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Rezensionen verfasst von
Esther (Graz)

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Reise ans Ende der Nacht
Reise ans Ende der Nacht
von Louis-Ferdinand Céline
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

5.0 von 5 Sternen Die faule Stelle im faulen Leben eines lebenden Toten, 30. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Reise ans Ende der Nacht (Taschenbuch)
Lang ließ ich den Roman sacken, bevor ich hier zur Feder greife. Reise ans Ende der Nacht ist bestimmt einer der wichtigsten gesellschaftspolitischen Roman des Zwanzigsten Jahrhunderts, wohl aber auch ein sehr umstrittener, nicht allein der Tatsache getrotzt, dass der Autor ein Antisemit war und dessen auch Verurteilt wurde.

"Wenn man es geschafft hat, einer tobenden internationalen Schlächterei zu entkommen, dann ist das doch ein Nachweis für Takt und Unaufdringlichkeit." S147

Ein junger Medizinstudent Ferdinand Bardamu, der Ich-Erzähler des Romans, lässt sich von Übermut treiben und meldet sich freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg. Das Überleben, das ihn dabei begleitet, wird er Zeit seines Lebens nicht mehr los. Er kommt von Wahnsinn geplagt aus den Ardennen nach Paris zurück und entscheidet sich nach seiner Genesung in den Kongo zu gehen, der damals eine Kolonie Frankreichs war. Er flieht vor zänkischen Gesellen am Schiff nach Bambola-Bragamance und gelangt schließlich nach Fort Gono zur Companie Pordurière du Petit Kongo. Was er dort erlebt ist minder schön, die Weißen Kolonialherren herrschen mit Gewalt über die schwarze Bevölkerung, die träge und faul ist und keine Gelegenheit verstreichen lässt, den Weißen übel mitzuspielen. Die Boys sind ebenso pervers wie die Franzosen, das tropische Klima und der Wald die Hölle auf Erden. Bardamu erkrankt schwer an Malaria und wird von den Schwarzen als Sklave auf ein Schiff nach Amerika verkauft. Dort angelangt hält er sich zuerst im Großstadtdschungel New York im schmetternden Widerhall ratternder Hochbahnen und unnahbaren Menschen auf, um dann in Detroit in Herrn Fords großer Autofabrik zu arbeiten. Er findet in der Prostituierten Molly eine treue Gefährtin. Die er jedoch wieder verlässt, um nach Frankreich zurückzukehren, dort sein Studium zu beenden und als Armenarzt zu arbeiten.

WAngst lässt sich nicht heilen, Lola." S85

Doch Bardamu ist kein guter Mensch. Nichts von dem was er sieht, erlebt oder tut hat ein Gewissen. Sein Erleben einer Welt des Schlechten, macht ihn um nichts besser - denn auch er ist ein Teil der faulenden Stelle in einer verfaulenden Welt.

Zurück in Frankreich lässt er sich in Rancy nieder, denn ein Leben diesseits der Seine kann er sich nicht leisten. Seine Patienten zahlen schlecht und er ist zu schwach, sein Recht einzufordern. Doch die Menschen schätzen ihn darum nur geringer. Er lebt in einer Mietskaserne, deren Hinterhöfe nicht nur jeden Gestank, sondern auch die familiären Streitgespräche verstärken. Es ist finster und feucht, als säßen die Menschen schon in der Hölle. Licht ist Luxus, den gibt es nur diesseits der Seine, dort leben die Tagmenschen. Jenseits gab es nur Nachtmenschen - Bardamu war einer der Nacht.

"In der Vorstadt kommt einem das Leben morgens am heftigsten mit der Straßenbahn entgegen." S315

Doch Rancy hat er den Rücken gekehrt, war zu üblen Bekannten nach Toulouse gereist und hat sich schließlich als Nervenarzt in der Anstalt Vigny-sur-Seine niedergelassen.

