Profil für MissVega > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von MissVega
Top-Rezensenten Rang: 1.277
Hilfreiche Bewertungen: 5914

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
MissVega (Hamburg)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
13 Sins
13 Sins
DVD ~ Mark Webber
Preis: EUR 12,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Game of Death, 20. September 2014
Rezension bezieht sich auf: 13 Sins (DVD)
(kinoversion)

Der Hamburger Regisseur Daniel Stamm wurde 2010 bekannt mit seinem Film "The Last Exorcism", der gar nicht mal so schlecht war. Vier Jahre später macht er erneut auf sich aufmerksam, wenn auch nur mit dem amerikanischen Remake eines thailändischen Films ("13: Game of Death") von 2006. Stamm gelang es, die Schwächen des Originals, das mit 114 Minuten deutlich zu lang geraten war, auszumerzen, nicht jedoch, aus dem Remake einen rundum gelungenen Film zu machen. Dennoch, "13 Sins" ist durchaus einen Blick wert, denn der 93minütige Film ist definitiv spannend, auch wenn er inhaltlich nicht immer ganz überzeugen kann.

Für Elliot (Mark Webber, "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt") läuft es gerade gar nicht gut. Die Frau ist schwanger, die Hochzeit steht an und will bezahlt werden, dazu kommen das Geld, das er für die Versorgung seines behinderten Bruders aufbringen muss und der drohende Einzug des verhassten und rassistischen Vaters aufgrund der Schließung des Altenheims. Als Mark dann auch noch seinen Job verliert, drohen die finanziellen und persönlichen Schwierigkeiten überhand zu nehmen. Da erhält Mark einen Anruf. Wenn er bereit ist, für eine Gameshow insgesamt 13 Aufgaben zu bewältigen, wird er mit zehn Millionen Dollar belohnt. Bereits für jede einzelne erfüllte Aufgabe erhält er sofort Geld auf sein Konto. Mark zögert noch, als er hört, dass er für die erste Aufgabe lediglich eine Fliege töten soll. Er schlägt zu und erhält 1.000 Dollar. Die zweite Aufgabe besteht darin, die Fliege zu essen. Auch hier erfüllt Mark die Aufgabe, wenn auch widerwillig. Doch leider bleibt es nicht dabei, solche vermeintlich einfachen Aufgaben zu lösen. Die an ihn gestellten Anforderungen werden zunehmend schwerer und vor allem moralisch immer verwerflicher. Er soll ein Kind zum Weinen bringen, eine Krippe verbrennen und einem Mann den rechten Unterarm absägen. Mark beginnt zu begreifen, auf was für ein furchtbares Spiel er sich da eingelassen hat. Doch es gibt kein Zurück mehr, Mark muss Aufgabe um Aufgabe erfüllen, wenn er das Geld behalten will. Schon bald sitzt ihm die Polizei in Form von Detective Chilcoat (Ron Perlman, "Sons of Anarchy") im Nacken und der mysteriöse Spielleiter scheint sowieso immer zu wissen, wo Mark ist und ob er sich an die Abmachung hält. Gelingt es Mark, alle Aufgaben zu erfüllen und vor allem, wird er das überhaupt überleben?

Stamm hat von der Originalstory nur das Gerüst übernommen und der Geschichte ansonsten seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Er hat sowohl die familiäre Situation des Protagonisten verändert als auch die meisten der von ihm zu erfüllenden Aufgaben. Auch das Ende ist gänzlich anders als beim Original (dabei aber nur marginal besser). "13 Sins" ist spannend und meist auch recht zügig inszeniert und man fiebert durchaus mit dem Protagonisten mit. Die zunehmende Erkenntnis, in was Mark da hineingeraten ist, ist dem Zuschauer natürlich von Anfang an klar. Zehn Millionen Dollar gewinnt man schließlich nicht einfach so und mit Sicherheit nicht, indem man nur seinen Ekel vorm Fliegenessen überwinden muss. Dennoch ist es interessant mitanzusehen, wie Mark mehr und mehr begreift, was er sich da eingehandelt hat und wie verzweifelt er versucht, aus dieser Situation wieder herauszukommen…ohne auf das Geld verzichten zu müssen, das wirklich all seine Probleme lösen würde. Allerdings nur die Probleme, die er hatte, bevor er das Spiel begonnen hat. Durch seine Teilnahme kommen immer neue Probleme hinzu, und die sind teilweise nicht durch Geld zu lösen.

Stamm inszeniert den moralischen Verfall seines Antihelden souverän und temporeich und schreckt dabei auch vor wirklich makaberen Aufgaben für seinen Protagonisten nicht zurück. Was Mark im Laufe einer Nacht alles tun muss, ist wirklich starker Tobak. Atemlos verfolgt man, wie die Aufgaben immer schlimmer und grausamer werden…und beginnt sich an irgendeinem Punkt zu fragen, warum Mark nicht doch einfach aufhört und Geld Geld sein lässt. Er kann jederzeit aussteigen, wenn er bereit ist, auf den bisher erzielten Gewinn zu verzichten. Das wirft natürlich die Frage auf (und das hat Stamm natürlich so beabsichtigt), wie weit man selbst gehen würde und bei welcher Aufgabe man die Notbremse ziehen würde.

Leider bleibt Stamm dem Zuschauer ein wirklich gelungenes Ende schuldig. Er findet zwar einen recht guten Weg, seine Geschichte aufzulösen, aber so richtig zufriedenstellend ist es dann doch nicht. Vor allem nicht, als der Regisseur, der nach dem Film anwesend war, erzählt hat, dass es noch zwei alternative Enden gab. Eins davon hat mir richtig gut gefallen und ich hätte es als viel passender für den Film gefunden. Vielleicht schaffen es die anderen Enden ja auf die DVD, dann kann man sich selbst ein Bild machen.

Darstellerisch gibt's nichts zu meckern. Mark Webber meistert seinen nicht ganz einfachen Part vom angepassten Angestellten zum verbissenen Kämpfer um Geld, Moral und Seelenfrieden souverän. Der restliche Cast erhält leider nicht genug Screentime, um wirklich aufzufallen. Aber auch Ron Perlman als Cop, Devon Graye ("Dexter") als geistig behinderter Bruder, Tom Bower ("The Hills have Eyes") als widerwärtiger Vater oder Pruitt Taylor Vince als paranoider Schnüffler können hier überzeugen.

"13 Sins" ist ein ordentlicher, spannender Thriller mit kleinen Mankos, die aber letztendlich verschmerzbar sind. Zwar geht Stamm die Logik manchmal ein wenig abhanden und auch das Ende ist für meinen Geschmack nicht konsequent genug, aber dennoch besticht der Film durch die unangenehmen Fragen, die er zwangsläufig beim Zuschauer aufwirft und die wirklich üblen Aufgaben, die Mark hier meistern muss. Die Story schreitet zügig voran und eine Handvoll schön blutiger, makaberer Szenen gibt es noch dazu. Stamm wirkt gereift und routiniert bei seinem aktuellen Film und ist darüber hinaus ein wirklich sympathischer, offener und witziger Mann. In der Summe ergo sehr gute drei von fünf Anrufen, die man vielleicht besser nicht hätte annehmen sollen.


Mit ganzer Kraft - Hürden gibt es nur im Kopf
Mit ganzer Kraft - Hürden gibt es nur im Kopf
DVD ~ Jacques Gamblin
Preis: EUR 15,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Iron Man, 10. September 2014
(Kinoversion)

Nils Tavernier hat mit seinem aktuellen Film ein berührendes Vater-Sohn-Drama geschaffen, das sowohl für Toleranz wirbt als auch mit einigen Vorurteilen Behinderten gegenüber aufräumt und so zu einem zwar recht vorhersehbaren und stereotypen, aber dennoch herzerwärmenden und schönen Film geworden ist.

