Profil für Dr. Achim Engstler > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Dr. Achim Engstler
Top-Rezensenten Rang: 203.801
Hilfreiche Bewertungen: 335

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Dr. Achim Engstler "achimengstler"
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
von Rolf Dobelli
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

86 von 92 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Logik light, 8. Mai 2012
Rolf Dobelli ist ein erfolgreicher Schriftsteller. - Dieser Satz exemplifiziert den "fundamentalen Attributionsfehler". Der Erfolg des Buches "Die Kunst des klaren Denkens" muß nämlich keineswegs dem Autor zuzuschreiben sein. Möglich ist, daß das Thema derzeit Konjunktur hat, daß angesichts zunehmend unklarer werdender Verhältnisse das Trainieren klaren Denkens opportun scheint, daß das Marketing gut war, daß das Buch gerade die richtige Größe, Aufmachung und den richtigen Preis hat, um als Geschenk mitgenommen zu werden, und so fort.
Worauf der Erfolg des Buches tatsächlich beruht, weiß ich nicht. Am Autor allein kann er meines Erachtens jedoch nicht liegen. Dobellis Ausführungen haben nämlich einige auffällige Mängel.
Daß er denjenigen, die mit der Thematik vertraut sind, kaum Neues bietet, muß man ihm nicht ankreiden. Vorwerfen muß man ihm jedoch, daß er unklar und inkonsequent vorgeht. Unklar oder zumindest ungenau sind häufig die Bezeichnungen der aus logischen oder psychologischen Gründen ungültigen Schlüsse, die Dobelli beschreibt. Was er "Fehler" nennt, sind oft nur Einseitigkeiten oder Überakzentuierungen. Viele der als "falsch" oder "illusorisch" bezeichneten Folgerungen können unter entsprechenden Prämissen durchaus zutreffen - ihre Problematik besteht lediglich darin, daß es keine sicheren Folgerungen sind.
Neben der Unklarheit mancher Ausführungen hat mich das nahezu völlige Fehlen von Selbstkritik gestört. Die Fehler machen die anderen, Dobelli entlarvt. Dabei scheint der Versuch, Fehlschlüsse aufzudecken, a priori doch ebenso fehleranfällig zu sein wie das Schließen selbst. Zudem räumt Dobelli in manchen Fällen ein, die Suggestivkraft des betreffenden psychologischen Mechanismus sei so groß, daß man ihr gar nicht entrinnen könne. Diese Feststellung sollte einen Autor doch bezüglich seines eigenen Standpunkts ins Grübeln bringen. Dobelli nicht; er besetzt die Position des feuilletonistischen Aufklärers, unangefochten und von Zweifeln unangekränkelt. So darf denn ein Kapitel, das die "Prognoseillusion" zu entlarven vorgibt, auch Prognosen enthalten.
Zu empfehlen ist dieses Buch nur denjenigen, die einen ersten Einblick in die Vielfalt gedanklicher Irrwege suchen. Alle anderen werden dieselbe Enttäuschung erleben wie jemand, der sich auf ein Pils freut und dann alkoholfreies Bier vorgesetzt bekommt.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 25, 2014 7:53 PM CET


Blumenberg: Roman
Blumenberg: Roman
von Sibylle Lewitscharoff
  Gebundene Ausgabe

