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Dr. Stumpf Jochen
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Die letzten Tage von Stefan Zweig
Die letzten Tage von Stefan Zweig
von Laurent Seksik
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Graphic Novel: Eine Alternative zu Prosatexten?, 12. August 2013
Es ist das erste Mal, dass ich eine Graphic Novel vor mir habe.
Sehr ungewohnt, nur Konversations-Bruchstücke und Gedankensplitter ohne verbindenden Text zu lesen. Aber bald beginnt sich das Geschehen wie ein kurzer Film vor mir abzuspulen. Bilder, das Medium unserer Zeit!
In ihrer braun grundierten Farbgebung, ergänzt durch pastellige Rot- und Grüntöne, nehmen die Bilder die melancholische Grundstimmung zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Leben und Tod angesichts des in der Welt tobenden II. Krieges sehr gut auf. Sie vermitteln einen Eindruck von den Orten der Flucht vor der Judenverfolgung der Nazis und von den gesellschaftlichen Bedingungen unter denen der Jude Stefan Zweig und seine junge Frau Lotte in der letzten Station ihres Exils, im brasilianischen Rio und Petropolis leben müssen. Die dem Leben positiv zugewandte, hoffende Haltung der Frau kontrastiert mit der pessimistisch-depressiven Beurteilung der Zukunft durch Stefan Zweig. All ihre Bemühungen nach Ablenkung finden bei ihm keinen fruchtbaren Boden. Seine seelische Abwärtsspirale wird immer deutlicher sichtbar. Die wenigen Worte ergänzen sich gut mit der Ausdruckskraft der Darstellung. Wie der Zeichner die Situation der beiden Liebenden in den letzten Stunden vor Stefan Zweigs Suizid einfängt ist emotional sehr dicht, beeindruckend und überzeugend.

Für einen bislang nur Literatur im Volltext gewohnten Leser ist diese neue Form der Präsentation natürlich gewöhnungsbedürftig. Wer sich an einem schön gebauten Satz, an gelungenen Metaphern, rhetorischen Feinheiten, an einer Sprachmelodie erfreuen kann, der muss bei einer Graphic Novel verzichten lernen.

Biographische Inhalte, wie im vorliegenden Fall, scheinen mir allerdings für diese Art der Umsetzung durchaus geeignet, da der Lauf der Ereignisse auch ohne längere Prosatexte gut veranschaulicht werden kann.
Einen gewissen Nachteil sehe ich für mich in der Handhabung des, für Zeichnungen sicher notwendigen, unhandlichen Großformates.
Dennoch war dieses Buch für mich ein guter Einstieg der mich neugierig macht, wie diese Form untermalter Kurztexte sich entwickeln wird.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 28, 2014 10:14 PM CET


Opas Eisberg: Auf Spurensuche durch Grönland
Opas Eisberg: Auf Spurensuche durch Grönland
von Stephan Orth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein journalistischer Bericht ohne Emotionen, 11. August 2013
Das Buch handelt vom ehrgeizigen Ziel des Autors, es seinem Opa gleich zu tun und dessen vor 100 Jahren erfolgte Skidurchquerung Grönlands zu wiederholen. Das überraschende Auffinden des Expeditionstagebuches von Opa ließ diesen zu einem Familienhelden aufsteigen, ohne dass die noch lebenden Geschwister und Enkel wesentliche persönliche Erinnerungen an ihn haben.
Um "Heldenluft" zu schnuppern unternimmt der achtköpfige Familienclan eine touristisch geführte Reise nach Tasiilaq (früher Angmagssalik), Ostgrönland, wo die bei Ilulissat (früher Jakobshavn) in Westgrönland gestartete Expedition von 1912 (Leiter De Quervain) glücklich abgeschlossen wurde.
Der Ehrgeiz des Autors ist geweckt. Mit journalistischer Akribie recherchiert er die Expeditionsgeschichte Grönlands und findet einen erfahrenen Forscher, der die Idee einer Wiederholung dieser Durchquerung in umgekehrter Richtung zum 100jährigen Jubiläum 2012 umzusetzen bereit ist.
Im Text werden nun im Wechsel die 100 Jahre alten Tagebuchauszüge des Opa denen der Vorbereitung und Durchführung der Wiederholer gegenüber gestellt. Der Autor, ein alpinistisches "Greenhorn", hat viel zu tun sich in Crashkursen etwas über Expeditionsverhalten, Umgang mit Skifellen, Eistechnik und Spaltenbergung u.s.w. beibringen zu lassen und natürlich Kraft und Ausdauer zu trainieren.
Endlich geht es los und die Schinderei mit dem Transport der Ausrüstung von der Kalbungszone der Gletscher über die gefährliche Spaltenzone hinauf auf die Gletscherrücken ist genauso hart wie für die Vorgänger. Aber lange können sich die Protagonisten nicht bewähren, denn bereits nach 10 Tagen muss das Unternehmen wegen Materialbruchs an zwei Schlitten abgebrochen werden. Soviel zum technischen Ablauf.

