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MissVega (Hamburg)

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Abgebrannt in Mississippi: Roman
Abgebrannt in Mississippi: Roman
von Mark Childress
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen One Mississippi, 20. August 2014
1973: Daniel Musgrove, 17 Jahre alt, lebt mit seiner Familie in Indiana, wo er sich sehr wohl fühlt. Da sein Vater aber Handelsvertreter ist, muss die Familie ca. alle zwei Jahre umziehen, wozu Daniel langsam überhaupt keine Lust mehr hat. Vor allem, als er erfährt, dass es diesmal ins schwül-heiße Minor, Mississippi, gehen soll, wo neben den unerträglichen Temperaturen auch noch aktiv gelebter Rassismus herrscht. Vom älteren Bruder (der in den Vietnamkrieg zieht) verlassen, bleibt Daniel mit seiner 12jährigen Schwester, einer überforderten Mutter und einem strengen und lieblosen Vater zurück und hat es nicht leicht, sich in diesem seltsamen Südstaaten-Städtchen einzuleben. Doch zum Glück lernt Daniel gleich am ersten Schultag den gleichaltrigen Tim kennen, ebenfalls eher ein Außenseiter und nicht gerade beliebt. Die Beiden werden schnell unzertrennlich, telefonieren täglich, mögen dieselbe Musik und treten sogar einem Kirchenchor bei, der ein verrücktes Jesus-Musical aufführen will. Doch als Daniel sich in die wunderschöne Arnita verliebt, werden die Dinge kompliziert. Denn Arnita ist schwarz und eine Beziehung der Beiden somit unmöglich - zumindest im rassistischen Mississippi. Doch auch Tim ist die Beziehung seines besten Freundes zu Arnita ein Dorn im Auge und so wird dieser Sommer des Jahres 1973 das Leben aller Beteiligten auf drastische und nicht vorhersehbare Weise verändern…

"Abgebrannt in Mississippi" (Im Original schlicht "One Mississippi") ist ein wunderbar authentisches Buch, das unter anderem aus seinem realistischen Zeitkolorit Profit schlagen kann. Mark Childress ist ein großartiger Geschichtenerzähler, der den Zeitgeist der 70er Jahre gekonnt einfängt und mit vielen kleinen Details so perfekt zum Leben erweckt, dass man sich schnell in Daniels Welt und sein Denken hineinversetzen kann. Daniel ist denn auch der Erzähler dieser Geschichte, aus seiner Sicht lernen wir alle Protagonisten kennen und ein paarmal wendet er sich sogar kurz direkt an den Leser und bezieht ihn so noch mehr ins Geschehen mit ein.

"Abgebrannt in Mississippi" ist eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Geschichte über den alltäglichen Rassismus, der im Amerika der 70er Jahre immer noch sehr ausgeprägt war, vor allem in den Südstaaten, eine Geschichte über schwierige, verrückte Familien und ein Land, das im Auf- und Umbruch war, sich gerade wieder in einem Krieg befand - eine Geschichte über einen nicht zu unterdrückenden Drang nach Freiheit, Selbstverwirklichung, das Durchbrechen moralischer Grenzen und natürlich über die erste große Liebe und alle damit einhergehenden Gefühle von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt.

Ein Jahr lang begleiten wir Daniel auf seinem schwierigen, holprigen und emotionalen Weg in einen neuen Lebensabschnitt, eine neue Ära, nehmen teil an seinen familiären Problemen, seiner sich schnell festigenden Freundschaft zu Tim, seiner aufkeimenden Liebe für Arnita, diesem wunderschönen, selbstbewussten schwarzen Mädchen, das ihm so gehörig den Kopf verdreht und den alles verändernden Ereignissen eines unerträglich heißen, schwülen Sommers in Mississippi. Immer weiter, immer dichter, immer verzweigter erzählt Childress seine unvergleichliche Südstaaten-Geschichte und schafft es mit seinem wunderbar spielerischen, leichtfüßigen und so gekonnt formulierten Stil, den Leser mitten hineinzuziehen in das Auge des sich langsam, aber unabwendbar aufbauenden Sturms der Ereignisse in Daniels Leben. Immer neue, verrückte Details, plötzliche Wendungen und tragische Ereignisse tauchen auf und fügen sich wie selbstverständlich ins Geschehen, so dass man schon nach wenigen Seiten das Gefühl hat, die Protagonisten gut zu kennen und an ihrem Leben teilzuhaben.

Gekonnt wechselt Childress zwischen Dramatik, Abenteuerlust, kindischem Vergnügen, ernsthaften Untertönen und großen Gefühlen, von denen manche noch nicht sein durften, weil die Gesellschaft moralisch noch zu rückständig war. Mit großem Einfühlungsvermögen taucht Childress ein in die Welt eines 17jährigen in der damaligen Zeit (in der Childress selbst übrigens im selben Alter war wie Daniel) und macht uns so Daniels Gedanken zugänglich und nachvollziehbar. Fehler werden gemacht und bereut, doch einige lassen sich nicht wieder rückgängig machen und setzen eine Kette von Ereignissen in Gang, die sich so nicht haben absehen lassen und deshalb mit nahezu ungebremster, grausamer Kraft über die Protagonisten hereinbrechen und alles verändern. Childress' erzählerischer Vielschichtigkeit sind ob der Menge an seltsamen und skurrilen Charakteren kaum Grenzen gesetzt, woraus sich ein umfassendes Bild jener Zeit und jener Menschen ergibt, die man nach Lektüre des Buches irgendwie gut zu kennen glaubt.

"Abgebrannt in Mississippi" ist ein tolles Buch, das mal durch laute, oft aber eher durch leise Töne besticht und eine vielleicht nicht immer spektakuläre, dafür aber umso authentischere und vor allem vielschichtige Geschichte erzählt, von der man gar nicht wusste, wie gern man sie hat lesen wollen. Childress bringt hier viele Themen zur Sprache, wobei ihm das Kunststück gelingt, allen die gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen und sie auch alle richtig auszuerzählen. Trotz der vielen Protagonisten verliert man nie den Überblick und fühlt sich schnell zu Hause in Mississippi, wo die Sonne unbarmherzig heiß vom Himmel brennt, die Luft feuchtigkeitsgeschwängert ist und es für jede baumwollweiße Südstaaten-Villa mindestens eine ärmliche, teergeflickte Holzhütte gibt, die die Stadt in arm und reich, schwarz und weiß teilen. Wer authentische, gut geschriebene und wunderbar erzählte Südstaaten-Literatur lesen möchte, der sollte zu einem Childress greifen, sehr gerne zu diesem hier, One Mississippi. Dafür gerne volle fünf von fünf verrückten Südstaatlern, die man unbedingt kennenlernen möchte.


Bridget Jones - Verrückt nach ihm: Roman
Bridget Jones - Verrückt nach ihm: Roman
von Helen Fielding
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Bridget Jones is back!, 16. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als Helen Fielding 1996 ihren Roman "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" veröffentlichte, folgten Millionen zumeist weibliche Leserinnen weltweit den Problemen und Eskapaden einer leicht übergewichtigen, chaotischen Frau um die 30 in London, die auf der Suche nach der wahren Liebe war. "Bridget Jones - Am Rande des Wahnsinn" führte die Geschichte um die Protagonistin und den Mann ihres Herzens, Mark Darcy 1999 gekonnt fort, darüber hinaus wurden die beiden Bestseller auch noch verfilmt. Doch dann wurde es ruhig - sowohl um Helen Fielding als auch um Bridget Jones. Doch nun, 18 Jahre nach Bridget Jones' "Geburt" ist die liebenswert-chaotische Heldin vieler Frauen zurück und man darf sich auf über 500 Seiten typisches Bridget-Chaos, Gewichtszu- und abnahmen, Freundschaften, Männerbekanntschaften und den schwer zu bewältigenden Alltag einer Frau um die 50 freuen, die in ihrem Leben nicht so viel dazugelernt hat, wie man es von einer mittlerweile 51jährigen erwarten dürfte. Bridget's back…und (fast) alles ist noch so wie vor knapp 20 Jahren.

