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MissVega (Hamburg)

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Labor Day
Labor Day
DVD ~ Kate Winslet
Preis: EUR 16,99

4.0 von 5 Sternen Ein Wochenende Familie, 24. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Labor Day (DVD)
Nach "Thank you for smoking", "Juno", "Up in the Air" und "Young Adult" ist "Labor Day" Jason Reitmans fünfter Film in nur acht Jahren und außer "Juno" sein einziger, der mir richtig gut gefallen hat. Reitman hat hier den wohl eher für Frauen konzipierten Roman von Joyce Maynard, "Der Duft des Sommers", verfilmt und daraus ein wunderbares, leises Drama gemacht, das vor allem durch seine großartigen Hauptdarsteller Kate Winslet und Josh Brolin besticht.

Ausstattung DVD: Ton in deutsch, englisch und türkisch, Untertitel in denselben Sprachen. Bild und Ton sind ordentlich, wenn auch nicht überragend. Die DVD bietet darüber hinaus leider nur magere Extras: einen Audiokommentar mit Regisseur, Kameramann und Co-Produzent und ein paar entfernte Szenen.

1987, irgendwo in Massachusetts. Hier lebt der 14jährige Henry (Gattlin Griffith, "Der fremde Sohn") mit seiner depressiven Mutter Adele (Kate Winslet, "Der Gott des Gemetzels"). Er kümmert sich um seine fast einsiedlerisch lebende Mutter, so gut er kann, seinen Vater samt neuer Frau und neuer Familie sieht er lediglich sonntags zum Essen. Einmal im Monat gelingt es ihm, seine Mutter zum Einkaufen neuer Vorräte zu bewegen und just an diesem Tag treffen sie auf den gerade aus dem Gefängnis ausgebrochenen Frank (Josh Brolin, "Sin City 2"). Der Fremde bittet darum, ein paar Stunden bei Adele und Henry unterkommen zu dürfen. Er ist nach einer Operation aus dem Krankenhaus geflohen und hat Schmerzen, außerdem sucht natürlich das ganze County nach ihm. Widerwillig und ängstlich stimmt Adele zu. Doch dann geschieht etwas Seltsames…der wegen Mordes Verurteilte und die vom Leben Enttäuschte kommen sich näher, vor allem, als Adele die wahren Umstände erfährt, die Frank ins Gefängnis gebracht haben. Und auch Henry fasst Vertrauen zu Frank, dessen Aufenthalt sich verlängert und der dringend nötige Reparaturen am Haus durchführt und Henry Baseball beibringt. So wird dieses schwül-heiße Labor-Day-Wochenende für diese drei Menschen zu etwas ganz Besonderem - doch welche Chancen für die Zukunft haben sie mit einem auf der Flucht befindlichen Verbrecher?

Glücklicherweise gelingt es Reitman, die filmische Adaption der vermutlich recht schwülstige Romanvorlage nicht mit Kitsch und Klischees zu überhäufen und so zu einem typischen "Frauenfilm" zu machen. Reitman setzt auf feine, realistische Untertöne, kleine Gesten, fast nebensächliche Berührungen und die stetige unterschwellige Präsenz der Ausweglosigkeit der Situation. Man weiß eigentlich von Anfang an, dass dieses Labor-Day-Wochenende kein gutes Ende nehmen kann, dennoch wünscht man es sich im weiteren Verlauf des 111minütigen Films, weil die Protagonisten einem am Herzen liegen und ein Happy End verdient hätten. Doch Reitman widersteht auch am Ende seines Films dem wahrscheinlichen Wunsch des Zuschauers, einfach nur alles gut werden zu lassen. Dafür gelingt ihm die Balance zwischen Realismus und Wunschdenken, so dass er "Labor Day" mit genau dem richtigen Ende ausstattet.

Wirklich viel passiert letztendlich nicht in diesen fünf Tagen, die Henry, Adele und Frank zusammen verbringen. Ein wenig Hausarbeit, ein paar Reparaturen am Haus, ein Grillabend, ein bisschen Baseball-Training und die langsame Annäherung, die zwischen Frank und Adele stattfindet. Frank überrascht mit seinen Kochkünsten, Adele damit, dass sie endlich aus ihrer jahrelangen Depression herausfindet und neuen Lebensmut fasst. Für Henry ist das alles noch ein wenig schwer einzuordnen, einerseits mag er Frank und sieht, wie gut dieser seiner Mutter tut, andererseits wirft die neue Situation viele Fragen bei ihm auf, die ihn verunsichern. Hier lauert denn vielleicht auch - neben der intensiven Suche der Polizei nach Frank - die einzige Gefahr für das neue Leben, das Adele und Frank miteinander geplant haben. Denn wenn Henry die Situation falsch einschätzt, könnte das Konsequenzen haben, besonders, weil er äußeren Einflüssen ausgesetzt ist, da Frank weder Adele noch Henry gefangen hält und sie somit jederzeit aus dem Haus können.

Aber auch ohne diese kleine Unwägbarkeit ist "Labor Day" erstaunlich spannend. Das liegt vermutlich schlicht daran, dass man die Charaktere zu mögen beginnt und mittels Rückblenden und Erzählungen erfährt, wie die wirklichen Umstände waren, die zu Franks Verbrechen geführt haben und warum genau Adele so furchtbar traurig ist. All diese kleinen Puzzleteile fügen sich nach und nach zu einem tragischen Gesamtbild zusammen, das einen nur umso mehr für die Protagonisten einnimmt. Besonders, weil Reitman die Romanze zwischen Adele und Frank nicht leidenschaftlich-schwülstig inszeniert, sondern einfach zwei vom Schicksal schwer gebeutelte Menschen zeigt, die ineinander endlich gefunden haben, was sie so lange gesucht haben und ihr Glück darüber noch gar nicht richtig fassen können und ihm deshalb auch kaum Ausdruck verleihen.

Dass Adele und Frank so glaubwürdig erscheinen, ist neben Reitmans zurückhaltender Inszenierung natürlich das Verdienst von Kate Winslet und Josh Brolin. Winslet als vom Leben überforderte, gebrochene Frau mit strähnigen Haaren und verhuschtem Blick ist in jeder Sekunde überzeugend. Fahrig, ängstlich kaum in der Lage, ihrer Mutterrolle gerecht zu werden, sieht man sie ganz langsam endlich aufblühen, als sie auf Frank trifft. Sie wird wieder zu der Frau, die sie einst gewesen sein muss, als Henrys Vater sich in sie verliebt hat. Diese Wandlung gelingt Winslet ganz wunderbar und ist wirklich berührend. Nicht minder überzeugend agiert Josh Brolin als vermeintlicher Mörder. Sein leicht bedrohlich wirkendes Äußere mit langen dunklen Haaren und Bart konterkariert er durch seinen sanften Blick, aus dem viel Trauer und Enttäuschung spricht. Er bügelt, wechselt Reifen, backt Pfirsichkuchen und erkennt, dass auch Adele vom Schicksal schwer gebeutelt wurde. Kurze, prägnante Sätze, kleine, liebevolle Gesten und die unerschütterliche Stärke, die sein Frank ausstrahlt, zeigen einmal mehr, welch grandioser Schauspieler Brolin ist. Auch Gattlin Griffith macht seine Sache gut, seinen Part im Erwachsenenalter übernimmt dann sogar kurz noch Tobey Maguire.

"Labor Day" ist ein Film, der so ruhig beginnt, wie er endet und auch dazwischen kaum jemals Tempo oder Emotionen hochfährt. Dennoch fühlt man mehr und mehr mit den Protagonisten und kann nicht umhin, sich für sie das Beste zu wünschen, auch wenn man weiß, dass dies eigentlich unmöglich ist. Großartige Schauspieler, authentische 80er-Jahre-Settings und Reitmans sensible Regie lassen dieses schwüle Labor-Day-Wochenende in Massachusetts nicht nur für Adele, Frank und Henry zu etwas ganz Besonderem werden. Deshalb gerne vier von fünf Franks Pfirsichkuchen, die in Henrys Leben noch eine ganz spezielle Rolle spielen werden.


Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll
Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll
DVD ~ Michael Douglas
Preis: EUR 12,99

3.0 von 5 Sternen Glitter, Glanz & Gloria, 4. Oktober 2014
(Kinoversion)

Als Steven Soderbergh ("Traffic", "Magic Mike") seine Idee zum Film "Liberace" bei den Studiobossen Hollywoods vortrug, stieß er ausnahmslos auf Ablehnung. Im prüden Amerika war man der Meinung, dass die Biographie eines schwulen Entertainers der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht auf die große Leinwand gehört und sowieso niemanden interessieren würde. Der Fernsehsender HBO, der unter anderem auch die "Sex and the City"-Reihe produziert hat und gemeinhin als "open-minded" gilt, schlug letztendlich zu und bescherte "Liberace" so zumindest seine Veröffentlichung im Pay-TV. Bei der diesjährigen Emmy-Verleihung heimste der Film dann auch gleich 11 Emmys ein, unter anderem für beste Kostüme, beste Hauptdarsteller (Michael Douglas und Matt Damon) und beste Regie. Die Studiobosse dürften sich mittlerweile mächtig ärgern, da "Liberace" ihnen sicherlich einen Haufen Geld eingespielt hätte. Außerdem läuft der Film überall außerhalb Amerikas in den Kinos und nicht "nur" im Fernsehen. Aber wo gehört "Liberace" denn nun hin, ins Fernsehen oder ins Kino? Mal sehen…

Ende der 70er Jahre lernt der Pianist und Entertainer Liberace (Michael Douglas, "Wall Street", "Haywire") nach einem seiner Auftritte in Las Vegas den jungen Scott Thorson (Matt Damon, "Elysium", "Contagion") kennen. Da dem knapp 60jährigen schwulen Klavierspieler der noch nicht mal halb so alte junge Mann gefällt, macht er ihm erfolgreich Avancen und stellt ihn sogar bei sich als Sekretär ein. Der noch recht unbedarfte Scott lernt schnell den immensen Luxus schätzen, den Liberace ihm bieten kann und führt ein unbeschwertes Leben an der Seite des exaltierten Künstlers. Als Scott sich jedoch durch Tabletten- und Drogenkonsum immer mehr verändert, wird Liberace seiner überdrüssig und kündigt ihm Anfang der 80er Jahre sowohl Job als auch Beziehung auf. Erst kurz vor seinem Tod Ende der 80er Jahre treffen Scott und Liberace noch einmal aufeinander, aber da ist Liberace schon vom Aidsvirus gezeichnet…

