Profil für MissVega > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von MissVega
Top-Rezensenten Rang: 1.417
Hilfreiche Bewertungen: 6781

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
MissVega (Hamburg)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
Wie schreibt man Liebe? [Blu-ray]
Wie schreibt man Liebe? [Blu-ray]
DVD ~ Hugh Grant
Preis: EUR 16,99

1.0 von 5 Sternen Wie schreibt man uninspirierte Komödie?, 28. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Wie schreibt man Liebe? [Blu-ray] (Blu-ray)
Regisseur und Drehbuchautor Mark Lawrence scheint einen Narren an Hugh Grant gefressen zu haben, denn alle seine (drei) bisherigen Filme beherbergen den Engländer als Protagonisten ("Ein Chef zum Verlieben", "Mitten ins Herz - Ein Song für Dich", "Haben Sie das von den Morgans gehört?"). In die Reihe der mehr oder weniger gelungenen RomComs reiht sich "Wie schreibt man Liebe" bedauerlicherweise auf dem letzten Platz ein. Waren "Ein Chef zum Verlieben" und "Mitten ins Herz" noch recht gelungene Komödien mit dem typischen Hugh-Grant-Witz und Charme, kam "Haben Sie das von den Morgans gehört?" schon recht bemüht und teilweise auch peinlich daher. Mit "Wie schreibt man Liebe" hat Mark Lawrence nun den vorläufigen Tiefpunkt erreicht, der Film ist nicht mehr als eine bemühte, unlustige und langweilige Komödie, in der weder viel Humor noch Romantik auftauchen. Bedauerlicherweise hat sich zeitgleich Hugh Grants jugendlicher Charme abgenutzt und der mittlerweile 54jährige Brite kann als junggebliebener Charmeur nicht mehr wirklich überzeugen.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1 sowie deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Extras: Blick hinter die Kulissen, Interviews, deutscher und englischer Trailer, DVD/BD-Empfehlung und fünf Trailer. Bild und Ton sind für eine Blu Ray ok, aber nicht überragend, so dass der eventuelle Kauf der DVD in meinen Augen (und Ohren) ausreichend ist.

Drehbuchautor Keith Michaels (Hugh Grant, "Notting Hill") hat den Zenit seines Erfolges schon lange überschritten. Seit er vor 15 den Drehbuch-Oscar gewonnen hat, ist viel Zeit ins Land gegangen. Keith ist es nicht gelungen, an vergangene Erfolge anzuknüpfen, mittlerweile ist er in seiner Abwärtsspirale fast ganz unten angekommen. Seine Agentin müht sich zwar redlich, den ehemals Erfolgreichen irgendwo unterzubringen, kann aber nur eine Gast-Dozentenstelle an einem kleinen College im Staat New York ergattern, die Keith nur widerwillig annimmt, da er meint, Talent könne man nicht unterrichten, das hat man oder eben nicht. Nachdem er in Binghampton erstmal mit einer seiner künftigen Studentinnen in die Kiste gehüpft ist, macht er sich am nächsten Tag gleich bei einer einflussreichen Kollegin (Allison Janney, "Juno") unbeliebt, was Uni-Direktor Dr. Lerner (J.K. Simmons, "Juno", "Whiplash") Sorgen bereitet. Erst als Keith die alleinerziehende Mutter Holly (Marisa Tomei, "The Wrestler") kennenlernt, die als Spätstudierende ebenfalls in seinem Kurs über kreatives Schreiben sitzt, beginnt Keith, seine Einstellung zu überdenken.

Pffft… bei "Wie schreibt man Liebe?" scheint wirklich die Luft raus zu sein. Es ist fast schon schockierend, wie einfallslos und vor allem unlustig dieser 107minütige Versuch einer RomCom geraten ist. Marc Lawrence verlässt sich viel zu sehr auf seinen offensichtlichen Lieblingsschauspieler Hugh Grant, so dass er kaum noch kreative Energie auf sein Script, geschweige denn eine temporeiche und humorvolle Verfilmung verwendet hat. Und da Grants spitzbübischer, jugendlicher Charme bedauerlicherweise langsam der Unglaubwürdigkeit Platz macht (der Mann ist mittlerweile immerhin Mitte 50), bleibt von "Wie schreibt man Liebe?" nicht mehr als ein fahler humoristischer Nachgeschmack.
Schlussendlich schaut man Keith Michaels 107 Minuten dabei zu, wie er unbeholfen und lustlos durch sein Leben eiert. In L.A. ist's doof, weil keine neuen Aufträge reinkommen, er mittlerweile von seiner Frau geschieden ist und zu seinem 18jährigen Sohn (Achtung, pseudo-emotionaler Vater-Sohn-Konflikt, Seite 439 im bekannten Nachschlagewerk "How to dramatize a RomCom") kaum noch Kontakt hat. Als ihm dann auch noch der Strom abgedreht wird, macht Keith sich auf den Weg gen New York, um etwas zu tun, wozu er eigentlich gar keine Lust hat: als Gast-Dozent über kreatives Schreiben referieren. Also zur Ablenkung erstmal eine seiner zukünftigen Studentinnen flachlegen, um sich anschließend verdutzt darüber zu zeigen, dass solche Lehrer-Schülerinnen-Verhältnisse, huppala, gar nicht erlaubt sind. Gut, Fokus verlagern und lieber die sauertöpfische Literaturprofessorin vergrätzen, was soll der Geiz. Kommt auch nicht gut? Ok, dann doch mal ein Auge auf die sympathisch-bauernschlaue Spätstudierende werfen, vielleicht doch keine so doofe Idee, sich mal mit erwachsenen Frauen abzugeben. Dann - im Zuge der wundersamen Wandlung eines bedingt sympathischen Egomanen - noch mal eben einem Studenten zu Erfolg in Hollywood verhelfen (total uneigennützig, versteht sich) um sich dann in kitschiger Erkenntnis und Selbstkritik zu ergehen, bis alle Keith ganz toll finden, er sich selbst eingeschlossen. Knaller.

Die triviale und vorhersehbare Story wäre ja zu ertragen, wenn es Lawrence wenigstens gelungen wäre, Grant & Co. sympathisch-humorvolle Worte in den Mund zu legen und seiner hinkenden Story wenigstens ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen. Aber nein, auch hier patzt der Regisseur Schrägstrich Drehbuchschreiber. Selten hat man Hugh Grant so viel belangloses, unlustiges Zeug von sich geben sehen und selten sind so viele für den Zuschauer durchaus erkennbare Pointen mit Karacho gegen die Wand gefahren worden. Somit bleibt nicht mehr als überwiegend sinnentleertes Phrasengedresche und ein paar müde Witze über weiß-ich-schon-gar-nicht-mehr.

Zudem darf man Lawrence ankreiden, hier etliches fähiges Starpotenzial leichtfertig verschenkt zu haben. Hugh Grant ist natürlich nicht der beste Schauspieler unter der Sonne, aber mit knackigen, humoristischen Dialogen gefüttert durchaus ein Garant für charmant-kurzweilige Unterhaltung. Da diese hier wegfällt, konzentriert man sich mehr auf seine Physis und stellt fest, dass der Lack des britischen Frauenverstehers so langsam ab ist. Ergraut und recht faltig hat Grant Mühe, seinem ehemaligen Image noch gerecht zu werden. Darüber hinaus ist sein Auftritt hier weit mehr Pflicht denn Kür, Grants Spiel kommt so lustlos rüber wie sein Keith im Film überwiegend agiert. Im Vergleich dazu ist die mittlerweile 50jährige (!) Marisa Tomei eine Augenweide und hat zudem die besseren Drehbuchsätze abbekommen. Nur vier Jahre jünger als Grant, geht Tomei aber locker als Mittdreißigerin durch und ist immer noch auffallend hübsch. Ihr lang zurückliegender Oscar für ihre Rolle in "Mein Vetter Winnie" (1992) hat ihr - langfristig gesehen - leider nicht allzu viel gebracht, denn warum sonst sieht man eine so wunderbare Schauspielerin a) so selten und b) in so doofen Filmen? Sie meistert ihren Part an Grants Seite souverän und verschmitzt, so dass man ihr noch mehr Screentime gegönnt hätte. Und die beiden großartigen Darsteller Janney und Simmons (die in "Juno" übrigens als Ehepaar fungierten) müssen sich hier mit langweiligen Nebenrollen begnügen, die ihrem Talent nicht mal im Ansatz gerecht werden. Die Rollen der Studenten werden glaubhaft gegeben, soweit das im Rahmen ihrer klischeehaften Charakteranlage möglich ist (der Nerd, der Intelligente, der sein Potenzial noch nicht erkannt hat, die grummelige Asiatin mit Herz, die Bitch usw. usf.).

"Wie schreibt man Liebe?" ist eine furchtbar banale, vor allem aber unlustige und zähe RomCom, die ebenso wenig Rom(antik) wie Com(edy) beinhaltet. Die Story ist langweilig und vorhersehbar, die Charaktere nur in Ausnahmefällen sympathisch, der Handlungsverlauf wirkt konstruiert und das Ganze ist weder herzig noch witzig. Weitere Erkenntnisse? Mark Lawrence baut ab, Hugh Grant wird alt und Marisa Tomei ist toll. Viel mehr ist hier wirklich nicht mehr zu sagen. Trotz Staraufgebot und einer Handvoll Schmunzler nicht mehr als einen von fünf Drehbuchschreibern, deren Erfolg wirklich schon Jahre zurückliegt. Ach ja, wer das wirklich bis zum Ende durchhält, bekommt im Abspann noch ein paar müde Gags mehr serviert.


