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Beiträge von Anders Adebahr
Rang der Rezensentin/des Rezensenten: 35.251
Hilfreiche Bewertungen:
131
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Rezensionen verfasst von Anders Adebahr (Frankfurt am Main)
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Strategien einer neuen Ästhetik, 2. Juli 2007
Eines vorab: Wer dieses Buch als bloßes Gesprächsprotokoll liest, unterläuft die Komplexität und Ästhetik, die hier vorliegt. Erwähnt seien nur in aller Kürze die kursiv gedruckten Regieanweisungen, die teils surreale Momente enthalten sowie die Rahmung des Geschehens durch den Hinweis "Der Vorhang öffnet sich" am Anfang und "Roll back the credits,please" am Ende. Daher sind die Protagonisten nicht mit den realen Autoren zu verwechseln. Sie übernehmen vielmehr erzählerische Funktionen innerhalb des Theaterstückes.
In diesem Theaterstück geht es nicht nur um das "Sittenbild einer Generation", sondern um ästhetische Positionen am Ende eines Jahrtausends. So werden Fragen nach dem richtigen Aussehen einer EC-Karte ebenso gestellt wie Kommentare zur Ästhetik der DDR gegeben, welche in ihrer blassen Farbigkeit mit der damals aktuellen Prada-Kollektion verglichen werden. Dabei stellt der Text vor allem anderen den Ennui einer Generation aus. Sie ist dermaßen gelangweilt, das sie sich, "wenn es der Sommer 1914 wäre...freiwillig melden würden". Im Anschluß an Martin Walsers Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, in dem er sinngemäß eine Literatur fordert, die Auschwitz auch vergessen kann, liegt hier ein Statement zur Themenlosigkeit einer Generation vor. Alles ist a priori Pop oder Rock und das Problem ist der Konsens.
Dabei ist leicht zu übersehen, dass vor allem ein längerer Monolog über die Spirale, auf der sich die Menschheit bewegt, enggeführt ist mit Spinozas "sub specie aeternatis" und Nietzsches Ursuppe. Zu unterstellen, hier läge keine Literatur vor ist schlichtweg Ursache ungenauen Lesens. Die Spirale lässt sich beispielweise als Intertext zu Döblins Berlin Alexanderplatz lesen: Dort irrt der Protagonist auf einem Spiralweg durch Berlin, bis er im Irrenhaus landet und dort geläutert, beziehungsweise im Rahmen eines säkularisierten Passionsweges, erlöst wird. Daran knüpft Tristesse Royale an und überführt den Topos des entfremdeten, gefallenen Ichs in eine neue literarische Moderne.
Dieses Buch ist demzufolge auf zwei Arten lesbar: oberflächlich, als amüsantes Statement am Ende der neunziger Jahre, aber auch in die Tiefe gehend, als Stellungnahme zu literarischen Positionen zu ebendieser Zeit. Und so bewertet der Text auch: "Das Problem ist die Form, die Rollenprosa".
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Leiser Erstling, 26. Februar 2007
"Ich und du und alle,die wir kennen" ist das Erstlingswerk der Video-und Perfomancekünstlerin Miranda July.Im Rahmen des "Sundance Workshops" ausgebildet,gewann sie damit den Preis des Besten Films beim "Sundance Festival",dem amerikanischen Equivalent zum Cannes-Festival,wo der Film ebenfalls ausgezeichnet wurde.
Erzählt wird die Geschichte von Richard,der sich zu Beginn des Films seine Hand anzündet,um ein Zeichen zu setzen,denn die gleichzeitig ablaufende Trennung von seiner Frau und seinen Kindern kann er nicht bewältigen.Wie die Brandwunde an seiner Hand verheilt auch die Wunde auf seiner Seele nur langsam.Und so wird der Zuschauer mitgenommen in Episoden voller Staunen,staunen über eine Welt,in der jeder mit Schwächen und Unvollkommenheiten zu kämpfen hat,aber nie als Verlierer dargestellt wird.