Brigdet Darcy, 51, mittlerweile Mutter von Mabel und Billy und bedauerlicherweise verwitwet, versucht, ihr Leben ohne ihren geliebten Mark auf die Reihe zu bekommen. Dabei scheitert sie - obwohl sie nun schon seit über vier Jahren allein ist - an nahezu allen Fronten. Sie hatte seit Jahren keinen Sex mehr, hat 20 kg zugenommen, ist arbeitslos und mit der Erziehung ihrer Kinder oft heillos überfordert. Doch nachdem ihre Freunde Talitha, Tom und Jude ihr ordentlich ins Gewissen geredet haben, nimmt Bridget ab, kümmert sich um ihr schon lange brachliegendes Drehbuch und meldet sich auf Twitter an. Und dort lernt sie dann auch den überaus attraktiven Roxter kennen, ein Bild von einem Mann…vor allem, weil er gut 20 Jahre jünger ist als Bridget. Wider alle Vernunft lässt sie sich auf eine heiße Affäre mit ihm ein, die natürlich ob des Altersunterschieds nicht ohne Probleme bleibt. Auch mit dem Drehbuch läuft es nicht ganz so reibungslos, wie Bridget sich das vorgestellt hat und auch ihr Gewicht ist weiterhin einigen Schwankungen unterworfen. Billy und Mabel komplettierten Bridgets ganz normales Chaos, aus dem es nach vielen Irrungen und Wirrungen einen überraschenden Ausweg zu geben scheint…

Um es gleich vorwegzunehmen: Bridget Jones' Wiederauferstehung ist ein latent zweischneidiges Schwert. Zum Einen fühlt man sich sofort wieder zurückversetzt in Bridgets Welt, in der sich - außer dem Alter, einer Gleitsichtbrille und einem tragischen Schicksalsschlag - kaum etwas geändert zu haben scheint. Bridget ist so chaotisch und verpeilt wie eh und je, lässt keinen Fettnapf aus und scheint immer noch nicht zu wissen, wie man sein Leben halbwegs in den Griff kriegt. Das ist überaus charmant und ein wunderbar witziger Ausflug mit der Zeitmaschine. Genau dies aber ist natürlich nicht so ganz glaubwürdig, denn in knapp 20 Jahren sollte eine Frau, besonders eine verheiratete Mutter mit zwei Kindern, doch wenigstens ein bisschen was gelernt haben und nicht beim kleinsten Problem gleich überfordert zusammenbrechen. Es ist manchmal wirklich schwer zu glauben, dass Bridget Jones immer noch dieselben Fehler wie damals macht und man beim Lesen größtenteils das Gefühl hat, es hier immer noch mit einer unfertigen Frau um die 30 zu tun zu haben, nicht mit einer über 50jährigen.

Aber wisst Ihr was? Mir war das völlig schnuppe, weil es Helen Fielding immer noch wunderbar gelingt, das Chaos, in dem Bridget lebt und das sie verursacht, zu beschreiben. Besonders die oft leicht verkürzten und somit sehr prägnanten Sätze aus Bridgets Tagebucheinträgen werden so zu den besten Humor-Quellen des Buches und bringen einen wirklich oft zum Lachen. Und ganz ehrlich? Der Charakter eines Menschen ist eigentlich schon vor Erreichen des 30. Lebensjahres so weit ausgeprägt, dass Menschen sich von da an kaum noch wesentlich verändern, eher im Gegenteil, besonders prägnante Eigenschaften bilden sich nur noch stärker heraus, positiv wie negativ. Eine 180°-Drehung dürften nur die Wenigsten hinlegen, insofern ist es eigentlich recht realistisch, das Bridget Jones immer noch latent verpeilt, schnell überfordert und nun mal hoffnungslos chaotisch ist.
Vor allem, weil Helen Fielding hier auch die tragischen Aspekte in Bridgets Leben thematisiert. Die Trauer um ihren geliebten Mann, ihre Einsamkeit und Verzweiflung und einige andere typische Probleme von Frauen jenseits der 40 und 50. Dazu kommen die Freuden und Ärgernisse einer erst mit Mitte 40 Mutter gewordenen Frau, die sich nun mit zwei quirligen Dreikäsehochs und wesentlich jüngeren (Schul)Muttis rumschlagen muss. Und auch die Ängste und Zweifel einer reifen Frau, sich einen wesentlich jüngeren Mann zum Freund zu nehmen, werden in "Bridget Jones - Verrückt nach ihm" angeschnitten.

Und so ergibt sich wieder ein herrlich buntes Kaleidoskop urkomischer, ernster, verrückter, anarchistischer und zutiefst menschlicher Situationen und Geschichten, die alle Bridget-Jones-Fans kennen und lieben dürften. Einzig das Ende des Buches kommt etwas holterdipolter und einen Hauch zu kitschig und unglaubwürdig daher. Etwas brachial wird es schon Dutzende Seiten vorher latent angekündigt und gipfelt dann in einem etwas zu weit hergeholten Finale, das etwas übertrieben wirkt.

Ansonsten aber gibt es an "Bridget Jones - Verrückt nach ihm" überhaupt nichts auszusetzen, sofern man damit leben kann, dass Bridget Jones in knapp 20 Jahren offensichtlich nur sehr wenig dazugelernt hat und eigentlich noch genauso liebenswert-bescheuert ist wie Ende der 90er Jahre. Für mich macht gerade das aber den typischen "Jonesy"-Charme der Reihe aus und irgendwie ist es auch beruhigend, dass man auch mit über 50 noch so herrlich verrückt und unbedarft sein kann wie Bridget Jones. "Ich will so bleiben wie ich bin" scheint Bridgets Motto zu sein und ganz ehrlich? Recht hat sie! Insofern ist das Wiederlesen mit Bridget Jones eine sehr kurzweilige, spaßige und zutiefst menschliche Angelegenheit, die Helen Fielding - bis auf das etwas zu kitschige Ende - hervorragend gelungen ist. Allein ob der teilweise brüllkomischen Tagebucheinträge hätte ich noch ein paar hundert Seiten weiterlesen können. Insofern gerne vier von fünf Dingen, die sich nie ändern…und das ist auch gut so.


Der Job
Der Job
von Douglas Kennedy
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Excalibur, 13. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Job (Taschenbuch)
Ned Allen ist der überaus erfolgreiche Anzeigen-Verkaufsleiter der drittgrößten Computerzeitschrift Amerikas. Er kann sich mit seiner Frau Lizzie eine schöne Wohnung in New York leisten und gibt sein hart verdientes Geld gerne und mit (vielleicht etwas zu) vollen Händen aus. Er arbeitet viel und hart unter ständigem (auch selbst gesetztem) Erfolgsdruck. Doch eines Tages kurz vor Weihnachten beginnt sich Neds Welt für immer zu verändern. Ein geplatzter Deal gefährdet seinen Job und seinen jährlichen Bonus, den er dringend braucht, um seine nicht unerheblichen Kreditkartenabrechnungen zu bezahlen. Dann erfährt er, dass seine Firma verkauft wurde. Nachdem er sich erst einen Schritt weiter oben auf der Karriereleiter sieht, beginnt er nun, diese im Sturzflug hinunterzufallen. Auf einmal ist alles weg: sein Job, sein Geld, sein guter Ruf und auch das Vertrauen seiner Frau. Mir nichts, dir nichts ist Ned ganz unten angelangt. Da trifft er seinen alten Schulfreund Jerry wieder, der Ned ein nahezu unwiderstehliches Angebot macht. Er soll für den just gegründeten privaten Eigenkapitalfonds von Jerrys Boss Investoren finden, was allen Beteiligten über kurz oder lang ordentlich Geld einbringen würde. Ned sagt zu, ohne sich richtig zu informieren, welchem Job genau er da zugestimmt hat. Und es kommt natürlich, wie es kommen muss: Jerrys Worten ist kein Glauben zu schenken, so dass sich Ned schon bald in einer kriminellen Abwärtsspirale wiederfindet, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint…

Douglas Kennedy nimmt sich hier recht viel Zeit für Erklärungen, bis er dann endlich mal loslegt und aus "Der Job" doch noch einen spannenden Thriller macht. Vorher allerdings muss man sich mit einer Menge anzeigenspezifischem Fachchinesisch rumschlagen, das weder begeistert noch interessiert. Kennedy legt viel Wert auf Details, in "Der Job" hat er es damit allerdings ziemlich übertrieben. Seitenlang findet man sich in brancheninternen Verkaufsgesprächen wieder, es wird mit Fachbegriffen nur so um sich geworfen und Kennedy versucht, das Anzeigengeschäft als total interessanten Job darzustellen, was ihm allerdings kaum gelingt. Dafür strotzen seine Charaktere nur so vor Klischees. Die überkorrekten deutschen Firmenübernehmer, die alles ausspionieren und natürlich Böses im Schilde führen, die kaputtgearbeiteten Vertreter, die sich nur von Kaffee und Fast Food ernähren, die karrieregeilen Emporkömmlinge, die ihr Geld zum Fenster rauswerfen, als gäbs kein Morgen usw. usf. Die langatmige Einführung in Kombination mit diesen ganzen Klischees macht es dem Leser erst einmal nicht ganz einfach, mit "Der Job" richtig warm zu werden.

