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MissVega (Hamburg)

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Good People [Blu-ray]
Good People [Blu-ray]
DVD ~ Kate Hudson
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Where's the money?, 2. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Good People [Blu-ray] (Blu-ray)
Zwei Amerikaner in London…oder so. Für "Good People" hat es den dänischen Regisseur Henrik Ruben Genz ("Kommissarin Lund") und die Amerikaner Kate Hudson ("Bride Wars") und James Franco ("127 Hours") nach England verschlagen, um dort einen 90minütigen, mäßig spannenden Thriller zu drehen, der mal wieder in die Kategorie "Kann man gucken, muss man aber nicht" fällt. Drehbuchautorin Kelly Masterson ("Snowpiercer", "Tödliche Entscheidung") hat den Erstlings-Roman von Marcus Sakey filmgerecht umgemodelt, herausgekommen ist dabei aber leider nichts Besonderes.

Ausstattung der Blu Ray: Am Ton (in deutsch und englisch in DTS-HD 5.1, Untertitel in deutsch) und Bild gibt's nix zu meckern, allerdings fällt Beides nicht aus dem Rahmen, so dass man mit dem Kauf der DVD ebenso gut bedient sein dürfte, vor allem, wenn man die mageren Extras der Blu Ray betrachtet: Featurette, Interviews mit den Darstellern, dem Regisseur und den Produzenten sowie eine achtteilige Trailershow. Ich habe den Film im englischen Original gesehen, er ist überwiegend gut zu verstehen, ansonsten kann man sich mit den gut übersetzten Untertiteln behelfen.

Für Tom (James Franco) und Anna Wright (Kate Hudson) lief es nach der Wirtschaftskrise in den USA nicht so dolle, weshalb sie nach England umgesiedelt sind, wo sie zudem Omas Haus geerbt haben. Da dieses aber leider eine schwer renovierungsbedürftige Rumpelbutze ist, wohnen die Beiden vorerst in einem kleinen Apartment samt seltsamem Untermieter. Der liegt eines Tages tot in seiner Wohnung, in der er netterweise 220.000 Pfund versteckt hat. Da den Wrights die Räumungsklage droht und sie hohe Schulden durch die Renovierung des geerbten Hauses haben, beschließen sie, dem ermittelnden Detective Inspector Halden (Tom Wilkinson, "Best Exotic Marigold Hotel") ihren Fund zu verschweigen, sich unauffällig zu verhalten und abzuwarten, ob jemand nach dem Geld sucht. Und natürlich tut das jemand, nämlich der äußerst brutale Gangster Jack Witkowski (Sam Spruell, "96 Hours - Taken 3"), hinter dem wiederum DI Halden her ist. Und dann wäre da noch "Dschingis Khan" (Omar Sy, "Ziemlich beste Freunde"), der noch eine Rechnung mit Witkowski offen hat…

Trotz solidem Cast und zumindest TV-erfahrenem Regisseur samt routinierter Drehbuchschreiberin ist aus "Good People" kein sonderlich guter Film geworden. Vielmehr ein unaufgeregter, etwas zäher und recht oberflächlicher Pseudo-Thriller, mit dem man einfach nicht so richtig warm wird. Franco und Hudson mühen sich redlich, gegen die stereotype Story anzuspielen, sind nun aber auch nicht so herausragender Darsteller, als dass sie hier großartige Akzente setzen könnten.

"Good People" plätschert so vor sich hin und versucht, durch einige Storywendungen punktuell spannende Akzente zu setzen, was dem Film aber nur im Showdown wirklich gelingt. Bis dahin schaut man dem Geschehen mäßig interessiert zu und wartet einfach ab, wie tief sich Tom und Anna in die Scheiße reiten. Tun sie aber gar nicht so wirklich, sie gehen vorsichtig mit ihrem neuen Reichtum um und warten auch erstmal ab, bevor sie etwas von dem Geld ausgeben. Aber gegen durchtriebene und erfahrene Gangster kommen diese beiden biederen Nobodys natürlich nicht wirklich an. Wenn solche "good people" einmal versuchen, "bad" zu sein, geht das naturgemäß gründlich in die Hose. Leider kommt dabei kaum Spannung auf. Tom und Anna sind langweilige Durchschnittsbürger, denen das Leben gerade übel mitspielt, was aber so belanglos erzählt wird, dass man sich kaum für die Beiden zu interessieren vermag. Die Gangster bleiben ähnlich oberflächlich und variieren von kaltblütig-grausam (Witkowski) bis zu cool-mysteriös (Khan), ohne jedoch dabei Kontur zu entwickeln. Und der Polizist ist natürlich traumatisiert von einem schrecklichen Ereignis, das ihn zum stur ermittelnden Workaholic gemacht hat. Klischees also, soweit das Auge reicht.

Doch wenn Anna und Tom mehr und mehr in diesem Strudel aus Gewalt und Mord zu versinken drohen, gelingt es dem Zuschauer schlussendlich doch noch, ein paar Sympathien für die Beiden aufzubringen. Aber weniger, weil die Beiden so "good" sind, sondern eher, weil die anderen so "bad" sind, dass man einfach nicht will, dass sie gewinnen. Somit generiert dieser recht langatmige und unspektakulär inszenierte und erzählte Thriller im Showdown doch noch etwas an Spannung, bleibt in der Summe aber leider nicht mehr als europäischer Durchschnitt.

Wie gesagt, die Darsteller machen ihren Job gut, sie alle sind seit Langem im Business und verfügen über die nötige Routine, die oberflächlich angelegten Charaktere mit links zu spielen. Das gilt sowohl für die blass aufspielenden Eheleute Tom und Anna als auch für den grummeligen, aber scharfsinnigen Detective. Ein bisschen aus dem Rahmen fallen (positiv) Sam Spruell als wirklich äußerst gnadenloser Gangster und Omar Sy, der über seine imposante Größe (über 1,90 m) hinaus mit reduziertem, aber überzeugendem Spiel aufwartet.

"Good People" tut keinem weh, beeindruckt aber auch nicht sonderlich. Die 90 Minuten Filmlänge fühlen sich manchmal deutlich länger an, weil über eine lange Zeit einfach recht wenig passiert, bzw. wenig, was den Zuschauer zu interessieren vermag. Im letzten Drittel zieht Regisseur Genz die Spannungsschraube dann endlich ein wenig an, was "Good People" in der Summe aber nicht über den Durchschnitt hebt. Für die thrillertechnische Zwischendurchberieselung durchaus geeignet, für diejenigen aber, der gerne einen spannenden und überraschenden Brit- bzw. Euro-Thriller sehen wollten, sicherlich nichts. Ergo knappe drei von fünf Taschen voller Geld, die man - natürlich - besser nicht angerührt hätte.


Höhere Gewalt
Höhere Gewalt
DVD ~ Johannes Kuhnke
Wird angeboten von media4world
Preis: EUR 12,65

1.0 von 5 Sternen Niedriges Interesse, 29. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Höhere Gewalt (DVD)
"Höhere Gewalt" lief ja auf mehreren Festivals und dann auch regulär in den deutschen Kinos, und die deutsche Presse hat sich ja nahezu überschlagen mit positiven Kritiken zu diesem schwedischen Film. Tja, und dann kommt natürlich die Vega daher und macht das schöne Bild, das man von diesem Film (eventuell) hatte - zumindest in der Erwartungshaltung - kaputt. War ja klar. Allerdings mache ich das nicht aus Jux und Dollerei, ich muss zugeben, ich war wirklich enttäuscht von "Höhere Gewalt", da ich mir a) von den Schweden und b) von der brisanten Thematik wesentlich mehr versprochen hatte. Bekommen habe ich leider nur einen extrem trantütigen, überlangen und schwafeligen Problemfilm, der mich maßlos enttäuscht hat. Tja, so kann's kommen.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und schwedisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch. Bild und Ton sind solide, mehr aber auch nicht. Extras: Interview mit dem Regisseur, Making-of, "Wenn Männer weinen", Trailer des Films sowie sechs weitere Trailer.

Tomas (Johannes Kuhnke, "Real Humans") und Ebba (Lisa Loven Kongsli, "Fatso") machen mit ihren Kindern Henry und Vera Urlaub in den französischen Alpen. Als beim Mittagessen auf der Terrasse mit Blick auf die Berge plötzlich eine Lawine anrollt, halten die Gäste das Ganze erst für eine kontrollierte Aktion der Bergwacht. Doch schnell wird klar, dass die Lawine außer Kontrolle geraten ist. Die Gäste stürzen in Panik von der Terrasse, unter ihnen auch Tomas. Ebba hingegen bleibt bei den Kindern und versucht, diese zu schützen. Zum Glück geht alles glimpflich und mit lediglich etwas Pulverschnee im Mittagessen ab, aber das Verhältnis der Eheleute ist nachhaltig erschüttert. Ebba ist der Meinung, Tomas sei einfach abgehauen, während Tomas glaubt, dies gar nicht getan zu haben und nur das Beste für seine Familie gewollt zu haben. Unterschwellige Wut, Enttäuschung und Verunsicherung belasten nun die Ehe von Tomas und Ebba und auch vermeintlich klärende Gespräche mit Freund Mats (Kristofer Hivju, "Game of Thrones") und dessen Freundin Fanni (Fanni Metelius) bringen die Beiden nicht wirklich weiter. Kann Tomas seine Position als Familienoberhaupt zurückgewinnen oder hat die Ehe einen ernsthaften Knacks bekommen?

Wäre "Höhere Gewalt" nicht so furchtbar träge, pseudo-sozialkritisch und endlos langatmig inszeniert worden, hätte daraus durchaus ein guter Film werden können. Aber Regisseur Ruben Östlund verzettelt sich dermaßen in Tomas' und Ebbas Ehedrama, dass er a) jegliches Gefühl für Zeit (der Film geht zwei Stunden) und b) gute Dialoge verliert. Neben ein paar Kurzfilmen ist "Höhere Gewalt" Östlunds vierter Langfilm, aber Routine oder Versiertheit lassen sich hier leider dennoch nicht erkennen.

