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Rezensionen verfasst von
Michael Kühntopf (Widen, Kanton Aargau, Schweiz)
(REAL NAME)   

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Who's Who in the Talmud
Who's Who in the Talmud
von Shulamis Frieman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 59,81

5.0 von 5 Sternen Erstklassig, 20. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Who's Who in the Talmud (Gebundene Ausgabe)
Ohne dieses sorgfältig zusammengestellte Buch hätte ich viele Zuordnungsprobleme talmudischer Persönlichkeiten nicht lösen können. Dennoch wird auch hier nicht JEDE Person erwähnt, was vielleicht gar nicht möglich ist.

Michael Kühntopf


Reise Know-How KulturSchock Türkei
Reise Know-How KulturSchock Türkei
von Manfred Ferner
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr fundiert, 22. April 2012
Diesmal habe ich - entgegen meiner sonstigen Gewohnheit - zuerst die Amazon-Rezensionen gelesen, dann das Buch. Die Rezensionen waren teils misleading, so ist das Buch keineswegs "sexistisch" oder distanzlos-affirmativ geschrieben.

Ganz im Gegenteil, es ist eines der informativsten und tiefestgehenden zum Thema, sehr fundiert und vor dem Hintergrund grosser Sach- und vor allem auch Sprachkenntnis geschrieben. Sehr empfehlenswert!

Michael Kühntopf
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 15, 2013 9:32 AM CET


Alles über Wikipedia: und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt (Kulturgeschichte)
Alles über Wikipedia: und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt (Kulturgeschichte)
von Wikimedia Deutschland
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, ein andres ist's mit dem Gelingen ..., 27. November 2011
Jetzt, nachdem ich das Buch tatsächlich von vorne bis hinten gelesen habe - eine wirkliche Leistung angesichts der an vielen Stellen breit ausgewalzten Langeweile und angesichts der häufigen Wiederholungen -, versuche ich mir vorzustellen, wie das Buch auf Aussenstehende, also auf Nicht-Wikipedianer, wirken wird und was es diesen bringen dürfte.

Nicht ganz einfach, da ich selbst lange Jahre in der Wikipedia herumgefuhrwerkt habe, die Editierkriege, Partei-, Glaubens- und Grabenkämpfe bis in die hintersten Winkel kenne und auch einen kurzen Aufsatz zum Buch beigesteuert habe. Objektivität sieht anders aus.

Wikipedia ist so ähnlich wie Pornos schauen: Jeder macht es, keiner sagt es. Wikipedia ist eine Macht. Wikipedia verändert die Welt - und trotzdem wird es sein Schmuddelimage nicht los. Wikipedia zu benutzen hat etwas Anrüchiges, Zwielichtiges.

Und weil das so ist, will man gar nicht näher hinschauen, was da im Innersten dieser Hexenküche passiert. Das Buch interessiert also Niemanden - ausserhalb des Kreises der Wikipedianer selbst. Beweis: null Resonanz auf das Buch in der wirklichen Welt, kaum Rezensionen in bedeutenden überregionalen Zeitungen, fast nur Besprechungen in netzaffinen Parallelmedien, und auch diese sind absolut überschaubar.

Die Online-Enzyklopädie hat keinen allzu kleinen Anteil an der rasenden Veränderung der Medienwirklichkeit und ist auch hinsichtlich ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung nicht zu unterschätzen, trägt sie doch trotz ihrer hehren Zielsetzung bei zur tatsächlichen Entwertung von Wissen und Wissenden, zum Zusammenbruch von Verlagshäusern, zur Prekarisierung immer weiterer Kreise von Menschen, die eigentlich glaubten, einen Platz an der Sonne zu finden und an der Gesellschaft teilhaben zu dürfen.

Diese Umbrüche und ihre Folgen sowie die nicht zuletzt auch durch Wikipedia verursachten Revolutionen im Umgang mit Medien und Informationen allgemein gilt es zu untersuchen und zu beherrschen, DAS wäre ein Thema von allgemeingesellschaftlicher Relevanz. Die Aufsätze innerhalb des Buches, die sich mit dieser Thematik beschäftigen (Kapitel "Die Wissenschaft zu Wikipedia"), sind allesamt enttäuschend. Dort, wo die spannenden Fragen beginnen, enden diese Aufsätze. Da hat der Benutzer "Neon02" mit seiner hochinteressanten - und leider zutreffenden - Analyse auf gerade einmal drei Seiten deutlich mehr geleistet. Dieser Aufsatz ist eine wahre Perle im Buch. Und solche Leute werden in der Wikipedia bevorzugt gesperrt. Ein Skandal und gleichzeitig auch ein deutlicher Hinweis auf die Probleme, die Wikipedia hat bei der Gewinnung seriöser Autoren.

Wikipedia ist ein Projekt, ein Experiment, niemand vermag vorauszusagen, wohin die Reise geht. Niemand vermag erst einmal zu sagen, warum das gigantische Ding überhaupt funktioniert. Und bei allen Schwierigkeiten, bei allem Geknirsche im System funktioniert die Kiste bisher erstaunlich gut.

Dennoch unterliegt Wikipedia den gleichen Gesetzmässigkeiten wie alle wachsenden Organisationen, z. B. Ausweitung der Klasse der Apparatschiks, Überformalisierung und Bürokratisierung, Geldgier, Beschäftigung ausschliesslich mit sich selbst, Aussperrung nichtwikipedianischer Vernunft. Immer weniger immer aggressiver und selbstherrlicher werdende Platzhirsche administrieren lustlos eine immer grösser werdende Datenmenge, zerfleischen sich selbst oder vertreiben die Neulinge, auf die das Projekt doch so sehr angewiesen ist.

