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MissVega (Hamburg)

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Scriptum
Scriptum
von Raymond Khoury
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Die Bibel ist ein Märchenbuch, 26. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Scriptum (Taschenbuch)
Als Dan Brown vor knapp zehn Jahren die Menschheit mit seinen zu Weltbestsellern avancierenden Romanen "Illuminati" und "Sakrileg" beglückte, war klar, dass bald diverse Autoren auf den literarischen Zug, der Thriller und Religion zu einer spannenden Schatzsuche verbindet, aufspringen würden. Nahezu alle Folgewerke anderer Autoren hatten das Pech, sich an Browns vermeintlichen Meisterwerken messen lassen zu müssen, auch, wenn sie das gar nicht wollten. Diese Betrachtungsweise ist recht einseitig und wird ähnlich gelagerten Geschichten auch nicht wirklich gerecht, vor allem, weil auch bei Browns Werken genug kritische Stimmen laut wurden, die seine Geschichten als mittelmäßig geschrieben und an vielen Stellen unlogisch und reißerisch empfunden haben. Ähnlichkeiten bleiben bei einem gleichen Grundthema einer Geschichte nicht aus, man kann das Rad ja nun mal nicht neu erfinden, deshalb haben auch Autoren, die nicht so bekannt geworden sind wie Dan Brown, ein Recht auf eine möglichst unvoreingenommene Betrachtung ihres Werkes. Und Raymond Khoury macht seine Sache wirklich gar nicht schlecht, auch wenn er natürlich in Browns Fahrwasser fährt.

Raymond Khoury wurde 1960 im Libanon geboren, wanderte aber aufgrund des Bürgerkrieges 1975 nach Amerika aus. Nach ein paar Jahren kehrte er für sein Studium der Architektur nach Beirut zurück, wanderte aber wegen des zweiten Bürgerkrieges 1984 erneut aus, diesmal nach London. Irgendwann fing er erfolgreich an, Drehbücher zu schreiben und debütierte 2005 mit seinem ersten Roman, "Scriptum", der 2008 verfilmt wurde. Sein vorerst letztes Buch, "Memoria", erschien 2012.

Im Metropolitan Museum of Art findet gerade die Eröffnung der bislang größten Ausstellung religiöser Schätze aus dem Vatikan statt, die sich auch die Archäologin Tess Chaykin zusammen mit ihrer Mutter und ihrer neunjährigen Tochter Kim ansehen will. Doch plötzlich tauchen wie aus dem Nichts vier Reiter in Rüstungen der Tempelritter auf und stürmen das Museum. Sie richten ein furchtbares Chaos an, zerschlagen Vitrinen, stehlen unschätzbare Kostbarkeiten und beginnen dann, wild um sich zu schießen. Tess kann beobachten, wie einer der Reiter ein unscheinbares Holzkästchen entwendet, welches er ehrfürchtig betrachtet, ehe er aus dem Museum flüchtet. Das kurz nach dem Überfall eintreffende FBI um den Agenten Sean Reilly steht zunächst vor einem Rätsel. Doch als Tess ihre Aussage macht und auch ein Priester aus dem Vatikan entsandt wird, um dem FBI in religiösen Fragen zur Verfügung zu stehen, nehmen die Ermittlungen Fahrt auf. Reilly sieht ein, dass Tess ihm eine große Hilfe bei der Aufklärung des Falles sein kann, hätte sich wohl aber niemals träumen lassen, dass dadurch sein gesamtes, von tiefem Glauben geprägtes Weltbild aus den Fugen geraten würde…

"Scriptum" ist thematisch ähnlich gelagert wie die immer wieder zum Vergleich herangezogenen Werke von Dan Brown, was aber lediglich eine Tatsache ist, keine Wertung. Khoury gelingt es durchaus, seiner Geschichte seinen eigenen stilistischen und inhaltlichen Stempel aufzudrücken und eine komplexe Story zu entwerfen, die über mehr als 500 Seiten zu fesseln weiß. Wie viel hier historische Wahrheit oder dichterische Freiheit ist, ist letztendlich unerheblich, schließlich handelt es sich bei "Scriptum" um einen Roman und nicht um ein Sachbuch. Auch Dan Browns Romane sind an vielen Stellen historisch nicht korrekt oder schlicht frei erfunden. Sich an dieser Stelle also über historische Ungenauigkeiten oder wilde Spekulationen aufzuregen, macht wenig Sinn und ist für das Leseerlebnis auch völlig unerheblich.

Fakt ist, dass Khoury einen überaus spannenden, wendungsreichen Plot ersonnen hat, der darüber hinaus durch kluge Diskussionen Für und Wider die Religion besticht. Man wird schon ein wenig nachdenklich, wenn man Khourys Thesen und Behauptungen "lauscht", da diese zumindest rhetorisch sehr überzeugend darlegen, dass die Bibel wirklich nicht viel mehr ist als eine wilde Ansammlung von Legenden und mehr schlecht als recht über Jahrhunderte und -tausende überlieferten Erzählungen, deren Wahrheitsgehalt nicht nachprüfbar ist. Ebenso kritisch thematisiert Khoury das Versäumnis der Kirche, sich an aktuelle Gegebenheiten und Lebensumstände der Neuzeit anzupassen. Nicht zuletzt die moralische Rückständigkeit der Kirche und ihr Umgehen mit eigenen Verfehlungen (Einstellungen zu Homosexualität und Abtreibungen, zu AIDS und Missbrauch durch Kirchenangehörige) bescheren der Kirche immer weniger Gläubige und lassen ihr Ansehen zunehmend in Verruf geraten. All dies verpackt Khoury in eine spannende Jagd nach einem uralten Holzkästchen, dessen Inhalt die Religion in ihren Grundfesten erschüttern könnte.

Für Atheisten wie mich sind viele Aussagen in Khourys Buch natürlich Wasser auf meinen Mühlen. Dennoch lässt Khoury beide Seiten, Gläubige und Ungläubige, ausgewogen zu Wort kommen, so dass viele Dialoge wirklich zum Nachdenken anregen. Viel Zeit hat man dafür allerdings nicht, weil man praktisch von Beginn an von Khourys spannender Geschichte, die zeitlich immer mal wieder ein paar Jahrhunderte zurückspringt, gefangen genommen wird. "Scriptum" ist hochspannend, überraschend, wendungs- und temporeich geschrieben, nur ab und an kommt man durch die Beschreibung historischer Ereignisse oder religiöser Zusammenhänge kurz zu Atem. Hier breitet Khoury dann Wissen über den legendären Orden der Tempelritter vor dem Leser aus und erklärt gut verständlich auch komplexere religiöse Zusammenhänge. Dies alles tut er in einem schnörkellosen, geradlinigen Stil, so dass sich die über 500 Seiten zügig weglesen lassen.

Sicherlich ist auch "Scriptum" nicht frei von Klischees. Die Schwarzweißmalerei bei der Charakterisierung von Gut und Böse ist offensichtlich. Natürlich fühlen sich Tess und Sean zueinander hingezogen. Natürlich geraten die Protagonisten in eine aussichtslose Situation nach der anderen, aus der sie immer wieder heil herauskommen. Zufälle, die entweder den Guten oder den Bösen genau in die Hände spielen, häufen sich. Und auch mit der Logik nimmt es Khoury an manchen Stellen nicht so genau. Und dennoch, "Scriptum" weiß einfach zu fesseln, Khoury treibt seine Story unerbittlich spannend und zügig voran, auch wenn er sich mit dem vorhersehbaren Ende doch wieder bei den Gläubigen anbiedert. Hier hätte ich einen schönen letzten Knalleffekt besser und auch konsequenter gefunden, aber da kneift Khoury dann doch den Schwanz ein.

Sei's drum, "Scriptum" ist leichte, fluffige Thrillerkost mit historisch-religiösem Hintergrund, die es mit der Wahrheit nicht immer allzu genau nimmt, dafür aber mit interessanten rhetorischen Exkursionen Für und Wider den Glauben besticht, die gekonnt zum Nachdenken anregen. Die Geschichte ist nicht immer logisch, dafür aber so spannend und kurzweilig erzählt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Also, wer noch nicht genug von "solchen" Romanen hat und mal etwas lesen möchte, was nicht von Dan Brown stammt, der kann bei Raymond Khourys "Scriptum" unbesorgt zugreifen. Deshalb gerne vier von fünf Tempelrittern, die eine wirklich interessante Geschichte zu erzählen haben.


Knapp am Herz vorbei. Roman
Knapp am Herz vorbei. Roman
von J.R. Moehringer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen How to rob a Bank, 16. November 2014
Der Autor J.R. Moehringer gewann bereits mit 36 Jahren den Pulitzer Preis für eine Reportage über eine Kleinstadt in Alabama. Das war im Jahr 2000. Seitdem hat Moehringer, der in Yale studiert hat und al Korrespondent für die L.A. Times schreibt, erst zwei Romane geschrieben. 2005 den autobiographisch angehauchten Bestsellerroman "Tender Bar" und in 2012 "Knapp am Herz vorbei". Ach ja, 2009 hat er nebenbei noch zusammen mit Andre Agassi dessen Autobiographie "Open" geschrieben. In "Knapp am Herz vorbei" (im Original schlicht "Sutton") geht es nicht, wie man ob des kitschigen Titels vermuten könnte, um eine Liebesgeschichte…zumindest nur am Rande, sondern um Amerikas beliebtesten Bankräuber, Willie "The Actor" Sutton, der im Amerika der 20er bis 50er Jahre mehr als 100 Banküberfälle beging, ohne je auch nur einen einzigen Schuss abzufeuern und mehr als ein Drittel seines Lebens in Gefängnissen verbrachte. Sutton hat es wirklich gegeben, sein Leben bildet das Fundament und Gerüst für Moehringers semibiographischen Roman. Der Rest ist von Moehringer geschickt eingewobene Fiktion, die "Knapp am Herz vorbei" zu einem gelungenen Stück lebensnaher Gangsterliteratur macht. Auch wenn Sutton nicht der charismatischste Gangster war, bietet sein Leben doch ausreichend Erzählenswertes, vor allem, weil es hier Moehringer ist, der Suttons Geschichte erzählt, und das auf die gleiche, unauffällig-bestechende Art, die schon "Tender Bar" auszeichnete.