Dem Film sei sein Siegeszug durch europäische und außereuropäische Lichtspielhäuer gegönnt, allein, um den homophoben Studiobossen Hollywoods die lange Nase zu zeigen. Wenn man es aber mal etwas genauer betrachtet, bietet "Liberace" außer effektiven Schauwerten nicht sonderlich viel, was den Film sehenswert macht. Liberace mag ein extrovertierter Entertainer gewesen sein, ähnlich einem Harald Glööckler vielleicht und ein wahrer Virtuose am Klavier, aber ansonsten ist sein Leben nicht wirklich interessant und man erfährt auch kaum etwas darüber, da Soderbergh nur die paar Jahre seiner Beziehung mit Scott beleuchtet. Einen 118minütigen Film über einen schwulen Klavierspieler mit absurdem Klamottengeschmack zu drehen, ist dann doch ein wenig dünn. Deshalb wenigstens von mir ein bisschen Backroundinfo zu Liberace (danke, Wikipedia):

Liberace wurde 1919 als Władziu Valentino Liberace geboren, Kind einer Polin und eines Italieners. Bereits mit sechs Jahren konnte er stundenlang klassische Stücke am Klavier auswendig spielen. Nach seinem Musikstudium trat er erst in kleinen Clubs, dann mit einer eigenen Musikshow im Fernsehen und schließlich in Las Vegas auf, wo er sich zum überaus erfolgreichen und vor allem steinreichen (man hat Liberaces Vermögen auf 100 Millionen Dollar geschätzt) Entertainer mauserte. Durch seine auffälligen Showkostüme, seine voluminösen Toupets und seinen protzigen Goldschmuck war Liberace ein wahrer Paradiesvogel, aber auch ein begnadeter Klavierspieler. Liberace konnte in nur zwei Minuten 6.000 Noten spielen, was ihm den Titel "Schnellster Pianist der Welt" einbrachte. Seine offensichtliche Homosexualität wurde allerdings von Liberace streng geheim gehalten und stets dementiert. Er verklagte sogar eine britische Zeitung, die behauptete, er sei schwul und schwor vor Gericht einen Meineid, dass er heterosexuell sei. Dennoch war es in Liberaces Dunstkreis kein Geheimnis, dass der Künstler eine ausgesuchte Vorliebe für junge Männer hatte und diese auch regelmäßig wechselte, sobald er ihrer überdrüssig wurde. Dieses Schicksal ereilte auch Scott Thorson, der von 1976 - 82 Liberaces Liebhaber war. Für ihn unterzog er sich einigen Schönheitsoperationen, da Liberace sich wünschte, Scott möge ihm ähnlich sehen. Nach dem Ende der Beziehung verklagte Thorson Liberace auf 113 Millionen Dollar Unterhalt. Mehr als 250.000 Dollar, drei Autos und zwei Hunde bekam er schlussendlich aber nicht. Bereits ein Jahr nach Liberaces Tod im Jahr 1987 veröffentlichte Thorson sein Buch über sein Zusammenleben mit Liberace. Die Öffentlichmachung dessen Homosexualität dürfte dabei nur ein Vertrauensbruch gewesen sein, der Liberace im Grab hätte rotieren lassen.

Liberace war sicherlich ein Ausnahmetalent am Klavier, ein Genussmensch und ein in verschwenderischem Luxus lebender Künstler, ansonsten aber keine sonderlich interessante Persönlichkeit. Zumindest suggeriert der Film dies. Liberace war weder besonders witzig (wie die platten Witzchen während seiner Show beweisen) noch besonders nett oder böse. Er war ein schwuler Musiker in geschmacklosen Klamotten, der es in Las Vegas zu Erfolg gebracht hat, mehr nicht. Und da Soderbergh Liberace in nicht enden wollenden Szenen auf und jenseits der Bühne zeigt, in denen der Künstler belangloses Zeug redet, versucht, witzig zu sein, Sex hat, wieder redet, noch mehr redet und dann noch mal Sex hat, erfährt man kaum etwas über diese angeblich so schillernde Persönlichkeit. Wirklich Interessantes hat Liberace nicht zu sagen und da man weder etwas über seine Vergangenheit und kaum etwas über seine Persönlichkeit erfährt, als das, was optisch sowieso schon offensichtlich ist, hat weder das Gezeigte noch Gesagte große Substanz. Auch Scott Thorson wird kaum nennenswert vorgestellt. In Heimen und bei Pflegeeltern groß geworden, noch nicht wirklich viel erreicht im Leben, bisexuell, stürzt er sich in die Beziehung mit Liberace, den er angeblich heiß und innig liebt. Sie vögeln, Scott nimmt mehr und mehr Drogen und rutscht ab, so lange, bis Liberace sich seiner entledigt, weil Scott ein psychisches Wrack ist.

Man fragt sich, was "Liberace" eigentlich sein soll. Sicherlich, es ist eine Biographie. Aber letztendlich eine kaum interessante, weil es über Liberace einfach nicht viel zu sagen gibt bzw. es Soderbergh einfach nicht gelingt, Liberace als spannende Persönlichkeit vorzustellen. Abseits der optischen Schauwerte bleibt von Liberace nicht viel, der ein recht zurückgezogenes Leben geführt hat und weder durch Skandale noch sonst irgendwie groß aufgefallen wäre, außer durch seinen 15 Meter langen Chinchilla-Pelz. Ein Drama ist der Film nicht, auch wenn es sicherlich traurig ist, dass ein Mann zeitlebens seine sexuelle Gesinnung geheim gehalten hat, um seinen beruflichen Erfolg nicht zu gefährden, um dann letztendlich an der damals noch als "Schwulenseuche" betitelten Krankheit AIDS zu sterben. Die Beziehung zwischen Liberace und Scott hat Höhen und Tiefen, aber nichts davon ist wirklich dramareif. Eine Komödie ist der Film auch nicht, dafür sind Liberaces Witzchen zu platt und auch sonst gibt es keine humorvollen Momente. Ja, was ist der Film dann überhaupt bzw. was will er erreichen? Ich weiß es nicht, ich habe nur gemerkt, dass mich der Film auf emotionaler Ebene überhaupt nicht erreicht hat, weil man einfach kaum Emotionales oder auch nur Interessantes erfährt.

Glücklicherweise kann man dies nicht den Schauspielern anlasten. Michael Douglas geht diese sicherlich nicht ganz einfache Rolle mutig an und überzeugt als schwuler Entertainer vollends. Ihm gelingt das Kunststück, Liberace sowohl als oberflächliche Tucke mit absurd verschwenderischem Lebensstil und pottenhässlichen Klamotten darzustellen, dessen Welt sich nur um ihn selbst dreht als auch als aufmerksamen Liebhaber und Zuhörer, der mehrere Kinder (wohl aber erst im Erwachsenenalter und nachdem sie seine Lover waren) adoptiert hat und sich trotz Prunk und Protz oft einsam fühlt. Matt Damons eher unbewegliche Mimik und sein Alter von 42 Jahren machen ihn nicht zum idealen Kandidaten, um einen 25jährigen, unbedarften Schwulen zu spielen, dennoch meistert er seinen Part recht gut, besonders wenn er zum schizophrenen Drogenabhängigen mutiert. In weiteren Rollen finden sich Rob Lowe, einer der attraktivsten Darsteller der 80er Jahre, der hier wirklich unheimlich aussieht. Mit nach hinten geklebter Gesichtshaut, Zahnprothese und stufenschnittiger Perücke gibt er herrlich überzogen Liberaces Schönheitschirurgen. Auch Dan Aykroyd greift zum Fiffi nebst unförmiger Hornbrille, um Liberaces Manager zu spielen, hat aber leider nur einen sehr kleinen Part.

Nein, es liegt wohl wirklich eher an Soderberghs zwar routinierter, aber hier irgendwie seelenloser Regie und seinem Drehbuchautoren Richard LaGravenese, der immerhin schon das grandiose Script zu "König der Fischer" und auch die zu "Die Brücken am Fluss" und "Der Pferdeflüsterer" geschrieben hat. Entweder war Scott Thorsons Buchvorlage einfach nicht interessant genug oder LaGravenese ist hier schlicht nicht zur üblichen emotionalen Hochform aufgelaufen. Schade ist das teilweise Scheitern des Films in jedem Falle, da die Ausstattung wirklich pompös und faszinierend ist, die Darsteller ausnahmslos gut und man zumindest vermutet hatte, hinter dem Entertainer Liberace würde sich auch eine interessante und vielschichtige Persönlichkeit verbergen. Entweder ist dem nicht so oder Soderbergh hat einfach keinen Weg gefunden, dies gut herauszuarbeiten.

Somit ist "Liberace" eine nur leidlich interessante Künstler-Biographie, die vorrangig durch Optik und nur selten durch ihren Inhalt überzeugt. In 118 Minuten lernt man weder Liberace noch sein Leben besonders gut kennen. Soderbergh inszeniert lediglich eine fragmentarische Abfolge einiger weniger Lebensjahre Liberaces, in denen nicht wirklich viel passiert, außer dass der Entertainer auf der Bühne entertaint und sich selbst im Bett entertainen lässt. Die meisten Dialoge haben weder Brisanz noch Witz noch emotionale Wahrheit, so dass einen "Liberace" bedauerlicherweise ziemlich kalt lässt und man irgendwann zu dem Schluss kommt, dass der Film im Fernsehen vielleicht doch gar nicht so schlecht aufgehoben wäre…deshalb leider nur knappe drei von fünf kitschigen Kostümen, die man auch im Schrank hätte hängen lassen können.


Devil's Knot - Im Schatten der Wahrheit
Devil's Knot - Im Schatten der Wahrheit
DVD ~ Colin Firth
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen The Memphis Three, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Devil's Knot - Im Schatten der Wahrheit (DVD)
(Kinoversion)

Vorabinfo: Da dieser Film auf einem wahren Fall beruht, werde ich mich darauf auch in der Rezension beziehen und somit auch Informationen zum wahren Fall liefern. Hierbei handelt es sich nicht um Spoiler, da der Ausgang der Geschichte durch die Medien bereits bekannt ist und dem Film auch nichts von seiner Spannung nimmt.

