalt der Ökumene und der christlichen Friedensbewegung, mit keiner Silbe erwähnt wird. Dabei spricht die Herausgeberin in ihrer Einleitung von "ökumenischer Ermutigung"! Metzger opferte sein Leben "für den Frieden der Welt und für die Einheit der Kirche". Das Todesurteil wurde am 17. April 1944 vollstreckt.

Unverzeihlich ist freilich auch, dass Pastor Helmut Hesse nicht gewürdigt wird. Zum historischen Hintergrund: Am 17. April 1943 strich die rheinische Bekennende Kirche diesen unbequemen Christenmenschen und mutigen Freund der verfolgten Juden von der Kandidatenliste. Sein Leben endete am 24. November 1943 im KZ Dachau. Sein prophetisches Vermächtnis: "Dem Staat gegenüber hat die Kirche die heilsgeschichtliche Bedeutung Israels zu bezeugen und [gegen] jeden Versuch, das Judentum zu vernichten, Widerstand zu leisten." Es gibt nicht nur das verdrängte Erbe der Bekennenden Kirche, sondern wir sollten uns dabei endlich auch an verdrängten Märtyrer Helmut Hesse erinnern!

Auch den Namen von Feldwebel Anton Schmid, der Ikone des Rettungswiderstandes, sucht man vergeblich. Dieser Gerechte unter den Völkern hatte in Litauen etwa 300 Juden das Leben gerettet. "Wenn jeder anständige Christ", schrieb er an seine Frau Steffi, "auch nur einen einzigen Juden zu retten versuchte, kämen unsere Parteiheinis mit ihrer Lösung der Judenfrage in verdammte Schwierigkeiten. Unsere Parteiheinis könnte ganz bestimmt nicht alle anständigen Christen aus dem Verkehr ziehen und ins Loch stecken." Das Todesurteil gegen diesen Helden der Humanität wurde am 13. April 1942 vollstreckt. In seinem Abschiedsbrief an seine Ehefrau sprach er von der Gewissheit, dass wir uns "wiedersehen in einer besseren Welt bei unserem lieben Gott." Für die große jüdische Gelehrte Hannah Arendt wirkten Schmids Rettungstaten "wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis."

Selbstredend darf die Kontroverse um Papst Pius XII. in einem derartigen Lesebuch nicht fehlen. Sein "katholischer Antijudaismus verband ihn mit dem nationalsozialistischen Antisemitismus" – so die Einschätzung auf Seite 192. Unerwähnt freilich bleibt dessen Weihnachtsansprache 1942. Hier tat Papst Pius XII. angesichts der Bitten, seine Stimme für die von der Vernichtung bedrohten Juden zu erheben, kund: "Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind." Auch diese Taten gehören zum Rettungswiderstand: Etwa die Hälfte der 8000 in Rom lebenden Juden konnte rechtzeitig untertauchen – zum großen Teil in kirchlichen Einrichtungen; zahlreiche Klöster nahmen Verfolgte auf.

Mehrfach wird in diesem Lesebuch das KZ Dachau erwähnt. Vergeblich sucht man jedoch nach diesen Fakten: Im Dezember 1940 wurde der Priesterblock im KZ Dachau errichtet. Insgesamt wurden bis zum Kriegsende 2 720 Geistliche, von denen 1 780 aus Polen und 447 (411 katholische, 36 evangelische) aus Deutschland stammten, inhaftiert. 1 034 dieser Häftlinge überlebten den KZ-Terror nicht.
Auf Seite 305 heißt es über die Weiße Rose: "Er [Hans Scholl] freundete sich mit seinen Kommilitonen Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf an und kam in Kontakt mit regimekritischen Studenten und Professoren." Der kundige Leser würde gerne die Namen dieser "regimekritischen Studenten und Professoren" erfahren. Handelt es sich vielleicht um Traute Lafrenz, Jürgen Wittenstein, Carl Muth, Theodor Haecker, Kurt Huber? Der kundige Leser hält inne, wenn er auf Seite 305 auf diesen Satz stößt: "Um das Jahr 1941 begann Scholl, sich bewusster dem Christentum zuzuwenden." Dieser nüchterne und wenig inspirierte Sprachduktus wird Hans Scholl – in seiner überschäumenden Energie und in seinen Suchbewegungen – nicht gerecht. Ad fontes! An Weihnachten 1941 gab Hans Scholl Einblick in seine Seelengründe: "Je dunkler die Schatten über eine Epoche hereinfallen, desto größer wird die Sehnsucht einzelner Menschen nach dem Lichte, denen die Schattenhaftigkeit und der Frevel ihrer Gegenwart den bürgerlichen Gleichmut genommen hat. Sehnsucht nach dem Lichte und nach der Erleuchtung haben uns zu der einzig hellen Stelle geführt, die uns geblieben ist: Christus. Und die uns bleiben wird. Unser ganzer Hintergrund und unser Wegweiser und Ziel ist Er." Die Mitte der christlichen Gläubigkeit ist eine Person, nicht ein Sachverhalt – so die tiefe Erfahrung von Hans Scholl. Die Botschaft der Weißen Rose wird verkürzt und verzerrt, wenn die ersten vier Flugblätter nur als "apokalyptische Polemik eines untergehenden Kulturvolkes" (S. 306) gedeutet werden. Diese legendären Flugblätter zeugen zunächst von einer bewundernswert breiten und tiefen Bildung. Die apokalyptischen Bezüge des vierten Flugblattes sind ein Protest gegen einen liberalen Kulturprotestantismus. Das Widersagen der Weißen Rose gipfelt in diesem Aufruf: "Überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den Einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten."

