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MissVega (Hamburg)

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Camp Evil [Blu-ray]
Camp Evil [Blu-ray]
DVD ~ Stef Aerts
Preis: EUR 15,99

2.0 von 5 Sternen In the Woods, 28. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Camp Evil [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion)

Im belgischen Original heißt der Film "Welp", auf den Fantasy Filmfest Nights lief er unter "Cub" (Tierjunges, aber auch Flegel) und in Deutschland wird das Ganze nun unter "Camp Evil" veröffentlicht. Der übliche Titelwahnsinn also. Regisseur und Drehbuchautor Jonas Govaerts debütiert hier nach vier Kurzfilmen und zwei Serienepisoden mit seinem 85minütigen Langfilm. Dass der Film es ungeschnitten durch die deutsche FSK geschafft hat, ist insofern erstaunlich, als dass Govaerts hier auch vor dem Mord an Kindern bzw. Kindern als Mörder nicht haltmacht. Das klingt jetzt natürlich erstmal weitaus schröcklicher, als es in der Umsetzung dann wirklich ist, aber so ein, zwei Szenen dürften den Eltern unter den Zuschauern zumindest leichtes Entsetzen bereiten. Wenn es denn nach 60 der 85 Minuten endlich mal losgeht…

Die Scouttruppe der "Welpen" plant einen Ausflug in die Wälder, um dort zu campen. Die beiden Gruppenführer Chris (Titus de Voogdt) und Peter (Stef Aerts) heizen ihren Jungs, ganz im Sinne am Lagerfeuer erzählter Gruselgeschichten, vorab ordentlich ein, indem sie ihnen vom Werwolf-Jungen Kai erzählen, der angeblich in den Wäldern sein Unwesen treibt und kleine Kinder frisst. Die 12jährigen machen sich ordentlich darüber lustig, nur der stille Sam (Maurice Luijten), der Außenseiter der Gruppe, hat ein ungutes Gefühl. Und tatsächlich, im Wald angekommen, nachdem das Zeltlager aufgebaut ist und Sam sich von der Gruppe abgesondert hat, trifft er auf Sagengestalt Kai (Gill Eeckelaert), einen Jungen in seinem Alter, der sein Gesicht hinter einer baumrindenartigen Maske verbirgt und sich nur durch Knurrlaute bemerkbar macht. Doch auch wenn Kai Sam vorerst nichts tut, sind die Welpen in großer Gefahr. Denn Kai ist nicht allein im Wald und das, was Chris und Peter ihren Jungs an Gruselgeschichten auftischen, ist nichts im Vergleich zu dem, was in der nahegelegenen stillgelegten Fabrik geschieht. Es wird blutig im Wald und viele werden sterben…

…Ja, wenn es Regisseur Govaerts gelingt, endlich mal aufzuwachen und seine Arbeit zu machen. Der vertrödelt nämlich über eine Stunde damit, seine Bloody Boy Scout-Story aufzubauen, bis er es dann endlich mal krachen lässt. Erstmal muss Sam als "troubled child" positioniert werden, dann werden endlose Kabbeleien pubertierender Jungs abgefilmt, inklusive gemopster Playboy-Heftchen und hormongesteuerten Prahlereien. Parallel dazu lernen wir die Scout Leader Peter und Chris samt Köchin Jasmijn (Evelien Bosmans) und Peters Steffordshire-Töle kennen. Chris ist der gute, Peter der böse Truppenleiter, der sich, ähnlich wie die kleinen Pfadfinder, Sam als Trietz-Opfer auserkoren hat und auch schon mal seinen aggressiven Köter auf Sam hetzt. Nebenbei hat er noch was mit Jasmijn, während Chris versucht, sowohl die Kinder als auch Peter im Auge zu behalten. Darüber hinaus hampelt Govaerts immer mal wieder mit der Kamera im Wald rum, zeigt irgendwelche Fallen oder dunkle Gewölbe, lässt es knacken und knirschen und die Jungs langweilige Lieder am Lagerfeuer sumseln.

Aber dann ist Govaerts offensichtlich doch noch aufgewacht. Inhaltlich wird es zwar nicht viel besser, aber immerhin ist jetzt ordentlich was los im Wald. Kai dreht auf und durch und das, was sich da ebenfalls im Wald rumtreibt, macht Jagd auf Jasmijn und was sich sonst noch so an Opfern in die Finger kriegen lässt. Leider inszeniert Govaerts das alles ziemlich konventionell. Das fängt an bei diversen im Wald aufgestellten Fallen, kreischenden, blutverschmierten Frauen, die durchs Gehölz rennen, dunklen Kellern mit schmuddeligem, gruseligem Interieur und sogar einer überaus unrealistischen Wiederauferstehung à la "Verhängnisvolle Affäre" (allerdings ohne Badewanne und Wasser).

Leider fehlt "Camp Evil" ein zumindest halbwegs schlüssiges Motiv. Bedauerlicherweise begnügt Govaerts sich damit, seine Bösewichte lediglich zu präsentieren, um das WiesoWeshalbWarum schert er sich bestenfalls rudimentär. Wer ist Kai? Wie ist er in den Wald gekommen? Warum trägt er so eine alberne Baumrinden-Maske? Was ist mit Sam los (vielmehr als dass er eine "schwierige" Vergangenheit hat, erfährt man nämlich nicht über ihn)? Wer ist das da noch im Wald und warum tut er, was er tut? Solche und andere Fragen drängen sich einem im Filmverlauf auf, leider bekommt man auf sie keine Antwort. Ich brauche hier kein ausgefeiltes psychologisches Profil, aber so ein Hauch von Erklärung wäre schon schön gewesen. Vor allem, weil es dem Film definitiv am richtigen Timing mangelt und die gesamte "Action" mal wieder in die letzten Filmminuten gequetscht wird.

Die hierzulande unbekannten Schauspieler machen ihre Sache gut, das gilt sowohl für die Kinder als auch die Erwachsenen.

In der Originalversion wird im Übrigen sowohl Flämisch als auch ein wenig Französisch gesprochen, sollte die deutsche Synchro nicht aus totalen Dilettanten bestehen, kann man sich den Film aber ruhig auf Deutsch ansehen.

Beim gerne im Vor- oder Abspann auftauchenden Satz "No children or animals were harmed during shooting this movie" würde ich hier glatt mal das "No" weglassen. Natürlich wurden "in echt" weder Tiere noch Menschen für diesen Film gequält, IM Film allerdings sieht das anders aus, da haben die Wehrlosesten unter uns einiges zu ertragen. Wer hier also eher zartbesaitet ist, sollte Abstand von "Camp Evil" nehmen. Aber ein bisschen was zu lachen gibt es immerhin auch, z. B. über einen sehr dicken Polizisten, der mit einem für ihn viel zu kleinen Moped durchs Gehölz eiert. Lustig.

Alles in allem ist "Camp Evil" kein sonderlich guter Film. Gute Darsteller und authentische Locations können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film viel zu lange braucht, um aus der Hüfte zu kommen und auch dann mit keinem überzeugenden Finale punkten kann. Zwar geht es ab und an recht grausam und auch blutig zu, das alles ist aber so konventionell inszeniert, dass zumindest der horroraffine Vielgucker hier nichts Neues mehr entdecken kann. Für leicht Schreckhafte und Interessierte an eher ruhigeren europäischen Inszenierungen, für die Motiv oder erklärendes Beiwerk eher zweitrangig sind, könnte "Evil Camp" durchaus etwas sein. Dem reißerischen DVD-Titel wird der Film aber keinesfalls gerecht. Für mich war es zwar kein totaler Reinfall, aber ein schlussendlich entbehrlicher Beitrag. Ergo für mich nur zwei von fünf Pfadfindern, die hier definitiv nicht mit einem blauen Auge davonkommen.


5 Zimmer Küche Sarg [Blu-ray]
5 Zimmer Küche Sarg [Blu-ray]
DVD ~ Taika Waititi
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen What we do in the Shadows, 27. März 2015
Rezension bezieht sich auf: 5 Zimmer Küche Sarg [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion)

Einer der Knaller des 2014er Fantasy Filmfests war neben "Go Goa Gone" definitiv "What we do in the Shadows", so der weit weniger peinliche Originaltitel dieser neuseeländischen Vampirkomödie, die jetzt unter "5 Zimmer Küche Sarg" veröffentlicht wurde. Die beiden Regisseure und Drehbuchautoren, Jermaine Clement und Taika Waititi, sind in Neuseeland ziemlich berühmte Comedians, die auch schon internationale Erfolge feiern konnten. Bekannt dürften sie dem einen oder anderen durch die abseitige Komödie "Eagle vs. Shark" sein. Während Clement neben der Filmerei und Schauspielerei auch noch Musik macht, ist Waititi auch in den Bereichen Fotografie, Stand-up-Comedy, Malerei und Modedesign aktiv. Diese beiden Tausendsassas haben nun mit "What we do in the Shadows (ich verweigere mich dem saudämlichen deutschen Titel) eine der besten Vampirkomödien überhaupt hingelegt, die in knackigen 86 Minuten so perfekt unterhält, dass man den Beiden permanent applaudieren möchte. Ich kann jedem nur dringend empfehlen, sich diesen Film anzusehen, so viel Spaß hat man so schnell nicht wieder.

