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MissVega (Hamburg)

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Heute bin ich Samba
Heute bin ich Samba
DVD ~ Omar Sy
Preis: EUR 15,99

2.0 von 5 Sternen Dilemma, 6. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Heute bin ich Samba (DVD)
(Kinoversion)

Drei Jahre nach "Ziemlich beste Freunde", dem weltweiten Überraschungserfolg der beiden Franzosen Olivier Nakache und Eric Toledano (Regie und Drehbuch), folgt nun eine weitere Dramödie (um den Genre-Bastard mal mit diesem unsäglichen, aber passenden Wort zu betiteln), für die die Beiden verantwortlich zeichnen. Bedauerlicherweise erreicht "Heute bin ich Samba" weder die genialen komödiantischen Höhen noch die emotionale Tiefe des Vorgängerfilms, so dass der Film, der darüber hinaus mit 120 Minuten auch noch viel zu lang geraten ist, neben ein bisschen politisch korrekter Betroffenheit und dem ein oder anderen Schmunzler nichts Nennenswertes für den Zuschauer bereithält. Aber vielleicht konnte es nach "Ziemlich beste Freunde" auch nur noch bergab gehen, denn wie soll man das überhaupt noch toppen?

Samba (Omar Sy, "Ziemlich beste Freunde") lebt seit zehn Jahren in Paris und schlägt sich als Küchenhilfe durch. Der Senegalese freut sich, als sein Chef ihm endlich eine Beförderung und somit eine Festanstellung anbietet. Doch als Samba sich wegen der benötigten Aufenthaltsgenehmigung an die Behörden wendet, landet er in Abschiebehaft. Er soll Frankreich verlassen, taucht aber lieber ab in die Illegalität. Fortan versucht Samba, einen anderen Job zu finden und seine Würde nicht zu verlieren. Behilflich dabei ist ihm unter anderem Alice (Charlotte Gainsbourg, "Nymphomaniac 1+2"), die gerade einen Burn-Out hinter sich hat. Die erfolgreiche Managerin hofft, sich durch ehrenamtliches soziales Engagement wieder ein wenig zu erden. Und obwohl Samba und Alice jede Menge mit sich selbst zu tun haben, können sie nicht leugnen, sich zueinander hingezogen zu fühlen. Doch Samba wird von der Polizei gesucht und Alices Psyche ist noch längst nicht wieder stabil. Gibt es eine Zukunft für die Beiden und kann Samba überhaupt in Frankreich bleiben oder wird er doch noch abgeschoben?

Wer sich den Trailer des Films angeschaut hat, hat eigentlich schon alle lustigen Momente des Zweistunden-Films gesehen. Es ist fast erschreckend, wie wenig von ihrem genialen Humor Nakache und Toledano für ihren aktuellen Film aufbringen konnten. Die perfekte Symbiose, die Humor und Drama in "Ziemlich beste Freunde" eingegangen sind, findet sich hier in kaum einer Filmminute. Abwechselnd ist "Heute bin ich Samba" Sozialdrama mit wirklich kritischen Untertönen und einem schmerzhaft realistischen Blick auf das bedauernswerte und schwere Leben illegaler Einwanderer oder nur bedingt amüsante Liebeskomödie, die Ewigkeiten braucht, bis sie endlich mal aus der Hüfte kommt (1 Stunden, um genau zu sein). Warum genau sich so viele Regisseure ausgerechnet an einem der schwierigsten Genre-Bastards, der Kombination aus Drama und Komödie, versuchen, weiß ich nicht, denn nur den Wenigsten gelingt es, beiden Genres dabei wirklich gerecht zu werden bzw. sie wirklich gekonnt zu verknüpfen. Einmal ist es den beiden Regisseuren gelungen, bei "Heute bin ich Samba" versagen sie hingegen fast auf ganzer Linie.

Was "Heute bin ich Samba" zu keinem schlechten Film macht. Zumindest als indirektes Sprachrohr einer Bevölkerungsgruppe, über die man eigentlich kaum etwas weiß, eignet er sich sehr gut. Nakache und Toledano verwenden viel Zeit und Engagement darauf, dem Zuschauer das alltägliche Leben illegaler Einwanderer näher zu bringen, und ein ums andere Mal ist man wirklich bedrückt und hat Mitleid mit dem oft sehr schweren Los dieser Menschen. Dazu passt dann aber die - ebenfalls nicht problemlose - Love Story zwischen Alice und Samba nicht, zumal diese so lange nur zögerlich voranschreitet, dass man die Hoffnung bald ganz aufgibt, dass aus den Beiden noch mal was wird. Zusätzlich werfen die Regisseure dann noch ein paar unausgegorene Nebenschauplätze ins Geschehen, die weder von großer Relevanz noch von großem Interesse für den Zuschauer sind (der Algerier, der sich als Brasilianer ausgibt, der Illegale, der seine Freundin sucht, die "Graziös" heißt usw.). Der Film ist also entweder bedrückend ob seines Realismus oder eher zäh ob seiner seltsamen, kaum vorhandenen Liebesgeschichte.

Und die Längen sind wirklich unnötig. Hätten Nakache und Toledano nur mal ein bisschen an der Temposchraube gedreht und sich nicht ständig selbst storytechnische Stolpersteine in den Weg geworfen, hätte "Heute bin ich Samba" sicherlich besser funktioniert. So aber werden die beiden zentralen Handlungsstränge (Sambas "Überlebenskampf" und die beginnende Romanze mit Alice) immer wieder durch langatmige Einstellungen und die Erwähnung von Nichtigkeiten ausgebremst. Nahezu alle Beteiligten sind auf irgendeine Weise traumatisiert und hadern mit ihrem Schicksal. Die Leichtigkeit im Angesicht der Tragik, das, was Nakache und Toledano bei "Ziemlich beste Freunde" so virtuos gelungen ist, fehlt "Heute bin ich Samba" fast gänzlich.

Glücklicherweise haben die beiden Regisseure ihren Cast weise gewählt. Für den über 1,90 m großen Omar Sy ist es bereits die vierte Zusammenarbeit mit dem Regie-Duo. Sy agiert gewohnt natürlich und offenherzig, seinen Samba hat er gut austariert zwischen genügsamem Optimisten und verzweifeltem Illegalen, der um seine Würde und Identität kämpft. Charlotte Gainsbourg verkörpert einmal mehr eine nervöse, ausgebrannte Frau mit zu niedrigem BMI, deren wahre Stärke sich nur zögerlich zeigt. Auch die anderen Rollen sind gut und authentisch besetzt, verlieren sich aber manchmal in den bereits erwähnten unerheblichen Nebensträngen der Story.

"Heute bin ich Samba" sollte keinesfalls mit einer Erwartungshaltung, die auf dem grandiosen "Ziemlich beste Freunde" basiert, angesehen werden. Der Film schwankt verzweifelt zwischen Sozialdrama und bestenfalls angedeuteter Romanze hin und her und hat unterwegs offensichtlich seinen Humor größtenteils verloren. Nakache und Toledano hätten sich in diesem Fall besser für eins der beiden Genres entscheiden sollen, daraus wäre wahrscheinlich ein stimmigerer Film geworden. Trotz guter Darsteller und einiger berührender Momente halte ich "Heute bin ich Samba" schlussendlich für entbehrlich, zumindest aber nicht das relativ teure Kinoeintrittsgeld wert. Für mich - und ich bedaure das wirklich sehr - nicht mehr als zwei von fünf illegalen Einwanderern, denen man von Herzen ein besseres Leben wünscht.


Dracula Untold  (inkl. Digital Ultraviolet) [Blu-ray]
Dracula Untold (inkl. Digital Ultraviolet) [Blu-ray]
DVD ~ Luke Evans
Preis: EUR 11,97

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Lost Soul, 2. März 2015
Vampire, mal wieder. Transsilvanische diesmal, natürlich. Der rumänische Blutfürst musste ja schon für Hunderte (272, um genau zu sein) mehr oder weniger gelungene Verfilmungen herhalten. Regisseur Gary Shore hat für sein Debüt nun wenigstens einen geringfügig anderen Ansatz gewählt, er möchte nämlich die Geschichte erzählen, wie Fürst Vlad Tepes überhaupt erst zum Vampir wurde. Ein Dracula Prequel sozusagen. Dafür hat Shore zwei Drehbuch-Debütanten beauftragt, denen es leider nicht gelungen ist, aus dieser Vorgabe in 92 Minuten eine interessante und gute Geschichte zu machen.

Ausstattung der Blu Ray: Ton und Bild sind einwandfrei, die Bildqualität kommt allerdings bei dem vorrangig in düsteren Kulissen spielenden Film nicht wirklich zum Tragen. Ton in deutsch, englisch, französisch, italienisch, kastellan, japanisch, arabisch und englisch für Sehbehinderte. Untertitel in denselben Sprachen und noch ein paar anderen mehr. Extras: Luke Evans: Eine Legende erschaffen, Alternative Eröffnungsszene, Audiokommentar vom Regisseur und Produktionsdesigner, Unveröffentlichte Szenen, Ein Tag im Leben von Luke Evans, Dracula neu erzählt, Töten 1000, Das Land von Dracula.

Endlich mal wieder eine gut ausgestattete Blu Ray. Interessant vor allem "Ein Tag im Leben von Luke Evans", wo man den Schauspieler von morgens 5.00 Uhr an auf dem Weg zum Drehort begleitet und dann einen ganzen Tag lang bei ihm bleibt. Evans erklärt, was er so alles machen muss, wie das alles geht und dass das Training für den Film verdammt hart war. Für Fans des Walisers ein durchaus nettes Schmankerl.