Der 17jährige Julien (Fabien Héraud in seiner ersten Rolle) ist von Geburt an leicht geistig behindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Mutter Claire (Alexandra Lamy) kümmert sich rührend und vor allem so gut wie immer allein um ihren Sohn. Juliens Vater Paul (Jacques Gamblin, "C'est la vie") kommt mit der Behinderung seines Sohnes nicht klar und glänzt jobbedingt vorwiegend durch Abwesenheit. Als er jedoch arbeitslos wird, ist er gezwungen, mehr Zeit zu Hause zu verbringen, als ihm lieb ist. Julien sieht seine Chance gekommen, seinen abweisenden Vater doch noch für sich zu gewinnen und schlägt ihm vor, zusammen am Iron-Man-Wettbewerb in Nizza teilzunehmen, da er herausgefunden hat, das schon mal ein Vater mit seinem behinderten Sohn an diesem Wettkampf teilgenommen hat. Erwartungsgemäß sträubt Paul sich rigoros gegen die Bitte seines Sohnes, lenkt jedoch erstaunlicherweise irgendwann ein. So beginnen Vater und Sohn das schwierige Training. Paul baut für sich und Julien ein spezielles Fahrrad und einen Rollstuhl, der es Julien ermöglicht, am Wettbewerb teilzunehmen, wenn auch natürlich die körperliche Arbeit allein bei Paul liegt. Doch durch das gemeinsame Training und vor allem das Ziel, das beide erreichen wollen, scheint sich tatsächlich ganz langsam eine Beziehung zwischen Vater und Sohn zu entwickeln. Doch der Iron Man ist einer der härtesten Wettkämpfe der Welt und Paul nicht mehr der Jüngste…werden die Beiden es schaffen, nicht nur teilzunehmen, sondern den Wettbewerb auch über alle drei Disziplinen durchzustehen?

"Mit ganzer Kraft" ist ein geradlinig erzählter Film, der zwar nicht um einige gängige Klischees herumkommt, dem es aber dennoch gelingt, mit seiner einfachen Geschichte die Herzen der Zuschauer zu berühren. Bereits die erste Szene des Films macht deutlich, dass Vater und Sohn gemeinsam an dem Wettbewerb teilnehmen werden, somit ist der Ausgang von Juliens Kampf um die Gunst seines Vaters, der die erste Filmhälfte bestimmt, von vorneherein klar. Dennoch ist es spannend mitanzusehen, wie Julien mit seinen leicht begrenzten sprachlichen Mitteln und seiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit verbissen darum kämpft, von seinem Vater endlich wahrgenommen zu werden.

Und damit hat er es wirklich nicht leicht. Paul ist ein wortkarger, verbissener und zurückhaltender Mann, der sich kaum für seine Familie interessiert und lieber einen Job nach dem anderen annimmt, der ihn für Wochen oder Monate von seinem Zuhause fernhält. Seine Frau Claire ist zunehmend frustriert, weil sie sich ganz alleine um Julien kümmern muss und nebenbei auch noch arbeiten geht. Sie ist enttäuscht von Paul und leidet unter der Distanziertheit und Gleichgültigkeit, die Paul sowohl ihr als auch seinem Sohn entgegenbringt. Dennoch ist sie nicht begeistert, als sie von Juliens Plänen erfährt, da sie das alles für viel zu gefährlich hält. Um jedoch das erstmals aufwallende Interesse Pauls für seinen Sohn nicht zu gefährden, stimmt sie letztendlich zu und Vater und Sohn beginnen das eisenharte Training in den Disziplinen Schwimmen, Laufen und Radfahren. Paul baut sogar eigens ein spezielles Fahrrad, auf dem er Julien transportieren kann und lässt einen besonderen Sitz für den Rollstuhl anfertigen, den er während des Laufens vor sich herschieben kann. Je mehr und je länger die Beiden trainieren, umso mehr wachsen sie zu einem Team zusammen, selbst, wenn ihnen ein paar Hürden in den Weg gestellt werden.

"Mit ganzer Kraft" ist natürlich sehr vorhersehbar und an manchen Stellen bewusst rührselig inszeniert. Doch irgendwie macht das überhaupt nichts, da Regisseur Tavernier seine Geschichte so authentisch und berührend erzählt, dass man ihm diese kleinen Schwächen gern verzeiht.

Die Schauspieler liefern glaubwürdig ab, sogar der im wirklichen Leben ebenfalls behinderte Fabien Héraud, der seine erste Filmrolle unbekümmert und mit sichtlichem Spaß an der Sache meistert. Jacques Gamblin ist ein alter Schauspiel-Hase, den diese Rolle vor keine große Herausforderung stellt und dem die Wandlung vom griesgrämigen Einsiedler zum engagierten Vater somit bestens gelingt. Alexandra Lamy als besorgte und hoffnungsvolle Mutter überzeugt ebenfalls, und die vielen Nebenrollen, teilweise von weiteren Behinderten gespielt, runden den Film darstellerisch perfekt ab.

Trotz ernstgemeinter Botschaft ist "Mit ganzer Kraft" ein Feelgood-Film, dessen 86 Minuten wie im Flug vergehen. Man fiebert gespannt mit, wie Vater und Sohn sich langsam annähern und bald schon als eingeschworenes Team einen der härtesten Wettkämpfe der Welt bestreiten. Der Film geizt nicht mit anrührenden Momenten, aber auch Humor und das sehr sensible Werben um Toleranz im Umgang mit Behinderten und das Ablegen von Berührungsängsten ihnen gegenüber kommen nicht zu kurz. Tavernier hat also alles richtig gemacht, auch wenn er "nur" eine kleine Geschichte erzählt, die sicherlich nicht Millionen ins Kino locken wird. "Mit ganzer Kraft" ist ein schöner, wahrer und berührender Film, der einen mit einem wirklich guten Gefühl wieder aus dem Kino entlässt. Somit gerne vier von fünf Wettkämpfen, die es sich anzutreten lohnt.


Die Komplizin: Thriller
Die Komplizin: Thriller
von Nicci French
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3.0 von 5 Sternen Tödlicher Sommer, 6. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Komplizin: Thriller (Gebundene Ausgabe)
Das Ehepaar Nicci Gerard und Sean French schreibt unter dem Pseudonym Nicci French seit mehr als 15 Jahren zusammen britische Thriller. Davon sind einige mehr, andere weniger gut gelungen. Vielen ist jedoch gemein, dass ein undurchsichtiger, charmanter, aber letztendlich verdorbener oder verlorener männlicher Protagonist eine entscheidende Rolle spielt. Solcherlei Charaktere tauchen in schöner Regelmäßigkeit in Gerards und Frenchs Romanen auf, so auch im 2011 erschienenen Thriller "Die Komplizin", der mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich ist. Der Roman ist nicht ihr bestes Werk, dennoch wurde hier ein äußerst solider Thriller abgeliefert, dem es gelingt, sein Geheimnis recht lange für sich zu behalten und den Leser somit zum fröhlichen Rätselraten um den Täter einlädt.

Ein langer, heißer Londoner Sommer liegt vor Musiklehrerin Bonnie Graham, in dem sie ihre ungemütliche Wohnung renovieren und ansonsten das schöne Wetter genießen will. Doch leider begeht sie den Fehler, einer alten und ihr nicht mal besonders sympathischen Freundin zuzusagen, als diese sie bittet, auf ihrer Hochzeit für musikalische Untermalung zu sorgen. Denn eigentlich hat Bonnie dazu gar keine Lust, fühlt sich nun aber verpflichtet, ihr gegebenes Wort zu halten. Also gründet sie flugs und nur für diesen einen Auftritt eine bunt zusammengewürfelte Band, die unter anderem aus Ex-Schülern und -freunden besteht, einer Schulkollegin und dem egozentrischen Hayden, den Bonnie kurz zuvor kennengelernt hat. Man rauft sich musikalisch und menschlich mehr schlecht als recht zusammen und auch Bonnies heimliche Beziehung zu Hayden nimmt immer beängstigendere Züge an. Doch dann findet Bonnie Hayden eines Tages tot in der Wohnung. Doch anstatt die Polizei zu verständigen, entscheidet sich Bonnie dafür, die Leiche zu entsorgen. Warum tut sie das? Und warum hilft ihre Freundin Sonia ihr dabei? Doch vor allem: Wer hat Hayden umgebracht und warum? Fast jeder in der Band hätte einen Grund gehabt, den arroganten und manipulativen Hayden umzubringen, ganz abgesehen von vielen weiteren Feinden, die Hayden sich im Laufe seines Lebens gemacht hat. Fragen über Fragen, die am Ende des Sommers beantwortet sein werden…

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt, die sich ständig abwechseln. Wahlweise werden entweder die Geschehnisse vor oder nach Haydens Ermordung wiedergegeben, immer zu erkennen an den Kapitelüberschriften "Davor" und "Danach". Ich dachte anfangs, dass ich das furchtbar nervig und anstrengend finden würde, war dann aber überrascht, wie gut und schnell man sich auf den zwei unterschiedlichen Zeitebenen zurechtfindet und keinerlei Probleme mit den Zeitsprüngen hat. Auf beiden Ebenen wird die Geschichte aus Bonnies Sicht erzählt.