Parallel werden in einzelnen Handlungssträngen,die miteinander verwoben sind,noch andere Geschichten erzählt:
Die Geschichte von Richards sechs und 14-jährigen Sohn,die bevorzugt im Internet-Chat herumhängen.Der ältere wird zum Spielball zweier Teenager,bevor er die erste Liebe kennenlernt,der jüngere trifft sich als Folge der Internet-Chats mit einer Museumsleiterin.Diese Museumsleiterin lehnt wiederum die Werke der Künstlerin Christin ab,die wiederum ein Taxi für ältere Mitbürger betreibt und sich in Richard verliebt.Und die beiden Teenager...aber es sei nicht zuviel verraten,nur,dass Miranda July hier eine sehr verwobene,mit Witz und Poesie versehene Trennungs-Liebes-Initiations-Kunst-Geschichte erzählt,die mit dem american-way-of-life spielt ohne ihn lächerlich zu machen.Mit einer Leichtigkeit,die beeindruckend ist,in Bildern,die auch versierte Cineasten staunend zurücklassen.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Trennungsängste, 26. Februar 2007
Die Berkmanns werden in diesem Film als Klischee der New Yorker Intellektuellen dargestellt: Der Vater ist ein seit längerem nicht mehr erfolgreicher linksintellektueller Schriftsteller,die Mutter beginnt gerade,nachdem sie die Kinder ins schulfähige erzogen hat,selber an ihrer Karriere als Schriftsteller (nicht erfolglos) zu arbeiten.Man fährt einen Peugeot 404,ärgert sich über die Parkplatzsituation und hört Stolz dem eigenen Nachwuchs bei der Hausmusik zu.Allerdings,an dieser Stelle bricht die Erzählung,denn der ältere Sohn Jesse gibt den vorgespielten Song (Hey You,Pink Floyd von dem Album The Wall) als seinen eigenen aus.Und dem Zuschauer wird schnell klar,dass in dieser Familie einiges nicht stimmt.Und so erzählt der Drehbuchautor und Regisseur Noah Baumbach feinfühlig und langsam die Geschichte der Scheidung der Eltern und deren Auswirkung auf die beiden Söhne.Dabei geht er nicht effekthascherisch vor,sondern ihm gelingt es,mit subtiler Beobachtungsgabe vor allem eine Entscheidung beim Zuschauer zu belassen.Es ist diejenige,wer in dieser Scheidung der "Gute" und wer der "Böse" ist.
Auffallend gut an diesem Film ist weiterhin die Kameraführung und die Farbigkeit des verwendeten Filmmaterials,dass die Bilder in matte,opake Farben taucht.
Trotzdem entlässt der Film den Zuschauer mit einem faden Beigeschmack.Als am Ende die Möglichkeit einer Versöhnung im Raum steht,findet diese nicht statt.Vielleicht gerade deswegen einer der bemerkenswerteren Filme der letzten Zeit.
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47 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Berlin im Zimmer, 26. Februar 2007
Endlich - 25 Jahre nach der Erstausstrahlung wurde anläßlich der Bienale Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" restauriert und wieder aufgeführt.Gleichzeitig gibt die Süddeutsche die restaurierte Fassung in einer umfangreichen DVD-Sammlung zu einem Schnäppchenpreis heraus.
Dabei ist die Restaurierung durchaus als gelungen zu bezeichnen, vor allem die sehr dunkle Ausleuchtung der ursprünglichen Fassung wurde erheblich verbessert.Weiterhin glänzt die Sammlung mit umfangreichen Extras zur Entstehung von Fassbinders Verfilmung.