Vlad Tepes (Luke Evans, "Krieg der Götter", "The Raven"), Mitte des 15. Jahrhunderts rumänischer Fürst in der Walachei, hatte kein einfaches Leben. Bereits als Kind von seinem Vater den damals einfallenden türkischen Heerscharen als zukünftiger Soldat "geopfert" und schwer misshandelt, muss er sich als Erwachsener immer noch mit den kämpferischen Osmanen um Sultan Mehmed (Dominic Cooper, "The Devil's Double") herumschlagen. Als dieser eines Tages 1.000 Jünglinge von Tepes für sein Heer fordert, unter denen sich auch Vlads Sohn Ingeras (Art Parkinson, "Love, Rosie") befinden soll, hat Vlad langsam die Faxen dicke. Also begibt er sich in eine Höhle, in der ein uralter Fledderfritze (Charles Dance, "The Imitation Game") hockt, der Vlad seine Seele abschwatzen, ihn dafür aber unsterblich machen will. Gesagt, getan. Vlad pfählt und schnetzelt sich fortan durch Heerscharen türkischer Opfer, damit seinem Sohn nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie ihm einst selbst. Das findet Mehmed nicht so witzig und Vlads Frau Mirena (Sarah Gadon, "Spiderman 2") irgendwie auch nicht. Wird es Vlad gelingen, seinen Blutdurst im Zaum zu halten und seine Familie zu retten? Denn Vlad muss dem Verlangen, seine Zähne in fremde Hälse zu schlagen, drei Tage lang widerstehen, um nicht für immer ein Vampir zu bleiben…

"Dracula Untold" funktioniert leider auf keiner Ebene so richtig. Draculas Vorgeschichte, sein Leben, bevor er angeblich zum Vampir wurde, wird bestenfalls stichpunktartig beleuchtet. Ein paar Szenen, wie er als Kind von den Türken gequält wird, ein kurzer Ausflug ins spätere häusliche Familienglück mit Frau und Kindern, diverse Schlachten auf schlammigen Feldern gegen die Türken, der kryptisch-verschwurbelte Höhlenbesuch beim Ur-Vampir und noch mal diverse Kämpfe gegen eine schier übermächtige Zahl an Gegnern. Viel Aufklärung, wer Vlad Tepes, Beiname "Drăculea" (Sohn des Drachen, da sein Vater Mitglied im Drachenorden war - oder aber auch abgeleitet vom rumänischen Wort für Teufel - "drac"), wirklich war und wie er gelebt hat, erhält man durch "Dracula Untold" leider nicht.

Darüber hinaus sind Regisseur Shore leider die Emotionen verlustig gegangen. Den ganzen Film durchzieht eine seltsame emotionale Unterkühltheit, und das, obwohl Tepes sichtlich leidet und kämpft wie ein Berserker. Der Film wirkt irgendwie seelenlos, die einzelnen Sequenzen wollen sich einfach nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Man bekommt keinen Bezug zu dem, was Tepes umtreibt, was er fühlt, wer er eigentlich war. Darüber hinaus bekommen alle anderen Darsteller kaum Raum, sich dem Zuschauer glaubhaft vorzustellen. Selbst der böse Sultan bleibt blass, obwohl er Tepes' härtester Gegner und zudem sein Leidensgenosse aus Kindheitstagen ist. Schade.
Der Film funktioniert also weder als tragisches Drama (dafür bleibt er zu kühl und oberflächlich) noch als markiges Schlachtenepos. Denn die hier ausgeführten Kämpfe sind zwar grandios choreographiert, sehen aber irgendwie alle gleich aus und sind so schnell geschnitten, dass man kaum etwas erkennen kann. Und wenn Tepes sich unerschrocken in ein ganzes Heer von Türken stürzt, um diese dann - natürlich - alle plattzumachen, wirkt das irgendwann leider eher komisch als spannend oder tragisch. Über ein paar martialische Schauwerte kommt der Film also leider nicht hinaus.

Dafür hat Shore bei den Darstellern alles richtig gemacht, allen voran beim großartigen Luke Evans. Was für ein Mann! Den gebürtigen Waliser umgibt eine fast archaische Präsenz, unterstrichen durch die durchtrainierte Physis und die grimmige Mimik, die sich kunstvoll zwischen seinen markanten Wangenknochen ausbreitet. Ist man dann noch so clever, sich den Film im Original anzusehen, kommt man darüber hinaus noch in den Genuss von Evans' ungewöhnlich tiefer, rauchig-heiserer Stimme, die geneigte Zuschauerinnen dann wohl restlos um den Verstand bringen dürfte. Evans verleiht Tepes trotz aller inhaltlichen Storyschwächen ein breites Spektrum an Emotionen. Man fühlt und leidet phasenweise mit ihm, er macht für seine Person nachvollziehbar, was sie durchleidet. Für die eindimensionale Charakterzeichnung der Drehbuchautoren kann Evans ja nichts. Dominic Cooper als sein Gegenspieler bemüht sich redlich, den bösen Türken zu geben, war aber in seiner Doppelrolle als Diktator in "The Devil's Double" um Längen besser. Die hübsche Sarah Godin besticht vorrangig durch ihre Optik, wird der schmalen Rolle als Tepes' Frau darstellerisch aber gerecht. Charles Dance ist als Ur-Vampir angemessen schaurig und Art Parkinson als Tepes' Sohn trotzt darstellerisch seiner bekloppten Frisur. Alle anderen Darsteller sind mehr oder weniger Kanonen- bzw. Pfähl-Futter.

"Dracula Untold" wollte viel, hat aber leider nur wenig erreicht. Der Film ist erschreckend oberflächlich und unterkühlt, die Tragik, die Shore aus seinem Helden herausarbeiten wollte, ist leider größtenteils auf der Strecke geblieben. Man erfährt kaum etwas über diesen Mann, um den sich seit Jahrhunderten Legenden ranken. Ein bisschen mehr historische Aufklärungsarbeit, und diese vor allem spannend und emotional in Szene gesetzt, hätten "Dracula Untold" sehr gut getan. So ist es leider nur ein düsteres Schlachtenepos geworden, dem irgendwie die Seele fehlt. Die, die ihn mögen, können sich aber wenigstens an einem göttlichen Luke Evans erfreuen, der natürlich sowohl optisch als auch akustisch (diese Stimme!) als auch darstellerisch vollends überzeugt *umfall*. (Hormonell) nüchtern betrachtet bringt das aber leider trotzdem nicht mehr als zwei von fünf Litern frischem Blut, die diesem düsteren, grauen, seelenlosen und recht eintönigen Film sicherlich gutgetan hätten.


Gone Girl - Das perfekte Opfer [Blu-ray]
Gone Girl - Das perfekte Opfer [Blu-ray]
DVD ~ Ben Affleck
Preis: EUR 14,99

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wrong Girl, 26. Februar 2015
"Gone Girl" hat ja schon als Romanvorlage für Furore gesorgt, und der Film wurde ähnlich gehypt wie das Buch. Zu Recht? Nun ja…für mich, die so ca. 12.000 gesehene Filme auf dem Buckel hat, birgt "Gone Girl" wenig Überraschendes. Für den durchschnittlichen Kinogänger hingegen dürfte der Film recht wendungs- und überraschungsreich sein. Aber irgendwie fehlt dem Film der typisch düstere Fincher-Style, das, was David-Fincher-Filme eben ausmacht (siehe "Sieben", "Fight Club", "Verblendung"). Definitiv aber ist er mit seinen 149 Minuten viel zu lang geraten, das gibt die dünne und irgendwann recht vorhersehbare Story dann doch nicht her. Und auch das sehr abrupte und vor allem offene Ende ist für mich kein gelungener Abschluss für den Film. Schade, sowohl von Fincher als auch von der Story hatte ich nach der euphorischen Presse mehr erwartet.

Die Ausstattung der DVD ist beschämend: Ton in deutsch, englisch, italienisch und russisch. Extras: Audiokommentar von David Fincher.

Amy (Rosamund Pike, "Jack Reacher") und Nick (Ben Affleck, "Argo") waren mal ein glückliches Ehepaar, doch das ist lange her. Nach dem Umzug vom pulsierenden New York nach Missouri und Nicks Jobverlust machen sich Frustration und Gleichgültigkeit zwischen Amy und Nick breit. Am Tag ihres fünften Hochzeitstages verschwindet Amy plötzlich spurlos. Schnell gerät Nick unter Verdacht, spätestens, als man Amys detaillierte Tagebuchaufzeichnungen findet, die Nick in ein denkbar schlechtes Licht rücken. Amy bleibt verschwunden und Nick steht schon mit einem Bein im Knast, als weitere erschreckende Details aus Amys und Nicks Eheleben auftauchen, die das Ganze in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen…

Viel mehr kann man zum Inhalt leider nicht sagen, ohne Entscheidendes zu verraten. Aber so spektakulär ist das, was hier verschwiegen werden muss, auch nicht, zumindest versierte Genre-Kenner wissen bald, dass nicht alles so ist, wie die erste halbe Stunde des Films uns glauben machen will.

Nun wird in Filmen hochkarätiger Regisseure oder erfolgreicher Buchautoren ja gerne Einiges hineininterpretiert. Bei "Gone Girl" fallen immer wieder die Begriffe "gelungener Angriff auf die Medienwelt und deren Vorverurteilung" und "bitterböse Eheanalyse". Tja…kann man so sehen, muss man aber nicht. Sicherlich ist der Umgang der Medien mit dem (Film)Thema fragwürdig, aber das ist er eigentlich immer in solchen Fällen, und das nicht nur in den USA. Und was aus einer Ehe werden kann, wurde ja nun filmisch auch schon bis zum Exzess abgespult ("Der Rosenkrieg", "Eine verhängnisvolle Affäre", sogar "Wer hat Angst vor Virginia Woolf"), so wirklich neu sind diese Themen also nicht. Sicherlich legt Fincher hier den Finger in die Wunde, aber das ist weder neu noch besonders kreativ. Besser wäre gewesen, wenn Fincher die durchaus vorhandene Spannungsschraube angezogen hätte, denn trotz einiger überraschender Wendungen nimmt der Film viel zu langsam Fahrt auf und ergeht sich in unnützen Längen.