Was diesem Buch eklatant fehlt ist die Schilderung des Persönlichen, des ganz Privaten, all der in der Seele gewälzten Gedanken während der endlosen Stunden und Tage der Einsamkeit: Z. B. die Qualen im Geschirr des schweren Schlittens, der bohrende Ärger, dass ein Riemen einfach immer wetzt, dass ausgerechnet an meinem Skifell sich wieder und wieder lästige Klumpen bilden, was mich weit hinter die anderen zurückfallen lässt. Die Zweifel im Kopf, weshalb ich das Ganze eigentlich mache; kein Tier würde so etwas ohne Zwang tun.
Und wie wurde die frühe Gewissheit des Scheiterns verkraftet? Das ist doch für jeden nach so langer Vorbereitung ein Drama und auch ein persönlicher Misserfolg. Aus eigener Erfahrung mag ich nicht glauben, es habe in der so harmonischen Mannschaft keine gruppendynamischen Prozesse gegeben – die gibt es immer. Und wenn es nur die einfachen Fragen wären: Wie habe ich mich eigentlich durch diese Erfahrung verändert; was habe ich an den anderen bemerkt?
Es ist eben nur ein Buch über Äußerlichkeiten eines Unternehmens geworden, das weder im Verlauf noch im Scheitern emotionalen Momenten Raum gibt, geschweige denn Anlass zu psychologischen Betrachtungen findet.
Die Fakten zu früheren Expeditionen findet man in einschlägigen Sachtexten besser. Ein touristischer Familienausflug interessiert nicht die Bohne und selbst die Tatsache des totalen Misserfolgs der Wiederholer geht in diesem emotionslosen Text fast unter.
Aber vielleicht waren die Erfahrungen von 10 Tagen bis zur Aufgabe eines großen Zieles einfach zu wenig, um damit gleich ein packendes Buch füllen zu können.


Die Besteigung des Rum Doodle
Die Besteigung des Rum Doodle
von William E. Bowman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Rum Doodle: Null Points, 6. August 2013
Dem Text wird eine Einleitung vorangestellt, in der die bisher vermeintlich unbekannte Vorgeschichte des Autors aufgedeckt und Gründe für die fehlende Präsenz des Textes auf dem Internationalen Buchmarkt seit der Ersterscheinung 1956 erläutert werden. Nun sei die kuriose Geschichte der Besteigung des höchsten Berges der Welt (40.000 1/2 Fuß Höhe) endlich ins Deutsche übersetzt und es wird (sogar auf dem Cover) behauptet, es sei "Das lustigste Buch, das Sie jemals lesen werden".
Allein diese Ankündigung sollte ausreichend stutzig machen.

