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MissVega (Hamburg)

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Wild Card [Blu-ray]
Wild Card [Blu-ray]
DVD ~ Jason Statham
Preis: EUR 15,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Cards yes, Wild no, 24. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Wild Card [Blu-ray] (Blu-ray)
Regisseur Simon West begann seine Karriere 1987 mit dem Dreh zu Rick Astley's Musikvideo "Never gonna give you up". Danach brauchte es zehn Jahre, bevor West mit "Con Air" wieder (und zugegebenermaßen recht imposant) in Erscheinung trat. Neben zahlreichen Ausflügen ins TV, wo West einzelne Episoden verschiedener Serien inszenierte, zeichnet er für "Lara Croft: Tomb Raider", "The Mechanic", "Stolen" und "Expendables 2" verantwortlich. Man sieht, West fühlt sich im Actionbereich wohl, auch wenn seine Filme von unterschiedlicher Güte sind. Mit "Wild Card" hat West sich allerdings nicht wirklich einen Gefallen getan, was man ebenso über "The Mechanic" und "Stolen" sagen kann. Jason Statham abseits seiner zugegebenermaßen beeindruckenden Kampfkünste als ernsthaften Schauspieler etablieren zu wollen, ging hier leider völlig nach hinten los. Wobei das zugegebenermaßen auch am Script von William Goldman liegen könnte, der hier seine Romanvorlage filmgerecht aufgearbeitet hat. Das allerdings erstaunt noch mehr, da Goldman so großartige Drehbücher wie die zu "Papillon", "Die Unbestechlichen" und "Misery" verfasst hat. Mit "Wild Card" hingegen legt er eine Bauchlandung hin, der Film ist selbst für seine nur 92 Minuten viel zu lang und vor allem weilig. Abgesehen von ein paar recht coolen Fights wird ausnahmslos belangloses Zeug geredet und sinnlos in Las Vegas rumgekurvt oder an Black-Jack-Tischen herumgesessen. Das reicht leider nicht.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in deutsch und englisch in DTS-HD 5.1, Untertitel in deutsch. Extras: Audiokommentar von Regisseur Simon West, Featurettes, Interviews mit Cast und Crew, deutscher und englischer Trailer des Films sowie acht weitere Trailer. Es scheint langsam in Mode zu kommen, den Ton auf den Silberlingen schlampig auszusteuern. Erneut ist hier zu bemängeln, dass die Musik des Films sowie die ausgetragenen Kämpfe höllisch laut sind, wohingegen die Dialoge viel zu leise ausfallen. Ständiges rauf- und runterschalten der Lautstärke ist also so unumgänglich wie enervierend. Darüber hinaus ist das Bild zwar klar und scharf, rechtfertigt aber nicht wirklich die Mehrausgabe für die Blu Ray.

So, aufgepasst: Nick Wild (Jason Statham, "Transporter 1-3") wurschtelt sich in Las Vegas so durch. Der ehemals spielsüchtige Söldner hält sich mit Bodyguard-Jobs halbwegs über Wasser und versucht, nicht wieder am Black-Jack-Tisch zu landen oder als willfährige Exekutive für Gangsterboss Baby (Stanley Tucci, "Die Tribute von Panem") tätig zu werden. Das geht für den Mann, der niemals eine Schusswaffe benutzt, so lange gut, bis seine Ex Holly (Dominik García-Lorido, "Meet the Rizzos") übel zusammengeschlagen und vergewaltigt auftaucht und ihn um Hilfe bittet, den Typen dingfest zu machen, das ihr das angetan hat. Widerwillig lässt sich Wild darauf ein, Gangster Danny (Milo Ventimiglia, "Heroes") aufzusuchen und Holly ihre Rache zu gewähren. Nebenbei hat er noch ein Auge auf den schüchternen Cyrus (Michael Angarano, "Red State"), der ihn engagiert hat, weil er sich nicht alleine ins Spielcasino traut und träumt weiterhin von seinem Ausstieg gen Korsika, wo Wild sich gerne niederlassen würde. Wenn da bloß nicht Danny und sein Gefolge wären, die nicht beabsichtigen, Wild irgendwohin gehen zu lassen…

Das klingt ja eigentlich erstmal gar nicht so schlecht. Wortkarger Fighter, der versucht, auf dem rechten Pfad zu bleiben, verwundete Frau, die seine Hilfe braucht, ein paar böse, böse Buben und ordentlich was auf die 12, alles in allem hirnlos-wunderbar…wenn…ja, wenn man denn in der Lage gewesen wäre, sowas auch knackig-kurzweilig zu erzählen. Dazu sehen sich allerdings weder der Regisseur noch der Drehbuchautor in der Lage. Und somit wird aus "Wild Card" ein zäher, pseudo-tiefsinniger, lahmer Rache-Nicht-Thriller, der die Geduld des actionaffinen Zuschauers über Gebühr strapaziert.

Erstmal braucht der Film eine ganze Weile, bis er überhaupt in die Gänge kommt. Vorerst ist man nur damit beschäftigt, Nick Wild beim grumselig in der Gegend rumgucken zuzusehen oder dabei, wie er vollkommen nichtssagende Gespräche mit Kellnerinnen oder potenziellen Mandanten führt. Dann führt er ebenso unergiebige Gespräche mit seiner Ex, der er eigentlich gar nicht helfen will, obwohl sie so übel zugerichtet wurde. Er will nicht wieder in die Unterwelt einsteigen, was zwangsläufig passieren würde, wenn er sich mit Gangster Danny anlegt. Dann macht er es aber doch, so dass dann zumindest endlich mal ein bisschen Leben in die Bude kommt. Dies wird aber gleich wieder durch ziellose Fahrten durch das nächtliche Las Vegas konterkariert oder durch furchtbar platte Gespräche, die Wild mit wem-auch-immer führt. Und falls man gerne mal ein bis 80 Partien Black Jack beiwohnen möchte, gibt "Wild Card" einem dazu die (unfassbar langweilige) Gelegenheit.

Ergo wird man nur ab und an kurz wachgerüttelt, wenn Wild seine Fäuste sprechen lässt. Dies sind dann auch die einzigen Sequenzen, mit denen der Film überzeugen kann. Denn mit Nick Wild sollte man sich besser nicht anlegen. Er kämpft schnell, hart und ohne jegliche Skrupel. Das sieht dann ab und an auch richtig schön böse aus. Wenn Wild die Gangster im halben Dutzend mit seinen bloßen Händen schachmatt setzt, kommt kurz Freude auf, denn die Kampf-Choreos sind zwar kurz, aber smart und brutal in Szene gesetzt und Wild kommt immer mit lediglich ein paar Kratzern davon. Leider sind es solcher Szenen zu wenige, um aus "Wild Card" einen kurzweiligen und krawummigen Actioner zu machen. Das pseudo-tiefgründige Gefasel nervt und verfügt darüber hinaus über keinerlei interessanten Gehalt. Und irgendwann hat man dann auch alle Nachtaufnahmen von Las Vegas gesichtet und abgehakt, so dass sowohl das ständige Gelaber als auch die sinnfreien Autofahrten zunehmend nerven.

Jason Statham mag ja Einiges sein, ein überdurchschnittlich guter Schauspieler ist er sicherlich nicht. Vor allem keiner, der mit vielschichtigen Emotionen überzeugen könnte. Statham guckt entweder grimmig oder sehr grimmig und kämpft entweder oder wartet darauf, wieder kämpfen zu können. Richtig besetzt, kann das durchaus ausreichend sein. Als wortkarger Prügler oder stoisch rasender Kurierfahrer reichen Stathams darstellerische Fähigkeiten aus, nicht aber, wenn man ihn, wie hier, als grüblerischen, gebeutelten und zweifelnden Mann mit dunkler Vergangenheit darstellen möchte. Wenn man ihn dann auch noch ständig sehr blödsinnige und überhaupt nicht tiefgründige Sachen sagen lässt, schrammt Simon West mit seinem Star stark am Rande der Lächerlichkeit vorbei. Zumindest Stathams physischer Einsatz kann halbwegs von seinen mimischen Defiziten ablenken, so dass man ihm diese zumindest 50%ige Fehlbesetzung halbwegs verzeiht. Milo Ventimiglia versucht sich als knallharter Gangster mit respektablem Sixpack, hat aber eigentlich nicht viel mehr zu tun, als dümmliche Phrasen zu dreschen und böse die Augenbrauen zu kräuseln. Dominik García-Lorido bleibt als schwer misshandeltes Opfer seltsam ambivalent, so wirkliches Mitleid mag irgendwie nicht aufkommen, da ihre Holly sehr oberflächlich gezeichnet wurde und man kaum etwas über sie erfährt. Michael Angarano fällt vorrangig durch sein Milchgesicht und die generelle Überflüssigkeit seiner Rolle auf und Stanley Tucci fragt sich wahrscheinlich heute noch, warum er sich zu diesem dreiminütigen Auftritt in "Wild Card" hat überreden lassen.

"Wild Card" ist ungefähr so tiefgründig wie eine Kellnerin bei Hooters und psychologisch so ausgefeilt wie "Dumm und Dümmer". Statham kann nur physisch überzeugen, mit der Darstellung verschiedener Emotionen und als vielschichtiger Charakter ist der Brite eindeutig überfordert. Dafür kämpft und kloppt er sich sehr effektiv und anschaulich durch Las Vegas' Unterwelt - dies sind dann auch die einzigen (wenigen) Minuten, in denen "Wild Card" Spaß macht. Ansonsten ist der Film viel zu redselig, oberflächlich und düster, als das man Interesse dafür aufbringen könnte. Schneidet man die gelungenen Sequenzen zusammen, kommt man vielleicht auf 20 Minuten, in denen "Wild Card" wirklich gut ist. Bleiben leider 72 Minuten, in denen der Film einfach nur überflüssig ist. Schade. Für Stathams Kampfkunst und ein paar hübsche Las Vegas-Bilder gerade mal noch eins von fünf Kartenspielen, die man wesentlich besser hätte durchmischen müssen.


Claustrofobia
Claustrofobia
DVD ~ Dragan Bakema
Preis: EUR 5,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Left into Darkness, 21. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Claustrofobia (DVD)
Der niederländische Regisseur Bobby Boermans ist dem ein oder anderen vielleicht ein Begriff, da er 2013 den Film "App" inszeniert hat. Sein Film "Claustrofobia" entstand 2011 und ist eine angenehme europäische Thriller-Abwechslung zu ähnlich gelagerter amerikanischer Dutzendware. Der Film ist zwar bei Weitem nicht so wendungs- und überraschungsreich, wie Boermans sich das vielleicht gedacht hat, verfügt aber, im Vergleich zu amerikanischen Billigproduktionen, wenigstens über souveräne Darsteller, eine ordentliche Ausstattung und - natürlich - über einen recht angenehmen europäischen Blickwinkel.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und niederländisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch. Extras: lediglich der Trailer des Films und eine Bildergalerie. Die Bildqualität geht in Ordnung, ist aber nicht überragend. Gegen den Ton ist nix einzuwenden, er ist klar, rauschfrei und so abgemischt, dass man den Lautstärkeregler nicht über Gebühr strapazieren muss.