Hintergrund: Die so genannten "Memphis Three" waren drei Jugendliche aus West Memphis, Arkansas, die 1994 für den Mord an drei 8jährigen Jungen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Schon während der Verhandlung kamen Zweifel an der Schuld der Teenager auf, die bedauerlicherweise aber nicht dazu geführt haben, die Jungs freizusprechen. Erst nach 17 Jahren wurde die zweifelhafte Beweislage anerkannt und die mittlerweile zu Männern gereiften Kids aus dem Gefängnis entlassen. Es gab zahlreiche Bemühungen, diesen Justizirrtum aufzuklären, berühmte Bands und Schauspieler (u. a. Pearl Jam und Johnny Depp) haben sich für die Memphis Three in Songs und Demonstrationen stark gemacht, konnten aber nicht verhindern, dass drei Unschuldige fast zwei Jahrzehnte für ein Verbrechen gesessen haben, das sie nicht begangen haben. Dieser bewegenden Geschichte hat sich nun, nach diversen bereits veröffentlichten Dokumentationen zum Fall, der kanadische Regisseur Atom Egoyan ("Chloe", "Das süße Jenseits") angenommen und daraus einen bedrückenden 114minütigen Film gemacht.

5. Mai 1993: die Freunde Stevie, Michael und Christopher, jeweils 8 Jahre alt, verschwinden in den Robin Hood Hills, einem kleinen Waldgebiet unweit ihres Wohnortes West Memphis. Eine großangelegte Suchaktion führt einen Tag später zum Fund der drei Kinderleichen. Sie wurden mit ihren eigenen Schnürsenkeln an Armen und Beinen gefesselt, mit Messern verletzt und ertränkt. Aufgrund verschiedener fragwürdiger Zeugenaussagen stehen die Täter schnell fest: drei 16 bis 18 Jahre alte Jugendliche, die sich allein dadurch verdächtig machen, dass sie gerne Heavy Metal Musik hören. Auch sagt man einem von ihnen okkulte Aktivitäten nach, angeblich wollte er in einem satanischen Ritual ein Menschenopfer darbringen. Die Drei werden festgenommen, unter fragwürdigen Umständen verhört und angeklagt. Doch während des Prozesses kommen sowohl der Mutter eines der ermordeten Kinder (Reese Witherspoon, "Das gibt Ärger") als auch einem privaten Ermittler der Verteidigung (Colin Firth, "The King's Speech") Zweifel an der Schuld der Angeklagten. Intensive Ermittlungen zeichnen ein ganz anderes Täterbild, welches aber von Polizei und Staatsanwaltschaft offensichtlich nicht weiter verfolgt oder sogar vertuscht wurde…

Zum Film: Der Fall der Memphis Three zeigt einmal mehr auf erschreckende Weise, welch eklatante Fehler dem (in diesem Fall) amerikanischen Rechtssystem widerfahren können und welches Leid dies über Unschuldige bringen kann. Atom Egoyan zeichnet hier ein erdrückendes und eindringliches Bild davon, was Vorurteile und schlampige Ermittlungen anrichten können. Weil die drei Tatverdächtigen am Rande der Gesellschaft leben, schon einmal straffällig geworden waren, Hard Rock Musik hören und einer von ihnen mit psychischen Problemen zu kämpfen hat und darüber hinaus in schwarzen Klamotten und mit langen schwarzen Haaren herumläuft, sind sie per se schon einmal verdächtig. Lesen sie dann auch noch Stephen King Bücher und interessieren sich angeblich für Satanismus, ist der Stempel schnell fertig, der diesen drei Jungs aufgedrückt wurde. Mit teilweise hanebüchenen Beweisen und jeglicher logischen Grundlage entbehrenden Vorwürfen werden Unschuldige zu Mördern stilisiert und so massiv bedrängt, dass von der Gleichheit aller vor dem Gesetz keine Rede mehr sein kann, und erst recht nicht davon, dass jeder so lange unschuldig ist, bis seine Schuld zweifelsfrei bewiesen ist.

"Devil's Knot" ist gleich auf mehreren Ebenen ein bedrückender Film. Das Leben von drei kleinen Jungs wurde ausgelöscht, ohne dass ein Motiv erkennbar wäre. Natürlich gibt es kein "gutes" Motiv, um Kinder zu töten, aber durch das Fehlen jeglicher Erklärung wird das Ganze umso tragischer. Darüber hinaus leiden die Eltern der kleinen Jungs unendliche Qualen, weil eines ihrer Kinder tot ist. Und schlussendlich wurden hier drei unschuldige Teenager dermaßen vorverurteilt, dass sie fast 20 Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbringen mussten und dafür wohl nie entschädigt werden.

Das kleine Manko dieses beeindruckenden Films ist es, dass es Atom Egoyan nicht immer gelingt, die nötigen Emotionen beim Zuschauer zu wecken. Die kleinen Jungs sind bereits nach wenigen Filmminuten tot, und nur einen, Stevie, lernt man davor kurz kennen. Die Tragik des Kindermordes erschließt sich dem Zuschauer natürlich trotzdem, dennoch wäre es hilfreich gewesen, eine Bindung zu den Opfern knüpfen zu können. Von den leidenden Eltern wird auch nur ein Paar gezeigt, und obwohl Reese Witherspoon und Alessandro Nivola ihrem Schmerz Ausdruck verleihen können, fehlt auch hier ab und an die nötige Eindringlichkeit. Und schlussendlich fällt es bei aller offensichtlichen Ungerechtigkeit schwer, auch mit den vermeintlichen Tätern richtig mitzufühlen, da auch diese von Egoyan nur oberflächlich charakterisiert wurden. Ihre Ungläubigkeit, ihr Entsetzen und ihre Verzweiflung bleiben dem Zuschauer meist verborgen.

Abgesehen von diesem leider nicht ganz unwichtigen Faux Pas ist Egoyan sein Film aber sehr gut gelungen. Gekonnt zeigt er Ermittlungsfehler auf (die Dialoge aus den Original-Polizeiprotokollen wurden 1:1 übernommen) und findet Zeugen, deren Aussagen er gezielt in Zweifel zieht. Besonders in den Gerichtsverhandlungen wird deutlich, wie oft hier das Recht zugunsten des Staates gebogen und falsch eingesetzt wird. Progressive Verhörmethoden, die viel zu schnelle Festlegung auf die Täter und damit einhergehende Vernachlässigung anderer Spuren, verlorengegangene Beweismittel, dogmatische Vorurteile aufgrund von Hörensagen und Bigotterie…die Liste der Verfehlungen auf Staatsseite ist lang.

Dem gegenüber stehen drei Außenseiter, die keinerlei Lobby haben und deren Pflichtverteidiger mit der Komplexität des Falles hoffnungslos überfordert sind. Der Fehler des 16jährigen Jason Baldwin war, dass er gerne Heavy Metal Musik hörte, mit dem 18jährigen Damian Echols befreundet und bereits wegen Ladendiebstahl und Vandalismus vorbestraft war. Damian Echols konnte auf eine Reihe von psychiatrischen Klinikaufenthalten zurückblicken, war ebenfalls wegen Vandalismus und Ladendiebstahl vorbestraft und kam aus einer armen Familie. Der 17jährige Jessie Misskelley, der einen IQ von lediglich 72 hatte und somit kaum in der Lage war, die Fragen der Polizei zu verstehen, geschweige denn, sie richtig zu beantworten, war bekannt für sein aufbrausendes Temperament und seine Vorliebe für Schlägereien. Fügt man diesen Vorgeschichten noch eine Reihe falscher Zeugenaussagen und einseitiger Ermittlungen hinzu, erscheint es fast schon logisch, dass Jessie, Jason und Damian verurteilt wurden.

"Devil's Knot" ist ein trauriger, aber wichtiger Film. Hier kann man sogar sagen, dass das nachhaltige Medien- und Öffentlichkeitsinteresse an dem Fall teilweise dazu beigetragen hat, den Fokus endlich auf auch andere Verdächtige zu lenken. SPOILER ANFANG: Schon damals keimte bei Pamela Hobbs, Stevies Mutter, irgendwann der Verdacht auf, dass ihr Ehemann, Stevies Stiefvater Terry Hobbs, etwas mit den Morden zu tun hatte. Diese Vermutung erhärtete sich, als zwischen den verknoteten Schnürsenkeln an den Leichen Haare von Terry Hobbs gefunden wurden. Da aber erst Jahre später eine Vergleichsprobe von Hobbs' Haaren genommen wurde und dieser Verdacht trotzdem nicht ausreichte, um Hobbs vor Gericht zu stellen, ist dieser immer noch auf freiem Fuß. Selbst FBI-Profiler-Legende John Douglas vermutet hier erstens einen Einzeltäter, zweitens einen erwachsenen männlichen Täter und drittens aller Wahrscheinlichkeit nach Terry Hobbs als Mörder. Hier scheint dann allerdings angewendet zu werden, was den Memphis Three versagt blieb: gleiches Recht für alle. SPOILER ENDE.

Die Schauspieler: Darstellerisch ist "Devil's Knot" ebenfalls beeindruckend. Reese Witherspoon als gequälte Mutter beeindruckt mit Mut zur Hässlichkeit. Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schwangere Schauspielerin versteckt ihre Extrapfunde unter weiten Schlabberklamotten oder hässlichen Kleidern und hat sich darüber hinaus einen entsetzlichen Stufenschnitt zugelegt. Der im Film vorherrschende Südstaaten-Slang dürfte für die in New Orleans Geborene kein Problem gewesen sein. Ihr Schmerz, ihre Wut und ihre Trauer wirken authentisch und realistisch. Bei Colin Firth, dem geborenen Engländer, klingt der Südstaaten-Singsang gleich beeindruckender, Firth hat sich hier wirklich erfolgreich Mühe gegeben, wie ein waschechter Südstaatler zu klingen. James Hamrick (Damian), Kristopher Higgins (Jessie) und Seth Meriweather (Jason) sind zwar weder besonders bekannt noch besonders schauspielerfahren, geben hier aber überzeugende Vorstellungen der drei zu unrecht Verurteilten ab.

Nachklapp: Nach dem die Memphis Three 2011 aus der Haft entlassen wurden, haben sie ihr Leben unterschiedlich gestaltet. Jessie Misskelley hat sich mit seiner Jugendliebe verlobt und macht eine Ausbildung zum Automechaniker. Jason Baldwin arbeitet auf dem Bau und wollte gerne Autofahren lernen. Damian Echols, der als einziger der Drei zum Tode verurteilt wurde, hat ein Buch über seine schwere Zeit im und nach dem Gefängnis geschrieben ("Mein Leben nach der Todeszelle") und ist verheiratet. Er träumt davon, weiter schriftstellerisch und auch künstlerisch tätig zu sein.

