Fashion Sale Hier klicken Jetzt informieren reduziertemalbuecher Cloud Drive Photos Microsoft Surface Learn More sommer2016 saison Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Summer Sale 16
Profil für MissVega > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von MissVega
Top-Rezensenten Rang: 1.512
Hilfreiche Bewertungen: 8384

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
MissVega (Hamburg)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
Unterwegs mit Jacqueline
Unterwegs mit Jacqueline
DVD ~ Fatsah Bouyahmed
Preis: EUR 17,99

4.0 von 5 Sternen Schnurrbart, 22. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Unterwegs mit Jacqueline (DVD)
(Kinoversion)

»Intro«

Ein Film über einen Bauern, der mit seiner Kuh von Algerien bis nach Paris geht, um dort an der Landwirtschaftsmesse teilzunehmen…ja, nee is klar…werden jetzt wohl die Meisten denken. Das klingt - zugegebenermaßen - schon ein bisschen seltsam als Handlungsinformation. Aber was Regisseur und Drehbuchautor Mohamed Hamidi aus dieser Prämisse gemacht hat, ist ein sicherlich recht naiver, dafür aber witziger, kurzweiliger und herziger 91Minüter geworden, der einen für die Filmdauer den Alltag gekonnt vergessen lässt.

»Wassup?«

Fatah (Fatsah Bouyahmed, "Vive la France") lebt glücklich mit seiner Frau Naïma (Hajar Masdouki, "WWW: What a wonderful world") und seinen beiden Töchtern in einem kleinen Dorf in Algerien. Jahr für Jahr schreibt er an die Organisatoren der Landwirtschaftsmesse in Paris, damit er dort seinen ganzen Stolz - seine Kuh Jaqueline - präsentieren kann. Und nun ist es tatsächlich passiert. Beeindruckt von Fatahs Beharrlichkeit wird er tatsächlich nach Paris eingeladen. Der einzige Haken ist: er muss die Reisekosten selbst aufbringen. Dies gelingt nur mit der Unterstützung des Dorfes. Fatah gelangt mit der Fähre nach Marseille und hofft dort auf die Hilfe seines dort lebenden Schwagers Hassan (Jamel Debbouze, "Die fabelhafte Welt der Amelie"), der ihn aber auflaufen lässt. Also macht Fatah sich zu Fuß auf den Weg nach Paris. Dabei lernt er allerlei Menschen kennen, die gerne bereit sind, ihm zu helfen. So auch den verschuldeten Adeligen Philippe (Wilson Lambert, "Rabid Dogs"), der ihm in einer brenzligen Situation mit Jacqueline hilft und ihm Unterschlupf gewährt. Mittlerweile haben auch die Presse und das Internet Wind von Fatahs außergewöhnlicher Mission bekommen, was nicht nur in Frankreich, sondern auch in Fatahs Dorf zu Missverständnissen führt…

»Let's get real«

Mit französischen Komödien ist das ja so eine Sache…kann klappen, tut es aber meistens nicht. Das Humorverständnis der Franzosen weicht teilweise doch recht deutlich vom deutschen ab (obwohl… wir Deutschen haben ja eigentlich gar keinen Humor); hier jedoch stimmt die Mischung aus kleinen Albernheiten, witzigen Dialogen und Situationskomik. Man kann sich schlicht Fatahs einnehmendem, naiv-ehrlichem Wesen nicht verschließen und nimmt somit gerne Anteil an seiner Reise und seinem Schicksal.

In seinem Heimatdorf wird der bebrillte, kahlköpfige Optimist belächelt und auch verspottet, besonders wegen seiner aufopferungsvollen Beziehung zu seiner Kuh. Diese wird gehegt und gepflegt, mit Chansons beschallt und in Französisch angesprochen, der Sprache ihres Herkunftslandes. Dennoch ist die Dorfgemeinschaft bereit, dem liebenswerten Bauern das Geld für die Überfahrt nach Marseille zu leihen. Und so machen sich Fatah und Jacqueline auf den Weg nach Frankreich.

Unterwegs kommen sie bei einer netten Bäuerin unter, nachdem Fatah von seinem unwirschen Schwager Hassan keine Hilfe erwarten kann. Dieser kann dem vermeintlichen Trottel kaum etwas abgewinnen, zudem plagt Hassan das schlechte Gewissen, weil er heimlich mit einer Französin verheiratet und mit ihr eine Familie gegründet hat. Also zieht Fatah zu Fuß weiter. Als er mit Jacqueline in Bedrängnis gerät, bekommt er Hilfe von einem verarmten Grafen, der sich - zunächst eher zurückhaltend - um das ungleiche Gespann kümmert.

Und so geht es fröhlich immer weiter, Fatahs Reise gestaltet sich abwechslungsreich und ist geprägt von den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Fatah unterwegs knüpft. Parallel dazu blickt Regisseur Hamidi auf das Leben in Fatahs Dorf und den Internethype, der um den Bauern und seine schöne Kuh entsteht. Das turbulente und herzige Finale rundet "Unterwegs mit Jacqueline" dann gekonnt ab.

»Players«

Hamidi hat ein paar in Frankreich sehr bekannte Darsteller gewinnen können, sowohl Jamel Debbouze als auch Lambert Wilson sind schon lange im Geschäft und werden ihren Rollen als hektischer und mauliger Schwager bzw. unglücklicher und besonnen agierender Adliger wunderbar gerecht. Die algerische Dorfgemeinschaft wird angeführt von der hübschen Hajar Masdouki und vielen schnurrbärtigen, in Kaftans gewandeten Männern, die sich zum Teil recht archaisch aufführen. Die Hauptrolle des Fatah meistert Fatsah Bouyahmed mit einer stimmigen Mischung aus gutgläubiger Naivität, Freundlichkeit, Enthusiasmus und dem unerschütterlichen Glauben an Jacqueline und sein Glück. Ein bestens aufgelegter und erfahrener Cast, dem die Spielfreude deutlich anzumerken ist.

»Quintessence«

"Unterwegs mit Jacqueline" ist ein wirklich gelungener, stimmiger und vor allem humorvoller Film, der sicherlich ein bisschen zu gutgläubig daherkommt, aber durch seinen Charme und die kurzweilige Geschichte die perfekte Ablenkung vom eintönigen Allerlei bietet. Tiefgründigkeit sucht man hier zwar vergebens, allerdings dürfte diese auch nicht das vorrangige Anliegen dieses Films gewesen sein. Auch der oft alberne französische Humor glänzt hier glücklicherweise durch Abwesenheit, Regisseur Hamidi ist es tatsächlich gelungen, eine sehr amüsante und vor allem warmherzige Komödie darüber zu drehen, wie ein Bauer von Algerien nach Frankreich pilgert - mit einer Kuh im Gepäck. Das muss man auch erstmal können. Der Titel der Rezension bezieht sich übrigens auf Fatahs Beschreibung des landestypischen Fernsehprogramms: "Immer wenn man einschaltet: Schnurrbärte. Wenn man umschaltet: Schnurrbärte. Wenn man ausschaltet: Schnurrbärte". Ergo sehr gerne vier von fünf Kühen, mit denen man gerne unterwegs ist.


Eat, Pray, Love
Eat, Pray, Love
von Elizabeth Gilbert
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1.0 von 5 Sternen Read - Get Bored - Forget, 18. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Eat, Pray, Love (Taschenbuch)
»Intro«

Eine Dekade nach dem Hype um "Eat Pray Love" habe ich mich überreden lassen, dieses ach-so-tolle Buch nun doch noch zu lesen. Eine Amerikanerin in der Sinnkrise, schwer angezählt durch eine schlimme Scheidung und Depressionen, die sich in Italien, Indien und Indonesien auf die Suche nach ihrer Mitte, sich selbst und Gott macht. Letzteres hat mich als Atheistin bislang erfolgreich von diesem Werk ferngehalten. Da mir aber gesagt wurde, dass das "genau mein Ding" sein könnte (ob meiner Vorliebe für das Reisen und Selbstfindungsliteratur à la "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling), habe ich mich nun doch durch diese knapp 500seitige Esoterik-Schmonzette gequält. Wie sich anhand der Wortwahl erkennen lässt, hat es mir nicht sonderlich gut gefallen. Ich tue mich einfach schwer damit, wenn Menschen ihr Befinden von einer übergeordneten "Macht", etwas nicht Greifbarem wie Glauben oder irgendwelchen Mantras abhängig machen. Viel spannender finde ich, wenn sie ohne "übergeordnete Hilfe" Krisen meistern, aus denen sie gestärkt hervorgehen. Und sich einfach - Entschuldigung - nicht so furchtbar wichtig nehmen. "Eat Pray Love" ist all dies nicht. Frau Gilbert ist auf der Suche nach Gott, der ihr dazu verhelfen soll, sich wieder in den Griff zu kriegen und glücklich zu werden. Dies erreicht sie durch jeweils viermonatige Aufenthalte in verschiedenen Ländern mit entweder erhöhter, kalorienreicher Nahrungsaufnahme (Italien), Endlos-Meditationen und Tempelböden schrubben (Indien) oder durch Sex (Indonesien). Allein dadurch wird aus der Autorin bedauerlicherweise keine interessante oder sympathische Person. Vielmehr ist hier ein zwar sehr persönliches, aber für Außenstehende und solche, die mit Religion und Meditation nichts anfangen können, ein unsagbar langweiliges und geschwätziges Werk entstanden, das mich emotional überhaupt nicht gepackt hat.

»Writer«

Elizabeth Gilbert wurde 1969 in Connecticut geboren und hat in New York Politikwissenschaften studiert. Anschließend reiste sie viel durch die Welt, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und schrieb Kurzgeschichten. Als sie 1997 im Magazin GQ einen Artikel über die "Coyote Ugly"-Bar veröffentlichte, in der sie als Kellnerin gearbeitet hat, sorgte dieser für so viel Aufsehen, dass Produzent Jerry Bruckheimer daraus sogar einen Film gemacht hat. Drei Jahre später veröffentlicht Gilbert ihren ersten Roman "Hummerkrieg", 2002 folgt die Biografie "The Last American Man". Als sie 2006 "Eat Pray Love" veröffentlicht, wird der Roman über sieben Millionen Mal verkauft; 2010 folgt die Verfilmung mit Julia Roberts und Javier Bardem in den Hauptrollen. 2011 wird der Roman "Committed" veröffentlicht, die "Fortsetzung" von "Eat Pray Love", in dem Gilbert ihr Leben mit dem in Indonesien kennen- und liebengelernten "Felipe" (in echt heißt der Mann Jose Nunes) beschreibt. 2014 und 2015 folgen zwei weitere Veröffentlichungen ("Das Wesen der Dinge und der Liebe" und "Big Magic"). Im Juli 2016 hat sich Gilbert von Jose Nunes getrennt, nach 12 Jahren, von denen sie neun verheiratet waren. Gilbert wohnt im Hudson Valley bei New York.