Der Film ergeht sich in endlosen, fast statischen Einstellungen und Sequenzen. Die Familie posiert für Fotos, die Familie im Skilift, die Familie beim Mittagsschlaf, die Familie beim Zähneputzen, die Familie beim Skifahren…all diese Sequenzen sind entweder unwichtig oder so lang ausgewalzt, dass man schnell jegliches Interesse am Film verliert.

Wenigstens lässt die Lawine nicht allzu lange auf sich warten, so dass immerhin vorübergehend mal ein bisschen Tempo in den Film kommt. Leider ist auch dies nur von kurzer Dauer. Kaum ist der Schreck verdaut und der Schnee vom Skianzug gewedelt, geht es im gleichen quälend langsamen Erzähltempo weiter. Ebba ist nun muckschig, weil Tomas im Angesicht der drohenden Gefahr einfach abgehauen ist, Tomas sieht das alles irgendwie anders. Dazwischen nölen die Blagen rum und Tomas' zottelbärtiger Freund Mats taucht auf, der zwischen den angespannten Eheleuten zu vermitteln sucht. Was allerdings gründlich nach hinten losgeht und zur Folge hat, dass Mats sich anschließend selbst mit seiner 20 Jahre jüngeren Freundin in die Wolle kriegt.

Dazwischen baut Östlund immer wieder und an den unpassendsten Stellen dieselbe pseudo-dramatische Klassiksequenz ein, so dass sein Film auch musikalisch anfängt zu nerven. Und dann gibt es noch einen merkwürdigen Hotelangestellten, der in den Gängen heimlich raucht und das sich streitende Ehepaar beobachtet, wenn es mal vor der Zimmertür steht….aha.

Die Familie ist einfach langweilig und bieder, der Durchschnitt vom Durchschnitt sozusagen. Die Charaktere sind allesamt nicht wirklich sympathisch. Tomas ist ein unsicherer Biedermann, Ebba eine verschlossene Frustrierte, die Kinder nölende Gören. Somit hat der Zuschauer kaum Lust, die vom Regisseur aufgeworfenen Fragen (Was hätte ich gemacht? Wäre ich auch weggelaufen? Wie würde ich es finden, wenn mein Partner einfach abhaut?) für sich selbst zu beantworten, weil er schon für die Protagonisten kaum mehr als marginales Interesse aufzubringen vermag. Dazu kommen die irgendwie verwirrte Regie, die seltsam unwirklichen Dialoge, die dazu noch unfassbar uninteressant sind und die insgesamt furchtbar zähe Inszenierung. Einzig die schönen Aufnahmen der verschneiten Pisten, kontrastreichen Berglandschaften inklusive hübscher Sonnenuntergänge fallen hier positiv auf. Alles andere wirkt konstruiert, bemüht und laienhaft.

Zu den Darstellern kann ich nicht viel sagen, selbst mir sind diese, trotz hoher Affinität zur nordeuropäischen Filmlandschaft, unbekannt. Sie spielen nicht schlecht, haben aber einfach das Pech, furchtbar gezeichnete Charaktere abbekommen zu haben. Wenn Johannes Kuhnke irgendwann ein furchtbares Geheule anstimmt, ist man leider eher peinlich berührt als gerührt. Ansonsten ist das Spiel der Darsteller so unauffällig oder uninteressant, dass man die darstellerischen Höhen kaum von den Tiefen unterscheiden kann.

Ganz ehrlich? Ich halte "Höhere Gewalt" für einen komplett überflüssigen Film. Das, was der Regisseur hier vermutlich erreichen wollte, geht meiner Ansicht nach komplett nach hinten los. Statt einer interessanten und brisanten innerehelichen Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung bekommt man hier nur einen angepassten Jammerlappen samt zickiger Frau serviert, deren Schicksal einen herzlich wenig interessiert. Die Dialoge wirken aufgesetzt und gekünstelt und vermeintlich tiefgründige Sinnfragen entpuppen sich als 08/15-Therapeutengewäsch, das einen immer öfter die Augen verdrehen lässt. Und dann nimmt und nimmt der Film einfach kein Ende. Quälend lange zwei Stunden verschwendet man mit diesem schwedischen Sozialtheater, ohne danach auch nur im Ansatz den Wunsch zu hegen, über die plakativen Fragen, die der Regisseur hier aufwirft, nachdenken zu wollen. Denn eigentlich möchte man diesen überambitionierten, aber letztendlich völlig irrelevanten und endlosen Versuch einer Familientherapie einfach nur vergessen. Für hübsche Bilder und zumindest ein, zwei interessante Ansätze gerade mal noch eine von fünf Lawinen, die dieses Drehbuch gerne unter sich begraben hätten können.


Pride [Blu-ray]
Pride [Blu-ray]
DVD ~ Bill Nighy
Preis: EUR 13,99

5.0 von 5 Sternen Screw you, Thatcher!, 25. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Pride [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion)

Wer hätte gedacht, dass eine wahre Geschichte, die von einer Gruppe Schwuler und Lesben anno 1984 handelt, die streikenden britischen Bergarbeitern helfen zu überleben, zu einem der besten Kinofilme seit Jahren werden würde? Vielleicht hat auch Regisseur Matthew Warchus ("Simpatico") nicht damit gerechnet, dass sein erst zweiter Film (in wohlgemerkt 15 Jahren) das Zeug dazu hätte, sich zum absoluten Publikumsliebling zu mausern. Zumal Drehbuchautor Stephen Beresford mit "Pride" sein erstes Script überhaupt abliefert. "Pride" ist ein wunderbarer Film, in dem alles richtig gemacht wurde: eine fähige Regie, ein warmherziges, witziges Drehbuch, authentische Locations, ein grandioser 80er Jahre-Soundtrack und ein so liebenswerter und begabter Cast, dass man sie alle nach 120 Filmminuten sehr ins Herz geschlossen hat. "Pride" sollte wirklich niemand verpassen, denn hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein wunderschöner Film, den man einfach gesehen haben muss.

1984: England ist fest in der politischen Hand von Premierministerin Margaret Thatcher, die für ihre Unbeugsamkeit und emotionale Kälte bekannt ist. Als britische Bergarbeiter in den Streik gehen, um gegen Privatisierung und Schließung ihrer Minen zu protestieren, lässt die Premierministerin sich auf keinen Kompromiss ein und die Bergarbeiter so am ausgestreckten Arm buchstäblich verhungern. Davon bekommen auch einige Homosexuelle in London etwas mit, die unter Führung des jungen Mark Ashton (Ben Schnetzer, "Die Bücherdiebin") kurzerhand beschließen, für die Bergarbeiter Geld zu sammeln, damit sie überleben können. Sie gründen den Verein LGSM (Lesbians and Gays support the Miners) und fangen an, Spendengelder zu sammeln. Da die Gewerkschaft nicht daran interessiert ist, von Schwulen und Lesben unterstützt zu werden, fahren Mark und seine Gruppe kurzerhand direkt nach Wales zu den streikenden Minenarbeitern, um ihnen das Geld selbst zu übergeben. Dort gibt es zwar auch einige Vorbehalte gegen die Homosexuellen, diese legen sich jedoch schnell und die beiden von der Regierung so schlecht behandelten Randgruppen beginnen sich anzufreunden. LGSM sammelt immer mehr Geld für die darbenden Streikenden, was einigen Gewerkschaftsmitgliedern dennoch nicht gefällt. Und natürlich haben Mark und seine Freunde auch mit ihren ganz persönlichen Problemen zu kämpfen, genau wie die Bergarbeiter um den umgänglichen Dai (Paddy Considine, "The World's End").

"Pride" ist eine sehr gelungene Mischung aus typisch trockenhumoriger Brit-Komödie und gesellschaftlichem Drama. Die scheinbar so gegensätzlichen Themen wie der Kampf um Akzeptanz und Gleichberechtigung der Homosexuellen und der Kampf der Bergwerksmitarbeiter um ihre Jobs weist viele Parallelen auf. Beide Gruppen fühlten sich von der damaligen Regierung im Stich gelassen oder sogar geächtet. Die Schwulen- und Lesbenbewegung war gerade erst dabei, sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen und um ihre Rechte zu kämpfen. Schwul sein war immer noch pervers, krankhaft und anormal. "Pride" zeigt hier auch anhand von Einzelschicksalen, wie schwer der Weg zum Coming out ist und in welche Angst die gerade erst bekannt gewordene Immunschwächekrankheit AIDS die Menschen versetzte. Parallel dazu wird das schwere Schicksal der Bergarbeiter geschildert, die verzweifelt um ihre Jobs kämpfen, ihren Stolz nicht verlieren wollen und durch den fast ein Jahr lang andauernden Streik mit ihren Familien an den Rand des Existenzminimums gedrängt wurden.

Anhand exzellent ausgearbeiteter Charaktere gelingt es "Pride", all diese Probleme nachvollzieh- und spürbar zu machen. Trotz Ecken und Kanten sind die Protagonisten Menschen, die man schnell ins Herz schließt und somit gebannt ihren weiteren Weg verfolgt. Ob das nun der 20jährige Joe (George MacKay, "Defiance") ist, der sein Coming-out noch vor sich hat oder der selbstbewusste Mark, der ein stark ausgeprägtes soziales Gewissen hat und sich für andere furchtlos einsetzt. Auch die kratzbürstige Steph (Faye Marsay, "The White Queen") als Punk-Lesbe entfaltet ihren ganz eigenen Charme, ebenso wie der exaltierte Jonathan (Dominic West, "The Awakening"), der den tanzfaulen Minenarbeitern Tanzunterricht gibt oder der zurückhaltende Mike (Joseph Gilgun, "Misfits"), der seinen eigenen Weg noch finden muss. Aber auch die walisischen Bergwerksleute schließt man schnell ins Herz, die ruppige und resolute Hefina (Imelda Staunton, "Maleficent"), den schüchternen Cliff (Bill Nighy, "Best Exotic Marigold Hotel") und den liebenswerten Dai, der zutiefst dankbar für die Unterstützung von so ungewöhnlicher Seite ist. Der Cast ist schlicht toll, die Rollen sind differenziert und liebevoll ausgearbeitet und erzählen viele verschiedene Geschichten - tragische, schöne, witzige.