Fazit: Alles in allem ist "Devil's Knot" ein guter Film. Lediglich den leider so wichtigen emotionalen Part vernachlässigt Egoyan sowohl bei den Opfern als auch den vermeintlichen Tätern. Auch hätte man gerne noch mehr über sie erfahren, sowohl die Jungs als auch die Teenager werden nur kurz gezeigt bzw. grob skizziert. Ansonsten ist der Film recht spannend, auch wenn viel (Dreh)Zeit im Gerichtssaal verbracht wurde. In der Originalversion kommt der Film darüber hinaus in einem fast gesungenen Arkansas-Akzent daher, der den Film noch authentischer wirken lässt. Ein wichtiger, aber nicht auf allen Ebenen ausreichend intensiver Film, der das Ansehen dennoch lohnt. Sehr gute drei von fünf Vorurteilen, die man einmal gründlich überdenken sollte.


Only Lovers Left Alive
Only Lovers Left Alive
DVD ~ Tom Hiddleston
Wird angeboten von the-dvd-house
Preis: EUR 12,11

3.0 von 5 Sternen Vampire Love, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Only Lovers Left Alive (DVD)
(Kinoversion)

Nach vier Jahren Pause ist Independent-Regie-Ikone Jim Jarmusch zurück. Nach seinem letzten Film, "Limits of Control" von 2009, wendet er sich nun dem Vampir-Genre zu und inszeniert ein Arthouse-Kunststück, das mit der unsäglichen "Twilight"-Saga ungefähr soviel gemein hat wie ein Mettigel mit Kaviar. Glücklicherweise, wohlgemerkt. Und wen Besseres als die unvergleichliche Tilda Swinton könnte er wohl als jahrhundertealte Vampirella mit Grandezza finden, um einen schönen Gegenentwurf zu Kristen Stewart zu kreieren? Genau. Als Arthouse-Kunstfilm mag "Only Lovers left alive" denn auch funktionieren, als interessanter oder gar spannender Genrebeitrag eher nicht. Denn letztendlich filmt Jim Jarmusch ("Broken Flowers", "Coffee and Cigarettes", "Ghost Dog", "Night on Earth") 123 Minuten lang zwei Vampire in ihrem düsteren Alltagsleben, nicht mehr und nicht weniger. Das ist schön anzusehen, bietet inhaltlich aber recht wenig. Aber Jarmusch ist ja dafür bekannt, sich gängigen Genrekonventionen gern zu widersetzen und am Mainstreamgeschmack vorbei zu inszenieren. Kein Problem, wenn man sowas mag, ein Problem, wenn man hier auf spannende, kurzweilige und vor allem blutige Vampiraction gehofft hatte. Aber wer würde das schon bei einem Jim-Jarmusch-Film? Eben.

Adam (Tom Hiddleston, "Thor") und Eve (!) (Tilda Swinton "We need to talk about Kevin") sind bereits seit mehreren Jahrhunderten verheiratet. Die beiden Vampire, in deren Augen Menschen Zombies sind, leben im exotischen Tanger (sie) und im heruntergekommenen Detroit (er). Da Adam ob des schlechten Zustandes der Welt zunehmend depressiver wird, sieht Eve sich veranlasst, ihrem untoten Ehemann einen aufmunternden Besuch abzustatten. Zusammen streifen sie durchs nächtliche, heruntergekommene Detroit oder hören die Undergroundmusik, die Adam komponiert hat. Als allerdings Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska, "Stoker") auftaucht, gerät das meditative Dasein des untoten Ehepaars ganz schön durcheinander…

"Only Lovers left alive" ist ein ruhiger und sehr kunstvoll arrangierter Film. Hier passiert wirklich nicht viel, aber das, was passiert, ist in sehr schöne, arthouseähnliche Bilder getaucht. Eves nächtliche Streifzüge durch Tanger, Adams vollgestopfte und heruntergekommene Rumpelbutze am Rande der Stadt, ihre spärlichen Kontakte zu den "Zombies", all dies ist so düster wie schön anzusehen. Untermalt mit Soulmusik der 60er oder harten Rockklängen entwirft Jim Jarmusch ein Bild der Untoten, wie man es so noch nicht gesehen hat. Sie leben äußerst zurückgezogen und gehen auch nicht mehr auf die Jagd, da das menschliche Blut im 21. Jahrhundert für sie viel zu gefährlich ist; kontaminiert durch Drogen, Krankheiten, Alkohol und Ähnliches. Sie sind vollends umgestiegen auf qualitativ hochwertige Blutkonserven, die sie sich in Krankenhäusern besorgen oder von zwielichtigen Ärzten beschaffen lassen.

Adam ist über die Jahrhunderte immer mal wieder depressiv und des untoten Lebens überdrüssig geworden, weshalb er sich auch von seinem Mann für Alles, Ian, (Anton Yelchin, "Fright Night") vorsichtshalber eine Revolverkugel aus Holz besorgen lässt, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Bevor dies jedoch geschehen kann, eilt Ehefrau Eve zu ihm und versucht, ihn vom Sinn des Weiterlebens zu überzeugen. Tagsüber wird geschlafen, abends geredet, Schach gespielt, Musik gehört oder getanzt. Das einzigartige und von echter Liebe geprägte Band, das Adam und Eve verbindet, ist stärker als die Todessehnsucht, dennoch bleibt der tägliche Kampf um die Nahrung, auch, wenn dieser nicht mehr direkt am Menschen ausgetragen wird.

Eve kann den gelebten Jahrhunderten viel Schönes abgewinnen und sitzt in Tanger oft mit ihrem Vampirfreund Christopher Marlowe (!) (John Hurt, "Krieg der Götter") zusammen und erinnert sich an alte Zeiten. Wie Adam einst etwas komponierte, das Mozart dann als sein Stück herausgab, wie Marlowe Sachen schrieb, die dann Shakespeare unter seinem Namen veröffentlicht hat usw. usf. Als Eve dann jedoch in Detroit ist, um ihrem Liebsten seelische Unterstützung zuteil werden zu lassen, taucht ihre flegelhafte Schwester Ava plötzlich auf. Das nervtötende Ding säuft die Blutvorräte leer, macht die Clubs unsicher und sich dann auch noch an Ian heran, was erwartungsgemäß im Chaos endet.

Das ist das Wenige, was in "Only Lovers left alive" passiert. Für 123 Minuten ist das etwas wenig. Vor allem vermisst man den jarmuschtypischen Humor. Dieser taucht zwar in einigen Dialogen durchaus auf, aber leider viel zu selten, so dass der Film irgendwann doch ein wenig langweilig wird. Jarmusch beschränkt sich auf kunstvoll arrangierte Schauwerte und Kulissen, bietet inhaltlich aber wenig.

Dagegen können auch Ausnahmedarstellerin Tilda Swinton und der ebenfalls wunderbar agierende Tom Hiddleston nichts ausrichten. Swinton, wie immer von anämischer Schönheit, bewegt sich mit verträumter Gelassenheit und wallenden Gewändern durch die bunt zusammengewürfelten Kulissen, die Schätze aus mehreren Jahrhunderten bergen. Ihre immer noch vorhandene Lebensfreude als Eve wird eher in kleinen Gesten oder einem halben Lächeln sichtbar denn durch große, laute Bewegungen. Auch Hiddleston spielt seinen Adam mit künstlerischem Minimalismus, der ihm aber ausgesprochen gut zu Gesicht steht. Mit tiefer Stimme und dem Weltschmerz in den Augen wandelt er durch die Räume seiner verwinkelten Behausung am Rande einer langsam dahinsiechenden Stadt, der es ähnlich geht wie im selbst. Sein trockener Sarkasmus bricht sich zwar selten, dann aber sehr treffend Bahn. In den Nebenrollen überzeugen ein schlauer John Hurt als Dichter Marlowe, ein herrlich unbeholfener Anton Yelchin als Ian und eine schlampige, bluthungrige Version von Pippi Langstrumpf, Mia Wasikowska als Ava.

Wunderbarer Cast, abgefahrene Musik, verspielte, abgewrackte, beeindruckende Kulissen, eine künstlerisch angehauchte Inszenierung…nur leider etwas wenig Inhalt und zu wenig jarmuschtypischer Humor. Wenn Adam Eve vorschlägt, doch mal wieder einen Menschen direkt auszusaugen und diese darauf resigniert antwortet "Das ist so 15. Jahrhundert", wünscht man sich einfach mehr solcher Sätze. Ein bisschen mehr hätte es schon sein dürfen, als zwei Vampiren dabei zuzusehen, wie sie versuchen, in der heutigen Welt zu überleben, dabei aber fast immer nur unter sich bleiben. Dennoch, wer die Filme von Jim Jarmusch kennt und mag, wird mit seinen speziellen Inszenierungen vertraut sein und so auch "Only Lovers left alive" etwas abgewinnen können. Doch selbst für Jarmusch-Fans ist das diesmal etwas wenig. Wer auf einen blutigen und vor allem spannenden Vampirfilm gehofft hat oder beim Namen Jim Jarmusch nur ratlos die Stirn in Falten legt, sollte sich "Only Lovers left alive" auf keinen Fall ansehen. Für mich durchschnittliche drei von fünf Blutkonserven, die man leider auch nicht immer bedenkenlos konsumieren kann.


Inside Llewyn Davis
Inside Llewyn Davis
DVD ~ Oscar Isaac
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Ulysses, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Inside Llewyn Davis (DVD)
(Kinoversion)

Da sind sie wieder, die Coen-Brüder. Und wie üblich mal wieder für eine Überraschung gut. Nach nicht gerade gelungenen Ausflügen ins Western- ("True Grit") und Komödiengenre ("Ladykillers"), machen die Coens nun wieder das, was sie am besten können: melancholische, hintersinnige Komödien inszenieren, die vor skurrilen Charakteren strotzen und durch verrückte Dialoge begeistern. Zudem ist "Inside Llewyn Davis" eine musikalische Hommage an die Folkmusic der 60er Jahre, die entscheidend von Bob Dylan geprägt wurde. Eine Reminiszenz an Dylan findet sich dann auch in der Schlussszene des Films. Die vielen Songs, die im Film zum Besten gegeben werden, erinnern oft an die musikalischen Glanzleistungen des Coen-Films "O Brother where art thou?", aber auch an die Musik von Mumford & Sons, was kein Wunder ist, fungiert Marcus Mumford doch hier als Associate Music Producer. Und schlussendlich spielt auch ein Kater bei Llewyn Davis' musikalischer Ulysses (Odyssee) eine nicht unerhebliche Rolle. Folkmusic, Katzen, Selbstfindung, so könnte man das neueste Werk der Coen-Brüder auch zusammenfassen.