"Wenn man lange genug leben würde, wüsste man nicht mehr, wohin man gehen sollte, um sein Glück nochmal zu versuchen." S497

Seine Begleiter sind von beinahe noch schlechterem Charakter. Allen voran Léon Robinson, ein junger Mann, der ihm seit ihrer ersten Begegnung auf dem Schlachtfeld der Ardennen in jeder Lebenssituation wiederbegegnet ist. Er traf ihn im Kongo, er ist in Detroit auf seine Spuren gestoßen, er hat ihn in Rancy mit seinen kriminellen Machenschaften heimgesucht bis er sich dabei schwer verletzt hatte. Doch nicht genug, nach seiner Genesung in Toulouse, war er erneut mit einer überaus eifersüchtigen Braut in Bardamus Leben getreten.

Der Autor nimmt keine Rücksicht auf seine Leser, weder in Skrupellosigkeit seiner Protagonisten noch im Ablauf seiner Handlung. Seine Sprünge in Zeit und wechselnden Handlungen kommen zwar nach und nach und wenig abrupt, wohl aber ohne Übergang. So erfahren wir nicht, wie er von der Front zurückkam nach Paris, wie von Amerika retour nach Frankreich kam. Bardamu als Alter Ego seines Autors ist ein gebrochener Mensch, von unbeschreiblicher Härte und absolut unversöhnlich mit der Welt. Der Roman ist getragen von bitterem Zynismus, ohne auch nur entfernt an Satire zu reichen. Die heiligen Werte der Grande Nation werden hochgehalten.
Sprachlich wird in der Sekundärliteratur immer wieder auf den Wechsel von Hochsprache und Jargon hingewiesen - von zart zu hart.

"Wir sind die Lustknaben von König Elend." S12

Und auch wenn das Werk in hohem Maße bedrückt, ist es für mich eine Pflichtlektüre für jeden, der Europa und sein vergangenes Jahrhundert besser verstehen möchte. Entscheiden Sie!


Verlockung (detebe)
Verlockung (detebe)
Preis: EUR 11,99

5.0 von 5 Sternen Was zum Leben übrigbleibt, 30. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Verlockung (detebe) (Kindle Edition)
Verlockung ist ein wunderbarer Entwicklungsroman, aber auch ein Zeitzeugnis Ungarns zwischen den beiden Weltkriegen. Er ist ein Abriss des "Clash of" Reich aber weltfremd und Arm auf der Suche nach Solidarität. Der perfekte Nährboden für Kommunisten auf der einen und drohende Nationalsozialisten auf der anderen Seite.

Béla kommt ungewollt als lediges Kind 1912 zur Welt als Sohn einer unglücklichen, jungen Frau namens Anna. Sein Vater, der schöne Mischka ist Matrose und schneller dahin, als ein Schiff ablegen kann. Béla wächst bei Tante Rozika, einer herben und geldgierigen Slowakin auf, kämpft sowohl um Nahrung als auch um sein Schulrecht, und wird schließlich an einem Weihnachtsabend für den Diebstahl von Schuhen verhaftet und aus dem Dorf gejagt. Seine Mutter kommt ihm am Silvesterabend 1927 abholen und bringt ihn nach Budapest, wo er eine Stelle als Hotelboy antritt. Der Traum von Schule und Ausbildung ist dahin, doch ein neuer tritt an seine Stelle: Amerika.

Was Béla im Hotel vor allem kennen lernt, ist die Unverhältnismäßigkeit seines armen Lebens, das immer ärmer wird und dem Übermaß, der Verschwendung der Reichen.

"Sie liebäugelten mit dem Marxismus, als der Marxismus große Mode war, und als etwas anderes modern wurde, flirteten sie damit. Die Lehre Freuds war ihre Bibel, mit der sie alles 'erklärten', in Wahrheit aber glaubten sie an nichts als an die französische Küche und - jedenfalls bis zum Jahre 1929 - an den amerikanischen Dollar." Pos.7228, S644

Die Geschichte wechselt die Groteske gekonnt von der überbordenden Hotelszenerie nachhause in sein Mietshaus, wo die arme Anna täglich die Miete vom Mund abspart und als Ausweg immer einen Blick auf die Laugenflasche wirft. Als der schöne Mischka plötzlich wieder auftaucht, kommt zuerst Ungewissheit, dann aber Hoffnung in die Familie.

