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HG (Dresden)
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   

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Outlaws: Roman
Outlaws: Roman
von Javier Cercas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wo liegt die Grenze zwischen Gut und Böse? oder: "Der Robin Hood seiner Zeit", 2. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Outlaws: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Heldentaten Robin Hoods sind ein fester Bestandteil unserer modernen Mythologie und ein strahlendes Beispiel für Abenteuerlust und den Kampf um Gerechtigkeit. Das gilt auch für die vom japanischen Fernsehen ab 1973 produzierte Serie "Die Rebellen vom Liang Shan Po", die zu Beginn der achtziger Jahre auch in Deutschland ausgestrahlt wurde und damals die Teenager europaweit begeisterte. Beide Geschichten, sowohl die mittelalterliche, englische Legende aus dem Sherwood Forest, als auch die im 12. Jahrhundert in China spielende Variante heroisieren das Leben der Gesetzlosen und Geächteten. Outlaws, wie es bereits der Titel verrät, sind auch das Thema des Romans des spanischen Autors Javier Cercas. Diesen lässt er allerdings im Sommer 1978 in Spanien beginnen.

General Franco ist bereits drei Jahre tot. Doch noch immer scheint das Land unter seiner autoritären, diktatorisch-blutigen Herrschaft mit ihren brutalen "Säuberungsaktionen" nahezu paralysiert zu sein. Die baskische Untergrundorganisation ETA, einst als Widerstandsbewegung gegen die Franco-Diktatur gegründet, hat sich zwar gespalten, aber Teile kämpfen weiter um eine Autonomie des Baskenlandes. Auch Katalonien verzeichnet deutliche Unabhängigkeitsbemühungen. Javier Cercas setzt seine Erzählung in den Nordosten der Iberischen Halbinsel, nach Gerona, ca. 100 km von Barcelona entfernt. "In Gerona war es damals, als befände man sich immer noch in der Nachkriegszeit, ein düsteres Kaff fest im Griff der Kirche, ringsum bedroht durch das Land und im Winter in dicken Nebel gehüllt." In den armen Vorstädten wohnen viele Charnegos, damals eine gebräuchliche Bezeichnung für nichtkatalanische Einwohner. Noch übler, in sogenannten Behelfsunterkünften, haust der "Abschaum des Abschaums", die Quinquis, eine nomadisierende bis halbsesshafte soziale Randgruppe in Spanien, vom Bürgertum beinahe symbolisch getrennt durch einen Park und die Flüsse Ter und Onyar. Die Grenze übertritt man selten.

Doch Ignacio Cañas, genannt "Brillenschlange", tut es. "Mit sechzehn sind alle Grenzen durchlässig... (...) Ein Junge aus der Mittelschicht, der unbedingt ausprobieren wollte, wie es auf dem anderen Ufer zugeht, in der Wildnis". Er wird in seiner Schule von Batista und seinen Freunden gedemütigt und terrorisiert. Als ihm der markante Antonio Gamallo, genannt Zarco, und vor allem die hübsche, selbstbewusste Tere über den Weg laufen, springt er über die Demarkationslinie. Ab sofort ist er Mitglied der Gang, die sich vor allem durch Handtaschendiebstähle, Drogenkonsum bis hin zu Einbrüchen und späteren, zunehmend gewaltbereiteren Raubüberfällen, auszeichnet und hernach ihren erbeuteten Gewinn im Rotlichtviertel auf den Kopf haut. Bis zu jenem magischen Tag als ein Banküberfall durch offensichtlichen Verrat scheitert. Zarco wird gefasst, aber Ignacio entkommt. Im Gefängnis entwickelt sich der Mythos um den jungen Quinqui stetig weiter und erhält zunehmend landesweit mediale Aufmerksamkeit, die Zarco fast den Status einer Ikone verleiht, eines modernen Robin Hood oder Lin Chung wie in der fernöstlichen Variante. Nach zwanzig Jahren trifft das ursprüngliche "Dreigestirn" erneut aufeinander. Aus Cañas ist mittlerweile ein erfolgreicher Strafverteidiger geworden, Gamallo sitzt immer noch hinter Gittern und Tere bringt bei Ignacio schon wie damals gewisse Saiten zum Schwingen. Die starken psychologischen Abhängigkeiten der Jugend sind offensichtlich vor allem auf Seiten Ignacios noch nicht gänzlich abgestreift...