Llewyn Davis (Oscar Isaac, "Revenge for Jolly!") versucht sich nach dem Tod seines musikalischen Partners als Solist, konnte bisher aber keine nennenswerten Erfolge aufweisen. Im New York des Jahres 1961 gelangt die auch von Llewyn präferierte Folkmusic gerade in die Gehörgänge der breiten Masse, dennoch war Llewyn bislang kein Durchbruch beschert. Er tritt vornehmlich im Gaslight, dem Club von Pappi Corsicato (Max Casella, "Killing them Softly") auf und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Da er keine eigene Wohnung hat, schläft er abwechselnd bei verschiedenen Freunden, unter anderem bei Jean (Carey Mulligan, "Der große Gatsby") und ihrem Mann Jim (Justin Timberlake, "In Time"), die musikalisch weit erfolgreicher sind als er. Da Llewyn sich von seinem Agenten Mel unzureichend vertreten fühlt, macht er sich auf nach Chicago, um dort Plattenboss Bud Grossman (F. Murray Abraham, "Amadeus") von sich zu überzeugen. Kein leichter Weg, vor allem nicht, wenn man mit arroganten Jazzmusikern (John Goodman, "Argo") und verkappten Dichtern (Garrett Hedlund, "Tron: Legacy") im Auto sitzt. Wird es Llewyn noch gelingen, sich als Solokünstler durchzusetzen oder muss er seine musikalischen Träume aufgeben?

"Inside Llewyn Davis" ist ein wunderbares Portrait der Zeit, in der die Folkmusic ihren Siegeszug um die Beliebtheit beim amerikanischen Volk begann. Darüber hinaus entwerfen die Coen-Brüder ein authentisches Bild New Yorks in den 60er Jahren. Ihr Protagonist Llewyn Davis, die verkrachte Existenz, fungiert dabei als verschrobene Projektionsfläche einer Zeit, die im Umbruch ist und deren Werte sich neu definieren.

Die Musik steht hier eindeutig im Vordergrund, was zugleich für ein kleines Manko des Films sorgt. Sofern man nicht inbrünstiger Folkmusic-Fan ist, könnte es einem ab und an etwas zuviel werden mit den dargebotenen Songs. Vor allem, weil die Coen-Brüder sich entschieden haben, jeden Song, der vorgetragen wird, voll auszuspielen, wo ab und ein eine Strophe samt Chorus gereicht hätte. Außerdem ist die Handlung interessant genug, so dass man eigentlich lieber noch mehr von den Protagonisten erfahren hätte als nur immer wieder ihren Songs zu lauschen. Dennoch beherrschen die Coens die Kunst, aus vermeintlich wenig Inhalt ganze, wunderbare Filme zu komponieren. Wir haben nur teil an einer einzigen Woche in Llewyn Davis' Leben und doch füllen die Coen-Brüder damit 105 Filmminuten. Sie begleiten Llewyn Davis bei seiner Suche nach der nächsten Übernachtungsmöglichkeit, ins Gaslight, zu seinem Agenten, zu seinen Freunden und auf seinem Trip nach Chicago. Sie lassen ihn immer wieder scheitern und immer wieder aufstehen und beleuchten gekonnt seine schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dabei kreuzt auch immer wieder ein getigerter Kater Llewys Weg, im wahrsten Sinne ein kleiner Running Gag des Films. Und auch sonst trifft Llewyn viele Menschen, mit denen er nur gemein hat, dass er mit ihrem Umgang überfordert ist. Ob das nun die ständig fluchende Jean ist, die er vielleicht geschwängert hat, sein Freund und Jeans Mann Jim, der mit albernen Liedchen große Erfolge feiert, ein drogenabhängiger Jazzmusiker oder ein schweigsamer, Kette rauchender Songwriter mit äußerst merkwürdigen lyrischen Anwandlungen. Ihnen allen begegnet der misanthropische Llewyn mit einer Mischung aus Gleichgültig- oder Ungläubigkeit. Er ist desillusioniert, will aber dennoch seinen Traum von Durchbruch als Musiker (noch) nicht aufgeben. Verarmt, aber stur geht er seinen Weg als Solokünstler, obwohl er schon selbst nicht mehr an seinen Erfolg glaubt.

Die Coen-Brüder haben wie immer einen großartigen Cast für ihren Film gewinnen können. Oscar Isaac überzeugt sowohl als Folksänger als auch als wortkarger, mürrischer Einzelgänger, der immer wieder dieselben Fehler macht. Carey Mulligan gibt hier eine herrlich rotzige, ständig schimpfende Sängerin, die einfach nicht treu sein kann. Justin Timberlake überzeugt als naiver, talentierter Folksänger mit Bart und Wollpulli und John Goodman liefert eine grandiose Vorstellung als scharfzüngiger Jazzmusiker mit Drogenproblem ab. Mit den ebenfalls von den Coen-Brüdern geschriebenem Script sind diese hervorragenden Darstellerleistungen aber auch kein Wunder, da sich hier einzigartige Dialoge finden, bei denen nahezu jeder Satz punktgenau trifft.

Dieses überaus musikalische Drama läuft zwar nicht ganz zur biglebowskihaften Genialität auf, dafür steht das Thema Musik zu sehr im Vordergrund, weiß aber dennoch durch den typischen coenschen Humor zu überzeugen. Ein ruhiger, langsamer Film mit immer wieder berührenden oder komischen Momenten, auf den man sich einlassen muss, der einen aber dann mit wunderbarer Skurrilität und einer wirklich putzigen Katze belohnt. Deshalb gerne vier von fünf Folksongs, die oft das wahre Leben widerspiegeln.


Short Term 12 - Stille Helden [Blu-ray]
Short Term 12 - Stille Helden [Blu-ray]
DVD ~ John Jr. Gallagher
Preis: EUR 15,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Borderline, 4. Oktober 2014
(Kinoversion)

Der auf Maui geborene Regisseur Destin Cretton hat mit "Short Term 12" seinen eigenen Kurzfilm von 2008 erneut verfilmt, diesmal in einer Länge von 96 Minuten. Cretton verarbeitet hier seine Erfahrungen, die er einst selbst in einer Auffangstation für verhaltensauffällige Jugendliche gemacht hat. Man kann vermuten, dass in der Rolle des neuen Mitarbeiters in der Sozialstation, Nate (Rami Malek, "24"), Einiges von Cretton steckt, da dieser sich in einer wohl ähnlichen Situation befindet wie Destin Cretton damals. Cretton beschreibt das Leben in dieser psychologischen Einrichtung, in die Jugendliche gebracht werden, bis das Jugendamt entschieden hat, was mit ihnen weiter geschehen soll. Sozialarbeiter kümmern sich um die Teenager, dürfen aber nur auf sie "aufpassen", für die Therapie sind Psychologen zuständig. "Short Term 12" ist ein intensiv gespieltes Drama, in dem auch humorvolle Momente nicht zu kurz kommen. Bis auf ein paar kleine Ungereimtheiten ist Destin Cretton ein wunderbarer Independent-Film gelungen, der sowohl überzeugt als auch berührt.

Grace (Brie Larson, "21 Jump Street") arbeitet zusammen mit ihrem Freund Mason (John Gallagher Jr., "Whatever Works") in der Auffangstation für verhaltensauffällige Jugendliche, Short Term 12. Ihr Alltag ist hart, sind sie doch täglich mit dem Leid konfrontiert, das Vernachlässigung und Misshandlung bei ihren jungendlichen Patienten angerichtet haben. Doch sie versuchen, ihrem Job immer wieder auch positive Aspekte abzugewinnen, und besonders Mason bemüht sich auch um eine humorvolle Herangehensweise an den an sich schweren Job. Doch auch sein Privatleben mit Grace ist nicht immer einfach. Es gibt etwas in Graces Vergangenheit, über das sie partout nicht sprechen will, das ihr aber offenbar immer noch schwer zu schaffen macht, was negative Auswirkungen auf ihre Beziehung mit Mason hat. Als eine neue Patientin, Jayden (Kaitlyn Dever, "Bad Teacher"), ins Short Term 12 kommt, findet Grace schnell einen Draht zu ihr. Das zur Gewalttätigkeit neigende Mädchen weckt alte Erinnerungen in Grace, mit denen sie sich nun wohl doch auseinandersetzen muss…

"Short Term 12" hat immer mal wieder fast dokumentarischen Charakter. Destin Cretton gelingt es hervorragend, seinen Film so realistisch und authentisch zu inszenieren, dass man sich sehr gut in die Lage der Protagonisten hineinversetzen kann. Er beschreibt die Zustände im Short Term 12, wirft einen emotionalen und auch humorvollen Blick auf die Patienten und die Sozialarbeiter und gewährt tiefe Einblicke in geschundene Kinderseelen, die auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, mit ihrer Situation fertig zu werden. Der Fokus des Films liegt allerdings auf Jayden und Grace, so dass man es fast ein wenig bedauert, nicht noch mehr über die anderen Patienten erfahren zu können, da sich auch hinter ihrer rauen Fassade bewegende Geschichten verbergen.

"Short Term 12" wird in vorrangig ruhigen Bildern erzählt, die aber immer wieder von emotionalen und physischen Ausrastern durchbrochen werden. Entweder knallt mal wieder einer der Jugendlichen durch oder Grace rastet aus bzw. zieht sich in sich zurück, weil sie vollkommen überfordert ist. Hier findet sich dann auch die einzige kleine Ungereimtheit des Films. Es erscheint etwas merkwürdig, dass ausgerechnet eine Frau mit so immensen psychischen Problemen in genau diesem Job arbeitet. Dass sie, weil ihr selbst Schlimmes widerfahren ist, anderen helfen will, mag noch nachvollziehbar sein. Aber dass sie alle Einstellungskriterien für so einen Job erfüllt haben soll, scheint mir dann doch ein wenig unglaubwürdig.

