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Jakob Knab (Kaufbeuren)
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Armenien, die Türkei und die Pflichten Europas
Armenien, die Türkei und die Pflichten Europas
von Helmut Donat
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,80

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einsame Rufer im Kampf gegen MIssbrauch der Macht, gegen Gewalt und Völkermord, 26. April 2016
Wenigstens der Name Johannes Lepsius dürfte Kundigen bekannt sein, wenn es um historische Aufklärung zum Völkermord an den Armeniern geht. Lepsius (1858–1926) war ein deutscher evangelischer Theologe und Orientalist, der sich hauptsächlich mit der Geschichte des armenischen Volkes befasste. Vergeblich versuchte er, die deutsche Öffentlichkeit angesichts des Massenmordes an den Armeniern aufzurütteln. Eines der wichtigsten Werke von Lepsius ist seine 1919 veröffentlichte Publikation „Deutschland und Armenien 1914–1918“. Sie lassen keinen Zweifel über die Absichten und Methoden der jungtürkischen Regierung zu, die armenischen Staatsbürger und die übrigen orientalischen Christen im Osmanischen Reich auszurotten. Es geht hier nicht um Diplomatie, sondern um historische Wahrheit! Doch seine mahnende Stimme wurde in Deutschland weitgehend überhört.

Kaum Beachtung fand auch die Streitschrift „Armenien, die Türkei und die Pflichten Europas“ des vorbildlich engagierten Bremer Verlegers, Historikers und Publizisten Helmut Donat aus dem Jahre 2005. Neue Aktualität gewinnt nun diese Veröffentlichung durch die gegenwärtigen realpolitischen Rücksichtnahmen auf den türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan. Wir schreiben das Jahr 2016. Mit seinem neuen, gemeinsam mit den Dresdner Sinfonikern erarbeiteten Stück "Aghet", das sich mit dem türkischen Genozid an den Armeniern befasst, hat sich der Komponist Marc Sinan den erwartbaren Groll der türkischen Regierung zugezogen. Es war der erste große und bis heute in den Details unfassbare Völkermord des 20. Jahrhunderts. In der Türkei wird dieser Holocaust, der unter den Augen deutscher Militärs stattfand, geleugnet. Zu Recht schreibt Donat in seiner Einführung: „Nicht die Haltung der deutschen Regierungen und Parteien waren wegweisend und haben vor der Geschichte, Gegenwart und Zukunft Bestand, sondern jene ‚Rufer in der Wüste’, die mit wachem Blick die Zeichen der Zeit kompetenter, klarer und realistischer deuteten als ihre Gegner.“

Im vorliegenden Buch werden wegweisende und prophetische Reden der Vergessenheit entrissen, denn lange vor dem Völkermord an den Armeniern haben der Sozialdemokrat Eduard Bernstein (1850-1932), Gründer des „Revisionismus“, und Otto Umfrid (1857-1920), evangelischer Pfarrer, Schriftsteller und Vizepräsident der Deutschen Friedensgesellschaft, in flammenden Aufrufen die Unterdrückung des armenischen Volkes angeprangert.

Im Juni 1902 hielt Bernstein vor der Berliner Volksversammlung die Rede „Das Leiden des armenischen Volkes und die Pflichten Europas“. Er endete seine Rede mit dem Aufruf: „Jetzt wird uns im Falle Armeniens die Möglichkeit geboten, energisch unser Stimme zu erheben zugunsten eines Volkes, gegen welches langsam, aber zielbewusst ein grausamer Vernichtungskampf geführt wird, und ich hoffe, dass niemand unter ihnen ist, der nicht heute das Gefühl mit sich nimmt, dass hier geholfen werden muss. Den Armeniern muss geholfen werden, das Foltersystem des Sultans muss verschwinden von der Erde!“

Bereits 1896 hielt Pfarrer Otto Umfrid in Stuttgart die Rede „Die armenischen Greuel und die Friedfertigung des Orients“. Er begann mit diesen aufrüttelnden Worten: „Die Geschichte des osmanischen Reiches ist mit Blut geschrieben. Am grässlichsten hat die Tyrannei gewütet in den jüngst vergangenen Jahren. Was in Armenien geschehen ist, das übersteigt die Grenzen menschlicher Begriffe, durch die Blutbäder von Kaisarije, Siva, Urfa und wie die unglückseligen Stätten alle heißen mögen, werden wir um Jahrtausende zurückgeschleudert in die finsterste Barbarei. Und Europa lässt sich das bieten und lässt es bei papiernen Protesten bewenden.“ Und Pfarrer Umfrid stellte die Frage: „Seit wann sind denn die Deutschen so herzlos geworden?“ Er gab die realpolitischc Antwort selber: „Seitdem sie nicht Höheres mehr kennen als ihre Nation.“ Und er mahnte: „Deutschland geht nicht über alles, die Menschheit steht höher.“

Im Buch findet sich auch die Rede „Alarmierende Nachrichten aus Armenien und die Pflichten der deutschen Regierung“, die der Abgeordnete Georg Gradnauer (SPD) im März 1902 im Deutschen Reichstag hielt. Hier ein Auszug: „Der Zustand, der in Armenien herrscht, ist ein Zustand allgemeiner Rechtlosigkeit, dauernder Unsicherheit, fortwährender Plünderungen, ungerechter Einkerkerungen und Eigentumsberaubungen. Es werden ganze Ortschaften vernichtet, und auch Frauen und Kinder werden nicht verschont.“ Seine Aufforderung an die Regierung, dem gequälten und niedergebeugten Volke der Armenier Hilfe in Aussicht zu stellen, verhallte ungehört. Georg Gradnauer stammte aus einem jüdischen Elternhaus. Zu Beginn der Weimarer Republik hatte er verschiedene politische Ämter inne. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er verhaftet und war wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Überzeugungen Verfolgungen ausgesetzt. Von Januar 1944 bis zum Kriegsende war er Häftling im KZ Theresienstadt.

Besondere Beachtung verdient die anrührende biographische Skizze aus der Feder von Helmut Donat über Pfarrer Otto Umfrid (1857-1920). im Kampf gegen Macht und Gewalt, Blut und Eisen war kein evangelischer Kirchenmann im preußisch-deutschen Kaiserreich –– so für Frieden und Gerechtigkeit eingetreten wie Otto Umfrid. Stets wandte er sich auch gegen jene unheilvolle Trennung von Politik und Moral, die sich infolge von Bismarcks Reichsgründung wie ein eiserner Ring um die Köpfe der Bürger gelegt hatte. Ebenso galt sein Kampf dem preußisch-neudeutschen Militarismus. Nach seinem Artikel „Los von Bismarck“ (Januar 1910) ergoss sich eine Flut von Beschimpfungen über ihn. Mit Beginn des Krieges im August 1914 musste er erneut Schmähungen erdulden. Während des Krieges wurde er von den Militärbehörden bespitzelt. Am Pfingstmorgen des Jahres 1920 starb Otto Umfrid. Freunde schmückten seine letzte Ruhestätte mit weißen Rosen und einer Friedenspalme. Auf dem Grabstein findet sich diese Seligpreisung aus der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“.


"Wirklich die neue Phönixgestalt?": Ida Friederike Görres über Kirche und Konzil: Unbekannte Briefe 1962-1971 an Paulus Gordan
"Wirklich die neue Phönixgestalt?": Ida Friederike Görres über Kirche und Konzil: Unbekannte Briefe 1962-1971 an Paulus Gordan
von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Geschmack wie frische Bitterkräuter...., 11. März 2016
Im Nachkriegsjahr 1946 sorgte Ida Friederike Görres mit ihrem „Brief über die Kirche“ für öffentlichen Streit und erregte Debatten, denn sie hatte ihren katholischen Glaubensgenossen eine ungenügende Aufmerksamkeit für die Zeichen der Zeit vorgehalten. Ida Friederike Görres, die Schwester des Paneuropa-Gründers Richard Graf Coudenhove-Kalergi, gehörte zu den großen Theologinnen des 20. Jahrhunderts und spiegelte in ihrem Denken die ganze Dramatik der Kirche im Spannungsfeld zwischen Tradition, Wandel und Aufbruch. Als sie im Mai 1971 in Freiburg im weißen Kimono zur letzten Ruhe gebettet wurde, hielt der damalige Regensburger Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte Joseph Ratzinger die Gedenkansprache, der Priester Joseph Ratzinger fasste seine feinsinnige und einfühlsame Wertschätzung so in Worte: „Sie hat mit einer sehenden Sicherheit und mit einer Unerschrockenheit zu den drängenden Fragen der Kirche von heute gesprochen, die nur dem wahrhaft Glaubenden geschenkt ist.“

Dabei hatte der Freiburger Erzbischof Konrad Gröber, als Ida Friederike Görres ihren „Brief über die Kirche“ in der Novembernummer der neu gegründeten Zeitschrift „Frankfurter Hefte“ veröffentlichte, jede auch nur ansatzweise Kritik an der Kirche schroff zurückgewiesen: „Jeder, der die Verhältnisse und Zustände kannte, muss doch sagen, dass sich gerade der deutschen Klerus in diesen 14 Jahren löblich benommen hat, dass er unendlich viel litt, sei es in den Konzentrationslagern, sei es in den einzelnen Gemeinden, wo die Ortsgruppenführer, die Lehrer und andere >Hoheitsträger< ihm das Leben of noch wesentlich schwerer machten, als etwa die Capos in Dachau oder sonst wo…“ In Gröbers Fastenhirtenbrief vom Februar 1947 hieß es dann: „ Kaum je war die Zeit zu Vorwürfen und Hader im eigenen Haus so wenig geeignet wie gerade jetzt, wo sie prall angefüllt ist mit Elend und Not.“