»Wassup?«

Elizabeth Gilbert ist am Ende. Mit 31 Jahren findet sie sich mitten in der Nacht heulend auf ihrem Badezimmerfußboden wieder und beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Ihre Ehe ist kaputt, konstatiert sie, sie will die Scheidung, da sie sich ein fortgeführtes Eheleben und eventuelle Kinder für ihre Zukunft nicht vorstellen kann. Die leider sehr schmutzige Scheidung beginnt und immer öfter fragt sich Gilbert, was sie eigentlich vom Leben erwartet, wer sie eigentlich ist. Sie beschließt, nachdem die Scheidung endlich durch ist, eine einjährige Reise zu unternehmen, um zu sich selbst zu finden und ihre Seele heilen zu lassen. Sie fängt in Rom an, da sie schon immer Italienisch lernen wollte und eine Schwäche für die italienische Küche hat. Vier Monate lang futtert sie sich durch Rom, Venedig, Neapel und andere italienische Orte, nimmt dabei 12 kg zu und belegt einen Sprachkurs. Dann fliegt sie nach Mumbai und kehrt in den Ashram ihrer "Meisterin", die sie in New York kennengelernt hat, ein, um zu meditieren - sonst nichts. Als sie irgendwann das Gefühl hat, "auf Gottes Hand gesessen" zu haben, reist sie weiter nach Bali, um einen alten Heiler zu besuchen, den sie dort zu einem früheren Zeitpunkt kennengelernt hatte. Sie lässt sich im Landesinneren in Ubud nieder, sitzt über diverse Wochen stundenlang bei dem alten Heiler auf der Veranda und unterhält sich mit ihm, lernt eine weitere Heilerin kennen und schlussendlich auch Felipe, einen 17 Jahre älteren Brasilianer, dem sie irgendwann ihr Herz schenken wird.

»Let's get real«

Da es das Buch bereits seit zehn Jahren gibt und überall damit geworben wurde, dass die Autorin in diesem Buch sich selbst und die Liebe gefunden hat, nehme ich kaum zu viel vorweg, wenn ich beschreibe, was Gilbert in Italien/Indien/Indonesien so getrieben hat. Und keine Sorge, es bleiben noch tausende langweilige Details übrig, die in dieser Rezension keine Erwähnung finden werden, die potenzielle zukünftige Leser aber bestimmt gern entdecken werden.

Für mich war dieser Roman bedauerlicherweise größtenteils Zeitverschwendung. Und das liegt noch nicht einmal daran, dass Frau Gilbert des Schreibens nicht mächtig wäre (gut, sie hält sich für wesentlich witziger, als sie ist, wie die überwiegend lahmen Gags in diesem Buch beweisen), nein, es liegt schlicht und ergreifend daran, dass Gilberts Schilderungen nur für Diejenigen geeignet sind, die mit der Sinnsuche mittels Meditation und Gottesanbetung etwas anfangen können. Denn das scheint wirklich Gilberts Steckenpferd zu sein. Über hunderte Seiten lässt sie sich über Meditation, diverse Meditationstechniken, ihre Erfahrungen beim stundenlangen Meditieren, ihre imaginären Gespräche mit Gott und immer wieder durch ihren Kopf geisternde Gedanken zu ihrer Scheidung und einer kurz darauf folgenden, perspektivlosen Affäre aus. Sie unterhält sich mit anderen Meditierenden (natürlich nicht BEIM Meditieren), gibt unzählige gähnend langweilige Gespräche mit Gleichgesinnten wieder, spickt ihre belanglose Geschichte mit nur bedingt interessanten Details aus Italiens Geschichte und speziellen balinesischen Gepflogenheiten und wird nicht müde, dem Leser auch noch ihre Selbstgespräche aufzudrängen. Culture Clash und Gebete sozusagen, alles leider so unsagbar nichtssagend, dass es freundlich und vor allem nachhaltig zum Querlesen einlädt.

Ich kann die Gründe für das Aufschreiben dieser Geschichte durchaus nachvollziehen, so eine schriftliche Niederlegung der eigenen Erfahrungen und Gedanken mag ja tatsächlich eine reinigende Wirkung haben. Ich weiß nur nicht, warum jeder, der mal eine schwierige Lebensphase hatte und diese bewältigt hat (auf welche Art und Weise auch immer), ein Buch darüber veröffentlichen muss. Gilberts Erfahrungen sind persönlich und speziell, sind eng mit ihrer ganz eigenen Persönlichkeit und ihrem bisherigen Lebensweg verknüpft, so dass sie für Außenstehende kaum von Nutzen sein können. Darüber hinaus kann ich persönlich wenig anfangen mit Menschen, die sich in den Glauben oder andere Bewusstseinssphären flüchten, um dort nach Auswegen aus ihrem Dilemma zu suchen. Damit will ich keinesfalls Meditation an sich verunglimpfen, es ist für mich nur sehr schwer nachvollziehbar, durch "so etwas" seine Probleme lösen zu wollen. Mir imponieren Menschen einfach mehr, die ihre Probleme auf andere, bodenständigere Art angehen und sich auf sich selbst besinnen und nicht auf eine übergeordnete Macht fragwürdiger Herkunft. Die an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gehen, ohne nach jemandem zu suchen, an den sie glauben können/müssen, um sich selbst zu finden.

Zwischen diesen endlosen, verschwafelten Passagen, die fast das ganze Buch prägen, finden sich aber tatsächlich ein paar interessante Seiten (meistens dann, wenn die Autorin mal nicht über sich selbst spricht). Da gibt es tatsächlich ein paar humorvolle Stellen, werden auf amüsante Weise bestimmte Bräuche oder Regeln beschrieben oder wie man diese geschickt umgehen kann, ohne die Götter zu verärgern. Es gibt ein paar schöne und gelungene Landschaftsbeschreibungen und auch ein paar interessante Infos über Land und Leute. In diesen wenigen Absätzen gefällt mir "Eat Pray Love", ansonsten kann man den Inhalt des Buches getrost auf die drei Worte seines Titels zurückstutzen, dargeboten von einer Person, die einem ob ihrer verkrampften und verzweifelten Sinnsuche kaum näherkommt. Es wird gegessen, es wird gebetet, es wird geliebt. Schön für Frau Gilbert, müßig für Andere.

»Quintessence«

"Eat Pray Love" ist in meinen Augen ein hoffnungslos überschätzter Roman, der schlussendlich kaum Aussagekraft besitzt. Es geht um die sehr persönliche Sinnkrise und -suche einer Amerikanerin in ihren 30ern, die kaum Unterhaltungswert oder Informatives bietet und über die meisten der knapp 500 Seiten einfach nur langweilt. Frau Gilbert kann durchaus mit Worten umgehen, sie hat nur leider irgendwie nichts zu sagen. Deshalb fällt es schwer, eine emotionale Bindung zu ihr aufzubauen oder Interesse für ihr Schicksal aufzubringen. Da mein Masochismus aber ab und an keine Grenzen kennt, werde ich mir nach dem unsäglichen Buch den vielleicht etwas weniger unsäglichen Film auch noch zu Gemüte führen. Vielleicht kommen ja ein paar schöne Landschaftsaufnahmen dabei herum. Außerdem spielt Javier Bardem mit, das ist doch schon mal was. Und ich bin neugierig, ob aus einem schlechten Buch ein guter Film werden kann. Wenn es um die Beurteilung des Buches geht, kann ich nur sagen, dass ich es nur für einen recht eingeschränkten Leserkreis für empfehlenswert halte und sich die Leser, die mit Religion, Meditation und endlos ausgewalzter Sinnsuche nichts am Hut haben, mit "Eat Pray Love" zu Tode langweilen dürften. Für mich daher nur einer von fünf Buddhas, die bei der Lektüre des Buches bestimmt auch das ein oder andere Mal eingenickt wären.


Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid: Roman (Hochkaräter)
Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid: Roman (Hochkaräter)
von Fredrik Backman
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lachhals, 12. Juli 2016
»Intro«

Nach Fredrik Backmans wunderbarem Roman "Ein Mann namens Ove" war klar, dass ich auch weitere Veröffentlichungen dieses Autors lesen würde. Als nächstes stand also "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid" auf dem Plan. Ein Buch, das bei den Kritikern teilweise nicht sonderlich gut weggekommen ist. Warum, ist mir allerdings vollkommen schleierhaft. Wenn überhaupt möglich, ist "Oma…" noch herziger, noch komischer, noch wahrer und noch besser als "Ein Mann namens Ove". Wobei ich hier eigentlich keine Vergleiche anstellen möchte, denn jeder dieser beiden Romane ist auf seine eigene Weise einzig- und großartig. "Oma…" ist auf so viele Arten berührend und zugleich urkomisch, dass man sich an Backmans zweitem Werk gar nicht sattlesen kann. Ich wäre gerne noch länger geblieben, bei Oma, Elsa, ihrer Mama, dem Wors, dem Monster, der Frau im schwarzen Rock und all den anderen, die Backman hier ersonnen und ganz wunderbar zum Leben erweckt hat.

»Writer«

Fredrik Backman wurde 1981 in Stockholm geboren und im Alter von 32 Jahren zu Schwedens erfolgreichstem Autor gekürt. Bevor es dazu kam, hat er aber erst noch ein Religionswissenschaften-Studium angefangen und wieder abgebrochen, als Gabelstapler- und LKW-Fahrer und in einem Restaurant gearbeitet, bevor er 2007 1½ Jahre für eine Stockholmer Zeitung tätig war. Danach arbeitete er freiberuflich und wurde Blogger für verschiedene Zeitungen. 2012 veröffentlichte er seinen Debütroman "Ein Mann namens Ove", der 2014 auch in Deutschland erschien und bislang in 25 Sprachen übersetzt und darüber hinaus wunderbar verfilmt wurde. Nach "Oma…" hat Backman bereits einen weiteren Roman veröffentlicht, nämlich "Britt-Marie war hier". Backman lebt mit Frau und zwei Kindern in der Nähe von Stockholm.

»Wassup?«

Elsa ist sieben (fast acht) und liebt ihre Oma. Die ist 77 und erzählt Elsa immer tolle Geschichten aus dem Märchenreich Miamas im Land-Fast-Noch-Wach. Dort gibt es neben Königen und Prinzessinnen natürlich auch Monster, Worse und Wolkentiere. Elsa liebt Omas Geschichten, aber auch die Abenteuer, die sie in der realen Welt mit Oma erlebt. Denn Oma nimmt nie ein Blatt vor den Mund, raucht im Krankenhaus und bewirft Polizisten auch schon mal mit Affenkacke. Und Oma ist Elsas einzige Freundin, da sie in der Schule täglich gehänselt wird, weil sie einfach ein bisschen anders ist. Elsa ist nämlich ziemlich schlau und informiert sich über alles, was sie noch nicht weiß, auf Wikipedia. Ihre Mama lebt im selben Haus wie Oma, mit George und "dem Halben" in ihrem Bauch. Angeführt wird die Hausgemeinschaft allerdings von der furchtbar spießigen und pedantischen Britt-Marie samt ihres arbeitswütigen Mannes Kent. Ganz anders hingegen sind Lennart und Maud, die immer freundlich sind. Lennart liebt Kaffee, Maud backt ständig Traumkekse. Dann wären da noch der grummelige Taxifahrer Alf, die Frau im schwarzen Rock, der Junge mit Syndrom samt seiner Mutter und leider auch…das Monster. Ein Wesen, das man nie zu Gesicht bekommt. Doch eines Tages, ganz plötzlich, ist Oma weg und Elsa muss alleine klarkommen. Aber glücklicherweise hat Oma sie auf eine Schatzsuche geschickt, die ihr helfen soll, auch ohne Oma zurechtzukommen. Und dabei lernt Elsa mehr über das Leben als je auf Wikipedia veröffentlicht werden könnte.