"Als Hitler Anfang November 1937 seinen Generalen in der Reichskanzlei seine strategischen Pläne zur Gewinnung von ‚Lebensraum’ erläuterte", so heißt es auf Seite 318, "stieß er auf heftige Kritik, unter anderem von Reichskriegsminister Werner von Blomberg, dem Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch und Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath." Es geht nicht an, wie hier geschehen, Blomberg, Fritsch und Neurath in einen Topf werfen! Wer sich zu Fritsch äußert, sollte zunächst die Fakten zur Kenntnis nehmen und erwägen: Die aggressive Stoßrichtung der Aufrüstung war Fritsch bekannt. 1937 überreichte er dem Kriegsminister hierzu eine Denkschrift. Hier ein Auszug: "Als Kontinentalmacht werden wir letzten Endes unsere Siege auf der Erde gewinnen müssen. Und solange die Ziele eines deutschen Sieges nur in Ost-Eroberungen liegen können, wird auch nur das Heer, durch Eroberungen im Osten, durch Halten im Westen, die letzte Entscheidung bringen." Fritsch war sich also über die Ziele mit seinem "Führer" Adolf Hitler grundsätzlich einig. Es gab nur den Konflikt über das WIE und das WANN.

Das Feld des Widerstands ist weit. So gesehen wäre es hilfreich gewesen, die unterschiedlichen Stufen des Widerstandes (u.a. Nonkonformität, Verweigerung, Protest) zu erkunden und zu erhellen. Dazu wird in der Einleitung die Frage gestellt: "Können Widerstand und Widerständigkeit unterschieden werden?" Die Antwort lautet: JA! Bei politischem Widerstand wurde das eigene Leben riskiert.

Trotz aller Kritik und Einwände: Das vorliegende Lesebuch ist ein verdienstvolles Werk; denn eine Kultur der Erinnerung ist unverzichtbar. Gedenken, so meine Überzeugung, darf nie auf "usable past" im Sinne der Selbstdarstellung verkürzt werden. Deshalb wird die Leserschaft mit großer Ehrfurcht und Dankbarkeit die großartigen Zeugnisse dieser Christenmenschen im Widerstand wahrnehmen. Es ist auch gut und sinnvoll, wenn die Rezeption mancher weithin bekannter Namen eine lebendige Tradition begründet: Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Graf von Galen, Bernhard Lichtenberg, Graf von Moltke, Martin Niemöller, Konrad von Preysing, Elisabeth Schmitz, Paul Schneider, Hans Scholl, Sophie Scholl, Graf von Stauffenberg, Edith Stein. Auch verdient das Anliegen, die Rolle der Frauen im Widerstand hervorzuheben, Lob und Anerkennung. Dies sind die Namen: Madeleine Barot, Christine von Dohnanyi, Maria Grollmuß, Helene Kafka, Hebe Kohlbrügge, Marga Meusel, Freya von Moltke, Elisabeth Schmitz, Sophie Scholl, Katharina Staritz, Edith Stein, Elisabeth von Thadden, Magda Trocmé, Isa Vermehren und Marion von Wartenburg. Leider fehlt Maria Terwiel von der Roten Kapelle. Ihren besonderen Wert erhält diese Anthologie, weil sie bisher nicht publizierte Dokumente und bislang kaum bekannte Namen enthält.