In großen biblischen Bildern hatte Ida Friederike Görres das Elend und die Not der Zeit und auch ihre Hoffnungszeichen in diese bewegenden Worte gefasst: „Auch wir traten damals aus der geheimnisvollen, der unsichtbaren Arche – wie oft haben wir sie so genannt! –, die uns sechs und auch zwölf Jahre im Schwall der steigenden Todesfluten geborgen hatte, in die Trümmer einer Welt, die nicht im Wasser, sondern in Feuer und Blut und Tränen untergegangen ist, in einem Strafgericht, das jener sühnenden Flut aus der Menschheitsfrühe wohl an die Seite gestellt werden darf. Auch wir stehen noch in einer Welt voll Schlamm und Leichen, voll Aas und Grauen im Sichtbaren und im Unsichtbaren, unter dem emsig schmarotzenden Gewimmel all des Dunklen, das sich von Zersetzung nährt und an der Zerstörung gedeiht. Und über uns wölbt sich der gleiche Himmel, der über den letzten und zugleich ersten Menschen einer neuen Schöpfung blaute, und auch ob unsern Häuptern leuchtet der Bogen der Verheißungen Gottes in den Wolken.“ Sie schloss ihren Brief mit dieser existenziellen Klage: „Wir müssten wieder durchstoßen zu den Wurzeln und Grundlagen unseres Daseins, zum anvertrauten und unverfälschten Erbe.“

Wer diese prophetischen Klagerufe kennt, der wird auch mit großer Spannung und Erwartung zu dieser Neuerscheinung greifen. Nun sind die bislang unbekannten Briefe der Ida Friederike Görres, die sie in den Jahren 1962 bis 1971 mit P. Paulus Gordan OSB, einem Mönch der Erzabtei Beuron mit jüdischen Wurzeln, wechselte. Dieser Benediktiner war auch der führende Kopf und spiritus rector der Salzburger Hochschulwochen. 50 Jahre nach der Beendigung des Konzils am 8. Dezember 1965 sind diese Briefe taufrische Zeitzeugnisse, die nun erstmals zugänglich sind. Sie zeigen im Blitzlicht die sich überstürzenden Ereignisse nach 1963, die das Gesamtbild der katholischen Kirche wie in einem Wirbelsturm veränderten. Verwerfungen und Ungelöstheiten laufen bis heute mit wie ein Knistern unter dünnem Eis. Die Lektüre der Briefe schmeckt jedenfalls wie frische Bitterkräuter.

Vor einer Generation blühte noch der deutsche Kulturkatholizismus. Für die erhoffte kundige Leserschaft sei die folgende Auswahl einer überreichen Fülle an illustren Namen, die im Briefwechsel genannt werden, Grund genug, um dieses ausschlussreiche Buch aufzuschlagen. In alphabetischer Reihenfolge: Carl Amery, Hans Urs von Balthasar, Karl Barth, Werner Becker, Werner Bergengruen, Georges Bernanos, Joseph Bernhart, Alfred Delp, Walter Dirks, Julius Döpfner, Daniel Feuling, Romano Guardini, Bernhard Häring, Dietrich von Hildebrand, Manfred Hörhammer, James Joyce, Heinrich Kahlefeld, Karl Kraus, Hans Küng, Helmut Kuhn, Joseph Lortz, Henri de Lubac, Jacques Maritain, Thomas Merton, John Henry Newman, Josef Pieper, Joseph Ratzinger, Luise Rinser, Carl Schmitt, Reinhold Schneider und Edith Stein.

Zu guter Letzt einige Leseproben: Den heute noch hochgeschätzten Kulturphilosophen Romano Guardini nennt sie im persönlichen Umgang einen „Eiszapfen“, freilich als Gelehrten das „Herz einer Epoche“. An Hans Küng ärgert sie dessen „arrogante Schnauze“, denn er sei auf billigen Beifall des Außenpublikums bedacht. Die katholische Wochenzeitung PUBLIK nannte sie einen „Giftfetzen“. Aber über den damaligen Tübinger Theologen Joseph Ratzinger schrieb sie diese heute noch anrührenden Zeilen: „Seine Einführung in das Christentum hat mich hochbegeistert. DAS ist genau das Ersehnte: echte Fülle des Wissens, unbestechliche scharfe Denkkraft, lauterste Wahrhaftigkeit und dabei selber einer der Jungen, der mit brüderlicher Sympathie die ganzen neuen Strömungen kennt, bis auf den Grund mit durchdenkt und unbestechlich, aber liebevoll durchschaut und ablehnt, wo es schief geht.“


Minister und Märtyrer: Der bayerische Innenminister Franz Xaver Schweyer (1868-1935)
Minister und Märtyrer: Der bayerische Innenminister Franz Xaver Schweyer (1868-1935)
von Peter C. Düren
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Literarisches Denkmal für einen frühen Gegner Adolf Hitlers, 6. März 2016
Nur in Fachkreisen der Zeitgeschichte und Widerstandsforschung ist der Name Franz Xaver Schweyer bekannt. Dabei wurde der Politiker, der aus Osterzell bei Kaufbeuren stammt, in einer Rezension der Süddeutschen Zeitung als „Hitlers frühester Widersacher“ gewürdigt. Wenn Motive, Handlungsspielraum und Tat die drei Stufen des Widerstandes in einer totalitären Diktatur sind, dann muss zuvörderst die katholische Gesinnung von Franz Xaver Schweyer genannt werden. Diese christliche Gläubigkeit motivierte ihn schon früh, sich Adolf Hitler entgegenzustellen. Bereits im Jahre 1922 plante der damalige bayrische Innenminister Schweyer, den politischen Unruhestifter Hitler des Landes zu verweisen. Nachdem Schweyer im Mai 1923 einen Strafantrag wegen Landfriedensbruchs gegen Hitler gestellt hatte, hintertrieben Ministerpräsident Eugen von Knilling sowie Justizminister Franz Gürtner die Eröffnung des Verfahrens. Schon sehr früh durchschaute Schweyer die biologistische und rassistische Ideologie der Nationalsozialisten. Auch als Autor stellte sich Schwyer dieser menschenverachtenden, rassistisch motivierten Ideologie entgegen. „Dem antisemitischen Menschenhass setzte Schweyer das christliche Menschenbild entgegen, der Vergötzung von Volk und Führer das christliche Gottesbild“. so beschreibt und deutet Autor Peter Düren das mutige Wirken des bayerischen Politikers Schweyer. Nach der Machtübernahme der Nazis Ende Januar 1933 wurde Schweyer sofort verhaftet. Im Gefängnis erlitt er einen Schlaganfall. Am 10. November 1935 starb der aufrechte Politiker an den Folgen der Haft.

Der kundige Leser spürt, mit welcher Hingabe Autor Peter Düren sich der Person der Zeitgeschichte Franz Xaver Schweyer näherte. Erinnerungskultur ist in einer freiheitlichen Demokratie unverzichtbar, denn es geht um die Identitätsinteressen eines Gemeinwesens und seiner mündigen Bürger. Autor und Verleger Peter Düren hat diesem vergessenen Zeugen der Menschenwürde und Freiheit ein literarisches Denkmal gesetzt. Das gute lesbare, ansprechend und liebevoll gestaltete sowie hochinteressante Buch zeichnet sich aus durch die vielen eindrucksvollen Illustrationen und Zeitdokumente. Zu guter Letzt sei eine Besonderheit dieses Buches lobend erwähnt: Vorangestellt sind ein Geleitwort, ein Grußwort sowie ein Vorwort. In seinem Geleitwort schreibt Bischof Konrad Zdarsa: „Er hat seine christliche Weltanschauung als Märtyrer mit dem Leben bezahlt in einer Zeit, in der die sittliche Weltordnung in jeder Hinsicht pervertiert wurde.“ Der bayerische Innenminister Joachim Hermann betont in seinem Grußwort: „Der Satz ‚Wehret den Anfänen!’ hat in Bezug auf extremistische Bestrebungen uneingeschränkte Gültigkeit und nichts von seiner Aktualität eingebüßt.“ Schließlich hebt Bundesminister a.D. Theo Waigel in seinem Vorwort hervor: „Seine christliche humanistische Erziehung und Grundhaltung hat ihn immun gemacht gegen den falschen Nationalismus. Schon während des Ersten Weltkrieges hatte er den Mut, den Krieg zu verdammen, als noch viele Intellektuelle und Kulturschaffende den Krieg als Lösung für Deutschlands und Europas Probleme ansahen. … Deshalb ist es wichtig und ehrenwert, ihn der Vergessenheit zu entreißen und darzustellen, dass man auch in schwerer Zeit Würde und Integrität bewahren kann.“