Dann aber wird es glücklicherweise von Seite zu Seite besser. Denn die Story an sich hat durchaus Potenzial und wurde von Kennedy clever und verzwickt ersonnen. Mit Spannung verfolgt man Neds Drahtseilakt im Zuge der Firmenübernahme und seinen anschließenden tiefen Fall. Durch Leichtsinnigkeit und das falsche Einschätzen der Lage hat der Mann alles verloren, sogar seine Frau wendet sich enttäuscht von ihm ab, weil er ihr einfach zu viel verschwiegen hat. Verzweifelt, wie er ist, will er nur eins: schnell wieder arbeiten. Und so kommt es, dass er das Angebot seines alten Schulfreundes annimmt, ohne es genauer zu prüfen. Damit scheint sein Schicksal besiegelt.

Den verzweifelten Kampf ums Überleben in der knallharten Geschäftswelt und in der Riesenstadt New York schildert Kennedy überaus authentisch und seine Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Leider verheddert er sich trotzdem immer mal wieder in seinem recht ausschweifenden Erzählstil und nicht immer ganz überzeugenden Szenarien, die vorrangig von Unlogik oder unglaublichen Zufällen beherrscht werden. Was in "Der Job" wirklich auffällt, ist die viel zu detaillierte Schilderung von uninteressanten Business-Interna und sich immer wiederholende Schlagworte aus der Finanzpolitik, die ziemlich trocken daherkommen. Diverse Side-Plots sind überflüssig oder werden so abrupt beendet, wie sie in die Geschichte hineingeschrieben wurden, und auch das Ende überzeugt nicht ganz.

"Der Job" ist eine an sich spannende Geschichte, die leider etwas unter Kennedys detailverliebter Schwatzhaftigkeit leidet. Zu viele staubtrockene Verlags- und Finanzinterna, für die man kein Interesse aufzubringen vermag und viele Charaktere, die man einfach nicht mögen kann. Selbst der Protagonist ist einem nicht wirklich sympathisch, ein leichtsinniger, verschwenderischer und arroganter Schnösel, der erst zum heulenden und saufenden Weichei und dann zum verzweifelten, bösen Strategen mutiert…na ja. Alles in allem aber ist "Der Job" ziemlich spannend, über die etwas ausufernden Laberlaberdingdong-Parts kann man ja hinweglesen. Insofern solide drei von fünf Jobs, bei denen man sich ganz genau überlegen sollte, ob man sie auch wirklich machen will.


Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
von François Lelord
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Glück in mundgerechten Häppchen, 10. August 2014
Der 1953 geborene Psychiater François Lelord nahm sich irgendwann eine Auszeit von seinem Job und begann, die Welt zu bereisen. Angeregt durch diese Reisen, begann er, sich als Schriftsteller zu betätigen und schuf so die Figur des Psychiaters Hector, der sich nunmehr seit zehn Jahren und in bislang fünf Bänden auf die Suche nach verschiedenen Dingen macht (dem Glück, der Liebe, der Zeit usw.) oder sich die Welt zu erklären versucht. Hectors Suche nach dem Glück ist der erste Band dieser Reihe und wurde 2004 veröffentlicht. Lelord arbeitet mittlerweile wieder als Psychiater, und zwar in Hanoi und Ho Chi Minh Stadt. Er ist seit 2008 mit einer Vietnamesin verheiratet, mit der er jeweils halbjährlich in Paris und Bangkok lebt.

Hector ist Psychiater in Paris und eigentlich ganz zufrieden mit seinem Job und seinem Leben. Er hat viele Patienten, eine hübsche Freundin und könnte eigentlich glücklich sein. Doch je mehr Patienten sich bei ihm über ihr ach so schweres Leben und andauerndes Unglück beschweren, obwohl sie eigentlich alles haben, was man zum Glücklichsein braucht und Hector darüber hinaus erkennen muss, dass sich seine Beziehung latent im Alltagsstress verloren hat, umso mehr reift in Hector der Gedanke, eine Weltreise zu unternehmen und herauszufinden, was Glück eigentlich ist. Also schließt er seine Praxis für eine Weile und macht sich zuerst auf zu seinem Freund Édouard, der in China lebt. Als Hector dort die junge Chinesin Ying Li kennenlernt, bekommt er erste Eindrücke davon, was Glück, aber leider auch Unglück sein könnte. Nachdem Hector sich auch noch nach Afrika und Amerika begeben hat, um herauszufinden, was Glück ist, kehrt er noch einmal nach China zurück, um mit einem weisen Mönch über seine gewonnenen Erkenntnisse zu sprechen. Zurück in Paris hat sich Hectors Leben deutlich verändert und er glaubt, eine, wenn nicht sogar mehrere Antworten auf seine Frage gefunden zu haben.

Lelords Stil erinnert ein wenig an den des großartigen Jonas Jonasson ("Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"), eine Mischung aus (vermeintlicher) Naivität und spitzbübischem Hintersinn. Allerdings gelingt es Lelord bei weitem nicht so gut wie Jonasson, eine intelligente, wendungsreiche und witzige Geschichte zu erzählen, dafür fehlt es ihm offensichtlich dann doch an Talent. Dennoch kann man sich oft ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, wenn Lelord hier sehr Offensichtliches in fast märchenonkelariger Manier erzählt. Viele Dinge werden von Lelord nie direkt beim Namen genannt, sondern immer nur umschrieben (er sagt z. B. nie direkt, dass Hector in Paris arbeitet oder nach Amerika reist oder dass Hector Sex hat, beschreibt dies alles aber dennoch so eindeutig, dass man recht genau weiß, woran oder wo man ist), und das wird zu einem kleinen charmanten roten Faden innerhalb dieser nur 190seitigen Erzählung. Lelord vereinfacht die Dinge oder auch Zusammenhänge, und das macht er so gekonnt, dass man sich dem nur scheinbar naiven Erzählstil durchaus gewogen zeigt.

Da Lelord darüber hinaus aber nicht wirklich viel Spannendes zu erzählen hat, obwohl er seinen Protagonisten um die halbe Welt schickt, ist "Hectors Reise" dann manchmal doch etwas träge, belanglos oder langweilig. Lelord erzählt von vielen kleinen Begegnungen mit verschiedenen Menschen, die Hector unterwegs trifft und was er sich so für Gedanken macht, wenn er im Flugzeug sitzt oder alte Freunde wiedertrifft. So geht einem die recht betulich wirkende Erzählweise ab und an doch ein wenig auf die Nerven, weil sie Hector ungewollt manchmal als etwas trottelig dastehen lässt, obwohl er eigentlich ziemlich schlau ist.
Erst gen Ende wird "Hectors Reise" wieder interessant, nämlich dann, wenn Hector sich letzte Meinungen zum Thema Glück einholt und, nach seiner Rückkehr nach Paris, ein Resümee zieht. Das von Lelord gewollt glückliche Ende ist als solches klar zu erkennen und kommt natürlich noch mit einem kleinen Augenzwinkern daher.

Alles in allem ist "Hectors Reise" eine immer mal wieder vergnügliche, intelligente und kurzweilige Lektüre, die aber an ihrem manchmal etwas dümmlich wirkenden Unterton leidet. Da Lelord hiervon nicht durch eine wirklich wendungsreiche und interessante Story ablenken kann, zeigen sich bald erste Ermüdungserscheinungen des onkelhaften Erzählstils. Das Ganze wirkt einfach noch nicht sonderlich ausgereift, aber da Hector ja hier erst durch Lelord ins Leben gerufen wurde, mag es ja sein, dass Lelord dieses Manko in seinen Folgeromanen ausgebessert hat. Ich werde das nicht herausfinden, ich warte dann doch lieber auf Jonassons nächstes Buch, da dessen Werke für mich perfekte Unterhaltung gewährleisten. Dennoch habe ich ein bisschen was über das Glücklichsein gelernt, insofern gerne liberale drei von fünf Reisen, die einem definitiv das ein oder andere über Glück vermitteln können.


Non-Stop
Non-Stop
DVD ~ Liam Neeson
Preis: EUR 12,87

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über den Wolken, 8. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Non-Stop (DVD)
Liam Neeson, der alte Ire, ist ja seit sechs Jahren konsequent dabei, seine Schauspielkarriere mehr und mehr ins Actionfach zu verlagern. Vor "96 Hours" war Neeson vorrangig in entweder anspruchsvollen Filmen ("Michael Collins", "Schindlers Liste") oder Independent-Produktionen zu bewundern ("Breakfast on Pluto")… oder halt bei "Star Wars". 2008 jedoch geriet er an den Regisseur Pierre Morel, der ihm prompt die Hauptrolle in seinem actionlastigen Film "96 Hours" gab. Von da an war Neeson fast regelmäßig in handlungsdünnen, aber schlagkräftigen Filmen zu sehen ("Unknown Identity", "96 Hours - Taken 2" oder auch "Battleship") und kann mittlerweile als feste Größe im Actiongenre betrachtet werden. Eine beachtliche Leistung für den immerhin mittlerweile 62jährigen. Für "Non-Stop" arbeitete er nun erneut, nach "Unknown Identity", mit Jaume Collet-Serra ("House of Wax", "Orphan") zusammen, allerdings hat Collet-Serra, den Fokus etwas mehr auf detektivische Feinarbeit als auf rasante Action gelegt, was "Non-Stop" zu einem recht unterhaltsamen, aber nicht übermäßig spannenden Film macht.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch. Extras: Featurettes, Making-of, Hinter den Kulissen, Deutschland-Premiere, Interviews, Trailer in deutsch und englisch, 4teilige Trailershow.