Was ich dann auf den ersten 60 Seiten erlese ist nichts als eine Aneinanderreihung von albernen Slapsticks. Die sind in der Regel, und diese hat man bald durchschaut, so übertrieben gewollt und dumm, dass man in keiner Zeile wirklich darüber lachen kann. Von wegen britischer Humor (so wenig komisch sind nicht mal sprichwörtliche Briten). Das Ganze ist ein einziger alberner Klamauk.
Als erfahrener Bergsteiger und Kenner der Alpinliteratur auch der 1950er/60er Jahre über heldenhafte Bergabenteuer finde ich in diesem Büchlein keinen tragbaren satirischen Ansatz über diese Zeit. Und von wegen ein Kultbuch in Bergsteigerkreisen; alles nur frech behauptetes Marketing, genau so wie der Satz vom lustigsten Buch...

Auch bei einem Text, der mich nicht begeistert lese ich grundsätzlich 100 Seiten, um dem Autor nicht doch vielleicht unrecht zu tun. Diesmal hatte ich früher die Nase voll von so einem Schmarrn. Jede weitere Zeile wäre für einen Leser, der durchaus Sinn für Albernheiten und Komik hat, eine Vergeudung von Lebenszeit. Also nichts wie weg damit in den Papiermüll. Schade für die Druckerschwärze und das gute Geld des Schenkers.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 6, 2014 11:56 PM CET


Versuch über den Stillen Ort
Versuch über den Stillen Ort
von Peter Handke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die stillen Orte sind in unserem Inneren, 14. Januar 2013
Sehr erfreulich, dass Handkes Verkrampftheit der Jugoslawien-Serbien-Phase zu Ende zu gehen scheint.
Jedenfalls tut es gut - nach langem - wieder einen von seinem Bleistift so leicht hingeschriebenen Text in Händen zu halten wie jene drei, etwa zwanzig Jahre zurückliegenden: Versuch über die Müdigkeit, - die Jukebox, - den geglückten Tag.

Sein neues Thema könnte auf den ersten Blick anrüchig scheinen; aber "keine Rede davon".
"Es war an der Schwelle der Kindheit und dem Heranwachsendenalter, daß der Stille Ort mir etwas zu bedeuten begann über das Übliche oder Gewohnte hinaus". Dieser Ort war während der Zeit der strengen Rituale "im geistlichen Internat ein möglicher Asylort" wie es auch der Beichtstuhl war, wohin es den Jungen wegzog aus der Gesellschaft an einen Ort im Abseits.

Es war die Bahnhofstoilette in Spittal, die ihm auf einer Alleinwanderung letzte Zuflucht wurde für eine Nacht "und als ich sie absperrte, spürte ich erst einmal eine gewisse Geborgenheit oder Aufgehobenheit". Während der Studienjahre verlor das Klosett als Asylort an Bedeutung; es konnte ein Werkzeugschuppen sein oder ein über Nacht leerstehender Bus konnte die Vorstellung von einem Rückzugsgebiet verheißen. "Manchmal kamen solche Augenblicke von Ver- und Geborgenheit allein schon vom Blick zu Boden, hinein in die Straßenbahnschienen angesichts des Sands und des Laubs dort. Das wurde dann ein stiller Ort." Heuschober auf den Wiesen, Milchstände am Rand der Landstraßen strahlten Stille aus.

Es war eine Toilette im japanischen Tempelort Nara "ein Ort wie nur je einer", "erfüllt von belebend unbestimmter Energie". Wände mit feiner Holzfaserung, Schiebetüren aus Holzgittern, mit hellem, luftdurchlässigem Papier überklebt. "Es war diese klare schimmernde Düsternis, die mich schon seit jeher im Innersten aufgerührt hatte". Gibt es einen "geeigneteren Ort, das Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, eine Mondnacht, überhaupt die vergängliche Schönheit der Dinge...auf sich wirken zu lassen?". Waren nicht "die alten Haiku-Dichter an solcherart Stillem Ort auf zahllose Motive gestoßen?"

"War mein Aufsuchen der Stillen Orte (...) vielleicht ein Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruß?."

