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Rezensionen verfasst von
fraschei

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Der Rattengott - Die Nacht der Verwandlung
Der Rattengott - Die Nacht der Verwandlung
DVD ~ Ivica Vidovic
Wird angeboten von Mediafoxx
Preis: EUR 36,22

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ostblock-Horror vom Feinsten!, 26. März 2014
Im Jahr 1982 hatte ich den Ostblock-Horrorfilm „Der Rattengott“ (Jugoslawien 1976) zum ersten Mal gesehen, und zwar im ZDF im Rahmen der von mir so geliebten Reihe „Der phantastische Film“. Der Film, der nach einer Vorlage des russischen Schriftstellers Alexander Grin („Der Rattenfänger“) entstanden ist, hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, einige Bilder haben sich meinem Gedächtnis nahezu eingebrannt. Zum Beispiel die Gesichter der Rattenmenschen mit ihren teils deutlich sichtbaren, teils angedeuteten Nagezähnen (die aussehen wie die Zähne Nosferatus in Murnaus gleichnamigem Stummfilmklassiker), ihren behaarten und spitzen Gesichtern. Oder das Fest der Rattenmenschen in der verlassenen Zentralbank, das von Fress-, Tanz- und Sexorgien geprägt ist. Es ist unbestritten, dass „Der Rattengott“ eine Parabel auf den Faschismus ist, „eine Metapher für die nationalsozialistische Unterwanderung einer wirtschaftlich geschwächten Gesellschaft“ (Marcus Stiglegger). Dennoch überrascht es, dass dieser Film anscheinend problemlos die Hürden der kommunistischen Zensur genommen hat. Denn jede Kritik am Faschismus war/ist ja gleichzeitig eine Kritik an jeder Diktatur mit Heilsversprechen und Exklusivitätsanspruch. Und Diktaturen mit Heilsversprechen und Exklusivitätsanspruch waren schließlich auch die zeitgenössischen kommunistischen Herrschaftssysteme. Wir haben es also einem „guten“ Tag der Zensoren zu verdanken, dass uns dieses Filmjuwel erhalten geblieben ist. Und wohl auch der Tatsache, dass der jugoslawische Kommunismus zu dieser Zeit nicht ganz so dogmatisch daherkam wie der sowjetische. Besonders im Bereich der Kunst.
Der Film spielt in der Tschechei 1925. Nach dem Ersten Weltkrieg befindet sich die Welt in einer Wirtschaftskrise. Anhand der Person Ivan Gajski (Ivica Vidovic) zeigt der Film die Auswirkungen dieser Krise. Jobs gibt es keine, und so verliert der erfolglose Schriftsteller, der ein wenig an den jungen Roman Polanski erinnert, seine Wohnung, weil er seit drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlt hat. Auf dem Flohmarkt will er seine letzten drei Bücher verkaufen und lernt dabei Sonja kennen, die hübsche Tochter von Professor Boskovic, die er aber zunächst wieder aus den Augen verliert. Sein Nachtquartier nimmt sich Ivan in einer verlassenen und verriegelten Zentralbank, in die er einbricht. Dort wird er Zeuge einer opulenten Orgie der feinen und reichen Gesellschaft. So scheint es zumindest. Später stellt sich heraus, dass die Gestalten nur den Anschein erwecken, Menschen zu sein. In Wirklichkeit sind es Ratten, die die Fähigkeit haben, sich in Menschen zu verwandeln und die ihnen hörigen Menschen in Mischwesen. Erklärtes Ziel ist es, geführt von einem Rattengott, die Weltherrschaft zu erlangen. Ivan nimmt Kontakt mit Sonja auf und erfährt so, dass ihr Vater, Professor Boskovic, das Geheimnis der Ratten entdeckt hat und dabei ist, ein Anti-Ratten-Spray zu entwickeln. Zusammen mit Ivan will er den Ratten nun Einhalt gebieten. Doch sowohl Stadtverwaltung als auch Gesellschaft sind schon von Rattenmenschen unterwandert. Wem kann man noch vertrauen?
Der spannende Film hat eine klare Symbolik und Sprache. In der aus Vogelperspektive gefilmten Orgie der Rattenmenschen sieht man die Anordnung der Festtische, die grafisch die Hälfte eines Hakenkreuzes darstellen. Der Rattengott wird als charismatischer Führer gezeigt, und die Hoffnung von Professor Boskovic und Ivan beruht darauf, dass der „faschistische“ Spuk vorbei sein wird, wenn es gelingt, den Rattengott zu töten. Das Thema der heimlichen Unterwanderung der Gesellschaft durch „Andere“ erinnert an viele amerikanische B-Movies aus den 50er-Jahren. Unter anderem fallen sofort Parallelen zu Don Siegels „Die Dämonischen“ aus dem Jahr 1956 auf: zum Beispiel, als die Masse der Rattenmenschen den noch nicht trasformierten Ivan Gajski entdeckt und hinter ihm herstürzt. Auch an John Carpenters „Sie leben!“ (1989) wird man erinnert, als Ivan das Rattengift auf den Straßen verteilt und durch die „enttarnten“ Rattenmenschen dann sichtbar wird, wer Mensch ist und wer nicht. Im Grunde hat der Film Ähnlichkeit mit all den fantastischen Kalter-Krieg-Filmen, die in ihren Subtexten nichts anderes verhandeln als die Angst vor heimlicher kommunistischer Unterwanderung und Gleichmacherei. „Der Rattengott“ gehört zum sogenannten Transformationshorror (Gestaltwandlerfilme). Was den Film besonders interessant macht, ist die hier andere „Stoßrichtung“ der Verwandlung. Nicht ein Mensch verwandelt sich in eine Bestie, wie zum Beispiel in allen Werwolf-Varianten oder in den „Katzenmenschen“-Filmen etc., sondern die Bestie, die Ratte, verwandelt sich in einen Menschen. Auch in den eher naturalistischeren Szenen weiß der Film Atmosphäre zu kreieren. Die Ratten werden nicht als weiße Kuscheltiere gezeigt, sondern so wie sie sind und den Menschen seit Jahrhunderten schon immer Angst eingejagt haben: als dicke, graubraune Nager mit spitzen, bedrohlich wirkenden Augen. Es sind dieser Art atmosphärische Bilder und das glaubwürdige Setting (Tschechei, 20er-Jahre), die den Film zu einem besonderen Filmerlebnis machen.