Air Marshall Bill Marks (Liam Neeson) hat ein paar Probleme. Er kann den Tod seiner Tochter einfach nicht verwinden, obwohl diese bereits vor 10 Jahren gestorben ist. Er wurde aus dem Polizeidienst entlassen. Er hat ein Alkoholproblem. Und er arbeitet als Air Marshall, obwohl er überhaupt nicht gerne fliegt. Auf einem Flug von New York nach London kommt es dann auch noch richtig dicke. Ein Fremder schickt ihm eine SMS, in der er androht, in 20 Minuten einen der Passagiere zu töten, wenn die Fluggesellschaft ihm nicht 150 Millionen Dollar auf ein Nummernkonto überweist. Marks ist sich noch nicht einmal sicher, ob er die Nachricht ernst nehmen soll, als die ersten 20 Minuten auch schon um sind und ein Passagier tatsächlich tot ist. Der Unbekannte droht an, im 20-Minuten-Takt weitere Passagiere zu ermorden, so lange, bis er das Geld hat. Marks macht sich mithilfe seiner Sitznachbarin Jen (Julianne Moore, "Carrie") daran, in einem hoch über den Wolken schwebenden Flugzeug einen Mörder zu finden, ohne eine Panik ausbrechen zu lassen und allzu viel von seinem Vorhaben preiszugeben. Ein nahezu unmögliches Unterfangen…

"Non-Stop" ist ein nahezu klassisches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der Zuschauer fröhlich mitraten kann, wer hier wohl der unbekannte SMS-Schreiber ist. Collet-Serra serviert einem die Verdächtigen hübsch auf dem Silbertablett und streut gekonnt entweder Vertrauen oder Zweifel, so dass man nachher gar nicht mehr weiß, wem man überhaupt noch trauen kann. Langsam aber stetig zieht sich die Schlinge immer enger um den Erpresser, dennoch dauert es gute zwei Drittel der insgesamt 106 Minuten Laufzeit, bevor hier sowohl Marks als auch der Zuschauer klarer sehen. Das ist dann fast schon etwas enttäuschend, weil die Auflösung irgendwie unspektakulär daherkommt, auch, wenn man vorher nicht wirklich erahnen konnte, welcher der vielen undurchsichtigen Kandidaten letztendlich das Rennen für sich entscheiden würde.

Vielleicht liegt das an der Oberflächlichkeit, mit der die verschiedenen Charaktere als potenzielle Täter präsentiert werden. Man kann hier kaum verdächtige Charaktereigenschaften ausmachen noch ein Motiv erkennen, insofern fischt man genauso lange im Trüben wie Marks selbst. Die finale Auflösung wirkt somit notgedrungen konstruiert, auch wenn Collet-Serra ein bis dahin recht wendungsreicher Thriller gelungen ist. Wenigstens das Tempo zieht dann aber noch mal an, da den Beteiligten hier buchstäblich die Zeit davonläuft und man mitfiebern kann, ob Marks alles noch rechtzeitig wieder ins Lot bringen wird.

"Non-Stop" ist Thriller-Dutzendware mit gutem Cast und einem halbwegs gut ersonnenen Plot, der sich leider nach und nach der logischen Durchschnittlichkeit preisgibt. Neeson darf sich zwar auch hier ein bisschen prügeln, wirkt dabei aber weitaus weniger cool als noch in "96 Hours", wo er im Sekundentakt wegweisende Entscheidungen treffen und sich zahlreicher kampferprobter Gegner erwehren musste. Hier muss er zwar auch ein wenig Denkarbeit leisten, die Story ist aber bei Weitem nicht so verzwickt und spannend wie in "96 Hours". Neeson muss hier vor allem eher klassische Detektivarbeit leisten, und das sieht halt nicht sonderlich spannend aus. Auch das jeweils 20minütige Zeitlimit vermag die Handlung nicht wirklich zu pushen, dafür sorgen dann eher die verschiedenen gedanklichen Irrwege und Sackgassen, in denen Marks bei der Entwirrung des Rätsels landet.

Darstellerisch jedenfalls steht der Film auf ziemlich soliden Beinen, sowohl Neeson als gewohnt grummelig-wortkarger Gesetzeshüter als auch Julianne Moore in einer Rolle, die sie deutlich unterfordert, liefern souverän ab. Dazu kommen ein Haufen kurz auftretender Nebendarsteller (u. a. Corey Stoll, "House of Cards", Shea Whigham, "American Hustle" und Scoot McNairy, "12 Years a Slave"), die aus ihren Mini-Parts das Beste herauszuholen versuchen. Locationmäßig gibt's nix Spektakuläres zu vermelden, da der Film zu 95% im Flugzeug spielt.

"Non-Stop" ist recht solide Action-Thrillerkost, die wendungsreich, aber dennoch irgendwie unspektakulär umgesetzt wurde. Gekloppe gibt's relativ wenig und die zu leistende Denkabreit vom Air Marshall kommt auch nur bedingt spannend daher. Da das ganze Geschehen sich nur an einem Ort abspielt, kann "Non-Stop" jetzt auch nicht mit tollen Locations punkten. Wer Neeson und durchschnittlich solide, mainstreamige Actionkost mag, kann ruhig einen Blick auf "Non-Stop" riskieren. Wem das aber zu wenig und zu konventionell ist, der verpasst auch nichts, wenn er diesen Neeson-Film mal auslässt. "Non-Stop" ist ok… was diese Aussage für den Einzelnen bedeuten mag, ist dem persönlichen Gusto überlassen. Für mich ganz normale drei von fünf Air Marshalls, die man dennoch froh ist, an Bord zu haben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 13, 2014 11:49 AM MEST


Monsieur Claude und seine Töchter
Monsieur Claude und seine Töchter
DVD ~ Christian Clavier
Preis: EUR 18,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Multikulturelles Hochzeitschaos, 5. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Monsieur Claude und seine Töchter (DVD)
(Kinoversion)

Französische Komödien sind ja seit "Willkommen bei den Sch'tis" und "Ziemlich beste Freunde" auch in Deutschland gern konsumierte Kinokost. Warum sich also nicht den nächsten französischen Blockbuster ansehen, der in seinem Heimatland bereits zehn Millionen Franzosen ins Kino locken konnte? Nun ja, das Humorverständnis von Franzosen und Deutschen unterscheidet sich eben doch an der ein oder anderen Stelle. "Monsieur Claude…" ist schlussendlich eine harmlos-nette Culture-Clash-Komödie, die zwar glücklicherweise den albernen Klamauk der "Sch'tis" vermeidet, aber nie an den punktgenauen Humor von "Ziemlich beste Freunde" heranreicht. Und somit nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein Film der "Kann man gucken, muss man aber nicht"-Kategorie ist.

Claude (Christian Clavier, "Asterix und Obelix") und Marie (Chantal Lauby, "Portugal mon amour") Verneuil, konservativ und katholisch, ereilt ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Mit vier Töchtern gesegnet, heiraten drei von ihnen kurz nacheinander. Was ja an sich nichts Schlimmes ist…wären da nicht die auserwählten Schwiegersöhne. Keine rechtschaffenen, katholischen, französischen Männer, nein, Isabelle, Odile und Ségolène schleppen nacheinander einen Araber, einen Juden und einen Chinesen an. Mon Dieu! Claude ist schwer angeschlagen, so hat er sich den Familienzuwachs nicht vorgestellt. Ergo ruhen alle Hoffnungen der Verneuils auf ihrer vierten Tochter, Laure. Und tatsächlich, eines Tages kann Laure freudestrahlend berichten, dass sie einen Katholiken heiraten wird. Leider verschweigt sie ihren Eltern, dass dieser Katholik, Charles, ein Schwarzer ist. Als die Verneuils dann Charles' Eltern kennenlernen, müssen sie feststellen, dass Charles' Vater André ebenso große Vorbehalte gegenüber der Hochzeit mit einer Weißen hat wie Claude mit der eines Schwarzen. Ob diese Familienzusammenführung noch gelingen wird?

Regisseur Philippe de Chauveron potenziert hier die Rassismus- und Vorurteilsproblematik, indem er Monsieur Claude gleich vier Schwiegersöhne vorsetzt, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen anhängen und aus gänzlich verschiedenen Kulturen kommen. Leider potenziert sich dadurch nicht automatisch das Humorpotenzial. Oft ist "Monsieur Claude…" sogar erschreckend seicht geraten und weiß die humoristischen Vorlagen bei weitem nicht auszuschöpfen, die die Geschichte sozusagen auf dem Silbertablett serviert.