Javier Cercas hat für seinen äußerst interessanten und tiefgehenden Plot eine interessante Form zur Wiedergabe gewählt. In wechselnden Kapiteln lässt er jeweils Ignacio und einen damals mit dem Fall betrauten Inspektor die Geschichte der Quinqui-Bande des Sommers 1978 aufrollen. Etwa in der Hälfte des Buches erfolgt ein Sprung von 20 Jahren, der bis in die Gegenwart hineinreicht. Nun berichtet Zarcos ehemaliger Gefängnisdirektor und erneut Cañas vom erneuten Aufeinandertreffen. Alle drei werden dabei von einem Schriftsteller interviewt, der ein Buch über die ganze Geschichte schreiben will. Was zunächst ungewöhnlich anmutet, entwickelt allerdings schon nach wenigen Seiten einen unglaublich spannungsgeladenen Sog. Der spanische Autor gestaltet diese Interviews allerdings ohne Leseverlust. Angesiedelt auf hohem Niveau, mit einem raffinierten psychologischen Aufbau, vermittelt er zudem noch jede Menge geschichtliche Hintergründe. Sein Hauptaugenmerk liegt jedoch zweifelsohne auf der Frage, was einen Menschen zum Menschen macht. Antworten, die leider immer wieder stark von Klassen- und Gruppenzugehörigkeit abhängig gemacht werden. Cercas schreibt über die Zerrissenheit und das sich Finden in der Jugend genauso souverän wie über Liebe, Freundschaft, Vorbilder, Anerkennung, Hoffnung, Scheitern und vor allem den Werten im Leben eines Menschen. Der in Gerona lebende Spanier lotet aus, wägt ab und stellt verschiedene Meinungen nebeneinander, ohne zu werten. Dies überlässt er souverän und äußerst raffiniert seinem Leser.

Fazit: Javier Cercas erzählt eine spannende Geschichte, die letztendlich Teil einer größeren ist und bei der sich zunehmend die Quintessenz herauskristallisiert, "dass es zwar sehr beruhigend ist, für das, was wir tun, eine Erklärung zu haben", es allerdings für das allermeiste mehr als nur eine Erklärung gibt - "vorausgesetzt es gibt überhaupt eine." Ein Text, der in menschliche Tiefen eindringt. "Ein Buch wie ein Spiegel". Denn nicht wir lesen die Bücher, "sondern die Bücher lesen uns."


Vielleicht Esther
Vielleicht Esther
von Katja Petrowskaja
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Varianten unseres Schicksals" oder: Lebenswege - Betreten auf eigene Gefahr, 1. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.
.........................................Georg Trakl

Kalisz, jeweils rund 100 km von Breslau, Posen und £ódY entfernt und einst bekannt für seine Spitzen, war vor dem Zweiten Weltkrieg voll mit kleinen und größeren Fabriken, die ganz Russland mit dem begehrten Geflecht versorgten. Zudem darf sie sich als eine der ältesten urkundlich belegten Städte Polens nennen (150 n. Chr.). Die keltische Wortwurzel bedeutet Quelle oder Ursprung. Gleich in mehrfacher Hinsicht spielt Kalisz im Debütwerk der in Kiew geborenen und auf Deutsch schreibenden Autorin eine bedeutende und zugleich metaphorische Rolle. Da ist zunächst der Stammbaum. Auch er hat eine Quelle, einen Ursprung: seine Wurzel. In kompakter Form versucht man so weit wie möglich zu seinen Vorfahren und seiner Familiengeschichte vorzudringen. Beim Erforschen von diversen Familienstrukturen weist wiederum die alte Handwerkskunst der Spitzenherstellung mit ihrem systematischen Wechsel von Verdrehen, Verknüpfen, Verkreuzen und miteinander Verschlingen von Fäden eine gewisse Dualität auf. Und in Polen scheinen die jüdischen Wurzeln Katja Petrowkajas ihren Anfang genommen zu haben.