75 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen zu nah, zu fern, 11. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Blumenberg: Roman (Gebundene Ausgabe)
Sieben Jahre lang, bis zu seiner Emeritierung, habe ich nahezu jede Vorlesung Hans Blumenbergs (1920-1996) gehört - Blumenberg hielt zu meiner Zeit nur noch Vorlesungen, eine war als "Kolloquium" getarnt, das hieß, im Prinzip war es möglich, Fragen zu stellen, allerdings mußten sie mindestens eine Woche vorher schriftlich eingereicht werden. Ihre Beantwortung stand in den Sternen der kopernikanischen Welt, und manches Mal glomm sie auf und erlosch wie ein Meteor. Frage: "Wie ist Ihr Verhältnis zu Habermas?" Blumenberg: "Gut." Sprechstunden hielt er nur "nach Voranmeldung", und es brauchte Mut, sich voranzumelden. Dennoch, an einem dunklen Herbstabend des Jahres 1979 war ich in Blumenbergs Sprechstunde. Er empfahl mir Platon, riet entschieden von Aristoteles ab, band mein Fortkommen als Philosph aber daran, daß ich Kants "Kritik der reinen Vernunft" zu lesen habe. "Seite für Seite, auch die Fußnoten", dazu solle ich Notizen erstellen, diese "in einem Schuhkarton" sammeln und im folgenden Jahr mit ebendiesem Schuhkarton wieder bei ihm erscheinen. Das tat ich, zwei Jahre später. Blumenberg sah am Schuhkarton vorbei und empfahl mir als Anschlußlektüre Georg Simmels "Philosophie des Geldes". Ich las stattdessen Blumenbergs Schriften; heute steht alles, was zu Lebzeiten und nach seinem Tode von ihm und über ihn erschienen ist, hinter mir im Regal.
Und dann, aus solcher Nähe, einen Roman über ihn lesen, geschrieben von einer Autorin, die Hans Blumenberg womöglich gar nicht gekannt, nie gesehen, nie gehört hat? Ich habe ein paar Wochen lang gezögert, das Buch dann aber doch gekauft, aus Sammlertrieb, wie ich gestehe, um meine Blumenbergiana lückenlos zu lassen.
Konzeptionell ist "Blumenberg" kein guter Roman; die selbstreflexiven Autoreinschübe wirken unmotiviert, nach zwei Dritteln des Buches gehen Lewitscharoff die Ideen aus, der Rest ist zusammengestückt. Die Nebenfiguren bleiben weitgehend uninteressant, daß sie allesamt sterben, mag angehen, am Leben bleiben könnten sie auch. Vor allem aber: Lewitscharoff findet nicht den rechten Abstand. Minutiöse biographische Nähe auf der einen Seite, die sich Auskünften von Blumenbergs Tochter Bettina verdankt, erstaunliche Ferne zum Denker Blumenberg auf der anderen. Seine Philosophie, deren zentrale Stücke griffig genug sind - "Säkularisierung als Selbstbehauptung", "Arbeit am Mythos", "der Absolutismus der Wirklichkeit" -, tropft durch die Seiten wie dünner Kaffee durch einen Filter.
Und doch, trotz allem, habe ich das Buch gerne gelesen, weil Lewitscharoff klassisch schöne Prosa schreibt, und weil der Löwe da ist. Ein emblematischer Einfall, der selbst Blumenberg gefallen hätte (vgl. Hans Blumenberg, Löwen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010).
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 24, 2011 6:56 PM CET


Gedichte fürs Gedächtnis: Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen
Gedichte fürs Gedächtnis: Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen
von Ulla Hahn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

