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Rezensionen verfasst von
Apefred "Fred Ape" (Dortmund Deutschland)
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Grenzgang: Roman
Grenzgang: Roman
von Stephan Thome
  Gebundene Ausgabe

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hessische Provinz aber kein provinzieller Roman, 19. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Grenzgang: Roman (Gebundene Ausgabe)
Hessen, der zweite Roman in kürzester Zeit. Zuerst der beeindruckender Gesellschaftsroman "Die Ängstlichen" von Peter Henning (sehr gut), und nun ein Debüt, dass nicht nur aufhorchen lässt, nein, es ist auch wieder richtig gut. Und wieder sind wir in einer hessischen Kleinstadt; diesmal geht es um einen Feierritus in "sieben Jahres Abständen", und dieses Fest heißt eben "Grenzgang". Der Ort ist fiktiv (Bergenstadt), irgendwo zwischen Lahn und Röhn, was weiß ich, aber es kommt einem alles sehr bekannt vor, auch wenn man in einer Großstadt aufgewachsen ist. Denn genau so muss es sein: die Kleinstadt, wo sich fast jeder kennt, und wo man trotzdem einsam ist. Wie die beiden Hauptpersonen Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Wie die Namen schon sagen, Menschen wie du und ich. Mit all den erlebten Dramen, Träumen und Enttäuschungen. Der "Grenzgang" findet alle sieben Jahre statt und in der Hauptsache wird der des Jahres 2006 zitiert. Woraus hervorgeht, dass der vorherige Grenzgang 1999 war, 1992 bis 1985. eben. Aber Stephan Thome ist so klug, uns auch auf den "Grenzgang" 2013 mitzunehmen. Wir sind ständig dabei, zwischen den altersadäquaten Erlebnissen der jeweiligen Jahre und ihrer Hauptpersonen hin und her zu springen. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, entwickelt sich aber zu einem zuverlässigen Stilmittel.
Nichts ist wirklich spektakulär, die Prosa erfährt ihre Dramatik aus der zeitweiligen Ziellosigkeit der Menschen, kleine Fluchten die erbärmlich scheitern, es ist das Aufgeben von Zielen und Träumen, das sich Einrichten in der Langeweile oder das Aufgeben von Lebensplänen. Trotzdem ist das Buch spannend, man fiebert mit den Protagonisten, weil, und das ist die Stärke dieses Romans, das hättest du selbst sein können (besser noch - das bist du).


Der Brenner und der liebe Gott: Roman
Der Brenner und der liebe Gott: Roman
von Wolf Haas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ..und jetzt kommst Du!, 17. November 2009
Stell Dir vor, Du setzt Dich, so wie früher oft, an den Tresen Deiner Stammkneipe, und nimmst Dir vor, einen schönen relaxten Abend mit ein paar harmlosen Plaudereien..., etc. Du verstehst. Kommt ein alter Kumpel rein, setzt sich ungefragt neben Dich und fängt an, eine haarsträubende Geschichte zu erzählen, wo Dir nichts anderes übrig bleibt, als zu nicken, oder ab und an die Stirne zu runzeln oder eben herzlich zu lachen. So weit klar? An einem Strich wird Dir da eine Story aufgetischt, die absurder nicht sein kann; und mittendrin der Brenner, ehemals Polizist und heute gleichmütiger und gelassener Fahrer, oder besser Chauffeur einer kleinen Prinzessin, die er, weil die reichen Eltern in dem magischen Dreieck Wien, Kitzbühel und München ihr mehr oder weniger sublegales Tun betreiben, zwischen diesen großen Adressen hin und her fährt. Die beiden haben sich so aneinander gewöhnt, also der Brenner und die kleine Helena, kommst Du noch mit? dass die Kleine schon meint, die Autobahn sei ihr Kinderzimmer. Pass auf, ich will gar nicht mehr verraten, denn was jetzt passiert, musst Du gelesen haben, von Kindesentführung, über Korruption, Prostitution, und sechsfachem Mord, alles da, ob du es glaubst oder nicht. Und immer wieder diese Abtreibungsgegner, ich sage Kampfbeterinnen, wenn Du verstehst was ich meine. Also eine Sprache, da bleibt sie Dir weg.