Um ihrer "manchmal schneidend scharfen, manchmal wermutherben Einsamkeit", die ihre Ursache im offensichtlichen Fehlen einer großen Familie hat, auf den Grund zu gehen und ihren Familienbaum vielleicht doch noch wachsen zu lassen, taucht die Autorin in ihre Vergangenheit ab. Dessen scheinbar undurchdringbares Gewebe erweist sich zunächst als beinahe gesichts- und geschichtslos. Doch nach und nach erkennt sie Strukturen im Netz und ihre Vorfahren erhalten Konturen. Allerdings entpuppt sich dieses Unterfangen alles andere als linear, durchgehend und vor allem simpel. Bei ihren Nachforschungen, ihrem Stöbern im "Baumüll der Geschichte", stört sie nicht selten die "Geister der Vergangenheit", die mitunter recht unwirsch reagieren, wenn sie deren Nebel lüften will. "Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche. Manche aus meiner Familie waren geboren, um ihren Berufungen nachzugehen in dem hellen, aber nie ausgesprochenen Glauben, sie würden die Welt reparieren. Andere waren wie vom Himmel gefallen, sie schlugen keine Wurzeln, sie liefen hin und her, kaum die Erde berührend, und blieben in der Luft wie eine Frage, wie ein Fallschirmspringer, der sich im Baum verfängt. In meiner Familie gab es alles, hatte ich überheblich gedacht, einen Bauern, viele Lehrer, einen Provokateur, einen Physiker und einen Lyriker, vor allem aber gab es Legenden."

Zunächst lernt sie Deutsch. Denn "dieses Deutsch war mir eine Wünschelrute auf der Suche nach den Meinigen, die jahrhundertelang taubstummen Kindern das Sprechen beigebracht hatten, als müsste ich das stumme Deutsch lernen, um sprechen zu können, und dieser Wunsch war mir unerklärlich." Sie fährt als Russin aus Deutschland, wo sie mittlerweile lebt, in das jüdische Polen ihrer Verwandten. Aus Erinnerungsfetzen, zweifelhaften Notizen und Dokumenten, gefunden in Archiven ("Geschichte ist, wenn es plötzlich kein Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen."), öffnet sie das versiegelte Fenster ihrer frühen Kindheit in Kiew in der sozialistischen Sowjetunion und auch das ihrer Ahnen, die Taubstummenschulen gründeten. Den meisten Widerstand verspürt sie beim "Entriegeln" ihres Judentums, das für sie bis dato gleichfalls sprachlos blieb, da ihre Familie einen großen Deckmantel des Schweigens darüber gelegt hatte. Blatt für Blatt, Baustein für Baustein, baut sie ihre verschüttete Geschichte wieder auf. Katja Petrowskaja lässt eine Zeile in die nächste hineinragen, legt eine weitere darüber und überlagert, genau wie bei gehäkelten und gewebten Spitzendeckchen. Was sich ihr beim Graben und Recherchieren offenbart und mit immer größerer Intensität zu Tage tritt, erinnert mitunter an eine "Rochade des Schicksals", an "Zufälle in Zeit und Raum" und lässt nicht nur einmal tief durchatmen. Beim Versuch, die inneren Verbindungen ihrer Familie und deren Leitmotive zu begreifen, wird die Suche fast zur Sucht.