Das Leben in einer WG ist ja nicht immer ganz einfach. Das untote Leben in einer Vampir-WG noch viel weniger. Das muss auch Viago (Taika Waititi, "Green Lantern") erfahren, der mit seinen Kumpels Deacon (Jonathan Brugh), Petyr (Ben Fransham, "30 Days of Night") und Vladislav (Jermaine Clement, "Men in Black 3") oberhalb von Wellington in einem alten Haus wohnt. Bei der Mitbewohnerversammlung (an der Petyr nicht mehr teilnehmen muss, er ist nämlich schon 8.000 Jahre alt und etwas gebrechlich) dringt der bald 400jährige Viago kaum zu seinen WG-Genossen durch; der über 800 Jahre alte Vlad ist lieber in seiner Folterkammer, als Viagos Bitten um die Auslegung des Wohnzimmers mit Zeitungen und Handtüchern zu beachten, wenn sie dort ein Opfer ausbluten lassen, und der Jungspund Deacon ist mit seinen knapp 200 Jahren viel zu arrogant ("Vampires don't do dishes"), um sich um die lästigen Hausarbeiten zu kümmern. Es ist ein Kreuz…oder nein, lieber kein Kreuz, denn darauf reagieren die Vier genauso allergisch wie auf Sonnenlicht und Knoblauch. Aber auch das moderne Alltagsleben stellt den Vampiren immer mal wieder ein Bein. Wie soll man in einen Club reinkommen, wenn man nicht von irgendjemandem dazu eingeladen wird? Wie soll man sich ohne Spiegelbild vernünftig anziehen? Und wie soll man Silberschmuck tragen, wenn einem dieser die Haut verbrennt? Begleitet von einem Kamerateam gewähren Viago, Vlad, Deacon und Petyr Einblicke in ihren ganz normalen Vampiralltag und ihre Probleme mit der modernen Technik.

"What we do in the Shadows" ist eine brüllkomische Mockumentary, die wirklich Ihresgleichen sucht. Clement und Waititi haben ein untrügliches Gespür für sehr pointierten Humor, schwarzhumorige One-Liner und so sympathische wie eigenartige Charaktere. Der Film sprüht nur so vor witzigen Einfällen und coolen Ideen und man ist wirklich fast die ganze Zeit abwechselnd am Schmunzeln oder lauthals Lachen. Da wird die vermeintliche Konkurrenz zu den stinkenden Werwölfen, die im nahegelegenen Park ihr Unwesen treiben, thematisiert, es werden Sonnenaufgänge gegoogelt, weil das der einzige Weg ist, sich so etwas gefahrlos anzusehen und auch Jungfrauen müssten doch über Google irgendwie zu finden sein, denn die sind natürlich ganz besonders schmackhaft. Gestaubsaugt wird fliegend, weil es so eben viel mehr Spaß macht und Viago weckt seine Kumpels morgens gerne mit einem freundlichen "Wakey, wakey"…nur Petyr reagiert darauf nicht so gut, dem sollte man schnell sein Frühstück, ein Huhn, in die Gruft werfen und machen, das man wegkommt.

Überhaupt…die Charaktere! Petyr könnte der Urururgroßvater von Nosferatu sein, er sieht mit seinen langen Zähnen (die Viago ihm liebevoll putzt) und dem schwarzen Umhang sehr vampirtypisch aus und ist einfach ganz bezaubernd in seiner 8.000 Jahre alten Tattrigkeit. Viago ist stets um Ordnung und Sauberkeit bemüht, steht damit allerdings ziemlich allein auf weiter Flur. Vlad sieht aus wie eine Mischung aus Dschingis Khan und Dracula und hält sich am liebsten in seiner Folterkammer auf und Deacon ist im wahrsten Wortsinn ein Aufreißer und findet sich ziemlich sexy. Wunderbar schräge, aber ebenso menschliche und liebenswerte Charaktere, die von den vier Schauspielern grandios gegeben werden. Ich möchte hier einmal mehr zur neuseeländischen Originalversion raten. Ich habe mir den deutschen Trailer des Films angesehen, der - mit Ausnahme von Vlads recht passender Synchronisation - überhaupt nicht den witzigen und einzigartigen Ton des Originals trifft. Besonders Viagos ganz spezieller Akzent geht in der Übersetzung komplett verloren und die grandiosen englischen Wortspiele sind einfach nicht adäquat zu übersetzen. Der Film bezieht einen großen Teil seines Charmes, aber auch seines Witzes, aus den sprachlichen Feinheiten der Originalversion, in der deutschen Übersetzung bleibt davon nur wenig übrig. Darüber ist das neuseeländische Englisch hier sehr gut zu verstehen und klingt darüber hinaus sehr wunderbar.

Der als Mockumentary angelegte Film schreitet zügig voran und beschert einem herrliche und vor allem viele Einblicke in den Vampiralltag. Petyr macht aus Versehen den jungen Nick zum Vampir, und der hat dann nichts Besseres zu tun, als in ganz Wellington mit seinem neuen untoten Leben anzugeben, was die Anderen natürlich nicht so witzig finden, versuchen sie doch, möglichst unerkannt zu bleiben. Dann bringt er auch noch Stu mit in die WG, der anfangs gar keine Ahnung hat, wie gefährlich es sein kann, sich unter lauter Vampiren aufzuhalten. Deacon hat eine Sklavin, die nun schon seit Jahren darauf wartet, dass er sie endlich zur Vampirin macht, bis dahin besorgt sie ihm seine Opfer und tut auch sonst alles, was er verlangt. Viago ist seit Jahrzehnten unglücklich verliebt und Vlad hegt eine innige Hassliebe zu "The Beast". So geht es weiter und weiter und weiter und so ist der Film schneller vorbei, als man es sich wünscht. Denn man hätte Vlad, Deacon, Viago und vor allem dem niedlich-schrulligen Petyr noch stundenlang bei der Alltagsbewältigung zusehen können.

"What we do in the Shadows" ist eine wahnsinnig witzige, kurzweilige, unterhaltsame, satirische, einfallsreiche, bezaubernde und einfach knallermäßig gut gelungene Vampirkomödie, wie man sie so noch nicht gesehen hat. 86 Minuten Spaß sind hier garantiert und der Film hat eindeutig Kultpotenzial. Einer der besten Filme der letzten Jahre und für mich ganz klar eines der Highlights des diesjährigen Festivals. Angucken, unbedingt (und im Original, bitte!). Satte fünf von fünf Schatten, denen man hier bereitwillig folgt.


The Guest
The Guest
DVD ~ Dan Stevens
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Knock knock, 24. März 2015
Rezension bezieht sich auf: The Guest (DVD)
(Kinoversion)

Es ist wieder so weit. Regisseur Adam Wingard ("You're next", "A horrible way to die") hat nach seinen Episoden in "The ABC's of Death", "V/H/S" und "S-V/H/S" wieder einen Langfilm produziert. Mit "The Guest" hat er eine Hommage ans gute alte 80er-Jahre-Grusel-/Horrorkino geschaffen, was sich nicht nur im Soundtrack und allgemeinen Look des Films widerspiegelt, sondern auch in den ab und an eingestreuten wummernden "Glockenschlägen", die wirklich so klingen, als wären sie als akustische Schrecksekunde aus irgendeinem Billigfilm von vor 30 Jahren geklaut. Herrlich. Der Film ist Horror-Mainstream, solide gemacht, relativ kurzweilig und für die breite Masse konzipiert. Also fast alles richtig gemacht…fast. Denn "The Guest" fehlt es an einer zumindest halbwegs glaubwürdigen Erklärung für das, was unser Gast hier tut bzw. warum er es tut. Hier allerdings wartet Wingard mit einer sehr kruden, logiklöchrigen Auflösung auf, die einiges von dem zunichtemacht, was Wingard vorher recht stimmig aufgebaut hatte. Wer sich an solchen erklärerischen Kleinigkeiten nicht stört, wird mit "The Guest" in seinen 99 Minuten Dauer vermutlich eine gute Zeit haben.

Eines sonnigen Tages klopft es an der Tür von Familie Peterson. Davor: David, angeblich ein guter Freund von Caleb, dem Sohn von Mr. und Mrs. Peterson (Sheila Kelley, "L.A. Law" und Leland Orser, "Emergency Room"), der in Afghanistan gefallen ist. David (Dan Stevens, "Downton Abbey") hat Caleb versprochen, im Falle seines Todes bei der Familie vorbeizuschauen. Während die Eltern sich schnell emotional auf David einlassen und ihm sogar anbieten, vorübergehend in Calebs altem Zimmer Quartier zu beziehen, bleiben die Geschwister Luke (Brendan Meyer, "Zahnfee auf Bewährung") und Anna (Maika Monroe, "It follows") vorerst skeptisch. Luke jedoch fällt schon bald um, nämlich als David sich die Jungs vornimmt - und zwar so richtig - die Luke täglich mobben. Und auch Anna kann er - zumindest teilweise - von seinen guten Absichten überzeugen. Doch das Image des überaus höflichen, charmanten Sonnyboys zeigt schon bald erste Risse, so dass Anna Nachforschungen über David anstellt. Ein fataler Fehler, wie sich schon bald herausstellen soll. Denn David hat sich nicht nur bereits bewaffnet, es gibt auch schon die ersten Toten, die auf sein Konto gehen…

Adam Wingards Wandlung vom wirklich miesen Indie-Regisseur ("A horrible way to die") über den des schon versierter Agierenden (mit dem noch nicht ganz ausgereiften, aber wunderbar blutigen Schocker "You're next") bis hin zum Horror-for-the-Masses-Regisseur scheint mit "The Guest" vollzogen. Wollen wir hoffen, dass er es sich in dieser Ecke nicht allzu gemütlich macht und eher wieder einen Schritt in Richtung "You're next" geht, dem definitiv interessanteren Film. "The Guest" ist nett anzuschauen, was, liebe Damen, vor allem am überaus attraktiven Hauptdarsteller, dem Engländer Dan Stevens, liegt. Rein inszenatorisch ist der Film fast schon erschreckend gradlinig und folgt akkurat Schema F des Horrorfilm-Inszenierungshandbuchs (unbekannter Fremder mit noch unklaren Absichten taucht auf, kann alle bis auf eine(n) hinters Licht führen, vollführt perfide bis brutale Solidaritätsaktionen - vermeintliche Feinde der Familie einschüchtern, verprügeln oder umbringen - wird natürlich über kurz oder lang von misstrauischem Protagonisten entlarvt, woraufhin die Hölle, sprich der Showdown, losbricht, in dem es dann nochmal ordentlich zur Sache geht).