Society [Blu-ray]
Society [Blu-ray]
DVD ~ Billy Warlock
Preis: EUR 15,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitlose Gesellschaftskritik und tolle Effekte!, 5. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Society [Blu-ray] (Blu-ray)
Der Film „Society“ aus dem Jahr 1989 ist Brian Yuznas erste Regiearbeit und wohl einer seiner politischsten und bedeutendsten Filme. Die bissige Sozialkritik des Films funktioniert zeitlos. Auch und gerade heute, in den Zeiten des schamlos entfesselten Kapitalismus, liest sich „Society“ als Parabel auf aktuelle Herrschaftsverhältnisse und die zunehmende Aufspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Yuzna kritisiert Korruption, Elitedenken und die Ausbeutung der Armen, die im wahrsten Sinne des Wortes von den Reichen „ausgesaugt“ werden. In diesem Sinne haben die Mitglieder der High Society an die Unterschichten nur eine konservative Botschaft, die im Film durch den Psychiater vermittelt wird, der Bill warnt: „Menschen sind nun mal das, was sie sind, und du musst lernen, die gesellschaftlichen Regeln, die wir haben, zu akzeptieren... Wenn du diese Regeln nicht akzeptierst, wird etwas ganz Schreckliches passieren... Es gibt Menschen, die Regeln aufstellen, und es gibt Menschen, die sie befolgen müssen... Es hängt nur davon ab, als was du geboren wirst.“ Noch konkreter wird der Psychiater auf der Party im Haus von Bills „Eltern“: „Bill, du gehörst zu einer anderen Rasse als wir, einer anderen Spezies, einer ganz anderen Klasse. Man wird hineingeboren in diese Gesellschaft.“ Hier erinnert der Film stark an John Carpenters Meisterwerk „Sie leben!“ Bills Kontrahent Ted, der ebenfalls der Gesellschaft angehört, bringt es ganz undiplomatisch noch direkter auf den Punkt: „Die Reichen haben arme Schlucker wie dich immer schon geschluckt.“

Angesichts des unmenschlichen Verhaltens einiger Manager heutzutage, die ohne mit der Wimper zu zucken bereit wären, ganze Lebensentwürfe zu vernichten, nur weil arme Schlucker einen gefundenen Getränkebon einzulösen versuchen oder das letzte Brötchen eines beendeten Büfetts verspeisen wollten, ein Brötchen, das sonst im Müll gelandet wäre, kann man mit Bill auch heute noch an manche „Eliten“ die Frage richten: „Seid ihr Außerirdische?“ In John Carpenters Film sind es ja tatsächlich Außerirdische, während es sich in „Society“ wohl um eine alte Rasse handelt, die sich parallel zur menschlichen entwickelt hat. Der Film geht nicht genauer auf dieses Thema ein. Die Gefühlskälte der Mitglieder der geheimen Gesellschaft wird im Film auch symbolisiert durch das Verhalten von Bills Familie. Als Bill ihnen mitteilt, dass ein Mitschüler gestorben ist, reagieren sie kalt und uninteressiert. Seine Schwester will nur wissen, was er anzieht. „Auf der Beerdigung?“, fragt Bill. „Nein, auf der Party heute Abend.“

Der Film kommt in der ersten Hälfte noch etwas daher wie eine Teenagerkomödie, wenn auch hier schon mit klaren Anspielungen. Doch dann nimmt er schnell an Fahrt auf. Berühmt und berüchtigt ist der Film „Society“, der in Deutschland auch mal unter dem Titel „Dark Society“ veröffentlicht wurde, für seine Schlussszenen, die letzten circa 15 Minuten. Die Mitglieder der High Society mit ihren schleimigen, völlig deformierten Körpern, sinnbildlich wohl für die deformierte Psyche der Eliten, feiern eine orgiastische Party, bei der auch ein Mensch „ausgesaugt“ wird. Hier zeigt Yuzna „glitschige“, eklige Bilder, die man so noch nicht gesehen hat und sich nur mit gesundem Magen anschauen sollte. Musikalisch begleitet wird das Ganze von Johann Strauss' „An der schönen blauen Donau“. Körper verschmelzen miteinander, und manche Mitglieder der High Society, darunter bestimmt auch ein paar Banker, verwandeln sich in echte „Ar...gesichter“. Der Spezialeffekte-Künstler Joji „Screaming Mad George“ Tani hat hier ganze Arbeit geleistet. Die Botschaft am Ende des Films ist eindeutig. Hier muss einiges „umgestülpt“ werden. Das letzte Wort haben aber wieder die Mitglieder der geheimen Gesellschaft, die ankündigen, ihre Aktivitäten nun nach Washington zu verlegen...

„Society“ sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Mit seiner zeitlosen Gesellschaftskritik und den fulminanten, einmaligen Bildern gegen Ende des Films erhebt er sich weit über den Durchschnitt ähnlicher Genreproduktionen. „Society“ wurde 1990 indiziert und erhielt erst im Juli 2013 die FSK-16-Freigabe. Er liegt jetzt ungeschnitten vor.