Petrowskaja erzählt nicht in geraden Linien. Sie kreist und kreist, reißt ab, "wie die Kaliszer Spitzen, ich sah kein Ornament, nur kleine Fetzen..." Ihre Recherchen und Erkenntnisse offenbaren zuweilen mehr als ein gesunder Menschenverstand aufnehmen und begreifen kann. "Was wäre wenn, was wäre falls, was, wenn es nicht geschehen wäre, oder was wäre gewesen, wenn sie (...) geblieben wären..." Letztendlich stellt sie fest: "dass ich keine Macht über die Vergangenheit habe, sie lebt, wie sie will, sie schafft es nur nicht zu sterben." "Vielleicht Esther" bietet ein Gewebe, ein sprachliches Ornament, als befände man sich selbst "in der Windrose des Geschehens". Zuweilen treibt es einem Tränen in die Augen, man schluckt und hält den Atem an. Eine ehrliche, unverstellte Stimme, die geradeheraus, aber auch mit Witz und Charme das Unaussprechliche der Vergangenheit benennt. "Man sagt jüdisch, weiß aber nicht, womit das Wort gefüllt ist." Die Autorin füttert es wieder mit Leben, unverkrampft und eigenständig. "Ich wollte eine Lösung finden, für mich und für diejenigen, die heute hier wohnen und arbeiten, ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne absehbares Ende." Am Ende spürt sie, wie ihre persönliche Zukunft immer größer und ausgedehnter wird. Die Krone des eigenen Familienbaumes breitet sich schattenspendend über ihr aus.

Fazit: Ein ergreifendes, ein bewegendes Buch, das den Leser zuweilen mit einer ungeheuren Wucht aus Emotionen übermannt. Emotionen, die keineswegs rührselig oder sentimental daherkommen, sondern zutiefst im Inneren etwas zum Schwingen bringen. Doch Vorsicht. "Vielleicht Esther" fördert einen Text zutage, den man aufgrund seiner Tiefe und Substanz nicht mal nebenher liest, sondern den man nahezu körperlich verinnerlicht. Ein Text, der nicht einfach zu lesen ist und einige Konzentration erfordert, der aber unglaublich bereichert und vor allem "global" erinnert. Danke dafür, Katja Petrowskaja!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 10, 2014 7:00 PM MEST


Max Factor Lipfinity 20 Angelic, 1er Pack (1 x 2 ml)
Max Factor Lipfinity 20 Angelic, 1er Pack (1 x 2 ml)
Preis: EUR 13,23

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dieses Mal kein Nahrungsergänzungsmittel ;-), 28. April 2014
Kundenmeinung aus dem Amazon Vine - Club der Produkttester-Programm (Was ist das?)
Etwa 2 Kilo Lippenstift konsumiert Frau im Laufe ihres Lebens (wenn sie denn welchen trägt, versteht sich). Das tut sie natürlich unbewusst. Denn die Haltbarkeit desselben variiert von „kurzem schnellen Genuss“ bis „langsames Konsumieren auf Raten“. Der neue Lipfinity von MaxFactor soll bis zu 24 Stunden dort bleiben, wo er eigentlich hingehört - nämlich auf den Lippen, auch nach Speis, Trank und... hmmmm... Küssen ;-). Wieder nur ein vollmundiges Werbeversprechen?
Hier mein Test:

Anwendung:
Der vorliegende Lipfinity ist ein Kombinationsprodukt aus Lippenfarbe und einem sogenannten „Topcoat“ bzw. auf gut Deutsch: einem Pflegestift. Zunächst trägt man die Farbe auf, die kurz antrocknen muss (was tatsächlich keine Minute dauert). Nach dem Trocknen stellt sich ein leichtes Spannungsgefühl auf den Lippen ein, das jedoch sofort verschwindet, nachdem man in Schritt zwei den Pflegestift eingesetzt hat. Dieser macht die Lippen sofort geschmeidig und verleiht zudem der matten, stumpfen Grundierung den nötigen Glanz.

Haltbarkeit:
Da ich zwar Lippenstift verwende, diesen allerdings nicht auch noch in der Nacht, kann ich nur von ca. 16 Stunden maximaler Tragedauer ausgehen. Diese gewährleistet dieses Kombiprodukt tatsächlich mit vielleicht minimalen Abnutzungserscheinungen nach ca. 14 Stunden. Danach erscheint die Grundierung nicht mehr absolut flächendeckend und lupenrein auf den Lippen zu haften. Das kann natürlich auch daran liegen, dass man von Zeit zu Zeit den Pflegestift erneuern sollte. Denn dieser nutzt sich beim Essen, Trinken und... (schon wieder)... Küssen ab. Trotzdem gibt es keine farbigen Abdrücke an Tassen, Gläsern und... Männer aufgepasst... auch nicht an Hemdkragen und dgl.