Das muss nicht unbedingt schlecht sein, wie "The Guest" beweist. Der Film ist solide gemacht, verfügt über ein ordentliches Budget und versierte Darsteller und kann sogar mit teilweise sehr schönen Landschaftsbildern und einem coolen Soundtrack punkten. Und viele werden sicherlich sogar das nicht wirklich überzeugende Motiv von David klaglos hinnehmen, einfach, weil "The Guest" sie bis dahin im Rahmen seiner mainstreamigen Möglichkeiten gut unterhalten hat. Nur ich Mäkel-Miss brauche offensichtlich wieder ein Haar in der Suppe. Mich hat das Motiv einfach nicht überzeugt. Zu viele Fragen bleiben bei Wingards gewählter Auflösungsvariante offen, einiges macht schlicht keinen Sinn oder lässt zu viele Deutungsmöglichkeiten zu. Für mich sah es nach einer flugs am Reißbrett entworfener Lösung aus, die schon beim flüchtigen Hinsehen kaum überzeugen kann. Hier hätte ich mir entweder etwas mehr Plausibilität gewünscht oder alternativ ein total durchgeknalltes Ende (Aliens o. ä.). Aber diese schnell zusammengezimmerte "So war's halt"-Variante hat mir den stimmigen Mainstreamer etwas vergällt. Sei's drum, den meisten wird es wahrscheinlich nicht so gehen, und dann ist "The Guest" wirklich ein ganz guter Film.

Getragen wird das Ganze natürlich von Sonnyboy Dan Stevens. Der Kerl ist wirklich ein Hingucker und wird von Wingard in zahlreichen Großaufnahmen bestmöglich in Szene gesetzt. Einzig sein grumseliger Gesichtsausdruck, wenn er sich alleine wähnt und offensichtlich latent psychopathisch oder böse rüberkommen will, wirkt etwas lächerlich. Ansonsten ist der Brite (der bedauerlicherweise seinen British Accent für diese amerikanische Produktion gänzlich von seinen Stimmbändern gelöscht hat) ein überzeugender Bad Boy, der sich nur anfangs gut hinter der Fassade des loyalen Buddies von Caleb verstecken kann. Doch auch die etwas weniger präsenten Charaktere liefern gut ab. Mutti Peterson ist angemessen traurig über den Tod des Sohnes und wunderbar naiv-vertrauensselig gegenüber David. Papa Peterson trinkt gern mal einen über den Durst, arbeitet viel und schließt David nach anfänglichen Zweifeln schnell ins Herz. Luke ist froh über eine neue Älterer-Bruder-Figur, vor allem, als David seinen Peinigern mal zeigt, wo der Hammer hängt. Nur Anna tut sich anfangs schwer mit dem All-American-Boy, doch auch hier gelingt es David (zumindest vorerst), sich als guter Freund zu präsentieren. Das alles wird vom Cast authentisch gespielt. Besonders gefreut hat mich, dass "Anna"-Darstellerin Maika Monroe nach ihrem desaströsen Auftritt im grauenvoll-schlechten "It follows" zeigen konnte, dass sie doch schauspielern kann.

Die amerikanische Originalversion ist ziemlich gut zu verstehen, was die deutsche Synchro draus macht, weiß ich natürlich nicht.

Also, wer auf massentauglichen, halbwegs blutigen Standard-Horror mit ordentlicher Ausstattung und Schauspielern, die diese Berufsbezeichnung auch verdienen, steht, ist mit "The Guest" gut beraten. Wer sich darüber hinaus nicht an der fadenscheinigen und gängiger Logik nicht standhaltenden Auflösung stört, bekommt mit "The Guest" einen handwerklich gut gemachten Retro-Grusler mit ein paar gängigen blutigen Szenen, an dem außer mir wahrscheinlich mal wieder keiner was auszusetzen hat. Adam Wingard erfindet das Rad hier beileibe nicht neu, was "The Guest" für mich dann leider nicht über die Durchschnittlichkeit erhebt, aber wer ein paar tausend Filme weniger auf dem Buckel hat als ich, wird das alles sicherlich nicht so eng sehen. Für mich ergo drei von fünf Gästen, denen man die Tür lieber gleich wieder vor der Nase zuknallen sollte.


Lucy
Lucy
DVD ~ Scarlett Johansson
Preis: EUR 9,90

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Miss SchlauSchlau, 20. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Lucy (DVD)
Luc Besson hat mal richtig gute Filme gemacht ("Leon - Der Profi", "Das fünfte Element", "Im Rausch der Tiefe"), aber seit Beginn des neuen Jahrtausends fabriziert Besson bestenfalls fragwürdigen Mumpf. So auch geschehen mit "Lucy", bei dem Besson gleichzeitig für die Regie und das sehr verschwurbelte Drehbuch verantwortlich zeichnet. Was ein spannender Ritt gegen die Zeit und den eigenen Verstand hätte werden können, mutiert unter Bessons Händen zu einem wirren, spannungsarmen, pseudo-wissenschaftlichen Quark, dessen hanebüchene Story noch nicht mal für die Hälfte der lediglich 89 Filmminuten ausreicht.

Lucy (Scarlett Johannson, "Die Insel", "Match Point") hat in Taipeh gerade den etwas zwielichtigen Richard (Pilou Asbæk, "Schändung") kennengelernt, der sie dazu überredet, in einem Hotel einen ominösen Koffer abzugeben. Doch natürlich läuft das Ganze nicht so easy wie von Richard angekündigt. Im Gegenteil, Lucy wird als Geisel genommen und ihr wird ein Plastikbeutel mit einer neuen synthetischen Droge in den Bauch implantiert, den sie dann außer Landes schmuggeln soll. Leider geht der Beutel noch in Taipeh auf und setzt kleine Mengen der Droge in Lucys Körper frei. Die weiß zunächst gar nicht, wie ihr geschieht. Sie wird von Stunde zu Stunde schlauer, stärker und aufnahmefähiger, bis aus ihr eine nahezu unbesiegbare Gegnerin für Drogenboss Jang geworden ist, der natürlich alles daran setzt, seine "Ware" wieder in die Finger zu kriegen. Lucy sucht sich derweil Hilfe bei Hirnforscher Professor Norman (Morgan Freedman, "Sieben"), da die Droge es Lucy ermöglicht, innerhalb kürzester Zeit 100% ihrer geistigen Kapazitäten nutzen zu können. Allerdings mit einer unangenehmen Nebenwirkung…

Um es mal vorwegzunehmen: Die Story ist wirklich absurder, schwachsinniger Blödsinn und selbstredend zu keiner Zeit auch nur im Ansatz glaubwürdig. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn es Besson dafür gelungen wäre, seine Geschichte spannend und temporeich zu erzählen, so dass man sich in einem soliden Actioner wähnt, der einem gar keine Zeit lässt, sich über die Unsinnigkeiten der Geschichte Gedanken zu machen. Aber leider hier bei "Lucy": Pustekuchen!

Besson ergeht sich in endlosen optischen Spielereien, schwenkt immer wieder weg von Lucy und ihrem Schicksal, um sich in metaphernden Bildabfolgen zu ergehen, die entweder unfassbar plump oder gänzlich überflüssig sind. Und wenn Besson nicht gerade eine sinnlose Bildabfolge nach der anderen auf den Zuschauer loslässt, quält er ihn mit furchtbar vielen nutzlosen Dialogen, die schon bald den Wunsch wecken, auf die Vorspultaste zu drücken. Super, so gelingt es Besson, den Zuschauer gleich doppelt zu nerven: mit albernen visuellen Spielereien in einer Frequenz, die jede künstlerische Nachsicht zunichtemacht, und mit hohlem Gewäsch, das wahlweise kryptisch oder banal daherkommt. Bravo.
Zugegebenermaßen sind einige von Lucys Aktionen, die sie dank ihres wachsenden Verstandes durchführen kann, recht cool. Logiktechnisch bewegen wir uns hier zwar im freien Fall, aber so Manches von dem, was Lucy tut, entlockt einem doch ein anerkennendes Schmunzeln. Oder es ist fehlgeleitete Dankbarkeit, dass der Film wenigstens nicht in jeder einzelnen der 89 Minuten Laufzeit völlig hirnrissig ist.

Zwar ist es Luc Besson gelungen, auf einen renommierten Cast zurückgreifen zu können, aber selbst Johannson und Freeman können das inhaltliche Desaster, das Besson hier verzapft hat, nicht mehr retten. Das liegt zum großen Teil leider auch daran, dass Scarlett Johannson mit der Verve einer Tiefkühlpizza aufspielt. Stoisch und fast immer emotionslos seiert sie ihre Textzeilen runter und wirkt dabei roboterhaft und gelangweilt. Und auch Morgan Freeman darf nur ein paar wissenschaftliche Phrasen dreschen, was ihn als renommierten Hirnforscher allerdings nicht einen Deut glaubwürdiger macht. Die restlichen Darsteller müssen sich mit klischeehaften Darstellungen von Polizisten und asiatischen Gangstern zufriedengeben und können ebenfalls keine positiven Akzente setzen.

"Lucy" ist bedauerlicherweise ein ziemlich überflüssiger Film. Völlig sinnbefreite und extrem dünne Story, endlose optische Spielereien, die mehr nerven als den Film bereichern, furztrockene, langweilige Dialoge und Schauspieler, die hier noch nicht mal den Bodensatz ihrer Fähigkeiten abrufen (können oder wollen). Lucy hampelt knapp 90 Minuten durch die Weltgeschichte, wobei ein eingeblendeter Countdown anzeigt, um wie viel Prozent die Nutzungsmöglichkeiten ihres Gehirns zunehmen, während sie den ihr auf den Fersen befindlichen Gangstern ein Schnippchen nach dem anderen schlägt und Professor Norman kurz die Welt erklärt. Mit einem kleinen Puff verabschieden sich nach 89 Minuten Lucy und die Story endgültig, wofür man als Zuschauer dann auch dankbar ist. Ergo nur einen von fünf Filmen, die Besson mal wieder in den Sand gesetzt hat.