Der lange Schlussaufsatz des Buches ("Ausblick: Wikipedia im Jahr 2021") besticht durch seine Sachkompetenz und das hervorragende Einschätzungsvermögen seines Autors (Marko Ternick), obwohl auch ihm zuweilen die Pferde durchgehen (Zitat: "Vielleicht wird man eine sich kontinuierlich aktualisierende Version von Wikipedia auf einem Chip ins Gehirn eingepflanzt bekommen, sodass man ständig darauf zugreifen kann. Man wird keinen grossen Unterschied mehr zwischen selbst Erlerntem und Wikipedia-Wissen machen ... ").

Noch zum Umfang des Buches: Für Nichtwikipedianer ist es eindeutig zu lang und zu viel, da hätte das Lektorat stärker eingreifen und Wiederholungen tilgen müssen. Wenn man sich die vielen Wiederholungen vergegenwärtigt, ist es absolut unverständlich, dass so interessante, wichtige und kenntnisreich geschriebene Aufsätze wie z. B. der des Benutzers "Holder" über Dialekt-Wikipedien den Sprung ins Buch nicht geschafft haben. Dafür hätte man gerne meinen Schmonzes weglassen können.

Überhaupt gibt es nur einen Weg und Zugang zu Wikipedia, nämlich den über Wikipedia selbst. Aber "Achtung: Wikipedia macht süchtig. Fangen Sie gar nicht erst damit an!"

Michael Kühntopf


Lichtigs herrliche Postkarten: Eine Judaica - Edition
Lichtigs herrliche Postkarten: Eine Judaica - Edition
von Nea Weissberg-Bob
  Taschenbuch

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschmackvolle Edition wie aus der guten alten Zeit, 4. April 2011
Zwölf Postkarten, äusserst geschmack- und liebevoll von Veronika Urban und Sharon Adler gestaltet, zeigen Fotografien vor allem prächtiger, silberner Ritualgegenstände des 19. Jahrhunderts bzw. eine herrlich-farbenfrohe florale Illustration der Hand der Miriam.

An Ritualien finden sich zwei Chanukkaleuchter, mehrere Schabbatleuchter, ein Kidduschbecher, ein besticktes Barchesdeckchen, ein Sederteller und eine Abbildung von Hawdala-Utensilien. Zur Edition gehören aber auch drei Fotografien von Rabbinergemälden, auf denen diese durchgängig mit Tallit und Kopfbedeckung dargestellt sind. Alle Motive atmen eine tiefe Liebe zum Judentum und seinen religiösen Traditionen, teilweise erinnern sie an die Welt Moritz Daniel Oppenheims.

Bevor man aber ganz untertaucht und eintaucht in diese doch zu schöne, heile Welt wird man durch die rückseitigen Beschriftungen der Postkarten wieder zurückgeholt auf den Boden der Tatsachen: Hinweise zu den Gegenständen wie "besitzlos nach der Reichspogromnacht", "gefunden nach dem Holocaust in einem Berliner Schrebergarten" zeigen die stetige Gefährdung jeden jüdischen Lebens überdeutlich an.

Die Karten werden sicher Freude bringen: dem Schreiber und Absender, vor allem aber den jeweiligen Empfängern.

Michael Kühntopf


Judentum und Sozialdemokratie: Das antiautoritäre Fundament der SPD
Judentum und Sozialdemokratie: Das antiautoritäre Fundament der SPD
von Hans Erler
  Broschiert
Preis: EUR 19,80

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Hirngespinste, 20. Januar 2011
Hans Erler, Sohn des 1967 verstorbenen Fraktions- und stellvertretenden Parteivorsitzenden Fritz Erler, ist ein Mann der Gegensätze. Beinahe dreissig Jahre war er für die Konrad-Adenauer-Stiftung tätig, um dann 2007, unmittelbar nach seinem Eintritt in den Ruhestand, nichts Eiligeres zu tun zu haben, als der SPD beizutreten. Sein ganzes Leben hat er sich auf seine spezielle Weise mit dem Judentum auseinandergesetzt und nun eines seiner Herzensanliegen - das ausdrückliche Bekenntnis der SPD zu ihren jüdischen Wurzeln - in Erfüllung gehen sehen. Das vorliegende Buch "Judentum und Sozialdemokratie" legt Zeugnis ab von dieser, seiner Auseinandersetzung und seinem Kampf zur Erreichung dieses Zieles.

Das Ziel ist edel, es ist berechtigt und notwendig. Das Buch hingegen - obwohl immer interessant und nutzbringend zu lesen - ist es nicht, es hat keine Berechtigung und ist nicht umsonst ohne jede Resonanz geblieben, denn was Hans Erler schreibt und schlussfolgert, ist abenteuerlich und existiert nur in seinem Kopf. Judentum und Sozialdemokratie beinahe identisch zu setzen (vgl. im Brief an Kurt Beck, abgedruckt im Buch S. 163 ff.), ist einfach nur absurd. Sie bildeten (vielleicht!) temporäre strategische Partnerschaften, hatten - neben hunderte anderen - einige (je wechselnde) gemeinsame Ziele, das war es dann aber auch schon. Einmal ganz davon abgesehen, dass es "das Judentum" nie gab.

O.k., bei stärkster Schematisierung: Sicher gibt es eine grosse Nähe von Judentum und Juden zu Sozialismus und Sozialdemokratie. Die Namen, die ich unten anführen werde, sind Legion und ihre Anzahl hat selbst mich, der ich mich intensiv mit jüdischen Biographien und jüdischer Chronologie befasse, erstaunt. Aber die Thesen, die Hans Erler formuliert, sind reines Wunschdenken. Kein ernst zu nehmender Mensch würde sie so apodiktisch und offensichtlich falsch in die Welt setzen.