Deliziöse Variationen: Facettenreicher lateinischer Kulturwortschatz unserer deutschen Sprache
Deliziöse Variationen: Facettenreicher lateinischer Kulturwortschatz unserer deutschen Sprache
von Ferber Matthias
  Broschiert
Preis: EUR 12,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen unterhaltsame Belehrung und lehrreiche Unterhaltung, 3. Februar 2016
Im Schuljahr 2014/15 beackerte (colere) ein P-Seminar am aufstrebenden JBG Kaufbeuren das reiche Feld „Kulturwortschatz“ in Zusammenarbeit mit dem Partner-Seminar vom traditionsreichen Gymnasium bei St. Stephan in Augsburg (nota bene: Diese katholische Bildungsanstalt befindet sich in unmittelbarer Nähe von „Luthers Dahinab“. Der kundige Leser denkt hier an die Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1518…). Aus unterschiedlicher Richtung und Perspektive näherte man sich dem gemeinsamen Ziel: Wie sieht es mit dem lateinischen Kulturwortschatz im Deutschen aus? Die Gruppe aus der Provinz hat dazu den Vokabelbestand verschiedener Lehrwerke (seit 1960) durchforstet und zunächst einmal festgestellt, welche lateinischen Wörter in den letzten Jahrzehnten von den Machern des Curriculum für entbehrlich erachtet wurden. Lernte ein Lateinschüler beispielsweise in den siebziger Jahren noch einen Grundwortschatz von ca. 3400 Vokabeln, so weist der heutige Bamberg (Grund)wortschatz gerade einmal 1248 Wörter aus. Das Interesse der Teilnehmer des P-Seminars am JBG galt nun gerade den verschwundenen Wörtern. Gleichzeitig durchsuchte die Augsburger Gruppe diverse deutsche Textcorpora (Zeitungen, Wörterbücher etc.) nach Fremd- und Lehnwörtern. Eine Schnittmenge sollte zeigen, wo sog. Kulturwörter stecken und welche exemplarischen Geschichten sich darüber schreiben lassen. Nach der dedektivischen Arbeit in Jäger- und Sammlermanier folgte der kreativ- journalistische Part. (BTW: In der heutigen globalen Kultursprache (lingua franca) Englisch wird dieser Ansatz mit den Stichwörtern „collect and classify“ auf den Punkt gebracht.) Kulturwörter zu entdecken ist das eine, mit ihnen kreativ umzugehen und damit in die Tiefendimensionen des Wortschatzes vorzudringen, aber ist das andere.

Wenn die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt sind, wie es Ludwig Wittgenstein in Kapitel 5.6 seines „Tractatus Logico-Philosophicus“ nachgerade sprichwörtlich formuliert hat, dann waren diese jungen Seminarteilnehmer und hoch motivierten Seminaristen dank dieser linguistischen Grenzerfahrungen auf einer fruchtbaren, gewinnbringenden und auch zielführenden Forschungsreise. Erstaunt und mitunter wohl auch beglückt konnten sie tiefe Blicke in unsere Kultur und Tradition tun. So erlangt das Fach Latein seinen festen Platz in der Bildungslandschaft, die Jahr für Jahr umgepflügt und beackert wird. Schon Paulus ermahnte die Gemeinde des heutigen Saloniki: „Prüfet alles, und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5, 21) - πάντα δὲ δοκιμάζετε, τὸ καλὸν κατέχετε - omnia autem probate quod bonum est tenete.Mit anderen Worten: Im Wandel treu! Denn zu den obersten Bildungszielen im Freistaat Bayern gehört immer noch – trotz kurzatmiger und zeitgeistiger Implementierung von Kompetenzstrukturmodellen – die Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne!

Die beiden Herausgeber Andreas Gruber (Kaufbeuren) und Matthias Ferber (Augsburg) verdienen Lob, Dank und Anerkennung für ihre bewundernswerte Einsatzfreude, für ihren vorbildlichen pädagogischen Eros und zu guter Letzt für ihre Vision, die heutige Schülergeneration für die Tiefendimensionen unserer Kultur (colere) zu begeistern. Fazit für die künftigen (zahlreichen!) Leser dieses so spürbar liebevoll und einfallsreich gemachten Büchleins. Für unterhaltsame Belehrung und lehrreiche Unterhaltung ist gesorgt! Ganz im Sinne von DOCERE - MOVERE – DELECTARE…


Die Banalität des Guten: Feldwebel Anton Schmid
Die Banalität des Guten: Feldwebel Anton Schmid
von Manfred Wieninger
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Von der Radikalität des Guten, 20. November 2015
'Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmid einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe.' So Hannah Arendt in ihrem epochalen Werk 'Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen' (1961). Magister Manfred Wieninger folgt nun dem Wunsch der großen jüdischen Gelehrten Hannah Arendt und erzählt die Geschichte des kleinen Feldwebels Anton Schmid als 'Roman in Dokumenten'.

Ein Gedankengang bei Arendt ist die Unterscheidung vom 'radikal Bösen' und der 'Banalität des Bösen'; denn Eichmann war beileibe nicht Shakespeares Richard III. und nichts hätte ihm ferner gelegen als der Entschluss, ein Bösewicht zu werden. In den bitteren Auseinandersetzungen, die der Veröffentlichung ihres Buch 'Eichmann in Jerusalem' folgten, kam Hannah Arendt zu dieser Einsicht: 'Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.' Nimmt man diese Einsichten im Duktus des Augustinus von Hippo ernst, dann drängt sich dieser alternative Buchtitel auf: 'Die Radikalität des Guten'. Die Beweggründe und die Rettungstaten des Feldwebels Anton Schmid waren radikal, aber nicht banal! Ein Zeitzeuge erinnert sich: 'Der Herr Schmid war ein herzensguter Kerl, und er war auch ein herzensguter Kerl während der Hitlerzeit.' Überlebende litauische Juden haben Feldwebel Schmid als Heiligen verehrt.

Engagiert und kenntnisreich schildert Autor Wieninger Schmids Milieu und Prägungen; er nimmt den Leser mit auf eine Reise von Schmids Einberufung in die Wehrmacht Ende August 1939 bis zum gewaltsamen Ende am 13. April 1042 dieses wahren Helden im Hof des Wilnaer Wehrmachtsgefängnisses Stefanska. Als Feldwebel der Wehrmacht hat er sich in den Jahren 1941/42 einen fast legendären Ruf im Wilnaer Ghetto erworben. Er leitete eine Sammelstelle für versprengte deutsche Soldaten. Gleichzeitig wurde er Augenzeuge von widerwärtigen Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung; er entschloss sich, aus eigenem Antrieb zu helfen. Unter großem persönlichem Risiko versorgte er die Bewohner des Ghettos mit Lebensmitteln, verhalf Menschen zur Flucht. Etwa 300 Juden soll er mit einem Wehrmacht-Lastkraftwagen von Wilna weg in sicherere Städte im benachbarten Weißrussland gebracht haben. Schließlich unterstützte er zusammen mit dem Karmeliter Andreas Gdowski, dem Abt des Wilnaer Klosters Ostra Brama, auch den jüdischen Widerstand, der sich Ende 1941 in Wilna zu organisieren begann. Nach mehrmonatiger Rettungstätigkeit wurde Feldwebel Schmid denunziert, von der Geheimen Feldpolizei verhaftet und vor ein Feldkriegsgericht gestellt. Das Todesurteil der Feldkommandatur 814 (V) ist leider nicht erhalten.

Zwei Tage nach der Hinrichtung schrieb der Kriegspfarrer an die Witwe Stefanie in Wien: 'Er hat noch einmal die Hl. Sakramente empfangen und sich mit Gebet und dem Worte Gottes stark gemacht, und er blieb auch stark bis zum Letzten. Seine letzten Worte waren das Vater unser, das ich noch mit ihm betete. Sein letztes Anliegen und sein letzter Wunsch waren, daß auch Sie stark bleiben müssten und sich trösten müssten.' Anton Schmids Brief vor der Exekution an die Ehefrau Stefi: 'Nun schließe ich meine letzten Zeilen, die ich Euch schreibe, und grüße und küsse ich Euch und dich, meine Alles auf dieser und der anderen Welt, wo ich bald in Gottes Hand bin, noch vielmals. Dein Euch ewig liebender Toni'. Autor Wieninger nennt diese Worte einen 'wahrhaftigen Brief'. Er schließt die Vermutung an, es sei der letzte Brief des einzigen Wehrmachtsoldaten von über 18 Millionen, der wegen Rettung von Juden von der deutschen Militärjustiz hingerichtet worden sei.