Die stufenweise Annäherung der weltoffenen, engagierten Schwulen und Lesben aus der Großstadt London und der konservativen, voreingenommenen Minenarbeiter samt Familien in einem Dorf in Wales geht nicht ganz unkompliziert, aber zunehmend besser vonstatten. Schnell werden (zumindest bei den meisten) Vorurteile über Bord geworfen und sich in den gemeinsamen Kampf für die gute Sache gestürzt. Dabei kommen weder Spaß noch Ernsthaftigkeit zu kurz, egal, ob dies bei zur Disco ausartenden Minenarbeiter-Versammlung ist oder beim aufregenden London-Besuch der Bergwerksleute, bei dem es natürlich auch in die Clubs der Schwulenszene geht. Auch die Dramatik kommt nicht zu kurz: Coming-Out, AIDS, Intrigen und unerschütterlicher Zusammenhalt werden hier so dezent, gekonnt und emotional in Szene gesetzt, dass man sich dem immensen Charme, den "Pride" versprüht, einfach nicht entziehen kann.

Und nicht erst, wenn es zum herzergreifend-beschwingten Finale von "Pride" kommt, hat man sie alle ins Herz geschlossen, die Schwulen, die Lesben, die Minenarbeiter, einfach die Menschen, die "Pride" zu diesem einzigartigen, berührenden, witzigen, temporeichen, ehrlichen und großartigen Film machen. Mit einigen Abschluss-Informationen zu den tatsächlichen Schicksalen dieser einmaligen Menschen geht man, mit einer Träne im Auge und einem Lächeln im Gesicht, aus "Pride" und kann es immer noch nicht fassen, was für einen fantastischen Film man da gerade gesehen hat. "Pride" ist bestmögliche Kinounterhaltung, wie man sie so gelungen nur selten zu sehen bekommt. Definitives Plus auch hier die anzuratende Originalversion, in der wunderbares Brit-Englisch und herrlich melodisches Englisch mit walisischem Akzent gesprochen wird. Nach Sichtung des deutschen Trailers kann ich die Originalversion nur umso mehr empfehlen, es ist erschreckend, wie viel hier doch wieder in der Synchronisation verlorengeht. Wer sich "Pride" entgehen lässt, hat selber schuld, so tolle, rund um gelungene Filme gibt es nicht oft. Deshalb gerne volle fünf von fünf Kämpfen, die gekämpft werden müssen, allen Widerständen zum Trotz.


Tusk
Tusk
DVD ~ Justin Long
Preis: EUR 7,97

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Don't believe the hype!, 25. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Tusk (DVD)
Als Kevin Smith anno 1994 mit seinem ersten Langfilm "Clerks" debütierte, horchten Independentfilm-Fans auf der ganzen Welt auf. Mit einem Budget von lediglich 230.000 Dollar lieferte Smith einen herrlich schrägen und sehr witzigen Nerd-Film ab und platzierte gleichzeitig sich selbst als Kultfigur "Silent Bob". Es folgten ähnlich kultige, aber schon weitaus kommerziellere Filme wie "Mallrats" (1995) und "Dogma" (1999). In den 2000ern dann fing Smiths kreativer Abstieg an. "Jersey Girl", "Clerks II" und "Zach and Miri make a Porno" läuteten das Ende von Smiths künstlerischer Kreativität ein, man merkte, dem bekennenden Comic-Fan fiel irgendwie nichts mehr ein. Mit "Red State" von 2011 spaltete er seine Fangemeinde weiter, aber mit "Tusk" dürfte Smith nun den absoluten Tiefpunkt seiner Karriere erreicht haben. "Tusk" (Stoßzahn) ist ein grausam schlechter, hirn- und absolut sinnloser Film, der hilflos zwischen Horror, Groteske und miesem Laienschauspiel hin- und her…robbt und den einstigen Smith-Fan entsetzt und fassungslos zurücklässt. Wofür genau Smith die 2,8 Mio. Dollar Budget verbraten hat (für den wackelpuddingartigen Walross-Gummianzug von Justin Long oder für die Teilnahme von Johnny Depp an diesem Murks), bleibt sein Geheimnis, er hat sie jedenfalls weder in eine gute Story (Smith hat das Drehbuch natürlich selbst verfasst) noch in eine gute Umsetzung gesteckt. Und verschwendet somit 98 Minuten Lebenszeit des Zuschauers auf scham- und rücksichtslose Weise.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch, englisch, spanisch und italienisch in DD 5.1, Untertitel in denselben Sprachen plus türkisch, dänisch, finnisch, schwedisch und norwegisch. Extras: Audiokommentar von Kevin Smith, animierter Podcast und entfallene Szenen. An Bild- und Tonqualität gibt's nichts zu meckern, sie entsprechen dem DVD-Standard.

Wallace Bryton (Justin Long, "Drag me to Hell") betreibt mit seinem Kumpel Teddy (Haley Joel Osment, "The Sixth Sense") einen Podcast namens "Not-See" (was phonetisch rein zufällig nach "Nazi" klingt, funny that), in dem er äußerst schräge Videos von Nerds und anderen seltsamen Gestalten postet. Darüber hinaus ist das Duo immer auf der Suche nach neuen Verrückten, die ihnen ihre Geschichten erzählen, die dann bei "Not-See" erscheinen. Als Wallace ein armer Irrer abspringt, da dieser sich versehentlich mit einer Machete umgebracht hat, Wallace aber nun schon mal in Kanada ist, besucht er den alten und todkranken Howard Howe (Michael Parks, "Red State"), der ihm als alter Seefahrer gern seine Lebensgeschichte erzählen möchte, bevor er ins Gras beißt. Als Howe ihm erzählt, dass einst ein Walross ihm das Leben gerettet und er mit diesem Freundschaft geschlossen hat, beginnt der leckere Tee, den Howe Wallace angeboten hat, schon zu wirken. Als Wallace aufwacht, kann er gerade noch einen Hilferuf an seine Freundin Ally (Genesis Rodriguez, "Voll abgezockt") und Teddy absetzen, bevor der völlig durchgeknallte Howe beginnt, Wallace in ein Walross zu verwandeln…buchstäblich.

Kurz zum Hintergrund dieser unfassbar dämlichen Geschichte: Smith selbst ist leidenschaftlicher Podcaster und im Rahmen seiner Sendung (in Folge 259, um genau zu sein) berichtete er über eine Anzeige für eine Haushaltshilfe, die aber doch bitte nur im Walrosskostüm putzen sollte. Im Nachhinein stellte sich die Anzeige als Fake heraus, aber da hatten Smith und sein Produzent schon angefangen, diese Ausgangssituation weiterzuspinnen und schlussendlich das Drehbuch zu diesem furchtbaren Film fertigzustellen. Und es steht zu befürchten, dass es durchaus noch schlimmer kommen könnte, denn "Tusk" ist lediglich der Auftakt zu Smiths "True North"-Trilogie, deren zweiter Teil, "Yoga Hosers" bereits abgedreht ist. Hoffen wir einfach mal, dass es nicht noch schlimmer wird als in "Tusk", wobei dies kaum möglich sein dürfte.

So, ein Film also, in dem ein Mann zum Walross "umgebaut" wird. Alles klar. Wer "Human Centipede" gesehen hat, den dürfte zwar so leicht nichts mehr erschüttern, aber Kevin Smith gelingt es dennoch, seinen Film noch schlechter und absurder zu gestalten. Vom ehemaligen Smith'schen Witz, den wunderbar schrägen Dialogen und der reduzierten, aber effektiven Inszenierung ist in "Tusk" nichts mehr übrig. Der Film ist laut, plump, billig und einfach nur dämlich. Vor allem, weil Wallace letztendlich nicht wirklich konsequent "umoperiert" wird, sondern ihm nur die Beine amputiert und die Arme am Körper festgenäht werden und er dann in einen Walrosssack aus Menschenfleisch-Lappen gesteckt wird. Herrje…

Wallace und Teddy albern sich erstmal postpubertär durch ihren Podcast, dann labert Wallace postkoitalen Dünnsinn mit Freundin Ally und dann fliegt er nach Kanada, um einen der Vollidioten, dessen Video er im Netz entdeckt hat, zu interviewen. Da dieser aber leider den Löffel abgegeben hat, disponiert Wallace kurzfristig um und besucht den mittels einer Kleinanzeige zufällig ausfindig gemachten Howard Howe. Der allerdings hat weder alle Tassen im Schrank noch alle Walrosszähne an Ort und Stelle. Und noch während Howe Wallace seine wirre Lebensgeschichte auftischt, wird Wallace bewusstlos und wacht gefesselt und um bereits ein Bein leichter wieder auf. Mit Schrecken erkennt er, wie irre Howe wirklich ist, denn dieser will ihn allen Ernstes als Walross verkleiden und macht sich auch gleich an sein frankensteineskes Werk.

Und das, was bei dieser Schnetzel-Bastelei herauskommt, ist dermaßen bekloppt, dass es knallt. Justin Long darf den restlichen Filmverlauf (immerhin noch gut eine Stunde) im sumoähnlichen Walross-Gummianzug aus menschlichen Fleischlappen-Attrappen zubringen und lediglich Grunz- und Heulbojenlaute von sich geben. Er robbt sich durch die nicht vorhandene Handlung, blökt nervtötend in der Gegend rum (leider keine gelungene Abwechslung zu seinem vorherigen dummdreisten Gewäsch als Podcast-Moderator) und harrt der Dinge, die da (von Howe) noch kommen. Parallel dazu machen sich Wallaces Freunde auf die Suche nach ihm und werden dabei vom hemmungslos schwadronierenden Cop Lapointe (Johnny Depp mit dämlicher Friese und falscher Nase) "unterstützt", der ebenfalls nur Schwachsinn faselt.

Die Story ist einfach nur albern, krank und saublöd. Die Protagonisten geben in einer Tour die sinnentleertesten Sätze von sich, hampeln ungelenk durch die Kulissen und sind vermutlich entweder auf der Suche nach dem Sinn des Ganzen oder einer Tarnkappe, damit niemand erfährt, in was für einer Grütze sie hier mitspielen.