37 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unter Niveau, 30. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
123 Gedichte, deren Aufteilung auf die fünf Kapitel 'Lieder', 'Balladen', 'Sonette', 'Gedanken-Gedichte' und 'Meditationen' nicht weiter erläutert wird und unbefriedigend bleibt, da sich formale Kriterien (Sonette) mit inhaltlichen (Meditationen) mischen. Die als 'Kommentare' bezeichneten Begleittexte zu jedem Gedicht bestehen in der Regel aus einer biographischen Notiz, Bemerkungen zur allgemeinen Einordnung - unter denen sich so Erhellendes findet wie 'Lenau war einer der bekanntesten Dichter der Restaurationszeit' - einem Zitat von dem oder über den betreffenden Dichter sowie knappen und oft dogmatisch anmutenden Bemerkungen zu den Erfahrungen, die man beim lauten Lesen des Gedichtes machen könne. Wenig genug, und selbst das wird gelegentlich noch unterboten. Der 'Kommentar' zu Gottfried Benns Gedicht 'Nur zwei Dinge' beispielsweise lautet wie folgt:
'Das Gedicht erschien 1953 in dem Band 'Destillationen. Neue Gedichte'. In 'Probleme der Lyrik' (1951) schreibt Benn: 'Wir werden uns damit abfinden müssen, daß Worte eine latente Existenz besitzen, die auf entsprechend Eingestellte als Zauber wirkt und sie befähigt, diesen Zauber weiterzugeben. Dies scheint mir das letzte Mysterium zu sein, vor dem unser immer waches, durchanalysiertes, nur von gelegentlichen Trancen durchbrochenes Bewußtsein seine Grenze fühlt.'
Das ist alles. Irgendeine Anstrengung, sich den Gedichten als Kunstwerken zu nähern, unternimmt Ulla Hahn auch sonst nicht. Stattdessen mutet sie dem Leser Stilblüten zu, die in jedem Schulaufsatz geahndet würden. Drei Beispiele: 'Für Goethe sollte es nicht das einzige verwundete Herz bleiben.' Gemeint ist wohl, Goethe habe nicht nur dieses Herz verwundet. 'Auch in dieser Ode hören wir beim lauten Lesen die Kraft und den Ernst der denkerischen Energie Hölderlins.' Kraft und Ernst und denkerische Energie, das ginge, aber die Kraft der Energie? Der Ernst der Energie? 'Es ist dieser letzte Satz Rilkes, der vollkommen ausdrückt, warum ich diese Sammlung von Gedichten zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen gemacht habe.' Man kann Gedichte sammeln oder eine Sammlung von Gedichten anlegen, eine Sammlung 'machen' kann man nicht.
Das Layout des Buches ist lieblos, im Inhaltsverzeichnis sind Autor- und Gedichttitel typographisch nicht unterschieden, die Schriftgröße der Begleittexte ist winzig, manche beginnen direkt unter dem Gedicht, andere stehen, wenige Zeilen kurz, verloren auf einer ansonsten weißen Seite. Raum für Notizen vermutlich, auf denen der Leser ergänzen darf, was nötig wäre, um den ausgewählten Gedichten wirklich näherzukommen.
Die Auswahl ist beflissen konservativ, ein Risiko geht sie nirgendwo ein, Überraschungen gibt es nicht. Dafür aber ein mit dem Schmalz des bildungsbürgerlichen Humanismus gefettetes Nachwort von Ulla Hahns Ehemann, Klaus von Dohnanyi.
Viele gute Lyrik-Anthologien sind auf dem Markt - diese hier ist in jeder Hinsicht überflüssig.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 28, 2014 10:55 AM MEST


Der Mann ohne Eigenschaften. Remix
Der Mann ohne Eigenschaften. Remix
von Robert Musil
  Audio CD

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gemixt, 23. August 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Mann ohne Eigenschaften. Remix (Audio CD)
Um es vorweg zu sagen: diese durchdacht konzipierte und sorgfältig produzierte Edition macht Musils voluminösen Gedanken- und Figurenkosmos lebendig und ist daher sowohl dem Einsteiger wie dem Kenner des "Mannes ohne Eigenschaften" (MoE) zu empfehlen. Was die weitere Bewertung angeht, finde ich mich in einer schwierigen Lage: die Hörfassung gefällt mir nicht besonders, nur wüßte ich eben auch nicht, wie es besser zu machen wäre.
Vielleicht ließe sich bei der Textgrundlage anfangen, die im Begleitbuch in gedruckter Fassung vorliegt und daher den Vergleich mit dem Roman direkt ermöglicht. Da die Edition es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst viel von Musils nachgelassenen Kapiteln und Entwürfen zum MoE zu präsentieren, sind Kürzungen des zu Lebzeiten Musils publizierten Textes unumgänglich gewesen. Nur führen sie in manchen Fällen, als Beispiel sei das Kapitel "Spekulationen in Geist à la baisse und à la hausse" genannt, dazu, daß die innere Dynamik und damit die Pointe der Kapitel verlorengeht.
Gelungen scheint mir wiederum die Aufteilung des Textes auf die Sprecher, die den Fluß erhält und zugleich die Zuordnung zu den Figuren deutlich macht. Über die Besetzung der Rollen kann man, wie anders, streiten. Mir scheint Ulrich mit Ulrich Matthes, der mal zu blasiert, mal zu aufmüpfig daherkommt, fehlbesetzt zu sein, und Susanne Wolff ruht stimmlich zu sehr in sich, um Clarisses Phantastik glaubwürdig zu machen. Geradezu ideal besetzt sind hingegen Diotima mit Angela Winkler und Moosbrugger mit Josef Bierbichler.
Aber, wie gesagt, das ist Geschmackssache, was auch für die das Begleitbuch einleitenden Essays ("Zum Remix") gilt, die mir ein wenig zu sehr posieren.
Ganz entschieden beeindruckt haben mich jedoch der Mut, Musils Nachlaß zum MoE in solchem Umfang zu präsentieren, und das Geschick, das die Autoren dabei beweisen. In diesem Teil, der immerhin 9 der 20 CDs umfaßt, wird der Remix das, was er sein will: der Versuch, diesen erratisch erscheinenden Romanblock in Fluß zu bringen. Das gelingt durchaus; selbst dem mit Musils Werk Vertrauten bleiben die Stimmen und Diskurse herausforderund und, obgleich dies Wort zum abgeklärten Essayisten Musil nicht zu passen scheint, aufregend im Ohr.