Überhaupt fühlt man sich über weite Passagen des Buches nicht an einen wissenschaftlichen oder philosophischen Text erinnert, sondern glaubt, eine moderne Übersetzung eines Midrasch-Textes zu lesen, so undistanziert oder unkritisch in die Materie vertieft kommen die Ausführungen daher - andererseits ein Zeichen für die grosse Vertrautheit, ja fast intime Kenntnis Erlers im Umgang mit spezifisch jüdischen Genres und Topoi.

Das Judentum als Wurzel und Grundlage der Sozialdemokratie ist Phantasmagorie und Fata Morgana, die "spezifisch hebräisch-jüdische Herkunft der Grundwerte der Sozialdemokratie" (S. 77) eine Erfindung. Ich weiss übrigens gar nicht, was das häufig angeführte "hebräisch-jüdisch" überhaupt bedeuten soll. Eine Konstruktion.

Immer wieder versteigt sich Hans Erler zu solchen bombastischen Aussagen, die beinahe ans Lächerliche grenzen: "Das Werk der jüdischen Mystik war die Geburt der Sozialdemokratie - aus dem Geist des Judentums" (S. 83). Oder hier: "Die Dialektik der jüdischen Sinngebung von Geschichte mündet ... in das gesellschaftspolitische Handeln der Sozialdemokratie" (S. 79). Oder hier: "Die Ausblendung des Charakters des Judentums aus dem Charakter der Sozialdemokratie ... macht die Sozialdemokratie sich selbst unverständlich, macht sie sich selbst zum Rätsel" (S. 86). "Jüdisch = demokratisch" (S. 151), "jüdisch = menschlich" (S. 156). "Sozialdemokratie ist ohne ihr jüdisches Fundament nicht zu verstehen" (S. 81). "Die Sozialdemokratie muss sich selbst neu erfinden - der Bezug auf das Judentum im Hamburger Programm hat hierzu den Grundstein gelegt" (S. 145).

Als jüdische Grundkategorie sieht er den "Ungehorsam" (Erzählung vom Paradies) und damit den Eintritt des Menschen in die Geschichte. Der Ungehorsam, der Protest, mithin etwas Negatives, soll zur ethischen Grundlage und zum Fundament von Geschichte und moralisch verantwortetem Handeln werden, auf dem sich wahres Menschentum aufbauen soll. "Lebendig und menschlich ist der Mensch nur im Ungehorsam" (S. 160). "Die Sozialdemokratie hat ihre Wurzel in der hebräisch-jüdischen Religiosität der Thora, politisch bedeutet dies: Der Ort ihrer Herkunft ist der Ungehorsam" (S. 161).

Demgegenüber bleibt festzuhalten: Ein zentraler jüdischer Wert ist das Hören auf Gottes Wort, das Schma Jisrael, also der Gehorsam; der Ungehorsam hingegen ist Abweichung vom Hören und Folgen und nicht umgekehrt. Aus der allgemein verbreiteten Tugend der Observanz folgt das Bedürfnis zum und die Lust am Ungehorsam - und nicht umgekehrt. Mit institutionalisiertem Protest als Grundhaltung lässt sich nichts aufbauen und nichts erhalten, eine fatale historische Fehleinschätzung des Am Jisrael Chai.

Hans Erlers Fabulierlust und seine Neigung zu äusserst komplizierten, mehrfach verschachtelten Sätzen in Verbindung mit seiner (oder des schlampigen Lektorats) Freude an der Etablierung eigener Zeichensetzungsregeln (kein Komma vor Konjunktionen) machen die Lektüre häufig zur Qual, weil die Sätze nicht mehr eindeutig lesbar und ab einem gewissen Komplexitätsgrad einfach unverständlich werden - solange nicht jeder die Energie hat, den Sätzen den höchstwahrscheinlichen Sinn durch ausgiebigste Analyse und Permutationsspielichen abzugewinnen. Die ewig aneinandergereihten Genitive nach dem Muster des Schattens des Körpers des Kutschers und die skurrilen, unberechenbar auftauchenden Kursive sind irgendwann nur noch ermüdend, und manchmal stimmt einfach die Gleichung "viel Worte - viel Murks" - ob vom Autor oder vom Lektorat zu verantworten, spielt da keine Rolle mehr.

Beispiele für offensichtlich vom Zufallsgenerator produzierte Sinnblasen: "Ehe wir auf das Prinzip der jüdischen Erneuerung von Welt und Leben eingehen, soll hier ein kurzer Blick auf den Existentialismus in seiner radikalsten Formulierung geworfen werden, da er als splitterndes Rauschen wohl bis ans Ende der Tage der Menschheit die Bemühungen um die Gestaltung der Welt grundieren wird. Die durch die Barbarei aktualisierte Erfahrung der jüdischen Mystik des Lebens erfährt sich zukünftig als Existentialismus, jüdische Ethik und Sozialdemokratie" (S. 108 f.). Oder auf S. 162: "Es ist die jüdische Sozialdemokratie, die Zärtlichkeit als Abwesenheit barbarischer Gesinnungen zum Motiv und Stil ihres politischen Handelns gewählt hat. Bedingung der Zärtlichkeit ist, was Moses Mendelssohn als Credo jüdischer Aufklärung formuliert hat ... ".

Eine Herausarbeitung der Bedeutung des Judentums sollte auch möglich sein, ohne das Christentum in Grund und Boden zu reden - daher ist die scharfe und schärfste Verurteilung des Christentums (siehe z. B. S. 54, 58, 59, 61, 62, 65; oder hier: "mehr als 60 Jahre haben nicht ausgereicht, das Christentum nach dem Holocaust zur Selbstkorrektur zu bewegen und sich im Judentum aufzulösen", S. 121) unnötig, empörend, aber auch rein sachlich nicht zutreffend und nicht nachvollziehbar, die Behauptung, "vom Christentum ... gäbe es keinen Zugang zur Sozialdemokratie" (S. 69), mit Verlaub, purer Blödsinn.