Und wenn wir uns demnächst am Tresen treffen, dann erzählst Du mir haarklein, was Du von dem Brennerroman gehalten hast. Und komm mir nicht mit, komischer Duktus oder so eine Scheiße, das ist der Stil von dem Haas.
Ich sage Hut ab!


Träume von Flüssen und Meeren
Träume von Flüssen und Meeren
von Tim Parks
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Toll - von Kommunikationsstrukturen und Durchfällen, 11. November 2009
Tim Parks ist ein Autor, dessen Genialität darin besteht, Themen der Zeit sowohl in ein höchst unterhaltsames - wie auch in ein gesellschaftspolitisches, analytisches Korsett zu zwingen. Wer bisher nur "Eine Saison mit Verona" gelesen hat (wohlgemerkt, eines der besten Fan - Fußballbücher überhaupt) und dann zu diesem fulminanten Werk mit dem wunderbaren Titel: "Träume von Flüssen und Meeren" gelangt, der vermag diese Bandbreite wohl kaum glauben. Ich habe den Umweg über seinen Roman "Stille" nehmen können, und nähere mich etwas gelassener dieser Prosaleistung. Wie in "Stille" geht es auch in seinem neuen Werk vordergründig um eine Vater - Sohn Beziehung, vielleicht eher um die Nichtexistenz dieser. Albert James, von dessen Tod wir sofort zu Anfang des Romans erfahren, ist (ich sage bewusst "ist") eine Art Kommunikationsanthropologe, der es zu seinem Forscherziel gemacht hat, zu beweisen, das kleinste Störungen von bestehenden kultur-sozialen Strukturen, dessen Ende bedeuten können. Fast schon Chaostheorie, oder? Nun, ich verstehe diesen Roman leicht metaphysisch, und meine damit nicht etwa "übersinnlich". Ich will es kurz machen und trotzdem Geschmack auf dieses Buch einfordern: Alle wichtigen "Protagonisten" dieses Buches, als da sind Alberts Frau Helen, die als Ärztin und eine Art Mutter Theresa, ihrem Mann in in die ärmlichsten und erbärmlichsten Slums der Erde folgt und hier in wilder Verzweiflung Leben rettet, wo ein paar Straßen weiter gleich zehn Mal so viel sterben.
John, Alberts Sohn, verbringt seine Zeit eigentlich in einem Labor und untersucht die Zellstruktur des oder eines TB Bazillus im Allgemeinen, und dessen Mutations-. bzw. Aktivierung und De - Aktivierung mittels eines Enzyms, im Besonderen. Oder so. Seine Freundin ist heiß auf eine Rolle in einem Theaterstück und lässt sich zum Unwillen von John mit dem Regisseur ein. Dann haben wir noch einen amerikanisch propperen Wissenschaftsjournalisten, der, begeistert von den Schriften Albert James', eine Biographie über denselben machen will. Sie alle treffen sich im dampfenden, elenden indischen Delhi und Tim Parks versteht es, uns allumfassend mit einzubeziehen. Nie habe ich vorher so unglaublich nah, von Magenkrämpfen und Durchfallproblemen gelesen. Es schmerzt einen selbst bei der Lektüre. Eine wichtige Rolle bei der ganzen Geschichte spielt die Spinne. Ist klar, Netz, vernetzt, vernetzte Strukturen, wir hatten das weiter oben. Und nun mein metaphysischer Plot: Albert James, jetzt Tod, sieht auf all seine Schauspieler runter und fragt sich amüsiert, in welche Richtung das von ihm angezettelte Theaterstück geht. Ab und an äußert Helen diesen Verdacht in dem sie einmal mehr fragt: "Albert, warum hast du mich allein gelassen? Was willst Du mir sagen?" Gut, das weiß ich jetzt auch nicht so recht, aber dieser Roman macht Spaß, ist hohe Literatur, kurz absolut lesenswert.