"Gone Girl" beginnt als verheißungsvolle Romanze zwischen Nick und Amy, die sich auf einer Party in New York kennenlernen. Man verlobt sich, zieht zusammen, und auch beruflich könnte es für die beiden Autoren kaum besser laufen. Bis die Wirtschaftskrise über die USA hereinbricht. Nick verliert seinen Job, zudem erkrankt seine Mutter schwer, so dass das Ehepaar beschließt, ins ländliche Missouri in die Nähe von Nicks Mutter zu ziehen. Die ersten Risse in der Ehe werden sichtbar, Nicks Antriebslosigkeit, das langweilige Leben in Missouri und die zunehmende Kälte, die sich zwischen Nick und Amy ausbreitet. Neben den gezeigten Bildern erfährt man sowohl durch Rückblenden als auch aus dem Off gesprochene Kommentare von Nick und Amy, was so alles passiert. Dann wandelt "Gone Girl" sich zum Thriller mit leicht angezogener Bremse, der erst im letzten Drittel das Maß an temporeicher Spannung erreicht, das er schon viel früher gut vertragen hätte. Amy verschwindet und Nick steht schnell im Fokus der Ermittlungen. Seine Lage scheint aussichtslos, bis…im letzten Drittel des Films eine weitere Wendung platziert wird, die Nick zwar in eine andere, aber nicht unbedingt bessere Lage versetzt. Das Ende lässt Fincher - wie gesagt - offen, was meiner Meinung nach überhaupt nicht zu den vorangegangenen 148 Minuten passt. Ein krachender Schlussakkord, ein böser letzter Seitenhieb, eine wirklich überraschende Wendung hätten "Gone Girl" gut getan, nicht aber dieses abrupte, nichtssagende Ende, das den Zuschauer recht unbefriedigt zurücklässt und ihn sich fragen lässt, ob es sich wirklich gelohnt hat, in diesen Film knapp 2  Std. Zeit zu investieren.

Für mich war "Gone Girl" leider wenig überraschend. Das hier etwas nicht so ist, wie es dem Zuschauer weiß gemacht werden soll, ist ziemlich schnell klar. Und ist dieser Zweifel einmal erfolgreich gesät, bleibt er einem den ganzen Filmverlauf über erhalten. Die immer häufiger eingestreuten Verdachtsmomente gegen Nick bewirken eigentlich genau das Gegenteil von dem, was sie bewirken sollen. Obwohl kein wirklich angenehmer Mensch, ist man schnell davon überzeugt, dass Nick eigentlich nicht der Täter sein kann. Als sich der Film im weiteren Verlauf dann Amy zuwendet, ist man sicherlich kurz überrascht von dem, was über sie offenbart wird, aber das legt sich schnell und weicht diversen Längen und nicht immer überzeugend dargebrachten Wahrheiten. Und dann wird es wirklich ein bisschen absurd, wenn auch noch einmal nicht vorhersehbar. In der Summe sicherlich nicht uninteressant, besonders, da Fincher recht gekonnt menschliche Abgründe auslotet, aber insgesamt weder böse noch überraschend genug, um mich wirklich überzeugen zu können. Ein überlanger, meist konventioneller Thriller, der ein, zwei kleine Asse im Ärmel hat, mit seinem faden Ende aber auch wieder Vieles kaputt macht.

Die Schauspieler liefern gute Leistungen ab, wenngleich für ihre Charaktere nicht allzu viel Talent erforderlich ist. Ben Affleck spielt den gefühlskalten, faulen Ehemann souverän runter, ohne große Ecken und Kanten zu zeigen. Er wirkt manchmal emotional recht behäbig, es gelingt ihm aber ganz gut, wenigstens anfangs ein bisschen Ambivalenz zu erzeugen. Rosamund Pike hat den interessanteren Part, da ihr Charakter wesentlich mehr Abgründe aufweist, als man angenommen hat. Schlussendlich wirkt aber auch dies zu übertrieben bzw. nicht ausreichend untermauert, um wirklich überzeugen zu können. Dennoch spielt Pike die undurchsichtige Amy facettenreich. In den Nebenrollen gibt es einen geschmacklos gekleideten Neil Patrick Harris ("How I met your Mother") als Amys Ex-Freund, ein routiniert agierendes Ermittlerduo (Kim Dickens, "Footlose" und Patrick Fugit, "Wir kaufen einen Zoo") und Missi Pyle ("The Artist") als gewitterziegige TV-Moderatorin.

"Gone Girl" ist ein solider Thriller, der definitiv zu lang geraten ist, dafür aber ganz gut die Spannung hält. Weniger Filmminuten und mehr Tempo hätten im gut getan, vor allem, weil die Glaubwürdigkeit immer mal wieder auf der Strecke bleibt, aber er kann durchaus mit ein, zwei Überraschungen punkten, die zwar nicht spektakulär, aber zumindest für den wenig filmerfahrenen Gucker nicht absehbar sind. Finchers extrem düsterer, kompromissloser Stil ist hier nur selten zu erkennen, auch optisch findet sich hier kein finchertypischer Look, was Fans des Regisseurs enttäuschen dürfte. Für thrillererfahrene Zuschauer ist "Gone Girl" also nicht unbedingt zu empfehlen, für Weniggucker und Genreunerfahrene sicherlich einen Blick wert. Für mich leider nicht raffiniert und böse genug, nicht immer schlüssig und zu lang. Knappe drei von fünf Mädchen, die gegangen sind und meinetwegen auch nicht wiederkommen brauchen.


Ein Sommer in der Provence [Blu-ray]
Ein Sommer in der Provence [Blu-ray]
DVD ~ Jean Reno
Preis: EUR 14,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Sommer-Langeweile, 22. Februar 2015
Jean Reno als grantiger Alter mit Herz, der sich notgedrungen seinen stadtverwöhnten Enkeln annähern muss, ein wunderhübscher Bauernhof in der Provence, sommerliche Unbeschwertheit, ein typisch französisches Dorf, pittoreske Landschaftsaufnamen, Olivenhaine…hach, das klingt doch alles nach einer leichtfüßigen Dramödie mit Herz und französischem Charme. Tja, von wegen. "Ein Sommer in der Provence" ist einer der langweiligsten und belanglosesten 08/15-Komödchen aus Frankreich, die man sich vorstellen kann. Guckt man den Film ohne Ton und spult jeweils zu den wirklich gelungenen Landschaftsaufnahmen vor, ist das Ganze halbwegs erträglich, aber dem schnarchlangweiligen Spektakel auch noch zuhören zu müssen, ist leider furchtbar öde und so erschreckend einfallslos, dass man gar nicht glauben mag, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Bosch ebenfalls "Die Kinder von Paris" inszeniert hat. Das, was der schnurrige Trailer suggeriert, kann der Film in keiner der 105 Minuten einhalten.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in deutsch und französisch in DTS-HD 5.1, Untertitel in deutsch für Hörgeschädigte. Extras: Making-of, deutscher und französischer Trailer des Films sowie vier weitere Trailer. Das Bild ist scharf und klar, der Ton gut ausgesteuert.

Großmama Irène (Anna Galiena, "Der Mann der Friseuse") ist nach der Trennung ihrer Tochter von ihrem Mann nach Paris geeilt, um ihr bei der Betreuung ihrer drei Kinder zu helfen. Nun aber muss Mama nach Montreal auf Jobsuche, weshalb Irène kurzerhand beschließt, die Kinder mit auf ihren Bauernhof in der Provence zu nehmen, wo sie mit ihrem Mann Paul (Jean Reno, "Léon - Der Profi") lebt. Die pubertierenden Teens Léa (Chloé Jouannet) und Adrien (Hugo Dessioux) sind nicht gerade begeistert davon, den Sommer irgendwo in der Einöde bei den Großeltern zu verbringen, lediglich ihr kleiner Burder Théo (Lukas Pelissier), der von Geburt an taub ist, ist gänzlich unbekümmert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kinder ihren Großvater noch nie gesehen haben, da dieser sich vor über 20 Jahren im Streit von seiner Tochter abgewandt hat. Zudem hat Irène irgendwie "vergessen" zu erwähnen, dass sie mit den drei Enkeln im Gepäck nach Hause zurückkehrt. Die Sommerferien stehen also für alle Beteiligten unter keinem guten Stern…vorerst.

Ja Wahnsinn. Was zu einer charmant-schrulligen Komödie im sonnigen Frankreich hätte werden können, wurde leider zu einer furchtbar banal erzählten und vor allem nahezu humorfreien Belanglosigkeit, die lediglich mit hübschen Bildern punkten kann. Der Film strotzt nur so vor Klischees und wirkt dermaßen altbacken und realitätsfern, dass man sich fast fragen muss, ob Regisseurin Rose Bosch sich im Jahrhundert geirrt hat. Zumindest ein paar Dekaden zurückversetzt fühlt man sich allemal, wenn man sich mit pernodtrinkenden alten Männern, die aufreizenden Frauen in engen Kleidern mit wogenden Brüsten hinterherstarren, konfrontiert sieht, melancholischen Alt-Rockern beim Gitarrengeklampfe am Lagerfeuer zuhört, wie sie alte Woodstock-Songs trällern oder der altbekannten Wandlung des bockigen Pubertierenden zum handzahmen Muster-Enkelkind ansichtig wird.

Nun gut, denkt man sich, wenigstens der Opa-Enkel-Konflikt birgt dann ja noch Einiges an Herz- und Humorpotenzial. Denkste. Zwar ist Jean Reno angemessen grummelig und wortkarg und die Enkel natürlich völlig technikbesessen und verstädtert, so dass sie mit dem provenzalischen Idyll zunächst gar nichts anfangen können, aber selbstredend löst sich auch all das in Wohlgefallen auf - allerdings ohne den Zuschauer dabei zu amüsieren oder zu berühren. Der Film ist nahezu gagfrei und selbst wenn sich ein Dialog oder eine Szene gerne den Anstrich des Humoristischen verleihen würde, geht das in der Regel nach hinten los bzw. in der allgegenwärtigen Banalität des Werkes unter. Der Film dümpelt in der flirrenden französischen Sommerhitze dramaturgisch scheintot vor sich hin, da Rose Bosch lediglich eine überflüssige Szene an die nächste reiht oder sich in Klischees ergeht.