Natürlich wird hier mit gängigen Klischees gespielt, das kommt besonders gut zur Geltung, wenn die (vorerst) drei Schwiegersöhne sich gegenseitig beharken. Der Jude ist natürlich geldgeil (leider ist Schwiegersohn David geschäftlich so gar nicht erfolgreich), der Chinese ein stets lächelndes, aber undurchschaubares Mysterium (was so gar nicht zu dem höflichen, netten und stets bemühten Chao passen will) und der Muslim ist natürlich ein gewaltbereiter Extremist (dem zumindest wird Anwalt Rachid minimal gerecht, wenn er seinen Mandanten vor dem Gericht den Joint aus der Hand haut). Wenn die drei verbal aufeinander losgehen, wird jedes Vorurteil, welches die drei den anderen gegenüber hegen, bedient, was sie schlussendlich als genauso intolerant entlarvt wie Claude, der die Streitereien der ungeliebten Schwiegersöhne gerne zusätzlich verbal befeuert. Dennoch verbünden sich die Schwiegersöhne sofort gegen den Neuen im Bunde, da sie finden, nun sei es aber langsam genug mit den Andersartigkeiten der Familie und sie zudem ihre Exotenstellung bedroht sehen. Als dann noch Charles' Vater auftaucht und ins gleiche Horn stößt wie der mittlerweile völlig desillusionierte Claude und gegen die Heirat mit einer Weißen wettert, ist das Chaos perfekt.

"Monsieur Claude…" ist eine chaotische und nicht immer ganz stimmige Komödie, die weit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Zwar birgt der Film eine Handvoll wirklich gelungener Gags, die herrlich böse und politisch vollkommen inkorrekt sind, aber über weite Strecken lässt der Film ebendiesen treffsicheren, satirischen Humor vermissen. Viele lahme Gags laufen einfach ins Leere und wollen nicht wirklich zünden. Dies fällt umso mehr auf, wenn man sie mit den wenigen wirklich gelungenen verbalen Auseinandersetzungen vergleicht, die in diesem 97minütigen Werk stattfinden. Wirklich langweilig wird es zwar nie, da Regisseur de Chauveron die Handlung zwar nicht eben einfallsreich, aber dennoch zügig vorantreibt. Trotzdem vermisst man einen wirklich schlagkräftigen Humor, der seine Pointen punktgenau setzt. Leider passiert das viel zu selten. Wenigstens vermeidet de Chauveron billige Wortwitze und humoristische Zoten unter der Gürtellinie.

Die Darsteller hingegen sind perfekt. Christian Clavier, ein bekannter und erfolgreicher Komödiendarsteller in Frankreich, spielt den undankbaren Part des engstirnigen Familienoberhauptes sehr überzeugend. Auch Chantal Lauby kann überzeugen, indem sie ihre Marie im Laufe des Films einer zwar etwas aufgesetzt wirkenden, aber dennoch charmanten Wandlung unterzieht. Die Schwiegersöhne spielen allesamt wunderbar mit den gängigen Klischees, die man ihren Rollen gegenüber hat und führen diese dann ebenso gekonnt ad absurdum. Die Töchter bleiben zwar insgesamt etwas blass, doch zumindest Emilie Caen als Ségolène mit überaus sensiblem Nervenkostüm kann hier ein paar Akzente setzen. Und auch Pascal N'Zonzi als André gibt einen wunderbar augenrollenden Afrikaner, der seine Vorurteile pflegt und damit die Hochzeitsvorbereitungen zu sabotieren sucht. Darüber hinaus hat de Chauveron zauberhafte Locations für seinen Film gefunden, allein in das wunderschöne und geschmackvolle Anwesen von Claude und Marie möchte man sofort einziehen.

Alles in allem ist "Monsieur Claude..." ein recht kurzweiliger und amüsanter Film, der zum schlichten humoristischen Zeitvertreib durchaus ausreicht. Leider bleibt der Film weit unter seinen humoristischen Möglichkeiten, was man ihm umso mehr anmerkt, wenn man über eins der wenigen gelungenen Wortduelle herzhaft lachen kann. Davon hätte man sich mehr gewünscht. Dennoch vergeht die Zeit mit Monsieur Claude und seinen Töchtern recht schnell und man kommt wenigstens halbwegs amüsiert aus dem Kino. Dafür knappe drei von fünf Vorurteilen, die man gerne noch satirischer hätte aufs Korn nehmen dürfen.


Die Karte meiner Träume
Die Karte meiner Träume
DVD ~ Helena Bonham Carter
Preis: EUR 17,88

3 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Little Genius, 29. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Karte meiner Träume (DVD)
(Kinoversion)

Wenn man den Namen Jean-Pierre Jeunet hört, verbindet man als kenntnisreicher Kinogänger damit viel Phantasie, eine ungewöhnliche Erzählweise und viele skurrile, aber charmante Regieeinfälle, die Jeunets Filme weitestgehend auszeichnen und den Zuschauer für sich einzunehmen wissen. Jeunet hat so wunderbare Filme wie "Delicatessen" und "Die fabelhafte Welt der Amélie" inszeniert, aber auch z. B. "Alien - Die Wiedergeburt" und "Die Stadt der verlorenen Kinder". Oft stammt auch das Drehbuch von Jeunet, so wie auch bei "Die Karte meiner Träume", der auf der Buchvorlage von Reif Larsen basiert. Doch leider, leider ist "Die Karte meiner Träume" kein "Jeunet-Film", sondern eine kaum gelungene, willkürliche Mischung aus Drama und Abenteuer, wobei der Film weder dem einen noch dem anderen Genre gerecht wird. "Die Karte meiner Träume" ist noch nicht mal ein schlechter Film, er ist einfach nur erstaunlich langweilig und unausgegoren. Jeunet-Fans werden enttäuscht sein, denn außer ein paar gelungenen 3D-Spielereien und ein paar rührigen Momenten hat der Film nichts, was ihn empfehlenswert macht.

Der 10jährige T.S. Spivet lebt irgendwo auf einer Farm in Montana, die sein Vater (Callum Keith Rennie, "Californication") bewirtschaftet, während sich seine Mutter (Helena Bonham Carter, "Dark Shadows") der Erforschung unbekannter Insekten hingibt. Seine 14jährige Schwester (Niamh Wilson, "SAW 3 - 6") träumt davon, Miss America zu werden, während T.S.'s Zwillingsbruder Layton (Jakob Davies, "The Tall Man") ganz nach dem Vater schlägt und sich schießend und jagend durch die Prärie pflügt. T.S. hingegen widmet sich lieber der Erforschung des Perpetuum Mobiles, das es, rein physikalisch gesehen, eigentlich gar nicht geben kann. Als es ihm tatsächlich gelingt, ein Perpetuum Mobile zu bauen, wird er prompt vom weltberühmten Smithsonian Institute nach Washington eingeladen, um dort einen Preis entgegenzunehmen. Dort weiß natürlich niemand, dass der geniale Erfinder erst 10 Jahre alt ist. T.S. macht sich, ohne Wissen seiner Familie, auf nach Washington und reist als blinder Passagier auf einem Güterzug quer durch Amerika. Doch als er tatsächlich (fast) unbeschadet in Washington ankommt, ist T.S.'s Abenteuer noch längst nicht vorbei…

Was nach einem wunderbaren Roadtrip und Abenteuerfilm klingt, ist leider nur eine halbgare Entdeckungsreise in das Hirn eines traumatisierten kleinen Genies. Der Film schwankt hilflos zwischen Drama und Fantasyabenteuer hin und her, ohne auch nur einem der Genres wirklich gerecht zu werden. "Die Karte meiner Träume" möchte einerseits diffiziles Drama einer spleenigen Familie sein, andererseits putziger Abenteuerfilm mit bildgewaltiger 3D-Unterstützung. Durch die Vermengung dieser Genres und Komponenten kommt etwas heraus, das weder Fisch noch Fleisch ist und so kaum jemals wirklich überzeugen kann.

Jeunet wechselt ständig die (Erzähl)Gangart seines Films, weiß aber zu keinem Zeitpunkt, den richtigen Fokus zu setzen. Lang und breit und erschreckend unlustig wird T.S.'s Familie vorgestellt. Das unbestreitbar vorhandene Humorpotenzial wird nicht mal im Ansatz ausgeschöpft, so dass sowohl Vater Spivet als "100 Jahre zu spät geborener Cowboy" Anlass zum Lachen gäbe noch Mutter Spivet, die nicht viel mehr tut, als Käfer durch Vergrößerungsgläser zu betrachten und reihenweise Toaster zu schrotten. Gänzlich blass bleibt Gracie, T.S.'s Schwester. Ein paar charmante Mini-Akzente kann T.S.'s Bruder Layton setzen, der als kleiner Haudrauf recht putzig anzusehen ist. Und leider ist auch von T.S. selbst nicht viel zu erwarten, der zwar manchmal recht treffend aus dem Off kommentiert, aber ob des Drehbuchs dazu verdammt ist, entweder todtraurig in die Kamera zu gucken (warum, soll hier nicht verraten werden) oder wissenschaftliche Monologe von sich zu geben.