Innerhalb der Verfilmung wird die Geschichte von Franz Bieberkopf nach der Romanvorlage von Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz erzählt.Fassbinder gelingt es,keine bloße Romanbebilderung abzuliefern,vielmehr lässt er auch hier die schon in seinen früheren Filmen eingeflossenen Erfahrungen als Theaterintendant einfliessen:Er inszeniert Berlin Alexanderplatz als Melodram,in dessen Mittelpunkt die homoerotische Beziehung zwischen Franz und Reinhold gestellt wird;ohne allerdings die Handlung der Romanvorlage außer Auge zu verlieren.
Aus Mangel an Originalschauplätzen wird die Handlung meist ins Innen verlegt,Außenaufnahmen finden nur in der sogenannten Berliner Straße,ein Straßennachbau,der auch für andere Filme genutzt wurde,statt.Berlin wird also ins Zimmer verlegt,ein Zimmer,dessen Bildkader immer gebrochen wird,sei es durch Gitterfenster oder geschickte Licht-Schatten-Einstellungen.In diesem Kammerspiel kommen vor allem anderen die phantastischen Leistungen der Schauspieler zur Geltung:Günther Lamprecht brilliert als Franz Bieberkopf,Gottfried John als dessen Gegenspieler Reinhold und Fassbinders Muse Hanna Schygulla überzeugt als Eva.
Ans Ende der Verfilmung stellt Fassbinder einen Epilog,der eine Phantasmagorie aus traumhaften Bildern und für die Zeit der Erstausstrahlung (1982) unerhörten Bildern beeinhaltet, Fassbinders "Mein Traum von Franz Bieberkopf".
Da der Roman aufgrund seiner Montage-und Collageverfahren schon sehr "filmisch" ist,sperrt er sich auf gewisse Weise gegen eine Verfilmung.Trotzdem zeigt Fassbinder,wie die Verfilmung von Literatur gelingen kann:Indem er sich traut,über die Bebilderung des Stoffes hinaus zu interpretieren und neuzuschöpfen.Bestes Indiz dafür ist die Anfangsszene des Films,in der Fassbinder in einer brillianten,ungeschnittenen Einstellung den Weg Bieberkopfs in die Freiheit inszeniert und somit mit filmischen Mitteln den unvermittelten Einstieg des Romans für den Zuschauer verständlicher macht.
Empfohlen sei die Verfilmung allerdings nur unter dem Hinweis,dass schon das Buch keine "leichte Kost" und die vorliegende Verfilmung keineswegs weniger abstrakt ist.
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Die Habenichtse
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von Katharina Hacker Gebundene Ausgabe |
| Preis: EUR 17,80 |
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| Verfügbarkeit: Gewöhnlich versandfertig in 3 bis 5 Wochen. |
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62 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Habenichtse, 6. Juli 2006
Habenichtse sind alle, aber sie sind es auf verschiedene Weise. Im Mittelpunkt des neuen Romans "Die Habenichtse" von Katharina Hacker stehen Jakob und Isabelle, Anfang dreißig, er Anwalt, sie Mitinhaberin einer Grafik-Agentur. Als Studenten waren sie ein Paar, haben sich aus den Augen verloren und am Tag der Anschläge des 11. Septembers treffen sie sich auf einer Party in Berlin wieder. Schnell wird geheiratet und nach London umgesiedelt, dies alles scheint keine tiefere Bedeutung zu haben, denn wie Isabelle treffend formuliert, "es ist so passend". Aber schon Jakobs Sicht der Dinge zeigt die Sollbruchstelle, die Hacker hier einfügt: "Er hatte lange genug darauf gewartet, und wie man es drehte und wendete, dieses Warten selbst war ein Anspruch."