Eva (Carolien Spoor, "Blood Brothers") studiert Tiermedizin, möchte aber eigentlich viel lieber Schauspielerin werden. Zudem sucht sie eine neue Wohnung. Doch bevor sie ihr just bezogenes neues Domizil richtig genießen kann, findet sie sich angekettet in einem dunklen Keller wieder. Ihr Peiniger (Dragan Bakema, "Brownian Movement") taucht ab und an auf, bringt ihr Essen und nimmt ihr Blut ab. Eva hat keine Ahnung, was der Maskierte von ihr will, doch obwohl er zunächst keine Bedrohung für Leib und Leben für Eva darstellt, versucht diese natürlich, aus ihrem Gefängnis zu fliehen. Parallel dazu muss ihr Entführer aufpassen, dass er und sein dunkles Kellergeheimnis nicht auffliegen, was gar nicht so einfach ist, als ihm erst ein misstrauischer Nachbar und dann ein Polizist auf die Pelle rücken. Doch der Mann hat nicht nur in seinem Keller ein Geheimnis zu wahren…und genau dafür braucht er Evas Blut bzw. das, was sich aus dessen Untersuchung daraus machen lässt…

"Claustrofobia" erzählt seine Geschichte in 94 Minuten, die größtenteils spannend und kurzweilig vergehen. Zwar kommt der Film um einige kleine Längen und Überflüssigkeiten nicht umhin, dennoch gelingt es Regisseur Boermans, seinen ersten Langfilm ohne größere inszenatorische Patzer in Szene zu setzen. Allerdings ist dem Zuschauer schon nach dem kurzen Intro eigentlich klar, wer sich hinter der Maske des unbekannten Entführers verbirgt. Anfangs denkt man noch kurz, dass man auch weiß, wer Eva ist, dies allerdings wäre dann doch zu offensichtlich und erweist sich auch schon nach kurzer Spieldauer als falsch. Ein wenig zu eifrig und klischeehaft versucht Boermans auch, den Zuschauer bezüglich des Entführers auf eine falsche Fährte zu locken, dies allerdings so plump, dass einem eigentlich sofort klar ist, dass derjenige es nicht sein kann. Aber wenigstens einen Trumpf behält Boermans vorerst im Ärmel, so dass einem das Ausmaß des Wahnsinns des Entführers wirklich erst am Filmende klar wird, was definitiv ein Pluspunkt des Films ist.

Ansonsten ist es einfach mal angenehm, einen europäischen Thriller zu gucken, da dieser sich eben doch im Detail von amerikanischer Dutzend- und Billigware unterscheidet. Allein die Settings, hier das hübsche Amsterdam, sind eine angenehme optische Abwechslung, auch wenn die Handlung zu zwei Dritteln inhäusig spielt. Die Dialoge, die Erzählstruktur, die Regie…all dies ist einerseits aus ähnlich gelagerten Filmen bekannt, andererseits aber doch bestechend durch seinen ganz eigenen, kleinen Touch, durch den sich "Claustrofobia" eben von amerikanischen Filmen unterscheidet, ohne dabei schlechter abzuschneiden, im Gegenteil.

Boermans versucht ein paarmal zu oft, hier vermeintlich überraschende Wendungen zu präsentieren, da diese genau dies eben nicht sind: überraschend. Die Handlung ist letztendlich größtenteils recht vorhersehbar, sowohl, was den Storyverlauf als auch die Reaktionen der Protagonisten angeht. Dennoch fällt dies nicht allzu schwer ins Gewicht, weil "Claustrofobia" dennoch gut erzählt wird und eine gewisse Grundspannung beibehalten kann.

Da sich die Handlung fast ausschließlich in einem Wohnblock abspielt, ist Boermans auf authentische Settings und versierte Darsteller angewiesen, die die eventuelle Location-Monotonie aufbrechen und den Film spannend bleiben lassen. Der niederländische Cast vollbringt hier zwar keine schauspielerischen Meisterleistungen, liefert aber, trotz einiger drehbuchbedingter Ungereimtheiten und Oberflächlichkeiten in der Charakterzeichnung, gut ab. Ich habe den Film im niederländischen Original mit Untertiteln gesehen, um den europäischen Touch noch ein wenig zu unterstützen, an der deutschen Synchro ist aber nichts auszusetzen.

Viel mehr gibt es zu "Claustrofobia" denn auch nicht zu sagen. Wie gesagt, das Intro halte ich für keine gute Idee, da man so, sobald die Handlung in die Gegenwart springt, eigentlich sofort weiß, wer hier was warum macht. Gut, ein wenig behält Boermans noch für sich, dennoch nimmt er seinem Film so Einiges der "Whodunnit"-Spannung. Lediglich die finale Auflösung hält noch eine kleine Überraschung parat, dennoch kann man sich bei "Claustrofobia" das Meiste schnell selbst zusammenreimen. Dass der Film trotzdem recht spannend bleibt und es mit den Unglaubwürdigkeiten auch nicht übertreibt, muss man Boermans anrechnen. Jedenfalls ist "Claustrofobia" ein gelungener europäischer Genrebeitrag, der die an amerikanische Billigware gewöhnten Augen des geneigten Zuschauers angenehm überrascht. Kein Meisterwerk, keine permanente Hochspannung, aber ein souverän inszenierter und gespielter niederländischer Thriller, der einem den Blick in ein paar menschliche Abgründe gewährt. Insofern gerne durchschnittliche drei von fünf Kellergewölben, die ein Entkommen (fast) unmöglich machen.


John Wick [Blu-ray]
John Wick [Blu-ray]
DVD ~ Willem Dafoe
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wick(ed), 18. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: John Wick [Blu-ray] (Blu-ray)
Der sanftmütige, sensible Keanu Reeves als beinharter Killer ohne Gnade und Gewissen? Ein Bild, an das man sich sicherlich erst einmal gewöhnen muss und das anfangs nur schwer mit der zurückhaltenden, fast schüchternen Person in Einklang zu bringen ist, die Reeves abseits der Leinwand zeigt. Aber wenn der über 60jährige Liam Neeson auf seine alten Tage noch zum Actionstar werden kann, warum soll dann dem 51jährigen Reeves nicht ebenfalls ein Imagewechsel gelingen? Dies könnte mit "John Wick" tatsächlich geschehen, zumal dieser, ähnlich wie die "96 Hours"-Reihe, als Trilogie angelegt ist. Der zweite Teil ist bereits in Planung und man darf gespannt sein, wie Reeves sich als gebrochener Killer weiterentwickelt. Definitiv entwickeln sollten sich jedoch die Kämpfe und Shoot-outs, die bedauerlicherweise nur schnell, aber nicht raffiniert choreographiert wurden.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in deutsch und englisch in DTS 5.1, Untertitel in deutsch. Der Ton ist superschlecht ausgesteuert, die Dialoge sind im Gegensatz zu den übrigen Geräuschen zu leise, die dröhnenden Autofahrten und lärmenden Shoot-outs viel zu laut, so dass man ständig am Lautstärkeregler rauf- und runterjustieren muss, was extrem nervig. ist. Gegen das scharfe, klare Bild ist hingegen nichts einzuwenden. Extras: Audiokommentar von den Regisseuren Leitch und Stahelski, Featurettes, Making-of, Payday 2: Crimewave Edition Game-Trailer, Trailer des Films sowie sechs weitere Trailer.

John Wick (Keanu Reeves, "Matrix", "Constantine"), ehemaliger Auftragskiller des Russen Viggo (Michael Nyqvist, "Millennium"-Trilogie), ist schwer gebeutelt. Erst stirbt ihm seine Frau weg, dann kommt ihr letztes Geschenk an ihn, ein Welpe, durch Viggos raufboldigen und kriminellen Sohn Iosef (Alfie Allen, "Game of Thrones") zu Tode. Damit ist für Wick die Schmerzgrenze überschritten. Fortan ist der längst ausgestiegene Killer nur noch auf eins aus: Rache. Und dabei macht er buchstäblich keine Gefangenen. Wick mäht sich geradezu durch die russische Mafia und bringt jeden um, der ihm dabei im Wege steht, Iosef auszuschalten. Viggo beobachtet dies sowohl besorgt als auch proaktiv und gibt den Auftrag, Iosef in Sicherheit zu bringen und Wick auszuschalten. Diesen Auftrag trägt er auch an Wicks Freund Marcus (Willem Dafoe, "Nymphomaniac") heran. Wird es John Wick gelingen, Iosef umzubringen, bevor er selbst ausgeschaltet wird? Wick scheint darauf keinen Gedanken zu verschwenden, er ist nur von seinem Rachegedanken beseelt. Es sieht schlecht aus für New Yorks Gangsterwelt…

Die Stuntmen Chad Stahelski und David Leitch, die beide mit "John Wick" als Regisseure debütieren, haben bereits für den zweiten Teil dieser Trilogie unterschrieben. Und auch, wenn sie schon Vieles richtig gemacht haben, sollten sie an den Action- bzw. Kampfszenen doch noch etwas arbeiten. Gerade von erfahrenen Stuntmen hätte man erwartet, dass sie in der Lage sind, gewagte und beeindruckende Kampfszenen und Shoot-outs zu ersinnen und zu choreographieren, aber gerade hier schwächelt "John Wick". Jason Statham kann Keanu Reeves darstellerisch selbstredend nicht das Wasser reichen, kampftechnisch jedoch wage ich zu behaupten, dass Statham wesentlich mehr aus den zahlreichen Fights gemacht hätte. Und Reeves scheint in seinen zwei Vorgängerwerken, "Man of Tai Chi" und "47 Ronin" seine Kampftechniken nicht ausreichend erprobt zu haben, als dass er in "John Wick" wirklich überzeugen könnte.

Das ist natürlich bedauerlich bei einem Film, der die ausgeübte Rache als zentrales Thema hat. Und da Stahelski und Leitch sich immerhin 101 Filmminuten Zeit nehmen, ihre Geschichte zu erzählen, bleibt ausreichend Zeit, sich die häufigen, aber leider nur durchschnittlichen Kampfsequenzen anzusehen. Denn ansonsten gibt die Story nicht viel her. Über Wick erfährt man kaum etwas, was aber entweder darin begründet sein mag, dass man über coole Killer halt einfach nicht viel wissen sollte oder darin, dass "John Wick" als Trilogie angelegt ist und man erst in den Folgeteilen weitere Details des Protagonisten preisgeben möchte.