»Let's get real«

Erwachsene mögen vielleicht denken, "Oma…" wäre in weiten Teilen ein Märchenbuch und somit nicht von sonderlichem Interesse für sie. Vielmehr aber ist "Oma…" in den Sequenzen, in denen es um die Märchen und Phantasiewesen geht, eine solch großartige Parabel, die sich darüber hinaus erst nach und nach in ihrer ganzen Genialität erschließt, dass man immer und immer weiter lesen möchte. Backman entwickelt hier ein unfassbares Talent dafür, seine Geschichte aus der Sicht einer sehr intelligenten Siebenjährigen zu erzählen und den Leser immer weiter in ihren Mikrokosmos hineinzuziehen. Er geht dabei so geschickt und humorvoll vor, dass sich selbst Erwachsenen die Geschichten, die Oma erzählt hat, erst nach und nach vollständig erklären und man erst spät im Buch die ganze Wahrheit dessen erfährt, was Oma Elsa beizubringen versucht.

Heißt, "Oma…" ist mitnichten leicht zu konsumierende Romankost. Man muss am Ball bleiben und alles, was Oma erzählt hat oder wie Elsa die Dinge versteht, hinterfragen und in den richtigen Zusammenhang setzen. Und das macht richtig Spaß. Vor allem, weil Backman wieder so herrlich verschrobene und skurrile Charaktere erschaffen hat und so absurde Situationen kreiert, dass man aus dem Lachen und Schmunzeln gar nicht mehr herauskommt. Aber "Oma…" steckt auch voller Melancholie, ernsten Wahrheiten, Mitgefühl, Liebe, Akzeptanz, Verständnis und Phantasie. Eine einzigartige Mischung, die den Leser mitten ins Herz trifft.

Jeder Bewohner hat seinen Platz in Elsas Leben, nur weiß sie das noch nicht, als Oma sie verlässt. Doch Oma hat vorgesorgt, um Elsa sowohl über den Verlust ihrer Oma hinwegzutrösten, als auch, um sie zu beschützen und zu einem Mädchen zu machen, das keine Angst mehr vor anderen hat und sich nicht verstecken braucht. Das stolz auf seine Andersartigkeit (denn Elsa ist wirklich sehr schlau) sein soll und seine Meinung auch gegen Andersdenkende vertreten soll. Aber sie soll auch lernen, dass nicht jeder ist, was er anfangs zu sein scheint.

Der grummelige Alf zum Beispiel, der immer laut lospoltert, aber ein butterweiches Herz hat. Die Frau im schwarzen Rock, die eine schwere Last mit sich herumschleppt. Der Junge mit Syndrom und seine Mutter, die sehr zurückgezogen leben und dafür einen guten Grund haben. Lennart, der Kaffee heiß und innig liebt und sogar "Wartekaffee" trinkt, bis die nächste Ladung frisch durch die Maschine getröpfelt ist. Seine Frau Maud, die Unmengen von Keksen backt und immer freundlich ist. Das Monster, das eine Zwangsneurose hat, sich aber zu ungeahnten beschützerischen Höhen aufschwingt. Britt-Marie, schwer verhaftet in ihren Vorstellungen von einem "ordentlichen" Leben, in dem alles festen Regeln unterliegt und die sich ständig unsichtbare Falten aus Rock oder Bluse streicht. Ihr Mann Kent, der permanent am Handy hängt und mit Geschäftspartnern aus Deutschland telefoniert. Elsas Mama, mit Schwangerschaft, Oma, ihrem Beruf im Krankenhaus und ihrer einzigartigen Tochter manchmal überfordert sowie ihr gutmütiger Partner George, der gerne Rührei macht und joggen geht. Elsas Papa, der sich in Schriftarten verlieren kann. Und natürlich der Wors, dieses kaffee- oder glühweintrinkende und Traumkekse fressende Ungetüm, das über Elsa wacht. All diese Menschen (und der Wors) bekommen für Elsa eine neue oder überhaupt erst eine Bedeutung.

Backman spickt seine Geschichte mit Metaphern, Andeutungen und wunderbaren Ausschmückungen. Allein, was er sich alles Märchenhaftes für Miamas und die anderen Königreiche im Land-Fast-Noch-Wach ausgedacht hat, ist großartig. Die Wesen, die er erfunden hat, die Aufgaben, die sie haben, wie dort alles funktioniert…eine Fülle an intelligenten und phantasievollen Ideen, die kindgerecht, aber für Erwachsene noch viel aufschlussreicher sind, da diese die dahinterstehende Bedeutung verstehen. Darüber hinaus ist die Geschichte durch die von Oma forcierte "Schatzsuche", bei der Elsa Dinge finden und überbringen muss, ziemlich spannend gehalten. Und immer wieder blitzt Backmans trockener Humor durch und kreiert unnachahmlich witzige Sätze. Das Ende des Buches hingegen rührt zu Tränen, weil Backman seine Geschichte zum bestmöglichen Abschluss bringt und des Lesers Herz dadurch wirklich erwärmt.

»Quintessence«

"Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid" ist ein ganz großartiges Buch, mit dem Fredrik Backman nach seinem Erstling "Ein Mann namens Ove" beweist, dass er keine literarische Eintagsfliege ist. Man erkennt seinen ganz persönlichen Stil (ähnlich wie bei Jonas Jonasson) sofort, dennoch wird eine gänzlich andere Geschichte erzählt. Gemein ist den beiden Büchern bestenfalls die Message, dass der Mensch nicht allein sein sollte und Freunde braucht, denen er wirklich am Herzen liegt. Und diese Botschaft bettet Backman in eine wundervolle Geschichte, die einen herzlich lachen lässt und auch zu Tränen rührt. Im Land-Fast-Noch-Wach hat übrigens jeder seinen persönlichen Lachhals, der stets für gute Stimmung sorgt. Der Titel von Backmans nächstem Roman lässt vermuten, dass dort die Geschichte der furchtbaren Britt-Marie weitererzählt wird…die gar nicht so furchtbar ist, wie man dachte…oder zumindest, nicht nur. Auch diesen Roman werde ich lesen, ich hoffe, er wird mich ähnlich begeistern wie Oma und Ove. Volle fünf von fünf Märchenreichen, die gar nicht so weit von der Realität entfernt sind, wie man denken könnte.


Crimson Peak [Blu-ray]
Crimson Peak [Blu-ray]
DVD ~ Charlie Hunnam
Preis: EUR 13,99

3.0 von 5 Sternen Ton in Ton, 8. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Crimson Peak [Blu-ray] (Blu-ray)
»Intro«

Der Mexikaner Guillermo del Toro hat erstmalig durch die Filme "Cronos" und "Mimic" auf sich aufmerksam gemacht, das war 1993 bzw. 1997. Mit dem ebenfalls gruseligen, aber anspruchsvolleren "Das Rückgrat des Teufels" und dann natürlich durch "Pan's Labyrinth" wurde del Toro bekannt als Horrorfilmregisseur mit Hang zum Phantastisch-Poetischen. Ein Ruf, den er gerne durch Produktionen wie "Hellboy" oder "Blade II" konterkariert. Mit "Crimson Peak" nun besinnt del Toro sich zurück auf seine horroresken Fantasy-Wurzeln, liefert im Ergebnis aber leider nur ein Verwechslungswerk zu "Don't be afraid of the Dark" ab (kein Wunder, bei beiden Filmen war del Toro am Drehbuch beteiligt), das darüber hinaus mit 119 Minuten viel zu lang geraten ist.

»Disc«

Ausstattung der Blu Ray: Ton in Deutsch, in English in DTS 2.0 und 7.1 und in Englisch für Hörgeschädigte, darüber hinaus in Kastellan, Französisch und Italienisch, Untertitel in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Norwegisch, Schwedisch, Isländisch, Arabisch und Hindi. Extras: Unveröffentlichte Szenen, Featurettes "Ich erinnere mich an Crimson Peak", "Die Grundlage für Schauerromane", "Licht und Dunkelheit von Crimson Peak", "Handgenähte Gotik", "Ein lebendes Wesen", "Vorsicht vor Crimson Peak" und "Die Phantome von Crimson"; darüber hinaus ein Audiokommentar von Guillermo del Toro. Das Bild ist bestechend gut, satte Farben, kontrastreiche Linien, hohe Auflösung. Einzig der Ton wird bei den für den Zuschauer vorgesehenen Schocksequenzen unangenehm und über Gebühr laut, so dass man um wiederholte Lautstärkeregulierungen nicht umhin kommt.

»Wassup?«

Buffalo, 1901. Die junge Edith (Mia Wasikowska, "Alice im Wunderland", "Stoker"), Tochter des reichen Bauunternehmers Cushing (Jim Beaver, "Supernatural"), lernt den jungen, aber verarmten Erfinder Thomas Sharpe (Tom Hiddleston, "Thor", "Only Lovers left alive") kennen, der extra aus England angereist ist, um Cushing um die Finanzierung für seinen just erfundenen Bagger zur Erzförderung zu bitten. Doch der strenge Cushing lehnt ab und lässt parallel Nachforschungen über Sharpe anstellen, da er bemerkt hat, dass Edith sich von dem erfinderischen Briten angezogen fühlt. Doch kurz darauf ist Cushing tot und Edith als Sharpes Ehefrau mit ihm auf dem Weg zum Familiensitz Allerdale Hall, wo Sharpe mit seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain, "Mama", "Zero Dark Thirty") lebt. Das Geld aus dem Erbe ihres Vaters lässt Edith sich nach England nachschicken, wo es offensichtlich dringend benötigt wird. Denn der Familiensitz erweist sich als vollkommen marodes und verrottendes Anwesen, durch das der Regen etagentief bis in die Eingangshalle fällt und das langsam aber sicher in dem erzhaltigen Lehmboden versinkt, auf dem dieses Ungetüm von Haus thront. Wie unheimlich es in Allerdale Hall, das von den Einheimischen "Crimson Peak" genannt wird, wirklich zugeht, soll Edith schon bald erfahren. Denn sie hat das zweite Gesicht und kann somit Geister sehen. Und von denen zeigen sich einige in dem abbruchreifen Gemäuer und versuchen eindringlich, Edith zu warnen. Doch wovor bloß?