Probleme bereiten mir bei Nicci Frenchs Romanen oft die generell nicht sehr sympathischen Charaktere. Identifikation ist nur selten möglich, weil alle Protagonisten entweder Dreck am Stecken haben oder sozial nicht sonderlich kompatibel mit Anderen sind. Gepeinigte, unsichere oder verschlossene Menschen besetzen in Frenchs Romanen oft die zentralen Rollen, so dass man ihre Handlungen schwer nachvollziehen kann oder allgemein nicht sonderlich warm mit ihnen wird. Dies ist in "Die Komplizin" ähnlich. Bonnie ist zwar eine engagierte Lehrerin, privat aber ziemlich antriebslos und defensiv. Hayden ist ein manipulativer Loser, der arrogant und unzugänglich ist. Die Mitglieder der Band haben auch fast alle eine Macke, die sie nicht unbedingt sympathisch macht.

Aber dennoch gelingt es French, die Handlung tempo- und wendungsreich voranzutreiben, vor allem, weil man schon auf den ersten Seiten von Haydens Ermordung erfährt und mit Bonnies untypischer Reaktion darauf konfrontiert wird. Warum um alles in der Welt will sie die Leiche entsorgen, obwohl sie gar nicht die Täterin ist? Die Aufklärung hierfür findet sich glücklicherweise erst auf den letzten Seiten, dann macht auf einmal alles einen Sinn. Bedauerlicherweise trumpft French dann noch mit einem zweiten Finaltwist auf, der überflüssig schwer nachvollziehbar ist. Die erste Auflösung hätte vollkommen gereicht, warum nun noch eine weitere Wendung hermusste, wissen wohl nur French und Gerard allein. Dramaturgisch ist sie jedenfalls von keinerlei Nutzen.

Darüber hinaus gibt es immer mal wieder ein paar kleine Längen, wenn die schwierigen Proben der Band und das gegenseitige maulige Beharken der Bandmitglieder untereinander beschrieben werden oder Bonnies erfolglose Versuche, ihre renovierungsbedürftige Bruchbude in so etwas wie eine behagliche Wohnung zu verwandeln. Das sind aber nur Kleinigkeiten, die die generell spannende und zügig erzählte Geschichte bestenfalls marginal ausbremsen.

Trotz nicht übermäßig sympathischer, verschlossener Protagonisten, einigen wenigen Längen und einem sehr konstruiert wirkenden zweiten Finaltwist ist "Die Komplizin" solide, spannende und gut ausgedachte Thrillerkost, der man sich durchaus zuwenden kann, wenn man leicht düstere, britische Krimikost präferiert. Es gibt Besseres von Nicci French, aber ehrlich gesagt gar nicht mal so viel. Mit der Lektüre dieses Romans macht man also kaum etwas falsch. Von mir sehr gute drei von fünf Komplizinnen, die man sich sehr gut aussuchen sollte.


Kaltblütig: Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen
Kaltblütig: Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen
von Truman Capote
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Fataler Irrtum, 4. September 2014
Als Truman Capote sich 1959 für den Fall der ermordeten Familie Clutter zu interessieren begann, ahnte er sicherlich nicht, dass er, der New Yorker, mehr als ein halbes Jahr in einem kleinen Ort in Kansas zubringen würde, um die Hintergründe des Verbrechens zu recherchieren (und weitere fünf Jahre, um sein Buch abzuschließen) und, nachdem die Täter gefasst waren, mehr als 100 Gefängnisbesuche absolvieren würde, um die beiden Mörder zu interviewen. Sicherlich ahnte er auch nicht, wie sehr die Hinrichtung (der er beiwohnte) ein paar Jahre später, 1965, ihn mitnehmen und sein ganzes restliches Leben (er starb knapp 20 Jahre später 1984 an einer Überdosis Tabletten) beeinflussen würde. Truman tauchte tief ein in den Ort Holcomb und seine Bewohner, er interviewte nahezu jeden, der irgendetwas mit der Familie Clutter zu tun hatte und war so in der Lage, ein sehr differenziertes Bild dieser Familie zu zeichnen. Wesentlich intensiver aber beschäftigte er sich mit den beiden Mördern dieser Familie, Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock. Gebannt verfolgte er die Jagd auf die Verbrecher, die sechs Wochen nach ihrer grausamen Tat, am 30. Dezember 1959, festgenommen wurden. Anschließend setzte er sich intensiv mit deren Leben und Werdegang auseinander, wobei er eine besonders starke Beziehung zu Perry Smith einging. Zunächst jedoch dazu, worum es in dem Buch überhaupt geht:

In der Nacht zum 15. November 1959 wurde die wohlhabende Farmer-Familie Clutter in ihrem Haus ermordet. Die Täter erschossen nacheinander Herb Clutter (48), seinen Sohn Kenyon (15), seine Tochter Nancy (16) und seine Frau Bonnie (45) und entkamen mit einer Beute von nicht einmal 40 Dollar sowie diversen Gebrauchsgegenständen (Radio, Fernglas). Sechs Wochen waren die bis dahin mit Scheckbetrügereien und anderen, eher kleineren Vergehen vertrauten Mörder Richard "Dick" Hickock (28) und Perry Smith (31) auf der Flucht quer durch Amerika und Mexiko, bis sie einen Tag vor Silvester, am 30. Dezember 1959, in Las Vegas festgenommen werden konnten. Sie wurden nach ihrem Prozess im März 1960 beide zum Tode verteilt, konnten aber in den kommenden Jahren noch einige Aufschübe ihres Ganges zum Galgen erwirken, ehe sie in der Nacht zum 14. April 1965 in Lansing, Michigan beide gehängt wurden.

Capotes Buch war eine Sensation, war er doch einer der Ersten, der einen so genannten Tatsachenroman verfasst und so einen realistischen Gegenentwurf zur bis dahin bekannten fiktiven Literatur geschaffen hat. "Kaltblütig" ist die nahezu minutengenaue Aufarbeitung eines vollkommen sinnlosen, grausamen und nicht nachvollziehbaren Verbrechens, vor allem, wenn man die Umstände bedenkt, die zum Tod fast einer ganzen Familie geführt haben (die Clutters hatten noch zwei ältere Töchter, die nicht mehr zu Hause wohnten). Der Überfall auf die Clutters geschah aufgrund von Hörensagen, von Vermutungen und Annahmen, die sich schlussendlich als falsch herausstellen sollten. Hickcock und Smith vermuteten bei dem wohlhabenden Farmer große Geldmengen, wussten allerdings nicht, dass Herb Clutter dafür bekannt war, nie Bargeld im Haus zu haben, geschweige denn den vermuteten Safe mit über 10.000 Dollar. Dennoch waren sie sich von Anfang an darüber einig, keine Zeugen zu hinterlassen, so dass das Schicksal der Clutters in jedem Fall besiegelt gewesen war.

Capote nimmt sich sehr viel Zeit, die Clutters selbst und deren Leben en Detail vor dem Leser auszubreiten. Knapp 100 Seiten gehen nur für die Schilderungen des Lebens der Familie drauf, diese werden nur kurz von einigen Einschüben um Smith und Hickock unterbrochen, die sich Schritt für Schritt auf die Tat vorbereiten und sich den Clutters immer weiter nähern. Dann kommt es zur Tat, die aber erst zu einem späteren Zeitpunkt, nach dem die Geständnisse der Mörder vorliegen, von Capote genau geschildert wird. Die restlichen Romanseiten handeln abwechselnd von der Flucht der Täter nach Mexiko und quer durch die USA und den eingeleiteten Ermittlungen zur Ergreifung der Täter. Das Buch endet mit der Beschreibung des Prozesses und der verbleibenden Haftzeit von Hickock und Smith, bis diese über fünf Jahre nach den Morden gehängt werden.

"Kaltblütig" ist ein oft sehr verstörendes, erschreckendes Buch. Capote hat sich so tief in die Seelen der Mörder gegraben und so viel Grausames dabei herausgefunden, dass man immer wieder fassungslos ist, wie leichtfertig Hickock und Smith mit Menschenleben umgehen, dass diese nahezu keinen Wert für sie haben und sie so dem Romantitel wirklich gerecht werden. Doch Capote war so besessen von einer akkuraten, objektiven Darstellung aller Beteiligten, dass er uns auch die Schicksalsschläge und schlimmen Kindheiten der Täter nicht vorenthält. Das macht ihre Taten nicht weniger schlimm, aber um Einiges nachvollziehbarer. Man lernt sowohl Hickock als auch Smith einerseits als gefühlskalte, egoistische, selbstmitleidige und arrogante Verbrecher kennen, andererseits aber auch als empfindsam, einsam und verzweifelt. Dennoch, was bleibt ist ein Gefühl von Abscheu und Unverständnis für die Täter, deren Verbrechen so unfassbar sinnlos und übertrieben war, dass man diese Ungerechtigkeit kaum ertragen kann, die diesen vier unschuldigen Menschen widerfahren ist und sie das Leben gekostet hat.