Also, der Protagonist ist ein gebrochener Mann, dem man das letzte Andenken an seine Frau genommen hat und der sein persönliches Maß daraufhin als voll erachtet und gnadenlos zurückschlägt. Dann gibt es noch einen Haufen Gangster, die sich Wick mehr, meist aber eher weniger erfolgreich in den Weg stellen. Und dann wäre da noch der kaltblütigen Mafiaboss und Wicks undurchsichtiger, väterlicher Freund Marcus. Viel mehr gibt es zu "John Wick" eigentlich nicht zu sagen. Glücklicherweise gelingt es den Regisseuren - trotz eher unspektakulärer Fights - ihre Story fast durchgängig spannend zu halten und Keanu Reeves mit beängstigender Kompromisslosigkeit agieren zu lassen (auch wenn man ihm diese manchmal nicht so ganz abnimmt). Auch wenn keine wirkliche Begeisterung über Wicks Rachefeldzug aufkommt, langweilig wird es nicht. Stahelski und Leitch schlagen darüber hinaus ein paar storytechnische Haken, die den Spannungsfaden zusätzlich recht straff gespannt halten. Insofern ist "John Wick" zwar ein düsterer, aber durchaus kurzweiliger Genrebeitrag.

Wie gesagt, so ganz nimmt man Keanu Reeves den wortkargen, gebrochenen und zugleich eiskalten und brutalen Killer nicht ab. Seine Rolle hat aber durchaus das Potenzial, noch interessanter und überzeugender zu werden, hier im ersten Teil wirkt seine Coolness manchmal noch etwas aufgesetzt. Dennoch meistert Reeves seinen Part souverän und man darf gespannt sein, was er aus diesem John Wick noch machen wird. Willem Dafoe ist ein alter Hase im Business, seine kleine Rolle fordert den exzellenten Mimen kaum, ergo liefert er anstandslos ab. Michael Nyqvist als böser Russe ist wirklich gut, sein Viggo ist sowohl enttäuscht-beschützender Vater als auch eiskalter Geschäftsmann, der skrupellos über Leichen geht. Alfie Allen als verzogener, sich selbst maßlos überschätzender Mafia-Spross gibt den Iosef so überzeugend widerlich, dass man ihm wünscht, Wick möge ihn möglichst bald erwischen. Auch die restlichen Rollen überzeugen, gleichwohl ihnen wenig Zeit dafür zugebilligt wird.

"John Wick" ist ein düsterer, spannender und kompromissloser Actioner, der leider nicht ganz perfekt inszeniert wurde. Die Kampfszenen und Shoot-outs ähneln einander sehr und sind nicht sonderlich raffiniert choreografiert, so dass hier optisch leider nicht viel geboten wird. Dennoch kommt kaum Langeweile auf, was der schnittigen Regie der beiden Debütanten Stahelski und Leitch zu verdanken ist. Über den Protagonisten erfährt man aber leider recht wenig, was die Story recht dünn wirken lässt. Der Cast ist über jeden Zweifel erhaben, auch wenn bei Keanu Reeves noch Luft nach oben ist, seinem gebrochenen Killer etwas mehr Kontur und Tiefe zu verleihen. Wirklich nervig ist die nur die miese tonale Aussteuerung der Scheibe. Sobald der Film an Tempo gewinnt, wird es furchtbar laut, die Dialogsequenzen sind demgegenüber viel zu leise, so dass man gezwungen ist, die Lautstärke ständig neu zu justieren. Ärgerlich. Das macht in der Summe (für mich) drei von fünf Rachefeldzügen, die sich gewaschen haben.


Blackhat [Blu-ray]
Blackhat [Blu-ray]
DVD ~ Chris Hemsworth
Preis: EUR 15,99

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Gehackt(es), 14. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Blackhat [Blu-ray] (Blu-ray)
Michael Mann hat mal richtig gute Filme gemacht. "Heat" zum Beispiel. Oder "Insider". Oder "Collateral". Nach "Public Enemies" von 2009 ist "Blackhat" sein erster Film seit sechs Jahren. Und man hätte dem Mann raten sollen, 2004 nach "Collateral" einfach aufzuhören, Regie zu führen, denn was danach kam - und viel war das nicht ("Miami Vice" und "Public Enemies") - war nicht doll. Mann scheint sich in einer ähnlichen Abwärtsspirale zu befinden wie John Carpenter ("Halloween"), der nach" Das Ding aus einer anderen Welt" von 1982 eigentlich nichts Vernünftiges mehr produziert hat und sich mehr und mehr lächerlich macht mit schlechten oder gar dilettantischen Filmen. "Blackhat" jedenfalls ist ein überlanger, unglaubwürdiger und langweiliger Hackerfilm, den man sich wirklich nicht ansehen braucht. Vielleicht sollte der 72jähre Mann einfach langsam mal in Rente gehen.

Ausstattung der Blu Ray: Ton in Englisch, Kastellan, Französisch, Deutsch, Italienisch, Portugiesisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch und zwei weiteren, für mich unlesbaren Sprachen, Untertitel in denselben Sprachen. Extras: Drei Featurettes: "Die Cyber-Gefahr", "Drehorte überall auf der Welt" und "Realität erschaffen". Auf der Blu Ray befinden sich keine (zumindest entdeckbaren) Trailer. Der Ton ist schlecht ausgesteuert, die Dialoge sind zu leise, alle anderen Geräusche (Musik, Schießereien, Verfolgungsjagden) viel zu laut, so dass man über zwei Stunden lang immer wieder den Ton lauter oder leiser stellen muss. Das Blu Ray-Bild geht in Ordnung, bleibt aber im unauffällig-durchschnittlichen Bereich.

Als das Computersystem in einem chinesischen Atomkraftwerk von Hackern angegriffen und die Kühlung der Brennstäbe manipuliert wird, so dass es zu Toten und Verletzten kommt, ruft das den Experten für Cyber-Kriminalität, Chen Dawai (Leehom Wang, "Armour of God") und dessen Schwester Chen Lihen (Wei Tang, "Dragon") auf den Plan. Chen Dawai erkennt, dass der für den Reaktorunfall angewendete Code eine verbesserte Version eines Codes seines altes Hackerkumpels Nick Hathaway (Chris Hemsworth, "Thor") ist. Der aber sitzt seit vier Jahren eine 15jährige Haftstrafe für sein Gehacke ab, soll Chen Dawai nun aber helfen, den Täter zu finden. Vor allem, weil kurz darauf die New Yorker Börse gehackt wird, so dass sich auch das FBI um Agentin Carol Barrett (Viola Davis, "The Help") in den Fall einschaltet. Chen Dawai gelingt es tatsächlich, Nick freizubekommen und zusammen macht sich das Trio daran, den Hacker von Chicago über L.A. und Hongkong bis nach Jakarta zu verfolgen. Und das wird ziemlich gefährlich, weil die "Angriffe" schon bald nicht mehr nur im Netz, sondern in der realen Welt stattfinden, was das Trio in große Gefahr bringt…

Schon der Anfang des Films ging mir latent auf die Nerven. Die von Mann plump visualisierten Datenwege, die das Computervirus zurücklegt, sind optisch veraltet und werden unnötig in die Länge gezogen. Und leider wird es in den entsetzlich langen 133 Folgeminuten auch nicht mehr besser mit "Blackhat", im Gegenteil. Denn bis auf eine recht "coole" Optik und einen schön anzusehenden Hauptdarsteller hat "Blackhat" nichts zu bieten, was das Ansehen oder gar den Kauf der Scheibe rechtfertigen würde. Ergo sind die 70 Millionen Dollar Budget vermutlich vorrangig für die verschiedenen Drehorte und die Gage von Hemsworth draufgegangen. In ein gutes Drehbuch (Autor Morgan David Foehl debütiert hier) sind sie jedenfalls nicht geflossen, was an den amerikanischen Kinokassen denn auch mit lediglich einem Zehntel der verauslagten Kosten als Einspielergebnis quittiert wurde.

"Blackhat" ist erstaunlich einfallslos und geradezu sträflich schlicht gehalten. Anstatt spannender Cyber-Duelle und krachender Actionsequenzen bekommt man ein bisschen Tastengeklapper und Bildschirme mit endlosen Zahlenreihen serviert und enorm in die Länge gezogene Shoot-outs, in denen einfach nur sinnlos in der Gegend rumgeballert wird. Erstmal dauert es ewig, bis der Film in die Gänge kommt, und wenn das Trio sich dann zusammengefunden hat und loslegen könnte, bremst Mann die Handlung permanent wieder aus. Es werden lange, unsinnige Gespräche geführt, es wird eine klischeehafte und überflüssige Love Story mit eingewoben, man reist hektisch und ohne erkennbaren Grund in der Gegend rum und ermittelt so kraut und rübig, dass es ein Wunder ist, dass diese Computergenies überhaupt etwas herausbekommen.

Darüber hinaus hat sich Mann offensichtlich dem Irrealismus verschrieben. Sein Film strotzt nur so vor Unstimmigkeiten, die bis zur Lächerlichkeit getrieben werden. Da rennt der PC-Fuzzi natürlich auf der (realen) Jagd nach dem Hacker mit dem FBI und Kevlarweste durch die Gegend und kann natürlich ganz grandios schießen und so; da legt er sich einen Schal um den Hals, der ihn dann - oh Wunder - vor den Verletzungen eines ihm in den Hals gerammten Messers schützt (wahrscheinlich war es ein Kevlar-Schal); die Schusswunden, die er sich zugezogen hat, werden flugs mit ein bisschen Mull verbunden, darüber hinaus gibt es in den Apotheken in Jakarta offensichtlich alles frei zu kaufen, was man sonst nur im Krankenhaus bekommt (inkl. eines Tropfs mit Kochsalzlösung); und zu allem Überfluss kann sich ein Haufen Gangster inmitten einer riesigen Festparade mit gezückten MPs ganz ungeniert bewegen, von der normalerweise bei solchen Anlässen anwesenden Polizei keine Spur, und die Teilnehmer der Parade interessiert es selbstredend auch nicht, dass in ihrer Mitte Menschen aufeinander losgehen und sich erschießen wollen. Phantastisch!

Die Darsteller, die hier die Chinesen mimen, also Leehom Wang und Wei Tang, machen ihre Sache ganz ordentlich, haben aber auch nicht viel mehr zu tun, als konzentriert auf irgendwelche Bildschirme zu glotzen bzw. mit Chris Hemsworth rumzumachen. Viola Davis tut leider auch nicht viel mehr, als genervt die Stirn zu runzeln oder sehr genervt ihr Gegenüber anzugucken. Somit bliebe noch Chris Hemsworth…der für die Rolle des Superhackers ungefähr so geeignet ist wie David Hasselhoff für die des Macbeth. Dem gut gebauten Australier mag man so einiges abnehmen, aber sicherlich nicht, dass er ein supercleveres Computergenie ist. Vor allem nicht, wenn Mann darüber hinaus auch immer wieder die Physis seines Protagonisten in den Vordergrund stellt. Für die Damen, die sich in diesen Film verirrt haben, ein einsames Highlight, für Handlung und Glaubwürdigkeit allerdings kontraproduktiv. Und dass dieses Computergenie dann natürlich auch noch - ohne jegliche Vorkenntnisse - ein Ass an der Waffe und ein ausgebuffter Fighter ist… ja nee, is klar.