Vom Verwesen der Welt und anderen Restposten.
Vom Verwesen der Welt und anderen Restposten.
von Philipp Mainländer
  Gebundene Ausgabe

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Komprimierte Depression, 10. Dezember 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Da die Ende der 90er Jahre im Olms-Verlag erschienene 4bändige Mainländer-Ausgabe derzeit nicht mehr greifbar ist, muß der an diesem radikalen Denker Interessierte zu Horstmanns Auswahl greifen. Sie enthält gute 100 Seiten aus Mainländers Hauptwerk, der "Philosophie der Erlösung", ferner gekürzte Fassungen der Novelle "Rupertine del Fino" und der Aufzeichnungen "Meine Soldatengeschichte". Die geschickt gewählten Auszüge liefern ein facettenreiches Bild, das das Interesse eher wachsen läßt als befriedigt. Wenn es möglich wäre, würde ich allerdings einen halben Stern abziehen, weil mir das Vorwort von Horstmann zu euphorisch zu sein scheint, was Mainländers Bedeutung anbelangt. Er ist doch eher ein Nebendenker - aber einer, den es zu beachten gilt.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 12, 2013 1:56 AM CET


Das Schloss
Das Schloss
DVD ~ Ulrich Mühe
Preis: EUR 10,99

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Filmprobe, 10. Dezember 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Schloss (DVD)
Ich kann mich meinen Vorrednern leider nicht anschließen; mich hat Hanekes Adaption auf der ganzen Linie enttäuscht. Zwar ist die "szenische" Umsetzung des Romans an sich eine gute Idee, aber etliche Szenen wirken eher wie Proben zu einem Film, der dann doch nicht gedreht wurde. Die Atmosphäre des Buchs wird nicht einmal ansatzweise erreicht; Ulrich Mühe ist als K. ebenso eine Fehlbesetzung wie Susanne Lothar als Frieda. Immerhin sind einige andere Figuren, z.B. der Bote Barnabas, gut getroffen; deshalb noch 3 Sterne. Aber es bleibt dabei: die einzige Kafka-Verfilmung, die der Atmosphäre seiner Texte entspricht, ist Orson Welles' "Prozeß".


Schule der Arbeitslosen
Schule der Arbeitslosen
von Joachim Zelter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lebenssuche, 8. Juni 2007
Rezension bezieht sich auf: Schule der Arbeitslosen (Gebundene Ausgabe)
Man schreibt das Jahr 2016. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist nicht genau bekannt, da keine Statistiken mehr veröffentlicht werden, Gerüchten zufolge handelt es sich aber um acht oder sogar zehn Millionen Menschen. Die Bundesagentur für Arbeit hat daher neue Maßnahmen ergriffen und neben ihren Job Centern Internatsschulen eingerichtet, die Langzeitarbeitslosen einen neuen Blick auf ihr Leben vermitteln sollen. Erster Punkt: sie sind nicht arbeitslos. Sie haben Arbeit, und zwar die anspruchsvollste von allen, die Sucharbeit. Zweiter Punkt: eine Bewerbung ist keine Auflistung nachprüfbarer Fakten, sondern eine Kunstform - die Erfindung eines Lebens, das man hätte haben können oder besser, haben sollen.