Die paar stillen Stunden mit Handke sind Stunden des Reflektierens über unsere Welt, unsere Gesellschaft, in der wir einsilbig geworden sind durch die Worte der anderen, die uns anöden, verstummen lassen in Sprachlosigkeit. Auf sehr feinsinnige, gelegentlich leicht selbstironische Weise lenkt der Autor hin zum Erleben der Ruhe, der Natur, zu Augen-Blicken auf das Detail im Alltäglichen. Metaphorisch gesehen sind die stillen Orte die dringend nötigen Rückzugsräume für unser Inneres in denen wir uns abschließen und uns und unsere Sprache suchen und wieder neu finden können.
Ein stiller Lesegenuss.


Land der roten Steine: Roman
Land der roten Steine: Roman
von Walter Kappacher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehnsucht nach Glückseligkeit, 17. August 2012
Kappacher hat mit seinem jüngsten Roman "Land der Roten Steine" eine kleinvolumige, in drei Abschnitte gegliederte Geschichte vorgelegt. Er beginnt zu erzählen von dem Versuch des engagierten Gasteiner Landarztes Wessely mit der neuen Situation nach dem Rückzug aus dem geordneten Berufsleben, dem "Pensionsschock", umzugehen. Diese Phase ist zunächst bestimmt durch Konfrontationen mit dem Tod: In kurzer Zeit verliert er Mutter, Vater und den besten Freund – von seiner Frau ist er schon lange getrennt – und er bleibt zurück in der Einsamkeit seines leeren Hauses.
Vieles bewegt er in seinen Gedanken: So auch die Erinnerung an eine Freundin Monika aus den USA, über die er schreibt "Unser Nachmittag war das Schönste, was ich mit einer Frau je erlebt habe". Dieser Satz erschließt den beziehungsreichen Titel des ersten Kapitels "Vita nuova", mit dem einst Dante in seiner "Göttlichen Kommödie" die verklärte Liebesbeziehung zu seiner Beate überschrieb. Monika, er nennt sie sein Phantom, war es auch, die ihn einst beschwor eine Reise in die Canyonlands Utahs zu unternehmen.

Das zweite Kapitel, betitelt "De Vita beata", ist eine Anspielung an ein Werk des römischen Philosophen Seneca über den Weg, wie man Glückseligkeit erreichen kann. Vor ein paar Jahren war Wessly zu dieser Reise in die Canyonlands aufgebrochen, wo er in deren wildestem Teil "The Maze" überwältigende Natureindrücke und ungeahnte magische Momente der Glückseligkeit erlebte. Darüber schreibt er nun als Ich-Erzähler mit außerordentlicher Erinnerungsakribie einen detaillierten Reisebericht. Wie er dort unter Führung eines alternden Naturburschen an seine Leistungsgrenzen stößt, an Abgründen schaudert, in der Einsamkeit erschrickt wenn sein Begleiter hin und wieder eigene Wege geht. Dennoch ist er ergriffen von der suggestiven Macht dieser grandiosen Urlandschaft, schwelgt in mythischen Fantasien angesichts der bizarren Arches, Needles, Canyons und in seinen Vorstellungen von dem gigantischen Zahn erdgeschichtlicher Zeiträume.

So beeindruckt von diesen Erlebnissen Wessely auch heimkehrt, so rasch verfliegt im letzten Kapitel "La Vita breve" seine Vorstellung und Hoffnung, dass dies alles seiner jetzigen Lebensphase wirklich einen Schub in eine andere Richtung zu geben vermag. Für ihn steht nun im Vordergrund, sich im Hier und Jetzt endgültig einzurichten. Von jeder Reise kehren wir an "unseren Ort zurück". Er sinniert nicht mehr über Neuanfang in einem Anderswo sondern darüber, dass er sich eher auf den Tod vorzubereiten habe. In der Zurückgeworfenheit auf sich selbst reflektiert er auch über die emotionalen Defizite seines zerfransten Familienlebens und - völlig unerwartet - erreicht ihn ein Brief seiner Tochter aus Albuquerque, der ihn in eine Hochstimmung versetzt "als wäre er plötzlich wieder angeschlossen an die Kraftquellen dieser Welt".