Bonhoeffer in Finkenwalde: Briefe, Predigten, Texte aus dem Kirchenkampf gegen das NS-Regime 1935-1942
Bonhoeffer in Finkenwalde: Briefe, Predigten, Texte aus dem Kirchenkampf gegen das NS-Regime 1935-1942
von Karl Martin
  Broschiert
Preis: EUR 39,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine bereichernde Lektüre für ausnahmslos alle Freunde Dietrich Bonhoeffers!, 3. März 2013
Eine Feststellung vorweg: Dieses umfangreiche und vielseitige Werk kann man nicht einfach lesen; vielmehr verlangt es Geduld und Anstrengung sowie die gehörige Portion Vorfreude, um mit Bonhoeffer und seinen Texten in einen fruchtbaren Dialog zu treten. Wer sich freilich die Zeit (und Auszeit) nimmt, der wird in eine wunderbare Welt des Geistes eintreten und spannungsreiche Einblicke wahrnehmen.

Zum historischen Bezugsrahmen: In Finkenwalde bei Stettin (heute Sczeczin-Zdroje) gründete Dietrich Bonhoeffer im Jahre 1935 ein Predigerseminar, um Pfarrer der Bekennenden Kirche (BK) auszubilden. Seit 1938 gehörte er zu den Mitwissern der Verschwörung des Widerstandkreises im OKW. Sein Schwager Hans von Dohnanyi versorgte ihn mit brisanten politischen Informationen. Für Bonhoeffer gab es zwei Möglichkeiten: Ausharren oder Fliehen in Zeiten der Verfolgung.

Den "Finkenwalder Rundbriefen", die in diesem Buch zum ersten Mal komplett veröffentlicht werden, sind Predigten und andere Texte, u.a. Hintergrunddokumente, sowie eine Zeittafel beigegeben. Es empfiehlt sich aber, zunächst die aufschlussreichen, inhaltlich dichten Nachbemerkungen des Herausgebers zu lesen.

Im September 1934 quälte sich Bonhoeffer mit dem Gedanken, ob er in London bleiben soll, ob er an das neu zu errichtende Predigerseminar nach Deutschland zurückkehren oder ob er nach Indien zu Gandhi gehen soll. Er wollte Gandhi, seine Friedensethik und seine Praxis des gewaltlosen Widerstandes näher kennenlernen. Seine Indien-Pläne wurden kaum verstanden. Im Oktober 1936 sprach Karl Barth von einer "seltsamen Nachricht" und fragte Bonhoeffer, ob er sich "dort bei Gandhi oder einem anderen dortigen Gottesfreund irgendeine geistliche Technik aneignen" wolle. Bonhoeffer freilich wollte die Bergpredigt in Gandhis Gestalt kennenlernen. Die neue Kirche, die Kirche der Bergpredigt, die in Deutschland werden muss, wird sehr anders aussehen als die jetzige Oppositionskirche [Bekennende Kirche] – so Bonhoeffer im Juli 1934. Kommentar des Herausgebers: "Wir verstehen uns als Erben der Bekennenden Kirche – bleiben aber 'Volkskirche', Privilegienkirche, Amtskirche des öffentlichen Rechts."

Herzstück der vorliegenden Studienausgabe sind die "Finkenwalder Rundbriefe". Im September 1939, also nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, schrieb Bonhoeffer: "Die Stunde Gottes hat geschlagen, es wird hohe Zeit zu Bekehrung und Gebet. Täglich wollen wir uns fragen wo wir durch die Tat Zeugnis geben können für das Reich, in dem Liebe und Friede herrscht." In diesem September 1939 empfahl er seinen "lieben Brüdern" u.a. diese Schriften: H. F. Kohlbrügge, "Sechs Predigten, gehalten vor der Eröffnung der Kriegsläufte im Jahre 1870" sowie Martin Luther, "Ob Kriegsleute auch in seligem Stands sein können". Heute ist es schwer nachzuvollziehen, warum ausgerechnet Kohlbrügges Kriegspredigten aufgelistet wurden. In seinen Predigten stellte Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803 – 1875) während der Kriegszeiten von 1866 und 1870/1871 Preußen als Schutzmacht gegen den Unglauben dar. Er sprach u.a. vom Ansturm des Antichristen gegen Christus. In Preußens Sieg erblickten Kohlbrügge und seine Freunde den Damm für die Wahrheit des Evangeliums gegen die internationalen Mächte des Verderbens. "Was ist Krieg andres als Unrecht und Böses bestrafen? fragte noch Luther in seiner angeführten Schrift. Für ihn war Krieg nur "ein kleiner, kurzer Unfriede, der einen ewigen, unermesslichen Unfrieden abwehrt."