Wenn auch die einfachen Kinder-Gleichungen, die Hans Erler aufstellt, jeder wirklichen Grundlage entbehren, so verdankt das politisch-ideologische Umfeld von Kommunismus, Anarchismus, Arbeiterbewegung, Sozialismus, Sozialdemokratie, Sozialer Arbeit, Sozialwissenschaft etc. dem Denken und Handeln von Juden und Jüdinnen aussergewöhnlich viel. Dazu wären dann aber nicht nur die bekannten Namen (Moses Hess, Marx, Lassalle, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg) heranzuziehen, sondern eine im Zweifel eher breit angelegte Bestandsaufnahme und Analyse jüdischer Literaten, Denker, Politiker, Revolutionäre oder revolutionär Gesinnter, die sich zeitweise, länger oder dauerhaft mit den hier in Frage stehenden historischen oder zeitgeschichtlichen Phänomenen berührten, zu beginnen, Entwicklungslinien aufzuzeigen und der Anteil, den Juden an dieser Entwicklung hatten, herauszuarbeiten.

Folgende Persönlichkeiten unterschiedlichster Provenienz, in ihrer zeitlichen Abfolge kommentarlos hintereinandergestellt, könnten und sollten dabei für eine einigermassen umfassende Gesamtdarstellung mindestens (auch dies allerdings nur eine Auswahl!) berücksichtigt werden:

Moritz Heidenheim (1824-1898), Lina Morgenstern (1830-1909), Isaak Rülf (1831-1902), Max Hirsch (1832-1905), Jakob Dinesohn (1836-1919), Ludwig Gumplówicz (1838-1909), Joseph Popper-Lynkeus (1838-1921), Gustav Cohn (1840-1918), Hermann Cohen (1842-1918), Jakob Stern (1843-1911), Paul Singer (1844-1911), Aron Libermann (1845-1880), Theodor Hertzka (1845-1924), Juda Löb Lewin (1845-1925), Max Nordau (1849-1923), Jizchok Leib Perez (1852-1915), Victor Adler (1852-1918), Jeanette Schwerin (1852-1899), Jakob Gordin (1853-1909), Heinrich Braun (1854-1927), Emil Muensterberg (1855-1911), Aharon David Gordon (1856-1922), Achille Loria (1857-1943), Albert Kohn (1857-1926), Paul Nathan (1857-1927), Bertha Pappenheim (1859-1936), Hugo Heimann (1859-1950), Emma Braun (1859-1935), Leo Aron (1860-1919), Henrietta Szold (1860-1945), Carl Grünberg (1861-1940), Maximilian Harden (1861-1927), Otto Mugdan (1862-1925), Helene Simon (1862-1947), Morris Rosenfeld (1862-1923), Albert Levy (1862-1922), Adolf Braun (1862-1929), Eugen Caspary (1863-1931), Rebekka Kohut (1864-1951), Franz Oppenheimer (1864-1943), Alfred Nossig (1864-1943), Luise Kautsky (1864-1944), Ludo Hartmann (1865-1924), Chaim Schitlowsky (1865-1943), Edgar Jaffé (1866-1921), Kurt Eisner (1867-1919), Alexander Helphand (1867-1924), Simon Katzenstein (1868-1945), Paul Hirsch (1868-1940), Nachman Syrkin (1868-1924), David Farbstein (1868-1953), Emma Goldman (1869-1940), Gustav Landauer (1870-1919), Alfred Meissner (1871-1950), Gustav Mayer (1871-1948), David Pinski (1872-1959), Léon Blum (1872-1950), Alice Salomon (1872-1948), Theodor Zlocisti (1874-1943), Ludwig Frank (1874-1914), Hugo Sinzheimer (1875-1945), Leo Winter (1876-1935), Clara Israel (1876-1942), Rudolf Hilferding (1877-1941), Mordechaj Gebirtig (1877-1942), Martin Buber (1878-1965), Jakow Jurowski (1878-1938), Alfred Döblin (1878-1957), Robert Breuer (1878-1943), Pinchas Ruthenberg (1879-1942), Friedrich Adler (1879-1960), Leo Trotzki (1879-1940), David Koigen (1879-1933), Mania Schochat (1880-1961), Ber Borochov (1881-1917), Joseph Chaim Brenner (1881-1921), Ernst Heilmann (1881-1940), Emil Lederer (1882-1939), Leo Perutz (1882-1957), Leo Kestenberg (1882-1962), Paul Levi (1883-1930), Lew Kamenew (1883-1936), Samuel Niger (1883-1955), Julius Deutsch (1884-1968), Salomon Kaplansky (1884-1950), Der Nister (1884-1950), Frieda Wunderlich (1884-1965), Jitzchak Ben Zwi (1884-1963), Kurt Löwenstein (1885-1939), Jakob Swerdlow (1885-1919), Ernst Bloch (1885-1977), Karl Radek (1885-1939), Luitpold Stern (1886-1966), Arnold Zweig (1887-1968), Jitzchak Tabenkin (1888-1971), Toni Sender (1888-1964), Siegfried Marck (1889-1957), Arthur Rosenberg (1889-1943), Hermann Heller (1891-1933), Ana Pauker (1893-1960), Manfred George (1893-1965), Oscar Pollak (1893-1963), Felix Fechenbach (1894-1933), Alice Rühle-Gerstel (1894-1943), Salomon Adler-Rudel (1894-1975), Perez Markisch (1895-1952), Irma Fechenbach (1895-1973), Nora Platiel (1896-1979), Ernst Waldinger (1896-1970), Theodor Kramer (1897-1958), Otto Leichter (1897-1973), Jakow Bljumkin (1898-1929), Paul F. Lazarsfeld (1901-1976), Julian Stryjkowski (1905-1996), Enzo Sereni (1905-1944), Marie Jahoda (1907-2001), Richard Löwenthal (1908-1991), Bruno Kreisky (1911-1990), Peter Blachstein (1911-1977), Teddy Kollek (1911-2007), Jura Soyfer (1912-1939), Stefan Heym (1913-2001), Hilde Meisel (1914-1945), Stephan Hermlin (1915-1997), Eric Hobsbawm (geb. 1917)