Hier einige Namen von Soldaten, die zum Rettungswiderstand gehörten, einige von ihnen wurden als 'Gerechte unter den Völkern' geehrt:
Karl Plagge war ein deutscher Offizier der Wehrmacht, der während des Zweiten Weltkrieges mindestens 250 ihm zugewiesene jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in dem Ghetto Vilnius des Nationalsozialismus bewahrte. Er starb 1957 in Darmstadt. Im Februar 2008 wurde eine Liegenschaft in Darmstadt neu benannt in 'Major-Karl-Plagge-Kaserne'. Wilm Hosenfeld rettete während der deutschen Besatzung Warschaus mehreren Juden das Leben. 1950 wurde er als Kriegsverbrecher zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Gelähmt und verzweifelt starb er im August 1952 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Das Todesurteil gegen den Obergefreiten Friedrich Rath wurde Ende Mai 1994 vollstreckt. Ende November 1944 starb der Obergefreite Friedrich Winking in Bad Vilbel durch die Kugeln des Exekutionskommandos. Gerhard Kurzbach starb im August 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Max Liedtke starb 1955 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Albert Battel starb 1952 in Hattersheim bei Frankfurt. Willi Ahrem starb im Juni 1967 in Wuppertal. Günter Krüll starb im Mai 1979 in Düsseldorf. Hugo Armann starb im Mai 1989 in Zeitlofs (Unterfranken). Oskar Schönbrunner starb im November 2004 in Bernau am Chiemsee. Alfons von Derschwanden starb im September 2015 im Alter von 95 Jahren in Offenburg. Auch Hauptmann Dr. Fritz Fiedler, der Judenretter von Horodenka, überlebte den Krieg, er starb in Berlin-Lichterfelde.

Nach dieser Auflistung komme ich zurück zum Buch und ziehe ein Fazit: Der kundige Leser spürt, dass Autor Wieninger nicht mit kühler Distanz, sondern mit Wärme und Nähe zu Anton Schmid schreibt. Man nimmt dieses kostbare Buch gerne zur Hand, denn es finden sich bislang unbekannte Fotos aus dem privaten Album der Familie Schmid. Nur wer sich jahrelang diesem guten Christenmenschen Schmid näherte, kann diesen meisterhaften 'Roman in Dokumenten' schreiben. Dafür gebührt Manfred Wieninger höchstes Lob, aufrichtiger Dank und die uneingeschränkte Anerkennung aller Leser, denen die notwendige Aufarbeitung der Gewaltgeschichte und von rassistisch motivierter Vernichtung ein Herzensanliegen ist.

Traditionspfege ist Erinnerungskultur und Geschichtspolitik: Das Bundesheer in Österreich ehrte Feldwebel Schmid, indem im September 2012 der größte Lehrsaal der Heeresunteroffiziersakademie in Enns nach Schmid benannt wurde. Die Bundeswehr in Deutschland wird eine Liegenschaft in Blankenburg (Harz) neu benennen in 'Feldwebel-Anton-Schmid-Kaserne'.

Allein im Österreichischen Martyrologium sucht man den Namen dieses Helden und Heiligen vergeblich. Gegenüber der geretteten litauischen Jüdin Luisa Emaitisaite hatte Anton Schmid dieses Bekenntnis abgelegt: 'Es ist mir so, als wenn Jesus selbst im Ghetto wäre und um Hilfe riefe.' Anton Schmids Worte sind nicht banal, sondern radikal!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 23, 2015 6:34 PM CET


So bleib doch ja nicht stehn - Mein Leben mit der Theologie
So bleib doch ja nicht stehn - Mein Leben mit der Theologie
von Hubertus Halbfas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,00

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Doch diese Wahrheit gibt es nicht." (HH), 10. September 2015
Hubertus Halbfas, der streitbare und umstrittene Religionspädagoge, gab einer ganzen Generation von Religionslehrern Anstöße. Es waren jene Lehrkräfte, die in ihrer eigenen Schulzeit noch mit dem legendären "Grünen Katechismus" aufgewachsen waren. Indes: Kein Fach war in den vergangenen 50 Jahren solchen Wandlungen unterworfen wie der Religionsunterricht. In dieser Zeit entfaltete der ungemein produktive und umtriebige Hochschullehrer Halbfas seine einzigartige Wirkung. Den Kundigen sind seine Buchtitel "Fundamentalkatechetik", "Das dritte Auge" oder "Das Menschenhaus" heute noch geläufig. Weniger wirkungsmächtig freilich war seine Trilogie "Die Bibel" (2001), "Das Christentum" (2004) und "Der Glaube" (2010). Kaum Beachtung fand seine Kritik an den kompetenzorientierten Religionspädagogen, die von ihm aufgefordert wurden, sich dem an der Ökonomie orientierten zweckrationalen Denken zu entledigen. Nun ist seine aufschlussreiche Autobiografie erschienen.

Es ist das biblische Bild vom "Gang über Wasser", das seinen Lebensweg treffend kennzeichnet: "Es ist der Glaube, der die Kraft gibt, aus dem sicheren Boot auszusteigen, Erschrecken, Unverständnis, Kopfschütteln und Tadel aller, die im Boot sitzen auszuhalten, um unbeirrt über Abgründe zu gehen." Dieser seinerzeit neue (unerhörte) Ansatz löste eine heute unvorstellbar heftige Debatte aus und führte schließlich zum Entzug der Kirchlichen Lehrerlaubnis. Lapidar berichtet Halbfas auch darüber, wie er sein Amt als Priester niederlegte. Wortkarg schildert er auch die Liebesgeschichte mit seiner späteren Ehefrau.

Sein bleibendes Verdienst ist seine religiöse Sprachlehre: Wie kann sich der Religionslehrer mit seinen Schülern dem unsagbaren Geheimnis annähern? Wie können uns Symbole helfen, diese unergründliche Wirklichkeit zu erahnen? Es war die Mission von Halbfas, seinen Gesprächspartnern die Ergebnisse der modernen Exegese zuzumuten und auch vor den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Kosmologie nicht auszuweichen. Diese Offenheit verdient zunächst Anerkennung.

Laute und vernehmliche Bedenken müssen freilich dann angemeldet werden, wenn er weltanschaulichen Reduktionisten die Deutungshoheit überlässt. Denn Halbfas schreibt: "Schöpfungstheologie und Christologie bedingen eine Fokussierung der kosmischem Evolution auf den Menschen hin, die dem heutigen Erkenntnisstand der Wissenschaften widerspricht. Die Natur verfolgt weder Absichten noch Ziele." Diese Argumentation ist undifferenziert und unaufgeklärt, denn Halbfas nimmt das epochale Buch "Geist und Kosmos" (2013) des weltweit beachteten Philosophen Thomas Nagel nicht zur Kenntnis. Auch Halbfas sollte jene globale Debatte kennen, die Nagel mit seiner These - "Warum die materialistische und neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist" - auslöste. Mit seinem Frontalangriff auf den Reduktionismus - der Vorstellung also, dass die Natur oder der menschliche Geist allein aus der Materie zu erklären sei - brachte der US-Philosoph Nagel das vorherrschende, einseitige naturwissenschaftliche Weltbild zum Wanken. Man kann nicht geistige Prozesse - Bewusstsein, Denken und Werte - aus physikalischen Prinzipien allein ableiten. Halbfas weiß nichts davon, dass Nagel für Geist, Erkenntnis und Werte, für die Zielgerichtetheit der Evolution plädiert.

Halbfas nun vertritt diese überholte Auffassung: "Dass es überhaupt zum homo sapiens sapiens kam, auf den sich die christliche 'Heilsökonomie' bezieht, resultierte aus einem Zusammenspiel von Notwendigkeit und Zufall." Mit den Begriffen "Notwendigkeit und Zufall" spielt Halbfas auf einen Buchtitel von Jaques Monod "Zufall und Notwendigkeit" (1992) an, ohne diesen explizit anzuführen. Der Biochemiker Monod war seinerzeit davon überzeugt: "Der Alte Bund ist zerbrochen; der Mensch weiß endlich, dass er in der teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums allein ist, aus dem er zufällig hervortrat. Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen." An dieser Stelle möchte man mit dem polnischen Philosophen Leszek Kolakowski entgegnen: "Falls es keinen Gott gibt, dann müssen wir uns einem gleichgültigen Chaos stellen, das uns ebenso ziellos erzeugt hat, wie es uns schließlich vernichten wird; wir haben zu akzeptieren, dass alle menschlichen Hoffnungen und Ängste, alle ekstatischen Freuden und entsetzlichen Leiden, all die schöpferischen Qualen von Gelehrten, Künstlern, Heiligen und Technikern für immer spurlos verschwinden werden, verschlungen von dem unersättlichen, grenzenlosen Meer des Zufalls."