Der skandinavische Horrorfilm: Kultur- und ästhetikgeschichtliche Perspektiven
Der skandinavische Horrorfilm: Kultur- und ästhetikgeschichtliche Perspektiven
von Niels Penke
  Broschiert
Preis: EUR 32,80

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Für Horrorfans empfehlenswert, 28. Oktober 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Zum ersten Mal wird hier der Versuch unternommen, einen Überblick über die Geschichte des skandinavischen Horrorfilms zu geben. Mit ein Grund dafür könnte der enorme Anstieg der skandinavischen Horrorfilmproduktion seit Ende der 1990er-Jahre gewesen sein. Lars von Triers TV-Serie „Geister“ hat hier sicherlich Vorarbeit geleistet. Seit 2003 kam es zu einer gefühlten Explosion der Horrorfilmproduktion. Während in der Frühphase des Films in Skandinavien durchaus eine Reihe von Klassikern des Horrorgenres geschaffen wurden wie Victor Sjöströms „Der Fuhrmann des Todes“ (SW 1921), Benjamin Christensens „Häxan“ (SW 1922) oder Carl Theodor Dreyers „Vampyr“ (DK 1932), die Ausgangspunkt einer Tradition hätten werden können, folgten bis in die 1990er-Jahre hinein nur noch ein wenig mehr als ein Dutzend Filme dieses Genres. Darunter auch Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“ (1968), ein Film, der zweifellos dem Genre des Horrorfilms zuzuordnen ist. Auch Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957) mit dem personifizierten Tod und „Die Jungfrauenquelle“ (1959) können im weitesten Sinne dem Horrorgenre zugerechnet werden. Besonders Letzterer diente Wes Craven als Inspirationsquelle für seinen Exploitation-Horrorfilm „The Last House On The Left“ (1972). In den letzten Jahren wurden wir aus Skandinavien dann mit so unterschiedlichen Filmen wie „Cold Prey“ (2006), „Frostbite“ (2006), „So finster die Nacht“ (2008), „Sauna“ (2008), „Antichrist“ (2009), „Reykjavik Whale Watching Massacre“ (2009), „Dead Snow“ (2009), „Trollhunter“ (2010) und anderen beliefert und unterhalten. Die meisten der bis jetzt erwähnten Filme sind Gegenstand der kultur- und ästhetikgeschichtlichen Untersuchungen in dem Buch. Unter anderem in komparatistischer Perspektive werden die skandinavischen Originale internationalen Horrorfilmen gegenübergestellt. So werden die Besonderheiten dänischer, norwegischer, schwedischer, finnischer und isländischer Filme (z.B. bezüglich der Rolle der Natur, Mythologie etc.) herausgearbeitet. Das Buch als Ganzes gibt gleichzeitig einen fast enzyklopädischen Überblick über die Geschichte des skandinavischen Horrorfilms und ist somit für den interessierten deutschsprachigen Leser von einzigartigem Wert.

Das Buch ist leider sehr schlecht lektoriert worden, wofür es von mir einen Stern Abzug gibt. Es ist eben keine gute Idee, dem Herausgeber, selbst wenn er auch Germanistik studiert hat, gleichzeitig das verantwortungsvolle Handwerk eines Lektors zu übertragen. Das mag dem Verlag Geld sparen, ist der Sache aber nicht dienlich. Diverse Fehler springen einen gefühlt auf jeder zweiten Seite an, und der Lektor stand definitiv auf dem Kriegsfuß mit der Kommasetzung. Hoffentlich sind die Fakten, Jahreszahlen und Namensschreibweisen in dem Buch besser kontrolliert worden! Im Beitrag von Anna-Marie Mamar („Die Figur des Todes in Victor Sjöströms Körkarlen“) ist vergessen worden (?), die schwedischen (?) Zitate ins Deutsche zu übersetzen, was besonders schade ist, da die Autorin ihre Argumentation oft mit besonders passenden Zitaten zu untermauern scheint. Selbst im akademischen Milieu wird es nicht gern gesehen, wenn „exotische“ Sprachen nicht übersetzt werden (zumindest im Anmerkungsapparat sollte das geschehen), weil es u. a. die Interdisziplinarität nicht fördert, aber in einem Buch, das sich auch an allgemein am Horrorfilm interessierte Leser wendet (das tut es doch?), ist das ein Ärgernis. Den Lese- und Verstehensprozess ebenfalls nicht erleichtert hat die Tatsache, dass nahezu sämtliche Autoren in ihren Aufsätzen durchgehend die skandinavischen Originaltitel verwenden, während die deutschen Titel sich entweder im Anmerkungsapparat verstecken oder nur einmal im Text erwähnt werden. Nach unterbrochener Lektüre (oder wenn man vor- und zurückblättert) wird man hier immer mal wieder zum „Suchen“ gezwungen. Trotz des nicht ganz leserfreundlichen Lektorats bleibt das Buch für mich dennoch eine klare Kaufempfehlung.


Im Schattenreich der Fiktionen: Studien zur phantastischen Motivgeschichte und zur unwirtlichen (Medien-)Moderne
Im Schattenreich der Fiktionen: Studien zur phantastischen Motivgeschichte und zur unwirtlichen (Medien-)Moderne
von Christian Heger
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Im Schattenreich enttäuschter Erwartungen!, 23. Oktober 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Der Titel des Buches hört sich wunderbar an und ich hatte daher schon etwas mehr erwartet. Im Vorwort erfährt man dann, dass es sich wohl um überarbeitete Hausarbeiten/Seminararbeiten etc. aus den Jahren 2001 bis 2004 handelt (der Autor hat 2009 promoviert). Den Verfasser hat es betrübt, dass „nach einmaliger Lektüre … (diese Arbeiten) auf Nimmerwiedersehen im Archiv des entsorgten Wissens (verschwinden), die Erkenntnisse von Tagen und Wochen … ungenutzt und ohne jede Leserschaft“ verdorren. Von einer einheitlichen Konzeption, die der Titel für mich suggerierte, habe ich nicht viel entdecken können. Man findet in der Tat einige Aufsätze zur „phantastischen Motivgeschichte“, aber eben auch Aufsätze mit Titeln wie „Medienpolitik à la Otto von Bismarck. Methoden der Presselenkung in Preußen und im Deutschen Kaiserreich“ oder „Gewissen contra Staatsräson. Zur Idee öffentlicher Meinung im 'Anti-Machiavel' Friedrichs des Großen“. Die Aufsätze sind zwar jetzt nicht unbedingt schlecht, befinden sich aber meiner Meinung nach auf dem Niveau von etwas besseren Seminararbeiten. Das Taschenbuch, Papier und Machart, wirkt auf mich billig und die Seiten sehen aus wie Seiten aus Seminar- oder Magisterarbeiten, nur eben verkleinert. Unter einem Buch zum Preis von 50 Euro (!!!) habe ich mir wahrlich etwas anderes vorgestellt. Solcherart Aufsätze hätte ich eher auf Websites wie Hausarbeiten.de oder ähnlichen erwartet. Ich bin wahrlich nicht jemand, der gerne Verrisse schreibt, aber wer so viel Geld für das Buch auszugeben gedenkt, sollte es sich vorher unbedingt irgendwo anschauen und drin blättern. Das ist mein Rat. Und damit mir der Autor nicht böse ist, empfehle ich uneingeschränkt seine überarbeitete und aktualisierte Dissertation zum Werk des Regisseurs Tim Burton („Mondbeglänzte Zaubernächte. Das Kino von Tim Burton“). Das ist ein fantastisches Buch! (der 5-Sterne-Rezensent hat übrigens nur 2 Bücher rezensiert, Stand: 24.10.2013, beide vom gleichen Autor. Honi soit qui mal y pense...)
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 11, 2013 11:28 PM CET