Kappacher beschreibt all das in einer ihm eigenen ruhigen und zurückhaltenden Erzählweise die tiefe Einsichten möglich macht ohne aufdringlich zu sein. Die besten Inhalte des Buchs sind die beiden Rahmenkapitel in denen Wessely philosophierend durch seine Seele schlendert. Die Reiseschilderung der Mitte ist zwar betörend, ufert aber in Wiederholungen etwas aus.
Dennoch: Ein sehr lesenswerter Rückzug in seelische Empfindungen gegen Ende des Lebens.


Das böse Mädchen: Roman
Das böse Mädchen: Roman
von Mario Vargas Llosa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

12 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Böser Verrat am Leser, 17. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Das böse Mädchen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich wollte natürlich den neuen Nobelpreisträger kennen lernen; dazu schien sein jüngster Roman das Richtige.
Über den Inhalt möchte ich mich angesichts so vieler begeisterter Darstellungen anderer Rezensenten gar nicht weiter auslassen. Am politischen Thema der antiimperialistischen Guerrillakämpfe der 1960er und folgenden Jahre war ich als Zeitzeuge anfangs durchaus interessiert. Dies wird zunächst scheinbar detailliert aber doch so oberflächlich skizziert, dass es nur Alibifunktion erfüllen kann für einen Autor, der sich später selbst um die Peruanische Präsidentschaft bewarb. Da kann man die Tokioter Episode nur als lecken alter Wunden lesen, wenn der damalige Sieger, der Japaner Fujimori, jetzt als sadomasochistischer Yakuzaboss Fukada gezeichnet wird. Das scheint mir allzu billig und auf dem Niveau von Groschenromanen.
So zieht sich dieser Romantypus durch das gesamte Buch.
Der Protagonist bewegt sich zwar als Übersetzer und Simultandolmetscher in vielen Hauptstädten der Welt, aber in seinem Wesen wird er nicht zum Weltbürger sondern er bleibt sich treu in seiner verschrobenen und verkorksten Kleinbürgerlichkeit. So schlicht und blass - manchmal wähne ich mich in einem Schüleraufsatz - wird auch die von ihm selbstzerstörerisch obsessiv geliebte Gegenspielerin, das böse Mädchen, geschildert.
Interessante Dialoge sucht man vergebens, statt dessen wartet der Autor mit detaillierten Schilderungen aller Gassen, Straßenecken, Cafés auf, in denen er sich bewegt.
Gefangen im kleinen Käfig ihrer Beschränktheiten bleiben die Figuren fast 400 Seiten - mit Ausnahme des letzten Kapitels - bar jeder charakterlichen Entwicklung.
Auch wenn der Roman sich intertextuell an große Werke der erotischen Weltliteratur anlehnen möchte, bleibt er in meinen Augen Trivialliteratur.
Diese ermüdende Lektüre mit ihren billigen Plot der andauernden Zufälle erspart mir wenigstens je wieder ein Buch von Llosa in die Hand zu nehmen; mögen sie auch noch so hoch dekoriert sein.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 20, 2011 6:32 AM MEST


Süddeutsche Zeitung Bibliothek der Erzähler. Gesamtbox. Gesamtbox: SZ Bibliothek der Erzähler, Teil 7: Dshamilja. Ulrich Matthes liest Aitmatow (3 CDs)
Süddeutsche Zeitung Bibliothek der Erzähler. Gesamtbox. Gesamtbox: SZ Bibliothek der Erzähler, Teil 7: Dshamilja. Ulrich Matthes liest Aitmatow (3 CDs)
von Tschingis Aitmatow
  Audio CD

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein zartes Spracherlebnis, 15. Juli 2011
Eine kleine Geschichte vom Leben in einem entlegenen kirgisischen Dörfchen Aul im Kriegsjahr 1943. Die wehrfähigen Männer sind eingezogen. Zurück bleiben die Frauen und der 15jährige Said, Schwager der jungen Dshamilja. Sie wurde einem seiner Brüder nach kirgisisch/muslimischem Brauch angetraut aber schon vier Monate später musste er in den Krieg.
Sie ist eine zu Späßen aufgelegte tatkräftige Frohnatur, die sich mit dem kleinen Said prächtig versteht. Beide sind von der Mutter Saids, die zwei Familienhöfe in einer Kolchose matriarchalisch leitet, zu gemeinsamer Erntearbeit eingeteilt.