Die Darsteller haben größtenteils bewiesen, dass sie ihren Job durchaus beherrschen. Für diesen Film aber scheinen fast ausnahmslos alle dies vergessen zu haben oder waren so mit Fremdschämen beschäftigt, dass ihre darstellerischen Fähigkeiten darunter gelitten haben. Justin Long könnte hier locker den Preis fürs größtmögliche Overacting gewinnen. Im ersten Filmteil redet er permanent unreife, dämliche und oberflächliche Scheiße zusammen, im zweiten Teil grunzt und heult er nur noch, wenn er mit großen Augen aus seinem Walrosskostüm schielt. Joel Haley Osment war mal der "I can see dead people"-Knirps aus "The Sixth Sense" - mittlerweile ist der 27jährige ziemlich mopsig geworden und muss sich offensichtlich mit bescheuerten Nebenrollen über Wasser halten. Tja, und Johnny Depps filmischer Abstieg scheint weiter voranzuschreiten. Nachdem Depp mit der "Fluch der Karibik"-Reihe erstmals Mainstream-Filmluft geschnuppert und mit diesen Filmen unsagbar viel Geld verdient hat, muss irgendwas schiefgelaufen sein, denn danach wurden seine Filme immer schlechter ("The Tourist", "Dark Shadows", "Lone Ranger", "Transcendence", "Mortdecai"). Mittlerweile soll Depp sogar wieder an der Flasche hängen. Hier fällt er einmal mehr durch wirre Dialoge mit bescheuertem frankokanadischen Akzent auf und hat sich dazu noch eine falsche Nase aufgesetzt, so dass man erst zweimal hingucken muss, bevor man den vor sich hinfaselnden Polizisten als die einstige Ikone des Independentfilms erkennt. Michael Parks bleibt hier trotz des horrenden Dünnsinns, den er von sich geben muss, noch am authentischsten…vielleicht, weil er einen komplett Übergeschnappten spielt. In Minirollen sind darüber hinaus Johnny Depps und Kevins Smiths Töchter als Verkäuferinnen zu sehen, die im Übrigen in Smiths nächstem Film, "Yoga Hosers", zwei der Hauptrollen übernommen haben. Darüber hinaus findet sich in "Yoga Hosers" fast der gesamte Cast von "Tusk" wieder, aber das nur nebenbei.

So viel Gerede über so einen schlechten Film? Ja. Weil man gar nicht genug davor warnen kann, den positiven Kritiken zu diesem absoluten Scheißfilm Glauben zu schenken. Der Film ist weder ein Kevin Smith- noch ein guter, witziger, herrlich abgedrehter oder gar großartiger Trash-Film. Der Film ist schlicht das Allerletzte, dumm, schlecht gespielt, völlig hirnrissige Story und mit 98 Minuten auch noch viel zu lang. Dazu kommt die mehr als fragwürdige Botschaft, dass Menschen einfach die höheren Wesen sind, weil sie eine Seele haben und weinen können, was Tieren (laut Kevin Smith) eben abgeht…was bitte soll so ein Schwachsinn? Kompletter Griff ins Klo, sowohl für Smith-Fans als auch für alle anderen. Es gibt guten und wirklich schlechten Trash. Dieser Film ist leider Letzteres. Zu schlecht zum Angucken, einfach nur zum Vergessen. Ich guck mir schnell noch mal "Clerks" und "Mallrats" an, in der Hoffnung, das Bild, das ich von Kevin Smith mal hatte, irgendwie wieder heraufbeschwören zu können. Ergo satte null von fünf Walrössern, die so einen miesen Film keinesfalls verdient haben. Allerdings hat das auch sonst niemand.


Ein Bild von dir
Ein Bild von dir
von Jojo Moyes
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jeune Femme, 22. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ein Bild von dir (Broschiert)
Obwohl erst seit ca. drei Jahren (in Britannien ca. fünf Jahre) einer breiten Masse bekannt, kann Jojo Moyes schon jetzt auf eine ziemlich steile Erfolgskurve als Schriftstellerin verweisen. Mit diesem ihrem vierten in Deutschland veröffentlichten Roman gelingt ihr abermals das Kunststück, sich nicht zu wiederholen und wieder eine ganz andere Geschichte zu erzählen, und dabei dennoch ihren ganz eigenen Stil zu wahren. Für ihren Roman "Ein ganzes halbes Jahr" hat sie zum Beispiel, neben den grandiosen Verkaufszahlen ihrer Bücher, auch die Filmrechte verkauft. Es läuft also ziemlich gut für Frau Moyes…und das zu Recht, wie auch "Ein Bild von Dir" wieder eindrucksvoll beweist.

St. Péronne, Frankreich, 1916. Sophie und ihre Schwester Hélène versuchen, unter der deutschen Besatzungsmacht zu überleben. Das Essen wird immer knapper, die Allmacht der Deutschen immer gegenwärtiger, ein Entkommen unmöglich. Die Männer der beiden jungen Frauen, Édouard, ein Maler, und Jean-Michel, sind schon eine gefühlte Ewigkeit im Krieg und ihr Schicksal ist ungewiss. Als Erinnerung an ihren Mann und an die Frau, die sie einst war, ist Sophie lediglich ein Portrait geblieben, das Édouard von ihr gemalt hat, als sie noch glücklich und zufrieden in Paris lebten. Und eben dieses Bild, "Jeune Femme" (junge Frau), befindet sich knapp 100 Jahre später im Besitz von Liv. Und auch für sie hat das Bild eine ganz besondere Bedeutung. Es war ein Geschenk ihres Mannes David, der vor vier Jahren plötzlich und unerwartet verstarb. Seitdem lebt Liv ein zurückgezogenes und einsames Leben in dem viel zu großen Haus in London, das David einst für sie beide gebaut hat. Erst als sie Paul kennenlernt, scheint sich Liv ganz langsam wieder aus ihrem Schneckenhaus herauszutrauen. Doch dann soll es ausgerechnet die "Jeune Femme" sein, die Livs Leben eine schicksalhafte und dramatische Wendung gibt…

Man muss sich zunächst darüber im Klaren sein, dass "Ein Bild von Dir" auf zwei Zeitebenen spielt, die knapp ein Jahrhundert auseinander liegen und deren Verlauf erst nacheinander, dann in der Gegenwart verharrend, aber mit sporadischen Rückblenden ins vorherige Jahrhundert, erzählt wird. Im ersten Drittel des Buches geht es ausschließlich um Sophie anno 1912-1916. Ihr bescheidenes Leben in Paris, das Kennenlernen Édouards, und dann der Ausbruch des Krieges, der Édouard in den Kriegsdienst und Sophie zurück in den Landgasthof ihrer verstorbenen Eltern in einem Dorf nahe Paris getrieben hat. Eindringlich schildert Moyes das harte Leben unter den deutschen Besatzern, die fast allgegenwärtige Angst vor Übergriffen, Kriegsgefangenschaft und Erschießungen, den ständigen Hunger, die Unterernährung, die Lebensmittelknappheit und das Gebaren der Deutschen in Frankreich. Moyes entwirft hier ein offensichtlich sehr authentisches Bild der damaligen Zeit, jedenfalls gelingt es ihr, den Leser sehr schnell für Sophie und ihr Schicksal einzunehmen.

Und genau in dem Moment, wo Sophies Leben eine dramatische Wendung widerfährt, blendet Moyes ab und springt in die Gegenwart (anno 2006) zu Liv. Diese ist mittlerweile im Besitz des Gemäldes, welches die junge Sophie zeigt. Es ist ihr wertvollster Besitz, weil sie und ihr vor vier Jahren unerwartet verstorbener Mann David es während ihrer Hochzeitsreise in Barcelona zufällig entdeckt hatten und David es ihr dort geschenkt hat. Liv hat Davids Tod noch immer nicht verwunden und sich in das supermoderne Haus zurückgezogen, das David für sie beide gebaut hat. Doch Livs Geldsorgen werden immer erdrückender, nur mühsam kann sie sich finanziell über Wasser halten. Und dann passieren zwei Dinge, mit denen Liv nicht gerechnet hätte: a) lernt sie tatsächlich einen Mann kennen, der ihr gefällt und dem es mit ihr ähnlich zu gehen scheint und b) will man ihr das geliebte Gemälde wegnehmen. Dass Liv nicht nur, wie anfangs gedacht, um das Bild kämpfen muss, sondern auch um die Beziehung zu Paul - eben wegen jenes Bildes - hätte sie sich nicht träumen lassen.

Moyes gelingt es wunderbar, diese beiden so unterschiedlichen Frauen, die zwar ein Jahrhundert trennt, die aber ihr starker Wille eint, lebendig werden zu lassen. So behutsam wie eindringlich erweckt sie sowohl Sophie als auch Liv zum Leben und stellt ihnen weitere interessante Charaktere an die Seite. "Ein Bild von Dir" ist auch eine Liebesgeschichte, ja, eine doppelte sogar, aber das ist nicht alles. Moyes' Roman vereint Romanze, Kriegsdrama, Tragödie und sogar ein bisschen Thriller miteinander und dank Moyes' versiertem Umgang mit Sprache und ihrem Talent als Geschichtenerzählerin funktioniert diese Genre-Melange ausgezeichnet.

Ob man sich in der geschilderten französischen Vergangenheit oder der britischen Gegenwart bei "Ein Bild von Dir" wohler fühlt, ist wohl reine Geschmackssache. Mitfiebern kann man in beiden Jahrhunderten, denn sowohl Sophies Schicksal als auch Livs Leben und der zukünftige Verbleib des Bildes bieten Spannung und Emotionalität. Nach der Erzählung von Sophies Part am Anfang des Buches bleibt Moyes vorrangig in der Gegenwart bei Liv, würzt diese aber regelmäßig mit kurzen Rückblenden zu Sophies weiterem Lebensverlauf und zu dem, was mit dem Gemälde geschehen ist, bevor es bei Liv gelandet ist. Das Ende fällt für meinen Geschmack (wie schon öfter bei Moyes) etwas knapp aus; man hätte einfach gern noch ein bisschen mehr erfahren oder wäre noch ein wenig länger bei Sophie oder Liv geblieben, aber dies verwehrt Moyes dem Leser. Da dies aber alles ist, was an "Ein Bild für Dich" eventuell zu bemängeln wäre, wäre dies Jammern auf hohem Niveau.