Hat man diese Introduktion hinter sich, macht T.S. sich auch schon auf die Reise nach Washington, um seinen Preis entgegenzunehmen. Und wieder nutzt Jeunet das Potenzial nicht, welches in so einer aufregenden und geheimen Reise für einen kleinen Jungen steckt. T.S. wechselt von einem Zug zum nächsten, wird ein, zweimal fast erwischt, was aber irgendwie auch erschreckend unspannend inszeniert ist, führt ein kurzes Gespräch mit einer Hotdog-Verkäuferin und eins mit Jeunets Stammschauspieler Dominique Pinon als Landstreicher und blättert traurig im Tagebuch seiner Mutter. Dann kommt er in Washington an, alle sind begeistert von dem kleinen Genie (und seinen Vermarktungsmöglichkeiten), wodurch der Film im letzten Viertel noch mehr von der eh kaum vorhandenen Kurzweiligkeit einbüßt und man das Ende noch mehr herbeisehnt als sowieso schon.

Darstellerisch kann man dem Film glücklicherweise nichts vorwerfen, alle Darsteller liefern glaubwürdig ab und können in ihren jeweiligen Rollen überzeugen. Und auch rein optisch sind Jeunet, der hier in real 3D gedreht hat (d. h. mit einer richtigen 3D-Kamera und somit einen nicht nachträglich in 3D konvertierten Film geschaffen hat), wunderbar klare Bilder mit hoher Tiefenschärfe gelungen, die allerdings nur bei einigen Landschaftsaufnahmen und den diversen eingeblendeten optischen Spielereien zur Geltung kommen, die darüber hinaus eher albern als apart sind.

In "Die Karte meiner Träume" wird viel geredet, aber erschreckend wenig gesagt. Dialoge und Handlung plätschern so an einem vorbei und beeindrucken nur durch eins… ihre nicht vorhandene Nachhaltigkeit. Es gibt hier kaum etwas zu schmunzeln, geschweige denn zu lachen, die Dialoge sind langweilig, die Handlung bleibt über die Gesamtlänge von 105 Minuten fast durchgehend zäh und auch als Drama kann der Film nicht überzeugen, weil ständig der Fokus wieder auf etwas anderes verlagert wird, bis dann plötzlich wieder ein rühriger Moment hochploppt und somit deplatziert wirkt. Von Jeunets Phantasie vergangener Tage, die sowohl "Delicatessen" zu einem makabren Spaß als auch "Die fabelhafte Welt der Amélie" zu einem wunderbaren Großstadtmärchen gemacht haben, ist hier kaum noch etwas zu finden. Außer ein paar hübschen optischen Gimmicks und guten Darstellern ist "Die Karte meiner Träume" absolut nichtssagendes Allerweltskino, das den Erwartungen an einen begabten, phantasievollen Regisseur in keiner Weise gerecht wird. Deshalb leider nur eine von fünf Karten, die man für diesen Film nicht hätte lösen brauchen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 21, 2014 1:02 PM MEST


Der Liebhaber meines Mannes
Der Liebhaber meines Mannes
von Bethan Roberts
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unacceptable, 26. Juli 2014
"Der Liebhaber meines Mannes" ist ein weitgehend deprimierendes Buch, welches nur durch kleine Glücksmomente der Protagonisten aufgelockert wird. Das mag auch an der Zeit liegen, in der der Roman spielt, nämlich Ende der 50er Jahre. Durch die Thematik, die die Autorin hier gewählt hat, wirkt der Roman aus heutiger Sicht rückständig, vorurteilsbelastet und unsagbar ungerecht und beklemmend. Homosexualität ist ja leider bis heute für Viele ein immer noch brisantes Thema, wird als entartet, pervers oder sogar krank angesehen. Für aufgeklärte Menschen ist die durch den Roman initiierte Zeitreise somit im wahrsten Wortsinn ein Rückschritt in eine Zeit, die (auch) durch Spießig- und Engstirnigkeit im Gedächtnis haften geblieben ist und deren intoleranten Moralvorstellungen man sich weißgott nicht zurückwünscht.

Die Britin Bethan Roberts, geboren in Oxford und mittlerweile in Brighton ansässig, wo auch dieser Roman spielt, war Produktionsassistentin beim Fernsehen, wo sie auch als Autorin tätig war. Sie unterrichtet(e) Kreatives Schreiben an der Chichester University und dem Goldsmith College in London. Von ihr auf Deutsch erschienen sind die Romane "Stille Wasser" und "Köchin für einen Sommer". "My Policeman", wie "Der Liebhaber meines Mannes" im Original heißt, ist 2013 erschienen.

"Der Liebhaber meines Mannes" spielt auf zwei Zeitebenen und wird aus den Blickwinkeln von zweien der drei Protagonisten erzählt. Eine Erzählebene spielt 1956/57 in Brighton und wird abwechselnd von der jungen Marion und dem Mittdreißiger Patrick wiedergegeben. Die zweite Erzählebene spielt 1999, wobei hier ausschließlich Marion zu Wort kommt. Diese ist damals eine junge Lehrerin, die sich in den zwei Jahre älteren Bruder ihrer besten Freundin Sylvie verknallt hat. Doch erst nach einigen Jahren werden ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, Tom nimmt sie wahr und macht ihr irgendwann sogar einen Heiratsantrag. Doch Tom hat ein Geheimnis. Er ist schwul, was im England der damaligen Zeit natürlich so undenk- wie strafbar ist. Darüber hinaus ist er Polizist, was das "Problem" seiner Homosexualität nicht gerade verringert. Dennoch verliebt er sich in den 35jährigen Museumskurator Patrick, der seine Neigungen sehr diskret auslebt. Um den Schein zu wahren, heiratet Tom Marion, kann jedoch nicht von Patrick lassen, was zu einer für alle Beteiligten unglücklichen Dreierbeziehung führt. 40 Jahre später blickt Marion - immer noch mit Tom verheiratet - auf ihr Leben zurück und will endlich ein Geständnis ablegen über das, was sie vor 40 Jahren nach einer durchzechten, unglücklichen Nacht getan hat.

"Der Liebhaber meines Mannes" liefert zweifelsohne ein authentisches Zeitkolorit des Englands der 50er Jahre, angefangen bei der Mode, den gesellschaftlichen Konventionen und dem beengenden moralischen Korsett, welches zu dieser Zeit vorherrschte. Frauen sollten früh heiraten und Kinder bekommen, sonst haftete ihnen nur allzu schnell der Stempel einer alten Jungfer an. Zwar war es durchaus angemessen, dass Frauen einen Beruf ausübten, diesen sollten sie allerdings spätestens mit der Geburt des ersten Kindes an den Nagel hängen. Der Mann wurde bekocht und bebügelt und frau machte sich abends stets zurecht, bevor der Ernährer nach Hause kam. Homosexualität war zu dieser Zeit nahezu undenkbar, Schwule wurden geächtet, ausgestoßen und strafrechtlich verfolgt, sie galten als abartig und krank.

In dieser gesellschaftlichen Umgebung befinden sich Tom, Marion und Patrick, als ihre unfreiwillige gemeinsame Geschichte beginnt. Jeder der Drei versucht auf seine Weise, irgendwie glücklich zu werden, doch letztendlich scheitern alle Drei an den gesellschaftlichen Zwängen und unerwiderter oder zur Geheimhaltung gezwungener Liebe. Problematisch ist hierbei, dass einem keiner der drei Charaktere sonderlich sympathisch ist oder so facettenreich geschildert wird, dass einem eine emotionale Herangehensweise an die Protagonisten möglich ist. Marion ist eine kleinbürgerliche Spießerin mit anspruchslosen Träumen, verklemmt, unsicher und steif. Patrick ist ein Lebemann, der sich aber nach einer ernsthaften Beziehung sehnt, ein Ding der Unmöglichkeit in der damaligen Zeit; hier ist es dem Leser zumindest möglich, Patricks tiefe Gefühle für Tom nachvollziehen zu können. Von Tom erfährt man am wenigsten, da er nicht selbst zu Wort kommt, sondern nur durch Marion und Patrick beschrieben wird. Er ist so ehrgeizig, aber zunehmend verwirrt ob seiner "unziemlichen" Gefühle für Patrick, was durch seinen Beruf als Polizist und somit Wächter nicht nur für Recht und Ordnung, sondern auch Sitte und Moral, noch verschärft wird. Selbst nicht ganz frei von vorurteilsbelasteten Ansichten versucht er verzweifelt den Spagat zwischen seiner unglücklichen Ehe und seinen aussichtslosen Zukunftswünschen Patrick gegenüber und tut so mit seinem Verhalten niemandem einen Gefallen.

