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MissVega (Hamburg)

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The Hateful 8 [Blu-ray]
The Hateful 8 [Blu-ray]
DVD ~ Samuel L. Jackson
Preis: EUR 24,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen This one's for the Fans, 8. Februar 2016
Rezension bezieht sich auf: The Hateful 8 [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion - 70 mm uncut Roadshow Version)

Vorab: Diese Rezension ist sehr lang geworden, da sie von einem bekennenden Fan für bekennende Fans von Quentin Tarantino geschrieben wurde. Weniger Euphorische dürfen also gerne (Ab)Sätze überspringen, die für sie nicht von Relevanz sind. Man möge mir die Länge der Rezension verzeihen, aber mir war es wichtig, alles Erwähnte zu erwähnen. ;-)

»Intro«

Drei Jahre nach seinem ersten Western ist Meisterregisseur Quentin Tarantino zurück - mit noch einem Western (geplant ist sogar ein dritter). Und wo "Django Unchained" oft ins Komische und für das Massenpublikum Gefällige abdriftete, ist "The Hateful 8" trotz anderem Genre eine Rückbesinnung Tarantinos zu seinen filmischen Wurzeln, zu der Zeit, als alles begann…1992 mit "Reservoir Dogs". Auch in "The Hateful 8" trifft ein Haufen Gangster aufeinander, auch hier ergehen sie sich in dialoglastigen Grundsatzdiskussionen, auch hier belügen und betrügen sie sich und lassen dann alles in einem äußerst blutigen Finale gipfeln. "The Hateful 8" ist "Reservoir Dogs" im Wilden Westen und vereint darüber hinaus Michael Madsen und Tim Roth wieder, die schon in "Reservoir Dogs" aufeinandertrafen. Oder Samuel L. Jackson und Tim Roth, die in "Pulp Fiction" eine gemeinsam Szene hatten. Und auch Kurt Russell aus "Death Proof" ist wieder mit dabei. Wie fast immer allerdings hat Tarantino auch ein paar neue Gesichter an Bord, die (fast) erstmalig im tarantinoschen Filmuniversum auftreten. Hier sind es Bruce Dern, Walton Goggins und, man höre und staune, Channing Tatum. Und auch in "The Hateful 8" ist erneut jemand dabei, dem Tarantino zu einem Comeback verhilft. In "Pulp Fiction" war es John Travolta, in "Death Proof" Kurt Russell und diesmal ist es die für diese Rolle zu Recht oscarnominierte Jennifer Jason Leigh, die sich seit Jahren mit Nebenrollen und Auftritten in TV-Serien über Wasser halten muss. Hier kann sie zeigen, welch grandiose Schauspielerin in ihr steckt. Tarantino hat seine "abscheulichen Acht" grandios gecastet und zu wahren Höchstleistungen angespornt, deren ganze Genialität sich aber leider nur in der Originalversion erschließt.

»Versions«

"The Hateful 8" gibt es in zwei Kinoversionen. Für Tarantino war es eine Herzensangelegenheit, seinen achten Film in Panavision Ultra 70 zu drehen, einem Format, in dem seit 50 Jahren nicht mehr gedreht wird. Die so genannte 70 mm Roadshow-Version unterscheidet sich nicht nur durch ein breiteres und detaillierteres Bild, sondern darüber hinaus durch die musikalische Ouvertüre vor Filmbeginn, eine Pause nach ungefähr der Hälfte der Laufzeit, einem Programmheft für jeden Zuschauer und einer ca. sechs Minuten längeren Fassung als der normalen Kinoversion. Normalerweise haben Kinofilme ein Seitenverhältnis von 1,85 oder 2,39 : 1, bei der 70 mm-Version beträgt das Seitenverhältnis 2,76 : 1. Fans sollten sich das Erlebnis der Roadshow-Version unbedingt gönnen, auch wenn der Film in dieser Version nur in vier Kinos in ganz Deutschland gezeigt wird (in Hamburg, Berlin, Essen und Karlsruhe) und darüber hinaus in der englischsprachigen Originalversion. Beim Kauf von Blu Ray oder DVD (Erscheinungstermin: Dezember 2016) sollte darauf geachtet werden, ob der Film ebenfalls in der Roadshow-Version erhältlich ist.

»Wassup?«

Kopfgeldjäger John Ruth ist mit seiner Gefangenen Daisy Domergue in einer Postkutsche unterwegs nach Red Rock. Unterwegs trifft er auf den ehemaligen Bürgerkriegs-Major Marquis Warren, mittlerweile ebenfalls Kopfgeldjäger, der mit seinen drei toten Gefangenen ebenfalls nach Red Rock will, um seine Kopfgeldprämie zu kassieren. Da Warren sein Pferd verlustig gegangen ist und er somit dringend eine Mitfahrgelegenheit sucht, nimmt Ruth ihn mit. Als man nun zu Dritt durch das tief verschneite Wyoming fährt, das gerade von einem Blizzard heimgesucht wird, kreuzt auch noch Chris Mannix, der neue Sheriff von Red Rock, den Weg der Kopfgeldjäger und wird ebenfalls mitgenommen. Aufgrund des Sturms macht die Postkutsche vor Red Rock in Minnie's Haberdashery (Kurzwarenladen) halt, der den vier Reisenden eine Übernachtungsmöglichkeit, heißen Kaffee und Eintopf verspricht. Dort allerdings sind sie nicht allein, denn bei Minnie's haben bereits Bob "The Mexican", Cowboy Joe Gage, Henker Oswaldo Mobray und der ehemalige Konföderierten-General Sandy Smithers Zuflucht gesucht. Vorsichtig und argwöhnisch beäugen sich diese acht Gesetzlosen und Gesetzestreuen und sie scheinen schon zu ahnen, dass nicht jeder von ihnen in Red Rock ankommen wird, schon gar nicht lebend…

»Let's get real«

"Reservoir Dogs", "Pulp Fiction", "Jackie Brown", "Kill Bill", "Death Proof", "Inglorious Basterds", "Django Unchained" und nun "The Hateful 8". Tarantinos Filme sind nicht alle gleich gut, aber sie sind alle typisch Tarantino. Das mag man entweder oder hält diesen Mann für maßlos überschätzt und seine Filme für zu Unrecht gelobte Spielereien eines Filmfreaks, der sich dem Medium wie kaum ein Zweiter verschrieben hat. Ich mag Tarantino, ich mag alle seine Filme (einige mehr, andere ein klein bisschen weniger), ich mag seine Herangehensweise, seine Kreativität, seine Detailverliebtheit, sein sicheres Händchen für stets grandiose Soundtracks und natürlich seine absurd-genialen, epischen Dialoge.

Mit "The Hateful 8" besinnt Tarantino sich zurück zu seinen Anfängen. Dazu braucht es nicht mehr als einen Raum, einen Haufen undurchsichtiger Krimineller und geniale Dialoge. Dass "The Hateful 8" ein Western ist, ist hier zweitrangig. Insofern seien Genreliebhaber gewarnt: "The Hateful 8" ist ein dialoglastiges Kammerspiel, das nur ab und an durch ein paar schneeverwehte Außenaufnahmen und unerwartet brutale Gewaltausbrüche unterbrochen wird. Darüber hinaus geht der Film knappe drei Stunden, in denen vorrangig geredet wird. Bis auf ein paar Pferde und die rustikale Ausstattung hat der Film nichts mit einem "normalen" Western gemein. Tarantino-Fans allerdings sei der Film wärmstens ans Herz gelegt, sie können hier einen Regisseur und Drehbuchautor in Bestform erleben, der mit Passion und Erfahrenheit einen nicht minder großartigen Cast durch perfekt inszenierte Locations leitet, das Ganze mit dem perfekten Soundtrack untermalt (für "The Hateful 8" hat Tarantino einen der besten Filmkomponisten der Welt, Ennio Morricone, überredet, nach über 40 Jahren erstmalig wieder einen Western-Soundtrack zu schreiben) und mit cleveren Undurchsichtigkeiten bis zum Finale glänzt.

Allerdings ist es von zentraler Bedeutung - wie bei allen Tarantino-Filmen - den Film in der Originalversion zu genießen. Samuel L. Jackson ist mit seiner besonderen Sprechweise, der tiefen Stimme und eigentümlichen Betonung sowieso nur im Original ausreichend zu würdigen, aber besonders Walton Goggins als neuer Sheriff parliert hier in einem so wunderbar überzeichneten, breiten und fast schon kultischem Slang, dass es einfach unmöglich ist, diesen ins Deutsche zu übertragen, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Dem gegenüber steht Tim Roths wunderbar übertriebener englischer Akzent und Jennifer Jason Leighs melodiöse Kodderschnautze, die ebenfalls unnachahmlich ist. In der Synchronisation kann der Film also zwangsweise nur verlieren.

"The Hateful Eight" spielt irgendwann nach dem Bürgerkrieg, der noch nicht lange genug zurückliegt, um dessen Schrecken vergessen zu lassen. Man versucht, sich über Wasser zu halten, was dazu führt, dass ehemalige hochrangige Offiziere sich als Kopfgeldjäger verdingen, während das Land von einem Haufen Halunken heimgesucht wird, die - wie Daisy Domergue - über kurz oder lang am Galgen enden. Mitten hinein in diese gewaltbereite, rassistische und verschlagene Wildwest-Welt wirft Tarantino seine abscheulichen Acht und schaut dabei zu, wer warum wie lange überlebt.

Und für den Zuschauer ist dies überaus spannend, obwohl Tarantino hier seinem Markenzeichen - den ausdauernden Rededuellen - über Gebühr frönt. Ähnlich wie "From Dusk till Dawn" lässt sich "The Hateful 8" in zwei unterschiedliche Akte unterteilen: den ersten, einführenden Akt, der die Charaktere vorstellt, in dem viel geredet wird und man am Ort des späteren Geschehens eintrifft. Und dann der zweite Akt, der überraschende Wendungen und Allianzen präsentiert, garniert mit einem Haufen Blut und explosionsartig auftretender Gewalt. Beide Akte verbreiten ihren ganz eigenen Charme und sind gleichermaßen sehenswert. So kann man sich zunächst an den pedantischen, alles erörternden und rhetorisch genialen Sprachduellen ergötzen, bevor es dann richtig zur Sache geht und Tarantino Blut, Hirnmasse und Körperteile durcheinanderfliegen lässt. Es sei hier ausdrücklich auf die selbst für Tarantino ungewöhnlich drastischen Gewalteruptionen hingewiesen. Der Regisseur hält drauf, egal, ob jemandem der Kopf weggeschossen wird oder er Blutfontänen spuckt. Der Film ist also definitiv nichts für zartbesaitete Gemüter und lässt die überaus brutale "Ohrabschneide-Szene" aus "Reservoir Dogs" wirken wie einen Kindergeburtstag.

Man muss diese Gegensätze und dazu Tarantinos ganz eigenen Inszenierungsstil mögen. Glücklicherweise lässt der Regisseur keinen Platz für Grauschattierungen: entweder mag man Tarantino oder man kann wirklich gar nichts mit ihm und seinen Filmen anfangen. Für Fans dürfte "The Hateful 8" eine Offenbarung sein, sie zeigt, wozu Tarantino knapp 25 Jahre nach seinem Debüt immer noch fähig ist. Ihm gelingt es perfekt, seinen ganz typischen, unverkennbaren Stil in immer neue Genres oder Handlungsverläufe einzuarbeiten, so dass man sofort erkennt, dass es sich um einen Tarantino handelt und dennoch überrascht ist von der Wandlungsfähigkeit des Regisseurs.