Willie Sutton wird 1901 ins Armenviertel New Yorks, Irish Town, hineingeboren. Von den gefühlskalten Eltern hat er keine Liebe zu erwarten, von seinen älteren Brüdern hingegen wird er ständig gehänselt und verdroschen. 1914 verlässt er die Schule bereits wieder, um Geld für die Familie mitzuverdienen. Durch Amerikas immer wieder schwer angeschlagene Wirtschaft, Prohibition und Depression gelingt es Willie in den Folgejahren aber nur selten, einen Job länger zu behalten bzw. überhaupt einen zu finden. Als Teenager lernt er die aus gutem Hause stammende Bess kennen, in die er sich unsterblich verliebt. Doch auch ihnen ist das Schicksal nicht hold, so dass sich Willie bald notgedrungen einer Karriere als Safeknacker zuwendet. Doch schon bald geht er einen Schritt weiter und beginnt, mit seinen Freunden aus Kindheitstagen Banken auszurauben. Zwar wird Willie immer wieder mal (zuerst als 25jähriger) gefasst und teilweise auch jahrelang eingesperrt, doch es gelingt ihm insgesamt drei Mal, aus dem Gefängnis zu fliehen. Mal wird er noch am selben Tag wieder eingebuchtet, mal kann er jahrelang untertauchen. 1952 jedoch, Willie ist mittlerweile 51, tritt er seine letzte Haftstrafe an, die 17 Jahren dauern soll. Dann wird er aus Krankheitsgründen begnadigt. Heiligabend 1969 erlangt Willie seine Freiheit wieder, die jedoch an eine Bedingung geknüpft ist: er muss einem Reporter ein Exklusivinterview über sein Leben geben. So fährt Willie dann am 25. Dezember zusammen mit dem Journalisten und einem Fotografen quer durch New York und berichtet an verschiedenen wegweisenden Stellen, wie sein Leben verlaufen ist. Neben seinen zahlreichen Banküberfällen und seinem Geschick als Ausbrecher ist auch immer wieder seine Jugendliebe Bess ein zentrales Thema für Willie, die Frau, die sein Herz berührt hat wie keine andere…

Moehringers Stil in "Knapp am Herz vorbei" ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Sind die Zeitsprünge aus der Gegenwart in die Vergangenheit und umgekehrt noch gut durch kursiv und gerade gestellte Schrift zu erkennen, muss man bei den Dialogen schon gut aufpassen, um diese a) als solche zu erkennen und b) zu wissen, wer was sagt. Denn Moehringer verwendet keinerlei Anführungszeichen, die normalerweise die direkte Rede markieren, so dass man sich erst ein bisschen einlesen muss, um mit dieser stilistischen Besonderheit problemlos umgehen zu können. Darüber hinaus hat sich Moehringer eines meiner Meinung nach überflüssigen stilistischen Kniffs bedient, der nichts Wesentliches zur Handlung beiträgt. Er erzählt Suttons Geschichte nicht geradlinig und chronologisch, sondern wechselt die Erzählebene kontinuierlich, was aber keinen Lese- oder Informationsgewinn für den Leser birgt. Die Idee, den alten Sutton nach seiner Entlassung mit einem Reporter und einem Fotografen durch New York zuckeln und an den diversen Punkten, die Sutton vorab auf einem Stadtplan markiert hat, anhalten zu lassen, um jeweils eine weitere Etappe von Suttons Lebensweg preiszugeben, ist vollkommen überflüssig. Die langweiligen Dialoge zwischen den Dreien, die darüber hinaus meist nur zwei bis drei Seiten in Anspruch nehmen, enthalten keinen inhaltlichen Mehrwert oder gar eine Bedeutung. Sie dienen lediglich als Aufhänger um…ja, warum eigentlich? Das hat sich mir leider überhaupt nicht erschlossen und führt im Ergebnis nur dazu, dass Suttons Lebensgeschichte immer wieder völlig willkürlich unterbrochen wird. Schöner wäre es gewesen, Sutton ohne Unterbrechungen einfach seine Geschichte erzählen zu lassen, ohne die Zeitebene zu wechseln und unsinnige Dialoge einzuführen.

Abgesehen davon jedoch ist Moehringer ein wunderbares Buch gelungen, das einen trotz seiner so unaufgeregt erzählten Geschichte über einen Mann, den es tatsächlich gegeben hat, von dem (zumindest außerhalb Europas) aber wohl noch niemand jemals etwas gehört hat, gefangen nimmt und mehr und mehr zu interessieren beginnt. Mein vorrangiger Kaufgrund war natürlich die Kenntnis von Moehringers Erstling "Tender Bar", welches mir ausnehmend gut gefallen und mich vom schriftstellerischen Können des Autors überzeugt hat. Deshalb war ich, trotz gänzlich anderer Geschichte (die ich eigentlich gar nicht wirklich interessant fand), gespannt auf Moehringers Nachfolgewerk. Und auch sein zweiter Roman hat mich beeindruckt, weil Moehringer eben einfach gut Geschichten erzählen kann und so plastisch und plausibel (be)schreibt, das Protagonisten und die Umgebung, in der sie sich befinden, tatsächlich zum Leben erwachen.

Darüber hinaus gelingt es ihm, auch die gut versteckte dunkle Seite des vermeintlichen Helden Sutton, der beim Volk beliebt war, weil er den betrügerischen Banken an den Kragen ging und dabei immer höflich und gewaltfrei blieb, freizulegen. In wenigen Momenten nur, ganz klar aber bei einem Gespräch Suttons mit dem Gefängnispsychiater, gewährt Moehringer dem Leser einen anderen, weniger schmeichelhaften Blick auf Suttons Charakter, der das Bild des immer höflichen, nur durch ungünstige Umstände zum Verbrecher gewordenen armen Jungen aus Irish Town, wackeln und verschwimmen lässt und erahnen lässt, dass wohl nicht immer alles, was Sutton erzählt hat, der Wahrheit entspricht, weder im Buch noch im realen Leben Suttons.

Unterstrichen wird diese Authentizität auch durch die stimmige Sprache, die typischen Redewendungen der damaligen Zeit, die besondere Ausdrücke und Schimpfwörter beinhaltet und generell das realistische Zeitkolorit, mit dem Moehringer eine Zeit wiederauferstehen lässt, die längst vergangen ist, in die man sich aber nahezu sofort hineinversetzt fühlt.

So geht man denn mit Willie Sutton durch dessen bewegtes, manchmal von unglaublicher Einfältigkeit (warum ist er nie aus Amerika weg, als er auf der Flucht war, warum hat er sich, im Gegenteil, meist direkt in New York versteckt, dort, wo er seine Verbrechen begangen hat?) geprägtes, manchmal aber auch durch unglaubliches Geschick hervorstechendes Leben (er soll über 2 Mio. US-Dollar erbeutet haben, ohne jemals einen Menschen verletzt oder von seiner Waffe Gebrauch gemacht zu haben) und verfolgt gespannt seinen wendungsreichen Werdegang. Sutton waren nach seiner Entlassung 1969 noch 11 Jahre in Freiheit vergönnt, bevor er 1980 in Florida starb.

Dank J. R. Moehringer wissen wir nun, wer Sutton war, wer er hätte sein können und wer er vielleicht auch nicht war. Wahrheit und Fiktion vermischen sich zu einer spannenden, sehr gut erzählten Geschichte über einen Niemand, der zu einem Jemand wurde. Ein Jemand, von dem man vermutlich noch nie gehört hat, den man aber nach Moehringers Lektüre froh ist, kennengelernt zu haben. Und Moehringer fasst seine Beziehung zu Sutton in einfache, aber prägnante Worte: "Dieses Buch ist meine Vermutung. Und zugleich mein Wunsch." Mein Wunsch nach einem weiteren, sehr guten Buch von J. R. Moehringer ist in Erfüllungen gegangen, insofern gerne vier von fünf weiteren unbekannten wahren Geschichten, die Moehringer uns hoffentlich auch noch erzählen wird.


Weit weg und ganz nah
Weit weg und ganz nah
von Jojo Moyes
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Chaos-Theorie, 8. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Weit weg und ganz nah (Broschiert)
Jojo Moyes, die ja schon seit 2002 Bücher schreibt, wurde hierzulande aber erst 2013 durch "Ein ganzes halbes Jahr" richtig bekannt und erfolgreich. 2014 folgte dann die Veröffentlichung ihres bereits 2010 geschriebenen Romans "Eine Handvoll Worte" und nun geht es schon mit "Weit weg und ganz nah" weiter. Obwohl kein gleichbleibender Stil zu erkennen ist und sich auch die Geschichten der einzelnen Romane sehr voneinander unterscheiden, schreibt Jojo Moyes sehr gute Bücher und kann wunderbare Geschichten erzählen. Und auch, wenn ihre Romane eindeutig eher für ein weibliches Publikum geschrieben wurden, sind Moyes' Geschichten keine typische Frauenliteratur. Gekonnt bewegt sie sich fernab von Kitsch, Schmalz und Klischees, wodurch ihre Erzählungen umso authentischer wirken. So auch geschehen im wunderbaren "Weit weg und ganz nah" (diesmal ist der Originaltitel "The One plus One" auch nicht gerade originell):

Jess wächst irgendwie alles über den Kopf. Mit 28 hat sie schon zwei Kinder, zwei Jobs, einen Ex-Mann und ständige Geldsorgen. Ihr 16jähriger Stiefsohn Nicky sitzt nur in seinem Zimmer, experimentiert mit zu engen Hosen und Wimperntusche und wird deswegen gern von den örtlichen Schulrowdys verprügelt. Ihre 10jährige Tochter Tanzie ist ein Mathe-Genie und liebt ihren riesigen Hund Norman über alles. Nachdem Marty, Jess' Ehemann, sie verlassen hat, hält Jess sich mit Jobs als Putzfrau und Bedienung in einem Pub mühsam über Wasser. Ed Nicholls hingegen, für den Jess putzt und der in einer teuren Wohnung im selben Ort wie Jess wohnt, hatte bislang keine Geldsorgen. Ihm gehören eine Softwarefirma, verschiedene Autos und jede Menge Bargeld. Durch die Verkettung unglücklicher Umstände landen Jess, Nicky, Tanzie, Norman und Ed eines Tages im selben Auto und machen sich auf den Weg nach Schottland, damit Tanzie dort an einer Mathe-Olympiade teilnehmen und so vielleicht das Geld für die teure Privatschule gewinnen kann, auf die sie so gern möchte und für die Jess das Geld fehlt. Übrigens Geld fehlen…Ed fehlt auch etwas Geld, allerdings weiß er das noch nicht. Er weiß auch nicht, dass Jess dieses Geld genommen hat…und so wird dieser ungewöhnliche Roadtrip nach Schottland für alle fünf (ja, auch für Norman) zu einer ganz besonderen Reise werden und zu vielen Veränderungen führen. Denn natürlich entdecken Jess und Ed auf diesem Roadtrip, dass sie sich doch nicht so fürchterlich finden, wie sie anfangs dachten…

Moyes entwirft hier eine wunderbar bunte, komplexe und abwechslungsreiche Geschichte. Das gelingt ihr allein schon dadurch, dass sie den Fortgang der Ereignisse immer abwechselnd aus der Sicht aller Protagonisten schildert (mit Ausnahme von Norman natürlich), so dass man einen Einblick in die verschiedenen Gefühlswelten der Charaktere bekommt und darüber hinaus auch ergänzende Informationen, wenn dieselbe Situation aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert wird. Moyes wechselt gekonnt zwischen Tanzies kindlicher, aber schon sehr intelligenter Berichterstattung, Nickys ironisch-deprimierten Kommentaren und Jess' und Eds reiferer, komplizierterer Denkweise.