Die Welt, die Roberts hier erschaffen hat, ist düster, traurig und hoffnungslos, nur ab und an verändern kleine Momente des Glücks und der Hoffnung die trübe und kalte Grundstimmung des Romans. Durch die zweite Erzählebene, die 40 Jahre nach den damaligen Ereignissen spielt, weiß man nahezu sofort, dass den Protagonisten kein Happy End beschieden war, was der Geschichte Einiges von ihrer Spannung nimmt. So liest man denn Seite um Seite von dem unglücklichen Leben dreier Menschen, die in eine Zeit hineingeboren wurden, die kaum moralische Spielräume ließ und in der weder Mann noch Frau sich frei entfalten konnten. Das ist irgendwann recht ermüdend, vor allem, weil schlussendlich nicht viel passiert, außer, dass man ein bis zwei Jahre am Leben dieser Unglücksraben teilnimmt. Stets bleibt man distanziert dem Geschehen gegenüber, weil man einfach keinen rechten Zugang zu den drei Protagonisten findet.

Insofern ist "Der Liebhaber meines Mannes" keine schlechte Lektüre, aber dennoch entbehrlich. Roberts hat durchaus schriftstellerisches Talent, sie weiß sich auszudrücken und gut zu formulieren, leider sind aber ihrer künstlerischen Phantasie - zumindest in diesem Roman - recht enge Grenzen gesetzt. Wer sich in diese deprimierende Welt einlesen mag und Interesse am Leben von vor über 50 Jahren hat, kann sich gern der Lektüre von "Der Liebhaber meines Mannes" widmen. Mir hat das Buch leider nicht so gut gefallen, weil es inhaltlich einfach nicht viel hergibt - zumindest auf emotionaler Ebene - und ob der moralischen Zwänge jener Zeit für mich einen faden Beigeschmack enthält. Somit gute zwei von fünf kurzen Momenten des Glücks, die über das generelle Elend aber nicht hinwegtäuschen können.


Verdorbenes Blut: Roman
Verdorbenes Blut: Roman
von Geoffrey Girard
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Resurrection, 22. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Verdorbenes Blut: Roman (Taschenbuch)
Was wäre, wenn es möglich wäre, einige der schlimmsten Serienmörder der Welt genetisch zu klonen? Zu rein wissenschaftlichen, gewaltpräventiven Zwecken natürlich. Um zu erforschen, ob das Wesen eines Killers genetisch vorbestimmt ist oder erst durch sein Umfeld und seine Erziehung gebildet wird. Um für die Zukunft zu verhindern, dass solch grauenhafte Verbrecher immer wieder auf die Menschheit losgehen. Das wäre doch toll, oder? Nicht so toll wäre es, wenn einige dieser Klone, gut getarnt in den Körpern von Jugendlichen, aus dem Labor ausbrächen und eine blutige Spur durch ganz Amerika ziehen würden. Doch genau das passiert in Geoffrey Girards Thriller und es geht für kaum einen der Beteiligten gut aus…

In einem geheimen Labor in Pennsylvania werden Menschenversuche durchgeführt. Mithilfe des DNA-Materials einiger der berüchtigtsten Serienmörder der jüngeren amerikanischen Vergangenheit werden Klone geschaffen und in unterschiedliche soziale Umfelder verbracht. Die einen werden misshandelt, gedemütigt und vernachlässigt, die anderen wachsen in einem normalen Umfeld oder im wissenschaftlichen Zentrum selbst auf. Dies alles dient der Erforschung des nur vermeintlich genetisch bedingten "Bösen" und dessen eventueller medikamentöser Behandlung. Doch eines Tages brechen einige der Klone aus und beginnen einen blutigen Feldzug durch halb Amerika. Deshalb wird Ex-Soldat Shawn Carillo darauf angesetzt, die Ausreißer wieder einzufangen…oder zu töten, wenn denn nötig. Womit Carillo allerdings nicht gerechnet hat, ist, dass er auf einen 15jährigen Klon des Serienmörders Jeffrey Dahmer trifft, der allerdings so gar nicht den Erwartungen entspricht, die man an einen 17fachen Mörder gemeinhin so hat. Notgedrungen nimmt er Jeffrey mit auf seine Jagd, da der Junge über Informationen der anderen Killer verfügt und ihm auch sonst noch nützlich sein könnte. Doch schon bald laufen die Dinge ziemlich aus dem Ruder und Castillo muss um sein eigenes Leben fürchten, während die Ausbrecher einen Mord nach dem anderen begehen und darüber hinaus offensichtlich noch einen ganz anderen Auftrag haben…

Girards Thriller bedient sich einiger beunruhigender Fakten, was heutzutage im Namen der Wissenschaft oder der Verteidigung eines Landes alles an- und hergestellt wird. Durch einige der Aussagen im Buch entsteht so manch kalter Schauer, der einem den Rücken runterläuft, alleine dadurch, dass man annehmen muss, dass Girards Aussagen zumindest in Teilen auf Tatsachen beruhen. Da wird fröhlich geklont und experimentiert, als gäbe es kein Morgen, ohne Rücksicht auf Menschenleben oder -würde. Sicherlich kommt bei vielen Forschungen auch Gutes heraus und gewisse Opfer sind sicherlich immer nötig, aber Vieles, was die breite Öffentlichkeit bestimmt nie erfahren wird, mutet so abnorm und grausam an, dass man sich wirklich fragen muss, ob das ethisch oder sonstwie überhaupt noch vertretbar ist.

Dieses beunruhigende Grundgefühl ergänzt Girard dann um seine rein fiktive Story um geklonte Serienmörder und künstlich erzeugte menschliche Kampfmaschinen, die kaltblütig aufeinander losgehen, um ihren Trieben oder angezüchteten Bedürfnissen zu frönen. Etwas zu kurz kommt hier meiner Meinung nach der Bezug zu den Klon-"Vorbildern", die darüber hinaus teilweise fehlerhaft dargestellt werden. Einem Autor, der sich mit dem Thema Serienmörder beschäftigt, sollte nicht der Fehler unterlaufen, Serienmörder mit Massenmördern gleichzusetzen. Das sind zwei völlig verschiedene Tätergruppen, die auch psychologisch kaum weiter voneinander abweichen könnten. Darüber hinaus wird Jeffrey Dahmer hier von Girard als "berüchtigtster Serienkiller aller Zeiten" beschrieben, was natürlich völliger Blödsinn ist. Dahmer war sicherlich einer der grausamsten Mörder des letzten Jahrhunderts, aber es gibt noch grausamere als ihn, die darüber hinaus eine wesentlich höhere Opferzahl vorweisen können. Ted Bundy, John Wayne Gacy und vermutlich auch Ed Gein habe alle mehr Menschen umgebracht als Dahmer und sind dabei nicht minder schauderhaft vorgegangen. Schlussendlich sollte man, wenn man recherchiert, ordentlich recherchieren und John Wayne Gacys Opfer nicht auf dem Dachboden verstecken, wenn diese allesamt unter Gacys Haus gefunden wurden. Solche Fehler sind klein, aber überflüssig; Girard muss doch damit gerechnet haben, dass sich viele Fans von Büchern über Serienkiller sein Buch kaufen und dementsprechend über entsprechende Vorkenntnisse verfügen.

Wobei man diese nicht zwingend braucht. Für das Handlungsverständnis ist es unerheblich, ob man weiß, was diese Psychopathen in Wirklichkeit getan haben. Girard beschreibt dies zwar rudimentär, sonderlich viel Einblick in das "Wirken" der Killer bekommt man allerdings nicht und wird dieses nur vermissen, wenn man sich gut mit den hier erwähnten Killern (Gacy, Gein, Dahmer, Lucas, Rader, Bundy, Fish, Chikatilo, Berkowitz und einige Wenige mehr) auskennt. Ich hätte mir hier schon etwas mehr Tiefgang bezüglich Taten und Wesen der Klon-Originale gewünscht, da man ihr Verhalten dann besser hätte ein- und zuordnen können. Auch sonst bleibt Girard bei der Charakterzeichnung seiner Protagonisten recht blass. Das ist teilweise auch gut so, da man gar nicht immer viel über eh nur kurz auftauchende Personen wissen muss. Manchmal, besonders bei Castillo und seinem Schützling und dessen Vater hätte man sich allerdings doch gerne etwas tiefer in deren Psyche vertieft. So aber glänzt Girard hier vorrangig mit gängigen Klischees wie einem natürlich durch ein posttraumatisches Stresssyndrom beeinträchtigten Jäger, der noch ordentlich mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat oder einem natürlich wahnsinnigen Wissenschaftler, der trotz allen Irrsinns natürlich unheimlich clever und superschlau ist und von dem vorher niemand bemerkt haben will, wie durchgeknallt er ist. Nun ja…

"Verdorbenes Blut" ist durchaus spannend und Girards grausame Phantasie wird so manches Horrorherz höher schlagen lassen, so dass die weniger gelungenen Parts nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Die wissenschaftliche Fachsimpelei und auch die dem Lexikon entnommenen Kapitelvorworte sind so schwer verständlich wie irrelevant, da man auch ohne ihre Kenntnis dem Handlungsverlauf folgen kann. Probleme machen da ab und an die etwas unverständlichen Parallelstories, da man sich hier meist erst selbst einen Überblick verschaffen muss, wem man im wahrsten Sinne des Wortes gerade folgt. Wenn dann noch mehrere Klone denselben oder sehr ähnliche Namen haben oder wiederum Bezug auf ihre realen "Vorbilder" genommen wird, kann es manchmal etwas haarig werden mit dem Verständnis. Vor allem die Geschichte um den Wissenschaftler Jacobson ist ziemlich konfus. Für wen er sich warum hält und warum er tut, was er tut, teilweise dargeboten in kryptischen Tagebucheinträgen, lässt manchmal jegliche Logik oder Nachvollziehbarkeit vermissen.