"Blackhat" ist ein viel zu langer, langweiliger, langatmiger, dröger, unrealistischer und dann auch noch unspektakulärer Pseudo-Cyber-Actionthriller, der nahezu auf ganzer Linie versagt hat. Es wird entweder endlos lange dummes Zeug geredet und es werden hanebüchene Schlussfolgerungen gezogen, oder man findet sich in ebenso nicht enden wollenden Schießereien wieder, denen jegliche Raffinesse fehlt. Die gesamte Story ist unglaubwürdig und furchtbar zäh und Chris Hemsworth, so hübsch er ist und so gut er in anderen Rollen sein mag, eine glatte Fehlbesetzung als Computerfreak. Belohnt wird man nach nicht enden wollenden 133 Minuten dann mit einem an Unglaubwürdigkeit nicht mehr zu toppenden Finale und einem rotzig runtergespulten Ende, das einen genauso unbefriedigt zurücklässt wie der ganze Mumpf davor. Bravo. Für ganz hübsche Bilder und Locations und einen zumindest nett anzusehenden Hauptdarsteller gerade mal noch einen von fünf Hackern, die sich gerne gehackt legen können.


Men & Chicken
Men & Chicken
DVD ~ Mads Mikkelson
Preis: EUR 12,99

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Blutsbande, 10. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Men & Chicken (DVD)
(Rezension bezieht sich auf Kinoversion)

Anders Thomas Jensen is back! Endlich hat mein dänischer Lieblingsregisseur wieder einen eigenen Film fabriziert. Nach diversen Zusammenarbeiten als Drehbuchautor mit Susanne Bier ("In einer besseren Welt", "Zweite Chance") hat Jensen endlich seinen vierten Film fertiggestellt. Nach "Flickering Lights", "Dänische Delikatessen" und "Adams Äpfel" nun also "Men & Chicken", Jensens wohl bisher abseitigstes Werk. Wie immer bei seinen Filmen hat Jensen auch das Drehbuch beigesteuert und darüber hinaus fast den kompletten Cast seiner Vorgängerfilme zusammengetrommelt. In die Freude über Jensens Film mischt sich diesmal leider ein wenig…ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll…Unbehagen? Ratlosigkeit? Verwirrung? Irgendwas dazwischen. Denn an sich ist die Thematik recht schockierend, auch wenn Jensen dies wie üblich mit viel schwarzem Humor zu versehen weiß. Aber die tragischen Elemente der Geschichte wollen nicht so recht ins eigentlich heiter-absurde Gesamtgefüge passen und trüben latent den ansonsten typisch dänischen, brüllkomischen Filmgenuss.

Gabriel (David Dencik, "Schändung") und Elias (Mads Mikkelsen, "Walhalla Rising", "James Bond 007 - Casino Royale") sind Brüder, haben aber bis auf die Hasenscharte nicht viel gemeinsam. Elias ist impulsiv, faul, cholerisch und neigt zu zwanghaftem Onanieren. Gabriel ist Philosophie-Professor und nahezu ständig deprimiert. Als die Beiden jedoch nach dem Tod des Vaters erfahren, dass dieser gar nicht ihr biologischer Vater war und die Brüder zudem nur Halbbrüder sind, macht sich Gabriel auf die Suche nach den biologischen Eltern. Dazu müssen sich die Brüder aufmachen zur Insel Ork, wo der fast 100jährige Vater leben soll. Empfangen werden sie auf der lediglich 43 Einwohner zählenden Insel allerdings von ihren anderen Brüdern Gregor (Nikolaj Lie Kaas, "Erbarmen"), Josef (Nicolas Bro, "Adams Äpfel") und Franz (Søren Malling, "Die Königin und der Leibarzt"), die in einem ehemaligen, verfallenen Sanatorium leben und den beiden neuen Familienmitgliedern vorerst den Besuch beim Vater verwehren. Gabriel bleibt misstrauisch und findet in dem riesigen, alten Gemäuer so manch schreckliches Geheimnis heraus, das das Leben aller fünf Brüder verändern wird…

Jensen vereint in "Men & Chicken" all die Zutaten, die auch seine anderen Filme prägen: skurrile Charaktere, eine absurde Geschichte und tiefschwarzer, bitterböser Humor, der einem oftmals das Lachen im Halse steckenbleiben lässt. In seinen aktuellen Film packt er allerdings zusätzlich noch eine gehörige Portion Tragik und teilweise wirklich Abstoßendes, das den definitiv humoristischen Grundton des Films latent konterkariert. Darüber hinaus wirkt der zugrundeliegende Basis-Handlungsstrang um Stammzellenforschung und dessen krank- und wahnhafte Züge weder besonders überzeugend noch passt dieses an sich ernste Thema (oder zumindest der hier angewandte Missbrauch dieser Forschung) zum restlichen Charakter des Films. So wendet man sich denn auch immer wieder mal entweder nur peinlich berührt oder tatsächlich fassungslos von der Geschichte ab, weil es einfach ab und an zu krank wird, was Jensen sich hier ausgedacht hat. Zwar geht es auch in "Adams Äpfel" und "Flickering Lights" politisch äußerst unkorrekt zur Sache, aber bei "Men & Chicken" hat Jensen es einfach ein bisschen zu bunt getrieben, um seinem Werk restlos begeistert verfallen zu können.

Elias und Gabriel sind schon seltsam (Elias muss zwanghaft onanieren und brüskiert über kurz oder lang Jeden in seiner Umgebung, Gabriel hat einen oralen Tic), ihre Brüder Josef, Franz und Gregor hingegen sind richtig neben der Kappe. Josef ist käsesüchtig, Franz verkloppt ständig Leute mit ausgestopften Tieren und Gregor pflegt sodomitische Beziehungen zu Hühnern. Soziale Kompetenzen weist nur Gabriel auf, der denn auch seine liebe Müh hat, seinen völlig verrohten Brüdern wenigstens die Grundregeln sozialen Verhaltens beizubringen, ohne dass diese permanent mit Badezubern und Holzbalken aufeinander und andere losgehen. Doch so degeneriert und andersartig sie auch aussehen, sie alle verfügen in Teilgebieten über eine erstaunliche Intelligenz. Josef ist ein rhetorisches Genie und referiert mühelos über wissenschaftliche Artikel oder interpretiert formvollendet Geschichten aus der Bibel. Und auch Franz und Gregor verfügen teilweise über bemerkenswerte Intelligenz und Logik. Leider wird dies immer wieder von ihrem rohen und ungezügelten Verhalten konterkariert, so dass die Brüder ziemlich abgeschieden in dem langsam verrottenden ehemaligen Sanatorium mit Stieren, Hühnern, Schweinen und ähnlichem Nutzvieh vor sich hin wohnen, da alle anderen Dorfbewohner wohlweislich Abstand zu ihnen halten.

Gabriel scheint der einzig halbwegs Normale zu sein und macht sich denn auch gleich daran, seine Brüder zu sozialisieren und herauszufinden, warum er seinen angeblich kranken Vater nicht sehen kann und was sich in dem verschlossenen Kellergewölbe des Hauses befindet. Doch je mehr Gabriel herausfindet, umso absurder und auch irgendwie trauriger wird die Geschichte, so dass man bald für jeden Lacher dankbar ist, den Jensen einem präsentiert. Irgendwie ist es Jensen hier nicht wirklich gelungen, Drama und Humor in Einklang zu bringen, sondern eher mit derart befremdlichen Angewohnheiten seiner Protagonisten aufzuwarten, dass es manchmal schwerfällt, sie zu mögen. Der Film gleitet immer mal wieder ungelenk in eine horrorähnliche Groteske ab und hat es dann schwer, zu seinem leichten humoristischen Ton zurückzufinden. Das wirkt dann bisweilen eher bemüht als gekonnt. Und auch das Ende des Films (auch, wenn es zu erwarten war), stimmt einen nicht wirklich glücklich, da hier fragwürdige Handlungen einfach mit ein bisschen Zuckerguss überzogen und auf Finale getrimmt wurden. Bei "Men & Chicken" scheint es schlicht so, als sei Jensen nicht ganz bei der Sache gewesen oder hat sich nicht entscheiden können, welche Art Film er hier eigentlich drehen will. Des Weiteren halte ich die Altersfreigabe ab 12 Jahren für recht bedenklich, ich glaube nicht, dass junge Geister diese Fülle an Abnormitäten verkraften bzw. den bitterbösen Humor richtig einschätzen können.

Dem Cast ist hingegen - wie üblich bei dänischen Produktionen - überhaupt nichts vorzuwerfen. Jensen hat hier seine Stamm-Schauspieler um sich geschart, die in unterschiedlicher Besetzung in all seinen Filmen auftauchen. Sie alle beweisen Mut zur Hässlichkeit, da Jensen sie mit unmöglichen Frisuren, Hasenscharten und anderen leichten Deformationen ziemlich entstellt hat. Mads Mikkelsen als onanierwütiger Choleriker ist ebenso überzeugend wie der naive Gregor, gespielt vom großartigen Nikolaj Lie Kaas. Auch Søren Malling als schlagwütiger Franz, der als einziger der Brüder mehr über seinen Vater zu wissen scheint, kann restlos überzeugen. David Dencik als Gabriel variiert wunderbar zwischen Fassungslosigkeit und Resolution, wenn er sieht, wie seine Brüder leben und wie sie sich verhalten. Allerdings ist es diesmal Nicolas Bro, der den darstellerischen Vogel abschießt. Sein Josef ist so wunderbar intelligent und pragmatisch, seine sportlichen Bemühungen so impulsiv und sein Drang, ständig Käse zu mopsen und diesen genüsslich zu vertilgen so herzig, dass man ihn einfach lieben muss. Nicolas Bro ist wirklich ein ganz außerordentlicher Schauspieler, der hier erneut unter Beweis stellen kann, welch unglaubliches Talent in ihm schlummert. Darüber hinaus gibt es für Jensen-Fans ein Wiedersehen mit Ole Thestrup, der anno 2000 in "Flickering Lights" mit seinem damaligen Co-Star Mads Mikkelsen Jagd auf Kühe gemacht hat. Der 67jährige ist in seiner Rolle als Bürgermeister von Ork noch genauso verschmitzt und bauernschlau wie in "Flickering Lights". Ein wunderbarer Cast, der restlos überzeugt und wirklich exzellent spielt. Ich habe den Film übrigens in der dänischen Originalversion gesehen, die ich auch hier empfehlen möchte. Die deutsche Synchronisation ist zwar gut, aber im Dänischen wirkt der Film einfach besser und authentischer.