Dark Beach - Insel des Grauens [Blu-ray]
Dark Beach - Insel des Grauens [Blu-ray]
DVD ~ Geraldine Hakewill
Preis: EUR 11,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Atmosphärischer, ruhiger australischer Gruselfilm, 10. Oktober 2013
Harry (Henry James) und Beth (Geraldine Hakewill) lassen sich mit einem Boot auf eine abgelegene Insel im Great Barrier Reef bringen. Dort wollen sie in aller Abgeschiedenheit einen zehntägigen Liebesurlaub verbringen. Zur Sicherheit haben sie zwar ein Satellitentelefon dabei, doch wenn sie nichts von sich hören lassen, kommt das Boot erst wieder nach eben diesen zehn Tagen vorbei, um sie abzuholen. Für den gemeinen Westeuropäer ist das kein idyllischer Ort und keine ideale Voraussetzung für einen entspannten Campingurlaub, trotz Sonne, Strand und Meer. Doch der Meeresbiologin macht es nichts aus, zwischen kleinen Haien, Seeschlangen, Stachelrochen und giftigen Steinfischen herumzuplantschen, und auch ihr Freund sagt überzeugt: „Ich habe vor gar nichts Angst!“ Diese Worte sollte man in einem Horrorfilm niemals aussprechen ebenso wenig wie den Satz: „Ich komme gleich wieder.“

So dauert es auch nicht lange, dass den zwei scheinbar angstbefreiten Protagonisten etwas mulmig wird. Fremde Fußspuren im Sand deuten darauf hin, dass sie nicht alleine sind. Zunächst denken sie an einen Streich irgendwelcher Kids, doch nachdem sie die Insel abgesucht haben, müssen sie feststellen, dass sich dort niemand anderes aufhält. Eines Morgens entdecken sie Aufnahmen auf ihrer Videokamera, die sie nicht gemacht haben. Ein Fremder hat Beth und Harry gefilmt, während sie schliefen. Aufgeschlitzte und auf Spieße drapierte Seegurken und der Fund einer Hütte im Inselwäldchen samt Grabstätte geben ihnen den Rest, Panik zieht auf. Doch es ist zu spät, sie befinden sich bereits im Sog von Ereignissen, die sie nicht mehr kontrollieren können.

Der stilsicheren Regie von Bill Bennett gelingt es wunderbar, vor allem in der ersten Hälfte des Films, eine Atmosphäre der Bedrohung zu schaffen, und das ganz ohne Blutvergießen. Ein 360-Grad-Kameraschwenk, der mich an den aus „Tanz der Teufel 2“ erinnert hat, macht gleich am Anfang klar, wo wir uns befinden: an einem Ort, von dem es kein Entrinnen gibt. Die Abgeschiedenheit des Ortes ist ein klassisches Rezept im Horrorfilm. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Hütte im Wald handelt, die von einem Meer von Bäumen umgeben ist, oder um eine einsame Insel mit Bäumen, die von Meer umgeben ist, wie in „Dark Beach“.

Das zweite klassische Problem, das jeder Horrorfilmregisseur heute zu lösen hat, ist das der (nicht möglichen) Kommunikation. Im Backwood-Horror ist es gerne das oft bemühte Funkloch, in „Dark Beach“ verschwindet, Überraschung, das Satellitentelefon auf spukhafte Weise. Über eineinhalb Minuten dauert der erwähnte 360-Grad-Kameraschwenk, der im Grunde nichts anderes zeigt als Weite, Meer, Sand und Bäume. Und doch strahlt diese Plansequenz eine Bedrohlichkeit aus, die in bester australischer Manier an ähnlich düster-stimmungsvolle Natur-Aufnahmen aus „Picknick am Valentinstag“ (1975)) und „Long Weekend“ (1978, Remake: 2008) erinnert. Was die Inszenierung betrifft, hat „Dark Beach“ in der Tat große Ähnlichkeit mit diesen Filmen. Es ist ein leiser, feiner Gruselfilm, der mit Geräuschen, guter Kameraarbeit und einer unheimlich dichten Atmosphäre subtilen Schauer erzeugt. Die Schauspielerleistungen sind eher durchschnittlich, und das Drehbuch hätte seinen zwei Hauptdarstellern an manchen Stellen besser etwas weniger einfältiges Verhalten vorschreiben sollen. Im letzten Teil von „Dark Beach“, als sich zunehmend klärt, wer oder was hinter dem Spuk steckt, fällt der Film meiner Meinung nach zwar etwas ab, aber den insgesamt guten Gesamteindruck kann das nicht trüben. Und das Ende von „Dark Beach“, an dem eines der oben genannten unsympathischen Viecher eine Hauptrolle spielt, ist zusammen mit den letzten Einstellungen wiederum sehr gelungen.