Das Leben des Hubertus Halbfas mit der Theologie mündet in einen Gottesglauben jenseits des Theismus, wo er freilich keinen Trost findet. Im Schlusskapitel "Wir sterben und wissen nicht wohin" legt er dieses persönliche Bekenntnis ab: "Gegen Ende meines Lebens hat sich die Frage nach der 'Wahrheit' des Glaubens allen objektivierenden Ansprüchen der Kirche entzogen. Über Gott, Schöpfung, Erlösung und die Letzten Dinge besitzt die Kirche keinerlei Sondererkenntnisse. Was die Religionen der Welt dazu sagen, ist mythisch gedacht, vielfältig deutbar, aber keine Offenbarung aus dem Jenseits. Die Kirche meint, ihrer Lehre einen objektiven Anspruch auf Wahrheit geben zu können. Doch diese Wahrheit gibt es nicht. Dem protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher war es durchaus recht, einer Verheißung ewigen Lebens nicht anhängen zu müssen."
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Sehnsucht nach dem Lichte - Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl: Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte (Münchner Theologische Beiträge, Band 15)
Sehnsucht nach dem Lichte - Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl: Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte (Münchner Theologische Beiträge, Band 15)
von Robert M. Zoske
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 59,00

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen konfessionalistische Kopfgeburten, 12. September 2014
Der Hamburger Pastor Robert Zoske hat ein gewichtiges Buch über die religiöse Entwicklung von Hans Scholl, dem führenden Kopf der Weißen Rose, vorgelegt. Der kundige Leser ahnt etwas von der überbordenden Lust des Autors auf neue Horizonte, er spürt auch dessen unermüdliche Hingabe und außergewöhnliche Schaffenskraft. Auf über 800 Seiten werden diese (z.T. widersprüchlichen) Kernthesen entfaltet: „Nicht Kirche und Eucharistie, sondern Kreuz und Erlösung standen für Scholl im Mittelpunkt. Scholl suchte die Essenz des christlichen Glaubens, keine Konfession. Der evangelische Glaube war das Fundament für Hans Scholls Widerstand. Scholl hat, Taten und Texte belegen das, Luthers Freiheit eines Christenmenschen gelebt. Der protestantische Glaube durchzog als Leitton und Leitmotiv seinen widerständig-revolutionären Freiheitskampf.“

Autor Zoske nennt die Freiheit, nicht die Rechtfertigung, den Zentralbegriff protestantischen Glaubens. Im Kapitel „Zur Freiheit befreit“ wird Martin Luthers Streitschrift „Vom unfreien Willen“ (1525) angeführt. Laut Luther ist der menschliche Wille wie ein Lasttier: Wenn Gott es reitet, will es wie Gott will und geht hin, wo er will. Reitet ihn der Teufel, geht es hin, wo der Teufel will. Es hat nicht die Freiheit, seinen Reiter zu wählen. Der katholische Humanist Erasmus, der Luther ein Jahr zuvor herausgefordert hatte, wird bei Zoske nicht erwähnt.

In Zoskes Sicht gründet Scholls Widersagen in Schleiermachers romantischer Gefühlsreligion. Friedrich Schleiermacher war der bedeutendste protestantische Theologe im 19. Jahrhundert. Dabei bewegt sich Autor Zoske freilich auf dünnem Eis, um dessen herausragende Bedeutung für Scholl zu begründen: „Aus Scholls Bibliothek ist ein Exemplar der Reden über die Religion [von Schleiermacher] erhalten geblieben.“ Es kümmert Zoske nicht, dass nirgendwo sonst in Scholls Briefen und Aufzeichnungen der Name Schleiermacher aufscheint. Dies ist nachvollziehbar, denn dessen nationalprotestantische Gesinnung passt nicht in Scholls Geschichtsbild: Im Januar 1809 hatte Schleiermacher bekundet, dass es „dem Christen unanständig sei, der Obrigkeit untertan zu sein um der Strafe willen, dass es ihm natürlich und notwendig sei, ihr sich zu unterwerfen um des Gewissens willen“.

Schleiermacher schafft es im Index auf 34 Einträge. Den Namen Karl Barth sucht man dort vergeblich. Dabei wird Barth immerhin in einer Fußnote kurz erwähnt. Nicht interessiert ist Zoske an der Umkehrung Schleiermachers, denn Barths „Römerbrief“ (1919) ist ein unüberhörbarer Protestschrei gegen die liberale Theologie und gegen nationalprotestantische Mentalitäten des 19. Jahrhunderts. Idealtypisch für jenes preußische und fromme Selbstbewusstsein steht der Name Schleiermacher.

Zoske schlägt eine ideengeschichtliche Brücke von Schleiermacher zu Max Horkheimer von der Frankfurter Schule. Ausführlich wird dabei dessen SPIEGEL-Interview vom Januar 1970 zitiert. Auf der anderen Seite interessiert sich der Autor nicht dafür, dass Horkheimer im Jahr 1936 Theodor Haeckers Buch „Der Christ und die Geschichte“ (1935) besprach. Vor allem durch die innewohnende Sehnsucht nach universaler Gerechtigkeit erweckte Haeckers Wort bei Horkheimer Achtung. Der Konvertit Haecker, einer von Scholls Mentoren, passt nicht in Zoskes Gesamtduktus, so zeichnet er ein Zerrbild. Dabei zählte Haecker für Scholl zu „jenen gewaltigen Erscheinungen, die das, was sie geschrieben haben, durch ihre Person noch steigern.“ Doch Zoskes Sympathien liegen anderswo, sein spürbares Wohlwollen gilt dem homoerotischen und esoterischen Dichter Stefan George.

Im Kriegsjahr 1941 las Scholl das Buch "Kierkegaards Folgen" des katholischen Philosophen Alois Dempf. Die Kennzeichnungen bei der Lektüre, so Zoskes These, zeigen u.a. Scholls Suche nach einem "Staat ohne Repressalien gegen den Einzelnen". Scholls Vorbilder seien die Dissidenten Ockham, Luther und Kierkegaard. Zoske erwähnt freilich nicht, dass Ockham für die erbsündig verderbte Welt eine möglichst wirksame "Staatszwangsgewalt" aufrichten wollte. Nachzulesen bei Dempf auf Seite 104! Ein weiteres Beispiel für Zoskes verkürzte und verzerrte Sicht: Paul Nordhues (1915 – 2004), der spätere Weihbischof von Paderborn, war im Herbst 1942 an Scholls Frontabschnitt als katholischer Militärseelsorger eingesetzt. Nach dem Krieg erzählte er, wie Hans Scholl seine Gottesdienste mitgefeiert und voller Eifer an seinen Bibelstunden teilgenommen habe. Nordhues war sehr erstaunt, als er darüber aufgeklärt wurde, dass Scholl evangelisch gewesen sei. Vergeblich sucht man den Namen Nordhues bei Zoske. Gleiches gilt für die Namen G.K. Chesterton, Etienne Gilson, Francis Jammes, Alfred von Martin, Charles Peguy und Karl Pfleger.

Wenn nun der Dissident Luther – laut Zoske – ein Vorbild Scholls auf der Suche nach einem "Staat ohne Repressalien gegen den Einzelnen" war, dann ist diese These ein weiterer Beleg für Zoskes Kopfgeburten. In seinem konfessionalistischen Übereifer kennt Zoske nur ein geschöntes und geplättetes Geschichtsbild, wenn es um seinen Heros Martin Luther geht. Richtig ist vielmehr: Schonungslos nahm Luther Partei für die Obrigkeit: „Der Esel will Schläge haben und der Pöbel will mit Gewalt regiert werden.“ Zoske kennt nicht Luther blutrünstiges Pamphlet gegen die aufständischen Bauern: „Wer auf fürstlicher Seite umkommt“, predigte der Reformator, „wird seliger Märtyrer, wer drüben fällt, fährt zum Teufel, darum soll hie zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, und gedenken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann denn ein aufrührerischer Mensch.“ Nota bene: Hans Scholl gehörte in seiner Zeit zu jenen „aufrührerischen Menschen“. Sapienti sat!

Dennoch wird der wohlwollende und kundige Leser bedauern, dass Autor Zoske nicht einfach seine kostbaren Funde als wohlfeiles Buch veröffentlichte; denn das vorliegende Werk leidet stark an Zoskes ungebremsten Ausflügen in die Ideengeschichte. Hier ein Absatz von Seite 253: „Da Nietzsches Schriften ein einziges ‚Nein!’ des Ungehorsams sind, konnten sie zu einer wichtigen Inspirationsquelle für Scholls widerständigen Geist werden. Der Versuch der Nationalsozialisten, den Philosophen für ihre Zwecke zu vereinnahmen, war so absurd wie die Instrumentalisierung Luthers. Beide Denker standen in ihrer Einmaligkeit gegen jede Vermassung, sie hatten ‚Charakter und eigne Art’, forderten und förderten das Anderssein. Scholl hatte erkannt, wie die Erziehungsmethoden des Regimes jede Menschlichkeit vernichteten, so dass nur noch, wie Nietzsche nahelegte, ein liebevoller göttlicher Blick sie wieder erwecken konnte. Scholl sah, wie Thomas Mann, den Philosophen ‚wesentlich als Protestanten.“

Hier muss man innehalten, wenn Nietzsche ‚wesentlich als Protestant’ gesehen wird! Für den NS-Ideologen Rosenberg lag es auf der Hand, an Nietzsches Verachtung des Christentums („Sklavenmoral”) anzuknüpfen. 1930 trat Alfred Rosenberg mit seinem Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ an die Öffentlichkeit. In seinem „völkischen“ Kern bedient sich dieses Werk u.a. bei Paul de Lagarde (1827 – 1891) und Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900).