"Men & Chicken" ist ebenso ein typischer Anders Thomas Jensen Film wie er es nicht ist. Seine Handschrift ist deutlich zu erkennen, allerdings verwässert er seinen typischen Humor und sein Talent, absurd-skurrile Charaktere und Geschichten zu ersinnen, mit zu viel Dramatik und Abartigkeiten. Es wird wirklich ab und an zu bizarr, befremdlich und auch eklig, als dass man sich "Men & Chicken" vorbehaltlos zuwenden könnte. Dennoch ist es schön, Dänemarks Schauspiel-Elite dabei zuzusehen, wie unfassbar gut sie spielen kann. Glücklicherweise gibt es dennoch viel zu lachen, was einerseits in den sehr guten Dialogen begründet liegt, andererseits im tiefschwarzen Humor des Anders Thomas Jensen. "Men & Chicken" ist also leider ein zweischneidiges Schwert. Nicht-Kennern des Regisseurs bzw. seiner Filme würde ich eher abraten, sich "Men & Chicken" anzusehen, ich glaube nicht, dass ihnen gefallen würde, was sie zu sehen bekommen. Fans der Werke des Regisseurs sollten ruhig einen Blick riskieren, aber darauf vorbereitet sein, dass Jensen es hier etwas zu toll getrieben hat und sein Film ungelenk zwischen abseitigem Drama und böser Komödie schwankt. Für mich diesmal leider, leider, nur drei von fünf Hühnern, die sich in Acht nehmen sollten, wenn die durchgeknallten Brüder sich ihnen nähern.
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Minions
Minions
DVD ~ Pierre Coffin
Preis: EUR 18,99

14 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Banana e Papaya, 8. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Minions (DVD)
(Rezension bezieht sich auf die 3D-Kinoversion)

Die Geburt der Minions fand anno 2010 statt, als sie erstmalig in dem Animationsfilm "Ich - einfach unverbesserlich" auftauchten. Da sie die Herzen der kleinen und großen Zuschauer im Sturm eroberten, wurde ihnen 2013 in der Fortsetzung "Ich - einfach unverbesserlich 2" schon mehr Screentime zugestanden. Da das den Zuschauern aber immer noch nicht genügte und der Merchandise mit den Minions-Produkten astronomische Höhen erreichte, haben die Minions nun ihren eigenen Film bekommen, in dem sie die Hauptrollen spielen. Und was den Regisseuren Kyle Balda ("Der Lorax") und Pierre Coffin ("Ich - einfach unverbesserlich 1+2") hier in 91 Minuten Laufzeit gelungen ist, lässt einen die kleinen gelben Tic Tacs gleich noch mehr ins Herz schließen. 91 Minuten geballte gelbe Minion-Power inklusive hohem Niedlichkeitsfaktor dürften sowohl dem kleinen als auch dem großen Kinogänger das Herz aufgehen lassen - in der 3D-Version sogar noch ein kleines bisschen mehr, da man hier wirklich tolle, extrem tiefenscharfe Bilder zu sehen bekommt.

Die Minions gibt es, wie wir nun erfahren, bereits seit Anbeginn der Zeit. Aus kleinen, schwimmenden Einzellern formten sich im Laufe der Zeit die charakteristischen gelben Kerlchen, die stets nur ein Ziel im Leben hatten: dem größtmöglichen Schurken auf Erden zu dienen. Und so enthusiastisch sie dabei auch zur Sache gehen, passieren ihnen leider doch immer wieder "Unfälle". So kommen unter anderem der Tyrannosaurus Rex, Napoleon und Dracula zu Tode, weil die Minions einfach zu tollpatschig sind. Bald schon sind keine Schurken mehr übrig, denen sie dienen könnten, was die Minions in eine kollektive Depression stürzt. Zeit zu handeln, denkt sich Kevin und macht sich zusammen mit Stuart und Bob von der Antarktis auf in die Welt, um einen neuen Meister zu finden. Wir schreiben das Jahr 1968, als die Drei über Umwege auf der Villain Con, der ultimativen Messe für Bösewichte, eintreffen und tatsächlich einen neuen Meister finden. Eine Meisterin, um genau zu sein. Scarlet Overkill, der erste weibliche Bösewicht, will nur eins: die Krone von Queen Elizabeth von England und die Herrschaft über Britannien selbstverständlich gleich dazu. Also macht sie sich mit ihrer gelben Entourage auf nach London, wo die Minions ihr Krone und die damit einhergehende Macht beschaffen sollen. Gar nicht so einfach, wenn man so trottelig ist wie unsere kleinen gelben Freunde…

Vielleicht ist es mit den Minions wie mit Quentin-Tarantino-Filmen: entweder man liebt sie oder man kann so gar nichts mit ihnen anfangen. Ich habe jedenfalls durchaus die ein oder andere negative Stimme über die Minions gehört, was ich als bekennender Minions-Fan natürlich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich habe selten so putzige und witzige Animationsfiguren gesehen wie diese possierlichen gelben Kerlchen, wirklich.

Balda und Coffin entfachen, zusammen mit Drehbuchautor Brian Lynch ("Der gestiefelte Kater"), ein wahres Minions-Feuerwerk, welches zudem in der 3D-Version (für die sich hier ausnahmsweise wirklich mal die Mehrausgabe an der Kinokasse lohnt) auch optisch begeistert. Die Tiefenschärfe ist enorm, der gesamte Film wirkt wirklich dreidimensional und begeistert durch scharfe, klare Bilder. Die Storyidee ist simpel, funktioniert aber bestens, auch wenn sie nicht ganz die 91minütige Laufzeit trägt. Besonders zum Ende hin hätte man das Ganze ein klein wenig straffen können, aber nichtsdestotrotz strotzt der Film nur so vor witzigen Einfällen und cleveren Anspielungen auf andere Filme oder historische Begebenheiten. Kindern werden diese Anspielungen natürlich entgehen, aber dafür bekommen sie so viel bezaubernde Minions-Action, dass das verschmerzbar sein dürfte. So jedoch bietet der Film auch Erwachsenen etwas, was über einen simplen Kinderfilm hinausgeht. Wobei ich "Minions" nicht für einen typischen oder ausschließlichen Kinderfilm halte. Hier haben wir wirklich mal einen Mehr-Generationen-Film, der für alle Altersklassen funktioniert.

Es ist durchweg bezaubernd, den kleinen Kerlchen dabei zuzusehen, wie sie ihre Welt wieder in Ordnung zu bringen versuchen. Angefangen bei ihrer "Geburt" als Einzeller über ihr Leben mit Dinosauriern, Feldherren und Grafen bis hin zu ihrem Leben in der Antarktis und dem Aufbruch von Kevin, Stuart und Bob in die neue Welt, wo sie viele Abenteuer erwarten. Der Film ist kurzweilig und sehr amüsant, darüber hinaus durchaus spannend und wirklich sehr, sehr niedlich anzusehen. Zwar fokussiert sich der Film auf lediglich drei Minions, dennoch bekommt der Rest der Truppe mittels Rückblenden bzw. Parallelhandlung ebenfalls ausreichend Screentime. Doch auch abseits des Minions-Universums punktet der Film mit witzigen und stimmigen Charakteren, sei dies nun der durchgeknallte Ehemann von Scarlet Overkill, Familie Nelson, in der wirklich alle Verbrecher sind oder die Königin von England. Darüber hinaus steckt der Film voller kreativer Details, die man beim einmaligen Ansehen wohl gar nicht alle entdecken und würdigen kann.

In der Originalversion kann man Sandra Bullock (Scarlet Overkill), Jon Hamm (Herb Overkill), Michael Keaton (Walter Nelson), Steve Carrell (junger Gru) und Geoffrey Rush (als Erzähler) lauschen. In der deutschen Version übernehmen diese Sprechrollen in gleicher Reihenfolge Carolin Kebekus, Sascha Rotermund, Pierre Peters-Arnolds, Oliver Rohrbeck und Frank Schaff. Die Minions selbst werden sowohl im Original als auch in der deutschen Version allesamt von Regisseur Pierre Coffin gesprochen. Alle "Schauspieler" im Film wurden mit großer Liebe zum Detail und famoser Zeichen- bzw. Animationskunst zum Leben erweckt.

"Minions" ist die konsequente und überaus gelungene Umsetzung dessen, was die Zuschauer seit "Ich - einfach unverbesserlich" wollten: Mehr Minions. Hervorragend gezeichnet und animiert, witzig, hintersinnig, anrührend, niedlich, im besten Sinne detailverliebt und darüber hinaus in 3D mit ausgezeichneter Tiefen- und Bildschärfe, ist "Minions" ein wunderbarer Film für alle Fans der kleinen Gelblinge geworden. Und auch, wenn er zum Ende hin ein ganz kleines bisschen langatmig wird und mit 80 Minuten Laufzeit wahrscheinlich perfekt gewesen wäre, ist "Minions" bestmögliche Animationsunterhaltung für Groß und Klein, die wirklich Spaß macht. Da wünscht man sich gleich den nächsten Minions-Film hinterher, kann sich aber ab 30.06.2017 wenigstens erneut auf die Minions freuen - wenn nämlich "Ich - einfach unverbesserlich 3" in die Kinos kommt. Bis dahin volle fünf von fünf "Bananas", dem Lieblingsobst der Minions.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 8, 2015 1:20 PM MEST


Good People [Blu-ray]
Good People [Blu-ray]
DVD ~ Kate Hudson
Preis: EUR 13,49

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Where's the money?, 2. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Good People [Blu-ray] (Blu-ray)
Zwei Amerikaner in London…oder so. Für "Good People" hat es den dänischen Regisseur Henrik Ruben Genz ("Kommissarin Lund") und die Amerikaner Kate Hudson ("Bride Wars") und James Franco ("127 Hours") nach England verschlagen, um dort einen 90minütigen, mäßig spannenden Thriller zu drehen, der mal wieder in die Kategorie "Kann man gucken, muss man aber nicht" fällt. Drehbuchautorin Kelly Masterson ("Snowpiercer", "Tödliche Entscheidung") hat den Erstlings-Roman von Marcus Sakey filmgerecht umgemodelt, herausgekommen ist dabei aber leider nichts Besonderes.

Ausstattung der Blu Ray: Am Ton (in deutsch und englisch in DTS-HD 5.1, Untertitel in deutsch) und Bild gibt's nix zu meckern, allerdings fällt Beides nicht aus dem Rahmen, so dass man mit dem Kauf der DVD ebenso gut bedient sein dürfte, vor allem, wenn man die mageren Extras der Blu Ray betrachtet: Featurette, Interviews mit den Darstellern, dem Regisseur und den Produzenten sowie eine achtteilige Trailershow. Ich habe den Film im englischen Original gesehen, er ist überwiegend gut zu verstehen, ansonsten kann man sich mit den gut übersetzten Untertiteln behelfen.