Negative Bewertungen des Films hängen vor allem mit einer falschen Erwartungshaltung zusammen. Es ist ein ruhiger Gruselfilm, der von der Atmosphäre lebt und von der Identifikation mit den Hauptdarstellern, in deren zunehmend ausweglose Situation man sich gut hineinversetzen kann. „Dark Beach“ nimmt nur in wenigen Momenten etwas an Fahrt auf, zum Beispiel als Fischer, die illegal Haie schießen, auf die Insel kommen und Harry und Beth zusätzlich das Leben schwer machen. Mir hat der Film gut gefallen, doch wem „Picknick am Valentinstag“ und „Long Weekend“ zu unspektakulär war, der sollte auch von „Dark Beach“ besser Abstand nehmen.


Dario Argento: Anatomie der Angst
Dario Argento: Anatomie der Angst
von Michael Flintrop
  Broschiert
Preis: EUR 25,00

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Argento-Fans sollten zugreifen!, 13. September 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Ganz still und heimlich ist in deutschen Landen etwas passiert, was niemand mehr für möglich gehalten hätte: nein, nicht die Abschaffung der staatlichen Zensur in Deutschland... Erstmals ist im deutschsprachigen Raum ein Buch von über 30 hervorragenden Filmwissenschaftlern und -kennern erschienen, das sich mit dem Werk von Dario Argento befasst, einem der einflussreichsten und ungewöhnlichsten Filmemacher Europas. Warum das so außergewöhnlich ist? Dr. Marcus Stiglegger bringt es auf den Punkt: Es sind die Vertreter der deutschsprachigen Filmwissenschaft, „die anders als im englischsprachigen Raum die Bedeutung von Genrevisionären wie Argento erfolgreich im wissenschaftlichen Diskurs marginalisieren... immer dieselben Beispiele als ,Klassiker‘ glorifizieren...und (somit) für die relative Resonanzlosigkeit der deutschsprachigen Filmforschung international“ verantwortlich sind. Aber es ist nicht nur die konservative deutsche Filmwissenschaft allein, sondern die unheilige Allianz dieser mit dem perfiden staatlichen Zensursystem, das es außergewöhnlichen Filmemachern, besonders aus dem Bereich des Horrorfilms, in Deutschland so schwer macht. Umso mehr muss man den Herausgebern Michael Flintrop und Marcus Stiglegger für dieses Buch danken, das ihnen schon seit Jahren am Herzen lag.

Marcus Stiglegger gibt in seinem einführenden Aufsatz eine kenntnisreiche Einführung in das Gesamtwerk Dario Argentos. Er präsentiert einen Überblick über die unterschiedlichen Schaffensphasen des italienischen Regisseurs, dessen Kino er als „performatives Kino der Sensation“ definiert. „Sensation, da es mit Bild und Ton direkt an die Sinne des Publikums appelliert, und performativ, da es sich über narrative Logik hinwegsetzt und Bild und Klang sich verselbstständigen lässt, um diesen Angriff auf die Sinne zu garantieren.“ Besser kann man das Wesen der meisten Filme von Argento nicht beschreiben. Stiglegger fasst in seinem Beitrag weiter die für Argento typischen Stilmittel (entfesselte Kamera, suggestive Montage, irritierende Klangwelt etc.) und Motive (unschuldig involvierter Protagonist, traumatisierte Täter, Tiere, Okkultismen etc.) zusammen. Was Stiglegger zum Teil nur andeutet und beschreibt, wird in vielen der folgenden thematischen Aufsätze weiter vertieft. Allein zwei Beiträge (Dominik Graf, Marc Fehse) beschäftigen sich ausführlich mit der Musik in den Filmen Argentos. Andere Autoren untersuchen den für viele Filmarbeiten Argentos obsessiven Einsatz von Gemälden und anderen Kunstobjekten (Joanna Barck) oder analysieren die Bedeutung des (unheimlichen) Raumes in Filmen wie „Suspiria“, „Profondo Rosso“, „Tenebre“ etc. (Johannes Binotto). Jörg von Brincken betrachtet „Dario Argentos Filme im Spiegel des Grand Guignol“ und stellt besonders die innige Verbindung zwischen dem Grand-Guignol-Theater und den Filmen Argentos bzw. dem Gore-Genre als Ganzes heraus. Heiko Nemitz fragt sich in seinem Beitrag, was Dario Argento und Brian de Palma verbindet und trennt. Einen ähnlichen Ansatz hat Ingo Knott, der Dario Argento und Mario Bava vergleicht. Dabei interessiert ihn besonders, ob Argento wirklich eine Art „Bava-Jünger“ ist. Eine Aussage, mit der Dario Argento immer wieder konfrontiert wird, die er aber ebenso häufig von sich weist. Etwas mehr als die Halfte des Buches besteht aus solchen und ähnlichen Themenaufsätzen. Hervorzuheben ist hier noch, besonders für die Münchner Fans des Films „Suspiria“, der Beitrag von Sebastian Selig: „Zur Escherstraße. Eine Reise zu den Drehorten von Suspiria (1977).“ Dieser Beitrag ist auch in der Ausgabe 95 der Zeitschrift „Splatting Image“ abgedruckt. Der zweite, etwas weniger umfangreiche Teil des Buches besteht aus in der Regel vierseitigen Filmbesprechungen. 23 Werke Argentos werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln von verschiedenen Autoren besprochen. Das Buch „Dario Argento. Anatomie der Angst“ gibt einen Überblick über Filme und Facetten des italienischen Regisseurs von „Giallo“-Thrillern und Horrorfilmen und ist von enzyklopädischem Wert. Es wurde, um mit den Worten von Marcus Stiglegger zu schließen, „reich und liebevoll gestaltet, als wäre es das letzte seiner Art“. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.