Deckkraft/Farbe:
Die vorliegende Farbe 20 Angelic offenbart sich als ein sattes, kräftiges Rosa mit Tendenz ins kräftig Pinkfarbene. Auf der Lippe entwickelt die Grundierung nach kurzer Zeit eine recht intensive Tönung. Dies umgehe ich bei Bedarf, indem ich über den Pflegestift zusätzlich einen etwas helleren, dezenteren Lipgloss auftrage.

Pflegewirkung:
Die Langzeitwirkung des feuchtigkeitsspendenden Pflegestifts schätze ich als nicht 100% optimal ein. Wenn man nicht wirklich aller zwei bis maximal drei Stunden nach“pinselt“ stellt sich das ursprüngliche Spannungsgefühl schnell wieder ein. Allerdings zeichnet sich das Produkt durch eine allgemein gute Verträglichkeit aus: keinerlei allergische Reaktionen oder gar ein extremes Austrocknen der Lippen zu verzeichnen.

Abschminken:
Auf der Verpackungsanleitung findet man einen dezenten Hinweis, dass ein ölhaltiger Makeup-Entferner verwendet werden soll. Mein Tipp: ein kleiner Tropfen Olivenöl tut es auch. Diesen leicht auf den Lippen verteilen und die Grundierung lässt sich hernach problemlos abwaschen.

Fazit: Max Factors Lipfinity zeigt ein solides Langzeitergebnis, wartet mit hoher Deckkraft und einer Farbe auf, die dort bleibt wo sie sein sollte und somit einen normalen Arbeitstag problemlos übersteht. Die Pflegewirkung könnte vielleicht noch einen Tick verbessert werden.

Apropos Werbeversprechen: Man sollte da vielleicht etwas vorsichtiger sein. Zumindest in den USA können Anbietern zu vollmundige Versprechen schnell mal teuer zu stehen kommen. Dort hatten vor nicht allzu langer Zeit drei Frauen den Kosmetikkonzern M*y*e*line auf mehrere Millionen Dollar Schadenersatz verklagt, weil er für einen seiner Lippenstifte 14 Stunden Farbkraft ausgelobt hat, die er nicht halten konnte, sagten jedenfalls die Klägerinnen...


Makrokosmos Honigbiene
Makrokosmos Honigbiene
von Claus-Peter Lieckfeld
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Unerklärliche und Unverstandene ist es, das unsere Blicke auf sich lenkt, 26. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Makrokosmos Honigbiene (Broschiert)
"Die Bienen schenken dem Menschen Honig und duftendes Wachs, aber was vielleicht mehr wert ist, als Honig und Wachs: Sie lenken seinen Sinn auf den heiteren Junitag, sie öffnen ihm das Herz für den Zauber der schönen Jahreszeit, und alles, woran sie Anteil haben, verknüpft sich in der Vorstellung mit blauem Himmel, Blumensegen und Sommerlust. Sie sind die eigentliche Seele des Sommers, die Uhr der Stunden des Überflusses, der schnelle Flügel der aufsteigenden Düfte, der Geist und Sinn des strömenden Lichts, das Lied der sich dehnenden, ruhenden Luft, und ihr Flug ist das sichtbare Wahrzeichen, die deutliche musikalische Note der tausend kleinen Freuden, die von der Wärme erzeugt sind und im Licht leben."
Von Urbeginn an hat dieses kleine seltsame Gesellschaftstier mit seinen komplizierten Gesetzen und seinen im Dunkeln entstehenden Wunderwerken die Wissbegier der Menschen gefesselt. Schon Aristoteles, Plinius oder Virgil haben sich mit ihm beschäftigt. So auch der belgische Autor und Literaturnobelpreisträger (1911) Maurice Maeterlinck, aus dessen wunderbarem Buch "Das Leben der Bienen" die zitierten Zeilen stammen.