Für Tom (James Franco) und Anna Wright (Kate Hudson) lief es nach der Wirtschaftskrise in den USA nicht so dolle, weshalb sie nach England umgesiedelt sind, wo sie zudem Omas Haus geerbt haben. Da dieses aber leider eine schwer renovierungsbedürftige Rumpelbutze ist, wohnen die Beiden vorerst in einem kleinen Apartment samt seltsamem Untermieter. Der liegt eines Tages tot in seiner Wohnung, in der er netterweise 220.000 Pfund versteckt hat. Da den Wrights die Räumungsklage droht und sie hohe Schulden durch die Renovierung des geerbten Hauses haben, beschließen sie, dem ermittelnden Detective Inspector Halden (Tom Wilkinson, "Best Exotic Marigold Hotel") ihren Fund zu verschweigen, sich unauffällig zu verhalten und abzuwarten, ob jemand nach dem Geld sucht. Und natürlich tut das jemand, nämlich der äußerst brutale Gangster Jack Witkowski (Sam Spruell, "96 Hours - Taken 3"), hinter dem wiederum DI Halden her ist. Und dann wäre da noch "Dschingis Khan" (Omar Sy, "Ziemlich beste Freunde"), der noch eine Rechnung mit Witkowski offen hat…

Trotz solidem Cast und zumindest TV-erfahrenem Regisseur samt routinierter Drehbuchschreiberin ist aus "Good People" kein sonderlich guter Film geworden. Vielmehr ein unaufgeregter, etwas zäher und recht oberflächlicher Pseudo-Thriller, mit dem man einfach nicht so richtig warm wird. Franco und Hudson mühen sich redlich, gegen die stereotype Story anzuspielen, sind nun aber auch nicht so herausragender Darsteller, als dass sie hier großartige Akzente setzen könnten.

"Good People" plätschert so vor sich hin und versucht, durch einige Storywendungen punktuell spannende Akzente zu setzen, was dem Film aber nur im Showdown wirklich gelingt. Bis dahin schaut man dem Geschehen mäßig interessiert zu und wartet einfach ab, wie tief sich Tom und Anna in die Scheiße reiten. Tun sie aber gar nicht so wirklich, sie gehen vorsichtig mit ihrem neuen Reichtum um und warten auch erstmal ab, bevor sie etwas von dem Geld ausgeben. Aber gegen durchtriebene und erfahrene Gangster kommen diese beiden biederen Nobodys natürlich nicht wirklich an. Wenn solche "good people" einmal versuchen, "bad" zu sein, geht das naturgemäß gründlich in die Hose. Leider kommt dabei kaum Spannung auf. Tom und Anna sind langweilige Durchschnittsbürger, denen das Leben gerade übel mitspielt, was aber so belanglos erzählt wird, dass man sich kaum für die Beiden zu interessieren vermag. Die Gangster bleiben ähnlich oberflächlich und variieren von kaltblütig-grausam (Witkowski) bis zu cool-mysteriös (Khan), ohne jedoch dabei Kontur zu entwickeln. Und der Polizist ist natürlich traumatisiert von einem schrecklichen Ereignis, das ihn zum stur ermittelnden Workaholic gemacht hat. Klischees also, soweit das Auge reicht.

Doch wenn Anna und Tom mehr und mehr in diesem Strudel aus Gewalt und Mord zu versinken drohen, gelingt es dem Zuschauer schlussendlich doch noch, ein paar Sympathien für die Beiden aufzubringen. Aber weniger, weil die Beiden so "good" sind, sondern eher, weil die anderen so "bad" sind, dass man einfach nicht will, dass sie gewinnen. Somit generiert dieser recht langatmige und unspektakulär inszenierte und erzählte Thriller im Showdown doch noch etwas an Spannung, bleibt in der Summe aber leider nicht mehr als europäischer Durchschnitt.

Wie gesagt, die Darsteller machen ihren Job gut, sie alle sind seit Langem im Business und verfügen über die nötige Routine, die oberflächlich angelegten Charaktere mit links zu spielen. Das gilt sowohl für die blass aufspielenden Eheleute Tom und Anna als auch für den grummeligen, aber scharfsinnigen Detective. Ein bisschen aus dem Rahmen fallen (positiv) Sam Spruell als wirklich äußerst gnadenloser Gangster und Omar Sy, der über seine imposante Größe (über 1,90 m) hinaus mit reduziertem, aber überzeugendem Spiel aufwartet.

"Good People" tut keinem weh, beeindruckt aber auch nicht sonderlich. Die 90 Minuten Filmlänge fühlen sich manchmal deutlich länger an, weil über eine lange Zeit einfach recht wenig passiert, bzw. wenig, was den Zuschauer zu interessieren vermag. Im letzten Drittel zieht Regisseur Genz die Spannungsschraube dann endlich ein wenig an, was "Good People" in der Summe aber nicht über den Durchschnitt hebt. Für die thrillertechnische Zwischendurchberieselung durchaus geeignet, für diejenigen aber, der gerne einen spannenden und überraschenden Brit- bzw. Euro-Thriller sehen wollten, sicherlich nichts. Ergo knappe drei von fünf Taschen voller Geld, die man - natürlich - besser nicht angerührt hätte.


Höhere Gewalt
Höhere Gewalt
DVD ~ Johannes Kuhnke
Wird angeboten von media4world
Preis: EUR 12,65

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Niedriges Interesse, 29. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Höhere Gewalt (DVD)
"Höhere Gewalt" lief ja auf mehreren Festivals und dann auch regulär in den deutschen Kinos, und die deutsche Presse hat sich ja nahezu überschlagen mit positiven Kritiken zu diesem schwedischen Film. Tja, und dann kommt natürlich die Vega daher und macht das schöne Bild, das man von diesem Film (eventuell) hatte - zumindest in der Erwartungshaltung - kaputt. War ja klar. Allerdings mache ich das nicht aus Jux und Dollerei, ich muss zugeben, ich war wirklich enttäuscht von "Höhere Gewalt", da ich mir a) von den Schweden und b) von der brisanten Thematik wesentlich mehr versprochen hatte. Bekommen habe ich leider nur einen extrem trantütigen, überlangen und schwafeligen Problemfilm, der mich maßlos enttäuscht hat. Tja, so kann's kommen.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch und schwedisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch. Bild und Ton sind solide, mehr aber auch nicht. Extras: Interview mit dem Regisseur, Making-of, "Wenn Männer weinen", Trailer des Films sowie sechs weitere Trailer.

Tomas (Johannes Kuhnke, "Real Humans") und Ebba (Lisa Loven Kongsli, "Fatso") machen mit ihren Kindern Henry und Vera Urlaub in den französischen Alpen. Als beim Mittagessen auf der Terrasse mit Blick auf die Berge plötzlich eine Lawine anrollt, halten die Gäste das Ganze erst für eine kontrollierte Aktion der Bergwacht. Doch schnell wird klar, dass die Lawine außer Kontrolle geraten ist. Die Gäste stürzen in Panik von der Terrasse, unter ihnen auch Tomas. Ebba hingegen bleibt bei den Kindern und versucht, diese zu schützen. Zum Glück geht alles glimpflich und mit lediglich etwas Pulverschnee im Mittagessen ab, aber das Verhältnis der Eheleute ist nachhaltig erschüttert. Ebba ist der Meinung, Tomas sei einfach abgehauen, während Tomas glaubt, dies gar nicht getan zu haben und nur das Beste für seine Familie gewollt zu haben. Unterschwellige Wut, Enttäuschung und Verunsicherung belasten nun die Ehe von Tomas und Ebba und auch vermeintlich klärende Gespräche mit Freund Mats (Kristofer Hivju, "Game of Thrones") und dessen Freundin Fanni (Fanni Metelius) bringen die Beiden nicht wirklich weiter. Kann Tomas seine Position als Familienoberhaupt zurückgewinnen oder hat die Ehe einen ernsthaften Knacks bekommen?

Wäre "Höhere Gewalt" nicht so furchtbar träge, pseudo-sozialkritisch und endlos langatmig inszeniert worden, hätte daraus durchaus ein guter Film werden können. Aber Regisseur Ruben Östlund verzettelt sich dermaßen in Tomas' und Ebbas Ehedrama, dass er a) jegliches Gefühl für Zeit (der Film geht zwei Stunden) und b) gute Dialoge verliert. Neben ein paar Kurzfilmen ist "Höhere Gewalt" Östlunds vierter Langfilm, aber Routine oder Versiertheit lassen sich hier leider dennoch nicht erkennen.

Der Film ergeht sich in endlosen, fast statischen Einstellungen und Sequenzen. Die Familie posiert für Fotos, die Familie im Skilift, die Familie beim Mittagsschlaf, die Familie beim Zähneputzen, die Familie beim Skifahren…all diese Sequenzen sind entweder unwichtig oder so lang ausgewalzt, dass man schnell jegliches Interesse am Film verliert.

Wenigstens lässt die Lawine nicht allzu lange auf sich warten, so dass immerhin vorübergehend mal ein bisschen Tempo in den Film kommt. Leider ist auch dies nur von kurzer Dauer. Kaum ist der Schreck verdaut und der Schnee vom Skianzug gewedelt, geht es im gleichen quälend langsamen Erzähltempo weiter. Ebba ist nun muckschig, weil Tomas im Angesicht der drohenden Gefahr einfach abgehauen ist, Tomas sieht das alles irgendwie anders. Dazwischen nölen die Blagen rum und Tomas' zottelbärtiger Freund Mats taucht auf, der zwischen den angespannten Eheleuten zu vermitteln sucht. Was allerdings gründlich nach hinten losgeht und zur Folge hat, dass Mats sich anschließend selbst mit seiner 20 Jahre jüngeren Freundin in die Wolle kriegt.

Dazwischen baut Östlund immer wieder und an den unpassendsten Stellen dieselbe pseudo-dramatische Klassiksequenz ein, so dass sein Film auch musikalisch anfängt zu nerven. Und dann gibt es noch einen merkwürdigen Hotelangestellten, der in den Gängen heimlich raucht und das sich streitende Ehepaar beobachtet, wenn es mal vor der Zimmertür steht….aha.

Die Familie ist einfach langweilig und bieder, der Durchschnitt vom Durchschnitt sozusagen. Die Charaktere sind allesamt nicht wirklich sympathisch. Tomas ist ein unsicherer Biedermann, Ebba eine verschlossene Frustrierte, die Kinder nölende Gören. Somit hat der Zuschauer kaum Lust, die vom Regisseur aufgeworfenen Fragen (Was hätte ich gemacht? Wäre ich auch weggelaufen? Wie würde ich es finden, wenn mein Partner einfach abhaut?) für sich selbst zu beantworten, weil er schon für die Protagonisten kaum mehr als marginales Interesse aufzubringen vermag. Dazu kommen die irgendwie verwirrte Regie, die seltsam unwirklichen Dialoge, die dazu noch unfassbar uninteressant sind und die insgesamt furchtbar zähe Inszenierung. Einzig die schönen Aufnahmen der verschneiten Pisten, kontrastreichen Berglandschaften inklusive hübscher Sonnenuntergänge fallen hier positiv auf. Alles andere wirkt konstruiert, bemüht und laienhaft.