"The Hateful 8" ist epochales, raues und verschmitztes Gangsterkino in Bestform. Die langen Dialogsequenzen stehen in wunderbar blutigem Kontrast zur eruptiven, oft fast slashermäßig anmutenden Gewalt, diese wird wiederum gepaart mit smarter Verschlagenheit und absoluter Kaltblütigkeit. Natürlich kommt auch der Humor nicht zu kurz, auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Besonders in "The Hateful 8" wird Tarantinos Liebe zum Detail gut sichtbar. Zum einen drehte er in einem längst vergessenen Filmformat, zum anderen vergisst er auch bei den Innenaufnahmen, wo die Kamera ausschließlich auf die Protagonisten fokussiert ist, nicht, den draußen tobenden Schneesturm nicht nur akustisch, sondern auch optisch weiterhin stattfinden zu lassen. Nur eins von vielen Details, die man leicht außer Acht lassen könnte…wenn hier ein anderer Regisseur am Werk gewesen wäre. Tarantinos Wunsch nach Authentizität ging aber noch viel weiter: er arbeitete mit den Original-Kameralinsen von Panavision, die in den 60er Jahren für "Ben Hur" verwendet wurden. Panavision hatte hierfür extra das alte Equipment restauriert und die Linsen langwierigen Tests unterzogen, damit gewährleistet war, dass sie der extremen Kälte während der Dreharbeiten in Colorado standhielten. In diesem epischen Breitbildformat wurde übrigens zuletzt 1966 der Film "Khartoum" gedreht. Ebenfalls in 70 mm gedreht wurden zuvor Klassiker wie "Ben Hur" und "Meuterei auf der Bounty". Es war eigentlich klar, dass nur so ein Filmverrückter wie Tarantino dieses Format nach 50 Jahren wieder ausgräbt und verwendet.

»Players«

Neben einem guten Script liegt es bei so einem Kammerspiel hauptsächlich an den Darstellern, dass ein solches dreistündiges Filmunterfangen gelingt. Tarantino mixt wie üblich einige seiner Stammschauspieler mit tarantinofrischen Gesichtern, die sich - ebenfalls wie üblich - perfekt ergänzen und wunderbar zusammenspielen. Kurt Russell gibt den raubeinigen, brutalen Kopfgeldjäger Rush mit eloquenter und schlagkräftiger Durchsetzungskraft. Samuel L. Jackson als ehemaliger Offizier und nun ebenfalls kaltblütiger Kopfgeldjäger Warren mischt zu gleichen Teilen Humor, Intelligenz und Gewaltbereitschaft zu einem unnachahmlichen Ganzen, das ihm zu Recht den Hauptanteil der wortgewaltigen Dialoge sichert. Ebenfalls zur Stamm-Crew gehören Michael Madsen als recht schweigsamer Cowboy Joe Gage und der spitzbübische Tim Roth als Henker Oswaldo, der hier in seiner gewollten Überakzentuierung sogar ein wenig an Christoph Waltz erinnert und sich hinter diesem keinesfalls zu verstecken braucht. Neben Jackson hat er die besten Monologe.

Neu im Tarantino-Universum sind Walton Goggins (der allerdings schon eine kleine Rolle in "Django Unchained" hatte), der durch Serien wie "Justified" und "The Shield" auf sich aufmerksam gemacht hat und hier als neuer Sheriff in einem derart breiten und übertriebenen Singsang-Slang spricht, dass es eine wahre Freude ist. Etwas blass bleiben der 79jährige Bruce Dern (ebenfalls schon kurz in "Django Unchained" zu sehen) und Demián Bichir als Bob, The Mexican. Umso mehr erstrahlt die Präsenz von Jennifer Jason Leigh als kriminelle Daisy Domergue. Rotzig, rassistisch, unverschämt, verschlagen, kaltblütig und in einer Sequenz sogar fast sanft spielt Jason Leigh sich hier die Seele aus dem Leib und wurde völlig zu Recht für den Oscar als beste weibliche Nebendarstellerin nominiert. Dreckig, blutig, verletzt, mit ausgeschlagenen Zähnen und strähnigen Haaren liefert Jason Leigh hier eine Performance ab, die so überzeugend ist, dass man sich fragen muss, warum es vorher noch niemandem gelungen ist, diese exzellente Schauspielerin aus ihr herauszukitzeln. Warum also nicht sollte sie nicht das gleiche Schicksal wie vor ihr Travolta und Russell ereilen, die durch ihre Auftritte in Tarantino-Filmen ein Comeback starten konnten? Verdient hätte sie es.

Und nun noch zum wohl überraschendsten Auftritt: Channing "Magic Mike" Tatum, der wahlweise in recht tumben Actionern, rührseligen RomComs, albernen Komödien oder eben als fast nackter Stripper von sich reden macht und den man in einem Tarantino-Film sicher nicht erwartet hätte. Zwar kann er auch hier nicht beweisen, dass er ein übermäßig talentierter Darsteller ist (das ist er nun mal einfach nicht), aber er fügt sich erstaunlich gut in das tarantinoeske kriminelle Filmumfeld ein und fällt zumindest nicht unangenehm auf. Selbstredend ist der Film auch bis in die kleinste Nebenrolle famos besetzt, so dass es absolut nichts auszusetzen gibt, an niemandem.

»Quintessence«

"The Hateful 8" ist ein typischer Tarantino, also genau das, was Fans an den Arbeiten des Regisseurs schätzen und lieben. Und genau das, was viele andere für langweilig, überschätzt oder sogar schlecht halten. Sei's drum, ob man ihn nun liebt oder hasst, eins kann man Tarantino nicht absprechen: seine Begeisterung und Liebe zum Film, seine Sorgfalt und sein untrügliches Gespür für genau den richtigen Soundtrack und den richtigen Cast. Wie immer fügen sich hier alle relevanten Komponenten eines Films scheinbar mühelos zusammen und ergeben ein knapp dreistündiges Meisterwerk, dass nur in der Roadshow-Version und im Originalton seine ganze Genialität entfaltet. Somit natürlich fünf von fünf Hinterhalten, in die man bei Tarantino immer früher oder später gerät…garantiert.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 9, 2016 10:11 AM CET


Die Unvollendete
Die Unvollendete
von Kate Atkinson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Come again, 4. Februar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Unvollendete (Gebundene Ausgabe)
»Intro«

Es gibt ja Bücher, an die man sich eine ganze Weile nicht rantraut, weil man einfach nicht weiß, ob einem wirklich gefallen wird, was man darin vorfindet. Und das, obwohl man sich das Buch selbst gekauft hat und demnach haben wollte. "Die Unvollendete" war für mich so ein Buch. Monat für Monat schlummerte es im Regal vor sich hin, bevor ich endlich zugegriffen und es gelesen habe. Und nun frage ich mich, warum ich mich so lange um den Genuss eines der (für mich) besten Bücher der letzten Jahre gebracht habe. Wie konnte ich nur denken, dieses Buch würde etwas anderes als großartig sein? Man weiß es nicht. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es gekauft und nun endlich auch gelesen habe, denn Kate Atkinson schreibt so fantastisch, dass ich mich an ihr gar nicht sattlesen konnte. Und überraschenderweise gefällt mir hier der wunderbare deutsche Titel wesentlich besser und ist auch viel treffender als das profane "Life after Life" der Originalausgabe.

»Writer«

Kate Atkinson wurde 1951 geboren, hat im schottischen Dundee Englische Literatur und Amerikanistik studiert, sich aber erst ab Mitte der 80er Jahre dem Schreiben gewidmet. Bis dahin war sie unter anderem als Anwaltssekretärin und Lehrerin tätig. Ihrem ersten Roman, "Familienalbum" von 1995, war sofortiger Erfolg beschieden, es folgten weitere sechs Romane und dann, 2013, der siebte, "Die Unvollendete". Atkinson lebt mit ihren zwei Töchtern in Edinburgh.

»Wassup?«

Ein heftiger Schneesturm tobt, als Ursula Todd am 11. Februar 1910 geboren wird. Doch leider stirbt das Baby, da sich die Nabelschnur um den Hals des Neugeborenen gewickelt hat. Macht nichts. Ursula wird erneut geboren. Und noch einmal. Und noch einmal. Aber davon weiß sie nichts. Ursulas Leben beginnt immer wieder von Neuem. Mal wird sie nur ein paar Stunden alt, mal 20, 30 oder 60 Jahre. Immer, wenn Ursula Todd stirbt, springt die Zeit zurück zum Tag ihrer Geburt und lässt sie ihr Leben erneut beginnen. Mehr intuitiv als bewusst reagiert Ursula auf bestimmte kommende Ereignisse. Mal hat sie schlicht ein ungutes Gefühl, mal ein Déjà-vu, mal richtiggehend Panik, dass etwas Schreckliches passieren wird. So erhält Ursulas Leben und auch das ihrer Familie immer wieder einen anderen Verlauf. Und immer wieder muss Ursula sterben, um wiedergeboren und von vorne anfangen zu können. Nicht mit dem Wissen vorher gelebter Leben, nur mit einer vagen Ahnung und dem komischen Gefühl, anders zu sein. Dennoch greift sie ein ins Schicksal, wodurch sich nicht immer zwingend alles zum Besseren wendet. Wie viele Leben hat Ursula? Und wäre ein endgültiger Tod Gnade oder Strafe?

»Let's get real«

Wer nun denkt, er hätte es hier mit einer "Und täglich grüßt das Murmeltier"-ähnlichen Geschichte zu tun, hat formal vielleicht sogar recht; dennoch ist "Die Unvollendete" so viel mehr. Familienchronik, Zeitgeschehen, Drama und von so exquisiter rhetorischer Qualität, dass man nicht Bill Murray vor Augen haben möchte, wenn man dieses Buch liest.

Zunächst einmal ist Kate Atkinson eine außergewöhnlich talentierte Schriftstellerin. Sie hat einen sehr feinen Sinn für Sprache und Ausdrucksweise, gepaart mit einem sehr subtilen, trockenen Humor, der regelmäßig bei ihren Protagonisten durchblitzt. Sie beschreibt derart plastisch Personen, Situationen und Ereignisse, dass diese detailgenau vor dem inneren Auge des Lesers auferstehen und zum Leben erwachen.

Darüber hinaus verfügt sie über eine offensichtlich unerschöpfliche Phantasie. Das Leben ein und derselben Person dutzendfach zu variieren, mal nur in winzigen Details, mal in alles verändernden großen Ereignissen, ist bewundernswert, vor allem, weil es Atkinson gelingt, dies zu tun, ohne den Leser - auch mit wiederholten Schilderungen bestimmter Situationen - zu langweilen.

Vor allem aber lernt man die Menschen, die Atkinson hier beschreibt, kennen und lieben. Ursulas große Familie mit der eigensinnigen Sylvie als Mutter, dem gutmütigen Hugh als Vater, den unterschiedlichen Geschwistern (vier an der Zahl), dem irischen Hausmädchen Bridget, der nörgelnden Köchin Mrs. Grover, den Nachbarn, Ursulas Jugendliebe und all den Anderen, die hier auftauchen und helfen, das Bild von Ursula noch farbenprächtiger, tiefgründiger und spannender zu gestalten. Traumhafte, skurrile, witzige, liebenswerte, einzigartige Charaktere, die "Die Unvollendete" mit Leben, Farbe, Dichte erfüllen.