Kingsman - The Secret Service [Blu-ray]
Kingsman - The Secret Service [Blu-ray]
Preis: EUR 17,99

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen James Jason Jack Bond Bourne Bauer, 16. März 2015
(Kinoversion)

Agentenfilme stehen offensichtlich immer noch hoch im Kurs. Einsame, knallharte, aber aufrechte Superhelden, die für diverse Geheimdienste der Welt in Aktion treten und dabei neben Schutt und Asche auch viel Humor verbreiten. Leider gelingt es den Regisseuren solcher Werke immer noch nicht, ihren Filmen die richtige Länge zu verleihen. Auch "Kingsman" ist mit 129 Minuten eindeutig zu lang geraten, was bedauerlicherweise zu Lasten der Spannung geht. Mit ein paar mutigen (und nötigen) Schnitten wäre "Kingsman" als 90Minüter der eindeutig bessere Film geworden. So muss man sich immer wieder mit unwichtigen Nebensächlichkeiten oder leider doch nicht so lustigen Gags auseinandersetzen, die dem Film besser genommen worden wären. Abgesehen davon aber ist Regisseur Matthew Vaughn ("Kick-Ass", "Layer Cake", "X-Men: Erste Entscheidung") ein recht humoriger und stimmiger Action-Agentenfilm gelungen, bei dem sich der Gedanke an eine Fortsetzung förmlich aufdrängt.

Die Kingsmen sind ein Verband ultrageheimer Geheimagenten, die regierungs- und staatenübergreifend dort in Aktion treten, wo sie ihrer Meinung nach gerade gebraucht werden. Sie verstehen sich als moderne Ritter und formvollendete Gentlemen, die zwar gnadenlos töten, wenn es nötig ist, aber immer mit Stil, soweit möglich. Als ein Mitglied ihres Geheimbundes, Agent Lancelot (Jack Davenport, "Coupling", "Fluch der Karibik"), ums Leben kommt, werden die übrigen Agenten von ihrem Chef Arthur (Michael Caine, "Interstellar") angehalten, einen Nachfolger zu rekrutieren. Harry Hart (Colin Firth, "The King's Speech") hat den jungen Eggsy (Taron Egerton) im Visier, den Sohn eines Agenten, der Harry einst das Leben gerettet hat. Leider mangelt es dem intelligenten, aber halbkriminellen Eggsy an Manieren und Disziplin, so dass es fraglich ist, ob er die Aufnahmeprüfung der Kingsmen überhaupt bestehen wird. Neben Eggsy muss Hart darüber hinaus Milliardär Valentine (Samuel L. Jackson, "Pulp Fiction") im Auge behalten, der einen perfiden Plan entwickelt hat, um die Welt zu retten - auf äußerst brutale Weise. Kann Eggsy in die Fußstapfen seines Vaters treten und zusammen mit Harry und den anderen Kingsmen die Welt vor Valentines grausamen Plan bewahren?

Matthew Vaughn, anhand seiner vorherigen Regiearbeiten eindeutig als Action- und Comicfan zu erkennen, hat mit seiner Stamm-Drehbuchautorin Jane Goldman auch das Script zu "Kingsman" verfasst. Er verfilmt damit - wie schon bei "Kick-Ass" - ein Comic von Mark Millar (Autor), dem diesmal Dave Gibbons ("Watchmen") als Zeichner zur Verfügung stand. Diese schufen mit "The Secret Service" die Grundlage für Vaughns durchgedrehtes, manchmal albernes, aber überwiegend humoriges und kurzweiliges Agenten-Abenteuer, in dem Colin Firth in einer für ihn sehr ungewöhnlichen Rolle glänzt.

Die comictypischen Absonderlichkeiten finden sich natürlich auch im Film wieder. Es gibt eine kampferprobte Amazone mit messerscharfen Beinprothesen, einen Bösewicht, der sich auf feinstem Porzellan MacDonalds-Burger servieren lässt und natürlich völlig gaga ist sowie diverse technische Spielereien, die man allerdings schon aus anderen Agentenfilmen kennt (Handgranaten-Feuerzeuge, Messer, die aus Schuhspitzen hervorblitzen, gefährliche Kugelschreiber usw. usf.). Davon abgesehen aber kommt "Kingsman" natürlich nicht realistisch, aber recht menschlich daher.

Allerdings auch ein wenig unstrukturiert… Vaughn springt teilweise recht willkürlich zwischen seinen beiden Handlungssträngen (Eggsys Ausbildung zum Agenten und Valentines größenwahnsinnigem Plan) hin und her und bremst das Tempo des Films so immer mal wieder aus. Darüber hinaus sind ihm einige Sequenzen dann auch noch zu lang geraten und die Gags zünden leider auch nicht immer. Schlussendlich finden sich in "Kingsman" einige recht heftige Splatter-Sequenzen, bei denen Vaughn zwar nicht lange draufhält, aber immerhin so lange, um erkennen zu können, dass diese "Einlagen" so gar nicht zum Grundton des Films passen wollen. Gepaart mit ein paar Regiefehlern und einer unnötig vulgären Schlussszene wird aus "Kingsman" leider nicht der rundum gelungene, kurzweilige und sarkastisch-humorvolle Film, den Vaughn vielleicht im Sinn gehabt hat.

Darstellerisch hingegen gibt es keinen Grund zur Klage. Colin Firth ist seit Jahrzehnten im Geschäft und ein versierter Darsteller meist langweiliger, gehemmter und unscheinbarer Durchschnittstypen. In einem Interview sagte der 54jährige, dass er es bedaure, erst so spät in seiner Karriere eine für ihn so ungewöhnliche Rolle wie die des Harry Hart angenommen zu haben. Das Training sei zwar extrem anstrengend gewesen, aber er habe sich noch nie in seinem Leben so fit und energiegeladen gefühlt und hatte wirklich Spaß bei diesem kräftezehrenden Dreh. Firth hat alle Stunts im Film selbst gemeistert und erweist sich als wendiger und smarter Fighter im feinen Zwirn, in dem er übrigens (vermutlich dank des vielen Trainings) eine ausgesprochen gute Figur macht. Während Michael Caine und Mark Strong sich mit relativ kleinen, blassen Rollen zufriedengeben müssen, erhält Newcomer Taron Egerton ausreichend Screentime, um das Publikum zu überzeugen, dass er für seine wenige Filmerfahrung (zwei Kurzfilme, zwei Auftritte in Serien und eine in einem Film) recht überzeugend rüberkommt. Zwar ist seine noch recht beschränkte Mimik den Anforderungen der Rolle nicht immer ganz gewachsen, aber Egerton hat durchaus das Potenzial, ein guter britischer Schauspieler zu werden. Samuel L. Jacksons Rolle als größenwahnsinniger Mörder, der kein Blut sehen kann und darüber hinaus stark lispelt, ist für Jackson darstellerisch keine große Herausforderung. Die Idee, einen skrupellosen Schurken mit einem lächerlichen Sprachfehler zu versehen, ist zwar ganz nett, aber nun auch nicht die Krone der Kreativität. Die weiteren Rollen fallen recht stereotyp aus, sind aber mit gut ausgebildeten Darstellern besetzt. Und ein Wiedersehen mit Mark "Luke Skywalker" Hamill gibt's obendrein auch noch.

"Kingsman: The Secret Service" (ein ausgesprochen nichtssagender Filmtitel übrigens) ist eine meist gelungene Mischung aus Agentenfilmen vergangener Zeiten, die humorig aufs Korn genommen und um technischen Schnickschnack der Neuzeit erweitert wurden und populärem Comic-Klamauk, der immer grade noch die Kurve kriegt, bevor es peinlich wird. Alles in allem fährt Regisseur und Drehbuchautor (und Mann von Claudia Schiffer) Matthew Vaughn hier ein bisschen zu oft mit angezogener Handbremse, so dass "Kingsman" sowohl zu lang geraten als auch nicht witzig und actionreich genug ist, um ganz überzeugen zu können. Dank engagierter und souveräner Darsteller und ein paar netten inszenatorischen Ideen ist "Kingsman" zumindest guter Agenten-Komödien-Durchschnitt geworden. Ergo gerne drei von fünf Kingsmen, die mit allen Wassern gewaschen sind.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 20, 2015 11:39 PM CET


Wrong Turn 6 - Last Resort
Wrong Turn 6 - Last Resort
DVD ~ Sadie Katz
Preis: EUR 14,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Will it ever end?, 13. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Wrong Turn 6 - Last Resort (DVD)
Der inzestuöse Waldschrat…einfach nicht totzukriegen. Egal, wie mies die Folgeteile des knackigen Erstlings von 2003 auch waren, es ist niemand auf die Idee gekommen, der "Wrong Turn"-Reihe einfach mal ein Ende zu setzen. Also finden sich wiederholt nichtsnutzige Regisseure, talentfreie Drehbuchautoren und unterirdisch agierende Darsteller ein, um einen weiteren Teil um die völlig bekloppten und menschenfleischgeilen Hackfressen aus den Tiefen der Wälder in West Virginia auf die zunehmend weniger begeisterten Fans loszulassen. Auf den rundum gelungenen "Wrong Turn" von 2003 folgte 2007 "Wrong Turn - Dead End", dann 2009 "Left for Dead", 2011 "Bloody Beginnings", 2012 "Bloodlines" und 2014 dann "Last Resort". Man variierte die Handlung von zufällig aufeinandertreffenden Fremden zu den Teilnehmern einer Reality Show, dann zu Gefängnisinsassen, die es zu transportieren galt, dann zu Volldeppen, die in eine ehemalige Nervenheilanstalt einfallen und dämlichen Kids, die zu einem Musikfestival wollen, aber im Wald gestolpert und über die Inzestuösen gefallen sind. Alles zunehmend dämlich, so dass die Idee von Script-Autor Völlig-egal-wie-der-heißt, einen jungen Mann seine Verwandtschaft zur blutgeilen Knispel-Sippe herausfinden zu lassen, auch nicht besser oder schlechter ist. Warum ich mir das immer noch ansehe? Keine Ahnung, vermutlich, um zu testen, wie viele Synonyme für Schwachsinn und Vollidioten ich noch finde.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, keine Untertitel. Extras: Trailer des Films sowie acht weitere Trailer. Erstaunlicherweise handelt es sich diesmal tatsächlich um die Uncut-Version, selbst die FSK hatte wohl keine Lust mehr, an dem Murks noch weiter rumzuschnippeln.