"Ein Bild von Dir" ist sowohl ein typisches Moyes-Buch als auch wieder eine gänzlich andere Geschichte als die vorherigen der Autorin. Jojo Moyes gelingt es nahezu einzigartig, sich bzw. ihre Geschichten jedes Mal ganz neu zu erfinden und die Erwartungshaltung der Leser und Fans zu bestätigen und sie gleichzeitig zu unterwandern. "Ein Bild von Dir" ist eine Liebesgeschichte, verteilt auf zwei Jahrhunderte, zwei Länder und zwei Protagonistinnen; es ist aber auch spannender Nachforschungs-Krimi und Drama. Eine überaus gelungene Mischung, wie wohl nur Jojo Moyes sie so perfekt zusammenmischen kann. Deshalb gerne volle fünf von fünf Jeune Femmes, denen man gerne mal begegnet wäre.


Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat: Roman
Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat: Roman
von Gavin Extence
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Meteoriten und Marihuana, 12. Juni 2015
Alex Woods lebt in Lower Godley, Somerset und ist zehn Jahre alt, als ihm etwas passiert, was bislang nur einem einzigen anderen Menschen auf der ganzen Welt widerfahren ist: er wird von einem zwei Kilo schweren Meteoriten getroffen, als dieser direkt durchs heimische Dach saust und Alex am Kopf verletzt. Dieses Ereignis zieht zuerst ein zweiwöchiges Koma und etwas später eine Epilepsie nach sich, an der Alex fortan leidet. Seine Mutter, die einen kleinen esoterischen Laden betreibt und Anderen die Karten legt, macht Alex durch ihre Überfürsorglichkeit fast wahnsinnig, also wendet Alex sich wissenschaftlichen Abhandlungen über Meteoriten und anderen physikalischen Büchern zu. Doch eines Tages, Alex ist mittlerweile 13, trifft er auf Mr. Peterson, einen kiffenden amerikanischen Vietnam-Veteranen, der nach England übergesiedelt und dessen Lieblingsautor Kurt Vonnegut ist. In den nächsten vier Jahren werden Alex und Mr. Peterson gute Freunde, bis Alex eines Tages an der Grenze in Dover angehalten wird und man 113 Gramm Marihuana und eine Urne voll Asche in seinem Wagen findet…

Bei Debütromanen sollte man ja immer ein bisschen Nachsicht walten lassen, da man sicherlich nicht erwarten kann, dass ein "Ersttäter" gleich den großen literarischen Wurf hinlegt, den man sich als Leser vielleicht wünscht. Doch auch bei aller Nachsicht fällt auf, dass Gavin Extence zwar eine amüsant geschriebene Geschichte erzählt, aber schlussendlich eine, die einen irgendwie nicht so richtig erreicht. Sicherlich ist Alex kein normaler Junge, immerhin wurde er von einem Meteoriten am Kopf getroffen, leidet an Epilepsie und muss sich mit einer so resoluten wie verqueren Mutter (und ohne Vater) rumschlagen. Und dann wird ausgerechnet ein Mann sein bester Freund, der sein Großvater sein könnte. Doch viel mehr passiert dann, ehrlich gesagt, auch nicht, obwohl Extence hier eine Zeitspanne von sieben Jahren beschreibt.

Extence gibt sich redlich Mühe, seinen Protagonisten so spleenig wie möglich erscheinen zu lassen. Leider tut er dies oft mithilfe seitenlanger physikalisch-wissenschaftlicher Exkursionen, in denen Alex sich ergeht, um den Leser (in direkter Ansprache übrigens) an seinem neu erworbenen Wissen teilhaben zu lassen. Das ist oft amüsant, oft aber auch etwas ermüdend und langweilig. Auch immer wieder zitierte Passagen aus den Büchern von Kurt Vonnegut vermögen es nicht, das Interesse des Lesers zu steigern, man ertappt sich eher beim Überfliegen solcher Passagen. Das größte Humorpotenzial zieht das Buch aus den Missverständnissen, denen Alex (meist aufgrund seines noch jungen Alters) unterliegt, weil er etwas gar nicht oder falsch versteht.

Ich weiß nicht so genau, was Extences Ansinnen mit seinem Erstling war. Was will er uns hier eigentlich erzählen, was ist die "Message"? "Das unerhörte Leben des Alex Woods" wirkt wie der willkürliche Blick auf das Leben eines nerdigen Jungen und späteren Teenagers, der einerseits überdurchschnittlich intelligent ist, andererseits noch sehr naiv und unerfahren. Der keine Freunde hat und mit seiner Mutter und der ständig trächtigen Katze in einem Dorf in England lebt, wo nie etwas passiert - vom Meteoriteneinschlag einmal abgesehen. Der einen alten, grummeligen Mann kennenlernt, der ihn Briefe an Amnesty International schreiben lässt und ihm seltsame Bücher zu lesen gibt. Und dem er vier Jahre nach ihrem Kennenlernen einen wirklichen Freundschaftsdienst erweist. Alles schön und gut, aber so wirklich spannend ist das bedauerlicherweise nicht. Und obwohl Extence über eine gesunde Portion britischen Humors verfügt, hätte sein Roman noch sarkastischer und witziger ausfallen müssen, um (mich) wirklich überzeugen zu können. Denn an so mancher Stelle wirkt der Humor etwas bemüht und aufgesetzt, was die ohnehin schon seltsame Geschichte nicht wirklich kurzweiliger macht.

Mehr oder weniger willkürlich fügt Extence hier Situationen aus Vergangenheit und Gegenwart von Alex' Leben zusammen, springt auf der Zeitebene immer wieder vor und zurück und hat letztendlich doch nicht so viel zu sagen. Die Protagonisten sind einem durchaus sympathisch, sogar Identifikationsmöglichkeiten sind gegeben, aber dennoch wird man nie so richtig warm mit ihnen, die ganze Geschichte ist einfach nicht interessant und spannend genug, um die knapp 500 Seiten zu rechtfertigen, die Extence dafür verbraucht hat.

Insofern ist die Lektüre von "Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat" (so der vollständige Titel - im Original übrigens etwas schlichter mit "The Universe Versus Alex Woods" betitelt) ein eher durchwachsenes Lesevergnügen als der gelungene, brüllkomische und wahnsinnig talentierte große Wurf eines neuen britischen Autors. Gavin Extence hat definitiv Talent, er muss vielleicht nur noch seinen Weg finden, etwas "rundere" Bücher zu schreiben, die einen inhaltlich wirklich mitreißen und emotional berühren. Dafür hat es hier leider noch nicht ganz gereicht, wenngleich man nicht umhin kommt, Extences skurrilen Sinn für Humor ein ums andere mal durchaus zu goutieren. Leider werden solch gelungene Passagen immer wieder von recht behäbigen, unerheblichen und ausufernden Abschnitten abgelöst, die Extences mangelnde Routine als Schreiber hervorheben.

Alles in allem ist "Das unerhörte Leben des Alex Woods" ein rhetorisch gut geschriebener, inhaltlich aber nicht ganz überzeugender Roman geworden. Man sollte Gavin Extence aber im Auge behalten, denn der Mann hat durchaus einen speziellen Humor, den er ja bereits in seinem nächsten Buch perfektionieren könnte. Wer schräge Typen und seltsame Geschichten mag und damit leben kann, dass hier storytechnisch noch nicht alles ausgefeilt ist, sollte dem Buch ruhig eine Chance geben. Wer allerdings auf Schräges à la Douglas Adams oder Jasper Fforde hofft, sollte vielleicht lieber auf Extences zweiten Roman warten, wann immer er diesen auch schreiben mag. Bis dahin durchschnittliche drei von fünf Meteoriten, die noch punktgenauer hätten einschlagen müssen.


Bettler und Hase: Roman
Bettler und Hase: Roman
von Tuomas Kyrö
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2.0 von 5 Sternen Fabel(haft?), 8. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Bettler und Hase: Roman (Taschenbuch)
Die Finnen…so sehr ich ihre Filme und Samu Habers Akzent liebe, so wenig kann ich mit ihrer Literatur anfangen. Ich habe es wirklich ein paar Mal versucht, aber ich werde mit dieser oft distanzierten, deprimierenden Lyrik einfach nicht so richtig warm. Kyrös Roman wird oft mit "Der Hundertjährige, der aus einem Fenster stieg und verschwand" verglichen. Und ja, ich muss zugeben, einige wenige (absurde) Passagen haben mich durchaus an Jonas Jonassons grandiosen Roman erinnert. Allerdings gelang es diesem, trotz aller Schicksalsschläge seines Protagonisten, seiner Geschichte einen heiter-ironischen Grundton zu verpassen, der bei Tuomas Kyrö nur sehr selten durchschimmert und seinen Roman an vielen anderen Stellen wirklich langatmig und uninteressant wirken lässt. Ein bisschen spannend, ein bisschen interessant, das reicht für mich einfach nicht, um mich überzeugen zu können, dass die Romane finnischer Schriftsteller für mich doch noch lesenswert werden.

Tuomas Kyrö wurde 1974 in Helsinki geboren und ist ein in Finnland recht bekannter Schriftsteller und Comiczeichner, der seit 2012 ebenfalls als regelmäßiger Talkgast in einer finnischen Fernsehshow auftaucht. Kyrö hat diverse finnische Literaturpreise erhalten. Er schreibt seit 2001, "Bettler und Hase" ist 2011 erschienen und sein damals siebter Roman gewesen. Mittlerweile hat Kyrö es auf 12 Veröffentlichungen gebracht. Kyrö lebt mit seiner Familie in Janakkala im Süden Finnlands.