Als kleinen Minuspunkt mag man die überwiegend positiv auffallende Detailverliebtheit nennen. Denn manchmal übertreibt Atkinson es hier ein wenig, wenn sie zu ausufernd auch geringfügigste Erlebnisse schildert. Darüber hinaus ist ihr der Abschnitt, den Ursula vor dem zweiten Weltkrieg in Deutschland verbringt, wo sie irgendwann sogar auf dem Obersalzberg residiert und Kontakt zu Hitler hat, viel zu lang geraten. Das ist dann doch ab und an mal etwas ermüdend. Zum Glück fängt sich die Autorin wieder, auch wenn der daraufhin geschilderte Krieg, den Ursula nun in England miterlebt, auch etwas zu lang abgehandelt wird. Man merkt daran, wie sehr man sich daran gewöhnt hat und es einem gefällt, dass Ursulas Leben immer wieder gelebt werden kann. Oft wünscht man sich fast, dass sie stirbt, damit sie es beim nächsten Mal besser machen oder ins Schicksal eingreifen kann.

Je mehr Leben Ursula lebt, umso geübter wird sie darin, ihre Vorahnungen "zu lesen", manchmal glaubt sie sogar, sich wirklich an bestimmte Dinge aus einem anderen Leben zu erinnern. Ob sie deswegen mit einem Revolver in der Handtasche in einem Münchner Café sitzt, einem Herrn Hitler gegenüber? Ob sie deshalb Bridget die Treppe hinunterschubst, damit diese nicht nach London fährt, wo sie sich die Spanische Grippe einfangen und sterben würde? Ob sie deshalb das Nachbarmädchen Nancy nach Hause begleitet, damit diese nicht einem Unhold in die Hände fällt? Atkinson spielt hier so gekonnt und wendungsreich mit dem Schicksal, dass man es kaum abwarten kann, was Ursula in ihren vielen Leben noch alles widerfahren wird. "Die Unvollendete" ist unsagbar spannend, abwechslungsreich und stilistisch so hervorragend, dass man hier nur von einem wirklich außergewöhnlich guten Buch sprechen kann.

»Quintessence«

Wie überhaupt nicht langweilig sich vermeintliche Wiederholungen lesen, beweist "Die Unvollendete" aufs Vortrefflichste. Ursula Todd ist eine Frau, die ihrer Zeit mal voraus ist, mal dieser hinterherhinkt. Immer jedoch ist sie überdurchschnittlich intelligent und belesen, witzig und clever. Mal ist sie schwach, mal über die Maßen stark, mal wird ihr übel mitgespielt, mal hat sie sehr viel Glück. Für so viele Leben gibt es weder Anfang noch Ende und so hört "Die Unvollendete" dann auch auf, wie sie angefangen hat: Mitten in irgendeinem Leben. Wer die Geschichte aufmerksam und mit ein wenig Kombinationsgabe verfolgt und sich von den teilweise doch etwas langatmigen Passagen nicht abschrecken lässt, bekommt hier einen ganz großen englischen Roman zu lesen, der nachhaltig beeindruckt - sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Deshalb gerne sehr gute vier von fünf Leben, die einem seltsam bekannt vorkommen…oder doch nicht?


Ein Mann namens Ove: Roman (Hochkaräter)
Ein Mann namens Ove: Roman (Hochkaräter)
von Fredrik Backman
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen "Und sie war Farbe. All seine Farbe.", 1. Februar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
»Intro«

Als ich angefangen habe, "Ein Mann namens Ove" zu lesen, war ich zugegebenermaßen skeptisch. Und die ersten Seiten schienen meine Skepsis zu bestätigen, hier nur einen mäßig begabten Autor, der im Erfolgs-Fahrwasser von Jonas Jonasson ("Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand") schwimmt und hofft, dass keiner merkt, dass er nicht so genial schreiben kann wie Jonasson. Bemüht witzig empfand ich die ersten Seiten, fast beifallheischend und irgendwie abgehackt geschrieben. Dann aber, Seite für Seite konnte ich mich mehr für Ove und Fredrik Backmans Schreibe erwärmen. Die Witze wurden besser, die Sätze auch, und je mehr man diesen furchtbar grantigen und spießigen Ove kennenlernt, umso mehr beginnt man, ihn zu mögen. Denn Backman gelingt es auf sehr subtile Weise, den Leser für Ove einzunehmen, obwohl dieser ein paar wirklich nervtötende Eigenschaften hat und wahlweise wütend oder störrisch ist. Backman glückt dieses Unterfangen, weil er einen Grund liefert, warum Ove so ist, wie er ist. Und das lässt ihn zwar nicht gänzlich, aber zumindest auch in einem noch anderen Licht erscheinen. Nach 363 Seiten habe ich tatsächlich ein paar Tränen verdrückt, so sehr ist mir Ove ans Herz gewachsen und so genial hat Backman diese Geschichte erzählt. "Ein Mann namens Ove" ist also mitnichten mittelmäßig, sondern einfach ein ganz toller, sehr berührender und wunderbar humorvoller Roman, von dem ich - ja, tatsächlich - restlos begeistert bin.

»Writer«

Fredrik Backman wurde 1981 in Stockholm geboren und im Alter von 32 Jahren zu Schwedens erfolgreichstem Autor gekürt. Bevor es dazu kam, hat er aber erst noch ein Religionswissenschaften-Studium angefangen und wieder abgebrochen, als Gabelstapler- und LKW-Fahrer und in einem Restaurant gearbeitet, bevor er 2007 1 Jahre für eine Stockholmer Zeitung tätig war. Danach arbeitete er freiberuflich und wurde Blogger für verschiedene Zeitungen. 2012 veröffentlichte er seinen Debütroman "Ein Mann namens Ove", der 2014 auch in Deutschland erschien und bislang in 25 Sprachen übersetzt wurde. Der gleichnamige Kinofilm startet im April 2016. Auch Backmans zweiter Roman "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid" verkauft sich bestens. Backman lebt mit Frau und zwei Kindern in der Nähe von Stockholm.

»Wassup?«

Ove ist 59, zwangspensioniert und extrem griesgrämig. Jeden Morgen stapft er durch seine Wohnsiedlung, schreibt Falschparker auf, kontrolliert die Mülleimer und achtet darauf, dass auch ja keiner mit dem Auto im Wohngebiet herumfährt, da dies verboten ist. Kontakt zu anderen Menschen hat er nur, wenn er sie maßregelt oder anschreit, weil sie etwas nicht vorschriftsgemäß tun. Als eines Tages die neuen Nachbarn mit dem Auto Oves Briefkasten umnieten, scheint das Maß voll. Doch so sehr Ove auch auf die schwangere Parvaneh und ihren etwas unbeholfenen Mann Patrick einbrüllt, er kann einfach nicht verhindern, dass diese Leute samt ihren zwei drei und sieben Jahre alten Töchtern immer wieder bei ihm auftauchen und irgendwas wollen (sogar Essen bringen sie ihm ungefragt vorbei!). Es scheint, je mehr Ove sich bemüht, unausstehlich zu sein, umso mehr Menschen - und auch eine blöde Katze - gehen auf ihn zu. Ove ist das alles natürlich überhaupt nicht recht, obwohl…dieses persische Essen gar nicht mal so schlecht geschmeckt hat und Ove insgeheim froh ist, wenn sein trister Alltag durch kleine Reparaturen für die Nachbarn unterbrochen wird. Und diese nervtötenden Kinder sind manchmal auch gar nicht sooo nervtötend. Ove wird doch wohl nicht etwa schwach werden und menschliche Züge entwickeln?

»Let's get real«

"Ein Mann namens Ove" braucht ein bisschen, bis er sich zu seiner ganzen zwischenmenschlichen Schönheit erhebt. Anfangs wirkt der Protagonist wirklich unsympathisch und extrem unleidlich und auch Backmans Stil scheint ungelenk und bemüht witzig. Wenn man sich davon jedoch nicht abschrecken lässt, bekommt man eine der wunderbarsten Geschichten erzählt, die man sich vorstellen kann. Dank immer wieder eingestreuter Rückblenden in Oves früheres Leben lernt man diesen grummeligen, pedantischen, wortkargen und cholerischen Mann immer besser kennen und weiß schon bald, warum Ove so ist, wie er nun mal ist. Die Seiten von Ove, die man dadurch entdeckt, lassen einen fortan viel milder urteilen und diesen grantigen alten Kerl mehr und mehr ins Herz schließen.

Backman schreibt mit so viel Herz und wunderbar lakonisch-sarkastischem Humor, er entwirft so einen lebensechten kleinen Kosmos um Ove, Parvaneh, Patrick, den dicken Jimmy, Rune und Anita, Mirsad, Adrian und natürlich die namenlose Katze, dass man sich dort bald schon wie zu Hause fühlt. Und dann, immer mal wieder, gelingen Backman so herzzerreißende, wahre, schöne Sätze oder Assoziationen, dass es einem die Tränen in die Augen treibt:

"Jemanden zu lieben ist, als würde man in ein Haus einziehen" sagte Sonja immer. "Am Anfang verliebt man sich in all das Fremde, man ist jeden Morgen aufs Neue erstaunt, dass es einem plötzlich gehört und hat ständig Angst, jemand könnte hereinstürmen und sagen, ihm sei da ein grober Fehler unterlaufen und es sei gar nicht vorgesehen gewesen, dass man so ein schönes Zuhause bekommt. Aber mit den Jahren bröckelt die Fassade, das Holz reißt hier und da auf und man fängt an, die Macken an diesem Haus zu lieben. Da kennt man bereits alle verborgenen Ecken und Winkel. Man weiß, was man tun muss, damit der Schlüssel nicht im Schloss stecken bleibt, wenn es draußen kalt wird. Welche Dielen etwas nachgeben, wenn man drauftritt, und wie man die Kleiderschranktüren so öffnet, dass sie nicht knarren. Und das sind all die kleinen Geheimnisse, die es eben genau zu deinem Zuhause machen."

Die langsame Wandlung eines alten Mannes vom Misanthropen zum, nun ja, innerlich vielleicht doch ganz zufriedenen und bedingt sozialkompatiblen Rentner, der nicht mehr alles durch einen Nebel aus Einsamkeit, Schmerz und Verbitterung sieht, ist nahezu magisch. Selbst das Ende, wo Backman es mit den gefälligen schicksalhaften Wendungen etwas übertreibt, gefällt, da auch hier ein kleiner, realistischer Wermutstropfen enthalten ist. Gut, auf den letzten Seiten wäre etwas mehr Realismus vielleicht doch passender gewesen, aber so richtig übel nehmen kann man es Backman nicht, da ihm sein Buch in der Summe einfach wunderbar gut gelungen ist und wir insgeheim - sind wir doch mal ehrlich - immer auf einen guten Ausgang hoffen.

Die Gratwanderung, die hier zwischen Drama und Komödie stattfindet, beherrscht Backman nahezu meisterhaft. Traumwandlerisch sicher vereint er furchtbar traurige und betroffen machende Momente mit so trockenhumorigen Sequenzen, dass man gar nicht anders kann, als ihn dafür zu bewundern. Nur Wenigen gelingt es, Menschen gleichzeitig lachen und weinen lassen zu können - Backman ist einer von ihnen.