Nach einem etwas zähen Intro ist man dann aber auch schon mittendrin in Jess' chaotischem, anstrengenden Leben, das von Überarbeitung, Sorgen um die Kinder und Geldproblemen geprägt wird. Parallel dazu gerät auch Ed in eine schwierige Lage, als er eines Abends unbedacht handelt. Nun muss er mit polizeilichen Ermittlungen, Strafverfolgung und dem Verlust seines Vermögens rechnen. Darüber hinaus ist sein Vater sterbenskrank und er hat ihn schon zwei Monate nicht besucht. Nicky hingegen hat Probleme ob seines Andersseins, seinem Gruftie-Look, den in die Stirn hängenden, schwarzgefärbten Haaren und der Tatsache, dass seine richtige Mutter drogenabhängig war und sein Vater, Marty, ihn nach der Trennung von Jess einfach bei dieser gelassen hat, obwohl sie gar nicht seine richtige Mutter ist. Nur Tanzie scheint glücklich zu sein, besonders dann, wenn sie stundenlang über schwierigen Matheaufgaben brüten darf oder versucht, Norman das Apportieren beizubringen.

Richtig interessant und spannend wird "Weit weg und ganz nah" dann aber, sobald sich diese zufällig zusammengewürfelte Truppe in Eds Auto auf dem Weg nach Schottland befindet. Es tauchen immer neue Probleme auf, aber auch die behutsame Annäherung zwischen Ed und Jess und Ed und den Kindern findet statt und macht aus Menschen, die sich vorher total fremd waren, langsam aber sicher ein eingeschworenes Team. Moyes ist hier überaus kreativ, wenn es darum geht, eine vielschichtige, überraschende und sehr herzige Story zu kreieren, die einem die Protagonisten langsam, aber nachhaltig ans Herz wachsen lässt. Der Spannungsbogen bleibt straff gespannt, und das gleich auf mehreren Ebenen (wie geht es mit Ed weiter, werden sie es rechtzeitig zu Tanzies Wettbewerb schaffen, wird Jess' Geheimnis herauskommen etc. pp.).

"Weit weg und ganz nah" ist ein witziger, berührender, lebensechter, spannender und wunderbar fluffig zu lesender Roman mit gut ausgearbeiteten, realistischen Charakteren, einer abwechslungsreichen Handlung und einem stimmigen Gesamtkonzept. Ein paar wenige kleine Längen sind auf über 500 Seiten leicht verschmerzbar und am Ende des Buches stellt man fest, dass man gerne noch weitergelesen hätte, weil einem Ed, Jess, Nicky, Tanzie und sogar Norman ans Herz gewachsen sind. Jojo Moyes hat also mal wieder alles richtig gemacht und man kann sich getrost auf ihren nächsten Roman freuen, da man aller Voraussicht nach nicht von dieser Autorin enttäuscht werden wird. Sehr gute vier von fünf Roadtrips, die Dein ganzes Leben verändern können.


Großmama packt aus: Roman
Großmama packt aus: Roman
von Irene Dische
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

5.0 von 5 Sternen Stolz und Vorurteil, 1. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Großmama packt aus: Roman (Taschenbuch)
Irene Dische wurde 1952 in New York geboren, als Tochter des amerikanischen Biochemikers Zacharias Dische und der deutschen Pathologin Renate Dische. 1977 zog Dische nach Berlin, wo sie einen deutschen Strafverteidiger heiratete und zwei Kinder bekam. Irene Dische lebt heute in Berlin und in Rhinebeck, New York. Mit dem Schreiben begann sie in den 80er Jahren, ihr erstes Buch wurde 1989 unter dem Titel "Fromme Lügen" veröffentlicht. "Großmama packt aus" ist Disches zehnter von bislang insgesamt 13 Romanen, Erzählungen und Kinderbüchern. Sie wurde mehrfach für ihr schriftstellerisches Talent ausgezeichnet.

Mit "Großmama packt aus" ist Irene Dische ein ganz besonderes, wunderbares Buch gelungen, für das sie sich einen ausgefallenen erzählerischen Kniff ausgedacht hat: sie erzählt die stark autobiographische Geschichte nicht selbst, sondern tut so, als würde ihre Großmutter Elizabeth Rother ihre Lebensgeschichte erzählen, in der dann zwangsläufig Irenes Mutter Renate und dann Irene selbst auftauchen. Da Großmutter Rother kein Blatt vor den Mund nimmt und stets ausgesprochen direkt ihre Meinung sagt, kommen Renate und auch Irene oft nicht sehr gut weg bei den Beurteilungen durch ihre Mutter bzw. Großmutter, dennoch erhält der Roman genau dadurch seinen ganz besonderen Charme.

Elisabeth, 1891 im Rheinland in den deutschen Niederadel hineingeboren und erzkatholisch, heiratet in den 1920er Jahren den jüdischen Chirurgen Carl Rother, der für sie konvertiert und zieht mit ihm nach Leobschütz im damaligen Oberschlesien. Dort führen die Beiden ein gutbürgerliches, bequemes Leben mit diversen Hausangestellten. Als jedoch die Nazis an die Macht kommen, gilt Carl für sie trotz Konvertierung weiterhin als Jude. Ihm bleibt irgendwann nichts anderes übrig, als nach Amerika zu flüchten. Elisabeth wartet noch das bestandene Abitur ihrer Tochter Renate ab, bevor sie ihm knapp zwei Jahre später nach New York folgt. Die Rothers fangen ganz unten an, arbeiten sich aber stetig weiter nach oben, bis sie auch in New York wieder ein angenehmes Leben führen können. Sogar ihre ehemalige deutsche Haushälterin Liesel ist irgendwann wieder mit von der Partie. Elisabeth ist eine strenggläubige Katholikin mit sehr vorurteilsbeladenen Ansichten, die sie gerne und jederzeit unverblümt kundtut. Männer hält sie für schwach, ihre Tochter für unmöglich und ihre Enkelin Irene für missraten und faul. Außerdem rechnet sie praktisch jedes Jahr damit, nun endlich zu sterben und deklariert fast jedes ihrer 96 Lebensjahre zum Todesjahr. Elisabeth ist hartherzig, streng, bevormundend, arrogant und unerbittlich…aber sie hat auch eine gesunde Portion Mutterwitz und ist insgeheim doch ungeheuer stolz auf ihre Tochter und ihre Enkelin. Elisabeth zeichnet über fast ein Jahrhundert ihre Familiengeschichte nach und liefert damit ein buntes, abwechslungsreiches, katholisch-jüdisch-deutsch-amerikanisches Familienportrait ab, das in seiner Fülle an Ereignissen, einzigartigen Charakteren und seiner unverblümten, politische Korrektheit völlig ignorierenden Sprache seinesgleichen sucht.

Man muss Irene Disches Mut bewundern, so unverblümt und ehrlich ihre Lebensgeschichte offenzulegen. Gerade durch den erzählerischen Kniff, ihr Leben und das ihrer Mutter und Großmutter vermeintlich durch ebendiese Großmutter erzählen zu lassen, kommt sie selbst oft nicht gut dabei weg, wenn sie den Gedanken ihrer Großmutter freien Lauf lässt. Sicherlich ist nicht alles ganz genauso geschehen, wie hier beschrieben, aber immerhin kann Irene Dische auf 35 gemeinsame Jahre mit ihrer Großmutter zurückblicken, bevor diese 1987 starb und liefert somit gewiss ein realistisches Bild dieser unbeugsamen, arroganten, aber auch liebenswerten und witzigen Frau ab. Darüber hinaus kann sie durch Elisabeths Sicht auf die Welt das Bild einer Generation zeichnen, die oft fast das gesamte 20. Jahrhundert miterlebt hat, geprägt durch Krieg, Vertreibung, Aufschwung, Neuanfang, Emanzipation und rasanten technischen Fortschritt.

Es ist kaum zu glauben, in welchem Tempo "Großmama packt aus" erzählt wird und wie unendlich viele Ereignisse und Personen hier beschrieben werden. Und man ist schon nach wenigen Seiten mittendrin in Elisabeths Leben, damals in Oberschlesien in den 1920er Jahren. Das Zeitkolorit, das hier entsteht, wirkt unglaublich authentisch und spiegelt perfekt die damaligen Ansichten und vorherrschenden Moralvorstellungen wider. Manchmal schnappt man regelrecht nach Luft, wenn Elisabeth mal wieder eine ihrer furchtbar anmaßenden und rassistischen Äußerungen auf den Leser loslässt, weil sie das mit einer derartigen Selbstverständlichkeit tut, dass man sie dafür fast schon wieder bewundern muss. Auch ihr neues Leben in Amerika, begleitet vom schwierigen Assimilationsprozess, den die Rothers durchleben müssen, ist spannend und informativ. Dazwischen verbergen sich dann auch wieder Ereignisse, die die Zustände in Nazi-Deutschland beschreiben. Carls jüdische Familie kommt fast ausnahmslos im KZ um, während Elisabeths Brüder zu Nazis werden. Irene Dische lässt ihre Großmutter so unvergleichlich amüsant und ehrlich erzählen, dass man diese seltsame Frau mit sehr groben Erziehungsansichten und teilweise unverständlicher Härte irgendwann dennoch ins Herz schließt; man kann sich diesem ungehobelten und eigensinnigen Charme dieser Frau einfach nicht entziehen.

Über Jahrzehnte wird hier das meistens ziemlich chaotische Familienleben dieser deutsch-amerikanischen Sippe beschrieben, mit wirklich allen Höhen und Tiefen. Es geht um drei sehr starke Frauen, die alle ein ungewöhnliches Leben gelebt haben und noch leben. Elisabeth wurde, wie gesagt, stolze 96 Jahre alt, ihre Tochter Renate 81. Irene ist mittlerweile 62. Und schreibt hoffentlich noch viele so einzigartige Bücher.

Ich war selbst überrascht, wie gut mir dieses Buch gefallen hat, ich tue mich mit deutschen Geschichten meist eher schwer und war auch nicht überzeugt, dass mich diese Familienchronik, die fast das gesamte 20. Jahrhundert abdeckt, wirklich interessieren würde. Aber Irene Dische hat mich mit ihrem ganz besonderen Erzähltalent, ihrer großartigen Rhetorik und ihrer ganz persönlichen Geschichte sehr beeindruckt und ich habe dieses unglaubliche spannende und wahnsinnig interessante Buch nahezu verschlungen. Großmama packt hier wirklich aus, und zwar alles. Und das ist einfach ganz toll zu lesen und eines der unterhaltsamsten Bücher, die ich je gelesen habe. Eine ganz klare Empfehlung und volle fünf von fünf Großmüttern, die man gleichzeitig lieben und hassen kann.