Michael Kühntopf


Allenthalben Lug und Trug: Roman
Allenthalben Lug und Trug: Roman
von Andreas Pritzker
  Taschenbuch

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Heilige Scheisse!, 28. Oktober 2010
Heilige Scheisse! Das ist der Spruch, der den Roman durchzieht bis zum Überdruss. Drei Mal liest man ihn im Verlauf von zehn Seiten, zuweilen sogar auf jeder (!) Seite. War es im Vorgänger-Roman "Filberts Verhängnis" der noch etwas gesittetere Spruch "in unserer gesitteten Stadt", vor dem man sich fürchtete wie vor dem Hexenschuss, kommt hier allenthalben die "heilige Scheisse" um die Ecke. So viel zum Leitspruch. Den muss man sich nicht merken. Der kommt sowieso.

Zur Rahmenhandlung. Der kauzige Thomas Kremer ermittelt als Untersuchungsbeamter der Staatsanwaltschaft Zürich in einem vermuteten Korruptionsfall wie er wohl zu Zehntausenden vorkommen mag: Beim Verkauf einer Privatklinik scheint nicht alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Während gut drei Wochen begleitet der Leser nun tageweise den im regelmässigen Wechsel mal sinnierenden, mal irgendwo aneckenden, aber eigentlich nur den Normalos absonderlich erscheinenden Herrn Kremer bei seinen Handlungen, Gedanken und Finessen. Hat etwas von Charles Bukowski und dessen herzerfrischender Rüpelhaftigkeit und dessen Kunst des Geradeaus-Denkens und Geradeaus-Sprechens (oder Gerade-Aussprechens) - also erst einmal äusserst sympathisch.

Die Rahmenhandlung gibt dem Autor Gelegenheit, über Gott und die Welt zu philosophieren oder zu lästern - je nach Geschmack und Voreinstellung. Aber auch die äussere - für Krimi- und Intelligenztestfreunde hinreichend verwickelte - Handlung ist alles andere als eindimensional, der Autor entführt uns an verschiedene Orte, in verschiedene Welten mit je eigener Atmosphäre und je eigenem Thema. Unglaublich, dass sich das alles so kompakt zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt.

Auch zeigt er sich als ein extrem genauer Beobachter der menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeiten. Seine tiefgründige Kenntnis, wie die Welt nun einmal funktioniert, überrascht immer wieder aufs Neue. Und dabei ist er - nur wenig versteckt - ein nicht ganz unhedonistischer Säufer, Geniesser und Lustmolch, abgesehen von seiner herrlich unkorrekten Boshaftigkeit.

Am lustigsten ist er mit seinen lakonisch-prosaischen Sprüchen dort, wo er es vielleicht gar nicht bemerkt und beabsichtigt hat. Manchmal echt zum Losprusten: "Wissen Sie eigentlich, wie Sie aussehen? Gekotzte Milchsuppe nannten wir das im Militärdienst. Ich hoffe, Sie zeigen sich nicht so in der Öffentlichkeit. Es geht schliesslich um den Ruf unseres Amtes" (zu Kremer gewandt nach einer durchzechten Nacht).

Oder nach Kremers Krebsdiagnose das Texten der eigenen Todesanzeige, mit der sein alter Freund Nick aber nicht einverstanden ist, da sie ihm nicht rührselig genug erscheint. Kremer, der Unverwüstliche, dreht aber allen eine Nase und lebt einfach frech weiter.

Ich habe mich selten so gut unterhalten wie beim Lesen dieses kurzweiligen, spannenden, zum Nachdenken anregenden Buches. Seit langem mal wieder ein richtiger Lesegenuss.

Beim Abschluss des Buches - auch wenn der Autor das Qualitätsniveau des Plots, der dramaturgischen Realisierung und der inneren Stimmigkeit nicht durchgängig zu halten vermag - möchte man ausrufen: "Genial!" Hier streift Pritzker grosse Weltliteratur. Hemingway oder Joseph Conrad lassen grüssen: "Jedenfalls werden die Persönlichkeiten, gegen die ich ermittelte, bis auf weiteres nicht gerichtlich belangt. Und wenn die tonangebenden Personen sagen, lassen wir es auf sich beruhen, ist es nicht Sache des Ermittlers Kremer, auf einen abstrakten Begriff wie Gerechtigkeit hinzuarbeiten. Kein Vorwurf, dass die Gesellschaft so tickt. Sie kann gar nicht anders, und es gibt kein System, wo sie anders ticken könnte. Ich lehne mich zurück. Bereits überkommt mich Ruhe. So läuft das immer. Ist die Ermittlung abgeschlossen, lasse ich los."

Die Quintessenz des Buches bezüglich der Bewertung, wie die Gesellschaft tickt und welchen Gerechtigkeitsbegriff sie hat, findet sich übrigens ein wenig versteckt auf Seite 166: "Die meisten Menschen sind nur bereit die Justiz zu unterstützen, wenn sie damit gleichzeitig ihre Eigeninteressen verfolgen können. Um der Gerechtigkeit willen wagen sich höchstens ein paar närrische Idealisten aus der Deckung. Was keinen Politiker je gehindert hat, mit grossen Worten um sich zu werfen und auf Solidarität zu pochen. Mag sein, dass der Bürger eine strenge und saubere Rechtspflege wünscht, aber ohne sein Mitwirken."