»Quintessence«

"Ein Mann namens Ove" ist eine echte Entdeckung. Eine vermeintlich belanglose Geschichte um einen sturköpfigen Rentner, der keinerlei Freude mehr am Leben hat, entwickelt sich unter Backmans Ägide zu einem wundervollen Portrait eines sehr speziellen Menschen, dessen grummeligem Charme man sich irgendwann einfach nicht mehr entziehen kann. Die Wandlung, die Ove erfährt, die Menschen, die er kennenlernt - ob er nun will oder nicht - seine Vorgeschichte…all dies ist so wunderbar herzlich und humorvoll geschildert, dass man einfach immer weiterlesen möchte. Ich wage zu bezweifeln, dass der für 2016 avisierte Film zum Buch diese literarische Großartigkeit eins zu eins wird umsetzen können. Das Buch sollte man jedenfalls unbedingt lesen, weil es einfach ein ganz, ganz besonderes Buch ist, das eine ganz tolle Geschichte erzählt (trotz marginal überzogenem Ende). Für mich volle fünf von fünf Männern namens Ove, die man unbedingt kennenlernen sollte.


Geheimer Ort: Kriminalroman (Der fünfte Fall)
Geheimer Ort: Kriminalroman (Der fünfte Fall)
von Tana French
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1.0 von 5 Sternen Laber-Labyrinth, 29. Januar 2016
»Intro«

Vor acht Jahren habe ich mich bereits an einem Roman der Amerikanerin Tana French versucht, damals war es ihr Erstlingswerk "Grabesgrün". So richtig begeistert war ich davon allerdings nicht. Soweit ich mich erinnere, war es mir an vielen Stellen zu pseudo-geheimnisvoll, nicht glaubwürdig genug und zu schwammig. Nachdem sich French durch drei weitere Romane etwas mehr Übung verschaffen konnte, habe ich es nun mit ihrem aktuellen Werk erneut versucht. Leider gefiel mir "Geheimer Ort" noch viel weniger als Frenchs Erstling, so dass dies der zweite und letzte Roman von French gewesen sein wird, den ich lese. Die unfassbar ausufernden Beschreibungen, eine um mindestens die Hälfte kürzbare Story und eine für mich oft nicht überzeugende Handlung waren für mich so enervierend, dass ich mich zukünftig lieber weiter an Nicci anstatt an Tana French halte.

»Writer«

Tana French wurde 1973 in den USA geboren, lebt aber nach ihrem Studium am Trinity College in Dublin seit 1990 in der Hauptstadt Irlands. Ihr Debüt in Deutschland feierte French 2008 mit "Grabesgrün", auf diesen Roman folgten 2009 "Totengleich", 2010 "Sterbenskalt" und 2012 "Schattenstill". "Geheimer Ort" erschien 2014. French gewann bereits diverse Preise für ihre Romane.

»Wassup?«

Vor einem Jahr fand man im Garten des Mädcheninternats St. Kilda die Leiche des 16jährigen Chris Harper vom gegenüberliegenden Jungeninternat. Die damaligen Ermittlungen unter Detective Antoinette Conway führten ins Leere. Nun jedoch taucht die 16jährige Internatsschülerin Holly Mackey im Polizeirevier auf und wendet sich mit einer Karte an Detective Stephen Moran. Auf dieser steht über einem Bild von Chris "Ich weiß, wer ihn getötet hat". Moran, der eigentlich nicht im Morddezernat arbeitet, kann Conway davon überzeugen, ihn als Partner mit zu den erneuten Ermittlungen zu nehmen. Zwar kristallisiert sich schnell heraus, dass nur eins von acht Mädchen die Karte an der internatseigenen Pinnwand aufgehängt haben kann, dennoch gestalten sich die Ermittlungen unter den jeweils zu einem Viererbund vereinten Schülerinnen weitaus schwieriger als gedacht. Rivalitäten, Freundschaftsschwüre, hormonelle Verwirrung, Neid, Missgunst und Vieles mehr gestalten die Nachforschungen zum Alptraum für Conway und Moran, denen nur wenige Stunden bleiben, diesen Fall nun doch noch aufzuklären.

»Let's get real«

Und dafür benötigt Tana French 700 Seiten! Was ja nicht weiter schlimm wäre, würde sich ihr Roman durch Spannung, interessante Charaktere und überraschende Wendungen auszeichnen. Leider ist nichts davon der Fall. Im Gegenteil, man wird hier mit derart ausufernden, weitschweifigen und vor allem meist überflüssigen Detailbeschreibungen genervt, dass man schnell erkennt, dass Querlesen der einzige Weg ist, nicht auf ewig in diesem Wörter-Labyrinth festzustecken.

Darüber hinaus schwingt French sich zur Teenie-Versteherin auf, was zu unzähligen Jugendsprech-Dialogen führt, die für erwachsene Menschen kaum erträglich sind. Es mag durchaus sein, dass 16jährige so kommunizieren, leider ist dies für Menschen jenseits der 20 so befremdlich wie peinlich und oft wirklich kaum auszuhalten.

Anstatt dem Leser nun einen spannenden, undurchschaubaren, vor allem aber interessanten Fall zu präsentieren, ergeht French sich in Personen-, Kleidungs-, Ausstattungs- und Landschaftsbeschreibungen, dass es nur so scheppert. Seitenlang und wieder und wieder wird jeder einzelne Raum des Internats beschrieben, Lehrerinnen, Schülerinnen, der Park, der Kiesweg, der Himmel, Gedanken und Befindlichkeiten, immer weiter, immer mehr, bis man sich verzweifelt die Augen reibt und sich fragt, was um Himmels willen die Autorin dazu bewogen haben mag, so exzessiv zu fabulieren. Dies ist der Spannung und auch dem Verständnis wenig zuträglich, zumal French sich ohne sichtbare Ankündigung abwechselnd auf zwei Zeitebenen bewegt, die sich immer weiter aufeinander zubewegen. Kaum hat man also mal wieder erst nach einer halben Seite herausgefunden, dass man sich auf einer anderen Zeitebene als gedacht bewegt, wird man schon wieder von Frenchs Detailbesessenheit erschlagen, wenn sie die Steinfliesen des Internats beschreibt oder die seltsamen Wege, die Teenagergedanken so nehmen.
Und als wäre das noch nicht schlimm genug, wird auch noch eine ach-so-mystische Ebene eingebaut, in der die Mädchen telekinetische Fähigkeiten an sich entdecken, die natürlich nur dadurch entstanden sind, weil sie so enge Freundinnen sind, Seelenverwandte praktisch. Da kann schon mal die ein oder andere Glühbirne vor Schreck zu Bruch gehen. Herrje.

Da es natürlich aber nicht reicht, uns in die ach so heilige wie unverständliche Welt pubertierender Teenager zu entführen, setzt French einen ebenso uninteressanten Konterpart mit den beiden Detectives, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die intelligente, aber ruppige Conway und der sensible Emporkömmling Moran, der sich darauf versteht, die Mädchen behutsam zu verhören. Klischeehafter geht's eigentlich kaum noch, und interessant ist die Interaktion der beiden Ermittler leider auch nicht.

Die Handlung schleppt sich zäh und wortgewaltig im Schneckentempo voran, bis man wirklich jegliches Interesse daran verloren hat, wer denn nun den Teenager damals im Garten erschlagen hat. Immer und immer wieder werden die acht Mädels verhört, dann passieren irgendwelche belanglosen Dinge, dann wird das Ganze noch mit den unzähligen Rückblenden in die Länge gezogen und zwischendrin geht die ein oder andere Glühbirne kaputt oder erscheint der Geist des toten Teenagers (ja, wirklich!). Grauenvoll.

Wenigstens gelingt es French ab und an, ihre Geschichte mit etwas Spannung oder gelungenen emotionalen Passagen zu versehen, bei denen man sich wirklich mal in die Teenager hineinversetzen kann oder Interesse am weiteren Verlauf aufflammt. Leider sind die gelungenen Passagen immer viel zu schnell wieder vorbei und werden durch den wenig bekömmlichen und viel zu reichhaltigen Wortsalat ersetzt, der einem meist recht schwer im Magen liegt.

Die Auflösung ist dann so pubertär-doof, dass wahrscheinlich wirklich nur Teenager dies im Ansatz nachvollziehen können. Sowohl Motiv als auch Tat wirken konstruiert, surreal und vollkommen übertrieben. Aber wie gesagt, an diesem Punkt des Buches ist dies dem erwachsenen Leser auch schon egal, er ist bloß froh, dass er es (nach einem auch noch nachgeschobenen 30seitigen Epilog) endlich geschafft hat.

»Quintessence«

"Geheimer Ort" möchte gern ein Teenie-Versteher-Krimi sein, der in der ach-so-aufregenden, weil geheimen Welt der Mädcheninternate spielt und minderjährige Mädchen zu Verdächtigen in einem Mordfall an "Ihresgleichen" macht. In dem Bemühen um eine möglichst authentische Darstellung pubertärer Freundschaftswelten inklusive des imposant-einschüchternden Internats schießt French allerdings dermaßen übers Ziel hinaus, dass sie einen Roman geschrieben hat, der doppelt so lang ist, als ihm guttut und sich so sehr in immer denselben Nichtigkeiten verliert, dass fast jegliche Spannung flöten geht. Ab und an wallt etwas Neugier und Interesse beim Leser auf, größtenteils jedoch schreitet die bis zum Exzess aufgeblähte Story zäh und quälend langsam voran. Wer sich an verschwurbelten, hormongetränkten Gedankenwelten pubertierender Schülerinnen ergötzen kann, der wird "Geheimer Ort" lieben. Wer auf einen vielschichtigen und spannenden Thriller gehofft hat, wird enttäuscht. Für mich ergo nur eins von fünf Büchern, die man an einem so geheimen Ort verstecken sollte, dass sie hoffentlich nie jemand finden wird und lesen muss.
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Ein ganz neues Leben
Ein ganz neues Leben
von Jojo Moyes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3.0 von 5 Sternen Lou ohne Will, 25. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Ein ganz neues Leben (Gebundene Ausgabe)
»Intro«

Ausgerechnet von dem Roman von Jojo Moyes, der mir am wenigsten gefallen hat, gibt es nun eine Fortsetzung. Dass ich diese dennoch lesen würde, war mir klar. Bis auf das sehr kurze "Die Tage in Paris" habe ich alles von Joyo Moyes gelesen, was bislang in Deutschland erschienen ist. Und da mir ihre weiteren Veröffentlichungen sehr gut gefallen haben, wollte ich nun auch wissen, wie es mit Lou ohne Will in "Ein ganz neues Leben" weitergeht. Leider muss ich gestehen, dass auch die Fortsetzung nicht so ganz meinen Geschmack getroffen hat und ich diesen Roman ebenfalls für weniger gelungen halte als Moyes' andere Werke. Aber so richtig schlecht ist das Buch natürlich nicht, nur etwas…beliebig eben.