Zu den Darstellern kann ich nicht viel sagen, selbst mir sind diese, trotz hoher Affinität zur nordeuropäischen Filmlandschaft, unbekannt. Sie spielen nicht schlecht, haben aber einfach das Pech, furchtbar gezeichnete Charaktere abbekommen zu haben. Wenn Johannes Kuhnke irgendwann ein furchtbares Geheule anstimmt, ist man leider eher peinlich berührt als gerührt. Ansonsten ist das Spiel der Darsteller so unauffällig oder uninteressant, dass man die darstellerischen Höhen kaum von den Tiefen unterscheiden kann.

Ganz ehrlich? Ich halte "Höhere Gewalt" für einen komplett überflüssigen Film. Das, was der Regisseur hier vermutlich erreichen wollte, geht meiner Ansicht nach komplett nach hinten los. Statt einer interessanten und brisanten innerehelichen Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung bekommt man hier nur einen angepassten Jammerlappen samt zickiger Frau serviert, deren Schicksal einen herzlich wenig interessiert. Die Dialoge wirken aufgesetzt und gekünstelt und vermeintlich tiefgründige Sinnfragen entpuppen sich als 08/15-Therapeutengewäsch, das einen immer öfter die Augen verdrehen lässt. Und dann nimmt und nimmt der Film einfach kein Ende. Quälend lange zwei Stunden verschwendet man mit diesem schwedischen Sozialtheater, ohne danach auch nur im Ansatz den Wunsch zu hegen, über die plakativen Fragen, die der Regisseur hier aufwirft, nachdenken zu wollen. Denn eigentlich möchte man diesen überambitionierten, aber letztendlich völlig irrelevanten und endlosen Versuch einer Familientherapie einfach nur vergessen. Für hübsche Bilder und zumindest ein, zwei interessante Ansätze gerade mal noch eine von fünf Lawinen, die dieses Drehbuch gerne unter sich begraben hätten können.


Pride [Blu-ray]
Pride [Blu-ray]
DVD ~ Bill Nighy
Preis: EUR 13,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Screw you, Thatcher!, 25. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Pride [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion)

Wer hätte gedacht, dass eine wahre Geschichte, die von einer Gruppe Schwuler und Lesben anno 1984 handelt, die streikenden britischen Bergarbeitern helfen zu überleben, zu einem der besten Kinofilme seit Jahren werden würde? Vielleicht hat auch Regisseur Matthew Warchus ("Simpatico") nicht damit gerechnet, dass sein erst zweiter Film (in wohlgemerkt 15 Jahren) das Zeug dazu hätte, sich zum absoluten Publikumsliebling zu mausern. Zumal Drehbuchautor Stephen Beresford mit "Pride" sein erstes Script überhaupt abliefert. "Pride" ist ein wunderbarer Film, in dem alles richtig gemacht wurde: eine fähige Regie, ein warmherziges, witziges Drehbuch, authentische Locations, ein grandioser 80er Jahre-Soundtrack und ein so liebenswerter und begabter Cast, dass man sie alle nach 120 Filmminuten sehr ins Herz geschlossen hat. "Pride" sollte wirklich niemand verpassen, denn hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein wunderschöner Film, den man einfach gesehen haben muss.

1984: England ist fest in der politischen Hand von Premierministerin Margaret Thatcher, die für ihre Unbeugsamkeit und emotionale Kälte bekannt ist. Als britische Bergarbeiter in den Streik gehen, um gegen Privatisierung und Schließung ihrer Minen zu protestieren, lässt die Premierministerin sich auf keinen Kompromiss ein und die Bergarbeiter so am ausgestreckten Arm buchstäblich verhungern. Davon bekommen auch einige Homosexuelle in London etwas mit, die unter Führung des jungen Mark Ashton (Ben Schnetzer, "Die Bücherdiebin") kurzerhand beschließen, für die Bergarbeiter Geld zu sammeln, damit sie überleben können. Sie gründen den Verein LGSM (Lesbians and Gays support the Miners) und fangen an, Spendengelder zu sammeln. Da die Gewerkschaft nicht daran interessiert ist, von Schwulen und Lesben unterstützt zu werden, fahren Mark und seine Gruppe kurzerhand direkt nach Wales zu den streikenden Minenarbeitern, um ihnen das Geld selbst zu übergeben. Dort gibt es zwar auch einige Vorbehalte gegen die Homosexuellen, diese legen sich jedoch schnell und die beiden von der Regierung so schlecht behandelten Randgruppen beginnen sich anzufreunden. LGSM sammelt immer mehr Geld für die darbenden Streikenden, was einigen Gewerkschaftsmitgliedern dennoch nicht gefällt. Und natürlich haben Mark und seine Freunde auch mit ihren ganz persönlichen Problemen zu kämpfen, genau wie die Bergarbeiter um den umgänglichen Dai (Paddy Considine, "The World's End").

"Pride" ist eine sehr gelungene Mischung aus typisch trockenhumoriger Brit-Komödie und gesellschaftlichem Drama. Die scheinbar so gegensätzlichen Themen wie der Kampf um Akzeptanz und Gleichberechtigung der Homosexuellen und der Kampf der Bergwerksmitarbeiter um ihre Jobs weist viele Parallelen auf. Beide Gruppen fühlten sich von der damaligen Regierung im Stich gelassen oder sogar geächtet. Die Schwulen- und Lesbenbewegung war gerade erst dabei, sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen und um ihre Rechte zu kämpfen. Schwul sein war immer noch pervers, krankhaft und anormal. "Pride" zeigt hier auch anhand von Einzelschicksalen, wie schwer der Weg zum Coming out ist und in welche Angst die gerade erst bekannt gewordene Immunschwächekrankheit AIDS die Menschen versetzte. Parallel dazu wird das schwere Schicksal der Bergarbeiter geschildert, die verzweifelt um ihre Jobs kämpfen, ihren Stolz nicht verlieren wollen und durch den fast ein Jahr lang andauernden Streik mit ihren Familien an den Rand des Existenzminimums gedrängt wurden.

Anhand exzellent ausgearbeiteter Charaktere gelingt es "Pride", all diese Probleme nachvollzieh- und spürbar zu machen. Trotz Ecken und Kanten sind die Protagonisten Menschen, die man schnell ins Herz schließt und somit gebannt ihren weiteren Weg verfolgt. Ob das nun der 20jährige Joe (George MacKay, "Defiance") ist, der sein Coming-out noch vor sich hat oder der selbstbewusste Mark, der ein stark ausgeprägtes soziales Gewissen hat und sich für andere furchtlos einsetzt. Auch die kratzbürstige Steph (Faye Marsay, "The White Queen") als Punk-Lesbe entfaltet ihren ganz eigenen Charme, ebenso wie der exaltierte Jonathan (Dominic West, "The Awakening"), der den tanzfaulen Minenarbeitern Tanzunterricht gibt oder der zurückhaltende Mike (Joseph Gilgun, "Misfits"), der seinen eigenen Weg noch finden muss. Aber auch die walisischen Bergwerksleute schließt man schnell ins Herz, die ruppige und resolute Hefina (Imelda Staunton, "Maleficent"), den schüchternen Cliff (Bill Nighy, "Best Exotic Marigold Hotel") und den liebenswerten Dai, der zutiefst dankbar für die Unterstützung von so ungewöhnlicher Seite ist. Der Cast ist schlicht toll, die Rollen sind differenziert und liebevoll ausgearbeitet und erzählen viele verschiedene Geschichten - tragische, schöne, witzige.

Die stufenweise Annäherung der weltoffenen, engagierten Schwulen und Lesben aus der Großstadt London und der konservativen, voreingenommenen Minenarbeiter samt Familien in einem Dorf in Wales geht nicht ganz unkompliziert, aber zunehmend besser vonstatten. Schnell werden (zumindest bei den meisten) Vorurteile über Bord geworfen und sich in den gemeinsamen Kampf für die gute Sache gestürzt. Dabei kommen weder Spaß noch Ernsthaftigkeit zu kurz, egal, ob dies bei zur Disco ausartenden Minenarbeiter-Versammlung ist oder beim aufregenden London-Besuch der Bergwerksleute, bei dem es natürlich auch in die Clubs der Schwulenszene geht. Auch die Dramatik kommt nicht zu kurz: Coming-Out, AIDS, Intrigen und unerschütterlicher Zusammenhalt werden hier so dezent, gekonnt und emotional in Szene gesetzt, dass man sich dem immensen Charme, den "Pride" versprüht, einfach nicht entziehen kann.

Und nicht erst, wenn es zum herzergreifend-beschwingten Finale von "Pride" kommt, hat man sie alle ins Herz geschlossen, die Schwulen, die Lesben, die Minenarbeiter, einfach die Menschen, die "Pride" zu diesem einzigartigen, berührenden, witzigen, temporeichen, ehrlichen und großartigen Film machen. Mit einigen Abschluss-Informationen zu den tatsächlichen Schicksalen dieser einmaligen Menschen geht man, mit einer Träne im Auge und einem Lächeln im Gesicht, aus "Pride" und kann es immer noch nicht fassen, was für einen fantastischen Film man da gerade gesehen hat. "Pride" ist bestmögliche Kinounterhaltung, wie man sie so gelungen nur selten zu sehen bekommt. Definitives Plus auch hier die anzuratende Originalversion, in der wunderbares Brit-Englisch und herrlich melodisches Englisch mit walisischem Akzent gesprochen wird. Nach Sichtung des deutschen Trailers kann ich die Originalversion nur umso mehr empfehlen, es ist erschreckend, wie viel hier doch wieder in der Synchronisation verlorengeht. Wer sich "Pride" entgehen lässt, hat selber schuld, so tolle, rund um gelungene Filme gibt es nicht oft. Deshalb gerne volle fünf von fünf Kämpfen, die gekämpft werden müssen, allen Widerständen zum Trotz.
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Tusk
Tusk
DVD ~ Justin Long
Preis: EUR 9,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Don't believe the hype!, 25. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Tusk (DVD)
Als Kevin Smith anno 1994 mit seinem ersten Langfilm "Clerks" debütierte, horchten Independentfilm-Fans auf der ganzen Welt auf. Mit einem Budget von lediglich 230.000 Dollar lieferte Smith einen herrlich schrägen und sehr witzigen Nerd-Film ab und platzierte gleichzeitig sich selbst als Kultfigur "Silent Bob". Es folgten ähnlich kultige, aber schon weitaus kommerziellere Filme wie "Mallrats" (1995) und "Dogma" (1999). In den 2000ern dann fing Smiths kreativer Abstieg an. "Jersey Girl", "Clerks II" und "Zach and Miri make a Porno" läuteten das Ende von Smiths künstlerischer Kreativität ein, man merkte, dem bekennenden Comic-Fan fiel irgendwie nichts mehr ein. Mit "Red State" von 2011 spaltete er seine Fangemeinde weiter, aber mit "Tusk" dürfte Smith nun den absoluten Tiefpunkt seiner Karriere erreicht haben. "Tusk" (Stoßzahn) ist ein grausam schlechter, hirn- und absolut sinnloser Film, der hilflos zwischen Horror, Groteske und miesem Laienschauspiel hin- und her…robbt und den einstigen Smith-Fan entsetzt und fassungslos zurücklässt. Wofür genau Smith die 2,8 Mio. Dollar Budget verbraten hat (für den wackelpuddingartigen Walross-Gummianzug von Justin Long oder für die Teilnahme von Johnny Depp an diesem Murks), bleibt sein Geheimnis, er hat sie jedenfalls weder in eine gute Story (Smith hat das Drehbuch natürlich selbst verfasst) noch in eine gute Umsetzung gesteckt. Und verschwendet somit 98 Minuten Lebenszeit des Zuschauers auf scham- und rücksichtslose Weise.