»Let's get real«

"Crimson Peak" ist ein mehr oder weniger klassischer Gruselfilm, der im eher altmodischen Fahrwasser von "Sleepy Hollow" und dem bereits erwähnten "Don't be afraid of the Dark" schwimmt. Eine junge, naive Frau soll an einem ihr gänzlich unbekannten Ort Fuß fassen und wird dort mit Unheimlichkeiten und verborgenen Geheimnissen konfrontiert. Da aber das "Haunted-House"-Subgenre ebenso alt wie reich bevölkert ist mit Filmen ähnlicher Art, ist es kein leichtes Unterfangen, hier noch innovative Akzente zu setzen. Del Toro gelingt dies bei "Crimson Peak" zumindest in visueller Hinsicht. Sein Film ist wunderschön fotografiert, schwelgt abwechselnd in satten Farben und herrlichen rot-weiß-Kontrasten sowie düster-schaurigen Dunkelwelten, deren Ungemütlichkeit förmlich spürbar ist. Auch die Ausstattung des Films ist opulent. Der Zeit angemessen, in der "Crimson Peak" spielt, findet sich im Film eine authentische Ausstattung, sowohl, was die Locations als auch die Kostüme angeht. Wallende Gewänder und klassisch geschnittene Anzüge, funzelige Petroleumleuchten, die ersten Automobile und reich und plüschig ausgestattete Herrenhäuser.

Bis hierhin hat del Toro also alles richtig gemacht. Doch dann patzt er, und das ausgerechnet beim Inhalt. Für die dünne und ziemlich vorhersehbare Story verbraucht er viel zu viel Zeit. Die zahlreichen überschüssigen Minuten füllt er mit viel zu sehr in die Länge gezogenen Szenen und endlosen Wiederholungen gleicher (Grusel)Abläufe. Bis Edith endlich hinter das Geheimnis von Allerdale Hall bzw. der beiden seltsamen Geschwister kommt, hat der Zuschauer schon längst eine recht konkrete Vorstellung davon, was im nasskalten England vor sich geht - und das, obwohl er immer auf demselben Wissensstand ist wie Edith. Immer wieder gerät die Geschichte in den inhaltlichen Leerlauf, werden wieder und wieder polterige Geister bemüht, um Edith zu erschrecken und zu warnen, wandert Edith in die verbotenen Kellergewölbe des Anwesens oder geistert (ha ha) verschreckt auf anderen Ebenen der baufälligen Rumpelbutze herum. Wieder und wieder muss sie den von Lucille angebotenen Tee schlürfen und mit aufgerissenen Augen dunkle Flure hinunterwandeln, die nur durch trüben Kerzenschein befunzelt werden. Das ist auf die Dauer ziemlich ermüdend, eben weil die Story in der Summe so wenig herausfordernd ist.

Bei den prächtigen Bildern fragt man sich allerdings unwillkürlich, was ein Regisseur wie Tarsem Singh aus der Optik des Films noch herausgeholt hätte. Singh hat mit "The Fall" einen Film mit so wunderschönen, einzigartigen Bildern geschaffen (den allerdings ähnliche inhaltliche Probleme plagten wie "Crimson Peak"), dass man sich durch del Toros Bilderwelten unwillkürlich daran erinnert fühlt und vermutet, dass Singh hier noch einen draufgesetzt hätte. Den ansatzweisen Vergleich zu Singhs Film (rein optisch) braucht "Crimson Peak" denn auch nicht zu scheuen. Der Kameramann, Dan Laustsen, ist übrigens Däne, was ein Indikator für seine ausgezeichnete Arbeit sein mag (zu seinen Werken gehören u.a. "Pakt der Wölfe", "Silent Hill" und "Possession").

Das nützt aber leider nichts, wenn der Zuschauer auf der nicht-visuellen Ebene vernachlässigt und mit Durchschnittsgrusel abgespeist wird. Allerdings gelingt es del Toro ein ums andere Mal, den Zuschauer sequenzenhaft tief zu verstören. "Crimson Peak" beherbergt ein paar äußerst drastische Gewalteruptionen. Diese Szenen sind zwar nur kurz, werden aber von del Toro nachgerade zelebriert. Der plötzliche Tod von Cushing zum Beispiel ist extrem brutal und in aller Deutlichkeit abgefilmt. Auch einige später gezeigte Verletzungen fängt del Toro mit ungewöhnlicher Heftigkeit (für so einen altmodisch anmutenden Gruselfilm) ein, darauf ist man weder in dem betreffenden Moment noch generell mit dieser Drastik vorbereitet. Den Horrorfan erfreut dies, wer aber auf einen eher schaurigen als schlächterischen Film eingestellt war, den dürfte hier die ein oder andere böse Überraschung erwarten.

»Players«

Del Toro kann auf einen erfahrenen Cast zurückgreifen, der leider jedoch kaum zeigen kann, was er kann. Die Figurenzeichnung ist überwiegend oberflächlich und auch der beste Schauspieler kann nicht gegen inhaltliche Defizite anspielen. Drei der vier Hauptcharaktere bleiben erstaunlich blass, obwohl auf ihren Schultern der Hauptanteil der schauspielerischen Last liegt. Mia Wasikowska guckt abwechselnd leidend oder erschrocken, ab und an darf sie mal schreiend aufwachen oder ein paar Tränen vergießen. Ansonsten erfährt man nichts über ihre Edith, und leider interessiert man sich somit auch nicht für sie oder ihr Schicksal. Tom Hiddleston gibt einmal mehr den sinisteren Blasshäutigen, kann aber leider nicht überzeugend die verschiedenen hellen und dunklen Facetten seines Charakters aufzeigen, so dass einem auch sein Schicksal letztendlich egal bleibt. Charlie "Sons of Anarchy" Hunnam bleibt hier weit unter seinen Möglichkeiten und verschmilzt so sehr mit der langatmigen Handlung, dass man sich an ihn kaum erinnert. Einzig Jessica Chastain als schwer gestörte Schwester von Thomas Sharpe kann ihrer Rolle ausreichend Profil verleihen, um vom Zuschauer als glaubwürdig empfunden zu werden. Das Böse, das unter der adeligen Oberfläche lauert, wird von Chastain nur mühsam im Zaum gehalten, bald schon brechen sich Angst, Wut und Wahnsinn Bahn. Diese teilweise doch recht differenzierte Darstellung gelingt Chastain ziemlich gut, nachdrücklicher jedenfalls als die Leistungen ihrer Co-Stars.

»Quintessence«

"Crimson Peak" weiß dem Gruselgenre keine neuen Impulse zu versetzen. Zwar gelingt es Regisseur del Toro, seinen Film hübsch gruselig aussehen zu lassen und ein paar wirklich hervorragende Bilderwelten zu kreieren, inhaltlich allerdings hat "Crimson Peak" wenig zu bieten. Die Story ist dünn und vorhersehbar und del Toro weiß sich offensichtlich nicht anders zu helfen, als den Zuschauer mit ein paar unerwartet heftigen Gewaltsequenzen aus dem beginnenden Filmkoma zu reißen. Außerdem kopiert er sich selbst, da "Crimson Peak" immer wieder auch an "Don't be afraid of the Dark" erinnert, dessen Script ebenfalls von del Toro stammt. Der Film ist zu lang, die handelnden Protagonisten sind so oberflächlich gezeichnet, dass sie einen (mit Ausnahme von Lucille) nicht interessieren oder für sich einnehmen können und del Toro arbeitet mit viel zu vielen Wiederholungen nahezu identischer Abläufe. Wer die unerwarteten und heftigen Gewaltsequenzen nicht scheut, den erwartet klassischer Retro-Grusel in stark bebildertem Gewand, aber mit inhaltlichen Defiziten. Für weniger erfahrene Gruselgucker vielleicht durchaus ansehenswert, dem Genrekenner aber höchstens im Vorspulmodus zu empfehlen, da er sonst Gefahr läuft, bei "Crimson Peak" sanft zu entschlummern. Knappe drei von fünf Schaufelbaggern, die nichts Spektakuläres zutage fördern.


Kill Billy
Kill Billy
DVD ~ Björn Sundquist
Preis: EUR 18,99

3.0 von 5 Sternen Kidnapping Kamprad, 4. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Kill Billy (DVD)
(Kinoversion)

»Intro«

Obwohl ich mit nordischen Kinofilmen in letzter Zeit eher durchwachsene Erfahrungen gesammelt habe, habe ich beschlossen, mich nach den eher mäßig guten Filmen "Erlösung", "Die Kommune" und "What we become" (alles dänische Produktionen) trotzdem dem norwegischen "Kill Billy" zuzuwenden. Der Trailer versprach Kurzweil, und dass der Norweger auch lustig sein kann, wissen wir spätestens sei "Die Kunst des negativen Denkens". Leider jedoch ist es Regisseur und Drehbuchautor Gunnar Vikene nicht sonderlich gut gelungen, seinem Film die nötige Portion Galgenhumor und ausreichend Tempo angedeihen zu lassen, um daraus ein kurzweilige Komödie zu machen. "Kill Billy" plätschert eher mild-humorvoll vor sich hin und lässt sarkastischen Biss zuweilen stark vermissen. Schade eigentlich.

»Wassup?«

Harold (Bjørn Sunquist, "Dead Snow") kann auf eine über 40jährige Karriere als Geschäftsführer eines kleinen Möbelgeschäftes zurückblicken. Diese allerdings endet plötzlich, als direkt neben Harolds Geschäft eine IKEA-Filiale aufmacht. Vorerst ergeht Harold sich in wortkarger Grummeligkeit, als aber seine demenzkranke Frau plötzlich stirbt und er sein Geschäft endgültig aufgeben muss, fasst Harold einen Entschluss. Nun, zwei, um genau zu sein. Nachdem sein Plan A, sich selbst samt Geschäft in Brand zu setzen, nur halb gelingt (heißt: Geschäft brannte, Harold nicht), beschließt Harold, sich an dem Mann zu rächen, den er für all das verantwortlich macht: IKEA-Gründer Ingvar Kamprad (Björn Granath, "Verblendung"). Nach ein paar anfänglichen Pannen gelingt es dem Amateur-Kidnapper tatsächlich, den Geschäftsmann zu entführen. Doch was nun? Und vor allem: Wohin mit dem Entführungsopfer? Kamprad hingegen ist nur semi beunruhigt ob seiner an sich prekären Lage. Findet sich so doch endlich mal wieder Zeit, sich mit Anderen in Ruhe zu unterhalten. Im tief verschneiten Älmhult in Schweden bekommt Harold zwar unverhofft Hilfe von der jungen Ebba (Fanny Ketter, "Die Brücke"), aber irgendwie hatte Harold sich das alles anders vorgestellt…

»Let's get real«

…und ähnlich geht es dem Zuschauer. "Kill Billy" ist ein wunderbares Negativbeispiel dafür, alle lustigen Szenen bereits im Trailer zu verbraten. Das, was dann noch übrigbleibt, ist zwar nicht wirklich schlecht, aber doch eher zäh wie Kaugummi. Was umso bedauerlicher ist, weil der Film durchaus humoristisches Potenzial hat. Leider schöpft Regisseur Vikene dieses kaum aus, so dass sein Film ziemlich handzahm geraten ist. Auch die verschiedenen Nebenstränge verwirren eher, als dass sie überzeugen können. Da gibt es ein paar Szenen mit Harolds kranker Frau, ein paar merkwürdige Gespräche zwischen Harold und seinem Sohn, und dann wäre da noch die junge Ebba, deren Mutter mal erfolgreiche Bodenturnerin war, jetzt aber an der Flasche hängt und sich nicht um ihre Teenager-Tochter kümmert. "Wassollas?" fragt man sich da ein ums andere Mal, da diese Nebenhandlungen weder amüsant noch dramatisch noch notwendig für "Kill Billy" sind. So wirken sie denn wie das, was sie vermutlich auch sind: Überbrückungs- und Zeitschindeszenen, bis es mit der eigentlichen Story weitergeht.