»Writer«

Jojo Moyes, geboren 1969 in London, ist eine britische Schriftstellerin und Journalistin. Sie hat in London Soziologie studiert und mit einem von einer britischen Zeitung finanzierten Studium darüber hinaus Journalismus. 1994 lebte sie für ein Jahr in Hongkong, anschließend hat sie zehn Jahre bei der Londoner Zeitung "Independent" gearbeitet. Als Schriftstellerin debütierte Moyes 2002 mit "Die Frauen von Kilcarrion". In Deutschland wurde Moyes 2013 mit ihrem Roman "Ein ganzes halbes Jahr" bekannt, auf den "Eine Handvoll Worte", "Weit weg und ganz nah" und "Ein Bild von Dir" folgten. "Ein ganz neues Leben" ist die Fortsetzung von "Ein ganzes halbes Jahr", dessen Verfilmung übrigens am 26. Juni 2016 im Kino anläuft. Und am 26. Februar 2016 erscheint bereits Moyes' nächster Roman "Über uns der Himmel, unter uns das Meer". Jojo Moyes lebt mit Mann und drei Kindern auf einem Gehöft in Essex.

»Wassup?«

Knapp zwei Jahre nach Wills Tod hat Lou Clark dessen Freitod noch immer nicht verwunden. Sie ist in der Weltgeschichte herumgereist und hat eine Zeitlang in Paris gelebt. Mittlerweile ist sie aber wieder in England. Sie lebt in einer Wohnung, die Will ihr vermacht hat und geht einem eintönigen Job in einem Pub am Flughafen nach. Mit 29 Jahren weiß Lou immer noch nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Halbherzig geht sie zur "Weiterleben"-Selbsthilfegruppe, kommt aber aus ihrem Loch aus Trauer und Lebensunlust nicht wirklich heraus. Erst, als sie versehentlich vom Dach ihres Wohnhauses stürzt, wendet sich ihr Schicksal zum Besseren. Dabei lernt sie nämlich den Sanitäter Sam kennen, der Gefühle in Lou weckt, die diese längst verloren glaubte. Doch bevor sie sich überlegen kann, ob aus ihr und Sam überhaupt etwas werden kann, steht plötzlich jemand vor ihrer Tür, der sie mit Lichtgeschwindigkeit in Wills Vergangenheit befördert und Lous Gefühlsleben total durcheinanderbringt…

»Let's get real«

Der Roman setzt knapp zwei Jahre nach Lous und Wills damaliger Geschichte ein. Lou hatte sich ein halbes Jahr lang als Pflegekraft um den durch einen Unfall zum Tetraplegiker gewordenen Will gekümmert. Dieser jedoch hatte beschlossen, seinem Leben via Sterbehilfe in der Schweiz ein Ende zu setzen, was Lou in eine schwere Krise gestürzt hat. Auch knapp zwei Jahre später ist Lou noch nicht über den Verlust von Will hinweg, ihr fehlt jeglicher Antrieb im Leben. Deshalb arbeitet sie in einem Flughafen-Pub, wo der neue Chef die Angestellten dazu verdonnert, alberne keltische Trachten samt Perücken zu tragen. Deshalb ist die Wohnung in London, die Will ihr geschenkt hat, noch immer kahl und ungemütlich und voller unausgepackter Kartons. Deshalb kommt sie trotz Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene emotional nicht voran.

Erst, als Lou versehentlich vom Dach fällt und jemand aus Wills Vergangenheit bei ihr vor der Tür steht, kommt Leben in die Bude. Durch den Unfall lernt sie den Rettungssanitäter Sam kennen, der bei ihr die Erstversorgung übernommen hat. Auch er musste einen schweren Verlust hinnehmen und kann sich somit gut in Lou hineinversetzen. Durch einige Missverständnisse allerdings gerät die gerade erblühende Beziehung der Beiden schnell wieder ins Wanken. Und als dann auch noch jemand aus Wills Vergangenheit auftaucht und mehr und mehr von Lous Zeit beansprucht, wird es richtig kompliziert. Denn da wären ja auch noch Lous Eltern, Josie und Bernard. Nach jahrzehntelanger Ehe mit klarer Rollenverteilung entdeckt Josie nun die Emanzipation für sich, was Bernard gar nicht gut gefällt. Und auch die Probleme der einzelnen Selbsthilfegruppe-Mitglieder werden beleuchtet. Und die von Wills Eltern, Camilla und Steven Traynor. Und die von Sam, dem Sanitäter. Und natürlich die ganzen Probleme, die die Person im Gepäck hat, die aus Wills Vergangenheit auftaucht.

Das alles führt leider dazu, dass "Ein ganz neues Leben" inhaltlich ganz schön überfrachtet wirkt. Das ist mir damals schon bei "Ein ganzes halbes Jahr" aufgefallen. Der Roman wurde aus einem halben Dutzend verschiedener Erzählperspektiven beleuchtet, der Fokus war mir damals schon nicht klar genug gesetzt. Bei "Ein ganz neues Leben" macht Moyes in meinen Augen denselben Fehler. Probleme und Komplikationen, so weit das Auge reicht. Und jedes Problem sollte offensichtlich zwischen diesen 528 zur Sprache gebracht und am Ende auch gelöst werden. Dadurch zerfasert die an sich simple Geschichte zusehends, da hier einfach zu viele Themen und Probleme abgehandelt werden. Abgesehen davon fehlt es dann auch am nötigen Tiefgang. Und zu allem Überdruss baut Moyes auch noch eine latente Krimihandlung mit ein, wo es um Erpressung und eine einem der Protagonisten zugefügte Schusswunde geht. Herrje…

Gut geschrieben ist der Roman dennoch, denn dieses Talent kann Moyes selbstredend nicht ablegen. Leider nur hat die Autorin den Blick dafür verloren, was für ihre Geschichte wirklich von Belang ist und was nicht. Viel zu viele Protagonisten, viel zu viele Probleme und dann noch ein paar Unglaubwürdigkeiten on top, dadurch wirkt der Roman in der Summe dann leider etwas beliebig und oberflächlich. Und so richtig Spannung oder Kurzweil will auch nicht aufkommen. Und immer, wenn sich die Lösung für ein Problem abzeichnet, wirft Moyes einen neuen Fallstrick aus, der alles wieder unnötig kompliziert macht.

»Quintessence«

Mir war "Ein ganz neues Leben" einfach zu überfrachtet, sowohl von der Anzahl der Protagonisten als auch inhaltlich. Jojo Moyes konnte sich offensichtlich nicht so recht entscheiden, was ihr Roman nun sein sollte - Liebesgeschichte, Krimi oder Drama. "Ein ganz neues Leben" ist von allem etwas, nur leider nichts davon richtig. So liest man sich zwar problemlos-fluffig durch die über 500seitige Geschichte, aber einen richtigen Bezug findet man zu keinem der Protagonisten. In Kombination mit der inhaltlichen Informationsflut wird aus "Ein ganz neues Leben" dann leider kein wirklich guter Roman. Und - ganz ehrlich gesagt - es wäre meines Erachtens auch nicht nötig gewesen, eine Fortsetzung von "Ein ganzes halbes Jahr" zu schreiben. Dass angeblich so viele Fans wissen wollten, wie es mit Lou nach Wills Tod weitergeht, erschließt sich mir nicht so wirklich. Zumindest nicht nach der Lektüre von "Ein ganz neues Leben". Lous eigene Geschichte hätte nicht erzählt werden müssen, "Ein ganzes halbes Jahr" war eine in sich abgeschlossene Geschichte, die meiner Meinung nach keiner Fortsetzung bedurft hätte. Da es ab und an aber recht lustig und turbulent und romantisch zugeht, knappe drei von fünf neuen Leben, über die nicht zwingend hätte geschrieben werden müssen.


Billy: Roman
Billy: Roman
von einzlkind
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

3.0 von 5 Sternen Schuld und Sühne, 22. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Billy: Roman (Gebundene Ausgabe)
»Intro«

Ein neues Buch von Einzlkind? Muss ich lesen, so viel war klar. Da ich auch schon die beiden vorangegangenen Romane des Autors gelesen hatte, musste nun auch "Billy" ins heimische (Nicht-Billy-)Regal geholt werden. Leider ist "Billy" der Roman von Einzlkind, der mir bislang am wenigsten gefallen hat. Nicht, weil Einzlkind nicht (mehr) schreiben könnte, sondern weil dem Roman die haarsträubende Komik und blühende rhetorische Phantasie fehlt, die das Erstlingswerk "Harold" so unfassbar gut gemacht haben. In "Billy" wird ein eher ernster, philosophischer Ton angeschlagen, allerdings - das muss man zugeben - von einem schottischen Auftragskiller. Allerdings ist einem nach 200 Seiten und somit dem Ende des Buches immer noch nicht ganz klar, warum Einzlkind diese Geschichte für so erzählenswert hielt, dass er sie veröffentlichen wollte.

»Writer«

Einzlkind…das Pseudonym eines wohl deutschen Schriftstellers, der mit "Billy" von 2015 seinen dritten Roman vorlegt. 2010 debütierte Einzlkind mit dem unerreichten "Harold", einem wirklich brüllkomischen, rhetorisch hochwertigen Lesespaß. 2013 folgte "Gretchen", auch noch recht amüsant-absurd, aber schon weniger kurzweilig als "Harold". Viel mehr findet man zur Person Einzlkind leider nicht.

»Wassup?«

Billy ist ein schottischer Auftragskiller, der die mörderische Familientradition von Onkel und Bruder fortführt bzw. mit ihnen zusammen ein florierendes, sehr diskret agierendes Unternehmen betreibt. Als Billy auf dem Weg nach Las Vegas ist, um sich dort mit seinem alten Freund und Kontaktmann Whip zu treffen, wird er das Gefühl nicht los, dass er diesmal derjenige ist, der ins Visier geraten ist. Doch immer, wenn er sich umdreht, ist niemand zu sehen. Wird Billy langsam paranoid oder wartet dort tatsächlich etwas in Vegas auf ihn, mit dem er nicht gerechnet hat?

»Let's get real«

Dem Roman gelingt das Kunststück, sowohl zu kurz als auch zu lang zu sein. In der Summe ist er zu kurz, denn die Geschichte um Billy hat durchaus Potenzial. Im Detail ist er aber immer wieder zu lang, weil Einzlkind sich hier erstmalig derartig verschwallert, dass einem ganz schwummerig wird. Beispielhaft dafür der endlos lange Dialog mit einem deutschen Autoverkäufer mitten in der Wüste von Nevada, den Billy unterwegs aufsuchen muss, da sein Mietwagen Probleme macht. Seite um Seite lässt Einzlkind den Verkäufer von unfassbar langweiligem Zeug faseln, so dass man irgendwann ums Querlesen wirklich nicht mehr herumkommt. Diese Weitschweifigkeit und teilweise wirkliche exzessive Schwafeligkeit fallen leider unangenehm auf, da man bei so einem Wortkünstler wie Einzlkind einfach nicht damit gerechnet hat, dass der Mann auch langweilig schreiben kann.

Umso dankbarer ist man für die wenigen Schmunzler, die Einzlkind einem hier liefert, und die noch einen leisen Nachhall auf die überbordende, sarkastische, perfekt akzentuierte Komik von beispielsweise "Harold" vernehmen lassen. Egal, ob der Autor scheintote Damen beim Bingo beschreibt oder durchgeknallte Chauffeure, die die in die Politik wollen, um die Politik abzuschaffen, hier ist Heiterkeit garantiert, aber leider eben nur in sehr geringen Dosen.

Vielmehr hat der Autor sich hier auf diverse philosophische Exkurse verlegt, die auf Dauer aber eher ermüdend als inspirierend wirken. Darüber hinaus experimentiert er (neben den langatmigen Bedeutungslosigkeiten) mit einem sehr kurzen, abgehackten Stil, wenn er Billys Gedankengängen folgt. Der stockende Lesefluss wird dadurch nur noch untermauert, bedauerlicherweise.