96 Hours - Taken 3
96 Hours - Taken 3
DVD ~ Liam Neeson
Preis: EUR 12,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Homecoming, 25. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: 96 Hours - Taken 3 (DVD)
Bei der "96 Hours"-Reihe ist es jedes Mal so, als würde man nach Hause kommen. Man weiß, Liam Neeson ist da, mit scharfem Verstand und geladener Waffe und der unumstößlichen Fähigkeit, alles irgendwie schon wieder in Ordnung zu bringen. Diese Zuversicht macht die "96 Hours"-Reihe zwar latent vorhersehbar, aber ausnahmsweise mal in einem guten Sinn. Die Trilogie findet mit "Taken 3" ihren Abschluss und das ist auch gut so. Bevor die bis jetzt allesamt guten Filme der Reihe weitere, zwangsweise irgendwann schlechter werdende Fortsetzungen finden und nur noch höhere Einspielergebnisse generieren sollen, hat man nach drei Filmen in sechs Jahren den Schlussstrich gezogen und Ex-CIA-Agent Bryan Mills zum letzten Gefecht in seiner Heimatstadt antreten lassen. Nach der Entführung seiner Tochter und Mills Jagd nach ihren Entführern in Paris im ersten Teil ging es für die Mills im zweiten Teil nach Istanbul, wo Tochter und Ex-Frau entführt wurden. Hier nun, im letzten Teil, bleibt Mills mal zu Hause in L.A., die Tochter bleibt glücklicherweise unbehelligt, aber Mills Ex-Frau wird getötet und der Verdacht auf ihn gelenkt, so dass Mills nach Tochter und Ex-Frau nun sich selbst retten muss, um nicht im Knast zu landen oder umgebracht zu werden. Somit ist "96 Hours - Taken 3" ein gelungener Abschluss einer fast durchgängig guten und spannenden Thriller-Reihe.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, dazu deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Extras: Featurettes, Interviews mit Cast & Crew, Entfallene Szenen: Malakov, Sams Geheimversteck "Der Bunker", Fun Clip: 12 Skills of Christmas & Taking my s***, deutscher und englischer Trailer sowie acht weitere Trailer. An Bild und Ton gibt's nichts zu meckern, viel besser kann das in der Blu Ray-Version auch nicht aussehen.

Bryan Mills (Liam Neeson, "Non-Stop") ist nach dem kurzen Wiederaufleben seiner Beziehung zur Ex Lenore (Famke Janssen, "X-Men") in Istanbul weiterhin Single, hat aber ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr. Lenore jedoch ist unglücklich in ihrer Ehe mit Stuart (in Teil eins noch von Xander Berkeley gespielt, nun von Dougray Scott, "New Town Killers"), die trotz Paartherapie nicht mehr funktionieren will. Doch bevor Bryan und Lenore sich wieder annähern können, liegt diese mit durchtrennter Kehle in Bryans Apartment. Als er sie findet und schon die Polizeisirenen in unmittelbarer Nähe hört, bleibt ihm nur eins: Flucht. Um seine Unschuld zu beweisen, kann Bryan sich glücklicherweise auf seine alten CIA-Kumpel verlassen, die zu allem bereit sind, um ihrem Freund aus der Patsche zu helfen. Derweil sitzt Bryan der clevere Cop Franck Dotzler (Forest Whitaker, "Der Butler") im Nacken, dem Bryan aber ein ums andere Mal entwischen kann. Und noch während Bryan nach Beweisen für seine Unschuld und den wahren Mördern seiner Frau sucht, muss er feststellen, dass auch sein eigenes Leben auf dem Spiel steht. Doch Bryan ist wild entschlossen, seine Tochter Kim (Maggie Grace, "Californication") nicht zur Vollwaisen zu machen.

Wie schon im zweiten Teil führt Olivier Megaton auch im dritten Regie. Für die Drehbücher aller drei Teile zeichnen Luc Besson ("Das fünfte Element") und Robert Mark Kamen ("Transporter") verantwortlich. Wilden Verfolgungsjagden und knackigen Gut gegen Böse-Kämpfen steht also nichts im Wege. Und sowohl Besson/Kamen als auch Megaton haben sich auf den stimmigen und äußerst spannenden ersten Teil zurückbesonnen und die teilweise etwas zu hektischen und unglaubwürdigen Storywucherungen im zweiten Teil wieder reduziert, so dass der dritte Teil der Reihe einen würdigen und vor allem recht glaubwürdigen Abschluss findet. Natürlich kommt auch der dritte Teil nicht um einige Logiklöcher herum, besonders die hundertfach abgefeuerten Kugeln, von denen aber keine jemals den Helden trifft, sind ja ein beliebter und immer wieder gern genommener "Fehler". Da solcherlei Filme aber bei Anwendung aller logischen und physikalischen Gesetze nach ca. 15 Minuten bereits zu Ende wären, sieht man dem Regisseur so etwas in der Regel nach. Auch ein paar zu zufällige Zufälle finden sich in "96 Hours - Taken 3", aber sei's drum, dafür ist der Film fast auf ganzer (109minütiger) Länge richtig spannend.

Regisseur Megaton fackelt gar nicht lange rum, nach einem kurzen Intro, in dem Tochter Kim eine zukunftsverändernde Entdeckung macht und Lenore und Bryan eventuell einer wieder gemeinsamen Zukunft entgegenblicken, wird Lenore auch schon umgebracht. Somit ist Bryan schon nach wenigen Filmminuten auf der Flucht und versucht, die Mörder seiner Frau zu finden und gleichzeitig nicht deren nächstes Opfer zu werden. Das Ganze spielt sich diesmal sozusagen vor Bryans Haustür ab, diesmal gibt es keine exotischen Drehs in Paris oder Istanbul, aber L.A. tut's in diesem Falle auch, da der Fokus eh nicht wirklich auf der Stadt, sondern auf Bryans Mission liegt.

Und die hat es ganz schön in sich, da das Drehbuch-Duo Besson und Kamen hier ein paar kleine Wendungen eingebaut hat, die zwar vielleicht zu erahnen, aber nicht wirklich vorherzusehen sind. Neben schießwütigen Gangstern sitzt Bryan diesmal darüber hinaus ein ziemlich cleverer Cop im Nacken, dessen verfolgungstechnischen "Annäherungsversuchen" Bryan zwar ein ums andere Mal entgehen kann, aber nur sehr, sehr knapp. Der Jäger wird zum Gejagten und wieder umgekehrt, so dass im finalen Teil der Reihe kein Platz für Langeweile oder Spannungstiefs ist. Bryan Mills macht ein letztes Mal deutlich, dass mit ihm nicht zu spaßen ist, selbst wenn er dabei ordentlich eins auf die Omme kriegt. Kollateralschaden eben, nützt ja nix. Den Gangstern geht es einem nach dem anderen an den Kragen, während Mills die ihn verfolgenden Cops wie lästige Schmeißfliegen abschüttelt.

Liam Neeson, der ruhende irische Fels in der amerikanischen Actionbrandung. Seine Präsenz ist so unumstößlich wie beruhigend und macht alle drei "96 Hours"-Teile auch darstellerisch zum Hingucker. Nicht, weil Neeson so ein Hübscher wäre (die krumme Nase und die dicken Wurstfinger stehen dem ein bisschen im Weg), sondern weil er so kantig agiert, wie er aussieht und dabei dennoch kompromisslos geradlinig und loyal bleibt. Der mittlerweile 62jährige kann immer noch als Ex-Agent mit ordentlich kämpferischer Ausdauer überzeugen und meistert den Part des wortkargen, aber cleveren und vor allem blitzschnellen Bryan Mills souverän. Wie auch in den Vorgängerfilmen gibt es auch hier an den Darstellungen von Famke Janssen und Maggie Grace nichts auszusetzen, gleiches gilt für Mills' Agenten-Freunde. Erwähnenswert wären hier also noch Dougray Scott, der neben dem Iren Neeson als Schotte noch ein bisschen britisches Salz zur Suppe (oder zum Stew?) gibt und als undurchsichtiger Momentan-Gatte bzw. Witwer von Lenore auftritt und Forest Whitaker, dessen Rolle als umtriebiger Cop den gestandenen Mimen nicht wirklich fordert. Alles in allem also eine formidable Crew, sowohl vor als auch hinter der Kamera.

"96 Hours - Taken 3" ist ein würdiger Abschluss einer erstaunlich stimmigen und spannenden Actionreihe, die abtritt, bevor ihr der kommerzielle und ideelle Garaus droht. Dem sehr guten ersten Teil folgte ein etwas schwächerer zweiter Teil, dem zeitweise ein wenig die actionlastige Hyperventilation drohte. Im dritten Teil aber hat die Reihe zu ihren Wurzeln zurückgefunden, nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich, Mills ist zu Hause angekommen und muss von dort aus ein letztes Mal auf die Jagd nach Bösewichtern gehen. Nach seiner Tochter und seiner Frau steht er im dritten Teil nun selbst im Fokus, was die Reihe stimmig abschließt. Es gibt dutzendfach spannende Momente, Kämpfe und Verfolgungsjadgen, auch wenn die Charakterisierung der Protagonisten teilweise etwas schablonenhaft bleibt. Alles in allem ist der dritte Teil kurzweilige und spannende Actionkost, die man sich getrost zu Gemüte führen kann, vielleicht sogar sollte. Insofern sehr gute vier von fünf Verschwörungen, denen nur einer auf die Spur kommen kann: Bryan Mills.


Zweite Chance
Zweite Chance
DVD ~ Nikolaj Coster-Waldau
Preis: EUR 15,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gestohlenes Glück, 20. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Zweite Chance (DVD)
(Kinoversion)

Wenn die Drehbuchautoren und Regisseure Susanne Bier und Anders Thomas Jensen zusammenarbeiten, kann man in der Regel davon ausgehen, tiefsinnige, ungeschönte Dramen mit hohem Authentizitätsfaktor zu sehen zu bekommen. Die beiden Dänen arbeiten in "Zweite Chance" bereits das sechste Mal zusammen, wobei Bier stets als Regisseurin fungiert und Jensen als Drehbuchautor. Diese beiden überaus talentierten Filmschaffenden haben zusammen so großartige Werke wie "In einer besseren Welt", "Brothers" und "Nach der Hochzeit" erschaffen, Jensen hat darüber hinaus als Regisseur die wunderbaren Filme "Adams Äpfel" und "Flickering Lights" gedreht. Ähnlich wie in "In einer besseren Welt" bauen Bier und Jensen auch in "Zweite Chance" ein fragiles moralisches Gerüst auf, nur um es dann wuchtig zusammenbrechen zu lassen und den Zuschauer mit der Frage zu konfrontieren, was richtig oder falsch ist oder wie er in einer ähnlichen Situation wohl gehandelt hätte. "Zweite Chance" wartet darüber hinaus einmal mehr mit Dänemarks kleiner, aber feiner Schauspielelite auf, die mühelos mit den Größten Hollywoods mithalten kann.