Vatanescu hat es nicht leicht. Der total verarmte Rumäne sieht sich gezwungen, sich von dem ukrainischen Schlepper und Ausbeuter Jegor Kugar illegal nach Finnland schleusen zu lassen, um wenigstens etwas Geld als Bettler zu verdienen. Denn Vatanescu hat einen Traum: er möchte seinem Sohn Miklos, einem begabten kleinen Fußballspieler, endlich Stollenschuhe kaufen können. Doch natürlich wird daraus erstmal nichts. Vom wenigen verdienten Geld muss er das meiste an Jegor abgeben, er haust unter unwürdigen Bedingungen mit anderen Bettlern zusammen und wird von Jegor regelmäßig gedemütigt. Doch eines Tages reicht es Vatanescu: er schlägt zurück und somit Jegor nieder, klaut diesem die Tageseinnahmen und taucht in Helsinki unter. Zuvor kann er aber noch einen Hasen, der eigentlich ein Kaninchen ist, vor dem sicheren Tod bewahren und nimmt es unter seine Fittiche. Auf seiner Flucht durch Helsinki und dann durch ganz Finnland begegnet Vatanescu den unterschiedlichsten Menschen (z. B. einem finnisch-vietnamesischen Restaurantbesitzer, einem dicken Ehepaar, dessen Vorlieben Zumba (sie) und Sauna-Saufen (er) sind, einer depressiven Zauberin und einem angemoppelten Politiker), die sein Schicksal mal mehr, mal weniger beeinflussen. Wird es Vatanescu am Ende gelingen, seinem Sohn die heißbegehrten Stollenschuhe zu kaufen, ohne im Gefängnis zu landen oder von Jegor erwischt zu werden? Und was wird aus dem hasigen Kaninchen?

So ganz habe ich nicht herausgefunden, was "Bettler und Hase" denn nun eigentlich sein möchte: Modernes Märchen? Sozialkritisches Drama? Finnisch-rumänischer Roadtrip? Satirische Fabel? Irgendwie ist es von allem ein bisschen, leider wird daraus in der Summe kein überaus lesenswerter Roman. Vielleicht liegt es aber auch schlicht an meiner Unzulänglichkeit, mit der finnischen Schreibe warm zu werden. Irgendwie schaffen es finnische Autoren bei mir nicht, mich ins Geschehen hineinzuziehen, Empathie für die Protagonisten zu entwickeln und ihre Geschichten mit so geringer Distanz zu erzählen, dass ich dem vorgegebenen Weg des Autors nur zu gern folge. Ich finde einfach nicht den Zugang zur tendenziell schwermütigen finnischen Seele, finde die Lebenswege und Charaktereigenschaften der Protagonisten deprimierend bzw. wenig mögenswert und kann dem, was ein finnischer Autor zu erzählen hat, meist nur wenig Interessantes abgewinnen.

Mit finnischen Filmen hingegen, besonders denen von Aki Kaurismäki, der Schwermut und Hoffnungslosigkeit seiner finnischen Landsleute wie kein Zweiter in schwarz-weiße Filme zu verpacken vermag, habe ich überhaupt keine Probleme, im Gegenteil, ich liebe diese kompromisslose Traurigkeit, die Lakonie, die Schicksalsergebenheit, die auch durch plötzlich auftauchendes Glück kaum jemals verschwindet. Und ich glaube, "Bettler und Hase" wäre, von Aki oder Mika Kaurismäki inszeniert, ein Film, den ich bedingungslos lieben könnte. Komischerweise funktioniert die Geschichte, zwischen Buchseiten gepresst, für mich so gut wie gar nicht.

Kyrös Stil schwankt zwischen kurzen, kahlen Sätzen und weitschweifigen Erklärungen unbedeutender Zwischenfälle oder Gedankengänge verschiedener Protagonisten. Kyrö mimt den allwissenden, übergeordneten Erzähler, der verschiedene Charaktere zu Wort kommen lässt - fast ausschließlich durch indirekte Rede oder nicht ausgesprochene Gedanken. So erfährt man unter anderem auch, was das Kaninchen bzw. der Hase so denkt (auch wenn dies wenig relevant ist). Manchmal gelingt Kyrö dabei ein ähnlich sarkastischer Humor wie dem Schweden Jonas Jonasson mit "Der Hundertjährige…" und man ertappt sich beim Schmunzeln über Kyrös nur vermeintlich unschuldig ausgesprochene Wahrheiten. Viel öfter aber ertappt man sich leider dabei, dass man dem Storyverlauf nur mäßig interessiert folgt und sich an Kyrös kargem, wenig empathischem Stil stört, der eine stete Distanz zwischen Leser und Protagonisten geradezu herausfordert. Da darüber hinaus Vatanescus Stationen auf seiner Flucht durch Finnland immer wieder durch die Schilderungen der Lebensläufe anderer, unwichtigerer Protagonisten unterbrochen werden, kommt man nie so richtig rein in die Story, auch wenn ein roter Faden definitiv vorhanden ist. Das Ende des Buches lässt sich dann definitiv ins Reich der Märchen verbannen, was dem Einen sicherlich gefällt, dem Anderen aber doch recht unpassend vorkommt. Überhaupt ist die Mischung aus Märchen und Realsatire für mich einfach nicht gelungen.

"Bettler und Hase" ist für mich ein typisch finnischer Roman, und genau deshalb gefällt er mir einfach nicht so richtig. Ich mag diesen kurz angebundenen, distanzierten Stil und die alles überlagernde Tristesse einfach nicht und finde nie Identifikationsfiguren, denen ich Empathie oder auch nur Interesse entgegenbringen kann. Dennoch glaube ich - zugegebenermaßen bar jeder Logik - dass das Buch als Film ein ganz großartiger finnischer Filmbeitrag wäre, zumindest, wenn man einen der Kaurismäkis auf den Regiestuhl setzen würde. In finnischen Filmen funktioniert für mich all das, was ich am Buch auszusetzen habe, erstaunlicherweise ganz wunderbar. Versteh's einer. Nun denn, deshalb für das Buch für mich leider nur zwei von fünf finnischen Roadtrips, bei denen ich mich als Mitreisende ausklinke.


San Andreas
San Andreas
Preis: EUR 12,99

3 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kaputt, 4. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: San Andreas (DVD)
(3D-Kinoversion)

Gegen gut gemachtes Action-Popcorn-Kino hat selbst die Miss ab und an nichts einzuwenden, weshalb sie sich auch für den unfassbaren Preis von 14 Euro (an einem Samstag Nachmittag…hallo?) die 3D-Brille auf- und sich selbst in "San Andreas" gesetzt hat. Nach 114 Minuten Getöse, Drama und imposanten Kaputtgeh-Orgien der Westküste von La-La-Land bleibt festzuhalten, dass "San Andreas" genau das ist: Popcorn-Krawumm-Kino ohne nennenswerte Charaktere oder Tiefgang, dafür aber unbestritten spannend und mit teilweise atemberaubenden CGI-Effekten. Dass Regisseur Brad Peyton ("Cats & Dogs", "Die Reise zur geheimnisvollen Insel") dies in seinem erst dritten Film geschafft hat, kann man durchaus positiv in seiner Agenda vermerken.

Hubschrauberpilot Ray (Dwayne Johnson, "Hercules") lebt getrennt von Frau Emma (Carla Gugino, "Sin City") und Tochter Blake (Alexandra Daddario, "Texas Chainsaw") in L.A. und rettet Leben. Als ein Geologe (Paul Giamatti, "Rock of Ages") ein schweres Erdbeben im San Andreas-Graben voraussagt, das ganz Kalifornien in Schutt und Asche legen könnte, kann Ray schneller als ihm lieb ist beweisen, was in ihm steckt. Denn das Erdbeben der Stärke 9,6 kommt tatsächlich und stürzt L.A. in die komplette Katastrophe. Mit Müh und Not kann Ray noch seine Ex retten, dann machen sie sich auch schon auf den Weg nach San Francisco, denn dorthin ist Blake mit ihrem Stiefvater geflogen. Doch auch San Francisco ist schon schwer verwüstet und Blake in arger Bedrängnis. Glücklicherweise hat sie inmitten des Chaos den netten Ben (Hugo Johnstone-Burt) und dessen kleinen Bruder Ollie (Art Parkinson, "Dracula untold") kennengelernt. Zusammen versuchen sie, mit Ray in Kontakt zu treten und so lange am Leben zu bleiben, bis Daddy sie retten kommt.

Das gute alte Katastrophenkino…einfach nicht totzukriegen. Und dank immer ausgefeilterer Technik auch zunehmend ein Augenschmaus für den actionaffinen Kinogänger. Technisch kann man "San Andreas" denn auch wirklich nichts vorwerfen. Sowohl die exzellente CGI, dank derer sowohl L.A. als auch San Francisco spektakulär zugrunde gehen als auch die 3D-Technik, die einem schön plastisch alles Mögliche um die Ohren bzw. vor die Augen fliegen lässt, lassen keine Wünsche offen. Zwar fand ich persönlich "2012" optisch noch ein bisschen beeindruckender, aber das mag daran gelegen haben, dass Roland Emmerich ja mehr oder weniger die ganze Welt hat kaputtgehen lassen, während Brad Peyton sich auf Kalifornien beschränkt hat.

Doch abseits der durchaus applauswürdigen Chaos-Szenen, die Peyton gut geschnitten und choreographiert hat, werden die Schwächen des Films sichtbar. Erst einmal strotzt "San Andreas" natürlich vor Klischees. Die zerrissene Familie, die in der Not wieder zusammenfindet, der heldenhafte Vater, der alle Hürden überwindet, um seine Familie zu retten, der nicht ganz koschere Stiefvater, der grundgute junge Held, der sich mit der ebenfalls grundguten jungen Heldin zusammentut und die sich natürlich ineinander vergucken, immer wieder Rettungen in allerletzter Minute und natürlich das Überleben aller Sympathieträger des Films. Wenigstens spart Peyton das Klischee des Wissenschaftlers, der alles voraussieht und auf den keiner hört, aus. Paul Giamatti als Geologe wird praktisch sofort ernst genommen und trägt maßgeblich dazu bei, dass viele Menschen gerettet werden können.

Diese Klischeehaftigkeit bringt natürlich auch viel Oberflächlichkeit mit sich. Die Figuren haben kaum Profil und werden lediglich mit wenigen schwarzweiß-gemalten Charaktereigenschaften ausgestattet. Daddy ist gut, aber verletzt durch die Trennung. Mutti ist neu verbandelt, kennt ihren Neuen aber nicht wirklich. Der Neue bleibt nahezu schemenhaft, bis ihn dann auch schon sein Schicksal ereilt. Daddys little Girl wird erwachsen und erkennt, was wirklich wichtig ist. Ihre neuen Katastrophen-Freunde sind…nett. Tja, und viel mehr gibt es dann auch nicht zu sagen über die Protagonisten. Ergänzt um die üblichen pathetischen Dialoge, die für solche Filme typisch sind, wird daraus ein x-beliebiger Katastrophen-Cast, der so austauschbar ist, dass man sich (mal abgesehen von Dwayne Johnsons physischer Präsenz) schon beim Abspann kaum noch an ihn erinnert.