Unheimliche Geschichten (1919) - inkl. "Die schwarze Katze" von Edgar Allen Poe (Filmjuwelen)
Unheimliche Geschichten (1919) - inkl. "Die schwarze Katze" von Edgar Allen Poe (Filmjuwelen)
DVD ~ Conrad Veidt
Preis: EUR 14,99

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbarer Stummfilm!, 3. September 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Der Episodenfilm „Unheimliche Geschichten“ aus dem Jahr 1919 kann als einer der ersten Gruselfilme der Filmgeschichte angesehen werden. So sahen es auch zeitgenössische Kritiker. Die „Licht-Bühne“ (Nr. 46, 15. November 1919) schrieb sechs Tage nach der Premiere: „Richard Oswald … hat nun den Film des Unheimlichen geschaffen.“ Im „Berliner Tageblatt“ vom 8. November 1919 war zu lesen: „Zum ersten Mal ist hier eine Reihe von Filmeinaktern geboten, die auf einen ganz bestimmten Ton, den des Unheimlichen, gestimmt sind.“ Richard Oswalds „Unheimliche Geschichten“ besteht aus fünf Episoden plus Rahmenhandlung. In einem Buchantiquariat steigen um Mitternacht der Tod, der Teufel und eine Dirne von den Wänden, wo sie eingerahmt als Bilder hingen, und erzählen sich gegenseitig fünf Gruselgeschichten. Conrad Veidt (der Tod), Reinhold Schünzel (der Teufel) und Anita Berber (Dirne) spielen auch in diesen fünf Geschichten die Hauptrollen. Erzählungen bekannter Autoren wie u. a. Robert Louis Stevenson oder Edgar Allan Poe dienten als Vorlage. Besonders die Episode „Die schwarze Katze“ nach Edgar Allan Poe dürfte dem Freund des gepflegten Grusels bekannt vorkommen, wurde sie doch schon etliche Male verfilmt. Hier zeigt Reinhold Schünzel als betrunkener Ehemann, der seine Frau im Keller einmauert, eine herausragende schauspielerische Leistung. In „Die Erscheinung“ geht es um eine Frau, die nachts in einem Hotel eincheckt und über Nacht verschwindet. „Die Hand“ handelt von der Hand eines Ermordeten, die den Täter noch aus dem Jenseits verfolgt. „Der Selbstmörder-Klub“ erzählt die Geschichte eines Polizeikommissars, der in einen Geheimbund gerät und plötzlich um sein Leben fürchten muss. In „Der Spuk“ vertreibt ein eifersüchtiger Ehemann seinen Nebenbuhler auf gruselige Art und Weise. Conrad Veidt, bekannt als Somnambuler Cesare aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), kann in „Unheimliche Geschichten“ noch mehr Facetten seines Könnens zeigen als in dem Horrorfilmklassiker von Robert Wiene. Ein wahrhaft charismatischer Schauspieler, der hohlwangig und hochgewachsen, mit seiner Mimik, Ausstrahlung und einmaligen Leinwandpräsenz auch heute noch jeden Film bereichern würde. Mal hat er mich an Udo Kier erinnert, dann wieder an Julian Sands und andere Hollywoodgrößen. Skandalnudel und (Nackt-)Tänzerin Anita Berber komplettiert das wunderbar aufspielende Trio und kann in einer Episode („Die Hand“) sogar ihr tänzerisches Talent aufblitzen lassen. Es war ein großer Verlust, dass sie, durch ein ruheloses, „unmoralisches“ Leben und Drogenkonsum geschwächt, schon neun Jahre später (1928) mit nur 29 Jahren an Tuberkulose starb. Das Zusammenspiel der drei erwähnten Schauspieler ist meisterhaft und trägt wesentlich zur Qualität der „Unheimlichen Geschichten“ bei. Daneben ist es die gekonnte Inszenierung durch Richard Oswald und der sparsame Einsatz der Texttafeln, die diesen frühen Gruselfilm auszeichnen. Besonders die wenigen Zwischentitel und die Kürze der Episoden (Gesamtdauer: 99 Minuten) macht „Unheimliche Geschichten“ auch für Stummfilm-Einsteiger interessant und leicht konsumierbar. Der Gruselfaktor hält sich für den heutigen Betrachter allerdings in Grenzen, hier kommt Richard Oswalds Episodenfilm nicht an die Klassiker von Robert Wiene („Das Cabinet des Dr. Caligari“) und Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, 1922) heran. „Unheimliche Geschichten“ ist in der Reihe „Juwelen der Filmgeschichte“ erschienen, und das zu Recht. Seine filmhistorische Bedeutung liegt darin, dass er in Ansätzen ein frühes Beispiel für den expressionistischen Gruselfilm darstellt, der nach dem Ersten Weltkrieg, besonders mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“, den Weltruf des deutschen Kinos begründete.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 27, 2014 1:46 PM CET