"Ich lebte in der robusten Realität eines Luxushotels und eines Elendsquartiert und doch irgendwie darüber oder darunter, in jener schwebenden, traumhaften Exterritorialität, die nur Wahnsinnige und Schöpfer kennen." Pos.10373, S917

Die Mieter und Nachbarn des Hauses sind in ihrem Leiden aber auch ihrem Zusammenhalt gezeichnet. Die einen überleben, andere nicht. Sie verhungern, sterben an unbehandelter Tuberkulose, Fehlgeburten oder schlichter Überarbeitung. Die Solidarisierung der Kommunisten beginnt und Béla ist hin- und hergerissen zwischen dem Beitrag, den er im Kampf leisten will und seinem Wunsch, mit seiner Familie nach Amerika zu gehen.

Der Roman ist unglaublich flüssig und spannende erzählt. Die Charaktere sind sehr mannigfaltig, es gibt gute, es gibt schlechte, aber vor allem gibt es viele, die sowohl das ein als auch das anderer verkörpern, je nach dem, was das Leben ihnen mitbringt. Und obwohl der Roman knapp tausend Seiten lang ist, war er von besonderer Kurzweile. Schade dass die Trilogie nur bei einem Roman geblieben ist.

Meine absolute Empfehlung!


Männer mit Erfahrung: Roman
Männer mit Erfahrung: Roman
von Castle Freeman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

5.0 von 5 Sternen Von Wäldern, Männern, Waffen und Recht, 30. Juni 2016
Der Roman ist ein Hit! Erzählerisch absolut kurzweilig, die Handlung ein Spannungsbogen mit Crescendo, die Dialoge absolute irrsinnig und Meisterklasse.

Lilian, eine junge Frau, die mit einem jungen Mann in ein Kaff in Vermont gekommen war, sucht tatkräftige Hilfe. Sie wird bedroht von Blackway, einem übermächtigen Widerling, dem sie bei einem Drogen Deal in die Suppe gespuckt hatte. Daraufhin ist Kevin, ihr Freund auf und davon. Sheriff Wingate, ein Frühaufsteher, kann ihr mit Blackway auch nicht wirklich helfen, da dieser erst handgreiflich werden müsste. Aber er hat guten Rat. Er schickt Lilian zur alten Dead River Stuhlfabrik, die längst geschlossen wurde, um dort nach Whizzer und Scotty zu fragen. Whizzer sitzt seit einem Umfall beim Schlägern von Eichen im Rollstuhl und Scotty ist nicht da. Doch Lester und Nate the Great packen die Sache an und begleiten Lilian auf der Suche nach Blackway. Ein Plan ist zwar fern, der Wille vorhanden.

Die drei ungleichen Gesellen beginnen ihre Odyssee in diversen Bars, um schließlich in "The Towns", hoch in den Wäldern auf Blackway zu treffen. Während die drei auf der Suche sind, bleibt der Rest der Gang in der Stuhlfabrik zurück, um das Geschehen von der Ferne zu kommentieren.

"Zu viele Jahre, zu wenig Augenblicke." S140

Die Figuren und ihre Beziehungen zueinander sind kurios und dennoch von einer erschreckenden Echtheit. Die Männer sind von der eher grobschlächtigen Sorte, Holzarbeiter in Vermont, nicht gescheut zur Waffe zu greifen, um Recht und Ordnung herzustellen. Und Lilian passt perfekt in diese Szenerie, auch wenn sie selbst anderer Meinung ist. Denn sie lässt sich die Bedrohung durch Blackway einfach nicht gefallen. "Diesmal ist Blackway an die Falsche geraten." Blackway selbst ist ein Statist, der die Handlung erst sehr späte selbst mitgestalten darf und auch da kommt er kaum zu Wort.