Andreas (Nikolaj Coster-Waldau, "Mama", "Game of Thrones") und Anna (Maria Bonnevie, "Reconstruction") sind glückliche Eltern von Baby Alexander. Umso schockierter ist Polizist Andreas, als er eines Tages bei einem Einsatz bei dem Kriminellen Tristan (Nikolaj Lie Kaas, "Illuminati", "Erbarmen") und dessen Freundin Sanne (May Andersen in ihrer ersten Rolle) in dessen verwahrloster Wohnung ein schwerst vernachlässigtes Baby findet. Der kleine Sofus liegt in einem Kleiderschrank in seinen eigenen Fäkalien, abgeschoben vom drogenabhängigen und gewalttätigen Vater und der wehrlosen, geschundenen Mutter. Andreas und sein Kollege Simon (Ulrich Thomsen, "Das Fest") sind fassungslos, können aber nichts tun, da Sofus zumindest nicht unterernährt ist. Als Alexander kurz darauf den plötzlichen Kindstod stirbt und Anna droht, sich umzubringen, wenn Andreas den Notarzt anruft, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: er bricht bei Tristan und Sanne ein und vertauscht die Säuglinge. Doch dies ist nur der Anfang einer Tragödie, dessen Ausmaß Andreas so nie hätte kommen sehen…

Susanne Bier und Anders Thomas Jensen sind ein großartiges Gespann. Hier haben sich genau die beiden richtigen kreativen Köpfe gefunden, um wirklich ganz großes dänisches Kino zu produzieren. Jensens Fähigkeit, derart dichte, realistische und aufrüttelnde Dramen zu ersinnen, gepaart mit Biers Talent, dies visuell so gekonnt und explizit umzusetzen, machen die Filme der Beiden zu wohltuenden Ausnahmeerscheinungen in der oft so oberflächlichen Filmwelt. Und zu Recht hat einer von Biers Filmen, "In einer besseren Welt", dann auch den Oscar als bester ausländischer Film bekommen.

"Zweite Chance" weckt unterschiedliche Gefühle, Bier und Jensen machen es dem Zuschauer wie üblich nicht leicht. Schwarzweißmalerei gibt es hier nicht, moralische Grenzen werden bewusst übertreten oder in Frage gestellt, so dass weder die Guten nur gut noch die Bösen nur böse sind. Und es gehört viel Sensibilität und inszenatorisches Können dazu, sowohl der integeren Welt von Andreas und Anna Risse zu verleihen, als auch die vermeintlich Asozialen mit sehr menschlichen Regungen auszustatten. Der schnellen Vorverurteilung wird hier also vehement ein Riegel vorgeschoben, so dass der Zuschauer sich schon bald in einem ähnlichen moralischen Dilemma befindet wie Andreas. Und doch ist dies nur die Spitze des Eisbergs…

Bier beleuchtet genau die beiden gegensätzlichen Lebensumfelder ihrer Protagonisten. Da sind Andreas und Anna in ihrem schönen Haus am See, wunderbar illuminiert und das perfekte Heim für Baby Alexander. Und auf der anderen Seite findet sich die verwahrloste Dreckbutze von Tristan und Sanne, vollgemüllt, bewohnt von einem heroinsüchtigen Schläger und seiner unterwürfigen, willenlosen Freundin und dem mitleiderregenden Baby Sofus, der abgeschoben in einer Obstkiste in seinem eigenen Unrat liegen muss, weil Tristan Sanne verbietet, sich angemessen um das Baby zu kümmern. Hinzu kommt noch Andreas' Kollege Simon, der nach der Trennung von Frau und Kindern zur Flasche greift und um den Andreas sich auch noch kümmern muss. Als diese scheinbar so gegensätzlichen Welten aufgrund von Andreas' Kurzschlussreaktion kollidieren, ist das Drama vorprogrammiert.

Denn wie soll man den Tod des eigenen Kindes betrauern, wenn nur Stunden nach dessen Tod ein neuer Säugling da ist und man das eigene Kind noch nicht einmal beerdigen kann? Wie soll die definitiv traumatisierte Mutter das auf die Reihe kriegen? Und: war es rechtens, dass Andreas so massiv ins Schicksal eingegriffen hat? Sofus hätte es vermutlich nicht überlebt, wenn er noch länger bei seinen verantwortungslosen Eltern geblieben wäre. Aber darf man deshalb ein Kind seiner Mutter wegnehmen? Darf man sich selbst und andere so massiv belügen? Und kann man mit so einer Lüge wirklich leben? Diese und andere Fragen wirft "Zweite Chance" auf, und überlässt teilweise dem Zuschauer selbst die Antwort.

Und obwohl "Zweite Chance" ein sehr intensives Drama ist, das im Verlauf seiner 102 Minuten noch unerwartete Haken schlägt und das alles noch unfassbarer macht, hat es mich nicht ganz so aus der emotionalen Bahn geworfen wie seinerzeit "In einer besseren Welt". Ich kann gar nicht mal genau festmachen, warum das so ist. Die Geschichte ist gut, sie wird gut erzählt, es mangelt nicht an emotionalen Momenten, man wird mit unterschiedlichen Emotionen wie Fassungslosigkeit, Wut, Trauer und Mitleid konfrontiert und gekonnt in die Handlung mit einbezogen, weil man sich zwangsweise irgendwann fragt, wie man wohl selbst gehandelt hätte. Und dennoch, trotz aller emotionalen Brisanz, entfaltet "Zweite Chance" nicht dieselbe dramatische Wucht wie im inszenatorisch vergleichbaren "In einer besseren Welt". So ganz kommt man nicht rein in die Story, manchmal bleibt man aufgrund der unterdrückten Trauer und dargestellten Teilnahmslosigkeit einiger Protagonisten distanziert, so schrecklich das alles auch sein mag und obwohl es immer noch schlimmer wird. Der zweite Punkt, der mich dieses Werk nicht vollumfänglich loben lässt, ist das Ende des Films. Es passt vom Ton nicht zum Rest des Films, auch wenn die Meisten damit durchaus zufrieden sein dürften und erleichtert aufatmen werden. Hier hätte ich mir etwas mehr Konsequenz für ein unbequemes, aber realistischeres Ende gewünscht. Andererseits tut es der geschundenen Zuschauerseele auch gut, wenn wenigstens ein Lichtstreif am Ende des Drama-Horizonts zu erkennen ist.

Die Darsteller sind, wie nahezu immer bei dänischen Produktionen, über jeden Zweifel erhaben. Es ist wirklich unfassbar, wie viele verdammt gute Schauspieler dieses kleine Land hervorbringt. Die Darsteller und die Crew kennen sich größtenteils seit Jahren oder sogar Jahrzehnten, arbeiten immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen vor und hinter der Kamera zusammen und liefern immer punktgenau und hervorragend ab. Ob das nun Nikolaj Coster-Waldau ist, der die perfekte Balance zwischen erst glücklichem Ehemann und Vater und dann schockiertem, trauerndem und wütendem Gesetzesbrecher findet. Oder ob es Nikolaj Lie Kaas ist, der seinem cholerischen, betrügerischen, brutalen, egoistischen und berechnenden Kriminellen in einigen wenigen Sekunden menschliche Züge verleiht. Beeindruckend auch May Andersen in ihrer ersten Rolle, die sie bravourös meistert. Demut, Angst, Zerbrechlichkeit, aber auch unbeirrbare Überzeugung lassen Sanne zu einem interessanteren Charakter werden als angenommen. Einzig Ulrich Thomsen kommt hier etwas zu kurz, ebenso Maria Bonnevie, aber auch sie können in einigen Szenen wirklich Akzente setzen. Der Cast überzeugt bis in die kleinste Rolle, was mich bei dänischen Produktionen aber auch nicht mehr wirklich überrascht.

"Zweite Chance" ist ein erschütterndes, vielschichtiges, authentisches Drama mit hervorragender Besetzung und versierter Regie. Auch wenn es Susanne Bier nicht immer ganz gelingt, an die emotionale Wucht ihres brillanten "In einer besseren Welt" heranzureichen, ist "Zweite Chance" ein verstörender, guter, intensiver und sehenswerter Film, der den Zuschauer einmal mehr mit unangenehmen Wahrheiten und moralischen Fragen konfrontiert. Ergo gerne vier von fünf nächtlichen Baby-Tauschaktionen, die unabsehbare Folgen nach sich ziehen.


Du bist mein Tod: Thriller
Du bist mein Tod: Thriller
von Claire Kendal
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Somebody's watching me, 16. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Du bist mein Tod: Thriller (Broschiert)
Stalking wird vom Gesetz ja mittlerweile glücklicherweise nicht mehr als Kavaliersdelikt oder nicht ernstzunehmende Bedrohung angesehen. Zu viele tödlich endende Fälle oder auch solche, in denen die Opfer massive psychische und physische Schäden davongetragen haben, haben die Judikative zum Einlenken bewogen, so dass Stalking mittlerweile ein handfester Straftatbestand ist, der streng geahndet und bestraft wird. Sicherlich sind die Lücken im Gesetz immer noch zu groß, so dass solchen Psychopathen noch immer nicht ausreichend oder rechtzeitig das Handwerk gelegt werden kann, aber zumindest ist die Tat an sich endlich als "richtige" Straftat anerkannt worden, die mit nicht unerheblichen Gefängnisstrafen geahndet wird. Claire Kendal hat sich für ihren Debütroman das Thema Stalking ausgesucht und schreibt sehr versiert und wissensreich über die vielen Facetten, mit denen man einen Menschen zum psychischen Wrack werden lassen kann. Leider gelingt es der Debütantin in meinen Augen nicht, auch einen wirklich fesselnden, spannenden und in allen Belangen überzeugenden Roman abzuliefern, aber für ein Erstlingswerk ist "Du bist mein Tod" (oder wie immer treffender im Original: "The Book of You") einigermaßen gut gelungen.

Claire Kendal ist Amerikanerin, wuchs aber in England auf. "Du bist mein Tod" ist ihr Debüt und bereits in zahlreichen Ländern erschienen. Kenal unterrichtet Literaturwissenschaft und Kreatives Schreiben und lebt mit ihrer Familie im Südwesten Englands. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman.