O. k., "Zeit, nach Hause zu gehen und sich zu betrinken." (S. 153)

Michael Kühntopf


Neues Baseldeutsch Wörterbuch
Neues Baseldeutsch Wörterbuch
von Christoph Merian Stiftung Basel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 44,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ganz aussergewöhnliche Leistung, 4. Oktober 2010
Die Christoph Merian Stiftung hat gemeinsam mit der Bürgergemeinde der Stadt Basel die Herausgabe eines Neuen Baseldeutsch Wörterbuches möglich gemacht, da das vorhergehende Grundwerk nach knapp drei Jahrzehnten trotz Überarbeitungen deutlich "in die Jahre gekommen" war.

Da die erforderliche Herkulesarbeit durch einen Einzelnen längst nicht mehr bewerkstelligt werden konnte, kann man es schon als glückliche Fügung bezeichnen, dass sich mit dem Deutschen Seminar der Universität Basel ein kompetenter Partner fand, der unter fachlicher Leitung von Prof. Annelies Häcki Buhofer in einem vier Jahre währenden Prozess gewaltiger gemeinsamer Anstrengung - wobei nicht nur Fachleute, sondern per Internet-Umfrage auch breite Bevölkerungskreise eingebunden wurden - dieses aktuelle und umfangreiche Baseldeutsch Wörterbuch erarbeiten konnte. Die Hauptlast der Arbeit bewältigte Dr. Lorenz Hofer und sein Team, denen alle Liebhaber des Baseldeutschen sowie alle Sprachinteressierten zu grossem Dank verpflichtet bleiben. Das Lektorat besorgte Dr. Andreas Burri in vorbildlicher Weise.

Herausgekommen ist ein wundervolles, sorgfältigst erarbeitetes, in jeder Hinsicht zuverlässiges, aber auch interessantes und lesenswertes, auf Jahrzehnte hin Massstäbe setzendes Standardwerk.

Es bietet (nebst Geleitworten, Danksagung, Einleitung, Literaturangaben und Abkürzungsverzeichnis) im Hauptteil das Wörterbuch Baseldeutsch - Standarddeutsch (S. 31-379) sowie ein ausführliches Register Standarddeutsch - Baseldeutsch (S. 381-540, so dass sogar aktiv das Baseldeutsche erlernt werden kann).

Über 10 000 Wörter und Wortverbindungen wurden auf Basis älterer Werke überprüft und aktualisiert, neue Wörter eingearbeitet. Alles ist standardsprachlich erläutert, belegt und mit einschlägigen Beispielsätzen und Sprechanwendungen illustriert. Ältere, zum Teil liebgewonnene, typische Basler Ausdrücke sind selbstverständlich weiterhin enthalten und erklärt.

Gratulation und Dank für diese ganz aussergewöhnliche Gemeinschaftsleistung!

Michael Kühntopf


Jüdischer Kalender: Der Jüdische Kalender 2010 - 2011: Fünftausendsiebenhunderteinundsiebzig
Jüdischer Kalender: Der Jüdische Kalender 2010 - 2011: Fünftausendsiebenhunderteinundsiebzig
von Henryk M. Broder
  Broschiert

16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interessantes, aber unverzichtbares Ärgernis, 17. August 2010
Wie Broder selbst: Man kommt nicht vorbei an seinem Jüdischen Kalender, aber man ärgert sich.

Jedenfalls geht es mir so, der ich mich als jüdischer Biograph professionell mit der Materie nun schon seit Jahren beschäftige und dabei auch den Kalender fleissig nutze.

Mir fällt da gleich der bekannte Spottvers ein, den man über den bedauernswerten Schriftsteller Albert Ehrenstein verbreitete: Hoch schätzt man den Ehrensteinen, nur seine Verse stören einen".

Zunächst einmal gibt es kein vergleichbares Produkt auf dem deutschsprachigen Markt, und der Kalender ist seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, ein treuer und nicht mehr wegzudenkender Begleiter.

Vom Kalendarium selbst, auf das ich gleich zu sprechen komme, einmal abgesehen, ist insbesondere auch der umfangreiche Anhang ein unverzichtbares, jeweils aktuell gehaltenes Informationskompendium, sowohl der wichtige Adressteil für Deutschland, Österreich und die Schweiz, sodann aber auch für die religiösen oder religiöseren Leute die Angaben von Schabbatzeiten, Angaben zu den Feiertagen, zu den Paraschijot und Haftarot, die Angaben zu einschlägiger Literatur und Websites.

Dass der Hauptteil und der Anhang von einem nicht mehr zu ignorierenden Grundrauschen an mehr oder weniger belästigender, mehr oder weniger intelligenter Werbung begleitet wird, nun, daran hat man sich als ein in Westeuropa lebender und für Werbung schon weitgehend anästhesierter Mensch ein wenig gewöhnt.

Der Hauptteil, das Kalendarium selbst, bringt (biographische) Informationen zu jüdischen Menschen, zur jüdischen Geschichte, zur Nahost-Problematik, zur wirklichen oder gefühlten Political Correctness in diesen Themenfeldern, die immer wieder erfrischend, spannend zu lesen sind und zum Nachdenken anregen.

Dabei gab es eine Zeit lang für erfahrene Leser schon das Gefühl, Themen und Leute wiederholen sich erkennbar - daran wurde aber gearbeitet, immer wieder wird Überraschendes gebracht, Neues auch für "heavy user", die schon viel gesehen und gelesen haben. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, ganze Bereiche der jüdischen Geschichte werden leider komplett ausgeblendet: Die Geschichte oder Vorgeschichte des Zionismus besteht nicht nur aus Herzl und Ben-Gurion. Die an Reichhaltigkeit nicht zu überbietende Welt des so genannten Ostjudentums, die jiddische Kultur und ihre Werke: komplett Fehlanzeige. Jüdische Kultur und Geschichte beginnt auch nicht erst im 18. Jahrhundert: Wo ist das rabbinische Judentum? Tannaim, Amoräer, Geonim? Mischna, Talmud, Midrasch - keine jüdischen Themen? Kein Bestandteil jüdischer Kultur? Nichts Berichtenswertes? Kabbala ist auch nicht Madonna oder Britney Spears, sorry.