So wird der Road-Trip nach Vegas immer wieder durch Rückblenden und philosophisches Gedankengut unterbrochen, so dass "Billy" irgendwann eine gewisse Beliebigkeit anhaftet. Denn schlussendlich: Was ist die Quintessenz von "Billy", die sich trotz halbwegs vorhandenem roten Handlungsfaden nicht ganz erschließt? Sicher, "Billy" ist eine nette Episode, aber für knapp 20 Euro hätte es ruhig etwas mehr sein dürfen. Für Fans der Vorgängerwerke jedenfalls dürfte der dritte Roman des Autors ein zumindest latent böses Erwachen bedeuten. Man hätte so gerne mehr gelacht, hätte gerne mehr als 200 Seiten gelesen, wenn denn nur…ja, wenn denn nur "Billy" nicht so wäre, wie er nun mal geworden ist.

»Quintessence«

Somit kann ich es (fast) ähnlich kurz halten wie der Autor selbst: "Billy" ist nur in Teilen wirklich lesenswert. Jeder gelungene humoristisch-sarkastische Seitenhieb muss teuer mit endlosen langweiligen Passagen bezahlt werden, in denen man mit philosophischem Gedankengut oder absoluten Belanglosigkeiten überschüttet wird. Spannung kann so jedenfalls leider nicht aufkommen. Dennoch kommt man nicht umhin, Einzlkinds sprachliches Talent zu bewundern, selbst, wenn er es hier so hemmungslos ausufern lässt. Der Kauf des dritten Romans hat sich für mich somit leider kaum gelohnt, ich warte und hoffe einfach auf des Autors nächstes Werk…oder lese noch mal "Harold". Bis dahin leider nur ganz knappe drei von fünf Road-Trips, die man sich wesentlich rasanter gewünscht hätte.


Creed - Rocky's Legacy
Creed - Rocky's Legacy
Preis: EUR 16,49

3 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Rocky 2.0, 20. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Creed - Rocky's Legacy (DVD)
(KInoversion)

»Intro«

Hätte ich mal meinem ersten Impuls bzw. gedachten Halbsatz beim Trailergucken vertraut…Ich dachte nämlich "Das ist so blöd, dass es glatt funktionieren könnte". Ich hätte einfach vor dem Komma aufhören und es gut sein lassen sollen, so wäre mir die Sichtung von "Creed" erspart geblieben. Aber da der Film allerorten über den grünen Klee gelobt wurde, zudem der Regisseur von "Nächster Halt: Fruitvale Station" dabei war, der auch das Drehbuch geschrieben hat, und dann auch noch der Hauptdarsteller eben dieses Films die Hauptrolle in "Creed" übernommen hat (es geht bei "Fruitvale Station" um einen gefeierten Independent-Film über Polizeiwillkür gegenüber Schwarzen), konnte doch nur Großartiges dabei herumkommen, oder? Nee, leider nicht, zumindest nicht für mich. Schade eigentlich. Dabei ist "Creed" kein schlechter Film, er hat mich nur emotional überhaupt nicht erreicht. Und da ich technisch nicht so versiert bin, ist mir auch die Magie der angeblich spektakulär gefilmten Kampfszenen entgangen. Doppelt schade also.

»Wassup?«

Rocky (Sylvester Stallone) ist Rentner, führt weiterhin sein Restaurant "Adrien's" in Philadelphia und besucht regelmäßig die Gräber seiner Frau und seines Freundes Paulie. Eines Tages jedoch reißt ihn der junge Adonis Johnson (Michael B. Jordan, "Fantastic Four") aus seiner Routine. Der junge Kerl ist Apollo Creeds unehelicher Sohn und ein ebenso leidenschaftlicher Boxer wie sein Vater, den er nie kennengelernt hat. Nun möchte er, dass der Mann, der sowohl Apollo besiegt hat als auch von Apollo besiegt wurde, ihn trainiert. Rocky zögert, ringt sich dann aber doch dazu durch, dem ungestümen Jungspund die richtigen Techniken beizubringen. Und schon bald steht auch schon - oh Wunder - ein Kampf gegen den Weltranglisten-Ersten, "Pretty" Ricky Conlan (Tony Bellew in seiner ersten Rolle) in Liverpool an. Ach so, ein Techtelmechtel mit der hübschen Nachbarin gibt es für Adonis natürlich auch noch…

»Let's get real«

Angeblich war Sylvester Stallone so begeistert von Regisseur und Drehbuchautor Ryan Coogler, dass er sich a) überhaupt zu einer Rolle im neuen Rocky-Film hat überreden lassen und b) bereit war, sich mit einer Nebenrolle und keinerlei weiterem Einfluss an Regie oder Script zufriedenzugeben. Nun gut, Sly dürfte nicht wirklich objektiv sein, was die Rocky-Filme angeht, dennoch würde mich interessieren, was er so besonderes in Regisseur und / oder Drehbuch gesehen hat. Die Geschichte ist fast sträflich klischeehaft und unglaubwürdig, die Charaktere sind eindimensional gezeichnet und die Kampfszenen bieten nichts, was man nicht auch schon in vergleichbaren Filmen oder bei echten Kämpfen gesehen hat. Und obendrein ist der Film mit 133 Minuten auch viel zu lang geraten, dafür reicht die dünne Story einfach nicht.

Schlussendlich wird in "Creed" dieselbe Geschichte wie im ersten "Rocky"-Teil erzählt, nur emotionsloser. Junger Wilder trifft alten Hasen, macht Box-Karriere, lernt was über sich selbst, wächst über sich hinaus und findet natürlich auch noch die Liebe. Was im ersten "Rocky" noch charmant ungelenk wirkte und über die Jahrzehnte (auch dank des Soundtracks) zum Kult wurde, verliert sich im glattpolierten, aufgerüschten Remake (denn nichts anderes ist "Creed" schlussendlich) irgendwo zwischen wummerigen Hip-Hop-Beats, seelenlosen Darstellern und einer bestenfalls rudimentär gepimpten Story, die durch ihre absolute Vorhersehbarkeit fast schon wieder überrascht.

Für mich hat die Geschichte nicht den kleinsten Hauch inszenatorischer Magie versprüht, was auch daran gelegen haben mag, dass der Film für so wenig Story einfach viel zu lang geraten ist. Darüber hinaus haben die Trainingsphasen (bei denen man mit Sly im ersten Teil noch wirklich mitgelitten und ihn angefeuert hat) mit Darsteller Michael B. Jordan die Verve eines Nummerngirls mit doppelseitigem Hüftgelenksschaden. Hier ein bisschen Seilspringen, dort ein bisschen Rumgerenne, zwischendurch ein paar Liegestütze und immer wieder pseudo-selbstmotivierendes Schattenboxen. Natürlich macht Jordan dabei eine ziemlich gute Figur, der Mann hat wirklich jeden noch so kleinen Muskel seines Körpers trainiert, aber was nützt das, wenn es einem völlig egal ist, ob das Training auch zum gewünschten Erfolg führt?

Wenn man nicht gerade Creed beim Trainieren zuguckt, darf er ein bisschen in der Sinnkrise versinken. Wer isser denn nu eigentlich? Apollo Johnson, Sohn seiner Mutter, dessen Vater vor seiner Geburt gestorben ist? Oder Apollo Creed, dem das Boxen so im Blut liegt wie dem Vater, dem aber die passende Identifikationsfigur fehlt? Und wenn nicht über die eigenen Wurzeln sinniert wird, schlurft immer mal wieder Rocky Balboa durchs Bild, gibt ein paar Kalenderweisheiten oder Motivationssprüchlein von sich und guckt dackelig in die Kamera. Der weitere Verlauf des Films ist klar wie Eidotter im Glas am Morgen: der Sieger der Herzen boxt sich durch (Gegner, missgünstiges Publikum, verstimmte Liebschaft, die eigenen Selbstzweifel) und gibt gen Ende noch ein paar dünnsinnige Weisheiten von sich, während die Kamera über das Rocky-Denkmal und Philadelphia schwenkt. Und fertig ist der cineastische Knock-out.

»Players«

Vorab: Ich gönne Sylvester Stallone seine diesjährige Oscarnominierung…nur eben nicht für diesen Film. Für das Drehbuch von "Rocky" von 1976. Oder für die Hauptrolle in "Cop Land" von 1997, wo er wirklich zeigt, was er als Schauspieler kann. Aber nicht für "Creed", wo er nur eine verblasste Version seines einstigen "Helden" gibt, der außer ein paar Allgemeinplätzen und Senioren-Trainer-Kompetenzen nichts vorzuweisen hat. Ähnlich geht es mir mit Michael B. Jordan, der erschreckend steif und emotionslos spielt, selbst wenn sein Gesicht vermeintlich wutverzerrt oder innerlich zerrissen ist bzw. aussehen soll. Ein paar lahme, hingerotzte Sprüche hier, ein paar halbgare Gags, ansonsten Phrasengedresche oder trainingsbedingtes Keuchen und Schnaufen. Ebenso blass bleibt Tessa Thompson ("Selma") als Apollos Love Interest Bianca. Ein paar peinliche Pseudo-Gangsta-Sprüchlein, einmal glücklich gucken, einmal traurig, Rasta-Mähne von rechts nach links schütteln und fertig. Dafür macht sich der Engländer Tony Bellew, der im echten Leben tatsächlich Profiboxer ist, hier in seiner ersten Rolle als Bösewicht-Boxer erstaunlich gut. Darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit Bill Cosbys langjähriger Serien-Ehefrau Phylicia Rashad und dem nöligen "Let's get ready to rumble- Ansager Michael Buffer.

