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Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach: Psychologische Einblicke
Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach: Psychologische Einblicke
von Andreas Kruse
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grenzgänge ins Irdische, 23. November 2013
Johann Sebastian Bach, dessen Leben durch musikalisches Werkschaffen durchdrungen war, versuchte in der Musik die Ordnung Gottes in der Welt auszudrücken. Sein Talent fand Schutz und Gnade schon von Geburt an und fand seinen Halt im Ewigen, im musikalischen Kosmos. Seine seelischen Grenzgänge in die Emotionalität des Irdischen verarbeitete er in seiner Musik genauso wie sein Talent, die göttlichen Harmonien dem Menschen durch musikalische Geometrie und Versenkung darin erfahrbar zu machen.

Das Buch von Andreas Kruse nimmt in einer Trias aus Theologie, Musikwissenschaft und Psychologie genau zu diesen Fragen Stellung und geht damit weit über die bisherigen Auseinandersetzungen zu Johann Sebastian Bach hinaus. Man findet darin feinste und tiefsinnige Anwendungen von Erkenntnissen der Psychogerontologie, wobei insbesondere die hervorragend interpretierte Entwicklung Bachs am Lebensende erwähnt werden muss, stellt sie sich doch uns allen als Vorbild für die Weiten des Möglichen am Ende eines Menschenlebens dar.

Das Zusammenbringen mehrerer Einzelwissenschaften gelingt Kruse mit Hilfe der Sprache, nach Böll einer Sprache, die ein Geschenk Gottes an den Menschen ist, gleichsam aber auch Geheimnis, „denn alles Geschriebene ist gegen den Tod angeschrieben“. Wir finden auch bei B-a-c-h schließlich Name und Werk aufs Innigste sprachlich vermischt. Diese sprachliche Deutung erlaubt damit auch den Rückriff auf Plotin, den Kruse vornimmt, indem die Bach’sche Fuge als Flucht in die Heimat gedeutet wird. Bach will für uns das Göttliche erfahrbar machen. Herrlich auch, die theologisch-musikalischen Deutungen im Buch, etwa die der Chaconne oder der Motetten sowie die feinsinnigen Unterscheidungen von Johannespassion und Matthäuspassion. Dazu beeindrucken die Parallelen zu Rembrandt als 5. Evangelisten. Die geistig-seelische Dynamik Bachs erschließt uns der Altersforscher auf beeindruckende Weise. Bachs Geist in verleiblichter Form wird in der Musik aktiv tätig und in den Grenzsituationen nimmt er das Irdische auf, doch sein Ruhepunkt ist im Sein, in den Sphärenharmonien. Die letzte Grenzsituation, der Tod, ist ihm demnach auch die irdischste und göttlichste zugleich. Der kosmisch-harmonische Gesang in den Planetenbrwegungen, von dem Kepler sprach und die innermenschliche Musik verstanden als harmonische Vernunft, aber in Anteilen polyphon, gehen in Gleichklang. Das und noch viel mehr lässt sich aus diesem Buch lernen.

Dieses außergewöhnliche Werk regt zum Nachdenken und Staunen an. Sein wesentlichster Beitrag ist es, Fenster zu öffnen, durch die Mensch, Gott und Welt mit anderen Augen gesehen werden können. Eine besonders schöne Form von Daseinserweiterung, die uns Andreas Kruse hier versucht nahe zu bringen.


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