Und selbst die wirkt irgendwie…unschlüssig. Trotz Harolds immenser Wut auf Kamprad verhält er sich gegenüber dem IKEA-Gründer ziemlich human. Zwar wird dieser anfangs gefesselt und geknebelt, aber schon bald kann sich Kamprad recht frei in seiner neuen "Unterkunft" bewegen und schwallert seinen Entführer mit allerlei Unwichtigkeiten voll. Ach, dass Harold die Hilfe eines Teenagers benötigt, um seinen Plan auch nur halbwegs erfolgreich umzusetzen, ist der Stimmigkeit der Geschichte auch nicht gerade zuträglich. Dilettantismus also allerorten, was den Zuschauer mit zunehmender Laufzeit latent verdrießlich stimmt.

Glücklicherweise gelingen Vikene zumindest einige Wortduelle zwischen Kamprad und Harold oder zwischen Harold und Ebba. Der emotional vernachlässigte Teenager konfrontiert Harold mit einigen unangenehmen Wahrheiten, die des Öfteren zum Schmunzeln einladen, und auch Kamprad ist für ein paar amüsante One-Liner gut. Die Handlung allerdings gibt selbst für nur 87 Minuten Laufzeit zu wenig her und wird somit irgendwann dann doch langweilig.

»Players«

Den Schauspielern hingegen ist nichts vorzuwerfen. Wie üblich in nordischen Produktionen wird hier beste Qualität abgeliefert. Für die ungenaue und zu oberflächliche Charakterisierung der Protagonisten können ja die Darsteller nichts, dies muss man wohl oder übel Vikenes Script anlasten. Allerdings eignet sich somit auch keine der Rolle, um sich hier darstellerisch groß zu profilieren. Solide Schauspielarbeit, nicht mehr, nicht weniger.

»Quintessence«

Man muss es leider so sagen, wie es ist: "Kill Billy" ist ein netter Film (was ja normalerweise das Todesurteil für ein cineastisches Werk ist). Nette Filme gibt es so viele wie schlechte Filme, in die Riege der wirklich guten cineastischen Produktionen kann sich "Kill Billy" leider nicht einreihen. Und auch dem Ruf der ansonsten überwiegend grandiosen nordischen Produktionen schadet "Kill Billy" ein wenig. Zu handzahm, zu wenig komisch, fehlendes Tempo und die absente Dramaturgie machen "Kill Billy" zu einem leidlich amüsanten Film mit allzu deutlichen Längen und überflüssigen Nebenhandlungen. Viel mehr Sarkasmus und besseres Timing hätten aus "Kill Billy" eine schön-schwarze nordische Komödie machen können. Weil das aber alles nun auch nicht wirklich schlecht und doof ist, gerade noch mal drei von fünf Billy-Regalen, deren Aufbau mitunter wahrscheinlich spannender ist als dieser Film.


Das Haus des Todes: Thriller
Das Haus des Todes: Thriller
von Paul Cleave
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Wie du mir, so ich dir, 1. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Haus des Todes: Thriller (Taschenbuch)
»Intro«

Mittlerweile habe ich das vorletzte Buch von Paul Cleave, dem neuseeländischen Thriller-Schriftsteller zu fassen. Eine weitere Veröffentlichung liegt momentan noch vor, bevor im August dieses Jahres ein neues Werk von Cleave erscheinen wird. Nach einigen eher enttäuschenden oder zähen Werken kriegt Cleave mit "Das Haus des Todes" endlich wieder die (Spannungs)Kurve und liefert einen temporeichen, abgründigen und abartigen Thriller ab, der nicht mit blutigen Details geizt und die Spannung fast über die gesamte Seitenzahl konstant halten kann. Geht doch, Paul!

»Writer«

Paul Cleave wurde 1974 in Christchurch, Neuseeland geboren. Er arbeitete jahrelang in einer Pfandleihe, bevor er 1999 mit dem Schreiben begann. Sein erster Roman, der aber erst nach "Der siebte Tod" veröffentlicht wurde, hieß "Die Stunde des Todes" und erschien 2008. Bereits 2007 erschien "Der siebte Tod", darauf folgten 2009 "Die Toten schweigen nicht", 2010 "Der Tod in mir", 2011 "Die Totensammler", 2012 "Das Haus des Todes", 2013 "Opferzeit" und 2015 "Der Fünf-Minuten-Killer". Im August 2016 folgt Cleaves nächstes Werk, "Zerschnitten". Wenn Cleave nicht gerade schreibt, renoviert er Häuser. Er lebt in Christchurch.

»Wassup?«

Caleb Cole hat einen Plan. Nach 15 Jahren frisch aus dem Gefängnis entlassen, will er nur eins: Rache für das Leben, das man ihm genommen hat. Verursacht durch den grausamen Mord an seiner damals zehnjährigen Tochter. Den seine Frau - mit dem ungeborenen zweiten Kind im Leib - nicht verwinden konnte, und sich umgebracht hat. Caleb ist allein und bereit, Rache an all denen zu nehmen, die er für den Tod seiner Tochter und die Zerstörung seiner Familie verantwortlich macht. Heute Nacht sollen sie alle sterben. Einem Psychiater jedoch und seinen drei Töchtern hat Cole eine ganz besondere "Behandlung" zugedacht: Der Arzt soll entscheiden, in welcher Reihenfolge seine Kinder sterben sollen. Und er soll dabei genauso leiden wie Cole damals, als er alles verlor. Doch die Polizei um Detective Schroder und den frisch in den Polizeidienst retournierten Detective Tate ist Cole auf den Fersen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn finden…dort, auf dem Gelände des alten Schlachthofs, wo einst Coles Tochter sterben musste…

»Let's get real«

Wie üblich fackelt Paul Cleave nicht lange und stürzt den Leser mitten hinein in seine grausame fiktionale Welt, in der es immer wieder um Rache, Psychopathen und ausgelaugte, aber unnachgiebige Cops geht.

Und auch hier - wie schon in vorangegangenen Romanen - hebt Cleave die Spannung durch verschiedene Erzählperspektiven. So kann man hier dem Geschehen einmal aus Coles Sicht und einmal aus der von dem wieder in den Polizeidienst erhobenen Detective Tate folgen. Abwechselnd geraten hier Jäger und Gejagter in den Fokus, je nachdem, auf welchem Ermittlungsstand die Polizei ist bzw. wie weit Cole vorausdenken und erahnen kann, was die Polizei als Nächstes vorhat.

Darüber hinaus erfährt der Leser wie immer auch wieder etwas mehr über die konstanten Figuren, die in allen Romanen Cleaves auftauchen, vorrangig die Detectives Schroder und Tate. Es hat durchaus etwas für sich, das Schicksal dieser Antihelden stetig weiter verfolgen zu können. Gleichzeitig ist es für Neu- oder Quereinsteiger in Cleaves blutig-grausame Welten ohne Probleme möglich, der Handlung zu folgen, da Cleave an den notwendigen Stellen Wichtiges aus der Vergangenheit der Stamm-Protagonisten preisgibt, so dass sich auch Cleave-unerfahrene Leser in dessen Universum zurechtfinden. Interessanter ist es natürlich für die Leser, die alle Romane von Cleave (möglichst in chronologischer Reihenfolge) gelesen haben, da sie ggf. einen größeren Bezug zu den Figuren aufbauen konnten. Mir geht es mittlerweile durchaus so, dass ich wissen möchte, wie es für Tate und Schroder weitergeht, da beide herbe Schicksalsschläge oder Verluste hinnehmen mussten und man sich fragt, wie sie aus dem ein oder anderen Schlamassel wieder hinausgelangen werden.

Leider erreicht jedoch auch dieser Roman nicht die Humordichte, die Cleaves Erstling "Der siebte Tod" auszeichnete. Auch hier blitzt Cleaves sarkastische Ader immer mal wieder durch, aber der ironische Grundton, den "Der siebte Tod" durchzog, fehlt auch hier leider. Dafür gibt es erneut detaillierte und wenig ansprechende Beschreibungen gewisser körperlicher Befindlichkeiten, hier wird weder an Blut, Rotz, Kotze oder ähnlichem gespart. Nicht zwingend notwendig, wie ich finde, aber auch recht leicht zu ignorieren, indem man einfach drüber weg liest.

Umso besser gelingt es Cleave, seine Geschichte wirklich temporeich und spannend zu erzählen. Nur Stück für Stück gibt Cleave weitere Informationen und Zusammenhänge preis, so dass für den Leser fast bis zum Ende nicht das ganze blutige Bild sichtbar ist, das Cleave hier gezeichnet hat. Und wer schon ein paar Cleave-Romane gelesen hat, weiß, dass der Autor dem Leser gerne noch einen letzten Schlag in den Nacken versetzt, so dass man meist gar nicht umhin kann, auch das Folgewerk zu ordern, um zu wissen, welche Auswirkungen dieser Nackenschlag für den ein oder anderen Protagonisten gehabt haben könnte. Dennoch sind Cleaves Geschichten in sich abgeschlossen, so dass das Lesen weiterer Romane ein Option, aber kein Muss ist.

»Quintessence«

"Das Haus des Todes" ist ziemlich spannend und abgründig geworden. Cleave konzentriert sich auf das Wesentliche und präsentiert dem Leser eine temporeiche und bös-blutige Story, die fast durchgehend spannend geraten ist. Kleine Längen und ein paar Ekligkeiten steckt der Cleave-erfahrene Leser mittlerweile gut weg, einigen gefallen solch detaillierte Darstellungen ja vielleicht auch. Gen Ende müssen einige schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden, die gravierende Konsequenzen nach sich ziehen werden. Darüber hinaus erfährt man dann wohl mehr im nächsten Roman, "Der Fünf-Minuten-Killer". "Das Haus des Todes" jedenfalls ist sehr gute neuseeländische Thrillerkost für Freunde des Blutigen und Abgründigen. Vier von fünf Todeshäusern, die man hoffentlich nie zu sehen bekommt.