Und schlussendlich scheint Regisseur Peyton ein eher zartbesaitetes Gemüt zu sein. Denn so sehr er es auch krachen lässt, um L.A. und San Francisco effektvoll in Schutt und Asche zu legen, so weicheiig geht er vor, wenn es um die menschlichen Schrecken einer solchen Erdbeben-Katastrophe geht. Peyton blendet so gut wie jedes Mal ab, wenn es um die Verletzten oder die Toten geht. Sicherlich soll aus "San Andreas" kein blutgetränktes Horrormovie werden, aber zu einem Katastrophenfilm gehören nun auch mal die menschlichen Schicksale, und zwar auch die, für die es nicht gut ausgeht. Darüber hinaus hätte etwas mehr menschliche Dramatik dem wirklich sehr oberflächlichen Film sehr gut getan. Aber mehr als ein paar humpelnde, verstaubte und blutigschrammige Statisten bekommt man hier leider nicht zu sehen, was ziemlich am Realismus einer solch schweren Katastrophe vorbeigeht.

Ja, zu den Schauspielern gibt es nicht allzu viel zu sagen, da sie hier wirklich kaum Akzente setzen können und im bildgewaltigen Erdbeben-Chaos eh nur die zweite Geige spielen, um als Bindeglied zwischen den einzelnen Erderschütterungen zu fungieren. Dwayne Johnson spielt vermutlich…Dwayne Johnson. Der hünenhafte Muskelprotz mit dem Eierkopf kommt wie immer sympathisch und heroisch rüber, glänzt mit überdimensionierter, beeindruckender Physis und begrenzten, aber ausreichenden schauspielerischen Fähigkeiten. Carla Gugino beschränkt sich auf bekümmert bis entsetzt gucken, und das kriegt sie auch gut hin. Alexandra Daddario, die bereits 29 ist, kommt erstaunlich authentisch als Teenager rüber. Hugo Johnstone-Burt bleibt ziemlich blass, der junge Art Parkinson hat immer noch (wie schon in "Dracula untold") eine bekloppte Frisur, ist ansonsten aber ganz putzig. Paul Giamatti verschenkt hier wieder einmal sein großes Talent in einer seiner unzähligen Nebenrollen und muss auch noch für einen Regiefehler Peytons gradestehen (Brille beim Erdbeben verloren, in der nächsten Szene aber wundersamerweise wieder auf des Geologen Nase). Und warum Kylie Minogue hier mitspielt, weiß auch keiner. Sie hat einen lediglich 30sekündigen Auftritt und darf noch nicht mal interessant sterben.

"San Andreas" ist gut gemachtes Katastrophenkino, das sich abseits der spektakulären Bilder aber leider nicht von tausend ähnlich gelagerten Filmen abhebt. Regisseur Peyton latscht auf denselben ausgetretenen Actionfilm-Pfaden wie viele seiner Vorgänger - das fängt bei den pathetischen Dialogen an, geht über die klischeehafte und oberflächliche Figurenzeichnung und hört natürlich erst auf, wenn mindestens dreimal Gott um Schutz angefleht und gebetet wurde und am Ende die amerikanische Flagge verheißungsvoll im Wind weht. Verschenktes Potenzial, aber wen das alles nicht stört, der bekommt mit "San Andreas" fast durchgängig spannend und spektakulär inszeniertes Actionkino, in dem es richtig oft kracht und sowohl L.A. als auch San Francisco visuell atemberaubend zugrunde gehen. Für mich gute drei von fünf Gräben, in die man lieber nicht fallen möchte.


Gemeingefährlich: Deutschlands schlimmste Verbrecher - ein Kommissar berichtet
Gemeingefährlich: Deutschlands schlimmste Verbrecher - ein Kommissar berichtet
von Stephan Harbort
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

3.0 von 5 Sternen Psychopath oder Irrer?, 2. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Im vorliegenden Buch widmet sich Profiling-Experte und Kriminalkommissar Stephan Harbort ein weiteres Mal seinem Spezialgebiet Serienmord bzw. Gewaltverbrechen. "Gemein Gefährlich" ist Harborts 19. Werk zu diesem Thema und dem Autor gelingt es immer noch, dem Thema neue Facetten abzugewinnen. Im Fokus dieses Werkes steht nun die Frage, ob ein Gewaltverbrecher oder Mörder "nur" für eine gewisse Zeit ins Gefängnis gehört, resozialisier- oder therapierbar ist, ob sich der Haftstrafe eine anschließende Sicherungsverwahrung (auf unbestimmte Zeit) anschließen soll oder ob jemand nicht in vollem Umfang für seine Taten verantwortlich gemacht werden kann und deshalb nicht ins Gefängnis, sondern lebenslang in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden muss. Was es dabei juristisch zu beachten gilt und wann jemand psychisch krank, aber voll zurechnungsfähig ist und wann nicht, erklärt Harbort wie üblich anhand von Fallbeispielen.

Stephan Harbort ist Kriminalkommissar, Autor und wohl Deutschlands bekanntester Profiler und Experte für Serienmörder. Harbort wurde 1964 in Düsseldorf geboren, hat ein Diplom in Verwaltungswirtschaft, war an der Entwicklung verschiedener Fahndungsmethoden zur Überführung von Serienverbrechern beteiligt, unterrichtete als Dozent an der Fachhochschule Düsseldorf und war Referent am Institut für Polizeifortbildung in Neuss. Darüber hinaus lehrt er seit 2012 an der BTU Cottbus. Harbort hat mit mehr als 70 verurteilten Serienmördern gesprochen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Harbort schildert anhand von acht Fallbeispielen Gewaltverbrechen, bei denen durch Psychologen und in den anschließenden Gerichtsverhandlungen geklärt werden muss, zu welcher Art Strafe der jeweilige Täter verurteilt werden soll. Dazu schildert Harbort sowohl die Tathergänge selbst als auch das Vorleben und die Kindheit der Täter. Anhand dieser Informationen lassen sich ausreichend Schlüsse daraus ziehen, welches Strafmaß und welche Art der "Verwahrung" in Frage kommen.

Darüber hinaus gibt Harbort aber auch den Opfern eine Stimme, schildert die verzweifelte Suche der Angehörigen nach den Verschwundenen oder Ermordeten und beschreibt ihre Reaktion auf die Nachricht, dass sie einen Menschen unwiederbringlich verloren haben. Abgerundet wird die Schilderung der einzelnen Fälle durch die Erläuterung von Gerichtsurteilen und psychiatrischen Gutachten. Hier verwendet Harbort manchmal etwas viele juristische oder medizinische Fachbegriffe, die für den Leser nicht immer ganz verständlich sind. Dennoch entsteht so ein umfassendes Bild des Täters, der Opfer und der Gründe für die entsprechenden, über die Täter verhängten Urteile.

Harbort gliedert sein Buch in ein einleitendes Vorwort, die acht erwähnten Kriminalfälle und ein Kurzbeschreibung eines neunten Falles, den er unter dem Titel "Statt eines Nachwortes" zusammenfasst. Es geht unter anderem um Vergewaltiger, die Kinder und Jugendliche ermordet haben, den in der Presse bekannt gewordenen Fall eines 18jährigen, der von seinen drei 18 bis 20jährigen Mitinsassen im Gefängnis erst fast einen Tag lang gedemütigt und gefoltert wurde, bis sie ihn schlussendlich zum Tod durch Erhängen gezwungen haben; es geht um den Mord an einer Taxifahrerin, einen Fall aus der ehemaligen DDR, in dem der in eine Anstalt eingewiesene Täter seine Ärzte immer wieder täuschen und fliehen konnte und um einen schizophrenen Obdachlosenmörder, der seine Opfer mit dem Hammer totgeschlagen hat. Die teilweise wahnwitzigen Fußnoten solcher Fälle (z. B. konnte ein Täter immer wieder aus einer Klinik ausbrechen, weil das Gitter an dem Fenster, durch das er entkommen konnte, nicht instandgesetzt wurde, da das Gebäude unter Denkmalschutz steht) lassen einen ein ums andere Mal mit dem Kopf schütteln, weil man gar nicht glauben mag, welche Zufälle oder Versäumnisse teilweise zum Tod eines Menschen geführt haben.

Bei den Täterbeschreibungen stellt sich heraus (was für den erfahrenen Leser von Büchern dieser Thematik keine Überraschung mehr ist), dass fast alle Täter in ihrer Kindheit misshandelt oder missbraucht wurden und Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen, die von verschlossener Einzelgänger bis kaum zu bändigender Aggressor reichen. Emotionale Vernachlässigung zieht sich jedoch bei allen durch Kindheit und Jugend und hat so in vielen Fällen das Entstehen einer Verbrecherkarriere extrem begünstigt. Harbort wirft hier auch die Frage auf, ob die Prophylaxe solcher Gewaltverbrechen nicht schon in frühester Kindheit der eventuellen zukünftigen Täter beginnen sollte, indem man den Fokus noch mehr auf vernachlässigte Kinder aus so genannten Problemfamilien legt.

Ein paar kleine Ungereimtheiten sind dem versierten Profiler dann ab und an aber doch unterlaufen. So schildert er zum Beispiel, dass einem Vergewaltiger und Mörder in seiner Wohnung bereits der Strom abgestellt wurde, dieser aber dennoch an seinem PC sitzt und im Internet surft. Kleinigkeiten, sicherlich, aber da Harbort mittlerweile über 20 Bücher veröffentlich hat und sich teilweise recht detailverliebt zeigt, sollte ihm so ein Fehler eigentlich nicht (mehr) unterlaufen.