Ansonsten aber überzeugt "Short Term 12". Auch die Darsteller, alle fernseh- und filmerfahren, machen ihre Sache sehr gut. Besonders Brie Larson als Grace, die es einem nicht immer einfach macht, sie zu mögen. Blass, überwiegend grausamer Klamottengeschmack, unzugänglich, traumatisiert. Ihr eigenes Leid ist gut versteckt hinter der Fassade der Sprachunwilligkeit gegenüber Mason, der daran fast verzweifelt. Man hat Verständnis für Grace, ist aber auch manchmal wütend auf sie. Brie Larson gelingt die Darstellung dieses ambivalenten Charakters sehr überzeugend. Aber auch John Gallagher Jr. als eigentlich fröhlicher und witziger Mason kann punkten. Denn seine Fassade ist lockerer Humor, hinter dem er versteckt, wie sehr er manchmal unter Graces Verhaltensweisen leidet. Kaitlyn Dever als Jayden nimmt man den traumatisierten Teenager ebenfalls jederzeit ab. Aber auch die Nebenrollen, z. B. Keith Stanfield als Marcus, berühren. Stanfield hat schon in Crettons Kurzfilmversion von "Short Term 12" mitgespielt und Cretton hat ihn zu Recht auch für seinen Langfilm engagiert.

Destin Cretton hat mit "Short Term 12" einen authentischen, berührenden und sehr wahren Film geschaffen, der in vielen Teilen auf seinen eigenen Erfahrungen beruht. Er deckt soziale Missstände auf, ohne vorwurfsvoll den moralischen Zeigefinger zu heben und gewährt emotionale Einblicke in verletzte Kinderseelen. Besonders viel Raum jedoch nehmen Begriffe wie Mut und Hoffnung in Crettons Film ein. Und er zeigt, wie viel es bewirken kann, wenn Menschen an das glauben, was sie tun und unermüdlich für eine bessere (Kinder)Welt kämpfen. "Short Term 12" ist ein wichtiger und ein schöner Film, trotz schwieriger Thematik. Und da Cretton hier zu gleichen Teilen Tragik und Humor in die Waagschale wirft, entsteht ein sehr beeindruckender und herziger Film, den man einfach mögen muss. Deshalb gerne sehr gute vier von fünf Hilferufen, die nicht ungehört verhallen.


Borgman [DVD] [Region 2] (IMPORT) (Keine deutsche Version)
Borgman [DVD] [Region 2] (IMPORT) (Keine deutsche Version)
DVD ~ Jan Bijvoet
Wird angeboten von Empor
Preis: EUR 13,19

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Böser Penner, 4. Oktober 2014
(Kinoversion)

Wenn ein Film für den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert wurde, hat man natürlich eine gewisse Erwartungshaltung. Und da ich den niederländischen Regisseur Alex van Warmerdam bereits von seinem Film "Die letzten Tage der Emma Blank" kenne, der mir recht gut gefallen hat, war ich gespannt, was er sich vier Jahre später mit "Borgman" hat einfallen lassen.

Camiel Borgman (Jan Bijvoet, "The Broken Circle") wird aus seinem unterirdischen Unterschlupf im Wald verjagt und begibt sich zum luxuriösen Anwesen vom Ehepaar Marina (Hadewych Minis, "Two Eyes Staring") und Richard (Jeroen Perceval, "Bullhead"). Da seine Bitte um ein Bad von Richard aber erst abschlägig behandelt und dann schlagkräftig abgelehnt wird, bleibt Borgman verletzt auf dem Rasen liegen. Marina fühlt sich schuldig und bringt Borgman deshalb heimlich im Gartenhäuschen unter. Doch je länger Borgman bleibt, umso seltsamer wird erst Marinas Verhalten und dann auch das ihrer drei Kinder und der Nanny. Borgman treibt ein perfides Spiel mit der Familie, dessen Ziel er mithilfe seiner Freunde Pascal (Tom Dewispelaere) und Ludwig (Alex van Warmerdam, "Die letzten Tage der Emma Blank") Zug um Zug in die Tat umsetzt. Wird Richard noch rechtzeitig bemerken, was bei ihm zu Hause los ist oder wird Borgman sein Spiel gewinnen?

Alex van Warmerdam nimmt sich satte 113 Minuten Zeit, seine seltsame Geschichte zu erzählen. Im Verlauf dieser Zeit fragt man sich immer öfter, was van Warmerdam wohl beim Schreiben des Drehbuches im Sinn gehabt haben mag, denn wirklich zu erkennen ist dies im fertigen Film nicht. Die Erwartungshaltung, dass Borgman die Familie infiltriert, gegeneinander ausspielt, ja, vielleicht sogar zerstören will, wird nur sehr marginal befriedigt. Vor allem aber bleibt van Warmerdam eine Antwort schuldig. Die nach dem Motiv. Bis zum völlig unbefriedigenden und vor allem offenen Ende wird nicht ersichtlich, warum Borgman tut, was er tut. Er schlägt daraus keinen materiellen Nutzen und auch sonst bleibt völlig unklar, was ihn antreibt. Ein paar warme Mahlzeiten und die Unterbringung in einer kleinen Gartenhütte sind wohl kaum Motivation genug, Borgman so nachhaltig böse und gemein agieren zu lassen.

Zwar liefert van Warmerdam zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten für seinen Film, aber keine davon ist auch nur im Ansatz befriedigend. Wie man es auch dreht und wendet, der ganze Film macht eigentlich keinen Sinn und liefert keine Erklärung für die äußerst brutale und skrupellose Vorgehensweise, die Borgman hier an den Tag legt. Hat er sich Marina und Richard zufällig ausgesucht oder gezielt? Warum lebt er unter primitivsten Bedingungen in einer unterirdischen Höhle im Wald, verfügt aber über ein Handy, mit dem er sich mit seinen nicht minder bösartigen Kollegen verbindet? Wovon lebt er? Er will weder Geld noch andere materielle Dinge von Marina und Richard noch geht er einer geregelten Arbeit nach. Warum ist er so versessen darauf, die Familie zu isolieren, wofür er äußerst brutale Mittel anwendet? Was hat es mit den seltsamen Narben auf sich, die er und seine Kumpel auf dem Rücken haben und warum tauchen diese auch nach und nach bei Marina und ihren Kindern auf?

"Borgman" wirft Dutzende Fragen auf, beantwortet aber keine einzige davon. Alex van Warmerdam überlässt es einzig und allein dem Zuschauer, Antworten zu finden, wobei dieser ob der äußerst nebulösen Inszenierung jedoch kaum eine Chance hat.
Der Film schreitet zwar stringent, aber sehr gemächlich voran, ab und an driftet er ab in äußerst brutale Traumsequenzen, die so gar nicht zum Grundton des Films passen wollen. Diametral zu Borgmans immer konsequenter werdender Vorgehensweise steigt der Verdruss des Zuschauers, einfach, weil partout nicht ersichtlich wird, was das alles eigentlich soll. Auch wird nicht klar, wie Borgman und seine Spießgesellen ihre Opfer "umpolen", geschweige denn, warum sie das überhaupt tun. Was ist hier los? Eine Sekte? Aliens? Psychopathen? Verhaltensforscher? Völlig durchgeknallte Irre, die aus Spaß an der Freud andere quälen? Fragen über Fragen, die "Borgman" nicht beantwortet.

So wird denn das anfängliche Interesse am Film und seinen Figuren schnell zu Frustration, weil man sich einfach keinen Reim auf das Ganze machen kann. Die letzte Hoffnung des Zuschauers, dass sich am Ende eine Erklärung für all das seltsame Verhalten finden lässt, zerstört van Warmerdam ebenso gnadenlos, wie er seinen Borgman auf unschuldige Leute loslässt. Der Film endet so abrupt wie er angefangen hat und lässt den Zuschauer ratlos und auch ein Stück weit verärgert zurück, da er bis zum Abspann mysteriös bleibt, kein Motiv liefert und nichts erklärt. Denn das, was Borgman & Co. am Ende erreicht haben, hätten sie auch ohne soviel Aufwand und Gewaltanwendung erreichen können, was ihr ganzes Vorgehen noch sinnloser erscheinen lässt.

Darstellerisch ist "Borgman" wenigstens nichts vorzuwerfen. Alle Darsteller, die in den Niederlanden ausreichend bekannt sein dürften, liefern punktgenau und überzeugend ab, und das, obwohl das Handeln ihrer Charaktere undurchsichtig und schwer nachvollziehbar bleibt.

Wer Spaß am Rätseln und Interpretieren hat, für den könnte "Borgman" durchaus etwas sein. Es gab durchaus positive Stimmen zum Film, als ich aus dem Kino kam. Auch Menschen, die nicht gern nach Erklärungen suchen und damit zufrieden sind, dass manche Menschen eben einfach böse sind, nur so, ohne erkennbares Motiv, könnte "Borgman" gefallen. Wer jedoch auf einen spannenden, psychologisch interessanten und hintergründigen Film gehofft hatte, der zumindest am Ende mal mit einer Antwort auf die zahlreichen Fragen, die er aufwirft, daherkommt, der wird enttäuscht. "Borgman" war für mich absolut unzugängliches Pseudo-Arthouse-Kino, das nur so tut, als wäre es furchtbar intelligent. In Wahrheit und meinem subjektiven Empfinden nach hat Alex van Warmerdam hier eine an sich interessante Grundidee grandios in den Sand gesetzt, mit unsinnigen Szenen vollgestopft, pseudo-skurril inszeniert und sich letztendlich total verhoben. Zum Glück sind die Geschmäcker ja verschieden, so dass "Borgman" sicher sein Publikum finden wird. Ich hingegen kann für diesen vermurksten Psycho-Schwachsinn mit Kunstanspruch keine Empfehlung aussprechen. Ergo nur einen von fünf Pennern, die, warum auch immer, nichts Gutes im Schilde führen.