Mathinna
Mathinna
von Richard Flanagan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dickens, John Franklin und die Gefühle alter Männer, 11. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Mathinna (Gebundene Ausgabe)
Ein eigentümlicher Roman. Denn ich liebe eigentlich die fiktive Verquickung von Personen der Welt- und der Zeitgeschichte, wie z.B. bei Kehlmanns Vermessung der Welt" (der Entdecker Alexander von Humboldt und der Mathematiker Gaus) oder zuletzt Köhlmeiers Abendland" und/oder Richard Powers Der Klang der Zeit"
Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit", einen Roman, den ich in Achtzigern geliebt habe - und sogar einen Song daraus gemacht habe - beschreibt das Leben und Sterben des Polarforschers John Franklin (1786-1847), ein englischer Held, Seeschlachten gestählt und überzeugt davon, die Norwestpassage (die heute tatsächlich auf Grund der Klimaveränderung befahrbar ist) entdecken zu können. Nun habe ich das neue Buch Mathinna" von Richard Flanagan gelesen und einen zwiespältigen Eindruck. Denn nicht nur Sir John Franklin spielt in diesem Roman eine Hauptrolle, sondern auch einer der größten Geister der Weltliteratur, eben Charles Dickens. Der Roman spielt in Tasmanien, wohin der träge Sir John als Gouverneur versetzt wurde, und in London.
Inhalt mal kurz: Lady Jane Franklin ist frustriert und kinderlos, will sich neu erfinden in dem sie eine Eingeborene (Mathinna) adoptiert. Dem schwerfälligen Franklin fällt die Grazie der Kleinen erst spät auf, dann aber mit Macht. Vor allem geht es in Tasmanien um das ganze Desaster der Kolonialisierung, der Ausrottung und der vergeblichen Christianisierung. Beispielhaft und eindringlich beschrieben. Und bevor Sir John zu seiner letzten Entdeckungsfahrt in den Norden aufbricht, hinterlässt er in Tasmanien abgrundtiefe Trümmer. Lady Jane, dann allein in London, hört Gerüchte, die Expedition Ihres Gatten sei jämmerlich gescheitert und bevor alle im Eis starben, hätte es Fälle von Kannibalismus gegeben. Sie bittet, den auch damals schon berühmten, Charles Dickens um Hilfe, dem es auch gelingt, die Ehre von Sir John über ein erfolgreiches Theaterstück, in dem er, Dickens, selbst mit spielt, zu retten. Der Erzählstrang Dickens ist auch geprägt von einem Riesenfrust familiärer Art, denn Dickens Frau ist nach 10 Kindern in die Unförmigkeit abgedriftet, und vollkommen lebensunlustig. Dickens dagegen ist nach und nach vernarrt in eine junge Schauspielerin in seinem Ensemble und lebt auf. Zwischenzeitlich treibt Mathinna" ihren eigenen Untergang und stirbt völlig ausgemergelt und jung an Dreck, Prostitution und Hunger.
Das hört sich irgendwie durcheinander an, ist es auch. Trotzdem bleiben alles drei Ebenen, Sir John/Lady Jane; Charles Dickens / Mathinna sprachlich auf hohem Niveau und das Buch legt man nicht so einfach an die Seite. Es hat aber nicht das Potential von Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit" denn die Selbstverleugnung alter Männer, die sich, ob nun platonisch oder real, in junges Gemüse verlieben, bleibt immer ein Thema
(Walser : Ein liebender Mann, etc) und es ist hier nicht so durchdringend getroffen.
Auch Lady Jane spielt eher eine nervende Rolle aber richtig Spaß macht es, gemeinsam mit Charles Dickens unterwegs zu sein. Seine Unsterblichkeit, sein Erfindungsreichtum sein schauspielerisches Talent, muss auch damals, vor über 150 Jahren, die Menschen in den Theatern Londons fasziniert haben.