Opa ist grummelig, findet aber natürlich zuerst Zugang zu seinem jüngsten Enkel, der ihm gänzlich unvoreingenommen gegenübersteht, was zum einen an dessen Alter, zum anderen an seiner Taubheit liegt, die ihm viele aufschlussreiche Worte verwehrt und ihn so offen gegenüber seinem Großvater bleiben lässt. Adrien mutiert nach einer kurzen Null-Bock-Phase zum lächerlichen Dorf-Casanova, was jeglicher Glaubwürdigkeit spottet. Und Léa wandelt sich von der auf Krawall gebürsteten Öko-Schnepfe zur Naturschönheit, die sich in den örtlichen Pizzabäcker verknallt. Oma und Opa müssen auch noch ein paar Altlasten, die sich bis in die Gegenwart ziehen, bewältigen und dann steht da natürlich noch der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen Papa und Tochter im Raum. Zwischen diesen ganzen Albernheiten platziert Bosch wenigstens immer mal wieder äußerst pittoreske Bilder, die zwar ebenfalls klischeebeladen und kitschig sind, dabei aber wenigstens gut aussehen. Sei es nun der muckelige Bauernhof mit schattenspendender, blumenumrankter Terrasse, die blühenden Olivenhaine, der zauberhafte Dorfplatz mit Cafés und riesigen Bäumen oder die sonnenbeschienenen, weiten Felder der Provence, die einsamen Landstraßen oder hübschen Strände, an denen sich die Wellen fotogen brechen. Das alles sieht wirklich wundervoll aus, genauso, wie man sich den Sommer in Frankreich so vorstellt, somit hat Rose Bosch zumindest optisch alles richtig gemacht.

Die Darsteller liefern souverän ab, obwohl sie ständig Plattitüden und Klischeehaftes absondern müssen und ihre Rollen so eindimensional gestaltet sind, dass man es ihnen nicht verdenken könnte, wenn sie wesentlich weniger engagiert aufspielen würden. Lediglich Jean Reno merkt man an, dass er wohl nicht so richtig hinter dem Film stand, er spielt seine stereotype Rolle recht lustlos runter.

"Ein Sommer in der Provence" ist ein biederer, behäbiger und vor allem nahezu humorfreier Film geworden, der neben schönen Landschaftsaufnahmen und stimmigen Locations kaum etwas zu bieten hat. Die ach-so-schwierige Opa-Enkel-Konfrontation löst sich schnell in Wohlgefallen auf oder wird von anderen Unwichtigkeiten verdrängt. Ab und an meinte Rose Bosch wohl, schnell noch einen kleinen Konfliktherd einbauen zu müssen, aber das wirkt ähnlich plump und unglaubwürdig wie der ganze Rest der Geschichte. Die dünne Story plätschert nahezu witz- und ereignislos vor sich hin und vermag kaum Interesse beim Zuschauer zu generieren. Lediglich der kleine Théo sorgt für ein paar putzige Momente, ansonsten versinkt dieser Sommer in der Provence in erschütternder Vorhersehbarkeit und unfassbarer Einfallslosigkeit. Für die hübsche Optik gerade mal noch eins von fünf Kreativseminaren, die Rose Bosch dringendst belegen sollte.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 23, 2015 5:30 PM CET


Dark Skies - Sie sind unter uns [Blu-ray]
Dark Skies - Sie sind unter uns [Blu-ray]
DVD ~ Josh Hamilton
Preis: EUR 14,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen The Greys have arrived, 18. Februar 2015
Scott Stewart mag es offensichtlich düster. Vor "Dark Skies" hat er (beide Male mit Paul Bettany in der Hauptrolle) "Legion" und "Priest" inszeniert, und auch in seinem aktuellen Film bleibt er dem Düsteren treu. Sein Film ist handwerklich gut gemacht, verfügt über souveräne Darsteller aus der zweiten Film- und Fernsehreihe und vermag es sogar, den Zuschauer ein-, zweimal ein bisschen zu gruseln. Leider aber ist "Dark Skies" darüber hinaus sehr stereotyp geraten, birgt keine nennenswerte Spannung und ist schlussendlich mehr Drama als Horror- oder Gruselfilm. Die 97 Minuten Laufzeit kommen einem oft wesentlich länger vor, da Stewart seine Geschichte so beiläufig und fast träge erzählt, dass man sich ab und an tatsächlich zu langweilen beginnt und sich fragt, warum Stewart der Meinung war, eine Geschichte, die schon tausend Mal erzählt wurde, noch einmal selbst zu schreiben und zu inszenieren. Dafür ist "Dark Skies" eindeutig zu wenig innovativ und kreativ. Für Grusel-Anfänger ein recht stimmiger Einstiegsfilm, ansonsten sollte man sich darüber klar sein, dass man hier nicht viel Gruseliges zu sehen bekommt und "Dark Skies" vielmehr auf dysfunktionalen Familiendrama-Pfaden wandelt.

Ausstattung der Blu Ray: Sehr gutes Bild, der Ton (in deutsch und englisch, Untertitel in deutsch) allerdings muss sehr laut gedreht werden, bis man die Protagonisten gut hören kann. Extras: Audiokommentar von Regisseur Scott Stewart, Deleted Scenes, Trailer in deutsch und englisch sowie drei weitere Trailer.

Bei Familie Barrett läuft's so semi-optimal: Mutti Lacy (Keri Russell, "Der Klang des Herzens") arbeitet sich krumm und bucklig als Maklerin, weil Gatte Daniel (Josh Hamilton, "J. Edgar") gerade arbeitslos ist. Das führt zu einem brachliegenden Sexleben und sich wiederholenden Auseinandersetzungen, was die Söhne Jesse (Dakota Goyo, "Noah") und Sammy (Kadan Rockett, "The Fortune Theory") beunruhigt. Viel beunruhigender ist allerdings, dass im Hause der Barretts seltsame Dinge geschehen. Der Kühlschrank wird des Nächtens geplündert und sein Inhalt in der Küche verteilt, aus Lebensmittelvorräten werden seltsame Gebilde gebastelt, über Nacht verschwinden alle Familienfotos aus ihren Rahmen und ganze Vogelschwärme stürzen sich auf das Haus der Barretts und verenden jämmerlich. Trotz Hinzuziehung der Polizei und eingeschalteter Alarmanlage geht der Grusel weiter. Sohn Sammy berichtet von einem unheimlichen Sandmann, der ihm in seinen Träumen erscheint oder an seinem Bett steht. Als die verzweifelte Lacy zu recherchieren beginnt und herausfindet, dass sie nicht die Einzigen sind, denen so etwas passiert, suchen sie den selbsternannten Experten Edwin Pollard (J.K. Simmons, "Juno") auf, der ihnen Schreckliches mitteilt…

Der Sub-Titel des Films ("Sie sind unter uns") impliziert es ja schon, hier sind mal wieder Außerirdische am Werk. Diese werden hier schlicht "Die Grauen" genannt und sehen (wenn sie denn überhaupt mal zu sehen sind) aus wie die Strichzeichnung eines Fünfjährigen, der gerade einen schlechten (Mal)Tag hatte. Das ist aber nicht weiter wichtig, weil der Fokus sowieso nicht wirklich auf den Aliens liegt, sie dienen nur dazu, die Familie krisengerecht zusammenzuschweißen und zu veranschaulichen, wie Menschen sich in bedrohlichen Situationen verhalten.
Denn unerklärlicherweise hielt Regisseur und Drehbuchautor Stewart für viel interessanter, einer Familie dabei zuzusehen, wie sie langsam aber sich auseinanderfällt, nur um sich im Angesicht der Gefahr natürlich doch wieder zusammenzuraufen. Diese Grundidee ist so wenig kreativ wie sie auf der anderen Seite klischeehaft ist. Darüber hinaus hat Stewart für seinen Film ein Tempo gewählt, das man kaum mehr als "seicht mäandern" bezeichnen kann. Schlussendlich ist "Dark Skies" ein sehr langsam erzähltes Familiendrama, bei dem ab und an ein paar grob skizzierte Strichmännchen durch die Kulissen hüpfen und Blödsinn machen.

Und Stewart scheut sich hier wirklich nicht, knietief in die Klischeekiste zu steigen: Natürlich ist die Familie ob ihrer momentanen Probleme und Streitereien geradezu prädestiniert, von Aliens infiltriert zu werden. Natürlich bemerkt der jüngste Sohn als erstes die Gefahr und natürlich glaubt ihm keiner. Natürlich gibt es einen kauzigen "Experten", der den Durchblick hat und die Unwissenden aufklärt. Und natürlich rüstet die Familie sich dann zum Angriff, was natürlich sehr laienhaft umgesetzt wird und letztendlich völlig wirkungslos ist. Einzig dem Ende möchte ich das "Natürlich" vorenthalten, hier hat Stewart einen Hauch Happy-End-Revolution walten lassen und wartet nicht mit dem Friede-Freude-Eierkuchen-Standard auf.

"Dark Skies" ist trotzdem kein wirklich schlechter Film, man muss nur wissen, worauf man sich hier einlässt und Solches mögen. Hier geht es fast ausschließlich unblutig zu, gängige Schockeffekte verwendet Stewart ebenso wenig wie bedrohlich anschwellende Musik, und die Aliens sehen aus wie Kohle-Skizzen eines Halbblinden und wirken somit überhaupt nicht gruselig oder gar aggressiv. Horror oder Grusel steht bei "Dark Skies" eindeutig nicht im Vordergrund. Vielmehr sind sie nur der Auslöser für ein Familiendrama, das bedauerlicherweise sehr konventionell und tempoarm inszeniert wurde. Wenn man gerne einen Blick hinter die vermeintlich heile Fassade durchschnittsamerikanischer Familien wirft, könnte einem "Dark Skies" recht gut gefallen. Allen anderen, besonders denen, die es gerne schaurig oder splattrig haben, sollten die Finger von diesem Vorschul-Grusel lassen.

Wenn schon nicht inhaltlich, so macht "Dark Skies" wenigstens mit dem überschaubaren Budget von lediglich 3,5 Mio. Dollar alles richtig, das nicht nur für ordentliche Locations, sondern auch versierte Darsteller gereicht hat. Hier tut sich niemand besonders hervor, dafür fällt auch niemand unangenehm auf. Russell und Hamilton sind schon lange im Geschäft, was man ihrem routinierten Spiel auch anmerkt. Die Kinderdarsteller machen ihre Sache ebenfalls gut, schade ist es lediglich um den grandiosen J.K. Simmons, der in seinen wenigen Filmminuten kaum Zeit hat zu zeigen, was er alles kann.