Ich wiederhole mich, der Roman ist eine Wucht. Einfache Menschen, hartes Umfeld, skurrilste Dialoge und ein absolut bildgewaltiges, archaisches Set.

Very well done!


Das Buch vom Süden: Roman
Das Buch vom Süden: Roman
von André Heller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

5.0 von 5 Sternen Vom Verlust der Zypressen, 25. Juni 2016
Julian Passauer ist ein Einzelkind. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien geboren ist er die Erleuchtung im elterlichen Zuhause der Dachwohnung im Schloss Schönbrunn mit Blick auf die Orangerie und den Zoo. Gottfried Passauer, sein Vater war dem Holocaust entkommen und nach dem Krieg - eher aus Versehen, denn Vorsehung - zum Stellvertretenden Direktor des Naturhistorischen Museums ernannt worden. Die Umgebung ist durchaus morbid und die Begleiter und familiären Freunde schielen schon mit einem Auge zärtlich ins Jenseits.

"Das Unglück ist mit Sicherheit ein Ehrenmann. Es hält, was es verspricht." S97

Zwei Dinge begleiten Julian in seiner Kindheit und Jugend, die Trauer um den Verlust der Zypressen, den Verlust des Gardasees, von Triest, Meran und den übrigen Gebiete, die Österreich im Ersten Weltkrieg verloren hatte und die große Sehnsucht nach eben diesem Süden.

"Wenig im Leben vermochte ihn trauriger zu stimmen, als der Ausgang des Ersten Weltkriegs im Jahre 1918, denn damals hatte Österreich die Zypressen verloren." S9

Und bereits die erste Seite des Romans hat mich gewonnen. Die Beschreibung der Entwurzelung und Hoffnungslosigkeit der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg anhand des Verlusts des Südens ist die beste metaphorische Umschreibung, die mir in den Sinn kommt.

Julian Passauer bricht aus dem antiquierten Leben der Eltern aus, um als freundlicher Taugenichts durch den Süden zu streifen, bis er am Gardasee zu wurzeln beginnt.

Humorvoll und sprachlich gelungen ohne aufs Wienerische zu verzichten! Das Beste am Roman sind jedoch seine Figuren und deren unretouchierte Zeichnung. Vor allem die älteren, alleinstehenden Herren wie Graf Eltz oder Don Ignazio sind besonders gut gelungen. Der Roman ist vielleicht mehr eine Sammlung von charmanten Episoden, die sich chronologisch aneinanderknüpfen, die wahrhaftig viel zu lachen bieten, als eine Handlung mit großem Spannungsbogen. Ausgesprochen liebevoll die Beschreibung und vor allem die Existenz des Eidechsengartens und das malerische Bild von San Céleste und seinen Einwohnern am Gardasee. Die Liebesgeschichte berührt mich weniger, dafür die Vielzahl an wundervollen Bildern.

"Eines Morgens - so ab dem achtunddreißigsten Geburtstag - wacht man auf und hat im Gemüt einen Untermieter, der dauernd von der Endlichkeit spricht." S294

Ein Muss für Schöngeister und jeden, der das Leben liebt.


Der letzte große Trost
Der letzte große Trost
von Stefan Slupetzky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Der Mensch im Spiegel, 22. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Der letzte große Trost (Gebundene Ausgabe)
Der Roman ist keine Abhandlung über den Holocaust, wohl aber über die Bürde seines Erbes. Es ist die Lebensgeschichte eines Mannes und seiner Vorfahren, es ist die Geschichte von Verlust und Sehnsucht, es ist die Geschichte vom Zwist mit sich selbst auf der Suche nach der eigenen Identität. Und ein Stückweit die Retrospektive in unser soeben vergangenes Jahrhundert.