Die Totensammler: Thriller
Die Totensammler: Thriller
von Paul Cleave
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen The Collector, 28. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Totensammler: Thriller (Taschenbuch)
»Intro«

Weiter geht es mit den Thrillern von Paul Cleave, dem neuseeländischen Schriftsteller vom anderen Ende der Welt. In seinem fünften Roman, der wie immer in Christchurch spielt, geht es - wie in den Vorgängerwerken ebenfalls, um einen oder mehrere Serienmörder. Wenn man Cleaves Bücher so liest und noch nicht in Neuseeland bzw. Christchurch war, könnte man meinen, diese Stadt wäre der schlimmste Sündenpfuhl überhaupt, bevölkert von unzähligen kranken Gestalten und einer Restbevölkerung, die entweder depressiv oder desinteressiert ist. Glücklicherweise ist dies aber reine Fiktion. Christchurch ist eine wunderhübsche Stadt mit sehr wenigen "schlimmen" Ecken, für mich eine der schönsten Städte der Welt. Und auch Cleave erklärt in einer seiner Danksagungen am Ende seiner Bücher, dass er seine Heimatstadt innig liebt und gerne in Christchurch lebt. Die Verunglimpfung ist lediglich ein Produkt seiner schriftstellerischen Freiheit.

»Writer«

Paul Cleave wurde 1974 in Christchurch, Neuseeland geboren. Er arbeitete jahrelang in einer Pfandleihe, bevor er 1999 mit dem Schreiben begann. Sein erster Roman, der aber erst nach "Der siebte Tod" veröffentlicht wurde, hieß "Die Stunde des Todes" und erschien 2008. Bereits 2007 erschien "Der siebte Tod", darauf folgten 2009 "Die Toten schweigen nicht", 2010 "Der Tod in mir", 2011 "Die Totensammler", 2012 "Das Haus des Todes", 2013 "Opferzeit" und 2015 "Der Fünf-Minuten-Killer". Im August 2016 folgt Cleaves nächstes Werk, "Zerschnitten". Wenn Cleave nicht gerade schreibt, renoviert er Häuser. Er lebt in Christchurch.

»Wassup?«

Kaum wird der ehemalige Polizist und Privatdetektiv Theodore Tate nach vier Monaten aus dem Gefängnis entlassen, bekommt er auch schon Besuch. Allerdings von jemandem, mit dem er nicht gerechnet hat. Ausgerechnet der Vater des Mädchens, welches Tate vor einem Jahr im Alkoholrausch angefahren und schwer verletzt hat, steht vor seiner Tür. Damals wollte Donovan Green Tate umbringen, jetzt bittet er ihn um Hilfe, da seine Tochter Emma nach ihrer Schicht im Café verschwunden ist. Während Tate herauszufinden versucht, was mit Emma geschehen ist, muss sich Detective Schroder weiter mit der Suche nach der geheimnisvollen Melissa X beschäftigten, einer Serienmörderin, nach der die Polizei schon lange sucht. Und dann wäre da noch Adrian, der sich so gerne eine Sammlung zusammenstellen möchte. Eine ganz außergewöhnliche Sammlung…und dazu entführt er erstmal den Uni-Dozenten und Kriminologen Cooper Riley und bringt ihn in die verlassene Heilanstalt Grover Hills, wo sich Adrian einst sehr zu Hause gefühlt hat…Wird es Riley gelingen, seinem Entführer zu entwischen? Wo ist Melissa X? Was ist mit Emma Green passiert? Wurde sie entführt oder gar ermordet? Und vor allem: Wird Theodore Tate das alles noch rechtzeitig herausfinden?

»Let's get real«

Mit "Die Totensammler" ist Cleave glücklicherweise wieder ein ziemlich spannender und abgründiger Thriller gelungen. Hier hält Cleave sich nicht (wie z. B. in "Die Toten schweigen nicht") ewig lang mit den mentalen Befindlichkeiten seiner Protagonisten auf, sondern teilt sie relativ geradlinig in Schwarz und Weiß auf. Auf der einen Seite die bösen und kranken Killer, auf der anderen die redlich bemühten Cops, die den Grausamkeiten Einhalt gebieten wollen und dafür Schlaf und Ernährung hintanstellen. Natürlich ist das eine ziemlich stereotype Darstellung, aber bei einem Buch über einen Serienkiller will ich einfach nicht ständig mit den langatmigen Gedankenergüssen privater Ermittler oder Polizisten konfrontiert werden.

Und obwohl Cleave nicht mit Klischees spart (in der Kindheit misshandelte Außenseiter werden natürlich später zu wahnhaften Killern, in psychiatrischen Anstalten wird missbraucht und gefoltert, was das Zeug hält etc. pp.), gelingt ihm hier ein abgründiger und gleich auf mehreren Ebenen spannender Thriller. Dies wird auch durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven unterstützt. Das Geschehen wird abwechselnd von dem durchgeknallten Adrian, vom sich langsam wieder berappelnden Ex-Cop Tate und zwischendrin auch vom Entführungsopfer Riley geschildert, was dem Leser Einblick in die verschiedenen Denkwelten der Protagonisten gewährt.

Cleaves Romane haben ein paar konstant wiederkehrende Charaktere, die mal eine größere Rolle (Tate, Schroder) spielen, mal nur am Rande auftauchen. Sicher ist der Leser, der alle Romane von Cleave kennt, hier ein wenig im Vorteil, aber im Großen und Ganzen erklärt Cleave in seinen jeweiligen Büchern immer kurz, wer wer ist, so dass auch Cleave-Unerfahrene hier keine allzu großen Fragezeichen im Gesicht haben dürften. In diesem Roman nimmt Cleave allerdings etwas mehr Bezug auf eins seiner Vorgängerwerke, dessen Unkenntnis aber dennoch kein großer Nachteil ist. In "Die Toten schweigen nicht" wir die Ausgangssituation für einen Teilaspekt der Story in "Die Totensammler" gelegt. Dieser liegt in dem Unfall begründet, den Tate damals verschuldet und bei dem er die hier verschwundene Emma Green schwer verletzt hatte. Der damals ziemlich wütende Vater von Emma wollte eigentlich nie wieder etwas mit dem Mann zu tun haben, der seiner Tochter solche Schmerzen bereitet hatte, taucht nun aber doch wieder auf, um ebendiesen zu engagieren, die Verschwundene zu finden. Das ist mehr oder weniger schon alles, was man als Hintergrund wissen muss, für das Verständnis dieser Story ist dies aber nur von marginaler Bedeutung.

Cleave gelingt die Zeichnung seiner Psychopathen hier wieder erstaunlich gut, sie sind zwar total krank im Kopf, man bekommt aber wenigstens ein paar Erklärungen an die Hand, wie es dazu kommen konnte. In diesem Zusammenhang gelingt Cleave auch die ein oder andere überraschende Wendung und natürlich fehlen auch die mittlerweile cleavetypischen Ekligkeiten nicht, die sich auf Körperflüssigkeiten jeglicher Art beziehen oder Verletzungen detailliert beschreiben.

Die Handlung schreitet zügig voran, hier muss man glücklicherweise nur wenig querlesen, keine Selbstverständlichkeit bei Cleaves Romanen. Lediglich diverse Umstands- oder Örtlichkeitenbeschreibungen kann man überfliegen, ansonsten folgt man dem Geschehen interessiert. Cleave liefert verschiedene Möglichkeiten, die Story spannend zu halten: Zum einen wäre da die Suche Tates nach Emma Green und seine Entdeckungen, die ihn auf die Spur von Adrian bringen, zum anderen verfolgt man gebannt, wie Adrian sich als "Sammler" so schlägt und wie sein Opfer versucht, Adrian wahlweise zu manipulieren oder zu flüchten. Dazu noch ein wenig Fortschreibung an Theodore Tates Vita und interessante Zusatzinformationen zu Charakteren aus vorherigen Büchern, die hier am Rande Erwähnung finden (es gibt z. B. wieder ein Puzzlestück mehr zu Melissa X und deren Leben, bevor sie zur Killerin wurde und auch Edward Hunter, der Selbstjustizkiller aus "Der Tod in mir", kommt kurz vor).

»Quintessence«

"Die Totensammler" ist einer der besseren Romane von Paul Cleave. Tatsächlich gibt es an diesem spannenden, abgründigen Thriller nicht viel auszusetzen. Die Story ist recht komplex und wird durch die verschiedenen Erzählperspektiven zügig vorangetrieben. Oftmals kann man nicht wirklich vorhersehen, was als Nächstes geschehen wird, so dass der Leser stets an der kurzen Spannungsleine gehalten wird. Und trotz der Bedienung einiger Klischees und gewisser Stereotypen ist "Die Totensammler" ein dramaturgisch gelungener und cleverer Pageturner, dessen kleine Mankos nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Und irgendwie hat man - zumindest als regelmäßiger Leser von Cleaves Publikationen - die wiederkehrenden Protagonisten langsam auch ins Herz geschlossen. Oder sich zumindest an sie gewöhnt. Man kennt sich halt. Insofern hier vier von fünf Sammlerstücken, die in keine Vitrine passen.


The House At The End Of Time
The House At The End Of Time
DVD ~ Ruddy Rodríguez
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Zeitschleife, 24. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: The House At The End Of Time (DVD)
»Intro«

Da ich diesen Film vor ein paar Jahren auf dem Fantasy Filmfest nicht sehen konnte, habe ich die Gelegenheit genutzt und mir nun die TV-Ausstrahlung auf Silverline angesehen. Und war mal wieder positiv überrascht. So viele Gurken ich auf dem Festival auch schon gesehen habe, es sind immer mal wieder so gelungene Überraschungen wie diese dabei. Denn bei diesem Film handelt es sich nicht nur um das Erstlingswerk des Venezolaners Alejandro Hidalgo, der darüber hinaus das Drehbuch verfasst und den Film auch mit produziert hat, "The House at the End of Time" ist auch noch der erste in Venezuela produzierte Horrorfilm überhaupt. Und das Beste daran ist: Der Film ist wirklich gut. Nicht perfekt, aber ziemlich gelungen. In 101 Filmminuten erzählt Hidalgo eine klassisch-schaurige Mystery-Horrorstory, bei der man wohlwollend das gänzlich Unamerikanische der Inszenierung zur Kenntnis nimmt. Es fällt einfach angenehm auf, wenn dem Zuschauer mal nicht mit dem Holzhammer jede mystische Wendung eingeprügelt wird, sondern der Regisseur Raum für die eigene Kombinations- und Entdeckungsfähigkeit des Zuschauers lässt und manchmal nur mit Gesten statt Worten auskommt.

»Wassup?«

Dulce (Ruddy Rodríguez) wurde 1981 verhaftet und des Mordes an ihrem Ehemann Juan José (Gonzalo Cubero) beschuldigt. Auch mit dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Leopoldo (Rosmel Bustamante) soll sie etwas zu tun haben, obwohl Dulce ihre Unschuld an beiden Vorfällen beteuert und das baufällige Haus, in dem sie wohnt, für Mord und Entführung verantwortlich macht. 30 Jahre später wird Dulce aus dem Gefängnis in den Hausarrest entlassen und kehrt, bewacht von zwei Polizisten, zurück in die abrissreife Villa der damaligen Tragöde. Als einzige Gesellschaft erweist sich ein junger Priester (Guillermo Garcia), der an Dulces Unschuld glaubt und anfängt, über die unheimliche Villa zu recherchieren. Alle 30 Jahre, so findet er heraus, verschwinden alle Bewohner der Villa spurlos. Und nun, 2011, ist es wieder so weit, wie Dulce bald bemerken soll. Der Spuk geht von Neuem los und Dulce will nun ein für alle Mal herausfinden, was mit ihrem Sohn geschehen ist.