Clarissa ist 38, lebt in Bristol und arbeitet als Sekretärin an der örtlichen Uni, wo sie auch einen der Lehrer, Rafe, eines Tages kennenlernt. Der Mann ist ihr nicht sonderlich sympathisch, dennoch lässt sie sich überreden, nach einer Veranstaltung mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Ein schwerer Fehler, wie Clarissa schnell merken soll. Denn nun weicht Rafe der unfreiwillig Kinderlosen nicht mehr von der Seite, bombardiert sie mit Anrufen, SMS und Geschenken und lauert ihr täglich irgendwo auf. Auf Clarissas Ablehnung und Ignoranz reagiert er mit immer häufigeren Eingriffen in ihr Privatleben. So ist Clarissa mehr als dankbar, als sie als Geschworene in einem Vergewaltigungsprozess in Bath ausgewählt wird, hofft sie doch, Rafe so zumindest tagsüber entkommen zu können. Doch Rafe taucht immer wieder und vor allem überall auf und sein Verhalten wird zunehmend bedrohlich, so dass Clarissa irgendwann begreift, dass mit einem Mann wie Rafe nicht zu spaßen ist. Mehr noch, Clarissa beginnt zu ahnen, was einer von Rafes Ex-Freundinnen zugestoßen sein könnte und sieht sich gezwungen, sich endlich gegen ihren Peiniger zu Wehr zu setzen. Oder ist es dafür schon zu spät?

Was nach einem spannenden Stalking-Thriller klingt, ist mehr ein recht langgezogenes, deprimierendes Drama, auch wenn Claire Kendal hier lediglich einen Zeitraum von ungefähr neun Monaten in Clarissas Leben beleuchtet. Clarissa ist eine Frau, mit der ich persönlich nicht so richtig warm geworden bin. Sie klingt nach einer bestenfalls durchschnittlichen, langweiligen Enddreißigerin, deren Träume sich größtenteils nicht erfüllt haben und die Zuflucht im Handarbeiten gesucht hat, während sie sich darüber grämt, dass sie mit ihrem Ex-Freund erfolglos versucht hat, ein Kind zu bekommen, was schlussendlich zur Trennung der Beiden geführt hat. Sie ist defensiv, leidensfähig und fahrig, wobei Letzteres auf den psychischen Druck zurückzuführen ist, den Rafe auf sie ausübt. Ich war oft zwiegespalten ob ihres Verhaltens, weil ich es zwar einerseits gut nachvollziehen konnte, dass sie sich von Rafe so lange hat drangsalieren lassen (sie musste erst genug Beweise zusammenbekommen, um ihre Anzeige gegen ihn auch plausibel erscheinen zu lassen), es mich andererseits aber genervt hat, wie wenig sie ihm gegenüber aufbegehrt oder sich gewehrt hat (eine rein subjektive Empfindung, denn sie hätte dem Gewieften und ihr körperlich Überlegenen sowieso nichts entgegenzusetzen gehabt). Abgesehen von dem Stalking, dem sie mehr und mehr ausgesetzt ist, ist Clarissas Leben furchtbar langweilig, besonders die sich wiederholenden Passagen über Näharbeiten und Schnittmuster haben mich schnell zum Querlesen animiert.

Darüber hinaus fand ich den parallelen Handlungsstrang um die Gerichtsverhandlung samt Vergewaltigungsopfer bestenfalls plakativ, schlimmstenfalls total überflüssig. Immer mal wieder flicht Kendal Passagen aus der Verhandlung, der Clarissa als Geschworene beiwohnt, ein, allerdings immer so kurz, dass man schon bald wieder vergessen hat, wer welcher Angeklagte ist, in welcher Beziehung er zum Opfer steht, wer wessen Verteidiger ist usw. Dass es natürlich ausgerechnet um eine Vergewaltigung und die damit einhergehenden Vorurteile und Parallelen zu Clarissas Situation geht, war mir dann einfach ein bisschen zu viel des plakativen Guten. Aber schlussendlich brauchte die Autorin vermutlich schlicht und ergreifend einen Aufhänger, um einen weiteren wichtigen Protagonisten in die Handlung einzuführen und dachte sich, es wäre überaus geistreich, ein Stalking-Opfer ausgerechnet in einem Vergewaltigungsprozess zu platzieren.

Im Übrigen muss man die wechselnden Erzählperspektiven mögen, derer Kendal sich hier bedient. Abwechselnd wird das Geschehen von Clarissa selbst wiedergegeben, in Form von Tagebucheinträgen, oder von einem neutralen Erzähler, der die Ereignisse schlicht und sachlich schildert.

Claire Kendal hat sich vermutlich sehr genau mit dem Thema Stalking auseinandergesetzt, da ihre Schilderungen sich sehr realistisch und umfangreich gestalten. Gepatzt hat sie meiner Meinung nach dann ein ums andere Mal bei der Täter- und Opfer-Psychologie. Einiges wirkt hier einfach nicht stimmig oder braucht viel zu lange, um endlich zu Erkenntnis und Umsetzung zu gelangen. Im Epilog gelingt es Kendal dann bedauerlicherweise auch noch, mir fast gänzlich die Rest-Sympathie für Clarissa zu rauben, da sie sie einige sehr befremdliche Sachen sagen lässt (auch wenn das für diesen Opfertypus wahrscheinlich ganz normal und authentisch ist). Das Ende ist für den versierten Thriller-Fan absehbar, auch die scheinbar überraschende Erkenntnis über einen der Protagonisten kommt nicht plötzlich daher, denn wenn man auch den "Nebenrollen" in diesem Buch gut zugehört hat, war auch hier abzusehen, dass irgendetwas nicht stimmt. Im Showdown und Epilog geht es dann recht holprig zu, die psychologische Authentizität nimmt mehr und mehr ab und macht erst einem brutalen Finale und dann einem halbgaren Epilog Platz, der nicht sauber aus- und aufgearbeitet wurde und meine unterschwellige Antipathie gegenüber der Protagonistin noch verstärkt hat. So war ich dann doch eher erleichtert, als ich der Geschichte den (Buch)Rücken zukehren konnte.

"Du bist mein Tod" ist ein Debüt, bei dem man der Autorin zumindest bescheinigen kann, sich intensiv mit dem Thema ihres Romans auseinandergesetzt zu haben. Kendal gelingt es mühelos, beim Leser Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Mitleid, aber auch Wut und Frustration zu erzeugen. Auch schildert sie überzeugend die mannigfaltigen Möglichkeiten eines Stalkers, seinem Opfer das Leben regelrecht zur Hölle zu machen. Die Grenzen von Polizei und Gerichten finden ebenfalls Erwähnung, was die ganze Situation noch auswegloser und bedrohlicher erscheinen lässt. In allen anderen Belangen aber finde ich "Du bist mein Tod" nur wenig gelungen. Mir fiel es schwer, auch nur für einen der Protagonisten Empathie zu empfinden. Dies ist bei Charakteren wie dem Stalker natürlich kein Kunststück, aber dass ich mich weder für das Opfer noch deren Freunde oder Bekannte, noch die Geschworenen oder das Vergewaltigungsopfer ernsthaft erwärmen konnte, kreide ich Kendals Charakterisierungen dann doch an. Darüber hinaus ist der Roman oft vorhersehbar und nur an wenigen Stellen wirklich spannend, oftmals wohnt man hier eher einem nicht enden wollenden Drama bei, dessen Intensität durch langweilige Prozess- oder Handarbeitspassagen konterkariert wird. Claire Kendal kann durchaus mit Worten umgehen, nicht so gut allerdings mit stimmigen Inhalten, überzeugenden Charakteren und passgenauer Spannung. Somit kommt "Du bist mein Tod" nicht über das Urteil eines mittelprächtigen Thriller-Dramas hinaus, welches ich schlussendlich sogar für entbehrlich halte. Dank guter Recherche, einigen dann doch spannenden Passagen und des rhetorischen Talents dieser neuen Autorin knappe drei von fünf Stalkern, denen man wirklich die Pest an den Hals wünscht…mindestens.


Wyrmwood
Wyrmwood
DVD ~ Jay Gallagher
Preis: EUR 13,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "You need a Zombie? I'll get you a Zombie!", 12. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Wyrmwood (DVD)
(Kinoversion)

Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet Australien ist, aus dem einer der gelungensten Zombiefilme der letzten Jahre kommt? Das Sub-Genre des Zombiefilms ist ja schon öfter totgesagt worden, als es jemals wird wieder auferstehen können, Untote hin oder her. Und zugegebenermaßen wissen viele Regisseure oder Drehbuchautoren dem Zombiefilm kein neues oder auch nur im Ansatz kreatives Leben mehr einzuhauchen. Nicht so die Roache-Turner Brothers Kiah und Tristan. Die beiden Multitasker (Kiah hat Regie geführt, produziert und das Script geschrieben, Tristan hat ebenfalls das Drehbuch verfasst und den Film produziert, darüber hinaus haben beide noch diverse andere Aufgaben am Set übernommen) rotzen mal eben so ganz locker-flockig einen 98Minüter hin, der blutig, witzig und kurzweilig ist und darüber hinaus noch mit einer neuen, schön-schrägen Idee aufwartet, die ich so noch nicht in einem Zombiefilm gesehen habe. Dass es vier Jahre gedauert hat, bis "Wyrmwood" fertig war, lag schlicht und ergreifend daran, dass die Crew immer nur am Wochenende gedreht hat. Tiefenentspannt eben, diese Aussies.

Nach ein paar kräftigen Meteoritenschauern verwandeln sich mehr und mehr Australier in Zombies - klingt komisch, is aber so. Auch Mechaniker Barry (Jay Gallagher), zufriedener Ehemann und Vater einer Tochter, sieht sich von jetzt auf nu mit der Zombie-Apokalypse konfrontiert, als er seine Frau und sein Kind erschießen muss, nachdem diese zu Untoten mutiert sind. Barry hat schon die Waffe am eigenen Kopf, um seiner Familie ins Jenseits zu folgen, als er auf weitere Nicht-Infizierte trifft, unter anderem den Aborigine Benny (Leon Burchill) und den coolen Frank (Keith Agius). Also wird flugs ein halbwegs zombiesicheres Fahrzeug zusammengeschweißt und auf geht's nach Bulla Burra, von wo Barrys Schwester Brooke (Bianca Bradley) angerufen und um Rettung gebeten hat. Die ist aber inzwischen von maskierten Soldaten gekidnappt worden und sieht sich mit einem völlig durchgeknallten Wissenschaftler konfrontiert. Wird Barry sie noch rechtzeitig retten können? Wird er überhaupt nach Bulla Burra kommen? Denn Benzin funktioniert als Treibstoff nicht mehr, da muss man erstmal genau überlegen, was als Alternative in Frage kommen könnte…

"Wyrmwood" (originär von "Wormwood" aus der Bibel, Buch der Offenbarung, ein Engel oder ein Stern) ist ein wunderbar blutiger Genre-Bastard aus "Dawn of the Dead" und "Mad Max". Martialische Kampfanzüge und Karosserien treffen auf fleischhungrige Untote, die das ganze Outback bevölkern. Und die Roache-Turner Brothers fackeln auch gar nicht lange und lassen die blutgierige Meute gleich in der 1. Filmminute auf den Zuschauer los. Somit dringt der Film ohne Umschweife und erklärerischen Schnickschnack zum Kern der Sache vor und kann sein geradliniges Tempo fast über die gesamte Laufzeit halten.