Für mich war "Dark Skies" eher nichts, wobei ich mich wenigstens nicht auch noch über schlechte Schauspieler, miese Synchro oder billige Kulissen aufregen musste. Das alles ist stimmig, aber inhaltlich war mir das einfach zu ausgelutscht, langweilig, stereotyp und unaufgeregt. Wenigstens ein paar anständige Schauer hätte ich mir gerne über den Rücken rieseln lassen, leider war mir das bei "Dark Skies" nicht vergönnt. Und da der Film auch als ergreifendes oder überzeugendes Familiendrama für mich nicht funktioniert hat, leider nur zwei von fünf grauen Hampelmännern, die optisch lieber noch mal bei H. R. Giger die Schulbank drücken sollten.


Der Distelfink: Roman
Der Distelfink: Roman
von Donna Tartt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The Goldfinch, 14. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Distelfink: Roman (Gebundene Ausgabe)
The Goldfinch

Donna Tartt wurde 1963 einen Tag vor Weihnachten in Mississippi geboren, wo sie auch aufwuchs. Während ihres Studiums begann sie 1982 an ihrem ersten Roman, "Die geheime Geschichte", zu schreiben, welcher zehn Jahre später veröffentlicht und in 24 Sprachen übersetzt wurde. Wiederum zehn Jahre später erschien "Der kleine Freund", für den sie eine Auszeichnung erhielt. Weitere elf Jahre mussten Fans der Autorin dann auf "Der Distelfink" warten, der 2013 erschien. Für diesen Roman erhielt Tartt den Pulitzer Preis.

Donna Tartt hat mich vor über 20 Jahren mit ihrem Roman "Die geheime Geschichte" nachhaltig beeindruckt. Noch heute halte ich diesen Roman für einen der besten, der je geschrieben wurde. Ihr Folgewerk, "Der kleine Freund", konnte für mich nicht ganz an die Genialität ihres Debüts anknüpfen, mit "Der Distelfink" hingegen ist Donna Tartt wieder zu alter Form aufgelaufen und hat ein Werk geschaffen, dem es gelingt, über die unglaubliche Zahl von 1.024 Seiten zu fesseln und zu beeindrucken. Donna Tartt ist für mich eine der besten Schriftstellerinnen unserer Zeit und ich hoffe, ich muss nicht wieder zehn Jahre auf ihr nächstes Meisterwerk warten.

Theodore Decker ist 13 Jahre alt, als sein Leben komplett aus den Fugen gerät. Als er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, geschieht ein grauenvoller Unfall, der Theo seiner Mutter beraubt. Doch ein weiteres Ereignis soll Theos Leben nachhaltig beeinflussen, und das ist das Gemälde "Der Distelfink" des holländischen Malers Carel Fabritius, welches Theo aus dem Museum mitnimmt. Zuerst führt es den schwer traumatisierten Jungen zu Hobie, einem Möbeltischler und Antiquitätenhändler, der sich ein wenig um Theo kümmert, der vorerst bei der Familie seines Freundes Andy unterkommt. Bei Hobie lernt Theo auch Pippa kennen, die ihm vorher schon im Museum aufgefallen war und die er nun durch Zufall wiedertrifft. Das gleichaltrige Mädchen ist ähnlich traumatisiert wie Theo, doch schon bald werden die beiden Teenager wieder getrennt. Die Behörden haben endlich Theos Vater ausfindig gemacht, der mittlerweile in Las Vegas lebt. Theo muss mit ihm und dessen neuer Freundin nach Las Vegas ziehen und New York, Hobie und Pippa schweren Herzens verlassen. In Vegas macht Theo die Bekanntschaft des ein Jahr älteren Boris, einem russischen Einwanderer und ebenfalls ein Außenseiter wie Theo. Die beiden vernachlässigten und teilweise auch misshandelten Kids werden zu besten Freunden, hängen zusammen ab und probieren nahezu jede Droge aus. Durch ein weiteres schreckliches Ereignis gelangt Theo gut zwei Jahre später wieder nach New York, wo er bei Hobie Unterschlupf findet und bei ihm in die Lehre geht. Doch Theos Leben verläuft weiter in ungeordneten Bahnen, und er ist immer noch im Besitz des kleinen Gemäldes, nach dem seit Jahren weltweit gesucht wird. Wird Theo sein Leben jemals in den Griff bekommen und was wird mit dem wertvollen Gemälde geschehen, das Theo immer an die schrecklichen Ereignisse damals im Museum erinnert?

"Der Distelfink" ist ein wirklich außergewöhnliches Buch. Obwohl es über 1.000 Seiten hat, findet man sich trotz der Komplexität der Geschichte schnell in diese ein und kann das Buch schon bald kaum mehr aus der Hand legen. Donna Tartts Talent als Geschichtenerzählerin ist außerordentlich, sie entwirft eine Welt, in die man mühelos eintauchen und deren Sog man sich kaum entziehen kann. "Der Distelfink" wird so zum großen amerikanischen Roman, der von so ausgesuchter und dennoch lebensnaher Rhetorik ist, das nahezu jede Seite ein Genuss ist. Und obwohl Tartt sich immer wieder in ausufernder Detailverliebtheit ergeht, Umstände, Vorgehensweisen, Historisches, Beschreibungen von Örtlichkeiten, Tagesabläufen und Arbeitsschritten fast besessen beschreibt, wird "Der Distelfink" nie langweilig oder zäh. Vielmehr bewundert man das umfangreiche Wissen, welches Tartt sich für ihren Roman angeeignet hat, die hunderte kleinen Details, Aufzählungen und Beobachtungen, die sich im Roman finden und die eine kaum vorstellbare Recherche bedeutet haben dürften. Tartts außergewöhnlicher Geist, ihre Intelligenz und immer wieder ihre faszinierende Eloquenz lassen "Der Distelfink" zum bombastischen, atemberaubenden und unfassbar gut erzählten Werk werden, das zu Recht mit dem Pulitzer Preis belohnt wurde.

Über eine Zeitspanne von lediglich 15 Jahren verfolgt man Theos Leben, das von vielen einschneidenden Erlebnissen geprägt wird. Das schwierige Zusammenleben der Eltern, einer ehrgeizigen Mutter und einem alkoholabhängigen Vater in Uptown New York, das noch engere Zusammenrücken von Mutter und Sohn, nachdem der Vater sie endlich verlassen hat, das schreckliche Unglück, das Theo und seiner Mutter widerfährt und das Leben des Jungen komplett auf den Kopf stellt. Seine notgedrungene Zuflucht zur Familie seines Freundes Andy, sein zwangsweiser Weggang aus New York, um mit seinem Vater und dessen Freundin in einer verlassenen Siedlung außerhalb von Las Vegas zu leben und seine verhängnisvolle Bekanntschaft mit Boris, der ihn an Alkohol, Gras und später auch härtere Drogen heranführt und mit dem er zahlreiche kleine Supermarkt-Diebstähle begeht. Dann ein erneuter Bruch in Theos Leben, ein weiteres Ereignis, das sein Leben wieder komplett verändern wird. Mit seiner Drogensucht kämpfend kommt Theo bei seinem alten Freund Hobie unter, beendet die Schule und geht bei Hobie in die Lehre. Er lernt, Möbel zu restaurieren und wertvolle Antiquitäten zu verkaufen. Und immer mal wieder taucht Pippa auf, die bei dem traumatischen Ereignis damals im Museum ebenfalls dabei war und zu der Theo sich seitdem unwiderruflich hingezogen fühlt, die er aus tiefstem Herzen liebt, aber nie eine Chance bekommt, ihr dies zu zeigen. Und dann ist da noch das Gemälde, das Lieblingsbild seiner Mutter, das Theo verbotenerweise in seinen Besitz gebracht hat, als im Museum das Chaos losbrach. Nach dem Bild wird weltweit gesucht, doch Theo kann sich einfach nicht davon trennen, zu viel Vergangenes verbindet ihn mit diesem Bild.

All das und noch viel, viel mehr schildert Donna Tartt hier auf unnachahmliche Weise, und man ist selbst erstaunt, wie gebannt man diese nicht immer spektakulär klingende Geschichte verfolgt. Es ist nachgerade unfasslich, wie gut Tartt schreiben kann, wie es ihr immer wieder gelingt, die unterschiedlichsten Emotionen beim Leser abzurufen. Man empfindet Mitleid mit Theo, begegnet ihm irgendwann aber auch mit Unverständnis, Ungeduld und Resignation, nur um auf der nächsten Seiten wieder ganz auf seiner Seite zu sein, bevor man sich ein Kapitel später vielleicht wieder ein wenig von ihm abwenden möchte. Es finden sich so faszinierende Charaktere und so authentisch geschilderte Lebensräume im "Der Distelfink", dass das Buch Seite um Seite an Intensität gewinnt, bis man es praktisch nicht mehr aus der Hand legen kann. Die Kombination aus großer Erzählkunst und exzellent ersonnenen Welten findet in "Der Distelfink" zu atemberaubender Vollendung. Gepaart mit Tartts anspruchsvollem Stil, der dem Leser Einiges an Aufmerksamkeit abverlangt, andererseits aber auch wieder so mühelos und lebensnah daherkommt, weiß man irgendwann einfach, dass man hier etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Besser kann man einen Roman kaum schreiben, die Dekade des Wartens auf Tartts neues Werk hat sich also mehr als gelohnt.

Mehr kann man eigentlich über "Der Distelfink" nicht sagen…oder…eigentlich könnte man noch sehr viel mehr zu diesem Buch sagen, aber das Erlebnis, das einem dieser Roman beschert, sollte man selbst erleben, denn die vielen schicksalshaften Wendungen, die das Leben für Theo bereithält, muss man einfach selbst gelesen haben. Und man sollte einmal in seinem Leben eine Donna Tartt gelesen haben, denn wirklich viele Schriftsteller mit so begnadetem Talent gibt es nicht. "Der Distelfink" ist eine rhetorische und inhaltliche literarische Offenbarung von wirklich ganz besonderer Güte. Insofern natürlich volle fünf von fünf Distelfinken, die hier nur der Aufhänger für ein ganz besonderes, wundervolles Leseerlebnis sind.