"Gemein Gefährlich" ist ein weiterer interessanter Teilaspekt des Phänomens Serienmord. Neben den grausamen Verbrechen (die Harbort schonungslos schildert) werden auch Vergangenheit und Psyche der jeweiligen Täter erörtert, um festzustellen, wie die Gesellschaft am besten vor ihnen geschützt werden kann. Darüber hinaus gewinnt man Eindrücke in das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen und kann erkennen, wie schwierig es manchmal sowohl juristisch als auch psychologisch ist, das wahre Gewalt- und Gefährlichkeitspotenzial eines Täters zu erfassen und richtig einzuschätzen. Ob der regelmäßig angewandten Fachbegriffe nicht unbedingt Harborts am besten verständliches Buch und dadurch manchmal etwas dröge, alles in allem aber wieder mal ein lesenswerter Harbort, den man sich gerne ins Regal zu den anderen Publikationen des Autors stellen kann. Für mich sehr gute drei von fünf Gemeingefährlichen, denen man hoffentlich nie über den Weg laufen wird.


Wie schreibt man Liebe? [Blu-ray]
Wie schreibt man Liebe? [Blu-ray]
DVD ~ Hugh Grant
Preis: EUR 16,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Wie schreibt man uninspirierte Komödie?, 28. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Wie schreibt man Liebe? [Blu-ray] (Blu-ray)
Regisseur und Drehbuchautor Mark Lawrence scheint einen Narren an Hugh Grant gefressen zu haben, denn alle seine (drei) bisherigen Filme beherbergen den Engländer als Protagonisten ("Ein Chef zum Verlieben", "Mitten ins Herz - Ein Song für Dich", "Haben Sie das von den Morgans gehört?"). In die Reihe der mehr oder weniger gelungenen RomComs reiht sich "Wie schreibt man Liebe" bedauerlicherweise auf dem letzten Platz ein. Waren "Ein Chef zum Verlieben" und "Mitten ins Herz" noch recht gelungene Komödien mit dem typischen Hugh-Grant-Witz und Charme, kam "Haben Sie das von den Morgans gehört?" schon recht bemüht und teilweise auch peinlich daher. Mit "Wie schreibt man Liebe" hat Mark Lawrence nun den vorläufigen Tiefpunkt erreicht, der Film ist nicht mehr als eine bemühte, unlustige und langweilige Komödie, in der weder viel Humor noch Romantik auftauchen. Bedauerlicherweise hat sich zeitgleich Hugh Grants jugendlicher Charme abgenutzt und der mittlerweile 54jährige Brite kann als junggebliebener Charmeur nicht mehr wirklich überzeugen.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1 sowie deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Extras: Blick hinter die Kulissen, Interviews, deutscher und englischer Trailer, DVD/BD-Empfehlung und fünf Trailer. Bild und Ton sind für eine Blu Ray ok, aber nicht überragend, so dass der eventuelle Kauf der DVD in meinen Augen (und Ohren) ausreichend ist.

Drehbuchautor Keith Michaels (Hugh Grant, "Notting Hill") hat den Zenit seines Erfolges schon lange überschritten. Seit er vor 15 den Drehbuch-Oscar gewonnen hat, ist viel Zeit ins Land gegangen. Keith ist es nicht gelungen, an vergangene Erfolge anzuknüpfen, mittlerweile ist er in seiner Abwärtsspirale fast ganz unten angekommen. Seine Agentin müht sich zwar redlich, den ehemals Erfolgreichen irgendwo unterzubringen, kann aber nur eine Gast-Dozentenstelle an einem kleinen College im Staat New York ergattern, die Keith nur widerwillig annimmt, da er meint, Talent könne man nicht unterrichten, das hat man oder eben nicht. Nachdem er in Binghampton erstmal mit einer seiner künftigen Studentinnen in die Kiste gehüpft ist, macht er sich am nächsten Tag gleich bei einer einflussreichen Kollegin (Allison Janney, "Juno") unbeliebt, was Uni-Direktor Dr. Lerner (J.K. Simmons, "Juno", "Whiplash") Sorgen bereitet. Erst als Keith die alleinerziehende Mutter Holly (Marisa Tomei, "The Wrestler") kennenlernt, die als Spätstudierende ebenfalls in seinem Kurs über kreatives Schreiben sitzt, beginnt Keith, seine Einstellung zu überdenken.

Pffft… bei "Wie schreibt man Liebe?" scheint wirklich die Luft raus zu sein. Es ist fast schon schockierend, wie einfallslos und vor allem unlustig dieser 107minütige Versuch einer RomCom geraten ist. Marc Lawrence verlässt sich viel zu sehr auf seinen offensichtlichen Lieblingsschauspieler Hugh Grant, so dass er kaum noch kreative Energie auf sein Script, geschweige denn eine temporeiche und humorvolle Verfilmung verwendet hat. Und da Grants spitzbübischer, jugendlicher Charme bedauerlicherweise langsam der Unglaubwürdigkeit Platz macht (der Mann ist mittlerweile immerhin Mitte 50), bleibt von "Wie schreibt man Liebe?" nicht mehr als ein fahler humoristischer Nachgeschmack.
Schlussendlich schaut man Keith Michaels 107 Minuten dabei zu, wie er unbeholfen und lustlos durch sein Leben eiert. In L.A. ist's doof, weil keine neuen Aufträge reinkommen, er mittlerweile von seiner Frau geschieden ist und zu seinem 18jährigen Sohn (Achtung, pseudo-emotionaler Vater-Sohn-Konflikt, Seite 439 im bekannten Nachschlagewerk "How to dramatize a RomCom") kaum noch Kontakt hat. Als ihm dann auch noch der Strom abgedreht wird, macht Keith sich auf den Weg gen New York, um etwas zu tun, wozu er eigentlich gar keine Lust hat: als Gast-Dozent über kreatives Schreiben referieren. Also zur Ablenkung erstmal eine seiner zukünftigen Studentinnen flachlegen, um sich anschließend verdutzt darüber zu zeigen, dass solche Lehrer-Schülerinnen-Verhältnisse, huppala, gar nicht erlaubt sind. Gut, Fokus verlagern und lieber die sauertöpfische Literaturprofessorin vergrätzen, was soll der Geiz. Kommt auch nicht gut? Ok, dann doch mal ein Auge auf die sympathisch-bauernschlaue Spätstudierende werfen, vielleicht doch keine so doofe Idee, sich mal mit erwachsenen Frauen abzugeben. Dann - im Zuge der wundersamen Wandlung eines bedingt sympathischen Egomanen - noch mal eben einem Studenten zu Erfolg in Hollywood verhelfen (total uneigennützig, versteht sich) um sich dann in kitschiger Erkenntnis und Selbstkritik zu ergehen, bis alle Keith ganz toll finden, er sich selbst eingeschlossen. Knaller.

Die triviale und vorhersehbare Story wäre ja zu ertragen, wenn es Lawrence wenigstens gelungen wäre, Grant & Co. sympathisch-humorvolle Worte in den Mund zu legen und seiner hinkenden Story wenigstens ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen. Aber nein, auch hier patzt der Regisseur Schrägstrich Drehbuchschreiber. Selten hat man Hugh Grant so viel belangloses, unlustiges Zeug von sich geben sehen und selten sind so viele für den Zuschauer durchaus erkennbare Pointen mit Karacho gegen die Wand gefahren worden. Somit bleibt nicht mehr als überwiegend sinnentleertes Phrasengedresche und ein paar müde Witze über weiß-ich-schon-gar-nicht-mehr.

Zudem darf man Lawrence ankreiden, hier etliches fähiges Starpotenzial leichtfertig verschenkt zu haben. Hugh Grant ist natürlich nicht der beste Schauspieler unter der Sonne, aber mit knackigen, humoristischen Dialogen gefüttert durchaus ein Garant für charmant-kurzweilige Unterhaltung. Da diese hier wegfällt, konzentriert man sich mehr auf seine Physis und stellt fest, dass der Lack des britischen Frauenverstehers so langsam ab ist. Ergraut und recht faltig hat Grant Mühe, seinem ehemaligen Image noch gerecht zu werden. Darüber hinaus ist sein Auftritt hier weit mehr Pflicht denn Kür, Grants Spiel kommt so lustlos rüber wie sein Keith im Film überwiegend agiert. Im Vergleich dazu ist die mittlerweile 50jährige (!) Marisa Tomei eine Augenweide und hat zudem die besseren Drehbuchsätze abbekommen. Nur vier Jahre jünger als Grant, geht Tomei aber locker als Mittdreißigerin durch und ist immer noch auffallend hübsch. Ihr lang zurückliegender Oscar für ihre Rolle in "Mein Vetter Winnie" (1992) hat ihr - langfristig gesehen - leider nicht allzu viel gebracht, denn warum sonst sieht man eine so wunderbare Schauspielerin a) so selten und b) in so doofen Filmen? Sie meistert ihren Part an Grants Seite souverän und verschmitzt, so dass man ihr noch mehr Screentime gegönnt hätte. Und die beiden großartigen Darsteller Janney und Simmons (die in "Juno" übrigens als Ehepaar fungierten) müssen sich hier mit langweiligen Nebenrollen begnügen, die ihrem Talent nicht mal im Ansatz gerecht werden. Die Rollen der Studenten werden glaubhaft gegeben, soweit das im Rahmen ihrer klischeehaften Charakteranlage möglich ist (der Nerd, der Intelligente, der sein Potenzial noch nicht erkannt hat, die grummelige Asiatin mit Herz, die Bitch usw. usf.).

"Wie schreibt man Liebe?" ist eine furchtbar banale, vor allem aber unlustige und zähe RomCom, die ebenso wenig Rom(antik) wie Com(edy) beinhaltet. Die Story ist langweilig und vorhersehbar, die Charaktere nur in Ausnahmefällen sympathisch, der Handlungsverlauf wirkt konstruiert und das Ganze ist weder herzig noch witzig. Weitere Erkenntnisse? Mark Lawrence baut ab, Hugh Grant wird alt und Marisa Tomei ist toll. Viel mehr ist hier wirklich nicht mehr zu sagen. Trotz Staraufgebot und einer Handvoll Schmunzler nicht mehr als einen von fünf Drehbuchschreibern, deren Erfolg wirklich schon Jahre zurückliegt. Ach ja, wer das wirklich bis zum Ende durchhält, bekommt im Abspann noch ein paar müde Gags mehr serviert.


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