"Damals, zu Beginn der Sechziger, stieg das westliche Europa wie ein Phönix aus der Asche seines kapitalen Schlaganfalls." S170

Daniel Kowalskis Großvater war ein Nazi-Verbrecher, seine Firma hat sich durch Lieferung von tödlichem Gas im Dritten Reich am Holocaust bereichert. Seine Mutter hingegen war die Tochter einer jüdischen Familie, die den Genozid überlebt hatte und in Fragmenten in Österreich und Israel weiterlebten.

"Und deshalb frage ich mich auch, was sie mit einem macht, die Zeit, in der man lebt. Ob das, was wir für unseren Charakter halten, tatsächlich nur eine Mode ist, die uns der jeweilige Zeitgeist auf die Seele schneidert – ein Charakter von der Stange sozusagen." S122

Stefan Slupetzky erzählt die Geschichte des Daniel Kowalski, erzählt von seiner Jugend, beschreibt die Beziehung zu seiner Mutter, seinem Bruder Georg, seinen Freundinnen, seiner Frau Miriam und den Zwillingen und die Beziehung zu seinem Vater, der nach einer gemeinsamen Reise nach Venedig ganz plötzlichen und viel zu jung den Herztod gestorben war. Als Daniel viele Jahre später das verlassene Haus am Weidlingsbach ausräumt, stößt er im Keller auf ein Tagebuch des Vaters, das Daniel mit zu vielen Fragen an den Vater und an sich selbst alleine zurück lässt. Verlust, Sehnsucht und Verlassensein brechen so stark hervor, als wäre der Vater erst gestern verstorben. Daniel beginnt die lange Suche nach dem Verstorbenen, nach dem Menschen im Spiegel und nach sich selbst.

"Schon damals, während seines langen Sturzes in den Abgrund, hatte ihn die Frage nach der Angemessenheit seiner Verzweiflung beschäftigt." S142

Wer Stefan Slupetzkys Kriminalromane und deren humorvollen Ton gewöhnt ist, wird über die ernsthafte Stimme in seinem neuen Roman überrascht sein. Ein nüchtern und knapp erzählter Text mit sprachlich herausragenden Vergleichen, Bildern und Mienenspielen.

"...das traurige Treibgut einer abgestumpften Zivilisation." S18

Hat mir sehr gut gefallen.


Straße der Wunder
Straße der Wunder
von John Irving
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen La Nariz und die Moral von der Geschicht, 15. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Straße der Wunder (Gebundene Ausgabe)
John Irvings Romane sind seit jeher eine Wucht. Sein jüngster Schützling ist Juan Diego, seines Zeichens Müllkippenkind und Autodidakt, Leser unzähliger weggeworfener Bücher und Hüter seiner Schwester Lupe, die Gedanken lesen kann. Wir befinden uns in Oaxaca, einer Stadt in Mexico im Jahre Neunzehnsiebzig. In der Stadt wimmelt es vor Padres, Prostituierten, Transvestiten, heiligen Schwestern, Waisenkindern, Müllsammlern, Kriegsdienstverweigeren, Missionaren aus USA und anderen Gringos.

Nun, was ist der Kern dieser Wucht? Die abgefallene Nase der Heiligen Jungfrau Maria? Der Schwesternzwist zwischen der Maria und Guadalupe? Toleranz und Weltoffenheit? Bücher und ihre großen Autoren? Todesengeln, die in Form von Mutter und Tochter, die Wege des alten Juan kreuzen. Das Schicksal und seine Geister? Oder die Polarität zwischen Viagra und Betablockern? Liebe Leser, Sie dürfen wählen.

Doch damit nicht genug, denn wir begleiten unseren Protagonisten von der Müllhalde in ein Waisenhaus, weiter in einen Zirkus und vom Zirkus nach Iowa City. Dort wächst er als Adoptivkind des homosexuellen Missionars mit den knallbunten Papageienhemden und des Transvestiten Flor auf. Und ja leider, die beiden infizieren sich mit dem HI Virus und sterben an Aids. Diese traurige Geschichte hat nur ein Gutes, sie schenkt Juan die Begegnung mit der Liebe seines Lebens, die das eine oder andere Mal als Randnotiz durch die Handlung streift.