Diese mit allen Mitteln der Individual- und Massensuggestion eingetrichterte Ideologie hat Erfolg. Alle neuen Schüler der Internatsschule "Sphericon" erliegen ihr, mit einer Ausnahme: Karla Meier. Sie will keine Stelle, sie will leben. Wirklich leben. Ihre Verweigerung führt zunächst zu psychologischer Betreuung, dann zur wochenlangen Isolierung in einer Art von Zelle. Am Ende freilich erhält auch sie das "Certificate of Professional Application" und besteigt das Flugzeug, das die "Sphericon"-Absolventen nach Sierra Leone bringt, zu einem verdienten Urlaub, wie es heißt, vermutlich aber nur in ein Nirgendwo, das keine Arbeitslosenstatistik mehr erfaßt.

Joachim Zelter schreibt eine lakonische Prosa, deren Präzision den Leser rasch in den Sog der "Sphericon"-Welt zieht. Diese Welt mit ihrer ebenso ausgefeilten wie leerlaufenden Verwaltung und Organisation erinnert nicht nur von ferne an die Schloß-Verwaltung in Kafkas Roman. Ich meine jedoch, daß Zelter das Potential seines Plots verschenkt. Die großartige, abgründige Idee, man habe sein Leben zu erfinden, wobei es nicht auf Wirklichkeit, sondern allein auf Stimmigkeit ankommen, wird nicht entwickelt, sondern liegengelassen. Statt die verstörenden Möglichkeiten dieser Idee auszuspielen, setzt Zelter auf einen slapstickhaften, eher ermüdenden Wettbewerb der "Trainees" um eine Trainer-Stelle am "Sphericon", die schulintern ausgeschrieben wird, und dessen Gewinner binnen kurzem feststeht.

Trotzdem hinterließ die Lektüre bei mir das, was gute Romane meines Erachtens im Leser hervorrufen müssen: das Gefühl anregender Beunruhigung. Ich werde daher weitere Bücher dieses Autors zur Hand nehmen.


An einem Tag wie diesem
An einem Tag wie diesem
von Peter Stamm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie einer lernt, seiner Existenz zuzustimmen, 4. August 2006
Rezension bezieht sich auf: An einem Tag wie diesem (Gebundene Ausgabe)
"Irgendwann, vor langer Zeit, hatte er eine Richtung gewählt, einen Weg eingeschlagen, und es gab kein Zurück. Selbst jetzt, wo er alles aufgegeben hatte, war es ihm, als gebe es nur einen möglichen Weg. Er hatte nicht das Gefühl von Freiheit, das er als Jugendlicher gehabt hatte. Alles schien entschieden."

Davon, und daß es doch nicht so ist, wie es scheint, handelt Peter Stamms wunderbarer kleiner Roman. Andreas, der Protagonist, kehrt, durch eine schwere, vermutlich tödliche Krankheit aus dem Geleise seines regelmäßigen, unbeteiligten Lebens gebracht, in das Dorf seiner Kindheit zurück, und kann schließlich seiner Existenz, ohne sie eigentlich zu ändern, zustimmen. Stamm erzählt diese Entwicklung präzise, lakonisch und schön, ohne jeden Theorie- oder Sentimentalitätsballast.