Last Passenger - Zug ins Ungewisse
Last Passenger - Zug ins Ungewisse
DVD ~ Dougray Scott
Preis: EUR 9,48

3.0 von 5 Sternen No Exit, 30. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Last Passenger - Zug ins Ungewisse (DVD)
Nach vier Kurzfilmen wagt Regisseur Omid Nooshin sich mit "Last Passenger" an seinen ersten Langfilm und erweist sich dabei als recht fähiger Regisseur. Das ebenfalls von ihm verfasste Script weist nur einen eklatanten Fehler auf: es liefert keinerlei Motiv für das, was der Täter hier tut, bzw. das, was einem hier gen Ende des Films als Beweggrund des Täters angeboten wird, ist ziemlich lahm und rechtfertigt diese temporeiche Irrfahrt nicht wirklich. Ansonsten aber gestalten sich die 97 Minuten Filmdauer als kurzweilig und spannend und bieten einem so eine britische und aparte Alternative zu ähnlich gelagerten Krawumm-Filmen aus La La-Land.

Arzt Lewis (Dougray Scott, "My week with Marilyn", "New Town Killers") ist mit Söhnchen Max im Vorortzug auf dem Weg von London nach Hause. Dank Max' Ungeschicklichkeit lernt er die hübsche Sarah (Kara Tointon, "EastEnders") kennen, mit der er sich gleich gut versteht. Als der Zug sich Lewis' Haltestelle nähert, dort aber nicht anhält, sondern einfach weiterfährt, ist Lewis zunächst nur leicht verwundert. Als er den Schaffner jedoch nicht auftreiben kann, der Kontakt zum Lokführer über die Sprechanlage unerquicklich bleibt und auch die Notbremsen nicht funktionieren, ahnt Lewis, dass hier etwas nicht stimmen kann. Auch weitere Bahnhöfe werden vom Lokführer konsequent ignoriert, so dass der Zug mit zunehmender Geschwindigkeit durch Londons Speckgürtel rast und spätestens an der Endhaltestelle unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuert. Darüber ist sich irgendwann auch Lewis im Klaren, der die verbleibenden wenigen Passagiere davon überzeugen kann, dass gehandelt werden muss. Gar nicht so einfach, wenn man keine Ahnung von Zügen hat und auch die herantelefonierte Polizei nicht so richtig aus der Hüfte kommt. Wer sitzt da bloß am Steuer dieses Zuges und vor allem, was will er?

Mit thematisch ähnlichen Filmen wie "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123" oder "Unstoppable" hat "Last Passenger" glücklicherweise nur wenig gemein. Und dies ist nicht nur dem mageren Budget von 2,5 Mio. Dollar geschuldet, sondern vorrangig Nooshins spannendem Script, dass dank der zügig (ha ha) erzählten Geschichte auf großartigen Explosions- und Special Effects-Schnickschnack verzichten kann. Hier geht es einfach um ein paar ganz normale Menschen, die in eine Notsituation geraten und sich irgendwie wieder daraus befreien wollen. Es gibt keinen wahnsinnigen Erpresser oder psychopathischen Irren, dem es ums Töten von Menschen geht, vielmehr liegt der Fokus hier auf den Passagieren und ihren Versuchen, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Dies ist denn auch die einzige Crux des Films: Nooshin präsentiert hier weder einen Täter noch dessen Motiv. Einmal sieht man den Zugentführer kurz von hinten und später kann man noch einmal einen Blick auf seine Hand am Steuerknüppel der Lok werfen, ansonsten bleibt der "Driver" unsichtbar und tritt auch nur ein einziges Mal in sehr kurzen und nichtssagenden Sprechkontakt mit Lewis. Nicht sichtbar ist leider auch ein stimmiges Motiv für das ganze Schienenspektakel. Nooshin kommt hier mit keiner überraschenden Erklärung für die Entführung um die Ecke, er verweigert dem Zuschauer sehr lange, was das Ganze überhaupt soll. Einer der Passagiere darf dann gen Ende des Films über ein Motiv spekulieren, das wirkt dann aber so einfallslos und behelfsmäßig, dass man sich damit nicht zufriedengeben mag. Hier wird suggeriert, dass ein paar ahnungslose Passagiere in die Hände eines wahnsinnigen Psychopathen geraten, der ihnen nach dem Leben trachtet. Schlussendlich sitzt aber nur eine namenlose und nicht sichtbare Person vorne im Zug, die weder redet noch sich sonst irgendwie bemerkbar macht, sondern einfach stumpf an jeder Haltestelle vorbeifährt, bis…ja, bis es irgendwann nicht mehr weitergeht.

Erstaunlicherweise ist das aber, wenn man sich erstmal damit abgefunden hat, diesbezüglich nicht aufgeklärt zu werden, kaum von Bedeutung. Nooshin gelingt es hervorragend, langsam, aber sicher die Spannungsschraube anzuziehen und die Situation immer auswegloser werden zu lassen. Zwar geht er bei seinen Protagonisten charakterlich nicht sehr in die Tiefe, stattet sie aber dennoch mit widersprüchlichen Eigenarten aus, die sie immer interessant bleiben lassen. Es wird verzweifelt nach Lösungen gesucht, untereinander gestritten und sich wieder zusammengerauft und es werden waghalsige und gefährliche Versuche unternommen, den Zug zum Stoppen zu bringen. Die an sich dünne Handlung wird von Nooshin aufs Bestmögliche ausgereizt, so dass man dem Fortgang der Geschichte zwar nicht nägelkauend folgt, aber stets aufmerksam und interessiert verfolgt, wie es weitergeht. Nooshin erzählt geradlinig und ohne großen inszenatorischen Schnickschnack, was der lediglich auf eine Location beschränkten Geschichte aber zugute kommt.

Der aus erfahrenen TV- und Filmdarstellern bestehende Cast findet sich in der einfachen, aber gut erzählten Geschichte gut zurecht und kann durchweg überzeugen, ohne dass sich hier jemand in den Vordergrund spielen würde.

Die Ausstattung ist für so einen kleinen Film und eine DVD gar nicht mal schlecht: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch für Hörgeschädigte. Als Extras werden ein kurzes Making-of, zahlreiche Interviews mit Cast und Crew, eine B-Roll, Featurettes, der Trailer des Films und eine sechsteilige Trailershow angeboten. Der Ton ist gut abgemischt und das Bild ist gut, wenn auch nicht immer so klar und scharf wie man es gerne hätte.

Alles in allem ist "Last Passenger" weit besser, als das nichtssagende DVD-Cover oder das kleine Budget vermuten ließen. Sicherlich bekommt man hier keinen wuchtigen Eisenbahn-Actioner geboten, dafür aber einen kleinen, spannenden Brit-Thriller, der temporeich und spannend auf sein Finale zusteuert und lediglich beim Motiv unbefriedigend bleibt. Insofern gern solide drei von fünf Notbremsen, die zu ziehen einem hier auch nichts nützt.


Ich finde dich: Thriller
Ich finde dich: Thriller
von Harlan Coben
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Gebrochenes Versprechen, 28. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Ich finde dich: Thriller (Broschiert)
Nachdem ich "Das Grab im Wald" von Harlan Coben gelesen und großartig gefunden habe, wollte ich unbedingt ein weiteres Werk des überaus erfolgreichen amerikanischen Schriftstellers lesen. Sein neuestes Werk, "Ich finde dich" schien mir dafür überaus geeignet, hatte es doch durchweg positive Kritiken bekommen und sollte unglaublich spannend und mitreißend sein. Nun ja…leider war ich dann von "Ich finde dich" und von Coben ziemlich enttäuscht. "Ich finde dich" kommt bei weitem nicht an den verzwickten, spannenden Plot aus "Das Grab im Wald" heran, es wirkt im Gegenteil fast lächerlich einfallslos. Auch Cobens rhetorische Fähigkeiten scheinen ihm bei dieser Geschichte irgendwie abhanden gekommen zu sein, die Dialoge wirken steif und holprig und die Geschichte wird so simpel und unglaubwürdig erzählt, dass man schnell das Interesse an ihr verliert. Ob ich nun noch ein drittes Mal zu einem Buch von Harlan Coben greifen werde, muss ich mir nach dieser Enttäuschung also gut überlegen.

Jake Fisher ist mit Mitte Dreißig bereits ein anerkannter Professor für Politikwissenschaften am Lanford College. Doch so stolz ihn dies auch machen könnte, ist er doch unzufrieden mit seinem Leben. Vor sechs Jahren, als er unsterblich in Natalie verliebt war, verließ diese ihn von heute auf morgen und heiratete einen anderen. Darüber hinaus nahm sie ihm das Versprechen ab, sie in Ruhe zu lassen und nie wieder zu kontaktieren. Mit gebrochenem Herzen versuchte Jake daraufhin, sein Leben irgendwie wieder in den Griff zu kriegen, doch er konnte Natalie einfach nicht vergessen. Als er zufällig erfährt, dass Natalies Ehemann gestorben ist, schmeißt Jake seine guten Vorsätze über Bord und beschließt, Natalie auf der Beerdigung ihres Mannes Todd wiederzusehen. Doch die Frau an Todds Grab ist nicht Natalie. Hat Todd ein Doppelleben geführt? Oder hat Natalie ihn damals belogen, obwohl er bei der Hochzeit war und mit eigenen Augen gesehen hat, wie die Beiden geheiratet haben? Jake versucht, Licht ins Dunkel zu bringen und mehr über Natalies Mann herauszufinden…und natürlich auch über Natalie. Das scheint einigen Leuten jedoch nicht recht zu sein und schon bald ist Jakes Leben in ernsthafter Gefahr…

Was an sich nach einem guten und spannenden Plot klingt, wird von Coben leider sehr stümperhaft umgesetzt. Anfangs ist man durchaus noch interessiert daran, mit Jake zusammen herauszufinden, was hier eigentlich los ist und wieso Todd einerseits definitiv vor sechs Jahren Natalie geheiratet hat, andererseits aber der liebende Ehemann und Vater zweier Kinder in einem anderen Staat gewesen zu sein scheint. Jake stolpert über immer mehr Ungereimtheiten und zu Beginn versucht man wirklich, für all diese eine logische Erklärung zu finden.