Seichtgebiete: Warum wir hemmungslos verblöden
Seichtgebiete: Warum wir hemmungslos verblöden
von Michael Jürgs
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wenn man es nicht ganz ernst nimmt, stellenweise richtig gut, 18. August 2009
Vor ein paar Jahren hatte ich Gelegenheit bei einer Gedenkveranstaltung zum hundertsten Geburtstag von Herbert Wehner (2006), dem SPD Urgestein, ein paar Lieder zu spielen. Als Gastredner war Hans Jochen Vogel eingeladen. Damals auch schon stolze achtzig Jahre. Die SPD befand sich schon mitten im Niedergang - hatte ureigene Aufgaben an die Grünen und an die Linke abgegeben und war noch nicht ganz auf dem Weg zur Splitterpartei, so wie heute. Dieser Hans Jochen Vogel zog eine gesellschaftspolitische Bilanz, das den Schröders, Steinmeiers und Müntefering, die Ohren gewackelt hätten, wenn sie da gewesen wären. Vor mir stand ein hoch gebildeter Sozialist, der aber alt war/ist und keine Repressalien zu fürchten hatte. Kein Parteiausschluss oder sonst irgendeine Entlassung. Eben elder statesman". Und hier komme ich zu meinem Vergleich mit dem vorliegenden Buch Seichtgebiete" (warum wir hemmungslos verblöden) Vorab: jeder, der noch ein wenig Grips im Schädel hat und noch nicht wirklich weiß, was medial abgeht, muss dieses Buch lesen. Jürgs hat selbst keine Hemmungen mehr, jetzt im Alter von 64 Jahren, mit gesichertem Einkommen - z.B. als ehemaliger Stern" Chefredakteur -, uns alles um die Ohren zu hauen. Dabei scheint das vordergründig lustig, wenn er sich über die Blöden hermacht, die Hartz 4 gestrandeten und sonstigem menschlichen Leergut. Die Seichtgebiete werden erobert von Primaten wie Mario Barth, Cindy aus Marzahn, etc. und dem ganzen Blödelrudel von Moderatoren und Sendungen" oder besser Prollformaten, der Privaten. Michael Jürgs hat überhaupt keine Skrupel mehr, denn wahrscheinlich hat er auch die Altersweisheitsmütze auf und ist deshalb unangreifbar. Aber egal: kein Sozialgeschwafel mehr von das Sein bestimmt das Bewusstsein" oder sonstige soziologische Plattitüden. Wer blöd ist, ist eben blöd. Und das Fernsehen macht aus den Blöden noch Blödere. Herrlich die Kapitel -Überschrift Kante statt Kant". Was sich da vor unseren gepflegten Vorgärten zusammenrottet, ich will es eigentlich gar nicht wissen, muss ich aber. Die mediale Dynamik ist unglaublich, die Grundschulen gefüllt mit Resignation und Verwahrlosung, ein Rad das sich nicht mehr zurück drehen kann. Mit big brother fing das Elend an öffentlich zu werden, natürlich gab es vorher schön genug Blödheit, aber seit dem Beklopptheit im Fernsehen angesagt ist, und man auch nur noch so selbst mal kurz ins Fernsehen kommen kann, und man eine sms auf dem Handy findet, Boah, geil, isch habdisch im Fernsehn gesehn, super", ist der Drops gelutscht. Höhepunkt des Buches ist ein (leider) fiktives Tribunal im deutschen Bundestag. Thema: Wer ist Schuld an der allgemeinen Verblödung? Und alle sind da: Bohlen, Klum, Barth, Schrowange, ach, was weiß ich, eben alle, die an dem Elend mit schuldig sind, weil sie mit"- machen. Und darauf kommt es an. So schlimm es sich anhört, und wie durcheinander der Text auch manchmal daher kommt, es ist ein Hilfeschrei nach einer Kulturrevolution. Leider ist das Wort schlimm besetzt, aber ich werde mich bemühen, es zu ersetzen, mit gleichem Inhalt und weiter gegen Verblödung ankämpfen, in dem ich z.B. meine Tochter bitte, doch Lehrerin zu werden. Die letzten Guten müssen dahin, adäquat bezahlt werden, also wie heute Studienräte, die es bei weitem nicht so schwer haben. Das Buch ist so was wie eine letzte Warnung. Unbedingt lesen und dem Autor ein paar unüberlegte Gedanken verzeihen.