Dunkler Donnerstag: Thriller - Der neue Fall für Frieda Klein Bd.4 (Psychologin Frieda Klein als Ermittlerin, Band 4)
Dunkler Donnerstag: Thriller - Der neue Fall für Frieda Klein Bd.4 (Psychologin Frieda Klein als Ermittlerin, Band 4)
von Nicci French
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aufgewühlt, 10. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Dunkler Donnerstag" ist der mittlerweile vierte Band der insgesamt auf acht Teile angelegten Reihe um die Psychotherapeutin Frieda Klein. Das Autoren-Duo Nicci Gerrard und Sean French hat Frieda Klein in den ersten Bänden dem Kriminalbeamten Malcolm Karlsson an die Seite gestellt, um mithilfe ihres psychologischen Blickwinkels Hilfe bei diversen ungeklärten Mord- oder Entführungsfällen zu leisten. In "Dunkler Donnerstag" ist es nun erstmalig so, dass Frieda Klein auf eigene Faust und ohne Karlssons schützende Hand ermittelt, und zwar in einem Fall, der sie ganz direkt betrifft.

Die Frieda-Klein-Reihe ist typisch britische Krimikost, die dadurch aufgewertet wird, dass Frieda Klein eine sehr spezielle Persönlichkeit ist und hier nicht ein Polizist oder ein Ermittler-Duo im Fokus steht, sondern ein sehr komplexer, ungewöhnlicher Charakter, der von Band zu Band mehr Facetten enthüllt oder auch einfach nur seine Schrullen pflegt. Nicht alle drei bisher erschienenen Bände (der fünfte folgt im Winter 2015) sind qualitativ gleichwertig, nach einem starken Auftakt in den ersten zwei Bänden schwächelt die Reihe bei Teil drei kurz ein wenig, erlangt aber mit Band vier wieder die anfängliche Güte, so dass ich "Dunkler Donnerstag" gerne weiterempfehle. Die Bände sind übrigens auch ohne Vorkenntnis der vorangegangenen Bücher gut zu lesen, um Frieda Klein aber wirklich kennen und mögen zu lernen, empfiehlt es sich, alle Bände zu lesen. Gerrard und French fügen aber jedem Band kleine, erklärende Informationen bei, sobald sich auf Ereignisse bezogen wird, die in der Vergangenheit bzw. den Vorgängerbänden stattgefunden haben.

Frieda Klein erhält unerwarteten Besuch von einer alten Schulfreundin, der sie allerdings nie besonders nahe gestanden hat. Dennoch bittet diese sie, sich ihrer 15jährigen Tochter Becky therapeutisch anzunehmen, die magersüchtig und aufsässig ist. Als Frieda der Bitte nachkommt und Becky ihr erzählt, dass sie vergewaltigt wurde, setzt das bei Frieda eine Reihe sehr unangenehmer Erinnerungen in Gang, die auch ihre eigene Vergangenheit betreffen. Als Becky kurz darauf vermeintlich Selbstmord begeht, schrillen bei Frieda sämtliche Alarmglocken. Sie glaubt zu wissen, was wirklich passiert ist und das hängt mit einem traumatischen Ereignis zusammen, welches Frieda selbst vor 23 Jahren widerfahren ist. Also macht sie sich auf in ihren Heimatort Brixton, aus dem auch Becky stammt, um sich sowohl ihrer Vergangenheit zu stellen als auch herauszufinden, was mit Becky wirklich passiert ist. Ein sehr gefährliches Unterfangen, wie sich herausstellt, denn Frieda Klein kommt der Wahrheit bedrohlich nahe und begibt sich damit in große Gefahr…

Wer verschrobene, unzugängliche, intelligente, widerspenstige und komplexe Charaktere mag, wird an der Frieda-Klein-Reihe seine Freude haben. Gerrard und French gelingt es hervorragend, Frieda Klein Band um Band weitere Facetten hinzuzufügen, so dass ihr Charakter stetig an Komplexität zunimmt. Kennt man die Vorgängerbände, stellt man außerdem fest, dass man sich mit Frieda Kleins sehr speziellen Art im Umgang mit Menschen langsam anzufreunden, ja, sie sogar zu mögen beginnt. Diese Frau, die gleichzeitig unnahbar und verletzlich ist, hat etwas Faszinierendes, so dass man Frieda Klein von Band zu Band mehr zugetan ist.

Doch auch, was das Verbrechen angeht, geht es in Band vier wieder etwas normaler und realistischer zu, die unterschiedlich großen Logiklöcher der vorangegangenen Geschichten halten sich hier in erfreulich kleinen Grenzen und der ganze Fall, dem Frieda Klein sich hier widmet, wirkt bodenständig, nicht übermäßig schrecklich oder grausam und ohne allzu große gedanklichen Schlenker lösbar. Schnell stellt man fest, dass man eigene Überlegungen anstellt, wer für gleich mehrere schreckliche Taten in Braxton verantwortlich sein könnte: die Frauen scheiden natürlich (natürlich?) aus: Eva, Friedas beste Freundin aus Jugendtagen, bei der Frieda vorübergehend unterkommt, solange sie in ihrem Heimatort ist. Maddie, die Mutter von Becky, oder Vanessa, die mit ihrer Jugendliebe Ewan verheiratet ist und zwei Kinder hat. Aber dann wären da noch Chas, schon damals ein machthungriger Manipulator, oder Jeremy, der mit Frieda als Teenager zusammen war, sie dann aber an Lewis verloren hat, mit dem das Leben es nicht allzu gut gemeint hat. Und auch Frieda Kleins ehemaliger Lehrer Greg gerät in den Fokus ihrer Ermittlungen. Die schlussendliche Auflösung kommt dann gar nicht mehr so spektakulär daher, weil der Verdächtigenkreis von vorneherein recht eingeschränkt ist.

Neben diesem Fall, den Frieda unbedingt lösen will, spielen natürlich auch wieder ihre Freunde in London eine Rolle: ihr ehemaliger Therapeut und mittlerweile guter Freund Reuben, Josef, der russischstämmige Handwerker, der sich mehr und mehr als unverzichtbarer Freund von Frieda Klein erweist, Friedas quirlige Nichte Chloe, Malcolm Karlsson, mit dem Frieda inzwischen eine Freundschaft verbindet und Sandy, der Mann den Frieda (so schwer ihr das auch zuzugeben fällt) liebt, der London aber für einen Job in Amerika verlassen hat. Die Beiden sind immer noch zusammen und als Frieda Sandy erzählt, was ihr damals, vor 23 Jahren passiert ist, veranlasst dies Sandy, nach England zurückzukehren…eine schicksalhafte Entscheidung, wie sich noch herausstellen soll.

"Dunkler Donnerstag" ist ein fast rundum gelungener Brit-Krimi, dem es lediglich ein wenig an emotionaler Intensität fehlt und dessen Story dem ein oder anderen zu unspektakulär erscheinen mag. Für die Frieda-Klein-Reihe ist er aber die logische Fortsetzung der Vorgängerbände und findet, nach etwas sehr konstruiert wirkenden und inhaltlich nicht immer überzeugenden Kriminalfällen der anderen Bände, wieder zu seinen Wurzeln zurück. Alles in allem ist die Frieda-Klein-Reihe sehr lesenswert, wenn man es britisch und menschlich skurril mag, insofern freue ich mich schon auf die weiteren vier Bände und bin gespannt, was sich noch alles über Frieda Klein erfahren lässt. Für diesen dunklen Donnerstag gerne vier von fünf Reisen in die Vergangenheit, die sowohl schmerzlich als auch heilsam sein können.


Life After Beth [DVD] [UK Import]
Life After Beth [DVD] [UK Import]
DVD ~ Aubrey Plaza
Wird angeboten von marvelio-germany
Preis: EUR 16,57

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zombies love Smooth Jazz, 6. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Life After Beth [DVD] [UK Import] (DVD)
(Kinoversion)

Jeff Baena hat anno 2004 das grandiose Script zum Film "I love Huckabees" geschrieben. Zehn Jahre später hat er endlich wieder ein Drehbuch verfasst und sich für "Life after Beth" auch das erste Mal auf den Regiestuhl geschwungen. Nun ist ja nicht jeder gute Drehbuchschreiber auch ein guter Regisseur, aber Jeff Baena ist zum Glück Beides. Seine wunderbare Zombie-RomCom wartet mit unterschwelligem Humor und einer so lakonischen Apokalypse auf, dass diese vom Zuschauer und auch von den Betroffenen fast gar nicht bemerkt wird. Die Welt geht unter und keiner kriegt es mit? Ja, genau, und Baena hat aus dieser Idee einen kurzweiligen und witzigen 91Minüter gemacht. Geht doch.

Beth (Aubrey Plaza, "Parks and Recreation") ist tot, gestorben nach einem Wanderausflug an einem Schlangenbiss. Ihr Freund Zach (Dane DeHaan, "Chronicles") ist untröstlich, obwohl Beth vor ihrem Ableben angedeutet hat, mit ihm Schluss machen zu wollen. Doch noch während Zach in Trauer versunken ist, taucht Beth plötzlich wieder auf. Sie erinnert sich weder an den Schlangenbiss noch an ihren Tod. Ihre Eltern (John C. Reilly, "Der Gott des Gemetzels" und Molly Shannon, "Scary Movie 4+5") verstecken Beth aber vorsichtshalber erstmal im Haus, denn wie soll man irgendjemandem erklären, dass sie gar nicht tot ist? Zach ist nach dem ersten Schock sehr glücklich über Beths Rückkehr, vor allem, weil sie sich ebenfalls nicht mehr daran erinnern kann, dass sie mit ihm Schluss machen wollte. Doch irgendwas stimmt nicht mit Beth… sie bekommt einen heftigen Ausschlag im Gesicht, ist ziemlich blass und wird bald von plötzlich ausbrechenden Aggressionsschüben geplagt, bei denen sie alles kurz und klein haut. Mit Smooth Jazz allerdings ist die Untote schnell wieder zu beruhigen. Sehr seltsam, das alles. Und noch während Beths Zustand sich verschlimmert und Zach sich gar nicht mehr so sicher ist, ob er mit dieser neuen Beth überhaupt noch zusammen sein will, tauchen vereinzelt weitere Menschen mit ähnlichen Symptomen in der Stadt auf. Was ist denn da nur los?

