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Rezensionen verfasst von
Enno Arkona (Berlin)
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Der Schachautomat: Roman um den brillantesten Betrug des 18. Jahrhunderts
Der Schachautomat: Roman um den brillantesten Betrug des 18. Jahrhunderts
von Robert Löhr
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Gute Unterhaltung, 24. März 2015
"Der Schachautomat", ein historischer "Roman um den brillantesten Betrug des 18.Jahrhunderts", greift eine wahre Geschichte auf. Der Stoff ist gut gewählt: eine Affäre, die uns Wissenswertes mitteilt über die Zeit der Aufklärung. Für das originelle Thema gibt’s einen Stern.
Das Ganze wirkt gut recherchiert, der Leser bekommt einen stimmigen Eindruck von der österreichisch-ungarischen Gesellschaft um 1770. Ob tatsächlich gut recherchiert wurde, kann man wie üblich nicht beurteilen, ohne selbst Spezialist zu sein. Mir jedenfalls sind keine kruden Anachronismen aufgefallen; einen weiteren Stern also dafür, dass der Text in dieser Hinsicht solide wirkt.
Der Plot ist über weite Strecken schlüssig konstruiert. Im letzten Viertel (Showdown) mehren sich allerdings die Elemente des Abenteuerlichen, so dass die Handlung, was sie an Tempo und Spannung gewinnt, an Glaubwürdigkeit einbüßt. Mehr als einen halben Stern gibt’s dafür nicht.
Ein Problem sehe ich bei den Figuren. Keiner von ihnen komme ich als Leser allzu nahe, und so geht mir, was sie erleben, auch nicht allzu nahe. Diese Distanziertheit empfinde ich als eine Schwäche des Romans, sie lässt für mich zu wenig Spannung entstehen. Ich fand den Schachautomaten beim Lesen nicht wirklich mitreißend. Auf der anderen Seite handelt es sich aber auch um eine Stärke. Für die unaufdringliche Art, mit der beispielsweise das Böse geschildert wird, bin ich dankbar. Kein erhobener Zeigefinger, der einem sagt: Hier sieh, das ist es, dieser unaufhörliche Manipulierer, den keinerlei Gewissen belastet und der noch aus dem Eingeständnis seiner Schuld Profit zu schlagen versteht, das ist ein wirklicher Finsterling. Deshalb für die Gestaltung der Figuren zumindest einen halben Stern.
Und schließlich das Eigentliche der Literatur, die Art, wie ein Text geschrieben ist, der Stil, – Achillesferse vieler historischer Romane. Der Schachautomat ist gut geschrieben, stellenweise sogar inspiriert. Er ist zwar nicht zu vergleichen etwa mit Kehlmanns "Vermessung der Welt", aber damit muss man ihn auch nicht vergleichen. Für den Stil also einen Stern.
Summa summarum ergibt das vier Sterne, was auch meinem Gesamteindruck entspricht. Der Schachautomat ist gute Unterhaltung, interessant und kurzweilig, und auch wenn er mir nicht hundertprozentig gefällt, der Roman ist zehn Jahre nach seinem Erscheinen immer noch lesenswert.