Natürlich wurde hier viel mit CGI gearbeitet, besonders, wenn den Zombies auf sehr vielfältige Weise der Garaus gemacht wird. Das macht aber nichts, bei einem Trash-Film gehört das ja fast schon zum guten Ton. Außerdem hatten die Roache-Turner Brothers so genug Budget übrig, um es in vernünftige Darsteller zu investieren. Das fängt an beim Eric-Bana-Lookalike Jay Gallagher, der seinen Barry gekonnt zwischen verzweifelt und grimmig ansiedelt, geht weiter über den abgedrehten Aborigine Benny, den Leon Burchell mit wilder Friese und sehr quasselig gibt und hört noch lange nicht auf bei der ultracoolen Bianca Bradley als Brooke, die schwitzend und verzweifelt, aber mit immensem Überlebenswillen gesegnet, alle noch überraschen wird. Gute Darsteller, die ihre Rollen erstaunlich facettenreich ausfüllen, wenn man bedenkt, dass es hier "nur" um einen Zombiefilm geht.

Auch der Ausstattung merkt man das vermutlich nicht sehr hohe Budget von "Wyrmwood" nicht an. Hier wurde kräftig in vielfältige Waffen zur Untoten-Bekämpfung investiert, und auch das Zombiemobil macht einiges her. Sogar die selbstgebastelten "Rüstungen" aus alten Football- und Eishockeytrikots und Motorradhelmen sehen schön abgewrackt-authentisch aus und versprühen einen leichten "Freitag der 13."-Charme.

Während unsere Zombiejäger sich also durchs australische Outback kämpfen und dabei natürlich diverse Verluste hinnehmen müssen, ist Brooke vorerst auf sich allein gestellt. Dem durchgeknallten Wissenschaftler zu entkommen (der in einer Szene übrigens eine wunderbare Reminiszenz an "Reservoir Dogs" hinlegt), erweist sich als schwieriges Unterfangen, bis Brooke von ganz unerwarteter Seite Hilfe erhält. Die zwei parallel verlaufenden Handlungsstränge sorgen zum Glück nur an wenigen Stellen für ein paar kleine Längen, meistens aber gelingt es den Roache-Turner Brothers ziemlich gut, die Spannung auf einem hohen Niveau zu halten (noch ein bisschen weniger von Bennys Gequatsche und sich wiederholenden Szenen im Science-Lab von Dr. Mabuse, dann hätte der Film perfektes Timing gehabt).

Und obwohl schlussendlich nicht viel mehr passiert, als dass eine Gruppe Überlebender sich durch einen Haufen Untoter mäht, während eine Einzelkämpferin versucht, einem durchgeknallten Wissenschaftler zu entkommen, ist "Wyrmwood" erstaunlich kurzweilig und kreativ. Die Protagonisen wachsen einem ans Herz und man wartet gespannt, ob es ihnen gelingen wird, ihrem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. Der Showdown wartet dann noch mit ein paar sehr coolen Sprüchen auf ("Never, never EVER, grab another man's balls in a fistfight. It shows low character") und schon wird das Ende eingeläutet. Und in diesem Fall darf man sich auf den gerüchteweise angekündigten zweiten Teil um die Aussie-Zombies wirklich freuen, denn ein so gelungenes Debüt, und dann auch noch in diesem totgesagten Genre, erlebt man selten.

Also, "Wyrmwood" ist ein prima Zombiefilm aus Down Under, der durch einige kreative Ideen, sein konstantes Tempo und versierte Darsteller überzeugt. Aus der eigentlich recht dünnen Story wurde das Bestmögliche gemacht, nur an einigen wenigen Stellen herrscht mal kurz inhaltliche Flaute und der ein oder andere Gag mehr hätte dem Film auch nicht geschadet. Der Zombie-Bodycount ist erfreulich hoch, so dass man sich über viele blutige Slasher-Szenen freuen kann. Alles in allem haben die Roache-Turner Brothers hier alles richtig gemacht und das Genre um einen äußerst gelungenen Vertreter seiner Zunft bereichert. Man darf gespannt auf den hoffentlich kommenden 2. Teil sein. Bis dahin gerne vier von fünf Aussie-Zombies, die sich besser in acht nehmen sollten, besonders vor Brooke.


The Skeleton Twins
The Skeleton Twins
DVD ~ Bill Hader
Preis: EUR 7,97

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nothing's gonna stop us now, 12. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: The Skeleton Twins (DVD)
Craig Johnson, Regisseur und Drehbuchautor des hier zu befaselnden Films, ist fast noch gänzlich unerfahren im "Business" hat er doch vor "The Skeleton Twins" von 2014 erst einen Film fabriziert ("True Adolescents"), und das auch schon 2009. Zwischen den beiden Filmen liegen also fünf Jahre und keine weitere Regieerfahrung. Und dafür schlägt Johnson sich gar nicht mal so schlecht. Zwar ist sein Film teilweise sehr ruhig und auch etwas belanglos erzählt, dennoch kommt man nicht umhin, die Protagonisten irgendwann ins Herz zu schließen. Spätestens, wenn die Geschwister sehr herzig Starships "Nothing's gonna stop us now" playbacken, muss man "The Skeleton Twins" zugestehen, ein kleiner, feiner Film zu sein, dessen inszenatorische Fehler man Craig Johnson gerne nachsieht.

Ton in Deutsch und Englisch, Untertitel in denselben Sprachen. Extras: Audiokommentar wahlweise mit Regisseur und Hauptdarstellern oder mit Regisseur und Produzenten des Films sowie zwei Trailer.

Milo (Bill Hader, "Adventureland", "Superbad") ist am Ende. Er lebt in L.A. als erfolgloser Schauspieler mehr schlecht als recht und als sein Partner ihn verlässt, versucht Milo sich umzubringen. Dies ruft seine Zwillingsschwester Maggie (Kristen Wiig, "Brautalarm", "Paul") auf den Plan, zu der Milo seit über zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Die Geschwister waren einst unzertrennlich, haben sich aber nach dem Tod des Vaters auseinandergelebt. Widerwillig bietet Maggie Milo an, vorübergehend bei ihr in New York unterzukommen, bis er sich wieder ein wenig berappelt hat. Doch auch Maggies Leben ist nicht problemfrei. Sie lebt mit ihrem liebevollen Mann Lance (Luke Wilson, "Idiocracy", "Sterben will gelernt sein") in einem schönen Haus und hat gerade mit der Kinderplanung begonnen. Zumindest denkt Lance das…Maggie hingegen nimmt heimlich weiterhin die Pille und kann den Avancen anderer Männer manchmal nicht widerstehen. Die offenbar durch den Tod des Vaters traumatisierten Zwillinge finden nur langsam zu ihrer alten Verbundenheit zurück, doch ist das Band erstmal geknüpft, werden Milo und Maggie bald schon wieder unverzichtbar für den anderen…

"The Skeleton Twins" braucht viele seiner 93 Minuten, bis man als Zuschauer erstmals eine latente Verbundenheit mit den Protagonisten verspürt. Die Entfremdung, die zwischen Milo und Maggie herrscht, überträgt sich auch auf den Zuschauer, so dass es eine Weile dauert, bis man das Potenzial des Films für sich entdeckt. Spätestens jedoch, wenn die Geschwister pantomimisch den Song "Nothing's gonna stop us now" schmettern, ist das Eis gebrochen und man kann sich dem leisen Independent-Charme, der diesen Film umweht, nicht länger entziehen.

Dennoch bleibt der Grundton des Films ruhig. Es wird relativ viel geredet, einiges davon ist die recht schlicht widergegebene Vergangenheitsbewältigung der beiden Geschwister. Alte Erinnerungen werden aufgewärmt, man bringt sich gegenseitig auf den aktuellen (Lebens)Stand und nach und nach stellt sich auch das Vertrauen wieder ein, das die Zwillinge einst untrennbar miteinander verband. Mehr und mehr öffnen sich Milo und Maggie dem anderen, bis auch ihre tiefsten und bislang gut verborgenen Geheimnisse ans Licht kommen. Das geht nicht ohne Schmerzen und Verletzungen ab, bringt die beiden im Leben Gestrauchelten aber wieder näher zueinander.

Viel mehr als die zaghafte, humorvolle, traurige und ehrliche Annäherung zweier Geschwister aneinander passiert in "The Skeleton Twins" eigentlich nicht. Johnson hat noch ein paar semi-relevante Nebenstränge in seine Story gewoben, die diese gekonnt verdichten, aber nicht zu überdramatischen Ausfällen führen. So alltäglich das Geschehen im Film manchmal auch erscheinen mag, gelingt es Johnson doch, Milo und Maggie den Hauch des Besonderen, Exzentrischen, aber auch Tragischen zu verleihen, der das Ganze wunderbar menschlich und authentisch macht.

Die eher durchschnittlich wirkenden Mimen Kristen Wiig und Bill Hader meistern ihre Rollen mit einer wunderbaren Mischung aus Verletzlichkeit und Sarkasmus. Schon bald erkennt man, was die Geschwister einander einmal bedeutet haben müssen und wie falsch es war, dass sie über eine Dekade lang keinen Kontakt zueinander hatten. Hader spielt den nur manchmal schrillen Schwulen mit angenehmer emotionaler Zurückhaltung, durch die nur ab und zu die Verzweiflung bricht, die in seinem Inneren herrscht. Wiig als nur vermeintlich glückliche Ehefrau lotet ihre Tiefen als Ehebrecherin und Nachwuchs-Verhinderin an der Seite eines sonnengemütigen, grundguten Ehemannes fein nuanciert aus, wobei ihre Verzweiflung präsenter ist als Haders. Luke Wilson muss sich mit einem relativ kleinen Part als ahnungsloser Ehemann begnügen und Ty Burrell spielt als Milos ehemaliger Lehrer dankenswerterweise mal nicht den trotteligen Deppen, den er in der "Modern Family"-Serie normalerweise gibt.