So verstörend, authentisch und fabelhaft recherchiert "Kaltblütig" auch ist, hat Capote es hier doch an vielen Stellen maßlos übertrieben mit seiner Detailverliebtheit und seiner an Besessenheit grenzenden Genauigkeit, wirklich jeden entweder zu Wort kommen zu lassen oder exzessiv zu beschreiben. Er kommt hier vom Hundertsten ins Tausendste, lässt Postbeamte, Restaurantbesitzer, Farmarbeiter, entfernte Verwandte, nahezu jeden aus dem Städtchen Holcomb zu Wort kommen, wodurch "Kaltblütig" ein zähes, und oft sehr beliebiges Werk wird. Dann schießt Capote sich auf die Ermittler ein, beschreibt auch hier deren Familienleben und sonstige, vollkommen nebensächliche Details. Ebenso ergeht es einem mit den Tätern, man hat das Gefühl, dass Capote hier wirklich jeden Gedanken zu Papier gebracht hat, den Smith oder Hickock ihm gegenüber geäußert haben. Dazu beschreibt er dann auch noch die Lebensgeschichten oder Verbrecherkarrieren von Mithäftlingen der beiden Täter und ich-weiß-nicht-wem-noch, der direkt, indirekt oder überhaupt nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat. Das ist auf Dauer sehr ermüdend und zieht den an sich spannenden und beunruhigenden Tatsachenroman unnötig in die Länge. Man wundert sich, dass noch nicht einmal Capotes Lektor es für nötig gehalten hat, den nahezu wahnhaft recherchierenden Autor etwas in seinem Redefluss zu bremsen.

"Kaltblütig" dürfte dennoch, vielleicht sogar bis heute, der genaueste und am besten recherchierte Tatsachenroman über ein Verbrechen, seine Opfer, seine Täter, seine Begleitumstände und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft sein, den es gibt. Auf fast 500 Seiten bringt einen Truman Capote so nahe an Opfer und Täter, dass man manchmal verzweifelt nach Distanz zum Geschehen sucht, weil sich Trauer, Fassungslosigkeit und Wut in einem breitmachen. Leider werden diese Emotionen durch Capotes furchtbar ausschweifenden, sich in unzähligen Nebensächlichkeiten verlierenden Erzählstil latent konterkariert, so dass man immer wieder seitenweise querlesen kann, ohne Entscheidendes zu verpassen. Das Buch ist schlicht und ergreifend zu lang geraten, wenn auch sicherlich in bester Absicht. Dafür dann aber eben doch nur noch sehr gute drei von fünf Verbrechen, die man nun aus wirklich allen Blickwinkeln beurteilen kann.


Frühstück mit Katze & Co.: Roman
Frühstück mit Katze & Co.: Roman
von Danielle Hawkins
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Abgefrühstückt, 1. September 2014
Nachdem mich Danielle Hawkins' grandioser Debütroman "Dinner mit Rose" restlos begeistert hat, war klar, dass ich mir auch ihren Folgeroman mit dem selten dämlichen deutschen Titel "Frühstück mit Katze & Co." (im Original wenig geistreicher mit "Chocolate Cake for Breakfast" betitelt) zulegen würde. Nach dem Lesen desselben bin ich, gelinde gesagt, fassungslos. Man hat fast den Eindruck, hier wäre nicht mehr Danielle Hawkins am Werk gewesen, sondern eine bestenfalls rudimentär begabte Hobbyautorin, die über 400 Seiten lang Belanglosigkeiten aneinanderreiht und keine Ahnung davon hat, wie man eine auch nur im Ansatz interessante Geschichte erzählt.

Die neuseeländische Tierärztin Danielle Hawkins hat sich als Schriftstellerin ein zweites Standbein geschaffen. Ihr Mann ist Milchbauer und Schafzüchter, Frau Hawkins arbeitet zeitweise noch als Tierärztin, die restliche Zeit widmet sie der Aufzucht ihrer Kinder und der Schriftstellerei. Ihr Debütroman "Dinner mit Rose" war ganz wunderbar, "Frühstück mit Katze & Co." ist es leider so gut wie gar nicht.

Helen ist 26, vor kurzer Zeit von einem Auslandsaufenthalt in London zurückgekehrt und nun wieder in einem kleinen Ort auf der Nordinsel Neuseelands beheimatet. Sie arbeitet in der örtlichen Tierarztpraxis und kümmert sich neben Hunden und Katzen vorrangig um Kühe. Für Neuseelands Nationalsport, Rugby, vermag sie keinerlei Interesse aufzubringen, weshalb sie auch, als sie auf einer Party wortwörtlich über Rugby-Superstar Mark Tipene stolpert, diesen nicht als Neuseelands berühmtesten Sportler erkennt. Der zwei Jahre ältere Mark jedoch findet sofort Gefallen an der jungen Tierärztin, die gar nicht glauben mag, dass dieser extrem gutaussehende und bei den Frauen äußerst beliebte Kerl ausgerechnet ein Auge auf sie unscheinbares Wesen geworfen haben will. Doch schon nach kurzer Zeit sind beide schwerst verliebt, bis… ein sehr überraschendes Ereignis ihre junge Liebe auf eine harte Probe zu stellen beginnt…

Puh, selbst für diese kurze Inhaltsangabe habe ich eine Weile gebraucht, weil ich die ganze Zeit überlegt habe, ob nicht doch noch etwas mehr dazu zu sagen wäre, was in diesem Buch auf über 400 Seiten alles passiert. Aber nein, bis auf das kleine Geheimnis, um was für ein überraschendes Ereignis es sich handelt, ist zu "Frühstück mit Katze & Co." inhaltlich eigentlich alles gesagt.

Ich kann wirklich nicht glauben, dass hier dieselbe Autorin am Werk gewesen sein soll, die so einen kurzweiligen, spannenden und an vielen Stellen urkomischen Vorgängerroman geschrieben hat. Weder inhaltlich noch stilistisch ist hier zu erkennen, dass Hawkins dieses Buch geschrieben haben soll. Alles, was ihr Debüt ausgemacht hat, fehlt diesem Roman auf jeder einzelnen Seite. Die Geschichte ist trivial, klischeehaft, oberflächlich und vor allem eins: unglaublich langweilig. Seitenlang darf man Helen dabei zulesen, wie sie verschiedenste tiermedizinische Aktionen durchführt; sie holt tote Kälber aus Kühen, versorgt epileptische Hunde und entfernt Katzen Zahnstein. Dabei darf sie sich mit exzentrischen Katzenbesitzerinnen und grummeligen Kuhbauern rumschlagen, wenn sie nicht gerade mit ihren Tierarztkollegen in der Praxis rumfrozzelt. Ansonsten führt sie langweilige Gespräche mit ihrer Freundin Alison oder ihrer Stiefmutter Em oder wird von ihren extrem nervtötenden kleinen Stiefschwestern mit kindischem Geblubber vollgelabert. Knaller.

Zwischen all diesen Belanglosigkeiten entwickelt sich dann auch noch die merkwürdige Beziehung zu Rugbyspieler Mark. Hier bleibt so einiges nebulös, vor allem scheinen die beiden Frischverliebten kaum jemals ein ernsthaftes oder überhaupt längeres sinnvolles Gespräch zu führen. Man schickt sich einsätzige SMS oder führt oberflächliche Gespräche, wenn Mark zwischen seinen sportlichen Verpflichtungen und PR-Terminen mal bei Helen zu Hause oder bei sich zu Hause in Auckland vorbeischaut, wo dann auch Helen mal vorbeischaut. Hammer.