Aber wie kommen wir nun nach Manila auf den "Manila American Cemetery and Memorial" und was haben wir dort verloren? Aja richtig, das Versprechen an den gringo bueno, eine Vietnam-Kriegsdienstverweigerer.

Soweit so gut. Ach noch was ... die Asche der Toten, die weinende Statue der heiligen Maria, Müllkippenhunde, Wasserbüffel, rosa Quallen, Shakespeare, Thomas Hardy und Co, ein widerlicher Löwenbändiger, etwas Menstruation, mehr Viagra und anderes Gesexe.

Ja - eh lustig, aber einfach "too much" für nur einen Roman. Und damit kommen wohl echte Irving'sche Charaktere wie Dr. Rosemary Stein eindeutig zu kurz. Zu viele Personen, die kaum Kontur annehmen trampeln durchs Bild (wer braucht die arme Lesley)? Dankbar bin ich jedoch für Dr. Vargas und seine Geister!

Mit Sicherheit Stoff für zumindest zwei großartige Romane, eines von mir sehr gern gelesenen Autors. So long!


Kanada: Roman
Kanada: Roman
von Richard Ford
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grenzgänger, 15. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Kanada: Roman (Taschenbuch)
Fünfzig Jahre blickt Dell Parson zurück ins Jahr 1960 nach Great Falls USA, an jenen Tag, der sein Leben mit einem Ruck aus der Bahn geworfen hat, ohne auch nur danach auszusehen. Die Parsons waren eine eigenwillige Familie. Neeva Kamper, eine junge Intellektuelle mit jüdisch-polnischen Wurzeln hat sich zu jung in den gutaussehenden Bev Parson aus Alabama verliebt, der zum US Air Corps gehörte. Zu früh waren die Zwillinge Berner und Dell zur Welt gekommen und hatten sie an Bev gebunden. Zu mysteriös waren die linken Machenschaften Bevs mit den Indianern, die Hehlerei mit gestohlenem Rindfleisch. Doch was alles aus dem Gleichgewicht brachte, war der bewaffnetet Raubüberfall der Eltern auf eine Bank in einer Kleinstadt.

"Die Leute dort kannten uns einfach nicht. Sie ließen uns bereitwillig verschwinden, sofern wir das wollten." S228

Dell war damals fünfzehn Jahre alt und hatte Träume vom College und einer Zukunft. Doch als die Eltern verhaftet wurden, ist dieser Traum genauso hinter der nächsten Kurve verschwunden, wie seine Schwester Berner. Schließlich holte ihn eine Bekannte seiner Mutter ab, um ihn vor dem Jugendamt in Sicherheit zu bringen. Nach Kanada, Saskatchewan. Wo er alle Hoffnung auf Zukunft verlor.

"Wie hatte er es geschafft, hierzubleiben? Fragte ich mich später. Das monströse Klima, der Kalender eine endlose Prärie, gesichtsloser Tage, Heimatlosigkeit als Dauerzustand." S379

Die Menschen in Partreau und Fort Royal waren ebenso rau wie das Wetter und seine Widrigkeiten. Die Gäste im Leonard Hotel Bohrarbeiter, Erntehelfer oder Jungs von der Eisenbahn. Die Tristesse des Alltags erhellt durch die Beobachtung von Gänsen, zum Abschuss bereit. Allmählich arrangiert Dell sich mit der Kälte und den eigenwilligen Gestalten, die doch alle etwas verbargen. Zeuge eines Gewaltverbrechens, erhält er dennoch die Chance, sein unterbrochenes Leben fortzusetzen, wenn auch mit anderen Protagonisten.