Mit zunehmendem Verlauf der Geschichte aber rückt diese Neugier in den Hintergrund, weil Coben durch immer mehr Unglaubwürdiges und zu einfach Herauszufindendes an Boden verliert. Jake gerät in eine brenzlige Situation nach der anderen, sein Leben wird ernsthaft bedroht, aber er, der unbescholtene und kriminell gänzlich unerfahrene Akademiker, schafft wieder und wieder, dem Tod von der Schippe zu springen oder seinen Verfolgern zu entkommen. Darüber hinaus wirft Coben immer mehr wirre Details in die Handlung, die die Story dann leider nicht mehr spannender, sondern nur noch unglaubwürdiger und konstruierter machen. Und auch wenn die Auflösung nicht unbedingt an den Haaren herbeigezogen ist, hat man an diesem Punkt bereits das Interesse an den Protagonisten verloren und ist froh, dass man endlich am Ende des ca. 400seitigen Thrillers angelangt ist.

Dazu kommt, dass "Ich finde dich" wirklich nicht besonders gut geschrieben ist. Einfachst konstruierte Sätze paaren sich mit gestellt wirkenden Dialogen, von sprachlicher Finesse oder gekonnter Rhetorik keine Spur. Darüber hinaus sind Coben viele Charaktere reichlich klischeehaft geraten, von ihrer oberflächlichen Zeichnung mal ganz abgesehen. Der simple, holprige Stil zieht sich durch das ganze Buch, so dass man niemals vermuten würde, "Das Grab im Wald" und "Ich finde dich" wären von ein und demselben Autor geschrieben worden.

Auf dem Buchcover findet sich dann irreführenderweise sogar noch der Aufdruck "Page Turner", der allerdings nur zutrifft, wenn man ihn darauf bezieht, dass man viele Seiten einfach querliest oder überblättert, weil einem das Ganze irgendwann einfach zu dumm wird. Die ursprüngliche Bedeutung, dass man Seite um Seite weiterlesen will, weil die Story so unglaublich spannend ist, trifft auf "Ich finde dich" leider nicht zu.

Der klischeehafte und schmalzige Epilog des Buches führt "Ich finde dich" dann zu seinem unrühmlichen Schlussakkord und vergällt einem gänzlich die Investition diverser Euro in so ein schwaches Werk.

Obwohl es Coben passagenweise sogar gelingt, eine gewisse Spannung aufzubauen und zumindest einige überraschende und schlüssige Details in seinem Thriller unterzubringen, ist "Ich finde dich" in der Summe sowohl rhetorisch als auch inhaltlich ein äußerst schwaches Werk, das kaum zu überzeugen weiß. Die Story wird plump und unglaubwürdig erzählt und besitzt keinerlei stilistische Finesse, die Charaktere sind einem relativ egal und man ist zunehmend genervt von diesem hastig zusammengeschusterten und bei näherer Betrachtung kaum glaubwürdigen Plot. Für einen wenigstens ab und an noch aufblitzenden "echten" Coben und zumindest ein paar überraschender Wendungen gerade mal noch zwei von fünf Menschen, die man gar nicht wiederfinden will.
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Labor Day
Labor Day
DVD ~ Kate Winslet
Preis: EUR 12,40

4.0 von 5 Sternen Ein Wochenende Familie, 24. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Labor Day (DVD)
Nach "Thank you for smoking", "Juno", "Up in the Air" und "Young Adult" ist "Labor Day" Jason Reitmans fünfter Film in nur acht Jahren und außer "Juno" sein einziger, der mir richtig gut gefallen hat. Reitman hat hier den wohl eher für Frauen konzipierten Roman von Joyce Maynard, "Der Duft des Sommers", verfilmt und daraus ein wunderbares, leises Drama gemacht, das vor allem durch seine großartigen Hauptdarsteller Kate Winslet und Josh Brolin besticht.

Ausstattung DVD: Ton in deutsch, englisch und türkisch, Untertitel in denselben Sprachen. Bild und Ton sind ordentlich, wenn auch nicht überragend. Die DVD bietet darüber hinaus leider nur magere Extras: einen Audiokommentar mit Regisseur, Kameramann und Co-Produzent und ein paar entfernte Szenen.

1987, irgendwo in Massachusetts. Hier lebt der 14jährige Henry (Gattlin Griffith, "Der fremde Sohn") mit seiner depressiven Mutter Adele (Kate Winslet, "Der Gott des Gemetzels"). Er kümmert sich um seine fast einsiedlerisch lebende Mutter, so gut er kann, seinen Vater samt neuer Frau und neuer Familie sieht er lediglich sonntags zum Essen. Einmal im Monat gelingt es ihm, seine Mutter zum Einkaufen neuer Vorräte zu bewegen und just an diesem Tag treffen sie auf den gerade aus dem Gefängnis ausgebrochenen Frank (Josh Brolin, "Sin City 2"). Der Fremde bittet darum, ein paar Stunden bei Adele und Henry unterkommen zu dürfen. Er ist nach einer Operation aus dem Krankenhaus geflohen und hat Schmerzen, außerdem sucht natürlich das ganze County nach ihm. Widerwillig und ängstlich stimmt Adele zu. Doch dann geschieht etwas Seltsames…der wegen Mordes Verurteilte und die vom Leben Enttäuschte kommen sich näher, vor allem, als Adele die wahren Umstände erfährt, die Frank ins Gefängnis gebracht haben. Und auch Henry fasst Vertrauen zu Frank, dessen Aufenthalt sich verlängert und der dringend nötige Reparaturen am Haus durchführt und Henry Baseball beibringt. So wird dieses schwül-heiße Labor-Day-Wochenende für diese drei Menschen zu etwas ganz Besonderem - doch welche Chancen für die Zukunft haben sie mit einem auf der Flucht befindlichen Verbrecher?

Glücklicherweise gelingt es Reitman, die filmische Adaption der vermutlich recht schwülstige Romanvorlage nicht mit Kitsch und Klischees zu überhäufen und so zu einem typischen "Frauenfilm" zu machen. Reitman setzt auf feine, realistische Untertöne, kleine Gesten, fast nebensächliche Berührungen und die stetige unterschwellige Präsenz der Ausweglosigkeit der Situation. Man weiß eigentlich von Anfang an, dass dieses Labor-Day-Wochenende kein gutes Ende nehmen kann, dennoch wünscht man es sich im weiteren Verlauf des 111minütigen Films, weil die Protagonisten einem am Herzen liegen und ein Happy End verdient hätten. Doch Reitman widersteht auch am Ende seines Films dem wahrscheinlichen Wunsch des Zuschauers, einfach nur alles gut werden zu lassen. Dafür gelingt ihm die Balance zwischen Realismus und Wunschdenken, so dass er "Labor Day" mit genau dem richtigen Ende ausstattet.

Wirklich viel passiert letztendlich nicht in diesen fünf Tagen, die Henry, Adele und Frank zusammen verbringen. Ein wenig Hausarbeit, ein paar Reparaturen am Haus, ein Grillabend, ein bisschen Baseball-Training und die langsame Annäherung, die zwischen Frank und Adele stattfindet. Frank überrascht mit seinen Kochkünsten, Adele damit, dass sie endlich aus ihrer jahrelangen Depression herausfindet und neuen Lebensmut fasst. Für Henry ist das alles noch ein wenig schwer einzuordnen, einerseits mag er Frank und sieht, wie gut dieser seiner Mutter tut, andererseits wirft die neue Situation viele Fragen bei ihm auf, die ihn verunsichern. Hier lauert denn vielleicht auch - neben der intensiven Suche der Polizei nach Frank - die einzige Gefahr für das neue Leben, das Adele und Frank miteinander geplant haben. Denn wenn Henry die Situation falsch einschätzt, könnte das Konsequenzen haben, besonders, weil er äußeren Einflüssen ausgesetzt ist, da Frank weder Adele noch Henry gefangen hält und sie somit jederzeit aus dem Haus können.

Aber auch ohne diese kleine Unwägbarkeit ist "Labor Day" erstaunlich spannend. Das liegt vermutlich schlicht daran, dass man die Charaktere zu mögen beginnt und mittels Rückblenden und Erzählungen erfährt, wie die wirklichen Umstände waren, die zu Franks Verbrechen geführt haben und warum genau Adele so furchtbar traurig ist. All diese kleinen Puzzleteile fügen sich nach und nach zu einem tragischen Gesamtbild zusammen, das einen nur umso mehr für die Protagonisten einnimmt. Besonders, weil Reitman die Romanze zwischen Adele und Frank nicht leidenschaftlich-schwülstig inszeniert, sondern einfach zwei vom Schicksal schwer gebeutelte Menschen zeigt, die ineinander endlich gefunden haben, was sie so lange gesucht haben und ihr Glück darüber noch gar nicht richtig fassen können und ihm deshalb auch kaum Ausdruck verleihen.

Dass Adele und Frank so glaubwürdig erscheinen, ist neben Reitmans zurückhaltender Inszenierung natürlich das Verdienst von Kate Winslet und Josh Brolin. Winslet als vom Leben überforderte, gebrochene Frau mit strähnigen Haaren und verhuschtem Blick ist in jeder Sekunde überzeugend. Fahrig, ängstlich kaum in der Lage, ihrer Mutterrolle gerecht zu werden, sieht man sie ganz langsam endlich aufblühen, als sie auf Frank trifft. Sie wird wieder zu der Frau, die sie einst gewesen sein muss, als Henrys Vater sich in sie verliebt hat. Diese Wandlung gelingt Winslet ganz wunderbar und ist wirklich berührend. Nicht minder überzeugend agiert Josh Brolin als vermeintlicher Mörder. Sein leicht bedrohlich wirkendes Äußere mit langen dunklen Haaren und Bart konterkariert er durch seinen sanften Blick, aus dem viel Trauer und Enttäuschung spricht. Er bügelt, wechselt Reifen, backt Pfirsichkuchen und erkennt, dass auch Adele vom Schicksal schwer gebeutelt wurde. Kurze, prägnante Sätze, kleine, liebevolle Gesten und die unerschütterliche Stärke, die sein Frank ausstrahlt, zeigen einmal mehr, welch grandioser Schauspieler Brolin ist. Auch Gattlin Griffith macht seine Sache gut, seinen Part im Erwachsenenalter übernimmt dann sogar kurz noch Tobey Maguire.

"Labor Day" ist ein Film, der so ruhig beginnt, wie er endet und auch dazwischen kaum jemals Tempo oder Emotionen hochfährt. Dennoch fühlt man mehr und mehr mit den Protagonisten und kann nicht umhin, sich für sie das Beste zu wünschen, auch wenn man weiß, dass dies eigentlich unmöglich ist. Großartige Schauspieler, authentische 80er-Jahre-Settings und Reitmans sensible Regie lassen dieses schwüle Labor-Day-Wochenende in Massachusetts nicht nur für Adele, Frank und Henry zu etwas ganz Besonderem werden. Deshalb gerne vier von fünf Franks Pfirsichkuchen, die in Henrys Leben noch eine ganz spezielle Rolle spielen werden.


Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll
Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll
DVD ~ Michael Douglas
Preis: EUR 7,97

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Glitter, Glanz & Gloria, 4. Oktober 2014
(Kinoversion)

Als Steven Soderbergh ("Traffic", "Magic Mike") seine Idee zum Film "Liberace" bei den Studiobossen Hollywoods vortrug, stieß er ausnahmslos auf Ablehnung. Im prüden Amerika war man der Meinung, dass die Biographie eines schwulen Entertainers der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht auf die große Leinwand gehört und sowieso niemanden interessieren würde. Der Fernsehsender HBO, der unter anderem auch die "Sex and the City"-Reihe produziert hat und gemeinhin als "open-minded" gilt, schlug letztendlich zu und bescherte "Liberace" so zumindest seine Veröffentlichung im Pay-TV. Bei der diesjährigen Emmy-Verleihung heimste der Film dann auch gleich 11 Emmys ein, unter anderem für beste Kostüme, beste Hauptdarsteller (Michael Douglas und Matt Damon) und beste Regie. Die Studiobosse dürften sich mittlerweile mächtig ärgern, da "Liberace" ihnen sicherlich einen Haufen Geld eingespielt hätte. Außerdem läuft der Film überall außerhalb Amerikas in den Kinos und nicht "nur" im Fernsehen. Aber wo gehört "Liberace" denn nun hin, ins Fernsehen oder ins Kino? Mal sehen…

Ende der 70er Jahre lernt der Pianist und Entertainer Liberace (Michael Douglas, "Wall Street", "Haywire") nach einem seiner Auftritte in Las Vegas den jungen Scott Thorson (Matt Damon, "Elysium", "Contagion") kennen. Da dem knapp 60jährigen schwulen Klavierspieler der noch nicht mal halb so alte junge Mann gefällt, macht er ihm erfolgreich Avancen und stellt ihn sogar bei sich als Sekretär ein. Der noch recht unbedarfte Scott lernt schnell den immensen Luxus schätzen, den Liberace ihm bieten kann und führt ein unbeschwertes Leben an der Seite des exaltierten Künstlers. Als Scott sich jedoch durch Tabletten- und Drogenkonsum immer mehr verändert, wird Liberace seiner überdrüssig und kündigt ihm Anfang der 80er Jahre sowohl Job als auch Beziehung auf. Erst kurz vor seinem Tod Ende der 80er Jahre treffen Scott und Liberace noch einmal aufeinander, aber da ist Liberace schon vom Aidsvirus gezeichnet…

Dem Film sei sein Siegeszug durch europäische und außereuropäische Lichtspielhäuer gegönnt, allein, um den homophoben Studiobossen Hollywoods die lange Nase zu zeigen. Wenn man es aber mal etwas genauer betrachtet, bietet "Liberace" außer effektiven Schauwerten nicht sonderlich viel, was den Film sehenswert macht. Liberace mag ein extrovertierter Entertainer gewesen sein, ähnlich einem Harald Glööckler vielleicht und ein wahrer Virtuose am Klavier, aber ansonsten ist sein Leben nicht wirklich interessant und man erfährt auch kaum etwas darüber, da Soderbergh nur die paar Jahre seiner Beziehung mit Scott beleuchtet. Einen 118minütigen Film über einen schwulen Klavierspieler mit absurdem Klamottengeschmack zu drehen, ist dann doch ein wenig dünn. Deshalb wenigstens von mir ein bisschen Backroundinfo zu Liberace (danke, Wikipedia):

Liberace wurde 1919 als Władziu Valentino Liberace geboren, Kind einer Polin und eines Italieners. Bereits mit sechs Jahren konnte er stundenlang klassische Stücke am Klavier auswendig spielen. Nach seinem Musikstudium trat er erst in kleinen Clubs, dann mit einer eigenen Musikshow im Fernsehen und schließlich in Las Vegas auf, wo er sich zum überaus erfolgreichen und vor allem steinreichen (man hat Liberaces Vermögen auf 100 Millionen Dollar geschätzt) Entertainer mauserte. Durch seine auffälligen Showkostüme, seine voluminösen Toupets und seinen protzigen Goldschmuck war Liberace ein wahrer Paradiesvogel, aber auch ein begnadeter Klavierspieler. Liberace konnte in nur zwei Minuten 6.000 Noten spielen, was ihm den Titel "Schnellster Pianist der Welt" einbrachte. Seine offensichtliche Homosexualität wurde allerdings von Liberace streng geheim gehalten und stets dementiert. Er verklagte sogar eine britische Zeitung, die behauptete, er sei schwul und schwor vor Gericht einen Meineid, dass er heterosexuell sei. Dennoch war es in Liberaces Dunstkreis kein Geheimnis, dass der Künstler eine ausgesuchte Vorliebe für junge Männer hatte und diese auch regelmäßig wechselte, sobald er ihrer überdrüssig wurde. Dieses Schicksal ereilte auch Scott Thorson, der von 1976 - 82 Liberaces Liebhaber war. Für ihn unterzog er sich einigen Schönheitsoperationen, da Liberace sich wünschte, Scott möge ihm ähnlich sehen. Nach dem Ende der Beziehung verklagte Thorson Liberace auf 113 Millionen Dollar Unterhalt. Mehr als 250.000 Dollar, drei Autos und zwei Hunde bekam er schlussendlich aber nicht. Bereits ein Jahr nach Liberaces Tod im Jahr 1987 veröffentlichte Thorson sein Buch über sein Zusammenleben mit Liberace. Die Öffentlichmachung dessen Homosexualität dürfte dabei nur ein Vertrauensbruch gewesen sein, der Liberace im Grab hätte rotieren lassen.

Liberace war sicherlich ein Ausnahmetalent am Klavier, ein Genussmensch und ein in verschwenderischem Luxus lebender Künstler, ansonsten aber keine sonderlich interessante Persönlichkeit. Zumindest suggeriert der Film dies. Liberace war weder besonders witzig (wie die platten Witzchen während seiner Show beweisen) noch besonders nett oder böse. Er war ein schwuler Musiker in geschmacklosen Klamotten, der es in Las Vegas zu Erfolg gebracht hat, mehr nicht. Und da Soderbergh Liberace in nicht enden wollenden Szenen auf und jenseits der Bühne zeigt, in denen der Künstler belangloses Zeug redet, versucht, witzig zu sein, Sex hat, wieder redet, noch mehr redet und dann noch mal Sex hat, erfährt man kaum etwas über diese angeblich so schillernde Persönlichkeit. Wirklich Interessantes hat Liberace nicht zu sagen und da man weder etwas über seine Vergangenheit und kaum etwas über seine Persönlichkeit erfährt, als das, was optisch sowieso schon offensichtlich ist, hat weder das Gezeigte noch Gesagte große Substanz. Auch Scott Thorson wird kaum nennenswert vorgestellt. In Heimen und bei Pflegeeltern groß geworden, noch nicht wirklich viel erreicht im Leben, bisexuell, stürzt er sich in die Beziehung mit Liberace, den er angeblich heiß und innig liebt. Sie vögeln, Scott nimmt mehr und mehr Drogen und rutscht ab, so lange, bis Liberace sich seiner entledigt, weil Scott ein psychisches Wrack ist.

Man fragt sich, was "Liberace" eigentlich sein soll. Sicherlich, es ist eine Biographie. Aber letztendlich eine kaum interessante, weil es über Liberace einfach nicht viel zu sagen gibt bzw. es Soderbergh einfach nicht gelingt, Liberace als spannende Persönlichkeit vorzustellen. Abseits der optischen Schauwerte bleibt von Liberace nicht viel, der ein recht zurückgezogenes Leben geführt hat und weder durch Skandale noch sonst irgendwie groß aufgefallen wäre, außer durch seinen 15 Meter langen Chinchilla-Pelz. Ein Drama ist der Film nicht, auch wenn es sicherlich traurig ist, dass ein Mann zeitlebens seine sexuelle Gesinnung geheim gehalten hat, um seinen beruflichen Erfolg nicht zu gefährden, um dann letztendlich an der damals noch als "Schwulenseuche" betitelten Krankheit AIDS zu sterben. Die Beziehung zwischen Liberace und Scott hat Höhen und Tiefen, aber nichts davon ist wirklich dramareif. Eine Komödie ist der Film auch nicht, dafür sind Liberaces Witzchen zu platt und auch sonst gibt es keine humorvollen Momente. Ja, was ist der Film dann überhaupt bzw. was will er erreichen? Ich weiß es nicht, ich habe nur gemerkt, dass mich der Film auf emotionaler Ebene überhaupt nicht erreicht hat, weil man einfach kaum Emotionales oder auch nur Interessantes erfährt.

Glücklicherweise kann man dies nicht den Schauspielern anlasten. Michael Douglas geht diese sicherlich nicht ganz einfache Rolle mutig an und überzeugt als schwuler Entertainer vollends. Ihm gelingt das Kunststück, Liberace sowohl als oberflächliche Tucke mit absurd verschwenderischem Lebensstil und pottenhässlichen Klamotten darzustellen, dessen Welt sich nur um ihn selbst dreht als auch als aufmerksamen Liebhaber und Zuhörer, der mehrere Kinder (wohl aber erst im Erwachsenenalter und nachdem sie seine Lover waren) adoptiert hat und sich trotz Prunk und Protz oft einsam fühlt. Matt Damons eher unbewegliche Mimik und sein Alter von 42 Jahren machen ihn nicht zum idealen Kandidaten, um einen 25jährigen, unbedarften Schwulen zu spielen, dennoch meistert er seinen Part recht gut, besonders wenn er zum schizophrenen Drogenabhängigen mutiert. In weiteren Rollen finden sich Rob Lowe, einer der attraktivsten Darsteller der 80er Jahre, der hier wirklich unheimlich aussieht. Mit nach hinten geklebter Gesichtshaut, Zahnprothese und stufenschnittiger Perücke gibt er herrlich überzogen Liberaces Schönheitschirurgen. Auch Dan Aykroyd greift zum Fiffi nebst unförmiger Hornbrille, um Liberaces Manager zu spielen, hat aber leider nur einen sehr kleinen Part.

Nein, es liegt wohl wirklich eher an Soderberghs zwar routinierter, aber hier irgendwie seelenloser Regie und seinem Drehbuchautoren Richard LaGravenese, der immerhin schon das grandiose Script zu "König der Fischer" und auch die zu "Die Brücken am Fluss" und "Der Pferdeflüsterer" geschrieben hat. Entweder war Scott Thorsons Buchvorlage einfach nicht interessant genug oder LaGravenese ist hier schlicht nicht zur üblichen emotionalen Hochform aufgelaufen. Schade ist das teilweise Scheitern des Films in jedem Falle, da die Ausstattung wirklich pompös und faszinierend ist, die Darsteller ausnahmslos gut und man zumindest vermutet hatte, hinter dem Entertainer Liberace würde sich auch eine interessante und vielschichtige Persönlichkeit verbergen. Entweder ist dem nicht so oder Soderbergh hat einfach keinen Weg gefunden, dies gut herauszuarbeiten.