Totenmesse: Kriminalroman (A-Team)
Totenmesse: Kriminalroman (A-Team)
von Arne Dahl
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Am Anfang stolpernd und dann wie geschmiert, typisch Dahl, 18. August 2009
Im Gegensatz zu Dan Browns Illuminati oder Sakrileg und ähnlich mystischer- und pseudowissenschaftlicher Prosa, ist hier der Plot nicht weiter ärgerlich. Wenn es auch um die - oder eine der sogenannten Weltformeln geht, ohne die die Menschheit angeblich nicht zu retten ist. In diesem Fall "Energie" - ist ja immer angesagt. Und am Ende des Tages verpufft alles, weil irgendwer den Wert der Formel nicht erkannt hat und das Papier, auf dem der Weg der Menschheit in eine rosige Zukunft aufgezeichnet war, mangels Tabak, weggeraucht wird. Hört sich hanebüchen an, oder? Aber nicht bei Arne Dahl. Nach wie vor ist er mein absoluter Favorit der - fast unüberschaubaren Zahl - nordischer Krimiautoren. Er ist einfach der Analytischste von allen, mit einer gehörigen Portion Wut auf die gesellschaftliche Dynamik im Allgemeinen und ihrer Auswirkung auf die Polizeiarbeit (und hier in Schweden) im Besonderen. Immer wieder spickt er punktgenaue, politische Statements von unbestechlicher Logik in seine intelligent aufgebauten Krimis ein, die wiederum mit dem jeweiligen Fall und den eifrigen Akteuren im Polizeidienst, korrespondieren. Und es ist schön mit denen älter zu werden; Paul, Kerstin, Arto Viggo, Lena, Gunnar und was weiß ich. Wie es sich für einen anständigen nordischen Krimi gehört, fangen die Handlungsstränge so an, dass man sich eigentlich nicht vorstellen kann, wie die und ob die überhaupt irgendwann zusammenfinden. Aber da kann man sich schon sicher sein. Die Spezialeinheit der Polizei in Stockholm, das sogenannte A-team, steht vor einem, nein, mehreren Rätseln. Unversehens wird aus einem Banküberfall mit Geiselnahme ein Fall mit weltpolitischer Dimension, der kalte Krieg, der Kessel von Stalingrad, die ganze Agentensuppe, die nach dem Mauerfall oder früher, sich neu orientieren muss. Und vieles interessantes mehr. Und wieder mal muss ich mir von Dahl Weltgeschichte erklären lassen und ich weiß verdammt noch mal nicht, warum ich das nicht wusste. Wurde uns das in der Schule vorenthalten? Ist der Hitler- und der Naziwahnsinn zu sehr mit der Judenvernichtung und den Weltmachtansprüchen einer hirnlosen Nazi-Elite verbunden? Dahl klärt auf: der zweite Weltkrieg wurde von Hitler begonnen zur Erlangung der Vorherrschaft im Energiebereich. In der Region um Stalingrad wurden damals Ölreserven vermutet, oder schon gefördert, mit der Hitler seinen Weltwahn zementieren wollte. Also nichts anderes als heute, siehe Golfkriege, etc.. Der erste Weltkrieg wurde verloren (nach Nazimeinung), weil Benzinnachschub für die Panzer ausblieb. (Wir hatten ja nichts) Ja, ich gebe zu, diesen Teil der Geschichte kannte ich nicht. Das über dem Kessel von Stalingrad die Luft vor Russ und von den brennenden Ölquellen nicht mehr atembar war und die Sonne auf Monate verdunkelte, ich wusste es nicht. Es kommt auch, glaube ich, in den Filmen über Stalingrad gar nicht vor. Sei` s drum. Totenmesse ist wieder mal ein spannendes Werk von Arne Dahl und absolut empfehlenswert


Abendland: Roman
Abendland: Roman