You're Next
You're Next
DVD ~ Sharni Vinson
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Don't you mess with Erin!, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: You're Next (DVD)
Don't you mess with Erin!
(Kinoversion)

Eigentlich mag ich Regisseur Adam Wingard nicht. Mit seinem 2011er Fantasy Filmfest-Beitrag "A horrible Way to die" hat er mich nachhaltig gegen sich eingenommen, was sich durch seinen Beitrag zum letztjährigen "V/H/S" noch einmal bestätigt hat. Furchtbare Filmchen, langweilig, schlecht inszeniert, stümperhaft. Aber…ich bin ja immer bereit, selbst dem schlechtesten Regisseur noch eine (oder sogar mehrere) Chancen zu geben. Wingards Beitrag zu "The ABCs of Death" hat mir gut gefallen, witzig, kreativ, kurzweilig. Somit war ich also schon latent milde gestimmt, als sich herausstellte, dass Wingard den diesjährigen Abschlussfilm des Fantasy Fimfestes liefern würde. Und ich bin gerne bereit, meine Meinung über diesen Mann zu revidieren: "You're Next" beeindruckt zwar nicht gerade durch eine ausgeklügelte Story, geht dafür aber so perfide und konsequent brutal zu Werke, dass es eine wahre Freude ist. In blutigen 96 Minuten zeigt Wingard sowohl, wie man einen richtig schönen Slasher hinlegt als auch, dass Hauptdarstellerin Sharni Vinson eines der besten Final Girls der Filmgeschichte ist. Wenn Wingard dieses Niveau halten kann, dürfen wir von diesem Mann noch Einiges (Gutes) erwarten.

Paul und Aubrey Davison haben ihre vier Kinder samt Anhang zu Feier ihres 35. Hochzeitstages ins ländliche Anwesen eingeladen. Und trotz einiger geschwisterlicher Animositäten läuft die Kinderschar gesammelt auf. Drake (Joe Swanberg, "V/H/S") kommt mit seiner Frau Kelly (Margaret Laney), Felix (Nicholas Tucci, "Choose") mit der seltsamen Zee ("11-11-11 - Das Tor zur Hölle"), Tochter Aimee (Amy Seimetz, "Autoerotic") bringt ihren neuen Freund und Filmemacher (!) Tariq (Horrorregisseur Ti West) mit und Moppelchen Crispian (AJ Bowen, "A horrible Way to die") läuft mit seiner ehemaligen Studentin Erin (Sharni Vinson, "Bait 3D - Haie im Supermarkt") auf. Doch kaum haben die Brüder sich ein bisschen gekappelt und Vati das Tischgebet gesprochen, geht der Terror los. Pfeile fliegen durchs Wohnzimmer und treffen Drake schmerzhaft in den Rücken. Macheten, Messer, Äxte, Drahtseile und Ähnliches kommen nun schnell und effektiv zum Einsatz, während der 10köpfige Familienclan rapide dezimiert wird. Aber was ist hier eigentlich los? Drei mit Tiermasken getarnte Irre machen von innen und außen Jagd auf die Familie und kennen dabei keine Gnade. Doch dummerweise haben sie die Rechnung ohne Erin gemacht, die im Angesicht der Gefahr zur äußerst widerspenstigen und effektiven Amazone mutiert, die den Unbekannten mehr als einmal schmerzlich zu verstehen gibt, wo hier der Hammer hängt. Ein ungleicher, äußerst blutiger und vor allem tödlicher Kampf beginnt, bei dem (noch) kein Sieger auszumachen ist…

Regisseur Wingard fackelt hier gar nicht lange rum und beschert und die ersten zwei Toten schon nach wenigen Filmminuten. Dann folgt eine oberflächliche (und somit völlig ausreichende) Einführung der 10 Opferlämmer, von denen dann auch schon bald das erste blutend und röchelnd am Boden liegt. Von da an geht es in relativ hohem Tempo weiter mit dem 10-kleine-Negerlein-Prinzip, so dass dem Zuschauer gar nicht viel Zeit bleibt, darüber nachzudenken, dass die Story eigentlich nicht viel hergibt und hier mehr als einmal ziemlich unlogisch vorgegangen wird. Mit ein bisschen Grips und Aufmerksamkeit kann man schon ganz am Anfang des Films erahnen, warum hier getötet wird und wer dafür verantwortlich ist, aber auch im weiteren Filmverlauf drängt sich die Lösung oft nachgerade auf, so dass die Auflösung am Ende keine Überraschung mehr ist. Das Motiv ist klar, die Wege, das Ziel zu erreichen, sind allerdings maßlos übertrieben und lassen es an jeglichem Realismus fehlen.

Dennoch ist "You're next" ein sehr unterhaltsamer und vor allem blutiger Vertreter des Home Invasion-Genres, dem es zwar an der unheimlichen, nervenzerfetzenden Subtilität des latent ähnlich gelagerten "The Strangers" fehlt, der dafür aber beim effektvoll inszenierten Dezimieren der buckligen Verwandtschaft keine Kompromisse macht und dem Genrefan so ordentlich blutiges Eye Candy liefert.

Dies ist neben den maskierten Fremden vor allem Final Girl Erin zu verdanken. Schon nach der ersten Attacke der Killer übernimmt sie die Führung innerhalb der panischen Gruppe und versucht, Ordnung ins blutige Chaos zu bringen und die Familie vor weiteren fiesen Angriffen zu schützen. Dass sie dabei nur mäßig erfolgreich ist, hält sie nicht davon ab, sich unvermindert mit Händen und Füßen (und Schraubenziehern und Mixern und Äxten und Nägeln...) gegen die Angreifer zu wehren und diesen gleich mehrere äußerst schmerzhafte Verletzungen zuzufügen. Und während Familie Davison schrumpft und schrumpft, wächst Erin mehr und mehr über sich hinaus und liefert eine derart unverblümte, drastische und vor allem effektive One-Woman-Show ab, dass im Publikum mehrmals begeistert applaudiert wurde.

Adam Wingard hat hier vornehmlich Schauspieler um sich geschart, die bereits in seinen anderen Filmen mitgespielt haben. Auch sein Drehbuchschreiber Simon Barrett ist ein alter Bekannter, er stand bereits für Wingard vor der Kamera (so auch hier in "You're next") und lieferte darüber hinaus die Drehbücher zu einigen von Wingards Filmen. Darstellerisch ist an "You're next" nichts auszusetzen, die Mehrheit der schnell dahinscheidenden Charaktere wird sowieso nur oberflächlich skizziert, dafür reichen die schauspielerischen Leistungen von AJ Bowen, Joe Swanberg und Co. aus. Mit Sharni Vinson jedoch hat Wingard ein besonders gutes Händchen bewiesen. Vinsons Erin agiert als einzige logisch und überlegt, ihr Handeln ist effektiv und glaubwürdig und sie hat ausreichend Screentime, um sich hier nachhaltig für weitere Rollen zu empfehlen.

"You're next" patzt hin und wieder gehörig an der Logikfront und gibt das Motiv der Täter für halbwegs intelligente Zuschauer viel zu schnell preis, überzeugt aber durch rasantes Tempo, hohen Bodycount, creative Killings, gute Locations, einen stimmigen Soundtrack und vor allem eine berserkerartig agierende Hauptdarstellerin, auf deren künftige Rollen man gespannt sein darf. Wo es "You're next" an Geheimnisvollem mangelt und dem Zuschauer der Spaß am Erraten von Tätern und Motiv genommen wird, kann der Film aber mit einem zünftig inszenierten Massaker und einer Handvoll Schockmomente punkten, die letztendlich den Ausschlag dafür geben, "You're next" zu einem gelungenen Genrebeitrag zu machen, mit dem der geneigte Zuschauer seinen Spaß haben dürfte. Deshalb gerne vier von fünf Mixern für einen leckeren Mind-Shake.


Big Bad Wolves [Blu-ray]
Big Bad Wolves [Blu-ray]
DVD ~ Tzahi Grad
Preis: EUR 16,99

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Weder Big noch Bad noch Wolves, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Big Bad Wolves [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion)

Nach dem recht gelungenen Erstlingswerk der beiden israelischen Regisseure und Drehbuchautoren Aharon Keshales und Navot Papushado, "Rabies" von 2010, wurde ihr Folgewerk "Big Bad Wolves" mit Spannung erwartet. Doch anstatt die Schwächen des Erstlings (zu lange und teilweise alberne Dialoge, schlechtes Timing) auszumerzen, machen Keshales und Papushado dieselben Fehler erneut und fügen sogar noch ein paar neue hinzu. "Big Bad Wolves" ist ein enervierender, dialoglastiger und angestrengter Thriller, der mit 110 Minuten viel zu lang geraten ist und in fast allen Belangen versagt. Keshales' und Papushados nächstes Projekt ist ein Beitrag zum zweiten Aufguss von "The ABCs of Death"; wollen wir mal hoffen, dass sie dann nicht schon wieder dieselben Fehler machen, sondern langsam über das nötige Wissen, wie man einen guten Horrorfilm fabriziert, verfügen.

Eine furchtbare Mordserie an kleinen Mädchen hält die örtliche Polizei in Atem. Die Ermittler um Polizist Miki (Lior Ashkenasi, "Rabies") sind massiv unter Druck, einen Täter zu finden. Der zurückhaltende Lehrer Dror (Rotem Keinan) gerät ins Visier der Ermittler, sie können ihm jedoch nichts nachweisen. Als Mikis illegale Verhörmethoden zufällig gefilmt werden und im Internet landen, wird er suspendiert, was ihn allerdings nicht davon abhält, Dror weiter zu beschatten. Doch auch der Vater des letzten Opfers, Gigi (Tzahi Grad, "Jellyfish"), ist hinter Dror her. Er entführt ihn kurzerhand und versucht durch Folter Antworten auf quälende Fragen zu finden und seine Rachegelüste an ihm auszuleben. Als der gefesselte Dror, Gigi und Miki in Gigis abgelegenem Unterschlupf aufeinandertreffen, steht allen noch eine lange Nacht bevor, in der es Drors Schuld oder Unschuld zu ergründen gilt, während Gigi und Miki sich selbst mehr und mehr Schuld aufladen…

"Big Bad Wolves" ist zuerst einmal eines: viel zu lang. Die von Keshales und Papushado ersonnene Story reicht bei Weitem nicht aus, um 110 Minuten zu füllen. Auch ist ihr Erzählstil immer noch unbeholfen und wirr, man sieht dem Film förmlich an, wie sehr seine Regisseure sich in ihm verheddert haben. Es gibt haufenweise sinnfreie oder überflüssige Dialoge, unwichtige Szenen werden maßlos in die Länge gezogen und es gelingt den Regisseuren zu keinem Zeitpunkt, beim Zuschauer auch nur für einen der Charaktere Sympathie entstehen zu lassen. Das sollte ja nun zumindest beim übel gefolterten Dror der Fall sein, zumal es keine definitiven Anhaltspunkte gibt, die auf seine Schuld hindeuten. Doch selbst bei ihm fällt es schwer, überhaupt nur Interesse für seine Person aufzubringen. Keshales und Papushado legen hier eine unglaublich enervierende Art an den Tag, ihren Film zu produzieren und ihr wirres, laienhaftes Script auf die Leinwand zu bringen.