Faszinierend und anrührend ist Bonhoeffers Weihnachtsbrief 1939: "Kein Priester, kein Theologe stand an der Krippe von Bethlehem. Und doch hat alles christliche Theologie ihren Ursprung in dem Wunder aller Wunder, dass Gott Mensch wurde. Heilige Theologie entsteht im anbetenden Knieen vor dem Geheimnis des göttlichen Kindes im Stall." Und er schließt seinen Brief mit der Hoffnung, "vielleicht auch die Weihnachtslieder Luthers nachdenklicher und fröhlicher zu singen."

Im Advent 1940 schrieb er aus dem bayrischen Kloster Ettal: "Nicht erst der Krieg bringt den Tod, nicht erst der Krieg erfindet die Schmerzen und Qualen menschlicher Leiber und Seelen, nicht erst der Krieg entfesselt Lüge, Unrecht und Gewalt. […] Der 'Zauber' hat vollends heute seine Kraft verloren, er bannt nicht mehr die Wirklichkeit. Die Flucht ist uns verstellt. Die bunten Schleier, die uns sonst noch wirklich für Tage und Stunden täuschen mochten, sind uns heute als Täuschung und Lüge deutlich geworden. Das Wesen der Welt hat sich enthüllt."

Am 1. Advent 1942 schrieb Bonhoeffer an die Brüder im Kriegseinsatz: "Manche von uns leiden stark darunter, dass sie gegen so viel Leiden, wie es die Kriegsjahre mit sich bringen, innerlich abstumpfen. […] Aber Christus konnte mitleiden, weil er zugleich aus allen Leiden erlösen konnte. Aus der Liebe und der Kraft die Menschen zu erlösen, kam ihm die Kraft mitzuleiden. Wir sind nicht berufen, uns die Leiden der ganzen Welt aufzubürden, wir können im Grunde von uns aus gar nicht mitleiden, weil wir nicht erlösen können. Ein Mitleidenwollne aus eigner Kraft aber muss zu Boden drücken, zur Resignation treiben." Hier möchte der kundige Leser mit Bonhoeffer ins Gespräch treten und diese Stelle bei Paulus anführen: "Nun freue ich mich in meinem Leiden, das ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen in Christo, für seinen Leib, welcher ist die Gemeinde." (Kol 1,24) "Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen", so Bonhoeffer in seiner Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943, "sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder, um deretwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden."

Zu guter Letzt gilt ein Wort des aufrichtigen, ja überschwänglichen Dankes und der vorbehaltlosen Anerkennung dem Herausgeber Karl Martin und seinem Mitarbeiter Maximilian Rathke. Nur wer einen Ruf vernommen hat, nur wer von einer Mission erfüllt ist und nur wer auch über diesen bewunderswerten und souveränen Überblick zu Bonhoeffers Werk verfügt, der kann diese unvorstellbar zeitaufwändige Mühe auf sich nehmen, um eine derart mustergültige und bis ins Detail sorgfältige, akribische Editionsarbeit zu leisten. Freilich wäre es die schönste Würdigung für diese treuen Freunde Bonhoeffers, wenn der ohnehin begrenzte Leserkreis diesen Band erwerben, studieren und dann die Botschaft weitertragen würde. Fazit: Eine bereichernde Lektüre für ausnahmslos alle Freunde Dietrich Bonhoeffers!


Das verdrängte Erbe der Bekennenden Kirche
Das verdrängte Erbe der Bekennenden Kirche
von Reinhard Höppner
  Broschiert
Preis: EUR 16,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anspruchsvolle und anregende Lektüre, 7. November 2012
Bereits im Vorwort wenden sich die Herausgeber in wohltuender Entschiedenheit gegen das EKD-Papier "Kirche der Freiheit" (2006), das die Effizienzkritierien der Wirtschaftsberater auf die Kirche überträgt. In dem besagten Impulspapier wurde der biblische Anspruch und Auftrag ‚Gerechtigkeit schafft Frieden’ ausgeklammert. Dafür sei es Aufgabe der Institution Kirche, durch ein "verlässliches Qualitätsmanagement" die "evangelischen Kernangebote" zu stabilisieren und in der Wirkung zu steigern. Nach der Lektüre des verdienstvollen Sammelbandes ist klar, an welcher Stelle die heutige Kirchenleitung das Erbe der Bekennenden Kirche (BK) verdrängt und preisgibt.