"The Skeleton Twins" ist ein Film, der erobert werden will. Er verlangt Geduld vom Zuschauer, zieht ihn aber unweigerlich über kurz oder lang in seinen Bann, auch wenn die Story auf den ersten Blick recht alltäglich daherkommt. Craig Johnsons gemütliche Inszenierung trägt ebenfalls dazu bei, dass die emotionalen Wellen nicht zu hoch schlagen, wodurch die wenigen Szenen, in denen es dann aber doch dramatisch zugeht, umso intensiver nachhallen. Das zurückhaltende, unaufgeregte Spiel der Hauptdarsteller fügt sich bestens in Johnsons kleine, aber erzählenswerte Geschichte, die durch wunderbare 80er-Jahre-Musik und stimmige Locations ergänzt wird. Der Film ist auf den ersten, vielleicht sogar auf den zweiten Blick nichts Besonderes, und einige werden ihn vermutlich schlicht langweilig finden, aber bei einigen bringt er irgendwann im Filmverlauf vermutlich genau die eine Saite zum Klingen, die "The Skeleton Twins" dann eben doch sehenswert macht. Für mich daher wunderbare vier von fünf Zwillingen, die sich niemals trennen sollten.


My Old Lady
My Old Lady
DVD ~ Kevin Kline
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Hausbesetzer, 8. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: My Old Lady (DVD)
Der mittlerweile 76jährige Regisseur Israel Horovitz, hauptberuflich Dramatiker und Bühnenautor von über 50 Theaterstücken, gibt in diesem schon recht gesetzten Alter sein Spielfilmdebüt mit "My old Lady". Zum Thema hat er eine ungewöhnliche immobilienspezifische Besonderheit des französischen Mietrechts gewählt, die besagt, dass man einige Immobilien nur kaufen kann, wenn man einem dort verbleibenden Mieter lebenslanges Wohnrecht gewährt und ihm zusätzlich noch eine Art Pension zahlt. Verrückt, die Franzosen, was? Bedauerlicherweise sind weder Thema noch Umsetzung sonderlich interessant, so dass "My old Lady" zu einem sehr betulichen, späterhin unnötig dramatischen Seniorenstück geworden ist, dessen vorrangiges Merkmal seine Verzichtbarkeit ist. Und mit 107 Minuten Laufzeit ist der Film darüber hinaus auch noch viel zu lang geraten.

Ton in Deutsch und Englisch, Untertitel in Deutsch. Extras: Originaltrailer, deutscher Trailer, Interview mit Kevin Kline sowie sechs weitere Trailer.

Mathias Gold (Kevin Kline, "Ein Fisch namens Wanda", "Die Lincoln Verschwörung"), 60jähriger New Yorker, freut sich. Hat er doch von seinem jüngst verstorbenen Vater eine riesige Wohnung in Paris geerbt. Also kratzt der fast mittellose Amerikaner seine letzten Cents zusammen und fliegt nach Frankreich. In der Wohnung findet er dann allerdings nicht nur zahlreiche Antiquitäten, sondern auch die 92jährige Mathilde Girard (Maggie Smith, "Best Exotic Marigold Hotel") vor, die Mathias darüber aufklärt, dass sie lebenslanges Wohnrecht in der schmucken Pariser Immobilie genießt und Mathias darüber hinaus verpflichtet ist, ihr monatlich 2.400 Euro zu zahlen, so wäre das damals mit Mathias' Vater vereinbart worden. Da Mathias blank und ziemlich überrascht von dieser unangenehmen Wendung ist (sah er sich doch bereits als reicher Mann, wenn er die Wohnung für einige Millionen verkauft hätte), bietet Mathilde ihm an, vorübergehend bei ihr einzuziehen. Mathildes Tochter Chloé (Kristin Scott Thomas, "Only God Forgives", "Lachsfischen im Jemen") ist davon wenig begeistert, da sie Mathias für einen habgierigen Loser hält, fügt sich aber vorerst in die ungewöhnliche Dreier-WG. Während Mathias nach einer für ihn günstigen Lösung sucht, die Immobilie doch noch gewinnbringend an den Mann zu bringen, erfährt er, dass Mathilde und sein Vater nicht nur ein geschäftliches Verhältnis verbunden hat…

Vielleicht habe ich die Inhaltsangabe zum Film nicht richtig gelesen…jedenfalls dachte ich, ich bekomme hier eine charmante interkulturelle Komödie darüber serviert, wie sich ein raffgieriger Amerikaner an einer zähen Französin die Zähne ausbeißt, als er versucht, sich sein Erbe unter den Nagel zu reißen. Tja, denkste…Vielmehr ist der Film eine träge und unausgegorene Mischung aus altersschwacher Komödie und überfrachtetem Drama, die in der Summe leider so gar nicht zu überzeugen weiß. Betulich nähert Neu-Regisseur Horovitz sich dem selbst ersonnenen Thema seines Films und lässt dabei konsequent Elemente wie Humor, Tempo und Kurzweiligkeit außer Acht. Der Film plätschert so zäh und uninspiriert am Zuschauer vorbei, dass dieser spätestens nach einem Viertel der Gesamtlaufzeit enttäuscht realisiert, dass es wohl nicht mehr besser werden wird.

Ob das nun irgendwie in Zusammenhang mit dem recht hohen Alter des Regisseurs und seiner cineastischen Unerfahrenheit steht oder damit, dass fast der gesamte Cast kurz vor der Pensionierung steht oder diese (rein statistisch) schon hinter sich gelassen hat, bleibt eine Vermutung, allerdings eine, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Vielleicht liegt es aber auch schlicht am Unvermögen des Regisseurs und Drehbuchautors zu erkennen, welche Stoffe fürs Kino geeignet sind. "My old Lady" ist es, zumindest in der hier vorliegenden Form, sicherlich nicht.

Wesentlich mehr hintersinniger Humor, definitiv mehr Tempo und eine kürzere Laufzeit hätten "My old Lady" vielleicht noch retten können, so aber mutiert der Film zu einer abwechselnden Abfolge erfolgloser Versuche Mathias', die Wohnung doch noch an den Mann zu bringen oder sich mit der heimlichen Veräußerung des Mobiliars den Lebensunterhalt zu sichern und konstruiert wirkenden, nicht verarbeiteten Kindheitstraumata, über die die Betroffenen referieren, ohne dabei beim Zuschauer Empathie generieren zu können. Zeichnete den Film anfangs vielleicht noch ein Hauch Humor aus, treibt Horovitz' Debüt im Filmverlauf mehr und mehr Richtung aufgebauschte Dramagefilde, die einen leider höchstens noch zum Gähnen animieren. Zudem schreckt Horovitz auch nicht davor zurück, in wirklich kitschige Sequenzen abzudriften, z. B. wenn er Kevin Kline ein improvisiertes Opern-Duett mit einer unbekannten Pariserin am Seine-Ufer schmettern lässt - da verfällt man dann doch langsam in den Fremdschäm-Modus.

Israel Horovitz ist 76 Jahre alt, Maggie Smith 80, Kevin Kline 67, Dominique Pinon ("Delicatessen") 60. Einzig Kristin Scott Thomas (55) kann den Altersdurchschnitt marginal senken bzw. wirkt noch einigermaßen un-geriatrisch. Die Darsteller sind Profis, jahrzehntelang im Geschäft und wissen, was sie zu tun haben. An ihnen liegt es nicht, dass "My old Lady" scheitert. Aber auch sie können nicht gegen ein dermaßen konstruiertes und langatmiges Drehbuch anspielen, das jeglichen Sinn für Timing und Humor vermissen lässt und schlussendlich eine furchtbar belanglose Geschichte erzählt, nicht ohne diese auch noch mit völlig überzogener Dramatik und peinlichem Kitsch zu überschütten.

Tatsächlich aber ist es Horovitz wenigstens gelungen, seinen Film mit schönen Paris-Aufnahmen aufzupeppen, die ab und an von seinem inszenatorischen Unvermögen ablenken. Ansonsten aber kann man "My old Lady" bedauerlicherweise kaum etwas zugutehalten. Der Film ist lang und weilig, hat schlussendlich nichts zu sagen und weckt eine völlig falsche Erwartungshaltung beim Zuschauer, die er zu keinem Zeitpunkt einzulösen vermag. Es wird viel geredet, aber nur wenig davon ist von Bedeutung oder Interesse, so dass "My old Lady" ein überfrachtetes, nahezu humorfreies und klischeebeladenes Rührstück geworden ist, mit dem Horovitz sich mächtig übernommen und es gleichzeitig in den Sand gesetzt hat. Für ein paar schöne Paris-Impressionen und einen zwar betagten, aber souveränen Cast gerade mal noch eine von fünf gescheiterten Existenzen, auf deren Lebensgeschichte man gut hätte verzichten können.


Die Beschissenheit der Dinge: Roman
Die Beschissenheit der Dinge: Roman
von Dimitri Verhulst
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5.0 von 5 Sternen Vollkommen verkommen, 5. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Die Bes*********** der Dinge" war vor ein paar Jahren ein Kinofilm, der mir ausgesprochen gut gefallen hat. Rotzig, asozial, verkommen, aber immer herzlich und ehrlich zeichnete er das Bild einer Familie, die ganz unten angekommen ist, sich dort aber anscheinend pudelwohl fühlt. Dimitri Verhulst erzählt hier seine eigene Geschichte, die Geschichte einer Kindheit unter Alkoholikern und Arbeitsscheuen, Kleinkriminellen und Weiberhelden, bei denen es sich um seinen Vater und dessen Brüder handelt. Verhulst ist dem Sumpf entkommen und kann als einziger seiner Familie ein gutes Einkommen sowie eine nicht vorhandene Alkoholabhängigkeit vorweisen, er hat es "geschafft". Aber tief im Inneren steckt in Dimitri Verhulst immer noch der kleine Dimmetrieken, der die vermeintliche Ehre der Familie hochhält und nichts auf seine verkommene Sippe kommen lässt.

Der belgische Schriftsteller Dimitri Verhulst wurde 1972 im flämischen Aalst geboren, wo er mit seinem Vater und dessen drei Brüdern bei der Großmutter aufwuchs. Im Alter von 13 Jahren entkommt Verhulst dem rüden und antriebslosen Leben seiner schwerst alkoholabhängigen Onkel und seines Vaters, da seine Großmutter heimlich das Jugendamt anruft und den Jungen ins Internat bzw. Pflegefamilien verbringen lässt. Verhulst veröffentlichte 1999 seinen ersten Roman, 2006 folgte "Die Beschissenheit der Dinge", die Autobiographie über seine Kindheit.