Italien in vollen Zügen
Italien in vollen Zügen
Preis: EUR 15,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Italien-Essay, 25. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Italien in vollen Zügen (Kindle Edition)
„Es ist kein Buch über Italien vom Zugfenster aus betrachtet. Kein Reisebericht. Und auch kein Buch über Züge als solche.“ – „Was denn dann?“
Tim Parks, der seit Jahrzehnten in Italien lebt und arbeitet (und Bahn fährt), geht der Frage nach, wie seine Wahlheimat tickt, jenseits von Klischees. Das ist manchmal eine Gratwanderung, denn die Antwort entspricht manchmal genau dem, was wir schon immer gewusst haben. Wenn man die Vorurteile hinter sich lässt, ist keineswegs alles ganz anders als erwartet. Aber manches eben doch, und das Interessante sind die Einzelheiten.
Parks schreibt mit einem Sinn für die Aussagekraft von Details. Als Leser begegnet man zahllosen Mitreisenden und Bahnangestellten, Geschäftsleuten und Immigranten, Schaffnern und Fahrkartenverkäufern, schwitzenden Leibern und lebenden Toten. Man erfährt so einiges über die Geschichte der italienischen Eisenbahn, die Architektur der Bahnhöfe, den Kauf von Fahrkarten. Anders als in einem Reiseführer, in dem man ja auch Informationen über Geschichte, Architektur und Fahrkarten bekommt, dreht sich alles um den Versuch, das moderne Italien zu begreifen und dem Leser begreiflich zu machen. Das hat nichts von einem Reiseführer, viel von einem Essay; einem sehr ausgedehnten Essay.
Für die Lektüre dürfte ein gewisses Interesse an Italien Voraussetzung sein. Wer das Land nicht liebt, gehört eher nicht zur Zielgruppe. Ebenfalls hilfreich sind eigene Erfahrungen mit dem Bahnfahren in Italien. Selbstverständlich kann man das Buch auch lesen, wenn man nie eine Stazione FS von innen gesehen hat, aber ein paar einschlägige Assoziationen lassen einen die langen Strecken besser durchhalten; und Längen hat das Buch. Parks schreibt amüsant und anregend, er hat einen subjektiven, wachen Blick für die Abgründe des Alltags, aber als mitreißend würde ich das Buch nicht bezeichnen. Gut, muss es auch nicht sein, ist schließlich kein Thriller. Alles in allem lohnt es sich, zu Ende zu lesen. Das Buch hält, was es verspricht. Es ermöglicht einem, zumindest in Ansätzen zu verstehen, was einem als Inglese oder Tedesco bisweilen unbegreiflich vorkommen kann: „die italienische Art, die Dinge zu handhaben.“


Isch geh Schulhof: Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers
Isch geh Schulhof: Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers
von Philipp Möller
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

144 von 169 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lehrerbuch, 7. November 2012
Wenn „Isch geh Schulhof“ nur ein weiterer witziger Lehrer-Erfahrungsbericht wäre, Genre Humor, Subgenre knallharte & urkomische Schulgeschichten, dann würde ich mir nicht die Mühe machen, eine Rezension zu schreiben. Andererseits, wenn das Buch als Traktat über Pädagogik oder Predigt über Schulpolitik daherkäme, ich hätte mir nicht mal die Mühe gemacht, es zu lesen. Glücklicherweise ist es weder nur das eine noch nur das andere, sondern eine Mischung aus erzählenden und reflektierenden Passagen, als literarische Form irgendwo zwischen Bildungsroman und Essay angesiedelt. Und, nicht zu vergessen, es ist ein autobiographischer Text.

Philipp Möller, Diplom-Pädagoge um die Dreißig, Nichtlehrer also, Quereinsteiger, beißt sich gut zwei Jahre lang als Vertretungslehrer an einer Grundschule durch. Er beschreibt, was er dabei erlebt, wie er sich verändert, wie er in die Aufgabe hineinwächst und am Ende beinahe Klassenlehrer wird.

Aus dieser Perspektive werden die Verhältnisse an der Berliner Grundschule geschildert; Verhältnisse, an denen man verzweifeln möchte. Der Lehrer als Potentialentfaltungscoach? Vergessen Sie’s. Möller beschreibt, wie und warum er mutiert zur „frontalpädagogischen Dampfmaschine“, er erzählt, wie ihm die Sicherungen durchbrennen und wie er die Wirksamkeit von systematischer Belohnung kennenlernt. Am Ende ahnt man ein bisschen, wie er es schafft, meistens nicht zu verzweifeln. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei ein Menschenbild, das ohne Moral auskommt, das ihm hilft, ohne Vorwürfe an die Beteiligten heranzugehen, an die Schüler, an die Kollegen, auch an die Eltern, und an sich selbst. Das ist das, was mir am besten gefallen und mich am meisten überzeugt hat.