Die jüdische Geschichte und Gegenwart ist derart lebendig und unerschöpflich, dass auch in zehn hoch zehn Jahren kein Mangel an Themen sich abzeichnen wird. Und dennoch gibt es auch in anderer Hinsicht gewisse Einseitigkeiten und Schieflagen, die auf Dauer unübersehbar werden: Eigentlich finde ich Broders Arbeit und Wirken sehr heilsam. Dass er aber nicht die Souveränität besitzt, jüdische Leute oder jüdisch-relevante Ereignisse ein wenig objektiver und umfassender darzustellen oder darstellen zu lassen in seinem seit Jahren herausgegebenen Jüdischen Kalender (die angeblich miefig-piefige "Jüdische Allgemeine" ist da schon viel, viel weiter), ist schade und bedauerlich.

Abwehr von antisemitischer Kritik, o. k. Aber Unterdrücken und Ausblenden von weniger angenehmen Facts, bäh! Warum soll man nicht stolz sein auch auf Meyer Lansky, warum nicht einmal auch an Lepkele Buchalter oder David Berkowitz erinnern - keine von uns?

Ein Beispiel von vielen: Fritz Haber (beschrieben 9. Dezember 2008) ist bei ihm nur der Nobelpreisträger und Erfinder der Ammoniak-Synthese, nicht der Führer des Giftgaskrieges, die krankhaft-ehrgeizige, rücksichtslose jüdisch-deutsch-patriotische Witzfigur, ein Unhold, der seine Frau Clara Immerwahr, die es viel eher verdient hätte, dass man ihrer ehrend gedenkt, wie Dreck behandelt und in den Suizid getrieben hat.

Warum bringt Broder in seinem Kalender nicht auch mal berühmt-berüchtigte Juden, die überall schamhaft verschwiegen werden (Namen auf Anfrage). Auch das noch eine Folge des Holocaust, obwohl Broder angeblich schon so chuzpedik-selbstbewusst über Jüdisches redet und so sehr Avantgarde ist: Da ist er gar nicht Avantgarde und zeigt, wie sehr man in Deutschland noch alten Denkweisen verhaftet ist, dass es noch vieler Generationen bedarf, bis man Tabus wirklich hinter sich lässt.

Und noch eine Bemerkung am Rande zur Erklärung des Ärgernisses: Der Jüdische Kalender ist häufig extrem schlampig-schludrig zusammengeschustert. Über weite Strecken enthält fast jeder Eintrag Fehler (falsche Schreibung von Namen, falsche Daten und Fakten und Bewertungen ...), bloss nicht drauf verlassen ...

Und ein Allerletztes, regelmässig für Ärgernis Sorgendes: Gad Granach mag ja ein toller Typ sein, mag ja auch Broders Freund sein - aber ihn deshalb so überproportional zu promoten ..., na ja, kein weiterer Kommentar.

Michael Kühntopf


Jüdischer Kalender: 2008-2009 /26. Jahrgang. Fünftausendsiebenhundertneunundsechzig
Jüdischer Kalender: 2008-2009 /26. Jahrgang. Fünftausendsiebenhundertneunundsechzig
von Henryk M. Broder
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Interessantes, aber unverzichtbares Ärgernis, 6. August 2010
Wie Broder selbst: Man kommt nicht vorbei an seinem Jüdischen Kalender, aber man ärgert sich.

Jedenfalls geht es mir so, der ich mich als jüdischer Biograph professionell mit der Materie nun schon seit Jahren beschäftige und dabei auch den Kalender fleissig nutze.

Mir fällt da gleich der bekannte Spottvers ein, den man über den bedauernswerten Schriftsteller Albert Ehrenstein verbreitete: Hoch schätzt man den Ehrensteinen, nur seine Verse stören einen".

Zunächst einmal gibt es kein vergleichbares Produkt auf dem deutschsprachigen Markt, und der Kalender ist seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, ein treuer und nicht mehr wegzudenkender Begleiter.

Vom Kalendarium selbst, auf das ich gleich zu sprechen komme, einmal abgesehen, ist insbesondere auch der umfangreiche Anhang ein unverzichtbares, jeweils aktuell gehaltenes Informationskompendium, sowohl der wichtige Adressteil für Deutschland, Österreich und die Schweiz, sodann aber auch für die religiösen oder religiöseren Leute die Angaben von Schabbatzeiten, Angaben zu den Feiertagen, zu den Paraschijot und Haftarot, die Angaben zu einschlägiger Literatur und Websites.

Dass der Hauptteil und der Anhang von einem nicht mehr zu ignorierenden Grundrauschen an mehr oder weniger belästigender, mehr oder weniger intelligenter Werbung begleitet wird, nun, daran hat man sich als ein in Westeuropa lebender und für Werbung weitgehend anästhesierter Mensch schon ein wenig gewöhnt.

Der Hauptteil, das Kalendarium selbst, bringt (biographische) Informationen zu jüdischen Menschen, zur jüdischen Geschichte, zur Nahost-Problematik, zur wirklichen oder gefühlten Political Correctness in diesen Themenfeldern, die immer wieder erfrischend, spannend zu lesen sind und zum Nachdenken anregen.

Dabei gab es eine Zeit lang für erfahrene Leser schon das Gefühl, Themen und Leute wiederholen sich erkennbar - daran wurde aber gearbeitet, immer wieder wird Überraschendes gebracht, Neues auch für "heavy user", die schon viel gesehen und gelesen haben. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, ganze Bereiche der jüdischen Geschichte werden leider komplett ausgeblendet: Die Geschichte oder Vorgeschichte des Zionismus besteht nicht nur aus Herzl und Ben-Gurion. Die an Reichhaltigkeit nicht zu überbietende Welt des so genannten Ostjudentums, die jiddische Kultur und ihre Werke: komplett Fehlanzeige. Jüdische Kultur und Geschichte beginnt auch nicht erst im 18. Jahrhundert: Wo ist das rabbinische Judentum? Tannaim, Amoräer, Geonim? Mischna, Talmud, Midrasch - keine jüdischen Themen? Kein Bestandteil jüdischer Kultur? Nichts Berichtenswertes? Kabbala ist auch nicht Madonna oder Britney Spears, sorry.