Eines Tages kommt Danijar, ein versehrter Kriegsheimkehrer auf den Hof um hier zu arbeiten. Von seinen Kriegserlebnissen gezeichnet, verhält er sich sehr zurückgezogen und integriert sich nicht in die Gemeinschaft. Er bleibt Außenseiter und wird von den anderen, insbesondere aber Dshamilja und Said gern gehänselt.

Als er einen übergroßen schweren Erntesack trotz seiner Knieverletzung "heldenhaft" alleine eine steile Leiter auf den Scheunenboden hinauf schleppt und dabei fast zusammenbricht, verschafft er sich den Respekt aller anderen - die Hänseleien hören plötzlich auf. Insbesondere Dshamilja geht in sich.

Während einer Erntefahrt zurück zum Hof beginnt Danijar auf seinem Karren wunderschön zu singen. Dshamilja ist fasziniert und es entwickelt sich in ihr sehr verhalten eine zarte aber tiefgreifende Liebe. Eines Tages verlassen beide das Dorf und gehen ohne große Worte fort in eine gemeinsame Zukunft.

Die Geschichte wird aus der rückblickenden Sicht des jungen Sayd erzählt, der sich damals selbst ein wenig in Dshamilja verliebt hatte. Er gönnt Dshamilja aber ihre ernste Liebe und verlässt das Dorf ebenfalls, um als begabter Zeichner auf eine Kunstschule zu gehen.

Die Novelle ist von der Liebe zur Natur und zu ihren Protagonisten geprägt. Die Geschichte ist von außergewöhnlicher Einfühlsamkeit und anrührender Zartheit. Selten habe ich ähnliches gelesen, insbesondere aber nicht gelesen bekommen. Ulrich Matthes bringt mit seiner Stimme all die feinen Gefühlslagen wunderbar zum schwingen.


Gefährliche Nachbarn: CH - 20 Kurzkrimis aus dem schweizerisch-deutschen Grenzgebiet
Gefährliche Nachbarn: CH - 20 Kurzkrimis aus dem schweizerisch-deutschen Grenzgebiet
von Paul Ott
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Syndikat und die Criminale 2009, 15. Juli 2011
Der Stadt Singen (Hohentwiel) ist es gelungen, für die Organisation der "Criminale 2009", dem Jahrestreffen des >Syndikats< den Zuschlag zu bekommen. >Syndikat< ist die Berufsvereinigung deutscher, österreichischer und schweizerischer Kriminalschriftsteller mit inzwischen mehreren Hundert Mitgliedern. Das Pendant zu Criminale sind die auf Schweizer Seite im Zweijahresrhythmus stattfindenden "Mordstage". Die Zusammenlegung dieser beiden Events machte im Mai 2009 die Region um Singen und das benachbarte "Land am Rheinfall" rund um Schaffhausen zum flächendeckenden Tatort. 265 meist erfahrene namhafte Autorinnen und Autoren gaben an den verschiedensten Veranstaltungsorten hüben und drüben der Grenze Kostproben ihres kriminalliterarischen Schaffens.

Bereits im Frühsommer 2008 waren 42 Autoren zu Gast in den Criminale-Gemeinden um sich dort zu Kurzkrimis mit lokalem Bezug inspirieren zu lassen. Das Ergebnis ist auf zwei Bände verteilt und wird vom Gmeiner-Verlag in einer Doppel-Anthologie präsentiert mit dem Titel Gefährliche Nachbarn Ein Teil der Anthologie widmet sich den Schauplätzen auf der deutschen, der andere den Handlungsorten auf der Schweizer Seite der Grenze.