Autor Zoske nimmt nicht zur Kenntnis, wie die Reformation auch eine Nationalisierung des Religiösen zur Folge hatte. Im Klartext: Luther wurde im Dritten Reich von seinen eigenen Leuten ‚vereinnahmt’ und ‚instrumentalisiert’. Als Beleg soll ein Auszug aus der Predigt des Berliner Generalsuperintendenten Otto Dibelius zur Eröffnung des Reichstages am 21. März 1933 dienen: „Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos waltet.“

Auch die sog. „Godesberger Erklärung“ ist dem Autor Zoske nicht bekannt. Nachdem der Erzbischof von Canterbury die NS-Aggression gegen die Tschechoslowakei verdammt hatte und zur Einheit der protestantischen Kirchen aufgerufen hatte, unterzeichneten u.a. Repräsentanten von elf Landeskirchen die „Godesberger Erklärung“. Traurige Berühmtheit erlangte die erste Fassung der Grundsätze vom 26. März 1939. Hier der Kernsatz: „Indem der Nationalsozialismus jeden politischen Machtanspruch der Kirchen bekämpft und die dem deutschen Volke artgemäße nationalsozialistische Weltanschauung für alle verbindlich macht, führt er das Werk Martin Luthers … fort.“

Wer sich die Mühe macht, Zoskes Werk auf handwerkliche Professionalität zu überprüfen, wird auf folgende Manipulation stoßen, denn Zoske schreibt auf der besagten Seite 253: „Beide Denker [Luther und Nietzsche] standen in ihrer Einmaligkeit gegen jeder Vermassung, sie hatten ‚Charakter und eigene Art, forderten und förderten das Anderssein. Scholl hatte erkannt, wie die Erziehungsmethoden des Regimes jede Menschlichkeit vernichteten , so dass nur noch, wie Nietzsche nahelegte, ein liebevoller göttlicher Blick’ sie wieder erwecken konnte. Scholl sah, wie Thomas Mann, den Philosophen ‚wesentlich als Protestanten’.“ Als Beleg für den Ausdruck „liebevoller göttlicher Blick“ wird in der Fußnote 1196 die Seite 139 in Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen angegeben. Doch wird man dort nicht fündig. Richtig ist vielmehr: Den Ausdruck vom „liebevollen göttlichen Blick“ gebraucht Nietzsche in seinem Antichrist. Hier der Kontext, um Nietzsches Aussageabsicht und –inhalt zu verdeutlichen: „Aus der Höhe gesehn, bleibt diese fremdartigste aller Tatsachen, eine durch Irrtümer nicht nur bedingte, sondern nur in schädlichen, nur in leben- und herzvergiftenden Irrtümern erfinderische und selbst geniale Religion ein Schauspiel für Götter – für jene Gottheiten, welche zugleich Philosophen sind, und denen ich zum Beispiel bei jenen berühmten Zwiegesprächen auf Naxos begegnet bin. Im Augenblick, wo der Ekel von ihnen weicht (– und von uns!), werden sie dankbar für das Schauspiel des Christen: das erbärmliche kleine Gestirn, das Erde heißt, verdient vielleicht allein um dieses kuriosen Falls willen einen göttlichen Blick, eine göttliche Anteilnahme... Unterschätzen wir nämlich den Christen nicht: der Christ, falsch bis zur Unschuld, ist weit über dem Affen – in Hinsicht auf Christen wird eine bekannte Herkunfts-Theorie zur bloßen Artigkeit.“ (Nietzsche, Der Antichrist, Kapitel 39). Zoske liegt auch falsch mit seiner Behauptung, Nietzsche sei wesentlich als Protestant zu verstehen. Richtig ist vielmehr: Nietzsche rebellierte gegen ein düsteres deutsches Luthertum. Sein Entwuf vom „Tod Gottes“ als übernatürlicher Person verdankt sich auch Hegel, Schopenhauer und ist den Verhältnissen des deutschen Protestantismus im späten 19. Jahrhundert geschuldet. Sapienti sat!

Uneingeschränkte Anerkennung verdient der Widerstandsforscher Zoske zu guter Letzt für einen bedeutsamen Fund: er entdeckte Gedichte, die Hans Scholl im Jahr 1938 schrieb und die in der Forschung zur Weißen Rose bisher unbeachtet geblieben sind. In einer frühen Lebenskrise verfasste der junge Soldat Scholl auch stark religiös geprägte Gedichte wie „Nachts im Klostergarten“, „Sonnengesang“, „Gott“ und „Dom“. Ein Gedicht, das Zoske in den Beständen des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München fand, ragt heraus, dreiundreißig mit Hand geschriebene Seiten umfasst der Marienhymnus. Es ist die Suche nach Reinheit, Glanz und Schönheit, wenn Hans Scholl, der am 7. Mai 1938 wegen Verfehlungen (u.a. § 175a StGB) angeklagt wurde, sich nur wenige Tage später an die fürsorgliche Mutter Jesu wendet: „Maria – Königin / du Starke – du tief / in Gott verschmolzne Rose der Höh’ / laß uns dich grüßen / so wie wir dich erahnen / in unsern engen Bahnen (…) Denn du bist ja Kristall / der tausend Glanze sprüht / und immer anders glüht / du thronest hell im Himmelsall (…) Fülle aus göttlichem Strahle / schütte aus ewigen Brunnen / die Glut in unser Gefäß / Flammen und Feuer und Licht / das ewig verbleibt / wenn Wand und Hülle zerbricht.“
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Ehre, wem Ehre gebührt!: Täter, Widerständler und Retter (1939-1945) (Schriftenreihe Geschichte & Frieden)
Ehre, wem Ehre gebührt!: Täter, Widerständler und Retter (1939-1945) (Schriftenreihe Geschichte & Frieden)
von Wolfram Wette
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,80

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ehre, wem Ehre gebührt!" (Röm 13,7), 21. August 2014
Der vorliegende Band vereinigt die wichtigsten neueren Forschungsergebnisse des namhaften Militärhistorikers Wolfram Wette. Vor uns liegt eine eindrucksvolle Summe seines unermüdlichen Schaffens in einem engagierten, couragierten und kritischen Forscherleben.

Der Buchtitel "Ehre, wem Ehre gebührt!" nimmt Bezug auf eine Stelle im Römerbrief des Apostels Paulus (Röm 13, 7). Dies sind erstaunliche Berührungspunkte, denn im genannten Kapitel 13 ermahnt Paulus seine Leser: "Jedermann sein untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat." In seinen Beiträgen zeigt Autor Wette, wann dieser Gehorsam gegenüber der Obrigkeit seine Grenzen hat. Aber zunächst erfährt der Leser, wohin blinder Untertanengeist führen kann. Der preußische General Carl von Clausewitz (1780–1831) bekannte, dass er sich nur zu glücklich fühlen würde, "einst in einem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden". Schon früh spürte Hitler seine Wahlverwandtschaft zu dieser Lebensverachtung. Mehrere Liegenschaften der Bundeswehr sind nach Clausewitz benannt. Generäle und Obristen der Bundeswehr halten das Andenken an diesen Kriegstheoretiker in der Clausewitz-Gesellschaft wach.

Unter der Überschrift "Marinetraditionen: Untergang in Ehren" wird Vizeadmiral Adolf von Trotha (1868 – 1940) genannt, der im Herbst 1918 einer der Anstifter zu der Idee einer Todesfahrt der Hochseeflotte war. Leider erfährt der Leser nicht, dass es in Kiel eine Scheer-Mole gibt. Angesichts der drohenden Niederlage plante Admiral Reinhard Scheer (1863 – 1928) Ende Oktober 1918 einen letzten Vorstoß der Marine. Der Aufstand der Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven verhinderte diese Todesfahrt. Im Sommer 1917 hatte der heute noch traditionswürdige Admiral Scheer die umstrittenen Todesurteile gegen die Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis bestätigt.

In seiner Auseinandersetzung mit den Tätern konstatiert Wette den Abschied von der sauberen Wehrmacht, die angeblich "heldenhaft" und "ehrenvoll" gekämpft habe. Es wird der damalige Minister Volker Rühe (CDU) zitiert, der 1995 auf der Münchner Kommandeurtagung Klartext sprach: "Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen."

Von den Gestalten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus sollen an dieser Stellen zwei Persönlichkeiten genannt werden: Oberst Graf Stauffenberg sowie Alexander Schmorell. Sorgfältig und kundig wird Stauffenbergs Weg vom loyalen Offizier zum Attentäter nachgezeichnet. Im Herbst 1941 hatte Stauffenberg erklärt: "Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen. Während des Krieges darf man so was nicht machen, vor allem nicht während eines Krieges gegen die Bolschewisten. Aber dann, wenn wir nach Hause kommen, werden wir mit der braunen Pest aufräumen." Es wäre nun aufschlussreich zu erfahren, in welcher Weise auch religiöse Beweggründe zu Stauffenbergs Wandel beitrugen. Im Sommer 1942 sprach er bei gemeinsamen Ausritten mit einem Stabsoffizier das gefährliche Thema der Tyrannentötung an. Zur ethischen Rechtfertigung berief sich Stauffenberg auf Thomas von Aquin, dem bedeutendsten Theologen des Mittelalters. Am Tag nach der Invasion vom 6. Juni 1944 war Oberst Stauffenberg zum Vortrag im Führerhauptquartier auf dem Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. "Hitlers Augen" – so sein Eindruck – "seien wie hinter Schleiern, hinter einem Vorhang gewesen, die Atmosphäre faul und verrottet, als bekäme man keine Luft." Am Tag darauf nahm Stauffenberg an der Fronleichnamsprozession in Berchtesgaden teil. Hier legte er ein öffentliches Bekenntnis zu seiner katholischen Herkunft ab. Drei Wochen vor dem Attentat besuchte er den Berliner Bischof Preysing; denn er suchte den Segen einer kirchlichen Autorität. Am Abend vor dem Hitler-Attentat ließ Stauffenberg seinen Wagen vor der Rosenkranz-Basilika an der Grenze zwischen den Berliner Stadteilen Dahlem und Steglitz anhalten. Zur Zeit des Abendgottesdienstes trat er in die Kirche ein und verharrte im hinteren Kirchenraum.