So, los geht's: Danny (Anthony Ilott, spielte schon in Kennt-eh-keiner), voll erfolgreicher Irgendwas inklusive Burnout und Selbstmordversuch, hat von irgendwelchen Verwandten 20. Grades eine riesige Rumpelbutze in - natürlich - West Virginia geerbt, die mal eine - Überraschung - Nervenheilanstalt war, nun aber als Spa-Hotel-Oase für jeden dient, der dämlich genug ist, sich dort einzubuchen. Gemanagt wird der marode Schuppen von Jackson (Chris Jarvis, kennt man aus Hoffentlich-nichts) und Sally (Sadie Katz, bekannt aus Will-keiner-sehen), die es kaum erwarten können, Danny seine neuen Verwandten vorzustellen. Denn Jacksons und Sallys Eltern waren mindestens Geschwister, somit gehören die Beiden selbstredend zum Genmatsch-Clan um unsere drei Schnetzelfleisch-Bekloppten Three Finger, One Eye und Saw Tooth. Da die sich aber gentechnisch schon total kaputtgevögelt haben, muss frisches Verwandten-Blut her, und da kommt Torfnase Danny natürlich wie gerufen. Blöd ist nur, dass er nicht alleine gekommen ist, sondern neben Freundin Toni (Aqueela Zoll, schon gesehen in Filme-die-die-Welt-nicht-braucht) auch noch fünf weitere Dämlacke mitgebracht hat, die er seine Freunde nennt. Macht aber nix, die kommen eh über kurz oder lang in die Suppe oder in die Wurst, so dass der familiär-blutigen Wiedervereinigung nichts im Wege stehen sollte…

Was man "Wrong Turn 6" zugutehalten könnte, ist, dass er sich wieder ein wenig auf seine degenerierten Wurzeln besinnt und den ganzen inszenatorischen Blödsinn um entflohene Häftlinge oder die Teilnehmer einer Reality-Show weglässt. Zwar weist der 6. Teil deutliche Ähnlichkeiten zu Teil 4 auf, vor allem, weil beide Teile in einer ähnlichen Umgebung spielen bzw. die ehemalige Nervenheilanstalt aus Teil 4 nun das Hotel in Teil 6 sein soll, dennoch scheinen sich die Macher wieder ein Stück weit zu den üblen Wurzeln der Reihe zurückzubewegen.

Nur leider nützt das auch nix mehr, da man sich nach dem Erstling offensichtlich dazu entschlossen hat, fortan nur noch den Bodensatz amerikanischer Schauspieler-Darsteller zu verpflichten und darüber hinaus Regisseure und Drehbuchautoren, deren Familienbaum selbst nicht ganz koscher zu sein scheint, weil sich anders kaum erklären lässt, dass man sage und schreibe fünf Mal so einen horrenden Schwachsinn verzapft. Zwar hat die Reihe schon miesere Darsteller gesehen, aber die Dialoge, die sie - und das leider in rauen Mengen - in den Mund gelegt bekommen, sind so schauderhaft, dass man sich am liebsten die Ohren zuhalten möchte - die ganzen 91 Minuten lang. Überhaupt scheint hier der Fokus mehr auf diversen Beischlaf-Szenen und endlosen Laber-Debatten zu liegen als darauf, es mal schön blutig zur Sache gehen zu lassen. Zwar gibt es ein paar hübsche Einfälle (was zum Beispiel passiert, wenn man auf Augenhöhe mit vollem Karacho in den Stacheldraht rast, wie hübsch sich ein Pfeil macht, der einem schwungvoll von hinten durch den Mund gejagt wird und natürlich das übliche Schnetzelfleisch-Frühstück), aber alles in allem agieren die drei Burger-Brutzler vom Kannibalen-Grill hier eher verhalten. Viel mehr als rumkreischen wie eine Horde Bonobos auf Ecstasy haben sie hier nicht zu tun, selbst sie scheinen ihrer eindimensionalen Darstellung langsam müde zu werden.

Somit gibt es hier also nur verhaltenen Splatter, da der schnetzeligen Kreativität offensichtlich Handschellen angelegt wurden. Vielmehr muss man sich mit einer Horde kiffender, nölender und selbstredend dämlicher Twens herumplagen, die viel zu viel Zeit bekommen, hochgradigen Schwachsinn zu reden und ihren Intellekt in ein denkbar schlechtes Licht zu rücken. Anthony Ilott als Danny hat von allen noch die schwierigste Aufgabe, soll er doch gleichzeitig einen psychisch labilen, aber eigentlich total erfolgreichen Jung-Geschäftsmann mimen und einen Volltrottel, der seiner neuen Gammelfleisch-Familie auf den Leim geht und sich somit von seinen Freunden lossagen muss. Tricky…und natürlich ist Andy Iltis damit total überfordert. Seine Freunde begnügen sich damit, nervtötend in der Gegend rumzuzicken, das Inventar aus dem Hotel zu mopsen oder sich noch dämlicher zu kiffen, als sie eh schon sind. Sieht man sich dann noch mit der ganz eigenen Logik des Films konfrontiert (Jackson z. B. ist der Meinung, dass die Reinheit der Inzest-Amöben-Gang nur durch neues, frisches Blut eines - natürlich - Verwandten erhalten werden kann…??? Noch Fragen?), ist man geneigt, für den Regisseur bzw. Drehbuchautor den grundsätzlichen Euthanasie-Gedanken zumindest noch mal als Möglichkeit in den Raum zu werfen.

"Wrong Turn 6" ist natürlich ein komplett überflüssiger Film. Eigentlich hätte man sich alles, was nach dem 2003er Original kam, sparen können. Zwar haben sich die Macher von allzu albernen Storylines wieder auf die Ursprünge der Reihe besonnen, machen aber durch die unfassbar dämlichen Dialoge, bestenfalls rudimentär begabte Schauspieler-Attrappen und eindeutig zu wenig und zu wenig kreativen Splatter alles eventuell Sehenswerte zunichte. Die Dezimierung der Dämlichen schreitet fast beiläufig und überraschend einfallslos voran und wird leider auch noch durch schnarchige Beischlaf-Szenen und Gefasel-Marathons verwässert. Unsere drei Kannibalen-Kunos hüpfen ab und an hysterisch durchs Bild und werfen auf lau mal ne Axt oder so, haben aber offensichtlich auch keinen Bock mehr, sich hier zum Obst (oder zur Wurst) zu machen. Verlassen kann man sich nicht drauf, aber wünschen kann man sich ja, dass nun, mit dem fünften Aufguss eines aparten Erstlings, langsam mal Ruhe in der Pfanne einkehrt. Da nicht der mieseste Teil der Reihe und immerhin, zwei, drei hübschen Aua-Szenen, gerade mal noch eine von fünf Hackfressen, die jetzt gerne auf ewig in den Wäldern West Virginias verschwinden können.


These Final Hours [Blu-ray]
These Final Hours [Blu-ray]
DVD ~ Jessica De Gouw
Preis: EUR 14,99

4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen When it all ends, 10. März 2015
Rezension bezieht sich auf: These Final Hours [Blu-ray] (Blu-ray)
Authentische, realistische Filme über eine bevorstehende Apokalypse sind im Horror-/Actiongenre ja eher Mangelware. Aliens, Zombies, schiefgelaufene geheime Militärexperimente oder total absurde Naturkatastrophen…meistens ist es irgendwie sowas, das die Menschheit auslöscht. Insofern muss man es Regisseur Zak Hilditch zugutehalten, dass sein Film vergleichsweise realistisch geraten ist. Zwar ist auch hier eine Art Naturkatastrophe (ein Meteoriteneinschlag) für das Ende der Welt verantwortlich, doch um das Ausmaß der Zerstörung oder das dadurch entstehende Chaos geht es Hilditch höchstens sekundär. Er rückt vielmehr einen Protagonisten ins Zentrum seines 87minütigen Films und lässt diesen eine realistische Wandlung durchlaufen, bevor - und das macht Hilditch von Anfang an klar - die Welt zu existieren aufhört. Und obwohl es kein hollywoodeskes Happy End gibt, die Darsteller gut gewählt sind und man von albernen Aliens oder flodderfritzigen Zombies verschont bleibt, ist "These final Hours" leider kein sonderlich beeindruckender Film geworden.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in deutsch und englisch, Untertitel in deutsch. Extras: Trailer des Films sowie sechs weitere Trailer. An Ton und Bild gibt's nix zu meckern, aber auch nichts besonders zu loben.

In 12 Stunden wird alles vorbei sein. Ein riesiger Meteorit macht sich daran, die komplette Erde zu zerstören. Nach und nach werden die Kontinente und alles, was auf ihnen lebt, dem Erdboden gleichgemacht. Es gibt keine Hoffnung, keine Überlebenden, kein Entrinnen. Und der Countdown läuft auch in Down Under. Australien wird in wenigen Stunden nicht mehr existieren, die Bevölkerung wurde informiert und hat somit noch ein paar Stunden Zeit, sich auf das Ende vorzubereiten. Das geschieht auf unterschiedlichste Weise. Während die einen zu Gott beten, feiern die anderen eine riesige Party. Einige bleiben einfach zu Hause und warten ab, andere werden kriminell und geraten moralisch völlig außer Rand und Band. James (Nathan Phillips, "Chernobyl Diaries", "Wolf Creek") will feiern, sich besaufen und vergessen, dass er nicht gerade einer der besten Menschen ist, da er sich neben Freundin Vicky (Kathryn Beck, "Nachbarn") auch noch mit seiner Geliebten Zoe (Jessica de Gouw, "Dracula", "Arrow"), die ihm just mitgeteilt hat, dass sie schwanger ist), trifft. Er lässt Zoe allein, um zu Vicky und der Party ihres Bruders Freddy (Daniel Henshall, "Snowtown") zu fahren. Unterwegs allerdings trifft er Rose (Angourie Rice, "Dinosaurier 3D") bzw. er rettet das Mädchen vor zwei schmierigen Typen, die sich gerade an ihr vergehen wollten. Rose ist von ihrem Vater getrennt worden, den sie nun verzweifelt sucht. James hingegen will den Partygedanken noch nicht aufgeben und nimmt Rose vorerst mit dorthin, sieht aber schnell ein, dass die drogenumnebelte, gewaltbereite und orgiastische Riesenfete nicht die richtige Umgebung für ein Kind ist. Doch die Uhr tickt unaufhörlich weiter. Wird es James und Rose noch gelingen, Roses Vater zu finden? Und will James Zoe wirklich ganz allein im Strandhaus dem Ende entgegensehen lassen?