»Let's get real«

"The House…" nimmt anfangs nur langsam Fahrt auf. Regisseur Hidalgo nimmt sich viel Zeit dafür, seine Protagonisten vorzustellen, und so manches Mal wundert man sich ob der Nichtigkeiten, die der Regisseur abfilmt. Als es in der zweiten Filmhälfte aber deutlich temporeicher und spannender zugeht, begreift der Zuschauer, wozu die anfängliche Detailverliebtheit gut war. Die nur scheinbar "unwichtigen" Sequenzen erweisen sich für den aufmerksamen Zuschauer nun als gelungene Erklärung für die Zwischenfälle im Haus und den Verbleib einiger Charaktere.
Auch scheut Hidalgo sich nicht, seine phantastisch-mystische Filmidee gekonnt auszuformen. Nicht nur, dass in der Gegenwart und natürlich einer düsteren Vergangenheit seltsame Dinge in diesem alten Haus geschehen (was genrekonform ist), nein, auch eine Ebene, die noch in weiter Ferne liegt, wird von Hidalgo mit eingebaut. Darüber hinaus erweist sich der Regisseur überaus geschickt darin, die verschiedenen Zeitebenen zu verknüpfen bzw. sich überlappen zu lassen. Was man anfangs vielleicht nur schemenhaft oder am Rande wahrgenommen hat, klärt sich in der zweiten Filmhälfte endgültig auf und beschert dem Zuschauer gleich mehrere "Aha"-Erlebnisse. Und auch, wenn man sicherlich schon Einiges im Voraus erahnen konnte, gelingt es Hidalgo dennoch, ein paar überraschende Wendungen zu platzieren und diese, wie schon eingangs erwähnt, so subtil und non-verbal in die Handlung zu integrieren, dass das Zusehen und Mitdenken richtig Spaß macht.

Natürlich ist "The House…" kein wirklich innovativer Film, auch, wenn er aus Venezuela kommt. Aber Regisseur Hidalgo kennt sich gut genug im Genre aus, um altbekannte Versatzstücke (unheimliches Haus, plötzliches Verschwinden, geheimnisvolle Bewohner) nicht nur einfach zu kopieren, sondern ihnen durch ein paar geschickte Wendungen einen wenigstens halbwegs frischen Anstrich zu verleihen. "The House…" überrascht - und das ist vielleicht das Überraschendste an diesem Film.

Der Film-Look hingegen wirkt - zumindest in der Fernsehversion - ziemlich verwaschen und irgendwie "staubig". Natürlich bieten sich dunkle Ecken, schmutzige Wände und staubige Möbel an, wenn man die Settings für einen Gruselfilm erschafft. Aber irgendwie sieht es eher so aus, als hätte Hidalgo seine Kameralinse nicht richtig saubergemacht. Aber dies mag vielleicht wirklich dem Medium geschuldet sein und die Blu Ray- oder DVD-Qualität mag von der der Fernsehausstrahlung positiv abweichen.

"The House…" tut der außer-amerikanische Look gut, auch wenn der Film vorrangig in der alten Villa spielt. Auch wenn sich die Story gewisser Stereotypen nicht erwehren kann, tut es dem Film gut, über ein paar Locations zu verfügen, die man in den ansonsten vorrangig aus den USA kommenden Produktionen nicht zu sehen bekommt. Sei es der trostlose Bolzplatz oder die Inneneinrichtung des Hauses, alles wirkt auf angenehme Weise ein bisschen anders.

»Players«

Die hierzulande unbekannten Darsteller machen ihre Sache gut. Sie überzeugen als teilweise unsympathische, vom Schicksal schwer geplagte und unglückliche Menschen. Umgibt die Erwachsenen ein feiner Nebel aus Unzufriedenheit, Erschöpfung und Frustration, wirken die Kinder eher anstrengend und ungestüm in ihren Rollen. Man kann also nicht wirklich sagen, dass einem die Protagonisten sympathisch sind, dennoch ist man an ihrem Schicksal interessiert und bemerkt aufatmend, dass die Darsteller ihren Job verstehen. Schade nur, dass den Maskenbildnern das Antlitz der um 30 Jahre gealterten Dulce so schlecht gelungen ist, hier machen sich dann vielleicht doch die Engpässe im Budget bemerkbar.

»Quintessence«

"The House at the End of Time" hat mich auf angenehme Weise überrascht. Ich erinnere mich noch, dass ich diesen Film damals gar nicht sehen wollte, weil mir schon der Trailer so langweilig erschien. Doch glücklicherweise habe ich mich diesmal getäuscht und dem Film im Fernsehen eine Chance gegeben. "The House…" verfügt weder über besonders einnehmende Protagonisten noch das stets richtige Tempo, und auch die Ausstattung wirkt recht trostlos und schäbig, aber Regisseur Hidalgo ist dennoch ein ziemlich unheimliches Drama mit phantastischen Anklängen gelungen. Der Fantasy-Horror wird nur an sehr wenigen Stellen kurz blutig, vielmehr ist "The House…" ein Drama um eine Frau, deren Leben schon vor den Vorfällen im Haus nicht leicht war und es nach 30 Jahren Gefängnis und dem erneut auftretenden Spuk erst recht nicht ist, und die einzig und allein nach Erlösung ihres jahrzehntelangen Leidens strebt. Ein interessanter und guter venezolanischer Genrebeitrag, der zwar langsam aus der Hüfte kommt, dann aber in einem spannenden und in sich schlüssigen Finale mündet. Deshalb gerne vier von fünf alten Häusern, die so manches Geheimnis bergen.


Erlösung [Blu-ray]
Erlösung [Blu-ray]
Preis: EUR 15,99

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Herr, hilf!, 14. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Erlösung [Blu-ray] (Blu-ray)
»Intro«

Mit "Erlösung" (Im Original "Flaskepost fra P") folgt die dritte Verfilmung der auf zehn Teile angelegten Thrillerreihe des dänischen Autors Jussi Adler Olsen um den Kommissar Carl Mørck. Führte in den ersten beiden Teilen noch Mikkel Nørgaard Regie, nahm nun Hans Petter Moland ("Ein Mann von Welt") auf dem Regiestuhl platz. Und liefert damit den für mich schwächsten Teil der Reihe ab. Vermutlich liegt dies nicht mal, oder zumindest nicht ausschließlich an der Buchvorlage, sondern an den inhaltlichen und inszenatorischen Patzern, die Moland sich hier ein ums andere Mal leistet. Der Film ist vorhersehbar, unlogisch, hat in seinen 116 Minuten etliche Längen und strotzt vor Ungereimtheiten oder unglaubwürdigen "Zufällen". Vermutlich hat Moland hier wichtige Teile und Zusammenhänge aus der Buchvorlage herausgekürzt, was "Erlösung" bestenfalls zu einem mittelmäßigen Thriller macht. Schade, Nørgaard hat in den ersten beiden Verfilmungen vorgemacht, wie man die Adler Olsen-Bücher spannend, komplex und abgrundtief böse inszeniert, Moland gelingt dies nur in wenigen Filmminuten.

»Wassup?«

Kommissar Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas, "Men & Chicken") ist von seinem letzten Fall psychisch noch angeschlagen und erscheint nicht in seinem Sonderdezernat Q, was seinem Assistenten Assad (Fares Fares, "Kind 44") mehr und mehr Sorgen macht. Als dem Dezernat eine ausgeblichene, mit Blut geschriebene Flaschenpost-Nachricht zugespielt wird, die vermuten lässt, dass vor Jahren ein oder mehrere Kinder entführt wurden, reicht es Assad und er holt Mørck mit sanfter Gewalt ins (Polizei)Boot zurück. Denn gerade wurden wieder zwei Kinder entführt, die in einer streng religiösen Gemeinde in Jütland gelebt haben. Doch genau wie damals haben die Eltern keine Vermisstenanzeige erstattet. Der in der Gegend aufgetauchte Missionar Johannes (Pål Sverre Hagen, "Kon-Tiki") scheint irgendwie in den Fall verwickelt zu sein. Für Mørck und Assad beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn von den damals zwei entführten Brüdern ist nur einer lebend zurückgekehrt…

»Let's get real«

Zunächst einmal stellt man fest, dass "Erlösung" eine recht simple und schnell durchschaubare Geschichte erzählt. Im Gegensatz zu den herrlich komplexen, düsteren und spannenden Vorgängerfilmen ist "Erlösung" sehr geradlinig und somit wenig überraschend. Schnell wird die Identität des Entführers preisgegeben, auch wenn sein Motiv vorerst im Dunkeln bleibt. Doch selbst wenn man irgendwann erkennt, was zu des Entführers Tun geführt hat, bleibt man unbefriedigt zurück. Die Erklärung ist psychologisch wenig nachvollziehbar und offenbart mehrere Logiklücken (zumindest denen, die sich ein bisschen mit Profiling und Serienmördern auskennen).

Da der Täter so schnell enttarnt wird, hofft man nun wenigstens auf eine spannende, gefährliche und wendungsreiche Hatz - und wird abermals enttäuscht. Es erregt eher Mitleid, wie hilflos und stümperhaft Mørck und Assad durch ihren Fall stolpern - bis Mørck mal wieder ein Geistesblitz kommt, der abermals jeglicher Logik spottet, sie aber dem Täter natürlich wieder ein Stück näher bringt. Die üblichen menschlichen Kollateralschäden nimmt man da kaum noch zur Kenntnis, weil einem diese Charaktere entweder nur oberflächlich vorgestellt wurden oder einem schlicht deshalb egal sind, weil sie irgendwie auch ein Stück selbst für das verursachte Elend verantwortlich sind.

Für Atheisten dürfte erschwerend hinzukommen, dass Adler Olsen oder Moland ihre beiden Kommissare gestelzt und künstlich wirkende Glaubensdiskussionen führen lassen. Misanthrop Mørck glaubt natürlich an gar nichts außer dem Schlechten im Menschen, Assad hingegen glaubt an eine übergeordnete Macht, die Kraft und Mut spenden kann. Da aber auch diese Diskussionen nur kurz während ein paar Autofahrten angerissen und kaum vertieft werden, haben sie leider keinen Mehrwert für den Film, sondern wirken seltsam unecht und überflüssig.