Das vorliegende schmale, aber großformatige Buch ist gleichfalls beredtes Zeugnis davon: eine wundervolle Hommage an diese kleinen, intelligenten Sommergesellen. Nicht um neueste wissenschaftliche Erkenntnisse geht es den Autoren, sondern um das Wecken des Interesses an diesen Lebewesen, von denen Albert Einstein einmal meinte: "Wenn die Bienen aussterben, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben." Keine Bienen - keine Blütenbestäubung - keine Pflanzen - keine Tiere - keine Menschen. Zudem scheint seit einigen Jahrzehnten ein weltweites Bienensterben einzusetzen. "Allein in Deutschland überlebt derzeit ein Drittel - 300 000 von rund einer Million Völker - den Winter nicht." In den USA sieht es nicht besser aus, von Ländern wie China ganz zu schweigen. Dort setzt man in einigen Provinzen gar menschliche Bestäuberinnen ein, wie man in dem mehrfach preis­gekrönten Dokumentarfilm "More Than Honey" des Schweizer Filmemachers Markus Imhoof im letzten Jahr mit Erschrecken sehen konnte. Der missbräuchliche Einsatz von Pestiziden schlägt zurück.

"Makrokosmos Honigbiene" öffnet die Augen für diese zarte Stimme der Natur. Mit kurzen, aber äußerst informativen Texten über Leben und Arbeit der Bestäuber, Architekten, Brüter und unermüdlichen Arbeiter wird dem Leser ein hochinteressanter Einblick in das Bienenleben geboten. Den entscheidenden Anteil nehmen jedoch unzweifelhaft die fantastischen, zuweilen gar doppelseitigen Makroaufnahmen von Heidi und Hans-Jürgen Koch ein. Das in Berlin lebende Ehepaar, das sich nach eigenen Angaben als "being on the wild side of life" bekennt und seit elf Jahren fotografiert, hat grandiose Momente eingefangen. Ihre Fotos lassen es förmlich vor dem geistigen Auge summen. Ganz nah dran sind sie, wenn neue Waben gebaut werden, die Brut gefüttert oder mit den Flügeln als lebende Klimaanlage gefächelt wird. Sie sehen dem Schlüpfen der Drohnen zu, fangen den Glanz des goldgelben Honigs ein und schlängeln sich gemeinsam mit hunderten Bienen durch deren Wabengassen. Ihr Können und wahrscheinlich unendliche Ausdauer sind auf jeder Seite spür- und sichtbar. Dass das Ehepaar mit international renommierten Preisen - u.a. BBC Wildlife Photographer of the Year; World Press Photo und Lead Award - ausgezeichnet worden ist, sei nur am Rand erwähnt. Ihre Fotos sind beredtes Zeugnis davon.

Fazit: Claus-Peter Lieckfeld, Heidi und Hans-Jürgen Koch öffnen dem Leser und Betrachter dieses Buches die Augen voll Bewunderung für dieses "kleine seltsame Gesellschaftstier mit seinen komplizierten Gesetzen und seinen im Dunkeln entstehenden Wunderwerken" (M. Maeterlinck). Denn: "Nichts ist heilsamer, als sie zu öffnen."


Die sanfte Medizin der Bäume: Gesund leben mit altem und neuem Wissen
Die sanfte Medizin der Bäume: Gesund leben mit altem und neuem Wissen
von Maximilian Moser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bäume sind viel mehr als reine Materiallieferanten oder: "Leichter lernen in der Holzklasse", 25. April 2014
"Verwunderlich ist, dass wir diese Bäume ansehen und uns nicht mehr wundern." Der Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson äußerste dieses Befremden über den Umgang oder die Wahrnehmung dieser faszinierenden "Geschöpfe". Denn ohne sie gäbe es uns aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Ein Baum von angemessener Größe ist in der Lage, den Sauerstoff für eine vierköpfige Familie zu produzieren. Als globale Wärmeregulierer sind Wälder von unverzichtbarem Nutzen. Dächer, Möbel, Papier sind nur einige der sichtbaren Erzeugnisse, für die Holz benötigt wird. Unsere mentale Abhängigkeit von Bäumen ist allerdings ebenso wichtig. "Menschen, die bewusst in den Wald hinausgehen, um Kraft zu tanken, Bauherren, die sich ein Haus ganz aus Holz bauen, oder gar diese Leute, die einen Baum umarmen - sie alle galten bisher als zumindest leicht verträumte Naturliebhaber und wurden belächelt. Auch das Wort Spinner wurde dafür wohl manchmal verwendet. Heute sagt uns ausgerechnet die moderne Medizinforschung, dass diese Holz- und Baumliebhaber eine ungemein wirksame Quelle für Lebensenergie und Gesundheit nutzen.", schreibt Erwin Thoma.