In dem hier vorliegenden Band sind 20 Autoren mit ihren Kurzkrimis vertreten. Ihnen war die Aufgabe gestellt, in einem speziell zugewiesenen grenznahen Schweizer Ort eine Kriminalgeschichte anzusiedeln. Einige Schriftsteller bekunden ihre Schwierigkeiten, die Geschichte in ihrer Ortschaft spielen zu lassen; zu idyllisch und friedfertig für Mord und Totschlag erschienen ihnen die schmucken Dörfer und Städtchen. So wirken auch manche der Plots etwas konstruiert.

Für einige Autoren liegt die Lösung im grenzüberschreitenden Zusammenspiel. So entwickelt sich - um nur ein paar Beispiele zu nennen - fern ab im Ruhrgebiet eine Liebestragödie, die mit drei Toten in der Schweizer Idylle endet. Ein anderes Mal wird eine zufällig von einem Polizisten gefundene Leiche der (komplizierten) Einfachheit halber auf der anderen Seite der Grenze entsorgt. Dann wieder führt ein Zufall zwei Fremde aus Deutschland im gleichen Hotel in der Schweiz zusammen - der Mann will seinem festen Vorsatz folgen, nie mehr zu morden, die Frau möchte nach der Trennung von ihrem Partner nun ihr 'verpfuschtes' Leben ändern. Es wird eine verhängnisvolle Begegnung.

Krimifreunde finden in diesem Band also eine breite Palette kriminalistischer Fantasien: Von der einfühlsamen, klug und logisch aufgebauten Geschichte (ganz ohne Leiche!) über die realitätsferne, an den Haaren herbei gezogene bis hin zur packenden, nachdenklich stimmenden zeit- und sozialkritischen Erzählung.


Opfer des Unrechts: Stigmatisierung, Verfolgung, und Vernichtung von Gegnern durch die NS- Gewaltherrschaft an Fallbeispielen aus Oberschwaben
Opfer des Unrechts: Stigmatisierung, Verfolgung, und Vernichtung von Gegnern durch die NS- Gewaltherrschaft an Fallbeispielen aus Oberschwaben
von Edwin E Weber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Opfer nehmen Gestalt an, 15. Juli 2011
Das ehemalige Kloster Mariaberg im Landkreis Sigmaringen, als Heil- und Pflegeanstalt 1940 selbst von den Euthanasie-Morden betroffen, erinnert seit einigen Jahren mit einer Gedenkstätte, Ausstellungen und Publikationen an diese Verbrechen. An diesem Ort fand im Oktober 2005 eine Tagung statt, federführend ausgerichtet von der Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur.

Zwölf Historiker und Politikwissenschaftler stellten an regionalen Verfolgungs- und Vernichtungsfällen die Gräuelszenarien der NS-Herrschaft vor.
Gestellt waren auch Fragen nach der Vorgeschichte, nach gesellschaftlichen Traditionen und Funktionen, welche diesen Entwicklungen den Weg ebneten. Weshalb konnten die lange vor 1933 gesäten Unmenschlichkeiten der Ausgrenzung und Verfolgung gerade in Deutschland in dieser Form ausreifen? Warum wurde darüber so lange geschwiegen und wie wurde mit den Opfern nach 1945 umgegangen?

In dem aus der Tagung hervorgegangenen Sammelband wird der Versuch unternommen, ein Gesamtbild zu gewinnen über die im Titel genannten Verbrechen.
Die Referenten berichteten von spezifischen Leidensgeschichten aus der langen Reihe der insgesamt betroffenen Opfergruppen: Von 'zeitlich begrenzter politischer Ordnungsmaßnahme', Einschüchterung, Disziplinierung, Prangeraktionen unter dem Vorwurf der Rassenschande, Mord an Behinderten und psychisch Kranken, Verfolgung, Inhaftierung und Ausbeutung bis hin zur Vernichtung und Tod in Konzentrationslagern.

Die Verfolgung von Pfarrern wird paradigmatisch an vier Geistlichen aus dem Hegau geschildert: Eugen Weiler, August Ruf, Johann Schwall und Albert Riesterer. Ihr Leben, Wirken und der Willkür ausgeliefertes Schicksal ist in dem Beitrag 'Ein äußerst staatsabträgliches Verhalten' (Sibylle Probst-Lunitz) beschrieben, in welchem die Autorin auch der Haltung von Erzbischof und Ordinariat bei diesen Geschehnissen nachgeht.