Somit ist "Liberace" eine nur leidlich interessante Künstler-Biographie, die vorrangig durch Optik und nur selten durch ihren Inhalt überzeugt. In 118 Minuten lernt man weder Liberace noch sein Leben besonders gut kennen. Soderbergh inszeniert lediglich eine fragmentarische Abfolge einiger weniger Lebensjahre Liberaces, in denen nicht wirklich viel passiert, außer dass der Entertainer auf der Bühne entertaint und sich selbst im Bett entertainen lässt. Die meisten Dialoge haben weder Brisanz noch Witz noch emotionale Wahrheit, so dass einen "Liberace" bedauerlicherweise ziemlich kalt lässt und man irgendwann zu dem Schluss kommt, dass der Film im Fernsehen vielleicht doch gar nicht so schlecht aufgehoben wäre…deshalb leider nur knappe drei von fünf kitschigen Kostümen, die man auch im Schrank hätte hängen lassen können.


Devil's Knot - Im Schatten der Wahrheit
Devil's Knot - Im Schatten der Wahrheit
DVD ~ Colin Firth
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen The Memphis Three, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Devil's Knot - Im Schatten der Wahrheit (DVD)
(Kinoversion)

Vorabinfo: Da dieser Film auf einem wahren Fall beruht, werde ich mich darauf auch in der Rezension beziehen und somit auch Informationen zum wahren Fall liefern. Hierbei handelt es sich nicht um Spoiler, da der Ausgang der Geschichte durch die Medien bereits bekannt ist und dem Film auch nichts von seiner Spannung nimmt.

Hintergrund: Die so genannten "Memphis Three" waren drei Jugendliche aus West Memphis, Arkansas, die 1994 für den Mord an drei 8jährigen Jungen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Schon während der Verhandlung kamen Zweifel an der Schuld der Teenager auf, die bedauerlicherweise aber nicht dazu geführt haben, die Jungs freizusprechen. Erst nach 17 Jahren wurde die zweifelhafte Beweislage anerkannt und die mittlerweile zu Männern gereiften Kids aus dem Gefängnis entlassen. Es gab zahlreiche Bemühungen, diesen Justizirrtum aufzuklären, berühmte Bands und Schauspieler (u. a. Pearl Jam und Johnny Depp) haben sich für die Memphis Three in Songs und Demonstrationen stark gemacht, konnten aber nicht verhindern, dass drei Unschuldige fast zwei Jahrzehnte für ein Verbrechen gesessen haben, das sie nicht begangen haben. Dieser bewegenden Geschichte hat sich nun, nach diversen bereits veröffentlichten Dokumentationen zum Fall, der kanadische Regisseur Atom Egoyan ("Chloe", "Das süße Jenseits") angenommen und daraus einen bedrückenden 114minütigen Film gemacht.

5. Mai 1993: die Freunde Stevie, Michael und Christopher, jeweils 8 Jahre alt, verschwinden in den Robin Hood Hills, einem kleinen Waldgebiet unweit ihres Wohnortes West Memphis. Eine großangelegte Suchaktion führt einen Tag später zum Fund der drei Kinderleichen. Sie wurden mit ihren eigenen Schnürsenkeln an Armen und Beinen gefesselt, mit Messern verletzt und ertränkt. Aufgrund verschiedener fragwürdiger Zeugenaussagen stehen die Täter schnell fest: drei 16 bis 18 Jahre alte Jugendliche, die sich allein dadurch verdächtig machen, dass sie gerne Heavy Metal Musik hören. Auch sagt man einem von ihnen okkulte Aktivitäten nach, angeblich wollte er in einem satanischen Ritual ein Menschenopfer darbringen. Die Drei werden festgenommen, unter fragwürdigen Umständen verhört und angeklagt. Doch während des Prozesses kommen sowohl der Mutter eines der ermordeten Kinder (Reese Witherspoon, "Das gibt Ärger") als auch einem privaten Ermittler der Verteidigung (Colin Firth, "The King's Speech") Zweifel an der Schuld der Angeklagten. Intensive Ermittlungen zeichnen ein ganz anderes Täterbild, welches aber von Polizei und Staatsanwaltschaft offensichtlich nicht weiter verfolgt oder sogar vertuscht wurde…

Zum Film: Der Fall der Memphis Three zeigt einmal mehr auf erschreckende Weise, welch eklatante Fehler dem (in diesem Fall) amerikanischen Rechtssystem widerfahren können und welches Leid dies über Unschuldige bringen kann. Atom Egoyan zeichnet hier ein erdrückendes und eindringliches Bild davon, was Vorurteile und schlampige Ermittlungen anrichten können. Weil die drei Tatverdächtigen am Rande der Gesellschaft leben, schon einmal straffällig geworden waren, Hard Rock Musik hören und einer von ihnen mit psychischen Problemen zu kämpfen hat und darüber hinaus in schwarzen Klamotten und mit langen schwarzen Haaren herumläuft, sind sie per se schon einmal verdächtig. Lesen sie dann auch noch Stephen King Bücher und interessieren sich angeblich für Satanismus, ist der Stempel schnell fertig, der diesen drei Jungs aufgedrückt wurde. Mit teilweise hanebüchenen Beweisen und jeglicher logischen Grundlage entbehrenden Vorwürfen werden Unschuldige zu Mördern stilisiert und so massiv bedrängt, dass von der Gleichheit aller vor dem Gesetz keine Rede mehr sein kann, und erst recht nicht davon, dass jeder so lange unschuldig ist, bis seine Schuld zweifelsfrei bewiesen ist.

"Devil's Knot" ist gleich auf mehreren Ebenen ein bedrückender Film. Das Leben von drei kleinen Jungs wurde ausgelöscht, ohne dass ein Motiv erkennbar wäre. Natürlich gibt es kein "gutes" Motiv, um Kinder zu töten, aber durch das Fehlen jeglicher Erklärung wird das Ganze umso tragischer. Darüber hinaus leiden die Eltern der kleinen Jungs unendliche Qualen, weil eines ihrer Kinder tot ist. Und schlussendlich wurden hier drei unschuldige Teenager dermaßen vorverurteilt, dass sie fast 20 Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbringen mussten und dafür wohl nie entschädigt werden.

Das kleine Manko dieses beeindruckenden Films ist es, dass es Atom Egoyan nicht immer gelingt, die nötigen Emotionen beim Zuschauer zu wecken. Die kleinen Jungs sind bereits nach wenigen Filmminuten tot, und nur einen, Stevie, lernt man davor kurz kennen. Die Tragik des Kindermordes erschließt sich dem Zuschauer natürlich trotzdem, dennoch wäre es hilfreich gewesen, eine Bindung zu den Opfern knüpfen zu können. Von den leidenden Eltern wird auch nur ein Paar gezeigt, und obwohl Reese Witherspoon und Alessandro Nivola ihrem Schmerz Ausdruck verleihen können, fehlt auch hier ab und an die nötige Eindringlichkeit. Und schlussendlich fällt es bei aller offensichtlichen Ungerechtigkeit schwer, auch mit den vermeintlichen Tätern richtig mitzufühlen, da auch diese von Egoyan nur oberflächlich charakterisiert wurden. Ihre Ungläubigkeit, ihr Entsetzen und ihre Verzweiflung bleiben dem Zuschauer meist verborgen.

Abgesehen von diesem leider nicht ganz unwichtigen Faux Pas ist Egoyan sein Film aber sehr gut gelungen. Gekonnt zeigt er Ermittlungsfehler auf (die Dialoge aus den Original-Polizeiprotokollen wurden 1:1 übernommen) und findet Zeugen, deren Aussagen er gezielt in Zweifel zieht. Besonders in den Gerichtsverhandlungen wird deutlich, wie oft hier das Recht zugunsten des Staates gebogen und falsch eingesetzt wird. Progressive Verhörmethoden, die viel zu schnelle Festlegung auf die Täter und damit einhergehende Vernachlässigung anderer Spuren, verlorengegangene Beweismittel, dogmatische Vorurteile aufgrund von Hörensagen und Bigotterie…die Liste der Verfehlungen auf Staatsseite ist lang.

Dem gegenüber stehen drei Außenseiter, die keinerlei Lobby haben und deren Pflichtverteidiger mit der Komplexität des Falles hoffnungslos überfordert sind. Der Fehler des 16jährigen Jason Baldwin war, dass er gerne Heavy Metal Musik hörte, mit dem 18jährigen Damian Echols befreundet und bereits wegen Ladendiebstahl und Vandalismus vorbestraft war. Damian Echols konnte auf eine Reihe von psychiatrischen Klinikaufenthalten zurückblicken, war ebenfalls wegen Vandalismus und Ladendiebstahl vorbestraft und kam aus einer armen Familie. Der 17jährige Jessie Misskelley, der einen IQ von lediglich 72 hatte und somit kaum in der Lage war, die Fragen der Polizei zu verstehen, geschweige denn, sie richtig zu beantworten, war bekannt für sein aufbrausendes Temperament und seine Vorliebe für Schlägereien. Fügt man diesen Vorgeschichten noch eine Reihe falscher Zeugenaussagen und einseitiger Ermittlungen hinzu, erscheint es fast schon logisch, dass Jessie, Jason und Damian verurteilt wurden.

"Devil's Knot" ist ein trauriger, aber wichtiger Film. Hier kann man sogar sagen, dass das nachhaltige Medien- und Öffentlichkeitsinteresse an dem Fall teilweise dazu beigetragen hat, den Fokus endlich auf auch andere Verdächtige zu lenken. SPOILER ANFANG: Schon damals keimte bei Pamela Hobbs, Stevies Mutter, irgendwann der Verdacht auf, dass ihr Ehemann, Stevies Stiefvater Terry Hobbs, etwas mit den Morden zu tun hatte. Diese Vermutung erhärtete sich, als zwischen den verknoteten Schnürsenkeln an den Leichen Haare von Terry Hobbs gefunden wurden. Da aber erst Jahre später eine Vergleichsprobe von Hobbs' Haaren genommen wurde und dieser Verdacht trotzdem nicht ausreichte, um Hobbs vor Gericht zu stellen, ist dieser immer noch auf freiem Fuß. Selbst FBI-Profiler-Legende John Douglas vermutet hier erstens einen Einzeltäter, zweitens einen erwachsenen männlichen Täter und drittens aller Wahrscheinlichkeit nach Terry Hobbs als Mörder. Hier scheint dann allerdings angewendet zu werden, was den Memphis Three versagt blieb: gleiches Recht für alle. SPOILER ENDE.