Es passiert wirklich nichts anderes, als dass man sich ellenlangen und sich ständig wiederholenden Beschreibungen von Helens Alltag ausgesetzt sieht, die darüber hinaus mit trockenen oder latent ekligen Schilderungen von Helens tierärztlichen Aktivitäten gewürzt werden. Ach ja, ebenso langweilige Beschreibungen gibt es natürlich auch noch von Marks Rugbyspielen, die mit sportlichem Fachkauderwelsch angereichert sind. Dazwischen dann immer mal ein bisschen Liebesgesäusel von Mark und Helen und Gespräche mit Familie und Freunden, die auch total uninteressante Probleme haben. Schlussendlich kommt dann noch ein bisschen traumatische Kindheit vom Rugbyspieler dazu, die wohl erklären soll, warum er so maulfaul oder emotional wenig zugänglich ist. Wahrhaftige Konversationen finden so gut wie nie statt, so dass der Informationsgehalt, der einem hier geboten wird, niedrig bis nicht vorhanden ist.

Schlussendlich ist "Frühstück mit Katze & Co." ein banaler, langweiliger, träger und unglaubwürdiger Roman, der in keiner Hinsicht mit dem spritzigen Esprit, dem spannenden Handlungsverlauf, vor allem aber dem Witz des Debütromans von Danielle Hawkins verglichen werden kann. Ich bin entsetzt, dass Hawkins offensichtlich jegliches erzählerisches und rhetorisches Talent, besonders aber ihren extrem prägnanten und pointierten, teilweise sogar aberwitzigen Humor eingebüßt hat. Der Roman ist leider eine komplette Enttäuschung und somit vollkommen entbehrlich. Für eine Handvoll witziger Bemerkungen und gelungener Umschreibungen und eine alle 100 Seiten mal aufblitzende interessante Mini-Wendung gerade mal noch eine von fünf Katzen, die bei diesem faden Frühstück schleunigst die Flucht ergreifen.


Abgebrannt in Mississippi: Roman
Abgebrannt in Mississippi: Roman
von Mark Childress
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen One Mississippi, 20. August 2014
1973: Daniel Musgrove, 17 Jahre alt, lebt mit seiner Familie in Indiana, wo er sich sehr wohl fühlt. Da sein Vater aber Handelsvertreter ist, muss die Familie ca. alle zwei Jahre umziehen, wozu Daniel langsam überhaupt keine Lust mehr hat. Vor allem, als er erfährt, dass es diesmal ins schwül-heiße Minor, Mississippi, gehen soll, wo neben den unerträglichen Temperaturen auch noch aktiv gelebter Rassismus herrscht. Vom älteren Bruder (der in den Vietnamkrieg zieht) verlassen, bleibt Daniel mit seiner 12jährigen Schwester, einer überforderten Mutter und einem strengen und lieblosen Vater zurück und hat es nicht leicht, sich in diesem seltsamen Südstaaten-Städtchen einzuleben. Doch zum Glück lernt Daniel gleich am ersten Schultag den gleichaltrigen Tim kennen, ebenfalls eher ein Außenseiter und nicht gerade beliebt. Die Beiden werden schnell unzertrennlich, telefonieren täglich, mögen dieselbe Musik und treten sogar einem Kirchenchor bei, der ein verrücktes Jesus-Musical aufführen will. Doch als Daniel sich in die wunderschöne Arnita verliebt, werden die Dinge kompliziert. Denn Arnita ist schwarz und eine Beziehung der Beiden somit unmöglich - zumindest im rassistischen Mississippi. Doch auch Tim ist die Beziehung seines besten Freundes zu Arnita ein Dorn im Auge und so wird dieser Sommer des Jahres 1973 das Leben aller Beteiligten auf drastische und nicht vorhersehbare Weise verändern…

"Abgebrannt in Mississippi" (Im Original schlicht "One Mississippi") ist ein wunderbar authentisches Buch, das unter anderem aus seinem realistischen Zeitkolorit Profit schlagen kann. Mark Childress ist ein großartiger Geschichtenerzähler, der den Zeitgeist der 70er Jahre gekonnt einfängt und mit vielen kleinen Details so perfekt zum Leben erweckt, dass man sich schnell in Daniels Welt und sein Denken hineinversetzen kann. Daniel ist denn auch der Erzähler dieser Geschichte, aus seiner Sicht lernen wir alle Protagonisten kennen und ein paarmal wendet er sich sogar kurz direkt an den Leser und bezieht ihn so noch mehr ins Geschehen mit ein.

"Abgebrannt in Mississippi" ist eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Geschichte über den alltäglichen Rassismus, der im Amerika der 70er Jahre immer noch sehr ausgeprägt war, vor allem in den Südstaaten, eine Geschichte über schwierige, verrückte Familien und ein Land, das im Auf- und Umbruch war, sich gerade wieder in einem Krieg befand - eine Geschichte über einen nicht zu unterdrückenden Drang nach Freiheit, Selbstverwirklichung, das Durchbrechen moralischer Grenzen und natürlich über die erste große Liebe und alle damit einhergehenden Gefühle von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt.

Ein Jahr lang begleiten wir Daniel auf seinem schwierigen, holprigen und emotionalen Weg in einen neuen Lebensabschnitt, eine neue Ära, nehmen teil an seinen familiären Problemen, seiner sich schnell festigenden Freundschaft zu Tim, seiner aufkeimenden Liebe für Arnita, diesem wunderschönen, selbstbewussten schwarzen Mädchen, das ihm so gehörig den Kopf verdreht und den alles verändernden Ereignissen eines unerträglich heißen, schwülen Sommers in Mississippi. Immer weiter, immer dichter, immer verzweigter erzählt Childress seine unvergleichliche Südstaaten-Geschichte und schafft es mit seinem wunderbar spielerischen, leichtfüßigen und so gekonnt formulierten Stil, den Leser mitten hineinzuziehen in das Auge des sich langsam, aber unabwendbar aufbauenden Sturms der Ereignisse in Daniels Leben. Immer neue, verrückte Details, plötzliche Wendungen und tragische Ereignisse tauchen auf und fügen sich wie selbstverständlich ins Geschehen, so dass man schon nach wenigen Seiten das Gefühl hat, die Protagonisten gut zu kennen und an ihrem Leben teilzuhaben.

Gekonnt wechselt Childress zwischen Dramatik, Abenteuerlust, kindischem Vergnügen, ernsthaften Untertönen und großen Gefühlen, von denen manche noch nicht sein durften, weil die Gesellschaft moralisch noch zu rückständig war. Mit großem Einfühlungsvermögen taucht Childress ein in die Welt eines 17jährigen in der damaligen Zeit (in der Childress selbst übrigens im selben Alter war wie Daniel) und macht uns so Daniels Gedanken zugänglich und nachvollziehbar. Fehler werden gemacht und bereut, doch einige lassen sich nicht wieder rückgängig machen und setzen eine Kette von Ereignissen in Gang, die sich so nicht haben absehen lassen und deshalb mit nahezu ungebremster, grausamer Kraft über die Protagonisten hereinbrechen und alles verändern. Childress' erzählerischer Vielschichtigkeit sind ob der Menge an seltsamen und skurrilen Charakteren kaum Grenzen gesetzt, woraus sich ein umfassendes Bild jener Zeit und jener Menschen ergibt, die man nach Lektüre des Buches irgendwie gut zu kennen glaubt.

"Abgebrannt in Mississippi" ist ein tolles Buch, das mal durch laute, oft aber eher durch leise Töne besticht und eine vielleicht nicht immer spektakuläre, dafür aber umso authentischere und vor allem vielschichtige Geschichte erzählt, von der man gar nicht wusste, wie gern man sie hat lesen wollen. Childress bringt hier viele Themen zur Sprache, wobei ihm das Kunststück gelingt, allen die gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen und sie auch alle richtig auszuerzählen. Trotz der vielen Protagonisten verliert man nie den Überblick und fühlt sich schnell zu Hause in Mississippi, wo die Sonne unbarmherzig heiß vom Himmel brennt, die Luft feuchtigkeitsgeschwängert ist und es für jede baumwollweiße Südstaaten-Villa mindestens eine ärmliche, teergeflickte Holzhütte gibt, die die Stadt in arm und reich, schwarz und weiß teilen. Wer authentische, gut geschriebene und wunderbar erzählte Südstaaten-Literatur lesen möchte, der sollte zu einem Childress greifen, sehr gerne zu diesem hier, One Mississippi. Dafür gerne volle fünf von fünf verrückten Südstaatlern, die man unbedingt kennenlernen möchte.