Jeff Baena hat sich für sein Regie-Debüt zwar für einen Zombiefilm entschieden, inszeniert diesen aber so genreuntypisch, dass er diesem an sich schon längst totgesagten Sub-Genre tatsächlich noch etwas Neues abzugewinnen weiß. Denn wer sagt denn schließlich, dass Ausbruch und Verbreitung des Virus erklärt und gezeigt werden müssen? Wer meint denn, dass man die große Zombieinvasion immer mit Pauken und Trompeten und massenhaft umherstolpernden Untoten inszenieren muss? Wer glaubt denn, dass der Fokus beim Zombiefilm unbedingt auf der ekligen Essgewohnheiten der Flodderfritzen liegen muss? Eben. Baena entscheidet sich für eine sehr subtile Herangehensweise an eines der Kult-Horrorthemen überhaupt.

Im Fokus stehen hier eindeutig Beth und Zach und die Geschichte ihrer jungen, bald schon unmöglichen Liebe. Die sich ausbreitende Zombie-Epidemie wird zur Nebensache deklariert, ist aber dennoch der Motor, der diesen ungewöhnlichen Film so kurzweilig und witzig vorantreibt. Immer mal wieder läuft ein sich merkwürdig verhaltender "Mensch" kurz durchs Bild oder nistet sich irgendwo ein, ohne erstmal eine sonderlich große Bedrohung zu sein. Und auch Beths Veränderungsprozess geht schleichend vonstatten. Bis auf die fehlende Erinnerung scheint erstmal alles in Ordnung zu sein mit ihr. Erst nach und nach zeigen sich erste Symptome ihrer neuen Persönlichkeit. Beth ist aufbrausend, taktlos und schubweise völlig von der Rolle und gewalttätig. Ihr Körper verändert sich und sie entwickelt eine nicht nachvollziehbare Vorliebe für Smooth Jazz und Wandverputz. Zach ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu ihr und der Panik, die ihr verändertes Wesen in ihm wachruft. Verstört fragt er Beth, ob sie ihn denn auch wirklich nicht essen wird, will sie aber dennoch nicht im Stich lassen.

"Life after Beth" strotzt nur so vor subtilem Humor, mit dem es Baena gelingt, seinen Film nicht zur nervigen Teenie-Horrorkomödie verkommen zu lassen. Die Situationen sind teilweise so herrlich absurd und dabei irgendwie trotzdem so normal, dass man ausreichend Gelegenheit hat, bei "Life after Beth" herzhaft zu lachen. Etwa wenn Beth nahezu besessen insistiert, sie wolle wieder "hiking" gehen, unbedingt. Zur Not eben auch mit dem riesigen Herd auf dem Rücken, an dem ihre verzweifelte Mutter sie festgebunden hat, damit Beth ihr nicht mehr zu nahe kommt. Es gibt lauter solcher kleinen Momente, die einen die wenigen Längen, die der Film hat, schnell vergessen lassen. Typischen Zombiesplatter gibt es hingegen kaum, abgesehen davon, dass Beths Mutter ein paar ihrer Finger an die Tochter verfüttert, weil die eben solchen Hunger hat. Insofern bleibt einem auch billige CGI erspart, zudem braucht der Film auch keine Splattereinlagen, um gut zu sein.

Die Darsteller machen ihre Sache hervorragend. Dane DeHaan gelingt der Spagat zwischen verzweifeltem Freund und glücklich Wiedervereintem, er ist einerseits hormonell umnachtet, andererseits zunehmend ängstlich und verstört von seiner neuen alten Freundin. John C. Reilly und Molly Shannon als überforderte Eltern einer scheinbar doch nicht toten Tochter und ihr verzweifeltes Ringen um Normalität sind ebenso sehenswert. Auch Zachs Familie, bestehend aus Cheryl Hines ("Suburgatory"), Paul Reiser ("Verrückt nach Dir") und Matthew Gray Gubler ("Criminal Minds", "Suburban Gothic") als schießwütiger Sicherheitsbeamter mit Allmachtsphantasien finden sich wunderbar in ihre schrägen Rollen ein. Und Aubrey Plaza als jugendlicher Zombie mit Herd auf dem Rücken ist sowieso der Knaller.

Also, bis auf ein paar kleine Längen hat Baena alles richtig gemacht und mit "Life after Beth" einen wunderbar unkonventionellen Zombiefilm gedreht, der gekonnt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers spielt. Er liefert hier zwar keine - wie sonst üblich - bluttriefende Schlachtplatte mit haufenweise herumstolpernden Zombies ab, verleiht seinem abseitigen Film dafür aber soviel Witz und Charme, wie man es - besonders im Horrorbereich - lange nicht mehr gesehen hat. "Life after Beth" ist der etwas andere Zombiefilm, und das ist auch gut so. Dafür vier von fünf Saxophon-Soli von Kenny G., der eine sehr beruhigende Wirkung auf den durchschnittlichen Zombie hat..


Schändung
Schändung
Preis: EUR 17,33

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schuld verjährt nicht, 6. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Schändung (DVD)
(Kinoversion)

Nach dem mich auf dem letztjährigen Filmfest Hamburg die Verfilmung eines Jussi Adler Olsen-Romans schwer begeistert hat ("Erbarmen", jetzt auf DVD und Blu Ray erhältlich), habe ich mich umso mehr gefreut, dass dieses Jahr der zweite Teil der auf insgesamt zehn Teile angelegten Reihe gezeigt wurde. Bislang sind vier Romane um den dänischen Kommissar Carl Mørck auf Deutsch erschienen. Auch in "Schändung" nimmt sich das Ermittlerteam Mørck und Assad wieder einen so genannten Cold Case, also einen alten, aber noch ungelösten Fall vor und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Glücklicherweise hat auch im zweiten Teil Mikkel Nørgaard Regie geführt, so dass sich meine Hoffnung, einen weiteren großartigen Dänen-Thriller zu sehen zu bekommen, vollauf bestätigt hat.

Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas, "Erbarmen") und sein Assistent Assad (Fares Fares, "Kops") stehen ein wenig unter Zugzwang. Zwar haben sie ihren ersten Cold Case erfolgreich gelöst, dennoch ist ihre neu gegründete Abteilung "Q" immer noch unter Beobachtung und muss weitere Erfolge vorweisen. Zu diesem Zweck wurde dem unkonventionell ermittelnden Cop-Team auch eine Sekretärin zugestanden, Rose (Johanne Louise Schmidt), die von Misanthrop Mørck erstmal kritisch beäugt wird. Durch eine nächtliche Begegnung, die nur wenige Stunden später in einem Selbstmord gipfelt, wird Mørck auf den ungelösten Mordfall der Geschwister Thomas und Marie aufmerksam. Es wurde damals zwar ein Täter gefasst und auch verurteilt, dennoch hegt Mørck starke Zweifel ob dessen kurzer Haftstrafe und eines Verteidigers, den der Täter sich nie hätte leisten können. Als er dann auch noch herausfindet, dass es einen aufgezeichneten Polizeinotruf aus der Mordnacht gibt, lässt dies den Fall endgültig in einem anderen Licht erscheinen. Nun muss sowohl die Frau gefunden werden, die vor über 20 Jahren angerufen hat als auch die weiteren Verdächtigen, ehemalige Schüler eines Eliteinternats, darunter der überaus erfolgreiche und vermögende Ditlev Pram (Pilou Asbæk, "Lucy") und sein Kumpel Ulrik (David Dencik, "Verblendung"). Doch irgendjemand will nicht, dass Mørck und Assad weiter ermitteln, was Mørck natürlich überhaupt nicht interessiert. Verbissen macht er sich daran, den Mord an dem jugendlichen Geschwisterpaar aufzuklären - wie üblich mit leicht unorthodoxen Methoden.

Die Story um das ungleiche Ermittlerteam wird hier konsequent weiterverfolgt und vertieft. Assad hat sich mittlerweile an die äußerst ruppige, sture und wortkarge Art seines Chefs gewöhnt und nimmt dessen verbale Affronts längst nicht mehr persönlich. Im Gegenzug ist es Mørck gelungen, zumindest im Umgang mit Assad nicht mehr ganz so asozial zu agieren. Rose allerdings muss sich das Vertrauen ihres neuen Chefs erst noch verdienen und hat noch so ihre Probleme mit dessen sehr speziellen Art im Umgang mit Menschen. Mørck bleibt weiterhin ein Getriebener, der bis zum Umfallen arbeitet und darüber immer wieder seine familiären Verpflichtungen vergisst. Er hat sich die Verbrechensbekämpfung dermaßen fatalistisch auf die Fahne geschrieben, dass er sich wie ein Rammbock jedem Widerstand in den Weg stellt und so lange weiter ermittelt, bis ein Fall gelöst ist, zur Not eben auch mit nicht immer ganz legalen Mitteln. Doch zum Glück ist Assad ja da, der ihn in der Regel bremst oder zumindest beschützt, wenn Mørck mal wieder alle Regeln bricht. Mørck und Assad sind hier ein schon wesentlich besser eingespieltes Team und aus ihrer seltsamen Interaktion ergeben sich die wenigen komischen Momente in diesem ansonsten sehr düsteren Thriller. Für die weiteren Teile wünscht man sich, dass die Beiden noch mehr und besser zusammenwachsen und Mørck vielleicht sogar noch ein bisschen verschrobener wird, so ähnlich wie die grandiose Saga Norén (Sofia Helin) aus der dänischen Krimi-Reihe "Die Brücke". Das würde der Figur jedenfalls sehr gut stehen.