Bereits in seinem Buch "Die Geheime Sprache der Bäume" vermittelte der Goldegger Forst-, Betriebswirt und Unternehmer spannende Dinge über das jahrtausendealte Wissen der Natur. Nun weiß der "Baumflüsterer", der seit Kindesbeinen und nicht zuletzt als Förster im Karwendelgebiet den Werkstoff Holz kennen und schätzen lernte, den Leser erneut zu fesseln. In "Die Medizin der Bäume" greift er nahtlos an seinen Vorgänger an. Dieses Mal betrachtet er gemeinsam mit Maximilian Moser, Gründer und Leiter des Human Research Instituts für Gesundheitstechnologie und Präventionsforschung in Weiz und Professor für Physiologie an der Medizinischen Universität Graz, die Kräfte der Bäume im Allgemeinen und ihre Heilkraft im Besonderen. Denn, so Thoma, für "alle Schwierigkeiten, die es auf der Erde gibt, kennen Bäume eine Antwort. (...) Das Leben der Bäume schenkt uns eindrückliche Bilder, die klare und eindeutige Hinweise auf die Quellen zur Gesundheit und zu einem langen Leben geben." Einige dieser sinnbildlichen Baumbilder stellt der Autor vor, zum Beispiel Blockadelösungen, Aktivierung der Selbstheilungskräfte, Erhaltung der Lebenskraft oder sogar soziales Zusammenleben.

Thoma schreibt über die Bedeutung und die Wirkungen der ätherischen Öle von Nadelhölzern oder der Baumharze mit ihrem "Konzert der tausendfachen Holzinhaltsstoffe für die Gesundheit im Körper", weist aber auch auf versteckte Bestandteile und verharmloste Auswirkungen von Leimholz hin. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Entdeckung der Holzhygiene, der antibakteriellen Wirkung von Holz und - man höre und staune - dem eindeutig hygienischeren Vorteil eines Holzschneidebretts gegenüber seinem Vertreter aus Kunststoff! Wie schafft es der Baum, sein Holz gegen Bakterien, Viren und Pilze, gegen Insekten und dergleichen zu schützen? Wie können wir vielleicht von diesen Wirkstoffen, die er bildet, profitieren? "Was kann man tun, um wieder besser zu schlafen? Wie kann ich meine Abwehrkräfte für eine nötige Heilung stärken? Wo kann ich einfach nur Energie tanken, und zwar so, dass ich das spüre und erlebe?", sind nur einige Fragen, die beide Autoren beantworten. Denn Holz hat medizinisch messbar einen ungeheuer großen Einfluss auf unser Wohlbefinden, auf unseren Organismus.

Auch wenn viele der angesprochenen Themen nichts spektakulär Neues bieten, so erinnert Erwin Thoma umso mehr und eindringlicher, um ein gesundes Leben in der Natur. "Es geht darum, mündlich überliefertes Weltkulturerbe zur Verbindung zwischen Mensch und Natur in den vielen Facetten zu erhalten, an die Leserinnen und Leser weiterzusagen, damit diese im eigenen Leben Nutzen ziehen können. Wer die Erde als zusammenwirkenden, vernetzten Organismus spürt, wer seinen Körper als integrierten Teil davon erlebt und leibt, hat vermutlich allein schon dadurch eine unschätzbaren Beitrag für die eigenen Gesundheit und für Mutter Erde geleistet." Neben den leidenschaftlichen Texten, die mit viel Verve und Enthusiasmus geschrieben sind und bei denen Thoma mitunter fast eine Ode an den Wald oder den Baum singt, lebt das Buch auch von den zahlreichen Fotos, Abbildungen und den fast auf jeder Seite zu findenden Zeichnungen von Baumarten, ihren Blüten- und Blätterformen, ihren Fruchtständen, Samen und auch ihren Früchten. Im Anhang findet sich letztendlich noch eine Auflistung einiger Möglichkeiten, das "Echo" der Bäume auf verschiedenste Art und Weise in das tägliche Leben einzubauen. Entstanden ist ein Buch, das den überlieferten und selbst erlebten Wirkungen der Autoren mit wissenschaftlichen Wirkstoffanalysen, dem Grundsatz der Mehrstoffchemie und dem Betrachten der Baumevolution auf die Spur zu kommen versucht.