Der Rattengott - Die Nacht der Verwandlung - Mediabook
Der Rattengott - Die Nacht der Verwandlung - Mediabook
DVD ~ Ivica Vidovic
Wird angeboten von Mediafoxx
Preis: EUR 59,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ostblock-Horrorklassiker endlich auf DVD!, 1. September 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Im Jahr 1982 hatte ich den Ostblock-Horrorfilm „Der Rattengott“ (Jugoslawien 1976) zum ersten Mal gesehen, und zwar im ZDF im Rahmen der von mir so geliebten Reihe „Der phantastische Film“. Der Film, der nach einer Vorlage des russischen Schriftstellers Alexander Grin („Der Rattenfänger“) entstanden ist, hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, einige Bilder haben sich meinem Gedächtnis nahezu eingebrannt. Zum Beispiel die Gesichter der Rattenmenschen mit ihren teils deutlich sichtbaren, teils angedeuteten Nagezähnen (die aussehen wie die Zähne Nosferatus in Murnaus gleichnamigem Stummfilmklassiker), ihren behaarten und spitzen Gesichtern. Oder das Fest der Rattenmenschen in der verlassenen Zentralbank, das von Fress-, Tanz- und Sexorgien geprägt ist. Es ist unbestritten, dass „Der Rattengott“ eine Parabel auf den Faschismus ist, „eine Metapher für die nationalsozialistische Unterwanderung einer wirtschaftlich geschwächten Gesellschaft“ (Marcus Stiglegger). Dennoch überrascht es, dass dieser Film anscheinend problemlos die Hürden der kommunistischen Zensur genommen hat. Denn jede Kritik am Faschismus war/ist ja gleichzeitig eine Kritik an jeder Diktatur mit Heilsversprechen und Exklusivitätsanspruch. Und Diktaturen mit Heilsversprechen und Exklusivitätsanspruch waren schließlich auch die zeitgenössischen kommunistischen Herrschaftssysteme. Wir haben es also einem „guten“ Tag der Zensoren zu verdanken, dass uns dieses Filmjuwel erhalten geblieben ist. Und wohl auch der Tatsache, dass der jugoslawische Kommunismus zu dieser Zeit nicht ganz so dogmatisch daherkam wie der sowjetische. Besonders im Bereich der Kunst.
Der Film spielt in der Tschechei 1925. Nach dem Ersten Weltkrieg befindet sich die Welt in einer Wirtschaftskrise. Anhand der Person Ivan Gajski (Ivica Vidovic) zeigt der Film die Auswirkungen dieser Krise. Jobs gibt es keine, und so verliert der erfolglose Schriftsteller, der ein wenig an den jungen Roman Polanski erinnert, seine Wohnung, weil er seit drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlt hat. Auf dem Flohmarkt will er seine letzten drei Bücher verkaufen und lernt dabei Sonja kennen, die hübsche Tochter von Professor Boskovic, die er aber zunächst wieder aus den Augen verliert. Sein Nachtquartier nimmt sich Ivan in einer verlassenen und verriegelten Zentralbank, in die er einbricht. Dort wird er Zeuge einer opulenten Orgie der feinen und reichen Gesellschaft. So scheint es zumindest. Später stellt sich heraus, dass die Gestalten nur den Anschein erwecken, Menschen zu sein. In Wirklichkeit sind es Ratten, die die Fähigkeit haben, sich in Menschen zu verwandeln und die ihnen hörigen Menschen in Mischwesen. Erklärtes Ziel ist es, geführt von einem Rattengott, die Weltherrschaft zu erlangen. Ivan nimmt Kontakt mit Sonja auf und erfährt so, dass ihr Vater, Professor Boskovic, das Geheimnis der Ratten entdeckt hat und dabei ist, ein Anti-Ratten-Spray zu entwickeln. Zusammen mit Ivan will er den Ratten nun Einhalt gebieten. Doch sowohl Stadtverwaltung als auch Gesellschaft sind schon von Rattenmenschen unterwandert. Wem kann man noch vertrauen?
Der spannende Film hat eine klare Symbolik und Sprache. In der aus Vogelperspektive gefilmten Orgie der Rattenmenschen sieht man die Anordnung der Festtische, die grafisch die Hälfte eines Hakenkreuzes darstellen. Der Rattengott wird als charismatischer Führer gezeigt, und die Hoffnung von Professor Boskovic und Ivan beruht darauf, dass der „faschistische“ Spuk vorbei sein wird, wenn es gelingt, den Rattengott zu töten. Das Thema der heimlichen Unterwanderung der Gesellschaft durch „Andere“ erinnert an viele amerikanische B-Movies aus den 50er-Jahren. Unter anderem fallen sofort Parallelen zu Don Siegels „Die Dämonischen“ aus dem Jahr 1956 auf: zum Beispiel, als die Masse der Rattenmenschen den noch nicht trasformierten Ivan Gajski entdeckt und hinter ihm herstürzt. Auch an John Carpenters „Sie leben!“ (1989) wird man erinnert, als Ivan das Rattengift auf den Straßen verteilt und durch die „enttarnten“ Rattenmenschen dann sichtbar wird, wer Mensch ist und wer nicht. Im Grunde hat der Film Ähnlichkeit mit all den fantastischen Kalter-Krieg-Filmen, die in ihren Subtexten nichts anderes verhandeln als die Angst vor heimlicher kommunistischer Unterwanderung und Gleichmacherei. „Der Rattengott“ gehört zum sogenannten Transformationshorror (Gestaltwandlerfilme). Was den Film besonders interessant macht, ist die hier andere „Stoßrichtung“ der Verwandlung. Nicht ein Mensch verwandelt sich in eine Bestie, wie zum Beispiel in allen Werwolf-Varianten oder in den „Katzenmenschen“-Filmen etc., sondern die Bestie, die Ratte, verwandelt sich in einen Menschen. Auch in den eher naturalistischeren Szenen weiß der Film Atmosphäre zu kreieren. Die Ratten werden nicht als weiße Kuscheltiere gezeigt, sondern so wie sie sind und den Menschen seit Jahrhunderten schon immer Angst eingejagt haben: als dicke, graubraune Nager mit spitzen, bedrohlich wirkenden Augen. Es sind dieser Art atmosphärische Bilder und das glaubwürdige Setting (Tschechei, 20er-Jahre), die den Film zu einem besonderen Filmerlebnis machen. Der Film ist in einem wie ich finde wunderbar gestalteten, auf 500 Stück limitierten Mediabook als DVD erschienen. Es enthält ein Booklet mit einem kurzen Aufsatz von Filmkenner Marcus Stiglegger mit dem Titel „Transformationshorror als politische Metapher in Der Rattengott“.