"Mein zentrales Bild ist immer ‚eine Grenze überschreiten‘; Anpassung, eine Lebensweise, die nicht funktioniert, in eine überführen, die es tut." S435

Ja, der Roman hat ist von eher langsamem Tempo. Die Geschichte ist absolut trocken erzählt und wird streckenweise allein von der Nacherzählung getragen. Seine Farben sind düster und die Konturen leicht verschwommen. Und dennoch hinterlässt der Roman eine eigenwillige Spannung, die nicht auf dem ersten Blick zu erkennen ist. Immerhin ist, der Mann heute 65 Jahre alt, immerhin kennt er heute den Ausgang seines schieren Untergangs, immerhin hat er heute die Erlebnisse, die er als Fünfzehnjähriger hatte, verarbeitet und schaut heute auf seinen Blick nach vorne zurück. Immerhin hat er eine Entscheidung getroffen und eine Grenze hinter sich gelassen.

Ich finde den Roman großartig!


Die Prinzessin von Arborio: Roman
Die Prinzessin von Arborio: Roman
von Bettina Balàka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Es lebe die Freiheit, besonders meine" (Jean Gabin), 17. April 2016
Elisabetta Zorzi war erfolgreiche Inhaberin der Cantinetta, einem Italienischen Gourmetrestaurant in Wien, sie hatte Charme und Esprit und sie fesselte die Männer mit ihrer kleinen, zierlichen Art - und noch mehr wenn sie vom Wienerisch in deutsche Sprache mit dem prickelnden italienischen Akzent verfiel.

Die Zorzi hatte zweierlei: ein Bedürfnis und ein Problem. Ihr Bedürfnis war die Freiheit, ihr größtes Problem jedoch ihre überdimensionale Angepasstheit. So hat sie mit Bernhard die waghalsigsten Routen in den Tiroler Bergen bestiegen, war mit Jürgen in die tiefsten Tiefen getaucht und hatte mit Chuck auf ein aufregendes Sexleben verzichtet. So weit so gut, doch ein jeder, dem sie überdrüssig wurde, wurde aus dem Weg geräumt, und die Zorzi hat wieder weitergesucht nach einem Vater für ihre Kinder.

"Nachdem der Tinnitus verschwunden war, hörte sie wieder deutlich das Ticken der Uhr." S49

Dr. Arnold Körber war ihr doch noch auf die Schliche gekommen und auch er war es, der ihr schließlich doch noch ein Geständnis entlocken konnte. Doch damit war nicht Schluss. Körber hat die Zorzi immer häufiger im Knast besucht und schlussendlich haben sich die beiden verliebt.

Mit großartigem Humor erzählt die Autorin die Geschichte der Zorzi, die uns als quirlige und liebenswürdige, junge Frau begegnet, die eisern ihre Ziele verfolgt. Die rückblickende Erzählung des Tathergangs ihrer unterschiedlichen Morde grenzt an Situationskomik und schmälert die Sympathie für die Zorzi nicht im geringstem. Fast wünscht man der Madam, sie möge damit davonkommen. Aber es ist nicht die Zorzi allein, denn auch Körber nimmt einen wichtigen Platz in diesem gefinkelten Roman ein.

"Dieses Bedürfnis konnte immer wieder mal entstehen, wenn man jemanden nach Strich und Faden ausgefragt hatte, der Mensch hatte ein Verlangen nach Symmetrie." S197

Ein ganz feines Stück deutschsprachiger Literatur.


Der Rest ist Schweigen: Roman
Der Rest ist Schweigen: Roman
von Carla Guelfenbein
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In schwarzem und weißem Schweigen, 16. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Rest ist Schweigen: Roman (Taschenbuch)
Im Zentrum des Geschehens dieses traurigen und sehr einfühlsamen Romans steht eine Patchwork-Familie in Santiago de Chile. Juan Montes, ein Herzchirurg, seine zweite Frau Alma mit ihrer kleinen Tochter Lola, der zwölfjährige Tommy, der mit einem Herzfehler geboren wurde und seine tote Mutter hinter dem Horizont.