Zu Recht wird Alexander Schmorell zu den führenden Köpfen der Weißen Rose gezählt, denn zusammen mit Hans Scholl verfasste er Ende Juni / Anfang Juli 1942 die ersten vier "Flugblätter der Weissen Rose". Der folgende Satz freilich muss ergänzt werden: "Zusammen mit Hans Scholl verfasste er nun das fünfte Flugblatt der ’Weißen Rose’ mit dem Titel ’Aufruf an alle Deutschen!’, das Schmorell nicht nur in München, sondern auch in österreichischen Städten verteilte." Hier die ergänzte Sicht: Mitte Januar 1943 hatten Scholl und Schmorell ihre Flugblattentwürfe verfasst. Schmorells Text jedoch stieß aufgrund von "kommunistisch klingenden Aufforderungen" auf Ablehnung bei Professor Kurt Huber. Zu Scholls Entwurf machte Huber einige Änderungsvorschläge. Das fünfte Flugblatt wurde von allen Mitgliedern der Weißen Rose, nicht nur von Schmorell, verbreitet.

Als im Februar 2012 Schmorell als "Alexander von München" heiliggesprochen wurde, wurde er auch so aus dem Schatten von Hans und Sophie Scholl befreit. In diesem Umfeld wäre es freilich hilfreich für den Leser, wenn der Autor auch auf Schmorells religiöse Beweggründe eingegangen wäre. So legte er in seinem Abschiedsbrief seinen Eltern ans Herz: "Vergesst Gott nicht!" Im Dezember 1942 hatte sich Schmorell oft mit Glaubensfragen, vor allem mit der Grenzerfahrung Sterben und Tod, befasst. Eine Weggefährtin war davon betroffen, aber sie konnte diese "Neugier aufs Jenseits" nicht teilen: "Er aber glaubte felsenfest an ein Leben nach dem Tode und sogar an eine Verbesserung der geistigen Kräfte nach dem leiblichen Tode."

Autor Wolfram Wette sieht als bleibende Botschaft des Widerstandes, dass "in der Nazi-Zeit nicht alle Deutschen dem Größenwahn, dem Kriegsgeist und dem mörderischen Rassismus Hitlers und der NSDAP verfallen waren. (…) Allerdings darf man daraus kein falsches Bild von der Größenordnung des deutschen Widerstandes ableiten. Er umfasste weit weniger als ein Prozent der Bevölkerung." Die Rehabilitation und den Meinungswandel bei den Deserteuren sieht Wette als ein "positives historisch-politische Lehrstück, das zeigt, wie geschichtspolitisches Engagement in einer pluralistischen Demokratie zu Erfolgen führen kann". Ausdrücklich wird dabei der vorbildliche Einsatz von Ludwig Baumann, dem Vorsitzenden der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, gewürdigt.

Mit bewundernswerter Kenntnis der historischen Zusammenhänge und mit anrührendem Engagement bringt Autor Wolfram Wette dem Leser das Schicksal der wenigen Rettungswiderständler nahe. Ihnen, die ihr Leben riskierten, um verfolgte Juden zu retten, wird Zivilcourage, also der Mut zum eigenen Entschluss und zur eigenen Verantwortung, zugesprochen. Feldwebel Anton Schmid (1900 – 1942) ist die Ikone des Rettungswiderstandes. In ihrem Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" schreibt die jüdische Gelehrte Hannah Arendt (1906 – 1975) über die Zeugenaussage von Abba Kovner, dem ehemaligen Kommandeur im jüdischen Untergrund im Raum Wilna in Litauen: "Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmid einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe." Es gibt indes auch solche Geschichte zu berichten: Als am 8. Mai 2000 die Kaserne in Rendsburg nach Feldwebel Anton Schmid benannt wurde, stieß dies auf Ablehnung bei der Mehrheit der dort stationierten Soldaten. Minister Rudolf Scharping (SPD) musste diesen Traditionsnamen von oben durchsetzen. Ende März 2011 wurde der Standort Rendsburg aufgegeben. Damit erlosch auch der Traditionsname "Feldwebel Schmid". In der Bundeswehr fand sich bislang kein Standort, der diesen ehrenvollen Traditionsnamen übernehmen will. Zuvörderst im Standort Appen, wo Hauptmann Marseille, ein Kriegsheld der NS-Propaganda, als traditionswürdig gilt, stieß eine mögliche Neubenennung „Feldwebel-Schmid-Kaserne“ auf einhellige Ablehnung.

(In jedem historiographischen Buch, so lautet eine Binsenweisheit unter Rezensenten, schleichen sich kleine Fehler ein: Stauffenbergs Vorname war Claus, nicht Wolf (S. 51). Minister Rühe hielt seine Münchner Rede zum Traditionsverständnis der Bundeswehr nicht im Oktober 1996 (S. 58), sondern im November 1995:)

Ehre gebührt nicht den Tätern und Kriegshelden der Wehrmacht, so Wettes Kernthese, sondern den Widerstandskämpfern und Opfern der Geschichte! Das inhaltsreiche und sehr empfehlenswerte Buch gewinnt auch durch die zahlreichen Illustrationen. Zu guter Letzt wünscht man dem engagierten und verdienstvollen Autor dieses ansprechenden und überzeugenden Lesebuches auch eine kundige Leserschaft. Ehre, wem Ehre gebührt!


Frieden lernen: Friedenspädagogik und Erziehung im 20. Jahrhundert (Frieden und Krieg - Beiträge zur Historischen Friedensforschung)
Frieden lernen: Friedenspädagogik und Erziehung im 20. Jahrhundert (Frieden und Krieg - Beiträge zur Historischen Friedensforschung)
von Till Kössler
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Krieg und Gewalt mit pädagogischen Mitteln verhindern, 17. August 2014
Wer sich mit Friedensforschung befasst, muss die grundlegende Frage beantworten, ob er Gewalt als prinzipiell vermeidbares soziales Phänomen oder als anthropologische Konstante versteht. Dieser gewaltigen Herausforderung stellen sich die Autoren des vorliegenden Sammelbandes. Ihr Ausgangspunkt verdeutlicht die sozialgeschichtliche Perspektive: Seit vielen Jahren beschäftigt sich die historische Forschung mit der Frage, wie Staaten und Gesellschaften Heranwachsende für Kriege vorbereitet haben und welche Rolle Formen der Sozialisation in der Ermöglichung von massenhafter Gewalt in der Geschichte gespielt haben. Schon in der Einleitung bedauern die Herausgeber, dass die Forschungen zu Friedenserziehung vielfach noch am Anfang stehen. Dennoch gilt: Es möge den Autoren und Herausgebern gelingen, die Mauer aus Gleichgültigkeit und Desinteresse zu durchbrechen. Im begrenzten Rahmen einer Rezension ist es nicht möglich, das gute Dutzend an Beiträgen in gleicher Weise zu würdigen. Daher sollen die drei Aufsätze von Keim, Wette und Bald herausgegriffen werden.

Einen souveränen und kenntnisreichen Überblick bietet der Paderborner Friedensforscher Wolfgang Keim in seinem Beitrag "Friedensengagement in der Reformpädagogik". Er benennt den Grundwiderspruch zwischen einer humanen Erziehung, die sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientierte, und der eine militaristische Grundverfassung des Kaiserreiches entgegenstand. So kann es nicht verwundern, dass auch Reformpädagogen dem militaristischen Zeitgeist erlagen. Georg Kerschensteiner (1854 – 1932) erklärte den "Kampf" als den "natürlichen Zustand der Dinge", folglich "Erziehung zum Kampfe und nicht zum Frieden" als fundamental für jede Menschenerziehung. Allen voran war jedoch Hermann Lietz (1868 – 1919), der Gründer der ersten reformpädagogischen "Landerziehungsheime" in Deutschland, ein extremer Vertreter nationalistischen, militaristischen und antisemitischen Denkens. Es gab freilich Ausnahmen. Wolfgang Keim würdigt die Friedenspädagogen Friedrich Wilhelm Foerster (1869 – und 1966) sowie Wilhelm Lamszus (1881 – 1965). Zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges veröffentlichte Lamszus den Antikriegs-Roman "Das Menschenschlachthaus", der die Wirkungen des modernen Krieges als Maschinerie mit hoch differenzierter Waffentechnik und Vernichtungspotenzial beschrieb. Der Erfolg des von ihm so bezeichneten Jugendbuches brachte dem Autor Überwachung und kurzzeitig auch Berufsverbot ein. Wolfgang Keims lapidares Fazit: Die Vielfalt friedenspädagogischer Positionen und Aktivitäten fiel 1933 der Machtdurchsetzung der Nationalsozialisten zum Opfer.