Im Vorwort wird auch konzediert, dass sich nur der "harte Kern" der BK gegen die Deportation und Ausrottung der Juden zur Wehr setzte. So verfasste im Jahr 1943 eine kleine Gruppe der BK, als die Züge der Reichsbahn die Juden in der Vernichtungslager transportierten, den "Münchner Laienbrief". In aller Schärfe wurde darauf hingewiesen, dass die Kirche die heilsgeschichtliche Bedeutung Israels zu bezeugen und allen Versuchen, das Judentum zu vernichten, aufs äußerste zu widerstehen habe. Leider vergessen sind auch diese prophetischen Sätze: "Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, dass die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. In der Kirche des Evangeliums sind alle Gemeindeglieder mitverantwortlich für die rechte Ausübung des Predigtamtes. Wir wissen uns deshalb auch für sein Versagen in dieser Sache mitschuldig." Als der junge Pastor Helmut Hesse (1916 – 1943) Auszüge aus diesem Laienbrief im Gottesdienst im Elberfeld verlas, wurde er verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Nach fünf Monaten Einzelhaft starb er dort am 24. November 1943. Leider wird im vorliegenden Sammelband nicht erwähnt, dass Hesse bereits am 17. April 1943 von der rheinischen BK ausgeschlossen wurde. Damit wurde er de facto der Gestapo preisgegeben.

Dem kundigen Leser stellt sich die qualvolle Frage nach der Aufgabe der Kirche in unserer Zeit. Sind es Effizienzkriterien, Qualitätsmanagement sowie Strukturen und Prozessabläufe? Oder aber lautet der Auftrag, unverzagt Zukunft zu gestalten im Lichte des Evangeliums?

Die Kontinuität restaurativer Tendenzen wird mustergültig am Beispiel des Kirchenfunktionärs Heinz Brunotte (1896 – 1984) aufgezeigt. Von 1949 bis 1965 war Brunotte Präsident der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland (heute: Kirchenamt der EKD). Nach dem Kriege leugnete, verschwieg, verharmloste oder rechtfertigte er die Kooperation der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) mit dem NS-Regime. Dabei hatte er Mitte der 30er Jahre geschrieben, dass die "nationalsozialistische Weltanschauung und das Christentum sich vereinigen lassen, wenn der Nationalsozialismus darauf verzichtet, seine Weltanschauung zur Religion zu erheben." Ein Beispiel möge Brunottes politische und konfessionalistische Beschränktheit aufzeigen: Als 1961 Militärbischof Hermann Kunst (1907 – 1999) Brunotte darüber informierte, dass die Hardthöhe erwäge, eine Kaserne nach Dietrich Bonhoeffer zu benennen, da antwortete er: "Es hat doch keinen Sinn, eine Kaserne nach einem Pastor zu benennen, ganz abgesehen davon, dass der Heiligenkult der katholischen Kirche vorbehalten bleiben sollte. Ich weiß, dass die Heilige Barbara die Schutzpatronin der Artillerie ist, aber ich wäre doch dagegen, dass der Heilige Bonhoeffer Schutzpatron einer Kaserne der Bundeswehr würde." Aus heutiger Sicht ist es schade, dass keine Liegenschaft der Bundeswehr nach jenem mutigen Glaubenszeugen Bonhoeffer benannt wurde. Als Hitlers Wehrmacht Vernichtungskriege führte, da legte er dieses religiöse und politische Bekenntnis ab: "Ich bete für die Niederlage meines Landes, denn ich glaube, dass es die einzige Möglichkeit ist, um für das ganze Leiden zu bezahlen, das mein Land in der Welt verursacht hat." Bei Brunotte freilich reicht es nur zu billigem Sarkasmus…

Traditionspflege ist, so denke ich, Geschichtspolitik, nicht Heiligenkult! Nota bene: In Delmenhorst und Dülmen gibt es Barbara-Kasernen; die Liegenschaft in Donauwörth ist nach dem Jesuiten Alfred Delp vom Kreisauer Kreis benannt. Von Seiten der Militärseelsorge gab es im Übrigen keinerlei Widerspruch, als ab 1964 zwei Dutzend Kasernen der Bundeswehr nach den Helden von Hitlers Vernichtungskriegen (z.B. Dietl in Füssen und Kübler in Mittenwald) benannt wurden.