»Quintessence«

40 Jahre liegen zwischen "Rocky" und "Creed". Während der erste über die Jahre zum Kultfilm mutierte und Sylvester Stallones Filmkarriere unwiderruflich veränderte bzw. begründete, bleibt der zweite beliebig, blass und vorhersehbar, so dass ich "Creed" schlussendlich für überflüssig halte. Mag sein, dass diese Meinung nicht Viele teilen, immerhin waren zwei Drittel meines begleitenden Kinogespanns ziemlich angetan von "Creed", sowohl von der emotionalen als auch der kampftechnischen Seite des Films. Vielleicht schwimmt die Miss mal wieder alleine gegen den Strom, aber ich kann ja nun auch nichts dafür, dass der Film mich einfach nicht erreicht hat, auf keiner Ebene. Ich halte weder die Regie noch das Script noch die Darstellerleistungen für irgendwie überdurchschnittlich oder auch nur erwähnenswert. Erst ganz am Ende, wenn endlich das "Rocky"-Theme ertönt und der Finalkampf in die letzte Runde geht, kam für mich ein Hauch Spannung und Emotionalität auf. Aber auch nur, weil "Creed" mich in diesen Sequenzen an den guten alten "Rocky" von 1976 erinnert hat. Also, gebt Stallone endlich seinen schon lange verdienten Oscar und dann lasst Rocky bitte endlich in Frieden ruhen. Für mich ganz knappe zwei von fünf Boxhieben, die ihr Ziel eindeutig verfehlt haben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 27, 2016 4:07 PM CET


Für jede Lösung ein Problem (Allgemeine Reihe. Bastei Lübbe Taschenbücher)
Für jede Lösung ein Problem (Allgemeine Reihe. Bastei Lübbe Taschenbücher)
von Kerstin Gier
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen German Chick Lit, 18. Januar 2016
»Intro«

Ich hab's ja nicht so mit deutschen Autoren…besonders den weiblichen, die angeblich lustige und kurzweilige "Frauenromane" schreiben. Die sind meistens weder lustig noch kurzweilig, sondern nur voller Klischees und Kitsch und blöden deutschen Vornamen. Aber da ich einmal pro Monat meine toleranten fünf Minuten habe, habe ich mir o. g. Erguss von Frau Gier aufschwatzen lassen. Und - ich traue mich ja kaum, es laut zu sagen - "Für jede Lösung ein Problem" ist tatsächlich kurzweilig und meistens auch recht amüsant. Gut, ein paar blöde deutsche Vornamen gibt es trotzdem, aber alles in allem kann Frau Gier (zumindest hier) mit der von mir sonst präferierten Brit Chick Lit (englischen Frauenliteratur) mithalten…was niemanden mehr erstaunt hat als mich. Sachen gibt's…

»Writer«

Kerstin Gier, 1966 geboren, dürfte am Bekanntesten durch die Fantasy- bzw. Jugendromanreihe "Rubinrot", "Saphirblau" und "Smaragdgrün" geworden sein. Nach ihrem Germanistik-, Musikwissenschaften- und Anglistikstudium wechselte sie zu Betriebspädagogik und Kommunikationspsychologie. Sie hat einen Abschluss als Diplompädagogin. Seit 1995 schreibt Gier sog. "Frauenromane", auch unter den Pseudonymen Jule Brand und Sophie Bérard. Ihr Roman "Männer und andere Katastrophen" wurde ebenso verfilmt wie die "Edelstein"-Reihe. Unter ihren drei Namen hat Gier mittlerweile insgesamt 40 Bücher veröffentlicht. Kerstin Gier lebt mit Mann und Sohn in Kürten.

»Wassup?«

Gerri ist 30, Single und schreibt schwülstige Groschenromane für den Aurora-Verlag. Außer dem Schreiben läuft in Gerris Leben nichts wirklich rund. Weder Mann noch Mutterschaft in Sicht, blöde Geschwister, Nichten und Neffen, nervige Eltern und eine dreiste Tante, die sie zum wöchentlichen Putzdienst verdonnert. Als ihr nun auch noch vermeintlich der Job flöten geht, verliert Gerri jeglichen Lebensmut. Sie beschließt, sich umzubringen. Nicht aber, ohne vorher allen und jedem einen offenen Abschiedsbrief zu schreiben, um endlich (und ja auch final) mal das loszuwerden, was sie sich nie zu sagen getraut hat. Blöd ist dann nur, dass der Suizid misslingt. Nun muss Gerri sich mit allerlei wütenden oder entsetzten Lesern ihrer Briefe auseinandersetzen und dem ein oder anderen auch viel zu genau erklären, warum sie - huppala - doch nicht tot ist…

»Let's get real«

Die Grundvoraussetzung für die weiteren Ereignisse ist zugegebenermaßen recht gelungen. Einmal ehrlich sein, einmal allen, mit denen man sich so umgibt oder umgeben muss, mal die Meinung geigen, wie herrlich, wie befreiend. Wenn man dann allerdings den mehr oder weniger sorgfältig geplanten Abgang überlebt und nun quicklebendig zu seinen Aussagen stehen muss, sieht die Sache schon ganz anders aus. Und damit man auch genau weiß, was Protagonistin Gerri ihren Mitmenschen so zu sagen hatte, werden die verschiedenen Abschiedsbriefe immer wieder in den Handlungsverlauf eingewoben.

Darüber hinaus bekommt man so nach und nach ein Gefühl dafür, was Gerri zu ihrer tragischen Entscheidung getrieben hat. Dies allerdings auf sehr humorvolle Weise. Kerstin Gier hat hier einen trubeligen Mikrokosmos kreiert, der Gerris Leben so kurzweilig wie teilweise absurd beleuchtet. Dabei bleibt natürlich das ein oder andere Klischee nicht aus, dennoch gelingt es Gier, die meisten Kitsch-Klippen gekonnt zu umschiffen oder alternativ so plakativ zu beschreiben, dass man sich eines Schmunzelns nicht erwehren kann.

Da wären Gerris ständig nörgelnde Mutter, die ihre anderen drei Töchter Gerri ständig vorzieht, sich allerdings nie die Namen ihrer Kinder (Gerri, Tine, Lulu und Rika) merken kann und alle Namen durcheinanderwürfelt, was zu so lustigen Wortkreationen wie "Lutiri", "Geluti" oder "Riluge" führt. Gerris langweilig-neurotischer Freundeskreis ist auch keine wirkliche Hilfe in Krisensituationen. Die meisten haben mittlerweile Nachwuchs und sind damit vollauf beschäftigt. Einzig ihre beste Freundin Charly hält bedingungslos zu ihr, allerdings hat diese gerade erfahren, dass sie schwanger ist. Gerris Singledasein steht darüber hinaus dem Kinderwunsch im Wege. Und als durch einen Wechsel in der Geschäftsführung im Verlag auch noch Gerris Job bedroht ist, hat sie endgültig die Nase voll.

Das alles wird überwiegend kurzweilig und amüsant geschildert, inklusive kleinen Verwechslungen, Missverständnissen und lustigen Namensgebungen (Gerris Lektorin beim Verlag z. B. heißt Gabriela Krietze, von Gerri wird sie aber insgeheim nur "Lakritze" genannt). Es bleibt stetig turbulent, da sich auf einmal gleich zwei Männer für Gerri zu interessieren beginnen und Gerri zudem mit den Nachbeben ihrer offenen Abschiedsbriefe konfrontiert wird.

Natürlich wird hier gerne mal übertrieben und gängige Erwartungshaltungen erfüllt. Aber da die Geschichte nur 300 Seiten umfasst, ist das verschmerzbar. Etwas weniger gelungen fand ich den teilweise angewandten Kölner Dialekt (der Roman spielt in Köln) und einige alberne Ausdrücke ("Doofi"). Ohne das verbale rheinische Lokalkolorit und mit einer etwas erwachseneren Ausdrucksweise wäre "Für jede Lösung ein Problem" für mich noch einen Tick gelungener gewesen.

»Quintessence«

An "Für jede Lösung ein Problem" gibt es eigentlich nicht viel auszusetzen. Ja, natürlich ist das trivial, natürlich hat das kaum Anspruch, aber gegen literarisches Fast Food ist ja ab und an nichts einzuwenden, oder? Und dafür ist der Roman genau das Richtige. Interessante Ausgangssituation, wendungsreich und mit viel Wortwitz umgesetzt und trotz Anwendung diverser Klischees nicht zu kitschig oder schlicht blöd. Für den kleinen Buchstabenhappen zwischendurch bestens geeignet (allerdings vorrangig für die weibliche Leserschaft), deshalb gerne großzügige vier von fünf Abschiedsbriefen, die es ganz schön in sich haben.


Immer montags beste Freunde: Der Junge, der mein Leben veränderte
Immer montags beste Freunde: Der Junge, der mein Leben veränderte
von Laura Schroff
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen See you next Monday, 15. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
»Intro«

Ich bin über einen Zeitungsbericht auf die ungewöhnliche Geschichte von Laura Schroff aufmerksam geworden. Zwar fällt meine abschließende Meinung nicht ganz so euphorisch aus wie die des Journalisten der Zeitung, aber alles in allem hat Frau Schroff eine wirklich ungewöhnliche und interessante Geschichte zu erzählen. Wäre ihr das noch mit ein bisschen weniger Pathos und ohne die übliche amerikanische Gottergebenheit gelungen, wäre daraus ein perfektes modernes (und wahres) Märchen geworden.

»Writer«

Laura Schroff wurde 1951 in Long Island, New York geboren und war lange Zeit erfolgreiche Verkaufsleiterin und Marketingspezialistin für Medienunternehmen (People, InStyle etc.). "Immer montags beste Freunde" ist ihr erster Roman, den sie zusammen mit ihrem langjährigen Freund und Kollegen Alex Tresniowski geschrieben hat. Schroff lebt in New York.

»Wassup?«

Es ist der 1. September 1986, als das Schicksal Laura Schroff und den 11jährigen Maurice zusammenführt. Der verlotterte Junge steht in Manhattan und bettelt, Laura geht, wie so viele New Yorker, achtlos an ihm vorbei. Aber dann bleibt sie stehen - mitten auf der Straße - und kehrt um. Sie gibt Maurice kein Geld, bietet ihm aber an, ihn zu McDonalds einzuladen. Aus dieser ersten Einladung entstand eine mittlerweile 30 Jahre währende Freundschaft, die bis heute besteht. Maurice und Laura treffen sich immer noch und telefonieren regelmäßig.

»Let's get real«

Laura ist 35, als sie Maurice begegnet. Sie ist erfolgreich im Job, kann sich eine nette Wohnung in Manhattan leisten und auch so manch andere Annehmlichkeit. Doch dann lernt sie Maurice kennen, der zwar nur ein paar Blocks von ihr entfernt wohnt, aber in einer vollkommen anderen Welt lebt. Der Vater prügelt, wenn er denn mal da ist, die Mutter ist schwer drogenabhängig und die ganze Sippe (diverse nassauernde und dealende Onkel, Maurices Geschwister und die kiffende Großmutter) haust in einem Sozialbau in zwei Zimmern. Maurice wird von Kindesbeinen an mit Gewalt, Drogen und dem Fehlen jeglicher Moral konfrontiert. Er steht an einem Scheideweg, als er Laura trifft. Sein Lebensweg als arbeitsloser Obdachloser oder Drogendealer scheint vorgezeichnet und unabwendbar. Er hat ständig Hunger, bekommt keinerlei menschliche Nähe und läuft in dreckigen und kaputten Klamotten rum, weil sich niemand um ihn kümmert.

Durch diese eine zufällige Begegnung jedoch, an einem Montag im September 1986, ändert sich Maurices Leben für immer, ebenso wie Lauras. Laura stellt Maurice weitere Essen in Aussicht, wenn er am folgenden Montag an derselben Ecke in Manhattan erscheint. Maurice ist da. Von da an gehen Laura und Maurice für vier Jahre lang fast jeden Montag gemeinsam essen. Schnell jedoch bietet Laura auch mehr Hilfe an. Man trifft sich auch samstags, kocht zusammen, sie wäscht Maurices Wäsche, kauft ihm neue Kleider und integriert ihn mehr und mehr in ihr persönliches Umfeld. Besonders angetan ist Maurice von Lauras Schwester, deren Mann und den Kindern. Er, der nie ein normales Familienleben kennengelernt hat, der gar nicht weiß, dass man Auseinandersetzungen auch friedlich klären kann und der noch nie in seinem Leben einen Esstisch gesehen hat und gar nicht weiß, wozu dieser gut sein soll, da es zu Hause nie etwas zu essen gib, geschweige denn, dass man zusammen am Tisch sitzt und sich unterhält - lernt, dass es auch eine Welt jenseits seines persönlichen Elends gibt und dass nicht alle Menschen so sind wie die, die bislang Maurices Umfeld geprägt haben.