Die Schauspieler: Darstellerisch ist "Devil's Knot" ebenfalls beeindruckend. Reese Witherspoon als gequälte Mutter beeindruckt mit Mut zur Hässlichkeit. Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schwangere Schauspielerin versteckt ihre Extrapfunde unter weiten Schlabberklamotten oder hässlichen Kleidern und hat sich darüber hinaus einen entsetzlichen Stufenschnitt zugelegt. Der im Film vorherrschende Südstaaten-Slang dürfte für die in New Orleans Geborene kein Problem gewesen sein. Ihr Schmerz, ihre Wut und ihre Trauer wirken authentisch und realistisch. Bei Colin Firth, dem geborenen Engländer, klingt der Südstaaten-Singsang gleich beeindruckender, Firth hat sich hier wirklich erfolgreich Mühe gegeben, wie ein waschechter Südstaatler zu klingen. James Hamrick (Damian), Kristopher Higgins (Jessie) und Seth Meriweather (Jason) sind zwar weder besonders bekannt noch besonders schauspielerfahren, geben hier aber überzeugende Vorstellungen der drei zu unrecht Verurteilten ab.

Nachklapp: Nach dem die Memphis Three 2011 aus der Haft entlassen wurden, haben sie ihr Leben unterschiedlich gestaltet. Jessie Misskelley hat sich mit seiner Jugendliebe verlobt und macht eine Ausbildung zum Automechaniker. Jason Baldwin arbeitet auf dem Bau und wollte gerne Autofahren lernen. Damian Echols, der als einziger der Drei zum Tode verurteilt wurde, hat ein Buch über seine schwere Zeit im und nach dem Gefängnis geschrieben ("Mein Leben nach der Todeszelle") und ist verheiratet. Er träumt davon, weiter schriftstellerisch und auch künstlerisch tätig zu sein.

Fazit: Alles in allem ist "Devil's Knot" ein guter Film. Lediglich den leider so wichtigen emotionalen Part vernachlässigt Egoyan sowohl bei den Opfern als auch den vermeintlichen Tätern. Auch hätte man gerne noch mehr über sie erfahren, sowohl die Jungs als auch die Teenager werden nur kurz gezeigt bzw. grob skizziert. Ansonsten ist der Film recht spannend, auch wenn viel (Dreh)Zeit im Gerichtssaal verbracht wurde. In der Originalversion kommt der Film darüber hinaus in einem fast gesungenen Arkansas-Akzent daher, der den Film noch authentischer wirken lässt. Ein wichtiger, aber nicht auf allen Ebenen ausreichend intensiver Film, der das Ansehen dennoch lohnt. Sehr gute drei von fünf Vorurteilen, die man einmal gründlich überdenken sollte.


Only Lovers Left Alive
Only Lovers Left Alive
DVD ~ Tom Hiddleston
Preis: EUR 11,97

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Vampire Love, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Only Lovers Left Alive (DVD)
(Kinoversion)

Nach vier Jahren Pause ist Independent-Regie-Ikone Jim Jarmusch zurück. Nach seinem letzten Film, "Limits of Control" von 2009, wendet er sich nun dem Vampir-Genre zu und inszeniert ein Arthouse-Kunststück, das mit der unsäglichen "Twilight"-Saga ungefähr soviel gemein hat wie ein Mettigel mit Kaviar. Glücklicherweise, wohlgemerkt. Und wen Besseres als die unvergleichliche Tilda Swinton könnte er wohl als jahrhundertealte Vampirella mit Grandezza finden, um einen schönen Gegenentwurf zu Kristen Stewart zu kreieren? Genau. Als Arthouse-Kunstfilm mag "Only Lovers left alive" denn auch funktionieren, als interessanter oder gar spannender Genrebeitrag eher nicht. Denn letztendlich filmt Jim Jarmusch ("Broken Flowers", "Coffee and Cigarettes", "Ghost Dog", "Night on Earth") 123 Minuten lang zwei Vampire in ihrem düsteren Alltagsleben, nicht mehr und nicht weniger. Das ist schön anzusehen, bietet inhaltlich aber recht wenig. Aber Jarmusch ist ja dafür bekannt, sich gängigen Genrekonventionen gern zu widersetzen und am Mainstreamgeschmack vorbei zu inszenieren. Kein Problem, wenn man sowas mag, ein Problem, wenn man hier auf spannende, kurzweilige und vor allem blutige Vampiraction gehofft hatte. Aber wer würde das schon bei einem Jim-Jarmusch-Film? Eben.

Adam (Tom Hiddleston, "Thor") und Eve (!) (Tilda Swinton "We need to talk about Kevin") sind bereits seit mehreren Jahrhunderten verheiratet. Die beiden Vampire, in deren Augen Menschen Zombies sind, leben im exotischen Tanger (sie) und im heruntergekommenen Detroit (er). Da Adam ob des schlechten Zustandes der Welt zunehmend depressiver wird, sieht Eve sich veranlasst, ihrem untoten Ehemann einen aufmunternden Besuch abzustatten. Zusammen streifen sie durchs nächtliche, heruntergekommene Detroit oder hören die Undergroundmusik, die Adam komponiert hat. Als allerdings Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska, "Stoker") auftaucht, gerät das meditative Dasein des untoten Ehepaars ganz schön durcheinander…

"Only Lovers left alive" ist ein ruhiger und sehr kunstvoll arrangierter Film. Hier passiert wirklich nicht viel, aber das, was passiert, ist in sehr schöne, arthouseähnliche Bilder getaucht. Eves nächtliche Streifzüge durch Tanger, Adams vollgestopfte und heruntergekommene Rumpelbutze am Rande der Stadt, ihre spärlichen Kontakte zu den "Zombies", all dies ist so düster wie schön anzusehen. Untermalt mit Soulmusik der 60er oder harten Rockklängen entwirft Jim Jarmusch ein Bild der Untoten, wie man es so noch nicht gesehen hat. Sie leben äußerst zurückgezogen und gehen auch nicht mehr auf die Jagd, da das menschliche Blut im 21. Jahrhundert für sie viel zu gefährlich ist; kontaminiert durch Drogen, Krankheiten, Alkohol und Ähnliches. Sie sind vollends umgestiegen auf qualitativ hochwertige Blutkonserven, die sie sich in Krankenhäusern besorgen oder von zwielichtigen Ärzten beschaffen lassen.

Adam ist über die Jahrhunderte immer mal wieder depressiv und des untoten Lebens überdrüssig geworden, weshalb er sich auch von seinem Mann für Alles, Ian, (Anton Yelchin, "Fright Night") vorsichtshalber eine Revolverkugel aus Holz besorgen lässt, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Bevor dies jedoch geschehen kann, eilt Ehefrau Eve zu ihm und versucht, ihn vom Sinn des Weiterlebens zu überzeugen. Tagsüber wird geschlafen, abends geredet, Schach gespielt, Musik gehört oder getanzt. Das einzigartige und von echter Liebe geprägte Band, das Adam und Eve verbindet, ist stärker als die Todessehnsucht, dennoch bleibt der tägliche Kampf um die Nahrung, auch, wenn dieser nicht mehr direkt am Menschen ausgetragen wird.

Eve kann den gelebten Jahrhunderten viel Schönes abgewinnen und sitzt in Tanger oft mit ihrem Vampirfreund Christopher Marlowe (!) (John Hurt, "Krieg der Götter") zusammen und erinnert sich an alte Zeiten. Wie Adam einst etwas komponierte, das Mozart dann als sein Stück herausgab, wie Marlowe Sachen schrieb, die dann Shakespeare unter seinem Namen veröffentlicht hat usw. usf. Als Eve dann jedoch in Detroit ist, um ihrem Liebsten seelische Unterstützung zuteil werden zu lassen, taucht ihre flegelhafte Schwester Ava plötzlich auf. Das nervtötende Ding säuft die Blutvorräte leer, macht die Clubs unsicher und sich dann auch noch an Ian heran, was erwartungsgemäß im Chaos endet.

Das ist das Wenige, was in "Only Lovers left alive" passiert. Für 123 Minuten ist das etwas wenig. Vor allem vermisst man den jarmuschtypischen Humor. Dieser taucht zwar in einigen Dialogen durchaus auf, aber leider viel zu selten, so dass der Film irgendwann doch ein wenig langweilig wird. Jarmusch beschränkt sich auf kunstvoll arrangierte Schauwerte und Kulissen, bietet inhaltlich aber wenig.

Dagegen können auch Ausnahmedarstellerin Tilda Swinton und der ebenfalls wunderbar agierende Tom Hiddleston nichts ausrichten. Swinton, wie immer von anämischer Schönheit, bewegt sich mit verträumter Gelassenheit und wallenden Gewändern durch die bunt zusammengewürfelten Kulissen, die Schätze aus mehreren Jahrhunderten bergen. Ihre immer noch vorhandene Lebensfreude als Eve wird eher in kleinen Gesten oder einem halben Lächeln sichtbar denn durch große, laute Bewegungen. Auch Hiddleston spielt seinen Adam mit künstlerischem Minimalismus, der ihm aber ausgesprochen gut zu Gesicht steht. Mit tiefer Stimme und dem Weltschmerz in den Augen wandelt er durch die Räume seiner verwinkelten Behausung am Rande einer langsam dahinsiechenden Stadt, der es ähnlich geht wie im selbst. Sein trockener Sarkasmus bricht sich zwar selten, dann aber sehr treffend Bahn. In den Nebenrollen überzeugen ein schlauer John Hurt als Dichter Marlowe, ein herrlich unbeholfener Anton Yelchin als Ian und eine schlampige, bluthungrige Version von Pippi Langstrumpf, Mia Wasikowska als Ava.

Wunderbarer Cast, abgefahrene Musik, verspielte, abgewrackte, beeindruckende Kulissen, eine künstlerisch angehauchte Inszenierung…nur leider etwas wenig Inhalt und zu wenig jarmuschtypischer Humor. Wenn Adam Eve vorschlägt, doch mal wieder einen Menschen direkt auszusaugen und diese darauf resigniert antwortet "Das ist so 15. Jahrhundert", wünscht man sich einfach mehr solcher Sätze. Ein bisschen mehr hätte es schon sein dürfen, als zwei Vampiren dabei zuzusehen, wie sie versuchen, in der heutigen Welt zu überleben, dabei aber fast immer nur unter sich bleiben. Dennoch, wer die Filme von Jim Jarmusch kennt und mag, wird mit seinen speziellen Inszenierungen vertraut sein und so auch "Only Lovers left alive" etwas abgewinnen können. Doch selbst für Jarmusch-Fans ist das diesmal etwas wenig. Wer auf einen blutigen und vor allem spannenden Vampirfilm gehofft hat oder beim Namen Jim Jarmusch nur ratlos die Stirn in Falten legt, sollte sich "Only Lovers left alive" auf keinen Fall ansehen. Für mich durchschnittliche drei von fünf Blutkonserven, die man leider auch nicht immer bedenkenlos konsumieren kann.


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