Wie gesagt, mangelnden Realismus kann man Hilditch wahrlich nicht vorwerfen. Der alles zerstörende Meteorit wird fast nur am Rande erwähnt, zu sehen bekommt man seine Auswirkungen erst ganz am Ende des Films und auch dort nur in einer einzigen Einstellung, in der sich eine riesige Lavawalze auf die Menschen zubewegt. "These final Hours" ist kein Katastrophenfilm, er ist ein Drama vor dem Hintergrund einer stattfindenden Katastrophe. Hilditch geht es um Zwischenmenschliches im Angesicht des Weltuntergangs. Das ist ein durchaus löblicher Ansatz und Hilditch gelingt es auch - dank versierter Mimen - diesen Ansatz glaubhaft umzusetzen…nur leider wird daraus trotzdem kein spannender, emotionaler oder übermäßig interessanter Film.

"These final Hours" ergeht sich in überwiegend belanglosen, manchmal sogar sinnlosen Dialogen. Große Wahrheiten oder Erkenntnisse werden hier nicht verbalisiert, im Gegenteil, so manches Mal wünscht man sich, Hilditch (der auch für das Script verantwortlich zeichnet) hätte sein Drehbuch vor Filmbeginn noch mal gegenlesen lassen. Besonders augenfällig wird dies auf der Party, die James mit Rose aufsucht. Hier wird durchgängig sinnloses Zeug geredet, das keinerlei Bedeutung hat und den Zuschauer zunehmend nervt. Hinzu kommt ein aus dem Off dazugeschalteter Radiomoderator, der immer mal wieder ansagt, wieviele Stunden noch übrig sind und ansonsten leider nur Worthülsen fabriziert. Da hätte mir ein periodisch eingeblendeter Countdown besser gefallen.

Ansonsten wird in "These Final Hours" viel sinnlos in der Gegend rumgefahren. Man sucht mal hier, mal dort, fährt zur Party und wieder weg, James fährt dann noch bei seiner Schwester vorbei (keine gute Idee) und dann noch bei Mutti, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Dementsprechend belanglos und unterkühlt verläuft auch dieses Gespräch. Dann wird weiter nach Roses Vater gesucht, James geht in sich und überlegt, wie er seine letzten Stunden nun wirklich verbringen will, fährt wieder durch die Gegend und findet letztendlich zu sich selbst und…noch jemand anderem. Dann kommt der Feuerball und schon ist's vorbei.

Das mag alles realistisch sein, aber interessant oder spannend ist es leider nicht. Hilditch ist mit seiner unaufgeregten Inszenierung sicherlich der etwas andere Apokalypsefilm gelungen, letztendlich ist das aber nichts, worauf die Filmwelt oder die Zuschauer nun händeringend gewartet hätten. Zumindest etwas mehr Spannung hätte dem Film gut getan. Aber James fährt so wahllos in der Gegend rum und hin und her, als hätte er alle Zeit der Welt, so dass sich das Drama, dem man hier beiwohnt, kaum bemerkbar macht.

Darstellerisch hingegen hat Hilditch alles richtig gemacht. Nathan Phillips ist ein versierter Darsteller, der bereits seit 15 Jahren im Geschäft ist. Sein James ist zwar kein emotionaler Typ, deshalb kann Phillips nicht die ganze Klaviatur emotionaler Regungen bespielen, dennoch variiert er gekonnt zwischen Trauer, Verzweiflung und Wut. Angourie Rice bewältigt ihre erste Hauptrolle (nach drei Kurzfilmen) erstaunlich souverän und ist manchmal herzerfrischen kindlich, dann wieder bemerkenswert erwachsen. Die weiteren Darsteller können nur wenig Akzente setzen, da der Film ganz auf Phillips und Rice zugeschnitten ist.

Wer sehr ruhigen, realistischen, anti-apokalyptischen Apokalypsefilmen mit wenig Emotionalität, wenig Dramatischem und keinen abenteuerlichen visuellen Schauwerten etwas abgewinnen kann, der ist in "These final Hours" sicherlich richtig. Wer es gerne spannend und dramatisch mag oder auch nur gerne die Welt optisch opulent zugrunden gehen sieht, der sollte sich lieber anderem Filmwerk zuwenden. Für mich war das leider nichts, aber für den respektablen Ansatz und überzeugende Darsteller gerne zwei von fünf Meteoriten, die ruhig etwas dramatischer hätten einschlagen dürfen.


Heute bin ich Samba
Heute bin ich Samba
DVD ~ Omar Sy
Preis: EUR 15,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Dilemma, 6. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Heute bin ich Samba (DVD)
(Kinoversion)

Drei Jahre nach "Ziemlich beste Freunde", dem weltweiten Überraschungserfolg der beiden Franzosen Olivier Nakache und Eric Toledano (Regie und Drehbuch), folgt nun eine weitere Dramödie (um den Genre-Bastard mal mit diesem unsäglichen, aber passenden Wort zu betiteln), für die die Beiden verantwortlich zeichnen. Bedauerlicherweise erreicht "Heute bin ich Samba" weder die genialen komödiantischen Höhen noch die emotionale Tiefe des Vorgängerfilms, so dass der Film, der darüber hinaus mit 120 Minuten auch noch viel zu lang geraten ist, neben ein bisschen politisch korrekter Betroffenheit und dem ein oder anderen Schmunzler nichts Nennenswertes für den Zuschauer bereithält. Aber vielleicht konnte es nach "Ziemlich beste Freunde" auch nur noch bergab gehen, denn wie soll man das überhaupt noch toppen?

Samba (Omar Sy, "Ziemlich beste Freunde") lebt seit zehn Jahren in Paris und schlägt sich als Küchenhilfe durch. Der Senegalese freut sich, als sein Chef ihm endlich eine Beförderung und somit eine Festanstellung anbietet. Doch als Samba sich wegen der benötigten Aufenthaltsgenehmigung an die Behörden wendet, landet er in Abschiebehaft. Er soll Frankreich verlassen, taucht aber lieber ab in die Illegalität. Fortan versucht Samba, einen anderen Job zu finden und seine Würde nicht zu verlieren. Behilflich dabei ist ihm unter anderem Alice (Charlotte Gainsbourg, "Nymphomaniac 1+2"), die gerade einen Burn-Out hinter sich hat. Die erfolgreiche Managerin hofft, sich durch ehrenamtliches soziales Engagement wieder ein wenig zu erden. Und obwohl Samba und Alice jede Menge mit sich selbst zu tun haben, können sie nicht leugnen, sich zueinander hingezogen zu fühlen. Doch Samba wird von der Polizei gesucht und Alices Psyche ist noch längst nicht wieder stabil. Gibt es eine Zukunft für die Beiden und kann Samba überhaupt in Frankreich bleiben oder wird er doch noch abgeschoben?

Wer sich den Trailer des Films angeschaut hat, hat eigentlich schon alle lustigen Momente des Zweistunden-Films gesehen. Es ist fast erschreckend, wie wenig von ihrem genialen Humor Nakache und Toledano für ihren aktuellen Film aufbringen konnten. Die perfekte Symbiose, die Humor und Drama in "Ziemlich beste Freunde" eingegangen sind, findet sich hier in kaum einer Filmminute. Abwechselnd ist "Heute bin ich Samba" Sozialdrama mit wirklich kritischen Untertönen und einem schmerzhaft realistischen Blick auf das bedauernswerte und schwere Leben illegaler Einwanderer oder nur bedingt amüsante Liebeskomödie, die Ewigkeiten braucht, bis sie endlich mal aus der Hüfte kommt (1 Stunden, um genau zu sein). Warum genau sich so viele Regisseure ausgerechnet an einem der schwierigsten Genre-Bastards, der Kombination aus Drama und Komödie, versuchen, weiß ich nicht, denn nur den Wenigsten gelingt es, beiden Genres dabei wirklich gerecht zu werden bzw. sie wirklich gekonnt zu verknüpfen. Einmal ist es den beiden Regisseuren gelungen, bei "Heute bin ich Samba" versagen sie hingegen fast auf ganzer Linie.

Was "Heute bin ich Samba" zu keinem schlechten Film macht. Zumindest als indirektes Sprachrohr einer Bevölkerungsgruppe, über die man eigentlich kaum etwas weiß, eignet er sich sehr gut. Nakache und Toledano verwenden viel Zeit und Engagement darauf, dem Zuschauer das alltägliche Leben illegaler Einwanderer näher zu bringen, und ein ums andere Mal ist man wirklich bedrückt und hat Mitleid mit dem oft sehr schweren Los dieser Menschen. Dazu passt dann aber die - ebenfalls nicht problemlose - Love Story zwischen Alice und Samba nicht, zumal diese so lange nur zögerlich voranschreitet, dass man die Hoffnung bald ganz aufgibt, dass aus den Beiden noch mal was wird. Zusätzlich werfen die Regisseure dann noch ein paar unausgegorene Nebenschauplätze ins Geschehen, die weder von großer Relevanz noch von großem Interesse für den Zuschauer sind (der Algerier, der sich als Brasilianer ausgibt, der Illegale, der seine Freundin sucht, die "Graziös" heißt usw.). Der Film ist also entweder bedrückend ob seines Realismus oder eher zäh ob seiner seltsamen, kaum vorhandenen Liebesgeschichte.