Die jüdische Geschichte und Gegenwart ist derart lebendig und unerschöpflich, dass auch in zehn hoch zehn Jahren kein Mangel an Themen sich abzeichnen wird. Und dennoch gibt es auch in anderer Hinsicht gewisse Einseitigkeiten und Schieflagen, die auf Dauer unübersehbar werden: Eigentlich finde ich Broders Arbeit und Wirken sehr heilsam. Dass er aber nicht die Souveränität besitzt, jüdische Leute oder jüdisch-relevante Ereignisse ein wenig objektiver und umfassender darzustellen oder darstellen zu lassen in seinem seit Jahren herausgegebenen Jüdischen Kalender (die angeblich miefig-piefige "Jüdische Allgemeine" ist da schon viel, viel weiter), ist schade und bedauerlich.

Abwehr von antisemitischer Kritik, o. k. Aber Unterdrücken und Ausblenden von weniger angenehmen Facts, bäh! Warum soll man nicht stolz sein auch auf Meyer Lansky, warum nicht einmal auch an Lepkele Buchalter oder David Berkowitz erinnern - keine von uns?

Ein Beispiel von vielen: Fritz Haber (beschrieben 9. Dezember 2008) ist bei ihm nur der Nobelpreisträger und Erfinder der Ammoniak-Synthese, nicht der Führer des Giftgaskrieges, die krankhaft-ehrgeizige, rücksichtslose jüdisch-deutsch-patriotische Witzfigur, ein Unhold, der seine Frau Clara Immerwahr, die es viel eher verdient hätte, dass man ihrer ehrend gedenkt, wie Dreck behandelt und in den Suizid getrieben hat.

Warum bringt Broder in seinem Kalender nicht auch mal berühmt-berüchtigte Juden, die überall schamhaft verschwiegen werden (Namen auf Anfrage). Auch das noch eine Folge des Holocaust, obwohl Broder angeblich schon so chuzpedik-selbstbewusst über Jüdisches redet und so sehr Avantgarde ist: Da ist er gar nicht Avantgarde und zeigt, wie sehr man in Deutschland noch alten Denkweisen verhaftet ist, dass es noch vieler Generationen bedarf, bis man Tabus wirklich hinter sich lässt.

Und noch eine Bemerkung am Rande zur Erklärung des Ärgernisses: Der Jüdische Kalender ist häufig extrem schlampig-schludrig zusammengeschustert. Über weite Strecken enthält fast jeder Eintrag Fehler (falsche Schreibung von Namen, falsche Daten und Fakten und Bewertungen ...), bloss nicht drauf verlassen ...

Und ein Allerletztes, regelmässig für Ärgernis Sorgendes: Gad Granach mag ja ein toller Typ sein, mag ja auch Broders Freund sein - aber ihn deshalb so überproportional zu promoten ..., na ja, kein weiterer Kommentar.

Michael Kühntopf


Die Hand der Miriam
Die Hand der Miriam
von Nea Weissberg-Bob
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Abenteuerliche Entdeckungsreise durch Gefühls- und andere Welten, 29. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Hand der Miriam (Gebundene Ausgabe)
Die Schriftstellerin und Publizistin Nea Weissberg-Bob (geb. 1951 in Berlin) hat mit diesem limitierten, bibliophilen Bändchen ein ganz besonderes Buch vorgelegt: Unter dem Pseudonym "Nejusch", dem Namen ihrer Grossmutter, thematisiert sie auf eine bezaubernd-verzaubernde Weise das Zusammenleben und Zusammenwachsen mit ihrer behinderten Tochter Janina.

Janina leidet an einer speziellen Erkrankung, die auch mit autistischen Zügen einhergeht. Diese Krankheit und die damit zusammenhängenden Beschränkungen zu akzeptieren, war kein leichter Weg, aber die negativen Gefühle von Enttäuschung, Ohnmacht, Angst und auch Zorn sind heute weitestgehend verschwunden und einer höheren Harmonie gewichen. Diesen beschwerlichen Weg und die Art seiner Bewältigung reflektiert "Nejusch" in dem zweisprachig - deutsch und englisch - angelegten Bändchen auf einer fernen Traumwelten entnommenen Reise durch Raum und Zeit.

Deutscher und englischer Text - der englische eine vorzügliche, einfühlsame Übertragung von Toby Axelrod - werden Seite für Seite parallel gesetzt, immer wieder unterbrochen von den Aquarellen, die Janina in den Jahren 2007 und 2008 angefertigt hat und die dem Buch seinen besonderen Reiz geben: eine Gesamtkomposition aus explodierenden Farben, Formen und phantastisch-kabbalistischem Prosatext, wobei auch ein weiser Wunderrabbi in diesem modernen jüdischen Märchen eine nicht zu kleine Rolle spielt und vielleicht gar den entscheidenden Hinweis gab, der die Negativspirale überwinden und den Knoten zu lösen half, dabei Furcht in Mitleid, Eiseskälte in wohlige Wärme, Finsternis in lichte Helle, Trauer in Trost und Rebellion in Liebe verwandelnd.

Ein Nachwort der Traumatherapeutin Hilde Gött beleuchtet das Einzelschicksal nochmals aus einer höheren Warte und stellt es in den Zusammenhang von "Liebe - Akzeptanz - Vertrauen und Loslassen".

Michael Kühntopf


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