von Michael Köhlmeier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Klang der Zeit, 7. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Abendland: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es ist jetzt ca. fünf Jahre her, da habe ich von Richard Powers "Der Klang der Zeit" gelesen. Ein wunderbares Buch über eine weite Strecke des 20. Jahrhunderts vornehmlich in den USA, aber nie kommt die Welt außerhalb zu kurz. Es geht um die Geschichte zweier Brüder mit außergewöhnlichen Talenten, der eine Pianist und er andere noch ausgestattet mit einer klassischen Gesangsstimme, die auf der ganzen Welt für Furore sorgte. Eine Mischung aus Zeitgeschichte und Fiktion, Rassenhass und Familienbande und Musikbeschreibungen, ach, was weiß ich - eben ein außergewöhnliches Buch. Und nun bin ich wieder bei so einem Buch gelandet, wo die Musik und die Zeitgeschichte, eine große Rolle spielt, "Abendland", ein Buch was mich sprachlos macht. So viele Geschichten in der Geschichte, in der Geschichte, in der Geschichte - und es wird nie zuviel. Zwei Handlungsstränge überwiegen, zum einen die Lebensgeschichte des Carl Jakob Candoris und zum anderen die, ich sage mal vorsichtig, seines Biographen Sebastian Lukasser. Sebastian ist vom hoch betagten Carl gebeten worden, sein Leben zu notieren. Und das birgt schon so viel, dass es für ein eigenes Buch gereicht hätte.
Die Musik, hier ist es der Gitarren - Jazz, spielt eine große Rolle denn Sebastians Vater George Lukasser, galt in den "einschlägigen Kreisen" als Gitarrenvirtuose, bekannt wie Chet Baker oder Barney Kessel. Carl war sein Mäzen, und so eine Art Übervater, schließlich auch für den jungen Sebastian. Hier versteht Michael Köhlmeier alles zu verbinden: ich bin einfach nur begeistert, so viel 20. Jahrhundert geliefert zu bekommen, und das fast gar nicht auslässt. Vom Kolonialismus bis zur Baader - Meinhof Gruppe, Weltkriege, kalter Krieg und die Leichtigkeit des Seins, von New Yorker Jazzclubs bis nach Innsbruck, Wien und Lissabon. Vom Bau der Atombombe, in einer Unmittelbarkeit, als wären Oppenheimer und Bohr nur dazu da, für dieses Buch zu parlieren, von Agententätigkeiten und Mordplänen. Alter, Gebrechen, Prostatakrebs, Erziehungsdefizite und Bindungsschwäche. Alles in allem verbindet Köhlmeier die Geschichte mit dem Leben seiner Hauptfiguren, und es ist nicht nur ein pralles Buch, sondern auch ein wunderbarer, hochintelligenter Roman entstanden. Nicht abschrecken lassen von der Seitenzahl, jede ist es wert, nicht nur einmal gelesen zu werden.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 31, 2010 1:21 AM MEST


Frei von Schuld: Ein Fall für Mikael Brenne (Knaur TB)
Frei von Schuld: Ein Fall für Mikael Brenne (Knaur TB)
von Chris Tvedt
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Genuss ohne Reue und gut konstruiert, 13. Juli 2009
Man nehme den typischen Anwaltsallrounder, in diesem Fall Strafverteidiger, mit Marlowe -Allüren und Alkoholproblemen, Beziehungsunfähigkeiten und ständigen Geldproblemen. Schon haben wir wieder einen dieser überall in der westlichen Hemisphäre lebenden Spezies. Der Schauplatz ist diesmal Bergen in Norwegen und unser Anwalt heißt Mikael Brenne. Er steuert sich, durch seine eben beschriebenen Probleme, in eine kaum zu lösende Falle, für die er aber selbst sorgt. Der Plot ist selten genug und ich habe durchaus Respekt vor der Idee: ein Strafverteidiger vertritt den als Mörder angeklagten Mandanten und ist allerdings selber der Mörder, was erschwerend hinzu kommt. Der gordische Knoten, der hier durchhauen werden will, ist klar: er will einen angeblichen, aber