Ich schließe mit einem Auszug aus dem kundigen und wertvollen Beitrag "Staatstradition und Kirchenreform": "Die Deutschen Christen fanden ihre Legitimität im NS-Staat. Das Beschwören einer Römerbrief-Auslegung und das nationalistische politische Milieu des Protestantismus wurden die Scheuklappen, die es ermöglichten, sich einzurichten und dem ‚Führer’ der reklamierten ‚Vorsehung’ zu dienen. (…) Diese Kirchenkreise ergaben sich einer kruden Staatsmacht aus Sehnsucht nach alter Staatsherrlichkeit ohne zu zaudern, den theologischen Auftrag für ihre Gemeinde und die Kirche insgesamt zu verbiegen. Das Wächteramt war verwaist; wenige nur konnten aus diesem System ausbrechen, ihre existenziellen Entscheidungen führten sie mit aufrechten Gang in den Widerstand. Doch ihr Beispiel zeigt, dass diese Menschen ‚ihren Kirchen an Mut und Entschlossenheit’ weit voraus waren."

Fazit: Eine dichte und anspruchsvolle Lektüre. Anregende Aufsätze, die zum Diskurs einladen.


Bischof George Bell: Reden vor dem Oberhaus des Britischen Parlaments und Briefwechsel mit Rudolf Heß
Bischof George Bell: Reden vor dem Oberhaus des Britischen Parlaments und Briefwechsel mit Rudolf Heß
von Peter Raina
  Broschiert
Preis: EUR 24,30

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Stimme des Friedens und der Gerechtigkeit, 14. Oktober 2012
Im Geleitwort spricht Peter Steinbach von den Brückenbauern, die Würde und Gerechtigkeit verkörpern. Zu ihnen gehört Bischof George Bell. Nur noch wenigen ist dieser Freund von Dietrich Bonhoeffer bekannt. Mit Bells Hilfe hatte er versucht, die britische Regierung über die Existenz und über die Ziele des deutschen bürgerlich-militärischen Widerstands zu informieren. Steinbach würdigt die Verdienste von Bischof Bell so: „Einen absoluten Feind wollte er nicht anerkennen und auch nicht bedingungslos bekämpfen. Ideologische Verblendungen akzeptierte er so wenig wie gesellschaftliche Hysterie. Deshalb gehört er zu den europäischen Kirchenleuten und Politikern, die auf Ausgleich, Verständnis, Gerechtigkeit und Humanität setzten.“

In seiner Rede vor dem Oberhaus sprach Bischof Bell von der Notwendigkeit, den „jetzigen deutschen Militärapparat komplett und endgültig zu zerschlagen.“ Dies erinnert an das vierte Flugblatt der Weißen Rose: "Obgleich wir wissen, dass die nationalsozialistische Macht militärisch gebrochen werden muss, suchen wir eine Erneuerung des schwerverwundeten deutschen Geistes von innen her zu erreichen.“ Bell besteht darauf, „dass der Widerstand in Deutschland und in den besetzten Ländern vor Beginn der westlichen Offensive wissen sollte, mit wem die Alliierten zusammenarbeiten werden“ und er macht klar, „wie viel dieser Widerstand leisten könnte, wenn er Hilfe von außen bekäme“. Auch für Bell besteht kein Zweifel daran, dass „Hitler und seine ganze Bande“ gestürzt werden muss. Doch immer wieder spricht Bell von den anderen Deutschen, die das „Nazi-Regime verabscheuen und die sich von der Gier nach der Weltherrschaft distanzieren.“ Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Bells Optimismus nicht Gestalt annahm, wenn er dieser Hoffnung Ausdruck verlieh: „Die beste Lösung wird darin bestehen, dass das Nazi-Regime vom deutschen Volk selbst zerschlagen wird.“

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 sprach Churchill abwertend von “fights of extinction among the notables of the Third Reich.” Erst Jahre später erkannte er die moralische und politische Größe des Widerstandes gegen Hitler.

Dem aufrechten Bischof George freilich Bell verzieh Winston Churchill seine christlich motivierte, deutschfreundliche Haltung nicht. Als Ende Oktober 1944 William Temple, der Erzbischof von Canterbury, starb, war George Bell als Nachfolger im Gespräch. Bells Berufung scheiterte am Widerspruch von Winston Churchill.


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