Und die Längen sind wirklich unnötig. Hätten Nakache und Toledano nur mal ein bisschen an der Temposchraube gedreht und sich nicht ständig selbst storytechnische Stolpersteine in den Weg geworfen, hätte "Heute bin ich Samba" sicherlich besser funktioniert. So aber werden die beiden zentralen Handlungsstränge (Sambas "Überlebenskampf" und die beginnende Romanze mit Alice) immer wieder durch langatmige Einstellungen und die Erwähnung von Nichtigkeiten ausgebremst. Nahezu alle Beteiligten sind auf irgendeine Weise traumatisiert und hadern mit ihrem Schicksal. Die Leichtigkeit im Angesicht der Tragik, das, was Nakache und Toledano bei "Ziemlich beste Freunde" so virtuos gelungen ist, fehlt "Heute bin ich Samba" fast gänzlich.

Glücklicherweise haben die beiden Regisseure ihren Cast weise gewählt. Für den über 1,90 m großen Omar Sy ist es bereits die vierte Zusammenarbeit mit dem Regie-Duo. Sy agiert gewohnt natürlich und offenherzig, seinen Samba hat er gut austariert zwischen genügsamem Optimisten und verzweifeltem Illegalen, der um seine Würde und Identität kämpft. Charlotte Gainsbourg verkörpert einmal mehr eine nervöse, ausgebrannte Frau mit zu niedrigem BMI, deren wahre Stärke sich nur zögerlich zeigt. Auch die anderen Rollen sind gut und authentisch besetzt, verlieren sich aber manchmal in den bereits erwähnten unerheblichen Nebensträngen der Story.

"Heute bin ich Samba" sollte keinesfalls mit einer Erwartungshaltung, die auf dem grandiosen "Ziemlich beste Freunde" basiert, angesehen werden. Der Film schwankt verzweifelt zwischen Sozialdrama und bestenfalls angedeuteter Romanze hin und her und hat unterwegs offensichtlich seinen Humor größtenteils verloren. Nakache und Toledano hätten sich in diesem Fall besser für eins der beiden Genres entscheiden sollen, daraus wäre wahrscheinlich ein stimmigerer Film geworden. Trotz guter Darsteller und einiger berührender Momente halte ich "Heute bin ich Samba" schlussendlich für entbehrlich, zumindest aber nicht das relativ teure Kinoeintrittsgeld wert. Für mich - und ich bedaure das wirklich sehr - nicht mehr als zwei von fünf illegalen Einwanderern, denen man von Herzen ein besseres Leben wünscht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 7, 2015 10:48 PM CET


Dracula Untold [Blu-ray]
Dracula Untold [Blu-ray]
DVD ~ Luke Evans
Preis: EUR 14,72

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Lost Soul, 2. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Dracula Untold [Blu-ray] (Blu-ray)
Vampire, mal wieder. Transsilvanische diesmal, natürlich. Der rumänische Blutfürst musste ja schon für Hunderte (272, um genau zu sein) mehr oder weniger gelungene Verfilmungen herhalten. Regisseur Gary Shore hat für sein Debüt nun wenigstens einen geringfügig anderen Ansatz gewählt, er möchte nämlich die Geschichte erzählen, wie Fürst Vlad Tepes überhaupt erst zum Vampir wurde. Ein Dracula Prequel sozusagen. Dafür hat Shore zwei Drehbuch-Debütanten beauftragt, denen es leider nicht gelungen ist, aus dieser Vorgabe in 92 Minuten eine interessante und gute Geschichte zu machen.

Ausstattung der Blu Ray: Ton und Bild sind einwandfrei, die Bildqualität kommt allerdings bei dem vorrangig in düsteren Kulissen spielenden Film nicht wirklich zum Tragen. Ton in deutsch, englisch, französisch, italienisch, kastellan, japanisch, arabisch und englisch für Sehbehinderte. Untertitel in denselben Sprachen und noch ein paar anderen mehr. Extras: Luke Evans: Eine Legende erschaffen, Alternative Eröffnungsszene, Audiokommentar vom Regisseur und Produktionsdesigner, Unveröffentlichte Szenen, Ein Tag im Leben von Luke Evans, Dracula neu erzählt, Töten 1000, Das Land von Dracula.

Endlich mal wieder eine gut ausgestattete Blu Ray. Interessant vor allem "Ein Tag im Leben von Luke Evans", wo man den Schauspieler von morgens 5.00 Uhr an auf dem Weg zum Drehort begleitet und dann einen ganzen Tag lang bei ihm bleibt. Evans erklärt, was er so alles machen muss, wie das alles geht und dass das Training für den Film verdammt hart war. Für Fans des Walisers ein durchaus nettes Schmankerl.

Vlad Tepes (Luke Evans, "Krieg der Götter", "The Raven"), Mitte des 15. Jahrhunderts rumänischer Fürst in der Walachei, hatte kein einfaches Leben. Bereits als Kind von seinem Vater den damals einfallenden türkischen Heerscharen als zukünftiger Soldat "geopfert" und schwer misshandelt, muss er sich als Erwachsener immer noch mit den kämpferischen Osmanen um Sultan Mehmed (Dominic Cooper, "The Devil's Double") herumschlagen. Als dieser eines Tages 1.000 Jünglinge von Tepes für sein Heer fordert, unter denen sich auch Vlads Sohn Ingeras (Art Parkinson, "Love, Rosie") befinden soll, hat Vlad langsam die Faxen dicke. Also begibt er sich in eine Höhle, in der ein uralter Fledderfritze (Charles Dance, "The Imitation Game") hockt, der Vlad seine Seele abschwatzen, ihn dafür aber unsterblich machen will. Gesagt, getan. Vlad pfählt und schnetzelt sich fortan durch Heerscharen türkischer Opfer, damit seinem Sohn nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie ihm einst selbst. Das findet Mehmed nicht so witzig und Vlads Frau Mirena (Sarah Gadon, "Spiderman 2") irgendwie auch nicht. Wird es Vlad gelingen, seinen Blutdurst im Zaum zu halten und seine Familie zu retten? Denn Vlad muss dem Verlangen, seine Zähne in fremde Hälse zu schlagen, drei Tage lang widerstehen, um nicht für immer ein Vampir zu bleiben…

"Dracula Untold" funktioniert leider auf keiner Ebene so richtig. Draculas Vorgeschichte, sein Leben, bevor er angeblich zum Vampir wurde, wird bestenfalls stichpunktartig beleuchtet. Ein paar Szenen, wie er als Kind von den Türken gequält wird, ein kurzer Ausflug ins spätere häusliche Familienglück mit Frau und Kindern, diverse Schlachten auf schlammigen Feldern gegen die Türken, der kryptisch-verschwurbelte Höhlenbesuch beim Ur-Vampir und noch mal diverse Kämpfe gegen eine schier übermächtige Zahl an Gegnern. Viel Aufklärung, wer Vlad Tepes, Beiname "Drăculea" (Sohn des Drachen, da sein Vater Mitglied im Drachenorden war - oder aber auch abgeleitet vom rumänischen Wort für Teufel - "drac"), wirklich war und wie er gelebt hat, erhält man durch "Dracula Untold" leider nicht.

Darüber hinaus sind Regisseur Shore leider die Emotionen verlustig gegangen. Den ganzen Film durchzieht eine seltsame emotionale Unterkühltheit, und das, obwohl Tepes sichtlich leidet und kämpft wie ein Berserker. Der Film wirkt irgendwie seelenlos, die einzelnen Sequenzen wollen sich einfach nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Man bekommt keinen Bezug zu dem, was Tepes umtreibt, was er fühlt, wer er eigentlich war. Darüber hinaus bekommen alle anderen Darsteller kaum Raum, sich dem Zuschauer glaubhaft vorzustellen. Selbst der böse Sultan bleibt blass, obwohl er Tepes' härtester Gegner und zudem sein Leidensgenosse aus Kindheitstagen ist. Schade.
Der Film funktioniert also weder als tragisches Drama (dafür bleibt er zu kühl und oberflächlich) noch als markiges Schlachtenepos. Denn die hier ausgeführten Kämpfe sind zwar grandios choreographiert, sehen aber irgendwie alle gleich aus und sind so schnell geschnitten, dass man kaum etwas erkennen kann. Und wenn Tepes sich unerschrocken in ein ganzes Heer von Türken stürzt, um diese dann - natürlich - alle plattzumachen, wirkt das irgendwann leider eher komisch als spannend oder tragisch. Über ein paar martialische Schauwerte kommt der Film also leider nicht hinaus.

Dafür hat Shore bei den Darstellern alles richtig gemacht, allen voran beim großartigen Luke Evans. Was für ein Mann! Den gebürtigen Waliser umgibt eine fast archaische Präsenz, unterstrichen durch die durchtrainierte Physis und die grimmige Mimik, die sich kunstvoll zwischen seinen markanten Wangenknochen ausbreitet. Ist man dann noch so clever, sich den Film im Original anzusehen, kommt man darüber hinaus noch in den Genuss von Evans' ungewöhnlich tiefer, rauchig-heiserer Stimme, die geneigte Zuschauerinnen dann wohl restlos um den Verstand bringen dürfte. Evans verleiht Tepes trotz aller inhaltlichen Storyschwächen ein breites Spektrum an Emotionen. Man fühlt und leidet phasenweise mit ihm, er macht für seine Person nachvollziehbar, was sie durchleidet. Für die eindimensionale Charakterzeichnung der Drehbuchautoren kann Evans ja nichts. Dominic Cooper als sein Gegenspieler bemüht sich redlich, den bösen Türken zu geben, war aber in seiner Doppelrolle als Diktator in "The Devil's Double" um Längen besser. Die hübsche Sarah Godin besticht vorrangig durch ihre Optik, wird der schmalen Rolle als Tepes' Frau darstellerisch aber gerecht. Charles Dance ist als Ur-Vampir angemessen schaurig und Art Parkinson als Tepes' Sohn trotzt darstellerisch seiner bekloppten Frisur. Alle anderen Darsteller sind mehr oder weniger Kanonen- bzw. Pfähl-Futter.