Bridget Jones - Verrückt nach ihm: Roman
Bridget Jones - Verrückt nach ihm: Roman
von Helen Fielding
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Bridget Jones is back!, 16. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als Helen Fielding 1996 ihren Roman "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" veröffentlichte, folgten Millionen zumeist weibliche Leserinnen weltweit den Problemen und Eskapaden einer leicht übergewichtigen, chaotischen Frau um die 30 in London, die auf der Suche nach der wahren Liebe war. "Bridget Jones - Am Rande des Wahnsinn" führte die Geschichte um die Protagonistin und den Mann ihres Herzens, Mark Darcy 1999 gekonnt fort, darüber hinaus wurden die beiden Bestseller auch noch verfilmt. Doch dann wurde es ruhig - sowohl um Helen Fielding als auch um Bridget Jones. Doch nun, 18 Jahre nach Bridget Jones' "Geburt" ist die liebenswert-chaotische Heldin vieler Frauen zurück und man darf sich auf über 500 Seiten typisches Bridget-Chaos, Gewichtszu- und abnahmen, Freundschaften, Männerbekanntschaften und den schwer zu bewältigenden Alltag einer Frau um die 50 freuen, die in ihrem Leben nicht so viel dazugelernt hat, wie man es von einer mittlerweile 51jährigen erwarten dürfte. Bridget's back…und (fast) alles ist noch so wie vor knapp 20 Jahren.

Brigdet Darcy, 51, mittlerweile Mutter von Mabel und Billy und bedauerlicherweise verwitwet, versucht, ihr Leben ohne ihren geliebten Mark auf die Reihe zu bekommen. Dabei scheitert sie - obwohl sie nun schon seit über vier Jahren allein ist - an nahezu allen Fronten. Sie hatte seit Jahren keinen Sex mehr, hat 20 kg zugenommen, ist arbeitslos und mit der Erziehung ihrer Kinder oft heillos überfordert. Doch nachdem ihre Freunde Talitha, Tom und Jude ihr ordentlich ins Gewissen geredet haben, nimmt Bridget ab, kümmert sich um ihr schon lange brachliegendes Drehbuch und meldet sich auf Twitter an. Und dort lernt sie dann auch den überaus attraktiven Roxter kennen, ein Bild von einem Mann…vor allem, weil er gut 20 Jahre jünger ist als Bridget. Wider alle Vernunft lässt sie sich auf eine heiße Affäre mit ihm ein, die natürlich ob des Altersunterschieds nicht ohne Probleme bleibt. Auch mit dem Drehbuch läuft es nicht ganz so reibungslos, wie Bridget sich das vorgestellt hat und auch ihr Gewicht ist weiterhin einigen Schwankungen unterworfen. Billy und Mabel komplettierten Bridgets ganz normales Chaos, aus dem es nach vielen Irrungen und Wirrungen einen überraschenden Ausweg zu geben scheint…

Um es gleich vorwegzunehmen: Bridget Jones' Wiederauferstehung ist ein latent zweischneidiges Schwert. Zum Einen fühlt man sich sofort wieder zurückversetzt in Bridgets Welt, in der sich - außer dem Alter, einer Gleitsichtbrille und einem tragischen Schicksalsschlag - kaum etwas geändert zu haben scheint. Bridget ist so chaotisch und verpeilt wie eh und je, lässt keinen Fettnapf aus und scheint immer noch nicht zu wissen, wie man sein Leben halbwegs in den Griff kriegt. Das ist überaus charmant und ein wunderbar witziger Ausflug mit der Zeitmaschine. Genau dies aber ist natürlich nicht so ganz glaubwürdig, denn in knapp 20 Jahren sollte eine Frau, besonders eine verheiratete Mutter mit zwei Kindern, doch wenigstens ein bisschen was gelernt haben und nicht beim kleinsten Problem gleich überfordert zusammenbrechen. Es ist manchmal wirklich schwer zu glauben, dass Bridget Jones immer noch dieselben Fehler wie damals macht und man beim Lesen größtenteils das Gefühl hat, es hier immer noch mit einer unfertigen Frau um die 30 zu tun zu haben, nicht mit einer über 50jährigen.

Aber wisst Ihr was? Mir war das völlig schnuppe, weil es Helen Fielding immer noch wunderbar gelingt, das Chaos, in dem Bridget lebt und das sie verursacht, zu beschreiben. Besonders die oft leicht verkürzten und somit sehr prägnanten Sätze aus Bridgets Tagebucheinträgen werden so zu den besten Humor-Quellen des Buches und bringen einen wirklich oft zum Lachen. Und ganz ehrlich? Der Charakter eines Menschen ist eigentlich schon vor Erreichen des 30. Lebensjahres so weit ausgeprägt, dass Menschen sich von da an kaum noch wesentlich verändern, eher im Gegenteil, besonders prägnante Eigenschaften bilden sich nur noch stärker heraus, positiv wie negativ. Eine 180°-Drehung dürften nur die Wenigsten hinlegen, insofern ist es eigentlich recht realistisch, das Bridget Jones immer noch latent verpeilt, schnell überfordert und nun mal hoffnungslos chaotisch ist.
Vor allem, weil Helen Fielding hier auch die tragischen Aspekte in Bridgets Leben thematisiert. Die Trauer um ihren geliebten Mann, ihre Einsamkeit und Verzweiflung und einige andere typische Probleme von Frauen jenseits der 40 und 50. Dazu kommen die Freuden und Ärgernisse einer erst mit Mitte 40 Mutter gewordenen Frau, die sich nun mit zwei quirligen Dreikäsehochs und wesentlich jüngeren (Schul)Muttis rumschlagen muss. Und auch die Ängste und Zweifel einer reifen Frau, sich einen wesentlich jüngeren Mann zum Freund zu nehmen, werden in "Bridget Jones - Verrückt nach ihm" angeschnitten.

Und so ergibt sich wieder ein herrlich buntes Kaleidoskop urkomischer, ernster, verrückter, anarchistischer und zutiefst menschlicher Situationen und Geschichten, die alle Bridget-Jones-Fans kennen und lieben dürften. Einzig das Ende des Buches kommt etwas holterdipolter und einen Hauch zu kitschig und unglaubwürdig daher. Etwas brachial wird es schon Dutzende Seiten vorher latent angekündigt und gipfelt dann in einem etwas zu weit hergeholten Finale, das etwas übertrieben wirkt.

Ansonsten aber gibt es an "Bridget Jones - Verrückt nach ihm" überhaupt nichts auszusetzen, sofern man damit leben kann, dass Bridget Jones in knapp 20 Jahren offensichtlich nur sehr wenig dazugelernt hat und eigentlich noch genauso liebenswert-bescheuert ist wie Ende der 90er Jahre. Für mich macht gerade das aber den typischen "Jonesy"-Charme der Reihe aus und irgendwie ist es auch beruhigend, dass man auch mit über 50 noch so herrlich verrückt und unbedarft sein kann wie Bridget Jones. "Ich will so bleiben wie ich bin" scheint Bridgets Motto zu sein und ganz ehrlich? Recht hat sie! Insofern ist das Wiederlesen mit Bridget Jones eine sehr kurzweilige, spaßige und zutiefst menschliche Angelegenheit, die Helen Fielding - bis auf das etwas zu kitschige Ende - hervorragend gelungen ist. Allein ob der teilweise brüllkomischen Tagebucheinträge hätte ich noch ein paar hundert Seiten weiterlesen können. Insofern gerne vier von fünf Dingen, die sich nie ändern…und das ist auch gut so.


Der Job
Der Job
von Douglas Kennedy
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Excalibur, 13. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Job (Taschenbuch)
Ned Allen ist der überaus erfolgreiche Anzeigen-Verkaufsleiter der drittgrößten Computerzeitschrift Amerikas. Er kann sich mit seiner Frau Lizzie eine schöne Wohnung in New York leisten und gibt sein hart verdientes Geld gerne und mit (vielleicht etwas zu) vollen Händen aus. Er arbeitet viel und hart unter ständigem (auch selbst gesetztem) Erfolgsdruck. Doch eines Tages kurz vor Weihnachten beginnt sich Neds Welt für immer zu verändern. Ein geplatzter Deal gefährdet seinen Job und seinen jährlichen Bonus, den er dringend braucht, um seine nicht unerheblichen Kreditkartenabrechnungen zu bezahlen. Dann erfährt er, dass seine Firma verkauft wurde. Nachdem er sich erst einen Schritt weiter oben auf der Karriereleiter sieht, beginnt er nun, diese im Sturzflug hinunterzufallen. Auf einmal ist alles weg: sein Job, sein Geld, sein guter Ruf und auch das Vertrauen seiner Frau. Mir nichts, dir nichts ist Ned ganz unten angelangt. Da trifft er seinen alten Schulfreund Jerry wieder, der Ned ein nahezu unwiderstehliches Angebot macht. Er soll für den just gegründeten privaten Eigenkapitalfonds von Jerrys Boss Investoren finden, was allen Beteiligten über kurz oder lang ordentlich Geld einbringen würde. Ned sagt zu, ohne sich richtig zu informieren, welchem Job genau er da zugestimmt hat. Und es kommt natürlich, wie es kommen muss: Jerrys Worten ist kein Glauben zu schenken, so dass sich Ned schon bald in einer kriminellen Abwärtsspirale wiederfindet, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint…