Dimitri Verhulst wächst im flämischen Dorf Reetveerdegem auf und zwar Mitte der 80er Jahre, als er 13 Jahre alt ist und auf dem besten Weg, ein nichtsnutziger Alkoholiker wie sein Vater Pierre "Pie" zu werden. Auch die Brüder seines Vaters, Herman, Zwaren und Karel "Potrel" sprechen dem Alkohol so sehr zu, dass sie regelmäßig ins Delirium fallen. Pie hat wenigstens noch einen Job als Postbote, wobei seine tägliche Route ihn allerdings an vielen der örtlichen Kneipen vorbeiführt, so dass er seinen Dienst in der Regel sturzbesoffen beendet. Auch Potrel, Zwaren und Herman haben nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag zu schlafen, fernzusehen oder zu saufen. Und sie alle wohnen ob ihrer desolaten Lebens- und Jobsituation wieder bei ihrer Mutter, Dimitris Großmutter, die mit dem Haufen saufender, sich einnässender und bekotzender Söhne heillos überfordert ist. So spielt sich Dimitris Leben zwischen der dreckstarren Bruchbude seiner Großmutter, diversen Kneipen und ab und zu der Schule ab. Um den Enkel vor dem Schicksal ihrer Söhne zu bewahren, greift Großmama irgendwann heimlich ein und trägt so maßgeblich dazu bei, dass aus ihrem Enkel ein sehr guter Schriftsteller geworden ist.

"Die Bes*********** der Dinge" ist ein ganz schönes Brett von einem Buch. Dimitri Verhulst schildert die Ungeheuerlichkeiten seiner Kindheit so präzise und ironisch, dass man manchmal nicht weiß, ob man nun lachen oder weinen soll. Denn das, was Verhulst hier schonungslos offen preisgibt, lässt einen ein ums andere Mal entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Da wird die Sozialarbeiterin mit geschmacklosen Anzüglichkeiten der alkoholisierten Brüder bedacht, die Großmutter hat Mühe, Bremsspuren und Kotzflecken aus der Kleidung ihrer Söhne zu waschen, die Männer der Familie befinden sich permanent in einem Zustand, der zwischen stark angetrunken und Alkoholkoma schwankt und der junge Dimitri wird regelmäßig mit in die Kneipen geschleppt, wo er Alkohol, Prügeleien und zotigen Aufschneidereien ausgesetzt ist.

Und dennoch, so zweifelsfrei asozial die Verhulsts auch sein mögen, der Familienzusammenhalt ist groß. Die vermeintliche Ehre der Sozialschmarotzer und Säufer wird immer gern mit den Fäusten verteidigt, man teilt sich Frauen und Arbeitslosengeld und auch für absurde Späße wie ein Trinkolympiade, bei der die Etappen der Tour de France "nachgetrunken" werden, sind die Verhulsts immer zu haben. Denn obwohl die Zukunft für alle Familienmitglieder nicht rosig aussieht bzw. es gar keine gibt, haben sich die Verhulsts ihre Lebensfreude bewahrt und machen für sich das Beste aus ihrem armseligen Dasein. Wenn es vielleicht sowieso kein Morgen gibt, sollten wir heute wenigstens so viel Spaß wie möglich haben, zwei bis vier Promille inklusive.

Mit der beginnenden Pubertät beginnt Dimitri dann jedoch, die Eskapaden seiner Familie in einem etwas kritischeren Licht zu sehen. Und als er und seine Onkel auch noch mit ansehen müssen, wie sich Pie in die Klinik zum Alkoholentzug begibt, weil er einfach nicht mehr kann, kommen Dimitri endgültig Zweifel, ob das Leben, das er zu führen gezwungen ist, vielleicht doch kein so dolles ist. Doch auch Jahrzehnte später, mit dem gebührenden Abstand und kaum noch vorhandenem Kontakt zu seinen Onkeln, merkt man Verhulst an, das er zwar mit abgeklärter, aber dennoch vorhandener Zuneigung von seiner Verwandtschaft spricht. So selten er sie auch sieht und so genau er auch weiß, was für bedauernswerte Loser sie sind, Verhulst bleibt Verhulst, Familie eben. Dennoch geht Dimitri nicht unbeschadet aus dem alkoholgetränkten Chaos seiner Kindheit hervor. Er hat Bindungsängste, Stimmungsschwankungen und Selbstzweifel. Und das Kind, das seine Freundin gerade austrägt, ist ihm schon jetzt zuwider, er will keine Nachkommen, keine Möglichkeit, ein weiteres Kind den schlechten Genen der Verhulsts auszusetzen.

Die Handlung spielt größtenteils in Verhulsts Jugend, ab und zu ergänzt durch einen Sprung in die jüngere und ältere Gegenwart. So plötzlich, wie man sich im Leben dieser sympathischen Loser wiederfindet, wird man am Ende des Buches auch wieder aus ihm entlassen. Ein bisschen was ist geklärt, vieles bleibt offen, aber Verhulst ist etwas gelungen, was schon die gleichnamige Verfilmung auszeichnete: er schafft es, dass einem diese hoffnungslosen Säufer und Nichtsnutze trotz ihres erschreckend unhygienischen und hoffnungslosen Lebenswandels sympathisch sind, dass man mit ihnen lachen kann, obwohl sie Dimitri fahrlässig all dem aussetzen, was ein Kind nie ertragen sollte. Sie sind so ziemlich die ungeeignetsten Vorbilder, die man sich vorstellen kann und die Umstände, unter denen Dimitri aufwachsen musste, sind Gift für jede zarte Kinderseele. Verhulst zeigt aber auch, dass man all dem auch - wenn auch mit Narben auf der Seele - entkommen kann, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

"Die Bes*********** der Dinge" ist ein großartiges Buch, das durch seine schonungslose Offenheit schockiert, aber durch die ironiegetränkte Wärme und den Stolz des Bodensatzes einer Gesellschaft ungeahnte Sympathien generieren kann. Niemand möchte wirklich solche Säufer, Faulpelze und Schläger kennen, aber so, wie wir sie durch Dimitri kennenlernen, kommt man nicht umhin, sie dennoch irgendwie ins Herz zu schließen. Das einzige Manko des Romans ist der in der deutschen Übersetzung gewählte "Slang", in dem die Verhulsts meistens sprechen. Hiermit soll wohl die Schlichtheit der Sprache aufgezeigt werden, die sich von der der Mittel- und Oberschicht unterscheidet. Hierzu wurde eine Art Kölner Dialekt gewählt, der irgendwie unangenehm auffällt. Vermutlich hat Verhulst im flämischen Original ebenfalls eine vereinfachte Wortwahl für die Dialoge seiner Verwandtschaft gewählt, der Kölsche Dialekt wirkt hier aber einfach unpassend und schlecht gewählt. Ansonsten gibt es an diesem wunderbaren Stück Realsatire aus dem Proletarierleben nichts auszusetzen. Ich finde es überaus mutig, das Dimitri Verhulst sein Leben so gnadenlos ehrlich und dabei trotz aller Missstände so herzlich und sympathisch offenlegt, denn der arme Kerl hatte ganz schön was durchzustehen, Dinge, über die man wohl normalerweise den Mantel des Schweigens breiten würde. Neben dem Buch (das einige Episoden mehr als der Film beinhaltet) kann ich den gleichnamigen Film (der einige Dinge aus dem Buch weglässt, dafür ein paar andere dazugenommen hat) nur wärmstens empfehlen, sowas sieht und liest man heutzutage nicht mehr oft. Deshalb gerne volle fünf von fünf Flaschen Bier, die ein Verhulst in weniger als einer halben Stunde geleert hat.


Wish I Was Here
Wish I Was Here
DVD ~ Zach Braff
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Struggling, 2. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Wish I Was Here (DVD)
Zehn Jahre mussten "Garden State"-Fans auf den zweiten Film von Regisseur Zach Braff ("Scrubs") warten. Doch wer gehofft hatte, dem Regisseur und Schauspieler gelinge ein ebenso großer Wurf wie mit seinem Erstling, wird vermutlich enttäuscht werden. Zwar verfügt der Film über einige typische "Zach Braffs" (schöner Soundtrack mit eigenwilliger Indie-Musik, wunderbare One-Liner, Braffs spezieller, sehr sarkastischer Humor), aber in der Summe fehlt dem Film einfach der rote Faden bzw. ein roter Faden, der den Zuschauer zu fesseln vermag. "Wish I was here" ist eine leidlich amüsante Dramödie, die mit 106 Minuten insofern zu lang geraten ist, als dass das Drehbuch, das Braff zusammen mit seinem Bruder Adam verfasst hat, nicht über genug inhaltlich Interessantes verfügt, um diese Laufzeit zu rechtfertigen.

Das Bild ist für eine DVD erstaunlich gut, sehr scharf und kontrastreich, was besonders bei den sehr schönen Landschaftsaufnahmen auffällt. Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, keine Untertitel. Extras: Outtakes, Directing while Acting, The Music, Featurettes, Deleted Scenes (mit oder ohne Audiokommentar) sowie der Trailer des Films.

Aidan Bloom (Zach Braff) kriegt die Krise. Der arbeitslose Schauspieler bekommt nur selten ein Jobangebot, will aber unbedingt an seinem Traum festhalten. Das zwingt seine Frau Sarah (Kate Hudson, "Almost Famous"), die Brötchen für die Familie zu verdienen, und zwar in einem langweiligen und stupiden Job, der sie nicht glücklich macht. Und nun müssen auch noch die Kinder Tucker (Pierce Gagnon, "Looper") und Grace (Joey King, "Conjuring", "White House Down") von der jüdischen Privatschule genommen werden, da Opi (Mandy Patinkin, "Criminal Minds", "Homeland") das Schulgeld für seine Krebstherapie braucht. Aidans Bruder Noah (Josh Gad, "Die Trauzeugen AG") ist da auch keine große Hilfe, der Nerd verschanzt sich am liebsten in seinem Wohnwagen und bloggt das Internet voll. Aidan muss ein paar grundlegende Entscheidungen treffen, was ihm sichtlich schwerfällt…

Viel mehr ist zum Inhalt eigentlich nicht zu sagen, der Film steigt an einer bestimmten Stelle in Aidans Leben ein und verlässt es ein paar Wochen später wieder, ohne großartige Spuren beim Zuschauer zu hinterlassen. Das alles wirkt irgendwie beliebig und willkürlich, und so großartig einzelne Szenen auch geraten sind, so schlussendlich belanglos ist der Film in der Summe.