Im Vergleich zum Erstling der Reihe, "Erbarmen", ist "Schändung" storytechnisch etwas weniger ausgefeilt und abseitig. Der Fall, den das Dezernat Q hier aufzuklären hat, ist zwar auch grausam, aber doch eher klassischer Kriminalnatur. Und auch die Ermittlungsarbeit, die hier geleistet wird, ist etwas konventioneller geraten, auch wenn Mørck natürlich wieder auf leicht illegalen Abwegen wandelt. Schlussendlich macht das aber irgendwie auch nichts, da "Schändung" zwar anders ist als "Erbarmen", aber eben nicht schlechter. Man kann ja auch nicht zehnmal dieselbe Geschichte erzählen, und die eine sagt einem eben etwas mehr, die andere etwas weniger zu. Jedenfalls verlangt "Schändung" einem nicht allzu großes Mitdenken ab, da Vieles doch recht schnell recht klar ist. Trotzdem sind die 119 Minuten durchweg spannend inszeniert, und man schaut Mørck und Assad einfach gerne bei der Arbeit zu, egal, wie weit sie sich dafür an menschliche Abgründe heranwagen müssen.

Mittels diverser Rückblenden auf den 20 Jahre zurückliegenden Fall werden hier zwei Geschichten parallel erzählt, die in einem spannenden Showdown münden. Beide Storys sind gleichermaßen interessant und fügen sich zu einem brutalen Komplott aus Selbstüberschätzung, Gewalt, Drama und Schicksal zusammen, das einmal mehr zeigt, wie kaputt und grausam die menschliche Seele sein kann.

Die Darsteller liefern, wie üblich in dänischen Produktionen, einwandfrei ab. Nikolaj Lie Kaas vertieft gekonnt den im ersten Teil gewonnenen Eindruck eines Menschen, dem Gerechtigkeit über alles geht, sogar über die eigene Gesundheit. Kungelei und Anpassungsfähigkeit sind ihm fremd, ja sogar zuwider, er stellt seine Fähigkeiten einzig und allein in den Dienst der Sache, wobei er sein kümmerliches Privatleben noch weiter ins Abseits drängt. Fares Fares als sein cooler, besonnener und vermittelnder Gegenpart kann ebenfalls erneut überzeugen. Er weiß, dass Mørck ihn braucht, um nicht völlig aus dem Ruder zu laufen und irgendwie hat er diesen unwirschen, mürrischen, verbohrten Kommissar auch ins Herz geschlossen. Komplettiert wird das ungleiche Duo von der organisierten Rose, die etwas Struktur in Mørcks Ermittlungschaos bringt und die von Johanne Louise Schmidt gleichzeitig herzig und unsicher gegeben wird. Pilou Asbæk überzeugt als machtgeiler, gewaltbereiter Unternehmer Ditlev, David Dencik als sein allzeit bereiter, abnormer Sidekick Ulrik. Und Danica Curcik ("On the Edge") gelingt die darstellerische Grätsche zwischen psychotischer, verängstigter Frau und brutalem Racheengel ganz hervorragend. Auch den jugendlichen Darstellern, die einige der Protagonisten in der 20 Jahre vorher passierenden Geschichte spielen, ist absolut nichts vorzuwerfen, besonders Sarah-Sofie Boussnina ("Kommissarin Lund") nicht, die hier überzeugend zwischen gewaltbereitem Teenager und verängstigtem Mädchen variiert.

"Schändung" ist der wirklich gelungene zweite Teil einer überaus düsteren, manchmal aber auch witzigen und zutiefst menschlichen Reihe, die ihr überaus hohes inhaltliches und inszenatorisches Niveau hoffentlich beibehält. Man kann nur hoffen, dass Mikkel Nørgaard auch für den dritten Teil wieder als Regisseur zur Verfügung steht. Von Lie Kaas und Fares wünscht man sich das sowieso. "Schändung" ist erneut ein sehr spannender, böser und abseitiger Thriller geworden, dessen Ursprungsland Dänemark mal wieder für außerordentliche Qualität und schräge Charaktere bürgt. Da verzeiht man den Machern sogar ihre diesmal relativ konventionelle Story. Somit gerne vier von fünf Fasanenmördern, wie der Originaltitel dieses Teils lautet.


Cold in July [Blu-ray]
Cold in July [Blu-ray]
DVD ~ Michael C. Hall
Preis: EUR 12,99

1 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Crime and Punishment, 6. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Cold in July [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion)

Nach "Vampire Nation" und "We are what we are" wendet sich Regisseur Jim Mickle erneut einem eher düsteren Thema zu, auch wenn man das anfangs bei "Cold in July" gar nicht vermutet. Was nach einer simplen Notwehr-Reaktion und deren Folgen aussieht, mutiert recht schnell zum krassen Rachethriller, der aber viel zu ruhig und unterkühlt erzählt wird, als dass man hier wirklich am Handlungsverlauf interessiert wäre. Und dass das Ganze 109 Minuten dauert, macht die Sache auch nicht besser. "Cold in July" ist kein schlechter Film, aber irgendwie dann doch entbehrlich, so zumindest mein subjektives Empfinden.

Richard Dane (Michael C. Hall, "Dexter") führt in den 80er Jahren ein recht spießiges Leben mit Frau Ann (Vinessa Shaw, "Two Lovers") und Sohn Jordan. Doch als die Danes eines Nachts einen Einbrecher in ihrem Haus bemerken und Richard diesen versehentlich erschießt, gerät Richards Leben aus den Fugen. Er kämpft mit Schuldgefühlen und Angst. Denn der Vater des Einbrechers, Russel (Sam Shepard, "Mud"), ist ein just entlassener Straftäter, der auf Rache sinnt. Schon bald bedroht er Dane und seine Familie und verfolgt offensichtlich ein "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Prinzip. Doch dann findet Richard etwas heraus, dass die ganze Sache in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Und hier kommt dann auch Russels alter Freund Jim Bob (Don Johnson, "Django Unchained") ins Spiel…

Mehr kann zum Inhalt nicht verraten werden, ohne entscheidende Wendungen in der Handlung vorwegzunehmen. Diese sind definitiv einigermaßen überraschend, da man aber zu keinem der Charaktere irgendeine Bindung aufbauen kann, vermögen diese das Interesse an "Cold in July" nicht unbedingt zu steigern. Der Film fängt als klassischer "Mann gerät in eine Ausnahmesituation und reagiert instinktiv"-Thriller an und Regisseur Mickle gelingt es sogar, hier eine gewisse bedrohliche Grundstimmung zu schaffen, indem er Ex-Knacki Russel auftauchen und Richard verfolgen lässt. Er schlägt der Polizei mehrfach ein Schnippchen und jagt Richard damit wirklich Angst ein. Doch dann wendet sich das Blatt plötzlich, als Richard etwas beobachtet, was ihn daran zweifeln lässt, dass in dieser unheilvollen Nacht, als er einen Menschen in Notwehr erschossen hat, alles so gewesen ist, wie die Polizei ihn glauben machen will. Im weiteren Handlungsverlauf werden Richard, Russel und Jim Bob noch häufiger am Rande eines Abgrundes stehen und in dessen nachtschwarze Tiefe blicken.

Sicherlich hat man die Wendung, die der Film nimmt, so nicht erwartet, und am Ende des Films erscheinen auch nicht alle Ereignisse unbedingt logisch, dennoch kommt durch den Turn, den der Film nimmt, nicht wirklich mehr Spannung auf. Was fehlt, ist eine Identifikationsfigur, mit der man mitfiebern kann. Doch dazu eignet sich weder der stoische, unfreundliche Richard noch der wortkarge, mysteriöse Russel. Einzig Don Johnson kann mit seiner lakonisch-unkomplizierten Art ein wenig für sich einnehmen. Die düstere, unerfreuliche Grundstimmung des Films trägt ebenfalls nicht dazu bei, hier richtig in spannungsgeladene Thrillerstimmung zu kommen. Ist die Katze erstmal aus dem Sack, geht der Film genauso behäbig und unterkühlt weiter wie vorher, wenn auch mit veränderten Vorzeichen. Es wird getan, was getan werden muss und keiner der drei Männer lässt sich groß anmerken, was das emotional bei ihm anrichtet. Sicher, es gibt mal schockierte, wütende oder auch ängstliche Gesichtsausdrücke, aber irgendwie bleibt man als Zuschauer seltsam unberührt vom Geschehen auf der Leinwand.

Wenigstens die Settings sind sehr authentisch. Mickle hat hier den gruseligen Einrichtungs- und Klamottenstil der 80er Jahre punktgenau getroffen, das fängt bei Richards Vokuhila-Friese an und hört bei der geschmacklosen Wohnungseinrichtung noch lange nicht auf. Auch Anns Klamotten tun in den Augen weh, von den hässlichen Autos (bis auf das von Jim Bob) gar nicht zu reden. Ausstattungstechnisch hat Mickle hier also voll ins Schwarze getroffen.

Zu den Darstellern lässt sich nicht viel sagen, sie alle haben jahre- oder jahrzehntelange Berufserfahrung. Sam Shepard gibt einmal mehr den wortkargen Outlaw, der in der Regel erst schießt und dann fragt. Don Johnson gelingt es, seiner Figur eine kleine humoristische Seite abzugewinnen, ansonsten macht auch er nicht allzu viele Worte. Michael C. Hall ist für mich kein besonders guter Darsteller, irgendwie spielt er immer gleich, verfügt über keine differenzierte Mimik und spielt oft sehr unsympathische Charaktere. Vinessa Shaw hat die undankbare Aufgabe, die stets zeternde oder wütende Ehefrau zu spielen und der restliche Cast bleibt ob seiner kleinen Rollen zu blass, um hier große Worte über ihre Darstellungen verlieren zu können.

"Cold in July" plätschert so vor sich hin und überrascht mit ein, zwei Wendungen, die man so zwar nicht vorhersehen konnte, die aber dennoch so unspektakulär inszeniert wurden, dass es einen trotzdem nicht wirklich interessiert. Die Charaktere sind unsympathisch oder so wortkarg, dass man sich kein wirkliches Urteil über sie bilden kann und so auch nicht wirklich an ihrem Schicksal Anteil nimmt. Der Film ist schlicht und sehr konventionell inszeniert, bis auf den einen etwas ungewöhnlichen Turn gibt es hier nichts Innovatives zu bewundern, was "Cold in July" schnell langweilig werden lässt. Für mich war das einfach irgendwie nichts, auch wenn man dem Film keine eklatanten Fehler vorwerfen kann. Für mich leider trotzdem nur zwei von fünf nächtlichen Einbrechern, die man sich lieber genau anschauen sollte..


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