In seinem Aufsatz "Abschied von der Kriegskultur" konstatiert der Freiburger Historiker Wolfram Wette: "Von den deutschen Einigungskriegen im 19. Jahrhundert bis zum Kriegsende 1945 wurden in Deutschland viele Generationen – Männer, Frauen und Kinder – einer staatlich organisierten Erziehung zum Krieg ausgesetzt, und das nicht etwa nur beim Militär, sondern auf allen Ebenen des Erziehungs- und Bildungswesen." Das Sterben im Krieg wurde als Heldentod verklärt. Unter der Diktatur Hitlers wurden die Jugendlichen und die jungen Männer einer systematischen "Erziehung zum Tod" unterworfen. Auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges entstand in den vormals verfeindeten Nationen der feste Wille zur Abkehr von den kriegerischen, selbstzerstörerischen Irrwegen. Der Kalte Krieg aktivierte alte Feindkonstellationen, was dann auch zu einer Wiederbewaffnung der beiden deutschen Staaten führte. Wette skizziert auch die großen geschichtspolitischen Debatten in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. "Zu den erfreulichen friedenspolitischen Lernprozessen", so Wolfram Wettes Fazit, "hat die spät einsetzende, aber den stetig, gründlich und zunehmend tabufrei geführte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in erheblichem Maße beigetragen."

In seinem Beitrag „Frieden im Bildungskonzept von Graf Baudissin“ beschäftigt sich der Münchner Historiker Detlef Bald mit den Versuchen Baudissins, das Konzept der Inneren Führung in der Bundeswehr heimisch zu machen. Denn der Militärreformer Baudissin wollte Streitkräfte aufbauen, die gleichzeitig verteidigungsbereit und friedensfähig waren. Graf Baudissin stieß auf den erbitterten Widerstand der Falken, der Traditionalisten und alten Kameraden, die seinerzeit noch von einer "neuen Wehrmacht" sprachen. Langfristig erwies sich jedoch das Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform als wirkmächtig. Zu der aufgeklärten Gesellschaft der Bundesrepublik, so Detlef Balds Ausblick, gehöre eine militärpolitische "Kultur der Zurückhaltung".

Fazit: Alle Autorinnen und Autoren des vorliegenden Sammelbandes leisten aufschlussreiche, kenntnisreiche sowie stets engagierte und lesenswerte Beiträge zu einer Ideen- und Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Friedenserziehung freilich, so mein pessimistischer Ausblick, spielt nur eine marginale Rolle, wenn es um die großen bedrückenden Fragen der Menschheit geht: Hungersnöte und Durst, Flucht und Vertreibung, Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, Klimachaos und zusammenbrechende Ökosysteme. Die Kriege der Zukunft sind Kriege um schwindende Ressourcen. Bei der ungerechten Reichtums- und Machtverteilung auf unserem Planeten geht es auch um den Zugang zu den überlebenswichtigen Ressourcen. In den Klimakriegen des 21. Jahrhunderts wird dafür anonym und in technisch höherer Form getötet werden.
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Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär: Vom Hungerplaner vor, zum "Welternährer" nach 1945
Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär: Vom Hungerplaner vor, zum "Welternährer" nach 1945
von Wigbert Benz
  Taschenbuch

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5.0 von 5 Sternen Stimme der Humanität angesichts von Verdrängung und Schuldabwehr, 17. Juni 2014
Erstmals stieß ich auf Rieckes Namen in Ernst Klees verdienstvollem Werk "Das Personenlexikon zum Dritten Reich". Hier erfährt man: Im Krieg Leiter der Chefgruppe Ernährung und Landwirtschaft im Wirtschaftsstab Ost (Vierjahresplan). 1943 Staatssekretär im Reichsernährungsministerium. Mai 1945 Staatssekretär der Geschäftsführenden Regierung Dönitz in Flensburg. Nach 1945 bei Hamburger Handelshaus.

Es sind zwei Sätze, die Rieckes Lebensgeschichte markieren: Neben Herbert Backe war er mitverantwortlich für den Plan, beim "Unternehmen Barbarossa" 1941 Millionen Menschen verhungern zu lassen. In einem Geleitwort für ein Buch des Friedensnobelpreisträgers John Boyd Orr sprach er sich dafür aus, Finanzmitteln aus dem Rüstungsbereich in den Agrarbereich umzuschichten, um so den Welthunger zu bekämpfen. Somit drängt sich für den Rezensenten die Frage auf: Ist seine Lebensgeschichte die Geschichte von Einsicht, Bedauern und Neuorientierung, von Reue und Umkehr?

Hans-Joachim Riecke wurde am 20. Juni 1899 in Dresden geboren. Als Kriegsfreiwilliger aus dem Herbst 1914 entwickelte er auch aufgrund seiner Kriegserfahrungen eine "Abneigung gegen alles Bürgerliche". Im März 1920 gehörte er zu den Kapp-Putschisten. Nach dem Scheitern schloss er sich dem "Bund Oberland" an. (NB. Weiterhin finden sich in Oberammergau eine Freikorps- sowie eine Oberlandstraße.)

Autor Wigbert Benz schildert die weiteren Stationen: NSDAP, Heirat, Landwirtschaftsrat, Regierungschef des Kleinstaats Lippe, Wechsek nac Berlin in Reichsernährungsministerium. Auf eigenen Wunsch nahm Riecke am Frankreichfeldzug teil. Zehn Tage vor dem 22. Juni 1941, als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, wurde Riecke zum Kriegs- bzw. Militärverwaltungschef bei Görings Vierjahresplanbehörde bestimmmt. Görings Richtlinien sprachen von der Eroberung und Ausbeutung der sowjetischen Ölvorräte, von der Gewinnung von Getreide und davon, dass die "Truppe aus dem Land ernährt" werden muss. Im Mai 1943 gab Riecke an, dass "wir dieses Jahr 3 Mill. t. Getreide aus der Ukraine herausholen". Autor Wigbert Benz fasst zusammen: "Rieckes Apparat raubte innerhalb von knapp drei Jahren ca. sieben Millionen Tonnen Getreide, eine dreiviertel Million Tonen Ölsaaten, ca. 600.000 Tonnen Fette aus der Sowjetunion. Damit konnte ‚die Versorgungslage des deutschen Volkes auf der bisherigen Höhe gehalten werden’, so dass der Wirtschaftsstab Ost vorschlug, Riecke für seine Verdienste das ‚Ritterkreuz mit Schwerter’ zu verleihen." In seinem Erlass vom 18. September 1942 hatte Riecke verfügt: "Dementsprechend sind an Juden keine Fleisch-, Eier- und Milchkarten sowie keine örtlichen Bezugsausweise auszugeben."

Nach dem Krieg stilisierte sich Riecke als "Widerstandskämpfer": Seinen Eintritt in die SS mit dem Rang eines SS-Generals präsentierte er in seinen Erinnerungen als indirekte Folge des 20. Juli 1944 und seines Bemühens, das Schlimmste zu verhindern. Am 23. Mai 1945 wurde Riecke in Flensburg verhaftet. Noch Mitte 1947 wurde beabsichtig, Riecke den Prozess zu machen, doch mit dem beginnenden Kalten Krieg kam es zu einem Umschwung der öffentlichen Meinung in den USA. Ende März 1949 wurde Rieckes Haftentlassung verfügt.

Noch 1950, als sich Riecke mit seinem Entnazifizierungsverfahren herumschlug, wurde ihm vom Hamburger Agrarunternehmer Alfred C. Toepfer das Angebot unterbreitet, in seine Firma einzutreten. Von 1951 bis 1970 war er dort tätig. Im April 1958 erhielt Riecke Zeichnungsvollmacht in der Toepfer-Stiftung. Auf Vorschlag des damaligen Vorsitzenden der Stiftung, des hannoverschen Landesbischofs Hanns Lilje, wurde im Jahr 1964 den Generälen Wolf Graf von Baudissin, Johann Adolf Graf von Kielmansegg sowie Ulrich de Maizière der Stiftungspreis verliehen. Einige Worte zum Vorsitzenden Lilje: Seine Kriegspredigten waren in einem national-protestantischem Pathos verankert gewesen: "Größeres ist für einem Mann auf Erden nicht möglich, als der Tod für das eigene Volk." Nach dem Krieg forderte dieser "Hochwürden" in der Kriegsverbrecherfrage eine Generalamnestie. 1974 wurde er mit der Goethe-Medaille der Toepfer- Stiftung ausgezeichnet.

Hans-Joachim Riecke starb am 11. August 1986 in Hamburg. Alfred C. Toepfer hielt die Grabrede. In seinen "Erinnerungen" hatte Riecke auf seine Lebensgeschichte zurückgeblickt. Und er hatte so Bilanz gezogen: "Ich bin’s zufrieden!" In ihrem Buch "Vordenker der Vernichtung" freilich nennen Götz Aly und Susanne Heim Rieckes "Erinnerungen" eine "Sammlung von Rechtfertigungen, Auslassungen und Lügen".

Dem Autor Wigbert Benz gebührt die uneingeschränkte Anerkennung des Rezensenten für seine souveräne, professionelle sowie historiographisch meisterhafte Beschreibung und Deutung der Lebensgeschichte von Hans-Joachim Riecke. Es gibt Kämpfe in der Geschichtspolitik und an der Erinnerungsfront, denn Geschichte ist eine Waffe. Angesichts von Verdrängung, Schuldabwehr und Wahrnehmungsblockaden hat nicht der Täter Riecke das letzte Wort. Es gereicht dem vorbildlich engagierten Autor Wigbert Benz zur bleibenden Ehre, dass er auch in seinem neusten Werk den verstummten Opfern der Hungerpolitik seine vernehmbare Stimme der Humanität verleiht.


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