The Story of Film - Die Geschichte des Kinos [5 DVDs]
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DVD ~ Alexander Sokurow
Preis: EUR 42,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unterhaltsam und informativ!, 27. August 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
„Es ist an der Zeit, die Filmgeschichte, wie wir sie in unseren Köpfen haben, neu zu skizzieren. Sie ist sachlich ungenau und durch Auslassungen rassistisch.“ Die Stimme aus dem Off (im Deutschen Kinokritiker Knut Elstermann) macht uns neugierig auf 15 Stunden Filmgeschichte des nordirischen Filmkritikers Mark Cousins, die auf seinem Buch basiert, das 2004 erschien. 15 Stunden Filmgeschichte von den Anfängen bis (fast) zur Gegenwart. Schon am Anfang weist Cousins auf die wichtige Rolle hin, die Frauen in den Anfängen Hollywood spielten. In allen circa einstündigen Folgen lenkt er die Aufmerksamkeit des Zuschauers immer auch auf die Entwicklungen des asiatischen, lateinamerikanischen oder afrikanischen Films. Und das alles, ohne dabei die traditionelle Filmgeschichte zu vernachlässigen. Dass er durch diese erweiterte Perspektive zu neuen Erkenntnissen kommt, liegt auf der Hand. Einstellungen, für die Orson Welles bekannt ist und die ihm zugeschrieben werden, gab es schon vorher im japanischen Kino, so Cousins. Er behauptet so etwas nicht nur, sondern zeigt es uns auch.

„The Story of Film“ ist nicht nur eine Filmgeschichte, es ist ein Lehrwerk über Filmästhetik und Filmtheorie, das jeder Cineast in seiner privaten Sammlung stehen haben sollte. Unendlich viele Sequenzen und Szenen aus bekannten und weniger bekannten Filmen werden genauestens analysiert. Allein die Auswahl dieser Ausschnitte lässt den Filmliebhaber mit der Zunge schnalzen. Und ganz nebenbei kann man sein Filmwissen auffrischen und erfährt etwas über Parallelmontage, Perspektiven und Kameraeinstellungen, Eisensteins Montagekunst, die Bedeutung des Schnittes, eigentlich über alles, was man wissen muss, um Filme adäquat beurteilen zu können. Immer wieder zeigt uns Cousins auch Beispiele für Filmzitate, d. h. wie Szenen und Motive aus älteren Filmen in neueren Werken Verwendung finden oder als Inspirationsquelle dienten. Schauspieler(leistungen) werden gewürdigt, und in zahlreichen Interviews lernt man Stars, Filmschaffende und Kritiker und deren Ansichten kennen. Das alles begleitet und kommentiert von Filmbeispielen. Man möchte sich am liebsten eine Folge dieser Dokumentation nach der anderen ansehen. Und wenn man sich später einen Film anschaut, den auch Cousins unter die Lupe genommen hat, sieht man diesen bewusster und manchmal auch mit anderen Augen...


Schwarze Messe der Dämonen - Uncut [Blu-ray] [Limited Edition]
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DVD ~ Carla Gravina
Wird angeboten von Mediafoxx
Preis: EUR 42,49

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geheimtipp für Freunde des Exorzistenfilms!, 21. August 2013
Der Erfolg von William Friedkins „Der Exorzist“ 1973 hat eine wahre Welle an Nachfolgern auf den Plan gerufen. Einer von ihnen ist „Schwarze Messe der Dämonen“ (AT: „Der Antichrist“) aus dem Jahr 1974. Die Italiener waren gerade in den 70er-Jahren wahre Meister darin, Rip-offs von erfolgreichen Blockbustern zu drehen. Und diese Filme waren oft gar nicht so schlecht, zeigten eine ganz eigene Atmosphäre und einen typisch italienischen Stil. „Schwarze Messe der Dämonen“ ist ein Beispiel für so einen gelungenen Film. Er geht in vielen Bereichen weiter als „Der Exorzist“ und dringt tiefer in die Problematik und Ursachen der Besessenheit ein. Der Teufel sucht sich seine Opfer nicht willkürlich aus, sondern erwählt die Personen, die ihm am anfälligsten erscheinen. Von sexueller Begierde erfüllt, sehnt sich Ippolita nach einem Mann und einer Partnerschaft. Sie versucht alles, um ihre Lähmung zu überwinden. Sie hofft auf Wunderheilung durch eine Madonnen-Statue und lässt sich von einem Psychiater hypnotisieren. Aber weder Religion noch Wissenschaft können sie von ihrem Leid erlösen. Und in diesem schwachen Moment, erfüllt von Enttäuschung, unerfüllter Begierde und Hass auf den Vater, schlägt der Teufel zu und holt sich sein Opfer. So gesehen steckt in „Schwarze Messe der Dämonen“ mehr Gesellschaftskritik als in „Der Exorzist“, und die Besessenheit ist kein quasi zufälliges Ereignis, sondern erscheint folgerichtig.

Eindringlich zeigt der Film die Entwicklung der braven Ippolita zur vom Teufel besessenen Furie, wobei Carla Gravina, die die Ippolita spielt, schauspielerisch eine tolle Leistung abliefert. Setting, Kostüme, Masken und die wundervoll atmosphärisch fotografierten Bilder tragen ihren Teil zum gelungenen Gesamteindruck bei. Wunderbar auch, dass es hier noch etwas übersinnlicher zugeht als zum Beispiel in „Der Exorzist“: Mal schwebt die besessene Ippolita aus dem Fenster heraus und hinein, dann trennt sich ein Arm von ihrem Körper, schwebt durchs Zimmer und hat nichts Gutes im Sinn. Das alles ist gekonnt inszeniert und wirkt keinesfalls unfreiwillig komisch. Beeindruckend sind auch die Bilder eines Teufelspakts aus dem Mittelalter, ein Ritus, in dem Ippolitas seelenverwandte Vorgängerin, eine „Hexe“, sich dem Teufel anbietet. Leitmotivisch zieht sich darüber hinaus das Motiv einer geköpften Kröte durch den ganzen Film, und wir erfahren, dass nicht nur Franzosen an dem Froschgetier ihren gefallen finden. Oder musste hier jemand ganz unfreiwillig eine Kröte schlucken? Wie dem auch sei, der Film gefällt durch seinen Ideenreichtum (er ist keineswegs ein Plagiat von „Der Exorzist“), seine Atmosphäre, eine nachvollziehbare und spannend erzählte Geschichte und engagierte Darsteller. „Schwarze Messe der Dämonen“ ist ein absoluter Geheimtipp für Freunde des Exorzistenfilms.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 30, 2013 12:32 PM MEST


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