Besonders negativ fällt hier der der vollkommen überstrapazierte Einsatz lauter, nervtötender Musik auf. Permanent schwillt diese überlaut und unheilvoll an, während die so untermalten Szenen dramaturgisch im Nichts verschwinden und den Gebrauch dieser dröhnenden Klänge somit immer wieder ad absurdum führen. Dazu kommt, dass "Big Bad Wolves" so gerne witzig sein möchte, es aber noch nicht mal im Ansatz ist. Ein Gag nach dem anderen verhallt unbelacht und schon bald fragt sich der Zuschauer, ob die Regisseure überhaupt wissen, was Komik ist. Der mehr als bemühte Humor bewirkt leider nur, dass der Zuschauer in den Fremdschäm-Modus umschaltet und sich wenigstens einen gelungenen Witz herbeiwünscht…vergebens.

Überhaupt ist "Big Bad Wolves" vollkommen überambitioniert. Nach dem Überraschungserfolg von "Rabies" wollten die Regisseure wohl unbedingt beweisen, dass ihr erster Film keine Eintagsfliege ist und sie noch viel mehr können. Nun, zumindest hier konnten sie es leider nicht. Viel wurde hier gewollt: noch witziger, noch brutaler, noch spannender, noch gemeiner sollte "Big Bad Wolves" werden, doch leider ist daraus nichts geworden. Der Film ist überwiegend langweilig, vorhersehbar und peinlich. Und inszenatorisch und inhaltlich definitiv eine Verschlechterung zum Erstling.

Was die schauspielerischen Leistungen angeht, kann man sich indes nicht groß beklagen. Sie sind solide. Für die miesen Dialoge können die Darsteller ja nichts.

Wenigstens gelingt es "Big Bad Wolves", den Zuschauer bis zum Ende darüber im Unklaren zu lassen, ob Dror nun schuldig ist oder nicht. Es gibt sowohl Hinweise für seine mögliche Unschuld als auch seine mögliche Schuld. Hier klären uns Keshales und Papushado erst ganz am Ende ihres Films auf, diese Sequenz gehört zu den ganz wenigen gelungenen im Film. Allerdings nimmt man diese eher als Startschuss, endlich den Kinosessel verlassen zu können, als dass sie einen wirklich noch interessieren würde. Denn Keshales und Papushado haben es geschafft, den Zuschauer mit zunehmender Laufzeit zu verärgern, zu nerven und seine Geduld auf eine zu lange Probe zu stellen.

"Big Bad Wolves" ist schlechter als "Rabies", der auch schon nur durchschnittlich war. Ich weiß nicht, ob der Film in seinem Heimatland besser ankommt und es einfach am unterschiedlichen Humor- und Tempoverständnis liegt oder ob israelische Zuschauer sich genauso über die lahmen Gags, überlangen und belanglosen Dialogsequenzen und die nervtötende, ins Leere laufende Musik geärgert haben. Grausam ist sicherlich, hier Kinder zu Opfern zu machen und teilweise auch detailliert zu zeigen bzw. beschreiben zu lassen, was ihnen zugestoßen ist. Dies dann aber mit billigen Witzen und einer nicht vorhandenen Dramaturgie, die lediglich auf ein paar explizite und blutige Folterszenen setzt zu konterkarieren, funktioniert einfach nicht. Wie das Meiste in diesem Film einfach nicht funktioniert. Schade, da hatte man dann doch mehr erwartet. Für zumindest glaubwürdige und nicht ins Overacting abdriftende Akteure und einen gelungenen Schlussakkord gerade noch mal zwei von fünf israelischen Regisseuren, die jetzt so langsam aber mal die Kurve kriegen sollten.


Scenic Route
Scenic Route
DVD ~ Josh Duhamel
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Lost in the Desert, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Scenic Route (DVD)
(Kinoversion)

Was passiert, wenn zwei alte Freunde, die allerdings kaum noch etwas miteinander zu tun haben, nach einer Autopanne in der Wüste stranden, davon erzählt "Scenic Route". Die Goetz' Brüder Michael und Kevin haben hier in ihrem ersten Langfilm Kyle Killens ("Der Bieber") Script verfilmt und damit ein so schräges wie brutales Buddy-Movie erschaffen, in dem es viel zu sehen gibt, nur keine malerischen (scenic) Landschaften.

Mitchell (Josh Duhamel, "Transformers") und Carter (Dan Fogler, "Fanboys") kennen sich seit der High School, haben sich aber in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren. Der beruflich erfolgreiche Mitchell ist frisch verheiratet und führt ein stressiges, aber angenehmes Leben, Carter hingegen schlägt sich mühsam und bislang erfolglos als Schriftsteller durch. Er war es auch, der Mitchell zu dem gemeinsamen Roadtrip durchs Desert Valley überredet hat, damit die Beiden sich mal wieder etwas näher kommen. Als sie aufgrund einer Autopanne mitten in der Wüste liegenbleiben, findet Mitchell das überhaupt nicht witzig. Als Hilfe naht, schickt Carter diese jedoch weg, indem er Mitchell beichtet, die Panne fingiert zu haben, damit sie endlich mal in Ruhe über alles reden können. Dann jedoch stellt sich heraus, dass das Auto wirklich kaputt ist. Die darauffolgende Auseinandersetzung zwischen Mitchell und Carter nimmt gewalttätige Formen an, was aber nicht das einzige Problem ist. Viel gravierender ist, dass sie weder Essen noch Trinken haben, mitten im Nirgendwo festsitzen, das Handy natürlich nicht funktioniert und es nachts ziemlich kalt wird. Ob die Beiden sich wieder vertragen oder noch rechtzeitig gefunden werden, ist fraglich…

Die Goetz-Brüder haben hier ein unkonventionelles Buddy-Movie gedreht, das vor allem durch seinen schwarzen Humor und gekonnte Dialogsequenzen überzeugt. Im Zentrum des Geschehens stehen sowohl die Wiederauffrischung einer Jugendfreundschaft als auch der nackte Kampf ums Überleben. Unter der glühendheißen Wüstensonne kommen nach und nach unangenehme Wahrheiten ans Licht, vor denen sowohl Mitchell als auch Carter lange die Augen verschlossen haben. Missverständnisse und Lebenslügen werden schonungslos offengelegt und führen zu einigen gewalttätigen Aktionen, die das Leben der beiden Freunde, zusätzlich zu ihrer eh schon desperaten Situation, bedrohen.

Dem oberflächlichen Geplänkel macht Carter durch seine Sabotage am Auto schnell ein Ende. Allein in der Wüste, sich der Ausweglosigkeit ihrer Situation mehr und mehr bewusst werdend, fallen langsam die Masken der Höflichkeit, aber auch des Desinteresses aneinander. Carter ist verzweifelt bemüht, seinen alten Freund wachzurütteln, sein scheinbar perfektes Leben immer wieder zu hinterfragen und ihn an die gemeinsame Freundschaft zu erinnern. Mitchell braucht lange, bis er erkennt, dass Carter vielleicht in einigen Dingen recht hat, und es bedarf eines schlagkräftigen Ausrasters mit unvorhergesehenen Folgen, ehe er realisiert, dass auch er sich teilweise etwas vorgemacht hat. Doch auch Carter muss einstecken, denn als Mitchell ausrastet, gibt es kein Halten mehr und er knallt Carter einige nicht minder bittere Wahrheiten an den Kopf. Als die Beiden sich sowohl verbal als auch physisch ordentlich beharkt haben, scheint der Weg zur Katharsis frei…allerdings sind die Beiden dann schon so lange ohne Essen und Trinken, dass sie diesen Weg vielleicht gar nicht mehr beschreiten können.

"Scenic Route" lebt von den intensiven, oft sehr witzigen Dialogen und dem grandiosen Spiel von Duhamel und Fogler. Allein die Veränderung des attraktiven Durchschnittstypen Duhamel in einen verzweifelten Freak mit Irokesenfrisur ist sehenswert. Aber auch Fogler, dieses kleine, quadratische Energiebündel, hat Einiges zu bieten, viele seiner Dialoge sind messerscharf und wunderbar sarkastisch. Zwei Typen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, beide mit Inbrunst und Freude am Spiel gegeben von Duhamel (dem man das, ehrlich gesagt, gar nicht zugetraut hätte) und Fogler.

Optisch gibt es, bis auf die laienhafte Irokesenfriese, nicht viel zu sehen, was man ja aufgrund des Filmtitels durchaus vermuten könnte. Die beiden Freunde landen irgendwo mitten in der Wüste, wo dann auch fast die gesamte Handlung des Films spielt. Außer Sonne, Sand und ein paar Bergen gibt es nichts "scenic"es zu sehen, aber das macht auch nichts, da das Interagieren zwischen Duhamel und Fogler sowieso viel interessanter ist.

Unbedingt erwähnenswert ist auch noch das Ende des Films. Den Goetz-Brüdern ist hier ein wunderbar hintersinniger und doppeldeutiger Schluss gelungen, den man ganz nach eigenem Gusto für sich auslegen kann. Das mag dem ein oder anderen zu unentschlossen oder vage sein, ich hingegen halte es für genau den richtigen Schlussakkord, da man so selbst entscheiden kann, wie man das Gesehene für sich interpretieren möchte. Ich habe mich für eine Variante entschieden und finde sie so für "Scenic Route" genau richtig. Auch die andere Variante hat durchaus etwas für sich, scheint mir aber nicht ganz so gut zum Grundton des Films zu passen. Denn worum geht es denn hier wirklich? Um Freundschaft trotz aller Widrigkeiten, um das füreinander Einstehen, sich um den anderen kümmern. Und dafür haben Mitchell und Carter unbedingt eine Belohnung verdient, finde ich.

"Scenic Route" ist ein schräges, manchmal ruhiges, manchmal explosives, aber immer menschliches Drama mit komödiantischem Unterton, das in nur 85 Minuten konstant gute Unterhaltung und Spannung bietet. Duhamel und Fogler spielen exzellent und authentisch, man sieht ihnen wirklich an, wie sehr sie leiden, vor allem unter den körperlichen Strapazen ihres Roadtrips. Doch am Ende wird eins klar: Freundschaft ist das Einzige, was zählt. Und genauso sollte es auch sein. Deshalb gerne vier von fünf Aussprachen, die zu ganz unvorhergesehenen Ergebnissen führen können.


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