Ein Beispiel ganz anderer Art wird im Beitrag "Für eine Liebe so bestraft" (Franko Ruault) aufgerollt. Erna R. war, neunzehnjährig, der Liebe zu einem jungen Franzosen wegen verhaftet und auf dem Ulmer Marktplatz auf einem Lastwagen öffentlich angeprangert und kahl geschoren worden. Die Liebe der Beiden wurde als Rassenschande, als Verrat an der Volksgemeinschaft hingestellt. Die Aufarbeitung dieses Falles basiert auf ausführlichen Interviews im Sommer 2005 mit Familienangehörigen von Erna R. In ihrer Heimatgemeinde allerdings traf der Verfasser noch immer auf eine Mauer des Schweigens.

Bei der Lektüre der 12 Beiträge entsteht ein sehr nachhaltiger Eindruck der geschilderten Geschehnisse. Die Opfer nehmen so deutliche Gestalt an, dass der Leser betroffen zurückbleibt. Es ist ein beeindruckender Sammelband über eine vielfach noch immer mit Scheu betrachtete Epoche unserer jüngsten Geschichte, der mahnt, neben den weltpolitischen Folgen auch jene in unserer unmittelbaren Lebenswelt zu beleuchten.


Vor allem der See: Erinnerte Kindheit
Vor allem der See: Erinnerte Kindheit
von Bruno Epple
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bodensee-Erinnerungen, 15. Juli 2011
In diesem kleinen, handlichen Büchlein, dem dritten seiner Kindheitstrilogie, beschwört Bruno Epple in 32 kurzen Prosastücken eine längst vergangene Zeit herauf 'auf dass ich den entdecke, der ich einmal gewesen bin'. Es ist ein hellwacher acht- oder neunjähriger Bub, der mit den Eltern und der Schwester eineinhalb Jahre auf der Halbinsel Mettnau am Bodensee lebte.

"Wieder ist mir ein Bild aufgetaucht, das lang versunken lag in den Wassern des Vergessens [..]. So erkenn ich mich in dem Knaben von damals".

Epple versteht es die Leser mitzunehmen, denn seine Lust am Erzählen gibt diesen Kindheitserinnerungen einen besonderen, sehr persönlichen Reiz. Detailgenau beschreibt er das Haus mit dem Türmchen und den roten Fensterläden hoch über den Gleisen, das die Familie bewohnte, die Möbel der Urgroßmutter, die jetzt bei ihnen im Wohnzimmer stehen, die strengen Verhaltensregeln gegenüber dem Vermieter. Wir erfahren von den Lausbubenstreichen wie etwa dem Zündeln am Radolfzeller Bahndamm, wir begleiten ihn auf dem Weg zum neuen Domizil seiner heimlich Angebeteten, beobachten die zur Sonntagsmesse strebenden Kirchgänger, allen voran die Ordensfrauen mit ihren wippenden Hauben. Wir frösteln mit den Buben, die nach langem Aufenthalt im See blaulippig und Zähne klappernd zum wärmenden Trocknen auf die Holzbohlen am Ufer huschen.
Es ist jedoch keineswegs ein verklärtes, idyllisches Erinnern wenn Epple Orte, Ereignisse, Begegnungen und Gefühle wach ruft. Früh weiß er vom Kriegselend, erahnt, auf der Mauer stehend und in den Krankenhaushof schauend, die Ängste und Hoffnungen dort drüben. Er erlebt das Drama mit seinem hirnverletzten, schwerkriegsbeschädigten Vater.

Es entstand ein nachdenklich machendes Buch. Sprachgewandt und intensiv gezeichnet werden Mensch und Tier lebendig in ihrem 'Gehabe'. Dies alles unverkennbar auch mit den Augen des Malers gesehen, der anderen bedeutenden Begabung des Bruno Epple.


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