Ausstattung der DVD: Ton in deutsch, englisch, spanisch und italienisch in DD 5.1, Untertitel in denselben Sprachen plus türkisch, dänisch, finnisch, schwedisch und norwegisch. Extras: Audiokommentar von Kevin Smith, animierter Podcast und entfallene Szenen. An Bild- und Tonqualität gibt's nichts zu meckern, sie entsprechen dem DVD-Standard.

Wallace Bryton (Justin Long, "Drag me to Hell") betreibt mit seinem Kumpel Teddy (Haley Joel Osment, "The Sixth Sense") einen Podcast namens "Not-See" (was phonetisch rein zufällig nach "Nazi" klingt, funny that), in dem er äußerst schräge Videos von Nerds und anderen seltsamen Gestalten postet. Darüber hinaus ist das Duo immer auf der Suche nach neuen Verrückten, die ihnen ihre Geschichten erzählen, die dann bei "Not-See" erscheinen. Als Wallace ein armer Irrer abspringt, da dieser sich versehentlich mit einer Machete umgebracht hat, Wallace aber nun schon mal in Kanada ist, besucht er den alten und todkranken Howard Howe (Michael Parks, "Red State"), der ihm als alter Seefahrer gern seine Lebensgeschichte erzählen möchte, bevor er ins Gras beißt. Als Howe ihm erzählt, dass einst ein Walross ihm das Leben gerettet und er mit diesem Freundschaft geschlossen hat, beginnt der leckere Tee, den Howe Wallace angeboten hat, schon zu wirken. Als Wallace aufwacht, kann er gerade noch einen Hilferuf an seine Freundin Ally (Genesis Rodriguez, "Voll abgezockt") und Teddy absetzen, bevor der völlig durchgeknallte Howe beginnt, Wallace in ein Walross zu verwandeln…buchstäblich.

Kurz zum Hintergrund dieser unfassbar dämlichen Geschichte: Smith selbst ist leidenschaftlicher Podcaster und im Rahmen seiner Sendung (in Folge 259, um genau zu sein) berichtete er über eine Anzeige für eine Haushaltshilfe, die aber doch bitte nur im Walrosskostüm putzen sollte. Im Nachhinein stellte sich die Anzeige als Fake heraus, aber da hatten Smith und sein Produzent schon angefangen, diese Ausgangssituation weiterzuspinnen und schlussendlich das Drehbuch zu diesem furchtbaren Film fertigzustellen. Und es steht zu befürchten, dass es durchaus noch schlimmer kommen könnte, denn "Tusk" ist lediglich der Auftakt zu Smiths "True North"-Trilogie, deren zweiter Teil, "Yoga Hosers" bereits abgedreht ist. Hoffen wir einfach mal, dass es nicht noch schlimmer wird als in "Tusk", wobei dies kaum möglich sein dürfte.

So, ein Film also, in dem ein Mann zum Walross "umgebaut" wird. Alles klar. Wer "Human Centipede" gesehen hat, den dürfte zwar so leicht nichts mehr erschüttern, aber Kevin Smith gelingt es dennoch, seinen Film noch schlechter und absurder zu gestalten. Vom ehemaligen Smith'schen Witz, den wunderbar schrägen Dialogen und der reduzierten, aber effektiven Inszenierung ist in "Tusk" nichts mehr übrig. Der Film ist laut, plump, billig und einfach nur dämlich. Vor allem, weil Wallace letztendlich nicht wirklich konsequent "umoperiert" wird, sondern ihm nur die Beine amputiert und die Arme am Körper festgenäht werden und er dann in einen Walrosssack aus Menschenfleisch-Lappen gesteckt wird. Herrje…

Wallace und Teddy albern sich erstmal postpubertär durch ihren Podcast, dann labert Wallace postkoitalen Dünnsinn mit Freundin Ally und dann fliegt er nach Kanada, um einen der Vollidioten, dessen Video er im Netz entdeckt hat, zu interviewen. Da dieser aber leider den Löffel abgegeben hat, disponiert Wallace kurzfristig um und besucht den mittels einer Kleinanzeige zufällig ausfindig gemachten Howard Howe. Der allerdings hat weder alle Tassen im Schrank noch alle Walrosszähne an Ort und Stelle. Und noch während Howe Wallace seine wirre Lebensgeschichte auftischt, wird Wallace bewusstlos und wacht gefesselt und um bereits ein Bein leichter wieder auf. Mit Schrecken erkennt er, wie irre Howe wirklich ist, denn dieser will ihn allen Ernstes als Walross verkleiden und macht sich auch gleich an sein frankensteineskes Werk.

Und das, was bei dieser Schnetzel-Bastelei herauskommt, ist dermaßen bekloppt, dass es knallt. Justin Long darf den restlichen Filmverlauf (immerhin noch gut eine Stunde) im sumoähnlichen Walross-Gummianzug aus menschlichen Fleischlappen-Attrappen zubringen und lediglich Grunz- und Heulbojenlaute von sich geben. Er robbt sich durch die nicht vorhandene Handlung, blökt nervtötend in der Gegend rum (leider keine gelungene Abwechslung zu seinem vorherigen dummdreisten Gewäsch als Podcast-Moderator) und harrt der Dinge, die da (von Howe) noch kommen. Parallel dazu machen sich Wallaces Freunde auf die Suche nach ihm und werden dabei vom hemmungslos schwadronierenden Cop Lapointe (Johnny Depp mit dämlicher Friese und falscher Nase) "unterstützt", der ebenfalls nur Schwachsinn faselt.

Die Story ist einfach nur albern, krank und saublöd. Die Protagonisten geben in einer Tour die sinnentleertesten Sätze von sich, hampeln ungelenk durch die Kulissen und sind vermutlich entweder auf der Suche nach dem Sinn des Ganzen oder einer Tarnkappe, damit niemand erfährt, in was für einer Grütze sie hier mitspielen.

Die Darsteller haben größtenteils bewiesen, dass sie ihren Job durchaus beherrschen. Für diesen Film aber scheinen fast ausnahmslos alle dies vergessen zu haben oder waren so mit Fremdschämen beschäftigt, dass ihre darstellerischen Fähigkeiten darunter gelitten haben. Justin Long könnte hier locker den Preis fürs größtmögliche Overacting gewinnen. Im ersten Filmteil redet er permanent unreife, dämliche und oberflächliche Scheiße zusammen, im zweiten Teil grunzt und heult er nur noch, wenn er mit großen Augen aus seinem Walrosskostüm schielt. Joel Haley Osment war mal der "I can see dead people"-Knirps aus "The Sixth Sense" - mittlerweile ist der 27jährige ziemlich mopsig geworden und muss sich offensichtlich mit bescheuerten Nebenrollen über Wasser halten. Tja, und Johnny Depps filmischer Abstieg scheint weiter voranzuschreiten. Nachdem Depp mit der "Fluch der Karibik"-Reihe erstmals Mainstream-Filmluft geschnuppert und mit diesen Filmen unsagbar viel Geld verdient hat, muss irgendwas schiefgelaufen sein, denn danach wurden seine Filme immer schlechter ("The Tourist", "Dark Shadows", "Lone Ranger", "Transcendence", "Mortdecai"). Mittlerweile soll Depp sogar wieder an der Flasche hängen. Hier fällt er einmal mehr durch wirre Dialoge mit bescheuertem frankokanadischen Akzent auf und hat sich dazu noch eine falsche Nase aufgesetzt, so dass man erst zweimal hingucken muss, bevor man den vor sich hinfaselnden Polizisten als die einstige Ikone des Independentfilms erkennt. Michael Parks bleibt hier trotz des horrenden Dünnsinns, den er von sich geben muss, noch am authentischsten…vielleicht, weil er einen komplett Übergeschnappten spielt. In Minirollen sind darüber hinaus Johnny Depps und Kevins Smiths Töchter als Verkäuferinnen zu sehen, die im Übrigen in Smiths nächstem Film, "Yoga Hosers", zwei der Hauptrollen übernommen haben. Darüber hinaus findet sich in "Yoga Hosers" fast der gesamte Cast von "Tusk" wieder, aber das nur nebenbei.

So viel Gerede über so einen schlechten Film? Ja. Weil man gar nicht genug davor warnen kann, den positiven Kritiken zu diesem absoluten Scheißfilm Glauben zu schenken. Der Film ist weder ein Kevin Smith- noch ein guter, witziger, herrlich abgedrehter oder gar großartiger Trash-Film. Der Film ist schlicht das Allerletzte, dumm, schlecht gespielt, völlig hirnrissige Story und mit 98 Minuten auch noch viel zu lang. Dazu kommt die mehr als fragwürdige Botschaft, dass Menschen einfach die höheren Wesen sind, weil sie eine Seele haben und weinen können, was Tieren (laut Kevin Smith) eben abgeht…was bitte soll so ein Schwachsinn? Kompletter Griff ins Klo, sowohl für Smith-Fans als auch für alle anderen. Es gibt guten und wirklich schlechten Trash. Dieser Film ist leider Letzteres. Zu schlecht zum Angucken, einfach nur zum Vergessen. Ich guck mir schnell noch mal "Clerks" und "Mallrats" an, in der Hoffnung, das Bild, das ich von Kevin Smith mal hatte, irgendwie wieder heraufbeschwören zu können. Ergo satte null von fünf Walrössern, die so einen miesen Film keinesfalls verdient haben. Allerdings hat das auch sonst niemand.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 19, 2015 4:17 PM MEST


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