Zwar kann man auch "Erlösung" eine gewisse Spannung und Abgründigkeit nicht absprechen, aber alles in allem überwiegen die Ungereimtheiten, "Zufälle" und Logikpatzer. Dennoch mag ich die Figur des Carl Mørck - dieser misanthropische Grummelkloß mit angeschlagener Psyche und fehlendem Taktgefühl sorgt immer wieder für Heiterkeit, wenn er wieder einmal seine fehlende Empathie oder schlicht sein Unverständnis für Zwischenmenschliches offenbart. Wie bereits in den Vorgängerfilmen funktioniert auch hier die Dynamik des ungleichen Ermittlerduos. Assad ist der Ruhepol, der Ausgleichende, Beruhigende und Besonnene. Mørck ist der Getriebene, Ungeduldige und Schroffe, der sowohl psychisch als auch physisch gern über das Ziel hinausschießt. Abgesehen von den überflüssigen Religionsdiskussionen sind die Dialoge zwischen Assad und Mørck die einzigen humoristischen Lichtblicke in den meist sehr düsteren Fällen, in denen die Beiden ermitteln müssen.

Ist schon die Täterzeichnung grob fahrlässig und in ihren Aktionen nicht wirklich nachvollziehbar, bleiben alle weiteren Charaktere noch oberflächlicher. Ob das nun die tiefgläubigen und verzweifelten Eltern der just entführten Kinder sind, ein ehemaliges Entführungsopfer, die seltsame Frau, zu der Johannes Kontakt pflegt, Rose, die Dritte im Ermittlerteam um Assad und Mørck, eine Polizeikollegin aus Jütland usw. usf. Vernachlässigte Randfiguren, allesamt.

»Players«

Wie üblich ist den dänischen Schauspielern hier kein Fehlverhalten anzulasten. Nikolaj Lie Kaas als mürrischer Einzelgänger überzeugt erneut, allerdings erfährt man hier kaum mehr über seinen Charakter, als man aus den Vorgängerfilmen bereits weiß. Auch Fares Fares' Figur Assad werden keine charakterlichen Tiefgründigkeiten gegönnt, somit ist es ein Leichtes für Fares, seinen Part einfach runterzuspielen. Jakob Oftenbro, der hübsche Däne aus "When Animals Dream", wird durch einen Bart verunstaltet und hat leider nicht mehr zu tun, als trotzdem hübsch auszusehen. Und der Bösewicht, Pål Sverre Hagen, kann hinter seiner milchgesichtigen Handsomeness wenigstens ab und an die Abgründe seines Charakters aufblitzen lassen. Die Darsteller überzeugen, ihre Figurenzeichnung bedauerlicherweise oft nicht.

»Quintessence«

Von der Presse als "bester Teil der Reihe" gelobt und für spannend und böse befunden, schwimme ich mal wieder gegen den Strom und behaupte, "Erlösung" ist der schwächste Teil der Reihe. Die Story ist dünn und vorhersehbar, die Charaktere schablonenhaft und kaum empathiegenerierend, die Dialoge teilweise überflüssig und unlogisch. Das Ganze ist kaum spannend, die Geschichte rechtfertigt keinesfalls die knapp zweistündige Laufzeit und man fragt sich einmal zu oft, was das alles eigentlich soll. Wenigstens gelingt es Regisseur Moland, Teile der Story spannend zu gestalten, ein paar Mal gibt es einen humorvollen verbalen Schlagabtausch zwischen Mørck und Assad und gewisse Teile der Geschichte sind schon unheimlich und/oder sehr abseitig bzw. krank. Darstellerisch ist dem Film nichts vorzuwerfen, die Darsteller liefern allesamt souverän ab. In der Summe macht das aber leider nicht mehr als sehr knappe drei von fünf Gebeten, die sich Mikkel Nørgaard als Regisseur zurückwünschen oder einfach eine bessere, komplexere Story.


Sing Street
Sing Street
DVD ~ Ferdia Walsh-Peelo
Preis: EUR 22,43

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Wir müssen eine Band gründen!", 13. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Sing Street (DVD)
(Kinoversion)

»Intro«

Der Ire John Carney ist ein vielseitig begabter Kerl. Er hat nicht nur bei den wunderbaren Musikfilmen "Once" und "Can a Song save your Life" Regie geführt, nein, er hat auch die entsprechenden Drehbücher und sogar ein paar Songs zu diesen Filmen beigesteuert. Und genauso macht er es bei "Sing Street": Regie, Drehbuch, Songwriting. Dass einem Regisseur trotz dieser "Mehrfachbelastung" immer noch ein grandioser Film gelingen kann, zeigt Carney mit "Sing Street" aufs Vortrefflichste. Witzige Geschichte, herrlich geschmacklose 80er-Jahre-Outfits und ein Soundtrack, der jedem Kind der 80er die Freudentränen in die Augen treibt. "Sing Street" ist ein 106minütiges Feelgood-Movie allererster Güte und macht nur eins: Richtig viel Spaß!

»Wassup?«

Dublin, 1985. In Conors (Ferdia Walsh-Peelo in seiner ersten Rolle) Familie herrscht Krisenstimmung. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage müssen seine sich ständig streitenden Eltern (Aidan Gillen, "Game of Thrones", "Familienbande" und Maria Doyle Kennedy, "The Tudors", "The Commitments") den 15jährigen von seiner teuren Schule nehmen und ihn auf einer öffentlichen unterbringen. Dort wird Conor schnell zum Außenseiter. Als er aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite die etwas ältere und wunderschöne Raphina (Lucy Boynton) entdeckt, steht für ihn fest, dass er sie kennenlernen muss. Also fragt er sie einfach, ob sie nicht in dem Musikvideo seiner Band mitspielen möchte. Und da Raphina tatsächlich zusagt, fehlt Conor nur noch eins zum Glück: Die Band, die es bislang noch gar nicht gibt. Mit seinem neuen Freund Darren (Ben Carolan) macht Conor sich auf die Suche nach den passenden Bandmitgliedern und beginnt, seinen ersten Song zu schreiben. Für Conor wird dies der Beginn einer Reise zu sich selbst, aber auch zu einer Möglichkeit, dem bedrückenden, von Streit geprägten Elternhaus zu entfliehen und vielleicht sogar doch eine Chance bei Raphina zu bekommen…?

»Let's get real«

John Carneys Film "Once" wurde bereits mit einem Oscar für den besten Song prämiert, und auch mit dem von Carney für "Sing Street" geschriebenen "Drive it like you stole it" könnte er ein paar Preise gewinnen, das Lied ist wirklich gut. Überhaupt ist der Soundtrack etwas Besonderes. Carney mixt gängige 80er-Jahre-Hits mit Eigenkompositionen, die den bekannten Liedern in nichts nachstehen und einen direkt wieder in die 80er Jahre katapultieren.

Nicht minder erwähnenswert ist die Ausstattung des Films. Carney und sein Team haben sich sehr viel Mühe gegeben, das Irland der 80er Jahre wiederauferstehen zu lassen. Und das ist ihnen bis hin zum kitschigsten Nippes und den unmöglichsten Klamotten und Frisuren perfekt gelungen. Jeder, der in dieser Zeit groß geworden ist, schwankt beim Ansehen des Films zwischen Entsetzen und Melancholie, weil er selbst mehr oder weniger genauso (unmöglich) ausgesehen hat und dieselbe Musik gehört hat.

Doch "Sing Street" ist mehr als eine nostalgische Zeitreise für den Zuschauer. Er ist ein Comig-of-Age Film, der unglaublich authentisch wirkt. Er ist ein Musikfilm, der wirklich mitreißt. Und er ist fein ausbalancierte Komödie mit sparsam eingesetzten dramatischen Momenten. Vor allem aber ist er ein Film, der richtig gute Laune macht.

Allein der Bandgründung beizuwohnen, ist ein Riesenspaß. Ein Haufen Außenseiter mit merkwürdigen Frisuren und Klamotten rauft sich zusammen und gründet mir nichts, dir nichts eine Band. Kaum hat sich die Truppe formiert, ist auch schon der erste Song geschrieben und komponiert und Rotschopf Darren steht mit einer Videokamera in einer Seitenstraße und filmt das erste Video der Band. Gut, der Song "The Riddle of the Model" regt eher zum Lachen denn zum Tanzen an, aber selten hat man sich in einem so musiklastigen Film so gut amüsiert. Die Texte, noch mal: die Klamotten und Frisuren, die pubertäre Unbeholfenheit, all das ergibt ein so stimmiges Bild der damaligen Zeit und dem, was man selbst empfunden hat, dass man gar nicht anders kann, als "Sing Street" bedingungslos zu verfallen.

Somit kann man Carney wirklich nur Weniges anlasten, was nicht ganz rund gelaufen ist. Ab und an vernachlässigt Carney die Dramaturgie zugunsten der Musik. Natürlich steht bei einem solchen Film die Musik im Vordergrund, aber an einigen wenigen Stellen hätte man sich ein paar Noten weniger und dafür etwas mehr Text und Spannung gewünscht. Und beim Finale fehlt Carney das richtige Timing, es wirkt zu lang ausgewalzt und dafür nicht bedeutungsvoll genug, und auch hier wäre etwas weniger (Noten, belanglose Dialoge) mehr (Tempo und Intensität) gewesen. Das allerdings ist wirklich Jammern auf hohem Niveau und somit leicht verzeihlich.

»Players«

Carney hat hier sogar die Hauptrolle mit einem Laien besetzt, darüber hinaus trifft dies auch auf diverse Nebenrollen zu. Erstaunlicherweise merkt man keinen Unterschied zwischen Laien und Profis, der gesamte Cast spielt ganz wunderbar. Im Fokus stehen selbstredend Conor und Raphina, aber auch die vielen Nebenrollen können Akzente setzen. Zum Beispiel Mark McKenna (der hier ebenfalls debütiert) als kaninchenverrückter Allroundmusiker und Komponist Eamon, der aussieht wie ein sehr junger John Cusack. Oder Jack Reynor ("Transformers 4") als Conors älterer Bruder Brendan, der herrlich verschlunzt aussieht und jeden verachtet, der Genesis hört. Oder Ian Kenny als Skinhead-Dumpfbacke Barry - herrlich tumb und schräg. Kurzum: ein famoser Cast, der den Charakteren schwungvoll Leben einhaucht und dabei erfrischend bodenständig bleibt.

»Quintessence«

"Sing Street" ist ein ganz wunderbarer Film. Mitreißend, witzig, authentisch und extrem kurzweilig. Bis auf einige kleine Schwächen in Dramaturgie und Tempo, die allerdings kaum ins Gewicht fallen, ist "Sing Street" bestmöglich investierte Kinozeit, die richtig Laune macht. Tolle Darsteller und ein überaus begabter und vielseitiger Regisseur und Drehbuchautor plus herrlich geschmacklos ausgestatteten Locations und unmöglichen Klamotten und natürlich: ein fantastischer, energetischer, herrlicher Soundtrack machen "Sing Street" zu etwas ganz Besonderem in der heutigen Kinolandschaft: Etwas Sehenswertem. Ergo poppige vier von fünf Songs, die einen direkt auf die Tanzfläche treiben…und zurück in die 80er Jahre, diesem großartigen Jahrzehnt.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20