Laura wollte nie eine Ersatzmutter für Maurice werden, da sie wusste, dass er seine Mutter trotz allem sehr geliebt hat. Sie stellt sich ihm als Freundin zu Verfügung und kümmert sich um ihn, er bleibt aber weiterhin in seinem schwierigen sozialen Umfeld. Doch Maurice ist stark und durch die Fürsorge und Stabilität, die Laura ihm gibt, hat er zum ersten Mal eine Perspektive im Leben. Er ist intelligent und höflich und einfach viel zu dankbar für das, was Laura für ihn tut und ist, als dass er diese Freundschaft irgendwie gefährden würde.

Diese ungewöhnliche Geschichte geht stellenweise wirklich zu Herzen. Wenn geschildert wird, unter welchen Umständen Maurice groß wird und wie hoffnungslos überfordert er sich anfangs in Lauras Welt fühlt, ist das schon ergreifend. Aber auch seine Dankbarkeit und der Ehrgeiz, den er entwickelt, um dem scheinbar vorgezeichneten Weg zu entfliehen, sind berührend und bewundernswert. Maurice scheint wirklich ein außergewöhnlicher Mensch zu sein, er hat den Sprung aus einem furchtbaren Milieu in die Mittelschicht geschafft und ist darüber hinaus seit 30 Jahren mit seiner Mentorin befreundet.

Etwas weniger gut haben mir die Passagen gefallen, in denen Laura von sich selbst erzählt. Hier werden Schwächen und leicht unsympathische Züge wahrnehmbar, die zu teilweise widersprüchlichen Aussagen führen. Laura sagt, sie könne Maurice gut verstehen, auch sie sei in einem gewalttätigen Haushalt aufgewachsen. Der Vater neigte zu regelmäßigen cholerischen Ausbrüchen, die nicht selten damit endeten, dass er Lauras Mutter oder ihren Bruder schwer verprügelte. Laura spricht von der ständigen Angst vor dem nächsten Wutausbruch des Vaters und dem vorsichtigen Verhalten zu Hause, damit der Vater nicht unnötig gereizt wird. Die Mutter wird als liebevoll, aber komplett devot geschildert, sie hilft weder sich selbst noch ihren Kindern, diesem Martyrium zu entfliehen. Da muten dann Lauras ebenfalls getätigte Aussagen wie "Ich hatte eine behütete Kindheit, mein Vater hat gut für uns gesorgt" schon sehr selbstverleugnerisch an.

In einer späteren Lebensphase verhält sich Laura darüber hinaus nicht loyal gegenüber Maurice. Als sie einen neuen Mann kennenlernt und zu ihm zieht, reduziert sich der Kontakt zu Maurice sehr. Zum Einen, weil Laura aus Manhattan wegziehen musste, zum Anderen, weil ihr Mann nicht will, dass Maurice zu ihnen nach Hause kommt. Zwar ringt Laura mit sich, wie sie Beides unter einen Hut bekommen soll, entscheidet sich aber schlussendlich gegen Maurice und für ihren Mann, obwohl sie deswegen stocksauer auf diesen ist. Ein wenig werden dort die devoten Züge ihrer Mutter sichtbar, was mir schlicht nicht gefallen hat.

Und zu guter Letzt herrscht in "Immer montags beste Freunde" für meinen Geschmack etwas zu viel amerikanischer Pathos und blauäugige Gottgläubigkeit vor. Laura glaubt, dass ein unsichtbares Band sie und Maurice zusammengeführt hat, was sie in teilweise recht schwülstigen Äußerungen kundtut. Auch die allgegenwärtige Gottesfürchtigkeit darf hier nicht fehlen, auch etwas, das mir nicht so gut gefallen hat. Sieht man von diesen kleinen "Amerikanismen" mal ab, wird hier glücklicherweise wirklich eine außergewöhnliche und zu Herzen gehende Geschichte erzählt.

»Quintessence«

"Immer montags beste Freunde" ist die berührende Geschichte einer sehr ungewöhnlichen Freundschaft, die trotz 25 Jahren Altersunterschied bestens funktioniert hat und seit nunmehr knapp 30 Jahren besteht. Es gibt viele zu Herzen gehende Passagen und dem Leser werden die Augen deutlich dafür geöffnet, was man mit ein bisschen Achtsamkeit, Nächstenliebe und Unterstützung bei Anderen erreichen kann und wie sehr man darüber hinaus persönlich (also emotional) davon profitiert. Laura Schroffs Aussagen haben mir allerdings nicht immer gefallen, sie verleugnet und idealisiert ihre Kindheit und stand auch nicht immer in diesen 30 Jahren loyal zu Maurice, obwohl sie wusste, wie wichtig Konstanz für Maurice war. Das mag menschlich sein, sympathisch war es mir trotzdem nicht. Dennoch bin ich froh, über eine Buchbesprechung dieses Romans gestolpert zu sein, da er mir überwiegend gut gefallen hat und eine wirklich ungewöhnliche Geschichte erzählt. Ergo knappe vier von fünf zufälligen Begegnungen, die dein ganzes Leben verändern können.


Nachts schwimmen: Roman
Nachts schwimmen: Roman
von Sarah Armstrong
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2.0 von 5 Sternen Zwei Leben, 13. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Nachts schwimmen: Roman (Broschiert)
»Intro«

Ganz ehrlich? Mir fällt ausnahmsweise mal nix ein als Einleitung. Buch gekauft, weil gute Kritik drüber gelesen, durchgelesen, für überflüssig befunden und mich darangesetzt, Euch genau darüber zu informieren. Geht los:

»Writer«

Sarah Armstrong ist eine australische Journalistin. Nach ihrem Studium arbeitete sie beim Radio, bis sie anfing, zusammen mit ihrem Mann, der ebenfalls Schriftsteller ist, kreatives Schreiben zu unterrichten. Zusammen mit ihrer Tochter leben die Armstrongs in der Nähe von Sydney. "Nachts schwimmen" ist Armstrongs Debütroman.

»Wassup?«

Quinn und Marianna versuchen verzweifelt, ein Kind zu bekommen. Nach einer weiteren Fehlgeburt will Quinn mit den Versuchen aufhören, Marianna hingegen weitermachen, was zu Komplikationen in der Ehe der Beiden führt. Umso dankbarer ist Quinn für seine wöchentliche zweitägige Auszeit von seinem Leben mit Marianna in Brisbane. Er arbeitet regelmäßig als Arzt im Örtchen Corimbi, wo er unter anderem auch die im Sterben liegende Mutter von Rachel betreut. Beim abendlichen Schwimmen im örtlichen Freibad kommen sich die Beiden irgendwann näher, was Quinn in einen schweren Gewissenskonflikt stürzt. Und auch Rachel hadert, da sie nach dem Tod der Mutter eigentlich wieder zurück nach Sydney ziehen will und ihre Beziehung zum verheirateten Quinn sowieso keine Zukunft hätte. Dennoch kommen die Zwei nicht voneinander los. Als Quinn sich dann doch endlich durchringt, Marianna die Wahrheit zu sagen, überrascht diese ihn mit einer unerwarteten Neuigkeit, die alles verändert…

»Let's get real«

Worum es bei dieser Neuigkeit geht, dürfte nicht schwer zu erraten sein, aber ich verrate es dennoch nicht. Es wird etwa schwierig, den Roman adäquat zu besprechen, da die Handlung etwa in der Mitte eine Wendung erfährt, mit der man aufgrund der Beschreibung auf dem Buchrücken nicht unbedingt gerechnet hätte. Ich bin davon ausgegangen, dass es hier um die eine zufällig entstandene Bekanntschaft geht, die sich zu einer Liebesbeziehung auswächst und welche Probleme dies für Rachel und Quinn mit sich bringt. Das dieses Thema aber schon nach ca. 200 Seiten abgehandelt ist und die Handlung im zweiten Teil erst fünf Jahre später einsetzt und eine gänzlich andere Prämisse voraussetzt, damit hatte ich nicht gerechnet und es hat mir leider auch nicht sonderlich gut gefallen.

Aus dem interessanten jungen Arzt mit den schönen Augen ist ein feiger Waschlappen geworden, der nicht klar Stellung bezieht und somit sich und sein ganzes davon betroffenes Umfeld entweder anlügt oder unnötigen Seelenqualen aussetzt. Sein Egoismus ist grenzenlos und wird mehr schlecht als recht in angebliche Verzweiflung oder gar Rücksichtnahme verpackt. Je mehr man von Quinn im zweiten Teil erfährt, desto weniger ist man ihm gewogen.

Allerdings kann man auch für die anderen Protagonisten keine großen Sympathien generieren. Da gibt es die Verbissene, die schlussendlich auch nur an sich denkt und dann die Unentschlossene, die so lange auf die Entscheidung Anderer wartet, dass sie dabei immer unglücklicher wird. Darüber hinaus wirkt die komplette Situation im zweiten Teil konstruiert und unwirklich. Ich glaube kaum, dass sich das, was die Autorin hier schildert, wirklich so umsetzen ließe.

So wird man dann ab der zweiten Buchhälfte mit nervtötenden Banalitäten konfrontiert, mit unentschlossenen oder ahnungslosen Protagonisten und gänzlich Unschuldigen, die durch das alles emotional geschädigt werden. Dass es deshalb kein Happy End geben kann, dürfte klar sein.

Zwar stellt man sich als Leser ab und an die Frage, was man selbst in der ein oder anderen Situation getan hätte, in die man durchaus hätte hineinschlittern können, diese emotionale Einbindung ist der Autorin gut gelungen. Man kommt andererseits aber auch schnell zu dem Schluss, dass der Weg, den Quinn gewählt hat, der am wenigsten geeignete ist und dass ihm viel deutlicher hätte klar sein müssen, dass er damit eine irgendwann eintretende Katastrophe heraufbeschwört.

Viele Kritiken heben ja besonders den kompromisslosen Realismus von Armstrongs Roman hervor, aber ehrlich gesagt war genau das der Grund, der den Roman für mich austauschbar, beliebig und langweilig gemacht hat. Die Probleme sind wirklich hausgemacht und werden viel zu lange ungelöst gelassen, so dass man irgendwann sowohl das Interesse an den Protagonisten als auch am Handlungsverlauf verliert. Nicht zu vergessen der schwindende Respekt gegenüber den Charakteren.

Sarah Armstrong lässt dabei dennoch schriftstellerisches Talent erkennen. Sie weiß mit Worten umzugehen, nur beim Inhalt hapert es für mich zu sehr. Neben dem an sich schon riesigen Problem, dass sie ihren Protagonisten aufbürdet, kommen noch für die Handlung völlig irrelevante Kindheitstraumata von Rachel und Quinn hinzu, die den Lesefluss noch mehr ins Stocken geraten lassen. Wenigstens der recht exotische Handlungsort Australien kann ein paar positive Akzente setzen. Die Landschafts-, Flora- und Faunabeschreibungen sind gelungen und vermitteln dem Leser eine gute Vorstellung von Rachels und Quinns Heimat.

»Quintessence«

"Nachts schwimmen" weckt mit der Beschreibung auf dem Buchrücken eine andere Erwartungshaltung als das, was man schlussendlich geboten bekommt. Statt einer spannenden, emotionalen australischen Love Story mit sympathischen Protagonisten bekommt man eine lahme und konstruiert wirkende Geschichte mit Charakteren, die einem bestenfalls egal sind bzw. werden. Viel mehr ist dazu dann auch wirklich nicht zu sagen. Ergo für mich nur zwei von fünf nächtlichen Kraulzügen, die sehr schnell ermüden.


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