Alles in allem ist "Verdorbenes Blut" rasant erzählte Thrillerkost, die spannend, abnorm und beunruhigend daherkommt, aber auch manchmal etwas zäh wird durch das ganze wissenschaftliche Gerede und logisch nicht immer zu Ende Gedachte. Die etwas krude Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und perversem Killer-Thriller kommt um diverse Klischees nicht herum und bleibt somit in der Bewertung für mich nur guter Durchschnitt. Deshalb genetische drei von fünf Klonen, die nicht immer logisch, dafür aber krass drauf sind.


Ich bin die Nacht: Thriller
Ich bin die Nacht: Thriller
von Ethan Cross
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Aka Ich bin umnachtet, 18. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ich bin die Nacht: Thriller (Taschenbuch)
Ethan Cross ist das *mysteriösen Gesichtsausdruck aufsetz* Pseudonym eines amerikanischen Thrillerautors, der mit Frau und zwei Töchtern in Illinois lebt und mit "Ich bin die Nacht" debütiert. Vorher hat der gute Ethan seine Zeit ein bisschen als Musiker verklimpert, sich dann aber doch aufs Schreiben nicht sehr glaubwürdiger Romane verlegt. Die hier angefangene und nicht ganz zu Ende erzählte Geschichte geht im Folgeband "Ich bin die Angst" weiter, aber ich weiß wirklich nicht, ob ich noch mal bereit bin, mich einem Roman von Ethan Cross zu widmen. Der an sich gar nicht mal so schlecht startende Thriller verliert sich mehr und mehr in unglaubwürdigen Szenarien, bedient sich einer sehr plakativen Sprache, deren pseudo-dramatische Übertreibungen einen zunehmend nerven und gipfelt in einem derart hanebüchenen und bescheuerten Finaltwist, dass man sich doch sehr wundern muss, welche beschränkten Lektoren diese Geschichte zum Druck freigegeben haben.

Francis Ackerman jr. hat das Bestreben, der berühmt-berüchtigtste Serienmörder der Geschichte zu werden. Dafür geht er mit seinen Opfern auch entsprechend grausam um und ist darüber hinaus nicht viel mehr als ein Phantom, das sich geschickt jeglichem gesetzlichen Zugriff zu entziehen weiß. Doch im Verlauf einer unglückseligen Nacht trifft Ackermans tiefschwarze und geschundene Seele auf einen Widersacher, der es mit dem überaus cleveren Killer aufnehmen zu können scheint. Ex-Cop Marcus Williams kreuzt unvorhergesehenerweise Ackermans Weg und wird von diesem sofort als würdiger Gegner angesehen. Williams wollte sich nach seiner zwangsweise beendeten Karriere als Polizist eigentlich ganz in Ruhe ein neues Leben aufbauen, was in der direkten Nachbarschaft zu einem von Ackermans zukünftigen Opfern natürlich flugs ad absurdum geführt wird. Und ehe Williams sich versieht, hat er bestechliche Bundesbeamte und gewaltbereite Sheriffs an den Hacken und einen wahnsinnigen Killer vor sich auf der Flucht, einer gefährlicher als der andere…

"Ich bin die Nacht", im Original übrigens weit weniger dramatisch als "The Shepherd" (der Hirte) betitelt, fängt eigentlich ganz gut an. Wir bekommen einen Einblick in des Killers dunkle Seele, seinen nahezu grenzenlosen Sadismus, aber auch seine perfekte Tarnung, die ihn bislang unangreifbar gemacht hat, obwohl die Polizei genau weiß, wen sie da zu jagen hat. Parallel zu Francis Ackerman lernen wir den Ex-Cop Marcus Williams kennen und einige zukünftige Opfer Ackermans. Cross beschreibt gekonnt das normale Leben verschiedener Menschen, bevor sie die tödliche Bekanntschaft von Ackerman machen. Das alles ist verstörend, blutig und recht spannend.

Aber schon nach gut einem Drittel des Buches entgleiten Cross sowohl Story als auch Rhetorik nachhaltig. Zum Einen werden die Haken, die die Geschichte schlägt, immer absurder und phantastischer, zum Anderen bedient sich Cross vermehrt einer hyperdramatischen Sprache, die zunehmend lächerlich wirkt. Da "heulte der Wind wie der Schrei einer Todesfee" oder "öffneten sich brüllend die Pforten der Hölle in seinem Rücken" oder "kämpften sie wie zwei Titanen, die verflucht sind, für alle Ewigkeit zu fechten". Das klingt dann irgendwann einfach nur noch nach BILD-Zeitungs-Journalismus, vor allem ob des inflationären Gebrauchs solcher reißerischen Plattitüden. Außerdem verlagert sich der Fokus vom psychologisch eigentlich viel interessanteren Protagonisten Francis Ackerman auf den Ex-Cop Williams (der, soviel Klischeehaftigkeit muss sein, natürlich mit einem dunklen und schmerzhaften Geheimnis aus seiner Vergangenheit behaftet ist). Dazu werden wahllos noch ein paar dubiose Charaktere in die Handlung geworfen, die Williams entweder gut oder böse gesonnen sind und die Story mal unglaubwürdig vorantreiben, mal lau stagnieren lassen.

Sichtlich genervt von der zunehmenden Schundroman-Rhetorik sehnt man das Ende von "Ich bin die Nacht" mehr und mehr herbei und hofft wenigstens auf ein spannendes und gerne auch blutiges Finale. Aber was bekommt man dann? Eine dermaßen abstruse, schwachsinnige und unglaubwürdige Auflösung, dass man nur noch fassungslos den Kopf schütteln kann. Das Kaninchen, das Cross hier aus dem Hut zaubert, wäre mal besser in seinem Bau geblieben und hätte weiter an irgendwelchen Möhrchen geknispelt. Was Cross hier wahrscheinlich für wahnsinnig clever hielt und beim Leser für einen "Wow"-Effekt sorgen sollte, ist unfassbar bescheuert, moralisch mehr als fragwürdig und einfach total hirnrissiger Bockmist. Und dann leistet Cross sich auch noch die Frechheit einer a) obskuren Andeutung bezüglich der Beziehung zwischen Jäger und Sammler und einem b) latent offenen Ende, damit man auch Cross' Nachfolgewerk "Ich bin die Angst" brav kauft. Pah.

Somit ist "Ich bin die Nacht" anfangs gar nicht mal so schlecht, wird dann aber immer seltsamer, schlichter und unlogischer. Das geweckte Interesse des Lesers an einem Psychopathen wird nicht befriedigt, vielmehr versteift Cross sich mehr und mehr auf den "Guten" in der Geschichte und dessen Jagd nach dem Killer bzw. dessen Flucht vor Obrigkeiten, die ihm aus völlig bekloppten Gründen ans Leder wollen. Gekrönt wird das (auch rhetorische) Schmierentheater dann von einem dämlichen und vollkommen an den Haaren herbeigezogenen Finale, das noch nicht einmal alle Fragen beantwortet bzw. sogar noch neue aufwirft. Träumchen.

Insofern war ich von "Ich bin die Nacht" ziemlich enttäuscht, vor allem, weil es dem Autor zumindest am Anfang gelingt, einen für ihn einzunehmen. Da er dann aber sowohl sprachlich als auch inhaltlich völlig aus dem Ruder gerät, kann ich das Buch kaum empfehlen. Deshalb für die recht hübsche Covergestaltung (die sozusagen einmal "rundrum" geht) und einen guten Anfang gerade mal noch zwei von fünf Nächten, die man sich mit diesem Buch besser nicht um die Ohren hauen sollte.


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