Möller schreibt klar und unprätentiös, oft witzig, manchmal plakativ, immer gut lesbar. Dass seine Schilderungen dicht an der Realität sind, nimmt man ihm ab. Auszusetzen habe ich an seinem Buch vor allem, dass es teilweise – hauptsächlich am Ende – zu sehr in Richtung Manifest geht. „Wenn also auch Sie der Meinung sind, dass Bildung in Deutschland nicht länger sträflich vernachlässigt werden darf, setzen Sie gemeinsam mit mir und anderen ein deutliches Zeichen“ –

Sätze der Art „Egal was sich hier ändert – es kann nur besser werden“ sind mir suspekt. Ist da jemandem wirklich nicht klar, dass es sehr wohl auch schlechter werden kann? Hier in Berlin lassen die Schulen seit Jahren einen bunten Reigen von so genannten Reformen über sich ergehen, Maßnahmen, deren Umsetzung viel Kraft kosten, ohne wirklich etwas Brauchbares zu bewirken. Die Wahrheit ist, kein Mensch weiß, was das Richtige wäre für unser Bildungssystem. Auch wenn der eine oder andere Bildungshüther als Experte daherkommt, man sollte sich nicht täuschen lassen. Für leichtfertige Theorien ist das System zu komplex, erst recht für reformatorischen Eifer.

Um zynisch zu sein, sei er zu jung, schreibt Möller ein- oder zweimal. Ich hoffe, die Alternative zum Zynismus ist nicht, Illusionen anzuhängen.

Weil unter der Aufrüttel-Rhetorik das Nachdenken leidet, von mir einen Stern Abzug.


Vier Seiten für ein Halleluja - Schreibratgeber
Vier Seiten für ein Halleluja - Schreibratgeber
von Hans Peter Roentgen
  Broschiert

67 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hilfreicher Workshop, 13. Februar 2008
Die ersten Seiten eines Romans verraten viel; jeder, der im Buchladen nach interessanter Lektüre herumschmökert, weiß das. H.P. Roentgen hat einen Schreibratgeber verfasst, der 19 solcher Romananfänge untersucht. Allerdings nicht, wie es ein amerikanischer Ratgeber machen würde, die ersten Seiten erfolgreicher Romane, sondern die ersten Seiten unveröffentlichter Texte, von denen die meisten wahrscheinlich auch nie veröffentlicht werden. Das ist eine gute Idee, denn wir lernen ja nicht nur von gelungenen Vorbildern, sondern genauso aus Fehlern, auch aus den Fehlern anderer.

Die 19 Texte sind von recht unterschiedlichem Niveau. Bei einigen merkt man schnell, was los ist, bei anderen wird man erst von Roentgens Analyse drauf gestoßen. Diese Analyse bleibt immer konkret am Text, man kann gut nachvollziehen, was gemeint ist. Das ist die große Stärke des Buches. Es vermittelt handwerkliche Grundlagen des Schreibens auf eine Art, die gerade für Anfänger sehr hilfreich sein dürfte. Man erfährt etwas über das Finden kreativer Lösungen, über die Knochenarbeit des anschaulichen Erzählens, über die Angst des Autors vor seinem Stoff - Dinge, die in jede 'Grundausbildung' zum Romanautor gehören. Natürlich kann nicht alles abgehandelt werden, was fürs Romanschreiben wichtig ist (das gibt die Untersuchung von Romananfängen nun mal nicht her), aber doch sehr vieles.

Eine weitere Stärke des Buches ist sein Tonfall. Wenn Roentgen einen der 19 Texte unter die Lupe nimmt, redet er nicht drumherum; seine Kritik ist stets deutlich. Zugleich ist sie stets auch konstruktiv, niemals großspurig. Dieses Buch gibt generell einen guten Ton vor für Kritik. Darüber hinaus ist es unterhaltsam geschrieben, und die Unterschiedlichkeit der besprochenen Texte sorgt für Abwechslung. Alles in allem eine kurzweilige Lektüre.

Keinen guten Eindruck macht das Inhaltsverzeichnis. Da stehen so nichtssagende Überschriften wie 'Übung' oder 'Kleinigkeiten' neben 'Er wusste, dass er ahnte, was er sagen würde: die Perspektive'. Das wirkt chaotisch, wie ein Sammelsurium. Noch verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die besprochenen Texte nicht hervorgehoben sind (im Inhaltsverzeichnis). Ein bisschen mehr Systematik darfs schon sein. Auch wenn dieser Ratgeber bewusst keine Vorlesung sein will, sondern ein Workshop. Weil das mit wenig Aufwand besser hätte gemacht werden können, gibt's einen Stern Abzug.

Fazit: Wer schreiben lernen will, braucht Ratgeber. Dieser ist auf jeden Fall zu empfehlen.


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