Man darf Aidan schlicht dabei zusehen, wie er versucht, sein Leben auf die Reihe zu kriegen, ohne seine Träume dabei aufzugeben und darüber hinaus noch allen gerecht zu werden. Dass das nicht wirklich funktioniert, dürfte klar sein. Glücklicherweise gelingt es Braff, ein paar sehr schöne Dialogsequenzen zu platzieren, die so wunderbar ehrlich sind, dass man wirklich lauthals lachen muss. Immer mal wieder im Verlauf des Films gelingen Braff solche zauberhaften und witzigen kleinen Momente, leider aber verzettelt er sich auch ebenso oft in Nebensächlichkeiten.

Denn die Geschichte um einen mitteljungen, erfolglosen Schauspieler in L.A., der gerade in der Sinnkrise steckt, ist nun wirklich nicht neu und wird von Braff auch nicht wirklich innovativ inszeniert. Fragmentarisch werden verschiedene Bereiche von Aidans Leben beleuchtet und am Ende halbwegs sinnig und stimmig zusammengeführt. Und hier fährt Braff einiges an Konfliktpotenzial auf: die Kinder gehen auf Wunsch des Opas auf eine jüdische Privatschule, Aidan hingegen verachtet den jüdischen Glauben. Grace hat die üblichen Pubertätsprobleme, Tucker ist seinem Alter entsprechend anstrengend. Opas Krebs kommt zurück, Sarah hat Probleme mit und in ihrem Job, Aidan hat ein schwieriges Verhältnis zu seinem Bruder, findet keine Schauspiel-Jobs und soll nun auch noch die Kinder selbst zu Hause unterrichten. Der Gartenzaun ist marode, der Swimmingpool seit Jahren unfertig und im Bett von Aidan und Sarah läuft auch nicht mehr viel. Das alles wird abwechselnd abgehandelt und nach 106 Minuten endlich zu einem Ende geführt.

Nach einer Weile machen sich beim Zuschauer erste Ermüdungs- und vielleicht auch Enttäuschungserscheinungen bemerkbar. Denn wo Braffs Erstling "Garden State" noch mit einer gut erzählten, liebevollen Story überzeugen konnte, verzettelt Braff sich hier in zu vielen Belanglosigkeiten, die er an zu wenigen Stellen gekonnt humoristisch auflockert. Da der Film weder einen richtigen Anfang noch ein richtiges Ende hat, sondern einfach ein paar Wochen an Aidans Leben teilnimmt, wirkt der ganze Film irgendwie aus dem Zusammenhang gerissen und beliebig.

Den Schauspielern, darunter natürlich auch Braff, kann man das freilich nicht anlasten. Braff hat eine bunte und begabte Truppe zusammengewürfelt, die hier bestmöglich aufspielt. Sogar kleine Rollen für seinen alten "Scrubs"-Kumpel Donald Faison und "The Big Bang Theory"-Darsteller Jim Parsons ("Garden State") waren drin. Braff variiert seine Rollen aus "Scrubs" und "Garden State" und gibt den sympathisch-sarkastischen Schlacks, der immer latent überfordert wirkt, gewohnt souverän. Kate Hudson überzeugt als genervt-liebevolle Ehefrau und Mutter und Mandy Patinkin brilliert als grummeliger Alter mit Zuneigungsproblem. Die Kinder sind süß bzw. herrlich eigenwillig und Josh Gad mimt den emotional gestörten Nerd ebenfalls überzeugend.

"Wish I was here" ist einerseits ein typischer Zach-Braff-Film, mit charmantem Independent-Film-Charakter, speziellem Soundtrack und wunderbar treffenden, wahren Dialogen. Andererseits verzettelt Braff sich hier mit zu vielen Problemen und deren Bewältigung und hat recht willkürlich einen beliebigen Lebensabschnitt seines Protagonisten herausgegriffen, der nicht immer kurzweilig genug abgehandelt wird. Insofern durchschnittliche drei von fünf Träumen, die leider nicht alle wahr werden können.


One for my Baby: Roman
One for my Baby: Roman
von Tony Parsons
  Taschenbuch

1.0 von 5 Sternen Not for me, Baby, 28. April 2015
Rezension bezieht sich auf: One for my Baby: Roman (Taschenbuch)
Nach Tony Parsons' entsetzlichem Buch "Die schönste Frau der Welt" war ich eigentlich wenig geneigt, noch weitere Bücher dieses Autors zu lesen. Da ich mir in einem Anfall geistiger Umnachtung aber irgendwann vor 12 Jahren offensichtlich mehrere Bücher von Parsons gekauft habe, stand "One for my Baby" (benannt nach einem Sinatra-Song) noch ungelesen im Regal. Also habe ich Parsons eine - so viel darf ich verraten - letzte Chance eingeräumt, mich davon zu überzeugen, dass er nicht nur trivialen Mittelschichtsschrott über verweichlichte männliche Thirtysomethings schreibt. Tja, hat er aber leider. Zwar schwadroniert Parsons hier nicht ganz so furchtbar herum wie in "Die schönste Frau der Welt", aber der Roman ist ebenfalls langweilig und hat einen ziemlich unsympathischen Loser als Protagonisten. Somit bin ich ein für alle Mal durch mit Tony Parsons, noch mehr dieser weinerlichen Versagerliteratur brauche ich wirklich nicht.

Tony Parsons ist ein britischer Journalist und Schriftsteller, geboren 1953 in Essex. In seinen Romanen geht es meistens um Beziehungs- und Partnerschaftsprobleme. Parsons sieht seine Romane gerne als männliches Pendant zur sogenannten "Chick Lit", also Büchern, die speziell für Frauen geschrieben wurden und sich um deren Probleme drehen. "One for my Baby" ist aus dem Jahr 2005.

Alfie Budd, Mitte 30, leicht angemoppelter Engländer, kehrt nach einem tragischen Ereignis aus Hongkong, wo er ein paar Jahre gelebt hat, in sein Elternhaus in London zurück. Er hat seine einzig wahre Liebe, Rose, verloren und weiß nun nichts mehr mit sich anzufangen. Halbherzig beginnt er einen Job als Englischlehrer an einer Sprachenschule für Immigranten und hält es für eine gute Idee, sich durch den weiblichen Anteil seiner Studentinnen zu schlafen. Das bringt Ablenkung, aber keinerlei emotionale Verpflichtung (zu der Alfie sich sowieso nicht bereit fühlt), da seine Schülerinnen die Schule oder sogar London über kurz oder lang eh wieder verlassen. Erst als Putzfrau Jackie Day an ihn herantritt und ihn bittet, sie in Englischer Literatur zu unterrichten, da sie ihre Zulassungsprüfung zum College nachholen will, beginnt Alfie, sein Verhalten zu überdenken. Jackie hat eine pummelige 12jährige Tochter namens Plum und einen recht schrillen Klamottengeschmack. Viel zu spät merkt Alfie, dass Jackie die erste Frau nach Rose ist, die ihm wirklich etwas bedeuten könnte. Gibt es für Alfie noch Hoffnung auf eine zweite Chance in der Liebe?

Das wollen wir mal nicht hoffen. Denn so einen Kerl wie Alfie wünscht man keiner Frau an den Hals. Egoistisch, unreif, weinerlich, entscheidungslahm und verantwortungslos kommt der Mann mit dem albernen Namen daher und versteht es gekonnt, den Leser gegen sich einzunehmen. Er hat zwar offensichtlich Englische Literatur studiert, da er als Lehrer an einer Schule mit Problemkids gearbeitet hat, flüchtet von dort aber lieber gen Hongkong, wo er an einer Sprachenschule Englisch für Chinesen unterrichtet und sich treiben lässt. Durch Rose nimmt sein Leben erst eine wunderbare, dann eine furchtbare Wendung, die den gebrochenen Alfie zurück ins Elternhaus in London treibt. Nach ewigem Nichtstun und sich selbst bemitleiden findet er einen Job als Englischlehrer für Ausländer an einer Sprachenschule. Und anstatt seine Trauer vernünftig zu verarbeiten, trinkt Alfie lieber und poppt sich durch seine internationale weibliche Schülerschaft. Nebenbei moralapostelt er allerdings ohne Scheu gegen seinen Vater, der das familiäre Gefüge ordentlich ins Ungleichgewicht bringt oder zeigt sich überfordert, wenn eine seiner Studentinnen ihm - Überraschung - doch Gefühle entgegenbringt.

"One for my Baby" ist demnach nur an wenigen Stellen interessant oder lustig oder spannend. Es gibt ein paar gelungene verdrehte Wortspiele mit der englischen Sprache und ein paar herzige Szenen mit Alfies Großmutter. Größtenteils allerdings schwafelt Parsons ellenlang über Frank Sinatra und dessen Songs, warum sein Alfie diesen gut und jenen besser findet, was ihm diese Musik warum bedeutet, welches Album das Beste ist usw. usf. Dann gibt es noch langatmige Exkursionen in die Lehre des Tai Chi und philosophisches Allerlei eines antriebslosen, feigen und langweiligen Durchschnitts-Engländers mit Bauchansatz. Na bravo. Die 362 Seiten ziehen sich wie Kaugummi und schon bald verlässt einen die Lust, diesem öden Briten (also Alfie) weiter dabei zuzulesen, wie er sein Leben vergeigt und sich trotzdem noch für nen tollen Hecht hält, weil er 20jährige Japanerinnen in die Kiste kriegt.

Im Gegensatz zu "Die schönste Frau der Welt" sind einem hier wenigstens nicht alle Charaktere unsympathisch. Es gibt eine durchsetzungsstarke chinesische Restaurantbesitzerin, eine putzige Omi und eine bodenständige Frau, die nie ihren Traum aus den Augen verloren hat. Das lenkt zumindest einigermaßen von den langweiligen oder unsympathischen Rest-Charakteren ab. Dennoch ist "One for my Baby" weder stilistisch noch inhaltlich ein großer Wurf. Parsons' Rhetorik fehlt es nicht an Talent, aber das kann leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Geschichten einfach furchtbar erzählter Männer-Mist sind, verweichlicht und klischeebeladen und so durchwachsen und öde, dass es eine Zumutung ist. Für die paar gelungenen Sequenzen und wenigen Sympathieträger gerade mal noch einen von fünf Sinatra-Songs, über die man jetzt viel mehr weiß, als man jemals wissen wollte.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20