Douglas Kennedy nimmt sich hier recht viel Zeit für Erklärungen, bis er dann endlich mal loslegt und aus "Der Job" doch noch einen spannenden Thriller macht. Vorher allerdings muss man sich mit einer Menge anzeigenspezifischem Fachchinesisch rumschlagen, das weder begeistert noch interessiert. Kennedy legt viel Wert auf Details, in "Der Job" hat er es damit allerdings ziemlich übertrieben. Seitenlang findet man sich in brancheninternen Verkaufsgesprächen wieder, es wird mit Fachbegriffen nur so um sich geworfen und Kennedy versucht, das Anzeigengeschäft als total interessanten Job darzustellen, was ihm allerdings kaum gelingt. Dafür strotzen seine Charaktere nur so vor Klischees. Die überkorrekten deutschen Firmenübernehmer, die alles ausspionieren und natürlich Böses im Schilde führen, die kaputtgearbeiteten Vertreter, die sich nur von Kaffee und Fast Food ernähren, die karrieregeilen Emporkömmlinge, die ihr Geld zum Fenster rauswerfen, als gäbs kein Morgen usw. usf. Die langatmige Einführung in Kombination mit diesen ganzen Klischees macht es dem Leser erst einmal nicht ganz einfach, mit "Der Job" richtig warm zu werden.

Dann aber wird es glücklicherweise von Seite zu Seite besser. Denn die Story an sich hat durchaus Potenzial und wurde von Kennedy clever und verzwickt ersonnen. Mit Spannung verfolgt man Neds Drahtseilakt im Zuge der Firmenübernahme und seinen anschließenden tiefen Fall. Durch Leichtsinnigkeit und das falsche Einschätzen der Lage hat der Mann alles verloren, sogar seine Frau wendet sich enttäuscht von ihm ab, weil er ihr einfach zu viel verschwiegen hat. Verzweifelt, wie er ist, will er nur eins: schnell wieder arbeiten. Und so kommt es, dass er das Angebot seines alten Schulfreundes annimmt, ohne es genauer zu prüfen. Damit scheint sein Schicksal besiegelt.

Den verzweifelten Kampf ums Überleben in der knallharten Geschäftswelt und in der Riesenstadt New York schildert Kennedy überaus authentisch und seine Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Leider verheddert er sich trotzdem immer mal wieder in seinem recht ausschweifenden Erzählstil und nicht immer ganz überzeugenden Szenarien, die vorrangig von Unlogik oder unglaublichen Zufällen beherrscht werden. Was in "Der Job" wirklich auffällt, ist die viel zu detaillierte Schilderung von uninteressanten Business-Interna und sich immer wiederholende Schlagworte aus der Finanzpolitik, die ziemlich trocken daherkommen. Diverse Side-Plots sind überflüssig oder werden so abrupt beendet, wie sie in die Geschichte hineingeschrieben wurden, und auch das Ende überzeugt nicht ganz.

"Der Job" ist eine an sich spannende Geschichte, die leider etwas unter Kennedys detailverliebter Schwatzhaftigkeit leidet. Zu viele staubtrockene Verlags- und Finanzinterna, für die man kein Interesse aufzubringen vermag und viele Charaktere, die man einfach nicht mögen kann. Selbst der Protagonist ist einem nicht wirklich sympathisch, ein leichtsinniger, verschwenderischer und arroganter Schnösel, der erst zum heulenden und saufenden Weichei und dann zum verzweifelten, bösen Strategen mutiert…na ja. Alles in allem aber ist "Der Job" ziemlich spannend, über die etwas ausufernden Laberlaberdingdong-Parts kann man ja hinweglesen. Insofern solide drei von fünf Jobs, bei denen man sich ganz genau überlegen sollte, ob man sie auch wirklich machen will.


Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
von François Lelord
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Glück in mundgerechten Häppchen, 10. August 2014
Der 1953 geborene Psychiater François Lelord nahm sich irgendwann eine Auszeit von seinem Job und begann, die Welt zu bereisen. Angeregt durch diese Reisen, begann er, sich als Schriftsteller zu betätigen und schuf so die Figur des Psychiaters Hector, der sich nunmehr seit zehn Jahren und in bislang fünf Bänden auf die Suche nach verschiedenen Dingen macht (dem Glück, der Liebe, der Zeit usw.) oder sich die Welt zu erklären versucht. Hectors Suche nach dem Glück ist der erste Band dieser Reihe und wurde 2004 veröffentlicht. Lelord arbeitet mittlerweile wieder als Psychiater, und zwar in Hanoi und Ho Chi Minh Stadt. Er ist seit 2008 mit einer Vietnamesin verheiratet, mit der er jeweils halbjährlich in Paris und Bangkok lebt.

Hector ist Psychiater in Paris und eigentlich ganz zufrieden mit seinem Job und seinem Leben. Er hat viele Patienten, eine hübsche Freundin und könnte eigentlich glücklich sein. Doch je mehr Patienten sich bei ihm über ihr ach so schweres Leben und andauerndes Unglück beschweren, obwohl sie eigentlich alles haben, was man zum Glücklichsein braucht und Hector darüber hinaus erkennen muss, dass sich seine Beziehung latent im Alltagsstress verloren hat, umso mehr reift in Hector der Gedanke, eine Weltreise zu unternehmen und herauszufinden, was Glück eigentlich ist. Also schließt er seine Praxis für eine Weile und macht sich zuerst auf zu seinem Freund Édouard, der in China lebt. Als Hector dort die junge Chinesin Ying Li kennenlernt, bekommt er erste Eindrücke davon, was Glück, aber leider auch Unglück sein könnte. Nachdem Hector sich auch noch nach Afrika und Amerika begeben hat, um herauszufinden, was Glück ist, kehrt er noch einmal nach China zurück, um mit einem weisen Mönch über seine gewonnenen Erkenntnisse zu sprechen. Zurück in Paris hat sich Hectors Leben deutlich verändert und er glaubt, eine, wenn nicht sogar mehrere Antworten auf seine Frage gefunden zu haben.

Lelords Stil erinnert ein wenig an den des großartigen Jonas Jonasson ("Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"), eine Mischung aus (vermeintlicher) Naivität und spitzbübischem Hintersinn. Allerdings gelingt es Lelord bei weitem nicht so gut wie Jonasson, eine intelligente, wendungsreiche und witzige Geschichte zu erzählen, dafür fehlt es ihm offensichtlich dann doch an Talent. Dennoch kann man sich oft ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, wenn Lelord hier sehr Offensichtliches in fast märchenonkelariger Manier erzählt. Viele Dinge werden von Lelord nie direkt beim Namen genannt, sondern immer nur umschrieben (er sagt z. B. nie direkt, dass Hector in Paris arbeitet oder nach Amerika reist oder dass Hector Sex hat, beschreibt dies alles aber dennoch so eindeutig, dass man recht genau weiß, woran oder wo man ist), und das wird zu einem kleinen charmanten roten Faden innerhalb dieser nur 190seitigen Erzählung. Lelord vereinfacht die Dinge oder auch Zusammenhänge, und das macht er so gekonnt, dass man sich dem nur scheinbar naiven Erzählstil durchaus gewogen zeigt.

Da Lelord darüber hinaus aber nicht wirklich viel Spannendes zu erzählen hat, obwohl er seinen Protagonisten um die halbe Welt schickt, ist "Hectors Reise" dann manchmal doch etwas träge, belanglos oder langweilig. Lelord erzählt von vielen kleinen Begegnungen mit verschiedenen Menschen, die Hector unterwegs trifft und was er sich so für Gedanken macht, wenn er im Flugzeug sitzt oder alte Freunde wiedertrifft. So geht einem die recht betulich wirkende Erzählweise ab und an doch ein wenig auf die Nerven, weil sie Hector ungewollt manchmal als etwas trottelig dastehen lässt, obwohl er eigentlich ziemlich schlau ist.
Erst gen Ende wird "Hectors Reise" wieder interessant, nämlich dann, wenn Hector sich letzte Meinungen zum Thema Glück einholt und, nach seiner Rückkehr nach Paris, ein Resümee zieht. Das von Lelord gewollt glückliche Ende ist als solches klar zu erkennen und kommt natürlich noch mit einem kleinen Augenzwinkern daher.