Paradoxien
Paradoxien
von R M Sainsbury
  Taschenbuch

69 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für jeden Interessierten unterhaltsam und belehrend, 19. Dezember 2004
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Paradoxien (Taschenbuch)
Es gibt viele Gründe, zu einem Buch über Paradoxien zu greifen: Lust an kniffligen logischen Aufgaben, einen Hang zum Absurden, oder, wie in meinem Fall, ein konkretes Informationsbedürfnis. Meine Absicht war, mir über die logische Struktur des Olbers-Paradoxons klar zu werden.
Eine Paradoxie ist, allgemein gesagt, ein scheinbar korrekter Schluß, der aus scheinbar annehmenbaren Prämissen zu einer scheinbar unannehmbaren Folgerung führt. Olbers geht aus von zu seiner Zeit allgemein geteilten Annahmen über die Struktur des Universums und folgert daraus, daß der Nachthimmel taghell sein müßte - eine nicht nur scheinbar, sondern in diesem Fall tatsächlich unannehmbare Schlußfolgerung.
Das Olbers-Paradoxon behandelt Sainsbury zwar nicht, dafür aber alle anderen bekannten Paradoxien, unter anderem Achill und die Schildkröte, den Lügner, das Gefangenendilemma und meinen Liebling, die unerwartete Prüfung. Die Lehrerin kündigt der Klasse folgendes an: Sie wird sie nächste Woche prüfen und die Prüfung wird unerwartet sein. Die Klasse fängt an zu überlegen und kommt zu dem Schluß, daß diese Ankündigung nicht wahr sein kann. Entweder wird die Prüfung nicht stattfinden, oder sie wird nicht unerwartet sein. Eine unannehmbare Folgerung, da intuitiv klar zu sein scheint, daß die Lehrerin ihre Ankündigung wahr machen kann.
Sainsburys Buch ist knapp und klar geschrieben und hat den Vorteil, daß es die verschiedenen Interessentiefen berücksichtigt: der interessierte Laie kommt ebenso auf seine Kosten wie der routinierte Logiker.


Am Hang: Roman
Am Hang: Roman
von Markus Werner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wer sich gut verborgen hat, hat gut gelebt, 4. Oktober 2004
Rezension bezieht sich auf: Am Hang: Roman (Gebundene Ausgabe)
Diese Sentenz Ovids ist das Motto des Herrn, der sich dem Scheidungsanwalt Thomas Clarin auf der Terrasse eines Tessiner Restaurants als Thomas Loos vorstellt. So heißt er nicht, wie sich später zeigt. Der Name ist ein Wortspiel, eine verkappte Drohung. Thomas' Los will er sein, Schicksal spielen für Clarin. Zunächst tauschen die beiden sich nur über ihre Lebenshaltungen aus, deren Gegensatz vor allem beim Thema Ehe greifbar wird. Loos (bleiben wir bei diesem Namen) war 12 Jahre lang verheiratet, vor einem Jahr hat er seine Frau verloren, wie er sagt. Die Ehe war ihm das eins und alles, die Substanz seines Lebens. Dem Zynismus des Bindungsverächters Clarin, der meint, die Stufenleiter der Ehe führe vom Begehren über das Mögen über Gewöhnung zur Abneigung und schließlich zum Haß, setzt er die These entgegen, wirklich lieben könne man nur, was man einmal gehaßt habe.
Mehr und mehr beginnen dann die Gespräche der beiden die allgemeine Ebene zu verlassen und ins Biographische zu wechseln. Loos erzählt von seiner Frau, ihren Vorlieben und Abneigungen, kleinen Gesten und Eigenheiten, Clarin von Valerie, seiner letzten Beziehung, einer verheirateten Frau, deren Mann er nie kennengelernt hat. Er hat sie hier im Tessin verlassen, wo sie sich zur Kur in eben dem Hotel aufhielt, in dem auch Loos' Frau wohnte. Damit beginnen sich, untergründig und vage zunächst, die Lebensgeschichten beider Männer zu verschlingen. Als Clarin schließlich erkennt, wie sehr Loos' Schicksal mit seinem Leben und seiner Haltung verbunden ist, ist es zu spät: er hat bereits zuviel preisgegeben. In der Tat, Loos hat sich gut verborgen. Zu gut, soweit es den vertrauensseligen, extravertierten Clarin betrifft.
Mit "Am Hang" ist Markus Werner ein präzise geschriebener, spannender kleiner Roman gelungen, der den Leser in Atem hält und, wie jede gute Geschichte, am Ende auf angenehme Weise beunruhigt. Der einzige Wermutstropfen (und deshalb nur 4 Sterne): die Pointe, auf die hin erzählt wird, schimmert zu früh durch.


Seite: 1