"Und das verwirrt mich am meisten: diese Frau, die ungerührt aus der Ferne zusieht, wie das zerfällt, was sie für den Rest ihres Lebens gehalten hat." S86

Tommy, ein zurückgezogener Junge ohne Freunde, hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Gespräche der Erwachsenen aufzuzeichnen. Und was mit unüberlegtem Tratsch beginnt, endet sehr traurig. Seine Mutter wäre nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen, sondern habe Selbstmord begangen - das bestgehütete Geheimnis der Montes. Während sich Tommy auf die Suche nach seiner Herkunft macht, die Geschichte seiner Großeltern erfährt und der Mutter Schritt um Schritt auf die Spur kommt, schweigt die Familie weiter, folgt der unsichtbaren Ordnung der Dinge und löst sich Schicht für Schicht für Schicht auf.

"Anscheinend stellt sich das Verzeihen auf diese Art ein, nicht mit Pauken und Trompeten einer großen Offenbarung, sondern still und leise durch ein Küchenfenster." S320

Sehr berührend beschreibt die Autorin eine Vater-Sohn-Beziehung getragen von einer Kluft zwischen großer Liebe aber fehlendem Ausdruck. Sie wechselt ihren Erzählton von Tommy zu Alma zu Juan, lässt zwar mich Leser nach Innen blicken, nicht jedoch die jeweils anderen Familienmitglieder und so bleibt zu vieles ungesagt. Der Roman schwingt sich flüssig in das Familienleben ein, wir lernen die Familie kennen und erfahren etwas über ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Ängste. Und ohne es zu ahnen landen wir in einem Drama, dessen Ausmaß wir bis ans Ende nicht erahnen können. Denn auch dieses Unheil hat nicht nur eine Ursache.

Sehr traurig und sehr schön.


Das finstere Tal: Roman
Das finstere Tal: Roman
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Blutrache, 3. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das finstere Tal: Roman (Kindle Edition)
Der Fremde war ins Hochtal gekommen mit einem Maultier, Zeichenblock und Kohle im Gepäck. Bleiben wollt' er. Die sechs Söhne vom Brenner Bauern haben ihm eine Kammer im Hof der Gader-Wittwe angewiesen. Die suche einen, der ihr im Winter bei der Arbeit hilft.

Greider hieß er, der Fremde und bald hat er fast zur Familie gehört bei der Gaderin und ihrer Tochter, der Luzi. Und die Luzi war es, die ein wenig Licht ins hohe, finstere Tal gebracht hat, als sie den Lukas hat heiraten wolln. Das Aufgebot wurde bestellt und die Hochzeit im Rahmen der heiligen Messe am Sonntag abgehalten. Anschließend war man ins Wirtshaus gegangen zum Feiern in dem hohen, musiklosen Tal. Und alle wussten sie, was als nächstes kam, nach dem grausigen Brautzug, denn die Leute, die hier oben lebten, gehörten ihm, dem Brenner Bauern und seiner eiskalten Macht. So auch die Brautnacht.

"Es herrschte eine Mischung aus heiligem Ernst und lichter Freude." Pos.2124

Während dieser knisternden Zeit war der jüngste Brennersohn vom Wald am Berg erschlagen und der nächste gleich "vom Gebirgsbach ins Rad der Mühle getragen worden". Und als der Reigen um die Brautnacht eröffnet wurde, hat das Schlachten erst begonnen, denn eine alte Rechnung war noch nicht beglichen.

Ein Alpenwestern, eine Rachefeldzug, eine Heimatroman - oder ein Szenenbild á la Tarantino in einer kalten, frostigen Winternacht, der ein jeder Morgen machtlos gegenüber tritt. Der Roman enthüllt auf verschiedenen Zeitebenen, im Hochtal und der Ebene, im Mittleren Westen der USA ebenso wie in den Alpen die lange Unterdrückung der Menschen im Tal, das viele Kinder hervorgebracht hatte, die all vom selben Blut waren. Langsam baut sich die Handlung zu einem mächtigen Crescendo auf, um am Ende leise, ein neues Frühjahr einzuleiten.

Unglaublich spannend, mit sprachlichem Geschick. Ein ausgesprochen dichter Krimi in unerwartetem Gewand!


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