"Dracula Untold" wollte viel, hat aber leider nur wenig erreicht. Der Film ist erschreckend oberflächlich und unterkühlt, die Tragik, die Shore aus seinem Helden herausarbeiten wollte, ist leider größtenteils auf der Strecke geblieben. Man erfährt kaum etwas über diesen Mann, um den sich seit Jahrhunderten Legenden ranken. Ein bisschen mehr historische Aufklärungsarbeit, und diese vor allem spannend und emotional in Szene gesetzt, hätten "Dracula Untold" sehr gut getan. So ist es leider nur ein düsteres Schlachtenepos geworden, dem irgendwie die Seele fehlt. Die, die ihn mögen, können sich aber wenigstens an einem göttlichen Luke Evans erfreuen, der natürlich sowohl optisch als auch akustisch (diese Stimme!) als auch darstellerisch vollends überzeugt *umfall*. (Hormonell) nüchtern betrachtet bringt das aber leider trotzdem nicht mehr als zwei von fünf Litern frischem Blut, die diesem düsteren, grauen, seelenlosen und recht eintönigen Film sicherlich gutgetan hätten.


Gone Girl - Das perfekte Opfer [Blu-ray]
Gone Girl - Das perfekte Opfer [Blu-ray]
DVD ~ Ben Affleck
Preis: EUR 14,99

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wrong Girl, 26. Februar 2015
"Gone Girl" hat ja schon als Romanvorlage für Furore gesorgt, und der Film wurde ähnlich gehypt wie das Buch. Zu Recht? Nun ja…für mich, die so ca. 12.000 gesehene Filme auf dem Buckel hat, birgt "Gone Girl" wenig Überraschendes. Für den durchschnittlichen Kinogänger hingegen dürfte der Film recht wendungs- und überraschungsreich sein. Aber irgendwie fehlt dem Film der typisch düstere Fincher-Style, das, was David-Fincher-Filme eben ausmacht (siehe "Sieben", "Fight Club", "Verblendung"). Definitiv aber ist er mit seinen 149 Minuten viel zu lang geraten, das gibt die dünne und irgendwann recht vorhersehbare Story dann doch nicht her. Und auch das sehr abrupte und vor allem offene Ende ist für mich kein gelungener Abschluss für den Film. Schade, sowohl von Fincher als auch von der Story hatte ich nach der euphorischen Presse mehr erwartet.

Die Ausstattung der DVD ist beschämend: Ton in deutsch, englisch, italienisch und russisch. Extras: Audiokommentar von David Fincher.

Amy (Rosamund Pike, "Jack Reacher") und Nick (Ben Affleck, "Argo") waren mal ein glückliches Ehepaar, doch das ist lange her. Nach dem Umzug vom pulsierenden New York nach Missouri und Nicks Jobverlust machen sich Frustration und Gleichgültigkeit zwischen Amy und Nick breit. Am Tag ihres fünften Hochzeitstages verschwindet Amy plötzlich spurlos. Schnell gerät Nick unter Verdacht, spätestens, als man Amys detaillierte Tagebuchaufzeichnungen findet, die Nick in ein denkbar schlechtes Licht rücken. Amy bleibt verschwunden und Nick steht schon mit einem Bein im Knast, als weitere erschreckende Details aus Amys und Nicks Eheleben auftauchen, die das Ganze in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen…

Viel mehr kann man zum Inhalt leider nicht sagen, ohne Entscheidendes zu verraten. Aber so spektakulär ist das, was hier verschwiegen werden muss, auch nicht, zumindest versierte Genre-Kenner wissen bald, dass nicht alles so ist, wie die erste halbe Stunde des Films uns glauben machen will.

Nun wird in Filmen hochkarätiger Regisseure oder erfolgreicher Buchautoren ja gerne Einiges hineininterpretiert. Bei "Gone Girl" fallen immer wieder die Begriffe "gelungener Angriff auf die Medienwelt und deren Vorverurteilung" und "bitterböse Eheanalyse". Tja…kann man so sehen, muss man aber nicht. Sicherlich ist der Umgang der Medien mit dem (Film)Thema fragwürdig, aber das ist er eigentlich immer in solchen Fällen, und das nicht nur in den USA. Und was aus einer Ehe werden kann, wurde ja nun filmisch auch schon bis zum Exzess abgespult ("Der Rosenkrieg", "Eine verhängnisvolle Affäre", sogar "Wer hat Angst vor Virginia Woolf"), so wirklich neu sind diese Themen also nicht. Sicherlich legt Fincher hier den Finger in die Wunde, aber das ist weder neu noch besonders kreativ. Besser wäre gewesen, wenn Fincher die durchaus vorhandene Spannungsschraube angezogen hätte, denn trotz einiger überraschender Wendungen nimmt der Film viel zu langsam Fahrt auf und ergeht sich in unnützen Längen.

"Gone Girl" beginnt als verheißungsvolle Romanze zwischen Nick und Amy, die sich auf einer Party in New York kennenlernen. Man verlobt sich, zieht zusammen, und auch beruflich könnte es für die beiden Autoren kaum besser laufen. Bis die Wirtschaftskrise über die USA hereinbricht. Nick verliert seinen Job, zudem erkrankt seine Mutter schwer, so dass das Ehepaar beschließt, ins ländliche Missouri in die Nähe von Nicks Mutter zu ziehen. Die ersten Risse in der Ehe werden sichtbar, Nicks Antriebslosigkeit, das langweilige Leben in Missouri und die zunehmende Kälte, die sich zwischen Nick und Amy ausbreitet. Neben den gezeigten Bildern erfährt man sowohl durch Rückblenden als auch aus dem Off gesprochene Kommentare von Nick und Amy, was so alles passiert. Dann wandelt "Gone Girl" sich zum Thriller mit leicht angezogener Bremse, der erst im letzten Drittel das Maß an temporeicher Spannung erreicht, das er schon viel früher gut vertragen hätte. Amy verschwindet und Nick steht schnell im Fokus der Ermittlungen. Seine Lage scheint aussichtslos, bis…im letzten Drittel des Films eine weitere Wendung platziert wird, die Nick zwar in eine andere, aber nicht unbedingt bessere Lage versetzt. Das Ende lässt Fincher - wie gesagt - offen, was meiner Meinung nach überhaupt nicht zu den vorangegangenen 148 Minuten passt. Ein krachender Schlussakkord, ein böser letzter Seitenhieb, eine wirklich überraschende Wendung hätten "Gone Girl" gut getan, nicht aber dieses abrupte, nichtssagende Ende, das den Zuschauer recht unbefriedigt zurücklässt und ihn sich fragen lässt, ob es sich wirklich gelohnt hat, in diesen Film knapp 2  Std. Zeit zu investieren.

Für mich war "Gone Girl" leider wenig überraschend. Das hier etwas nicht so ist, wie es dem Zuschauer weiß gemacht werden soll, ist ziemlich schnell klar. Und ist dieser Zweifel einmal erfolgreich gesät, bleibt er einem den ganzen Filmverlauf über erhalten. Die immer häufiger eingestreuten Verdachtsmomente gegen Nick bewirken eigentlich genau das Gegenteil von dem, was sie bewirken sollen. Obwohl kein wirklich angenehmer Mensch, ist man schnell davon überzeugt, dass Nick eigentlich nicht der Täter sein kann. Als sich der Film im weiteren Verlauf dann Amy zuwendet, ist man sicherlich kurz überrascht von dem, was über sie offenbart wird, aber das legt sich schnell und weicht diversen Längen und nicht immer überzeugend dargebrachten Wahrheiten. Und dann wird es wirklich ein bisschen absurd, wenn auch noch einmal nicht vorhersehbar. In der Summe sicherlich nicht uninteressant, besonders, da Fincher recht gekonnt menschliche Abgründe auslotet, aber insgesamt weder böse noch überraschend genug, um mich wirklich überzeugen zu können. Ein überlanger, meist konventioneller Thriller, der ein, zwei kleine Asse im Ärmel hat, mit seinem faden Ende aber auch wieder Vieles kaputt macht.

Die Schauspieler liefern gute Leistungen ab, wenngleich für ihre Charaktere nicht allzu viel Talent erforderlich ist. Ben Affleck spielt den gefühlskalten, faulen Ehemann souverän runter, ohne große Ecken und Kanten zu zeigen. Er wirkt manchmal emotional recht behäbig, es gelingt ihm aber ganz gut, wenigstens anfangs ein bisschen Ambivalenz zu erzeugen. Rosamund Pike hat den interessanteren Part, da ihr Charakter wesentlich mehr Abgründe aufweist, als man angenommen hat. Schlussendlich wirkt aber auch dies zu übertrieben bzw. nicht ausreichend untermauert, um wirklich überzeugen zu können. Dennoch spielt Pike die undurchsichtige Amy facettenreich. In den Nebenrollen gibt es einen geschmacklos gekleideten Neil Patrick Harris ("How I met your Mother") als Amys Ex-Freund, ein routiniert agierendes Ermittlerduo (Kim Dickens, "Footlose" und Patrick Fugit, "Wir kaufen einen Zoo") und Missi Pyle ("The Artist") als gewitterziegige TV-Moderatorin.

"Gone Girl" ist ein solider Thriller, der definitiv zu lang geraten ist, dafür aber ganz gut die Spannung hält. Weniger Filmminuten und mehr Tempo hätten im gut getan, vor allem, weil die Glaubwürdigkeit immer mal wieder auf der Strecke bleibt, aber er kann durchaus mit ein, zwei Überraschungen punkten, die zwar nicht spektakulär, aber zumindest für den wenig filmerfahrenen Gucker nicht absehbar sind. Finchers extrem düsterer, kompromissloser Stil ist hier nur selten zu erkennen, auch optisch findet sich hier kein finchertypischer Look, was Fans des Regisseurs enttäuschen dürfte. Für thrillererfahrene Zuschauer ist "Gone Girl" also nicht unbedingt zu empfehlen, für Weniggucker und Genreunerfahrene sicherlich einen Blick wert. Für mich leider nicht raffiniert und böse genug, nicht immer schlüssig und zu lang. Knappe drei von fünf Mädchen, die gegangen sind und meinetwegen auch nicht wiederkommen brauchen.


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