Alles in allem ist "Hectors Reise" eine immer mal wieder vergnügliche, intelligente und kurzweilige Lektüre, die aber an ihrem manchmal etwas dümmlich wirkenden Unterton leidet. Da Lelord hiervon nicht durch eine wirklich wendungsreiche und interessante Story ablenken kann, zeigen sich bald erste Ermüdungserscheinungen des onkelhaften Erzählstils. Das Ganze wirkt einfach noch nicht sonderlich ausgereift, aber da Hector ja hier erst durch Lelord ins Leben gerufen wurde, mag es ja sein, dass Lelord dieses Manko in seinen Folgeromanen ausgebessert hat. Ich werde das nicht herausfinden, ich warte dann doch lieber auf Jonassons nächstes Buch, da dessen Werke für mich perfekte Unterhaltung gewährleisten. Dennoch habe ich ein bisschen was über das Glücklichsein gelernt, insofern gerne liberale drei von fünf Reisen, die einem definitiv das ein oder andere über Glück vermitteln können.


Non-Stop
Non-Stop
DVD ~ Liam Neeson
Preis: EUR 12,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über den Wolken, 8. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Non-Stop (DVD)
Liam Neeson, der alte Ire, ist ja seit sechs Jahren konsequent dabei, seine Schauspielkarriere mehr und mehr ins Actionfach zu verlagern. Vor "96 Hours" war Neeson vorrangig in entweder anspruchsvollen Filmen ("Michael Collins", "Schindlers Liste") oder Independent-Produktionen zu bewundern ("Breakfast on Pluto")… oder halt bei "Star Wars". 2008 jedoch geriet er an den Regisseur Pierre Morel, der ihm prompt die Hauptrolle in seinem actionlastigen Film "96 Hours" gab. Von da an war Neeson fast regelmäßig in handlungsdünnen, aber schlagkräftigen Filmen zu sehen ("Unknown Identity", "96 Hours - Taken 2" oder auch "Battleship") und kann mittlerweile als feste Größe im Actiongenre betrachtet werden. Eine beachtliche Leistung für den immerhin mittlerweile 62jährigen. Für "Non-Stop" arbeitete er nun erneut, nach "Unknown Identity", mit Jaume Collet-Serra ("House of Wax", "Orphan") zusammen, allerdings hat Collet-Serra, den Fokus etwas mehr auf detektivische Feinarbeit als auf rasante Action gelegt, was "Non-Stop" zu einem recht unterhaltsamen, aber nicht übermäßig spannenden Film macht.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch. Extras: Featurettes, Making-of, Hinter den Kulissen, Deutschland-Premiere, Interviews, Trailer in deutsch und englisch, 4teilige Trailershow.

Air Marshall Bill Marks (Liam Neeson) hat ein paar Probleme. Er kann den Tod seiner Tochter einfach nicht verwinden, obwohl diese bereits vor 10 Jahren gestorben ist. Er wurde aus dem Polizeidienst entlassen. Er hat ein Alkoholproblem. Und er arbeitet als Air Marshall, obwohl er überhaupt nicht gerne fliegt. Auf einem Flug von New York nach London kommt es dann auch noch richtig dicke. Ein Fremder schickt ihm eine SMS, in der er androht, in 20 Minuten einen der Passagiere zu töten, wenn die Fluggesellschaft ihm nicht 150 Millionen Dollar auf ein Nummernkonto überweist. Marks ist sich noch nicht einmal sicher, ob er die Nachricht ernst nehmen soll, als die ersten 20 Minuten auch schon um sind und ein Passagier tatsächlich tot ist. Der Unbekannte droht an, im 20-Minuten-Takt weitere Passagiere zu ermorden, so lange, bis er das Geld hat. Marks macht sich mithilfe seiner Sitznachbarin Jen (Julianne Moore, "Carrie") daran, in einem hoch über den Wolken schwebenden Flugzeug einen Mörder zu finden, ohne eine Panik ausbrechen zu lassen und allzu viel von seinem Vorhaben preiszugeben. Ein nahezu unmögliches Unterfangen…

"Non-Stop" ist ein nahezu klassisches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der Zuschauer fröhlich mitraten kann, wer hier wohl der unbekannte SMS-Schreiber ist. Collet-Serra serviert einem die Verdächtigen hübsch auf dem Silbertablett und streut gekonnt entweder Vertrauen oder Zweifel, so dass man nachher gar nicht mehr weiß, wem man überhaupt noch trauen kann. Langsam aber stetig zieht sich die Schlinge immer enger um den Erpresser, dennoch dauert es gute zwei Drittel der insgesamt 106 Minuten Laufzeit, bevor hier sowohl Marks als auch der Zuschauer klarer sehen. Das ist dann fast schon etwas enttäuschend, weil die Auflösung irgendwie unspektakulär daherkommt, auch, wenn man vorher nicht wirklich erahnen konnte, welcher der vielen undurchsichtigen Kandidaten letztendlich das Rennen für sich entscheiden würde.

Vielleicht liegt das an der Oberflächlichkeit, mit der die verschiedenen Charaktere als potenzielle Täter präsentiert werden. Man kann hier kaum verdächtige Charaktereigenschaften ausmachen noch ein Motiv erkennen, insofern fischt man genauso lange im Trüben wie Marks selbst. Die finale Auflösung wirkt somit notgedrungen konstruiert, auch wenn Collet-Serra ein bis dahin recht wendungsreicher Thriller gelungen ist. Wenigstens das Tempo zieht dann aber noch mal an, da den Beteiligten hier buchstäblich die Zeit davonläuft und man mitfiebern kann, ob Marks alles noch rechtzeitig wieder ins Lot bringen wird.

"Non-Stop" ist Thriller-Dutzendware mit gutem Cast und einem halbwegs gut ersonnenen Plot, der sich leider nach und nach der logischen Durchschnittlichkeit preisgibt. Neeson darf sich zwar auch hier ein bisschen prügeln, wirkt dabei aber weitaus weniger cool als noch in "96 Hours", wo er im Sekundentakt wegweisende Entscheidungen treffen und sich zahlreicher kampferprobter Gegner erwehren musste. Hier muss er zwar auch ein wenig Denkarbeit leisten, die Story ist aber bei Weitem nicht so verzwickt und spannend wie in "96 Hours". Neeson muss hier vor allem eher klassische Detektivarbeit leisten, und das sieht halt nicht sonderlich spannend aus. Auch das jeweils 20minütige Zeitlimit vermag die Handlung nicht wirklich zu pushen, dafür sorgen dann eher die verschiedenen gedanklichen Irrwege und Sackgassen, in denen Marks bei der Entwirrung des Rätsels landet.

Darstellerisch jedenfalls steht der Film auf ziemlich soliden Beinen, sowohl Neeson als gewohnt grummelig-wortkarger Gesetzeshüter als auch Julianne Moore in einer Rolle, die sie deutlich unterfordert, liefern souverän ab. Dazu kommen ein Haufen kurz auftretender Nebendarsteller (u. a. Corey Stoll, "House of Cards", Shea Whigham, "American Hustle" und Scoot McNairy, "12 Years a Slave"), die aus ihren Mini-Parts das Beste herauszuholen versuchen. Locationmäßig gibt's nix Spektakuläres zu vermelden, da der Film zu 95% im Flugzeug spielt.

"Non-Stop" ist recht solide Action-Thrillerkost, die wendungsreich, aber dennoch irgendwie unspektakulär umgesetzt wurde. Gekloppe gibt's relativ wenig und die zu leistende Denkabreit vom Air Marshall kommt auch nur bedingt spannend daher. Da das ganze Geschehen sich nur an einem Ort abspielt, kann "Non-Stop" jetzt auch nicht mit tollen Locations punkten. Wer Neeson und durchschnittlich solide, mainstreamige Actionkost mag, kann ruhig einen Blick auf "Non-Stop" riskieren. Wem das aber zu wenig und zu konventionell ist, der verpasst auch nichts, wenn er diesen Neeson-Film mal auslässt. "Non-Stop" ist ok… was diese Aussage für den Einzelnen bedeuten mag, ist dem persönlichen Gusto überlassen. Für mich ganz normale drei von fünf Air Marshalls, die man dennoch froh ist, an Bord zu haben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 13, 2014 11:49 AM MEST


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20