In London angekommen, bricht die Beziehung an der gegenseitigen Erwartungslosigkeit von Jakob und Isabelle. Es wird schnell klar, dass beide seelische, menschliche Habenichtse sind. Dazu machen sie sich selber: Unfähig, einander zu begegnen, flüchtet sich jeder in seine eigene Welt. Jakob scheint nur für seine Arbeit zu leben und entwickelt homoerotische Tendenzen. Isabelle schwebt in einer Traumwelt, sie lässt sich auf den Drogendealer Jim ein, als Folge einer sexuellen Begierde. Die Desorientierung ihrer beiden Hauptpersonen zeigt Katharina Hacker auf, indem sie sie für sich selber sprechen lässt und keinerlei Wertung des Geschehens liefert. Dies wirkt oft beängstigend, direkt. Trotzdem zieht der Roman den Leser tief in das Geschehen hinein, beteiligt ihn vor allem indem er ihm die moralische Wertung über Jakob und Isabelle selber überlässt. Beiden bleibt nichts das Hoffen auf eine undefinierte Zukunft: "Es wird jetzt anders, sagte er leise. Ihr Gesicht war fremd und traurig, aber da waren all die Jahre, die er auf sie gewartet hatte."
Und so sind es hauptsächlich die anderen, aus ihren Lebensumständen gewordenen Habenichtse, die Katharina Hacker zum Sprechen über die Wahrheit bringt. In genauen Schilderungen der jeweiligen Milieus arbeiten sich die Figuren, die Jakob und Isabelle begegnen, am Leben ab. Jakobs Chef, vertriebener Jude, alternder Homosexueller und am Unfalltod seines jüngeren Lebensgefährten leidend, schafft es trotz dieser Mängel ein Leben im Einklang mit diesem fehlenden Besitz zu führen. Andras, als Kind aus Ungarn geflüchtet, nie in Deutschland sesshaft geworden, Geschäftspartner von Isabelle und in diese verliebt, schafft es letzten Endes sich von seiner Obsession zu Isabelle zu befreien. Er blickt der Realität ins Auge und bricht in ein neues Leben mit einer neuen Frau auf: "Als wäre, was Isabelle und ihn verband, ebenso ausgedient wie das Sofa, ein Gegenstand, der nicht länger gebraucht wurde, gleichgültig, wie viele Erinnerungen sich damit verknüpften." Dabei entscheidet er sich auch für ein Leben in Berlin und gegen einen Rückzug nach Budapest. Jim bricht am Ende des Romans aus seinem Drogenmilieu aus, in eine ungewisse Zukunft. Aber der Leser ahnt, dass die von ihm inszenierte Spirale aus Exzessen und Gewalt notwendig waren, um diesen Schritt gehen zu können.
Es sind also vor allem die Nebengeschichten, in denen Hacker dem Leser Lösungen anbietet. Diese sind pragmatisch, bitter und vom Leben gezeichnet. Aber genau hier liegt die Stärke des Romans: unverblümt wird die Verarbeitung von Schicksalen geschildert. Dabei ist kein Thema zu groß: Die Anschläge des 11. Septembers, Restitution und die damit verbundene Frage nach Gerechtigkeit, Kindesmissbrauch, Homosexualität.
Katharina Hacker gelingt etwas Großes. Sie reiht sich in die Tradition realistischen Erzählens ein und schafft gleichzeitig einen kritischen Roman über die "Generation Golf" und deren Lebensentfremdung. Die von ihr konstruierte Realität zeigt eine Welt im Zustand der Unruhe, wobei die Unruhe scheinbar äußerlich als Resultat der politischen Ereignisse herrührt: "Erinnerst Du Dich, an diesen Spruch von Bush, nichts ist, wie es war?" fragt Andras Isabelle in einer E-Mail. Die Unruhe der Welt liegt aber in den Personen selber, in ihrer subjektiven, begrenzten Perspektive. "Er (Jakob) dachte an den 11. September vor anderthalb Jahren, an seine hilflose Aufregung, die mit New York nichts zu tun hatte, an Bushs Rede, nichts, wie es war. Nichts hatte sich verändert." Am Ende wird dem Leser klar, dass Katharina Hacker Erfahrungen verkündet und es ihr nicht darum geht, vermeintliche Wahrheiten zur Weltlage zu verkünden. Der Ableich dieser Erfahrungen mit den eigenen macht dieses Buch lesenswert.
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