durch verschiedene Indizien so gut wie überführten Mörder frei kämpfen ohne sich selbst in Verdacht zu bringen. Wir sind als Leser immer mittendrin, und verfolgen das Dilemma durchaus mit Sympathie. haben wir es doch hier mit dem üblichen skrupellosen Mafiagesocks zu tun, diesmal aus Südosteuropa, allerdings mit dem kleinen Hinweis, dass sich schließlich Brenne selbst von diesen Widerlingen hat anheuern lassen. Dazu kommt eine gesunde Mischung von Romanzen und Fehltritten und ich will es vorweg nehmen, sogar ein happy end. Das wohl deshalb, weil es ein sehr guter Debütroman ist und wir wohl bald einen nächsten Fall mit Anwalt Brenne haben werden, wahrscheinlich auch bald im Fernsehen. 22 Uhr Sonntag, ZDF. So ungefähr muss man sich das alles vorstellen. Genuss ohne Reue,


Das Spiel des Engels. Roman
Das Spiel des Engels. Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Gebundene Ausgabe

0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Seite 276 - und die Mühe ist vergessen, 13. Juli 2009
Alleine die Seite 276 aus dem "Spiel des Engels" lohnt die Lektüre des ganzen Buches. Selten habe ich eine so treffende und kompakte Erklärung dafür gelesen, warum Menschen glauben, bzw. warum es Religion überhaupt gibt. Letztendlich beliebig, weil alles aus dem gleichen Grund vorhanden: "der Glaube, jedes Ideal ist also nichts weiter als eine Fiktion?" fragt David Martin, dessen Lebensgeschichte Riuz hier beschreibt. Allerdings muss ich gleich einschränkend hinzufügen, dass mir das Buch nicht so gefallen hat wie "Der Schatten des Windes". Beim "Spiel des Engels" geht es tatsächlich um einen Engel (nur nicht so, wie man sich Engel landläufig vorstellt - der Engel verkörpert hier auch eher das Gegenteil) und als zweifelnder Mensch an metaphysischem und übersinnlichem Kram, wird man doch leicht müde. So furios das Buch startet, um so mehr Längen finden sich im zweiten Teil. Es war sogar so, dass ich im dritten Drittel drauf und dran war, das Buch zur Seite zu legen. Aber wie gesagt, die Seite 276...!


Hausaufgaben
Hausaufgaben
von Jakob Arjouni
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nervtötend gut - eine "Deutschstunde", 13. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Hausaufgaben (Taschenbuch)
An Musils "Mann ohne Eigenschaften" erinnert mich der Lehrer einer gymnasialen Oberstufe für Deutsch, Joachim Linde (geht es "Deutscher"?), der in Arjournis an die Nerven gehendes Werk, die Hauptrolle spielt. Alles geht aus von einer Deutschstunde, die an der Nazi - Schuldfrage der Deutschen und seine Auswirkungen bis heute, aus dem Ruder gerät. Hier entwickelt man eine obskure Solidarität mit dem überforderten Lehrer, aber die Geschichte hat es in sich. Der Mann selbst ist sich seiner Sache und seines Lebens nicht sicher hat aber in seinem Leben ein Riesentalent entwickelt, alles auf die anderen zu schieben. Rhetorisch durchaus gewand, windet er sich durch familiäre Katastrophen, die ein wenig den ertragbaren (auch literarisch und somit auch für den Leser) Leidensdruck übersteigen: seine Frau klinisch depressiv, Tochter suizidal und Sohn neurotisch. Da kommt viel zusammen. Und Ajourni gelingt es tatsächlich mitreißend zu erzählen. Man ist hin - und her gerissen und am Ende sogar etwas ratlos und froh, auch nicht ansatzweise in solch einer Lebens- und Umfeldsituation leben zu müssen. Unbedingt lesen.


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