Fazit: "Die sanfte Medizin der Bäume" ist ein "Buch über die Urgesundheit des Lebens, die in den Wäldern schlummert, ein Plädoyer, uns wieder auf die Kräfte der Natur einzulassen, die die Menschen durch Jahrmillionen begleitet haben. Sie zu entdecken, der vielfältigen Intelligenz, die in den Bäumen ruht, nachzuspüren, das ist ein Abenteuer voller Spannung, Überraschung mit großem Lohn an seinem Ende.", schreiben Erwin Thoma und Max Moser. "Möge dieses Buch viele Menschen bestärken, in sich hineinzuspüren, der eigenen ganzheitlichen Verbindung nachzugehen. Es braucht immer Mut und Überwindung der eigenen Bequemlichkeit, es braucht ein Infragestellen der bisherigen Wege, wenn wir gute Lösungen finden wollen. (...) Die Kräfte der Bäume, die Heilkraft der Natur gehören zum kostbarsten Lohn, den wir dafür ernten können." Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen! Außer vielleicht ein Zitat von Albert Einstein: "Sieh in die Natur, dann verstehst du's besser."


Americanah: Roman
Americanah: Roman
von Chimamanda Ngozi Adichie
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.", 24. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Americanah: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als man im 18. Jahrhundert Theorien entwickelte, die die Menschheit anhand von äußerlichen Merkmalen wie z. B. ihrer Hautfarbe in unterschiedliche, vermeintlich biologische Rassen einteilte und danach die zu Rassen gemachten Gruppen in ein hierarchisches Verhältnis zueinander setzte, dauerte es nicht mehr lange, dass sich in deren Resultat die Weißen an die Spitze der vermeintlich menschlichen Entwicklung platzierten und der als minderwertig eingestufte Rest vielfach entmenschlicht behandelt wurde. Die USA boten dabei ein unrühmliches "Vorbild". Auch wenn sich 50 Jahre nach der Rede Martin Luther Kings vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C zwar viel zum Positiven gewandelt hat, ist der Rassismus immer noch nicht Geschichte und die Narben und Makel tief in die amerikanische Gesellschaft eingebrannt, wie es der Kongressabgeordnete John Lewis, der letzte noch lebende Redner des "Marsches auf Washington" von 1963, postulierte.

"Du siehst aus wie eine schwarze Amerikanerin.", sagt Obinze zu Ifemelu. Die beiden Teenager sind seit kurzem ein Paar. Ihre Heimat Nigeria, dieses bevölkerungsreichste Land Afrikas mit seiner heimlichen Hauptstadt Lagos, dem Einfallstor für die europäischen Entdecker und späteren strategisch wichtigen Hafen im europäisch-transatlantischen Sklavenhandel, mausert sich wirtschaftlich gerade vom armen Agrarland zum "Löwen auf dem Sprung", zum "afrikanischen Hoffnungsträger". Allerdings profitiert davon nur eine kleine Elite. "Alle sind hungrig in diesem Land, sogar die reichen Männer sind hungrig, aber niemand ist ehrlich. (...) Niemand weiß, was morgen ist!", ist das Prinzip, auf dem Nigeria beruht. Das Schulsystem ist desolat, der Unterricht fällt häufig aus. Universitäten leiden unter gekürzten Bildungsetats, Studiengänge werden eingeschränkt, Bibliotheken nicht erneuert. Die Lehrkräfte befinden sich im gefühlten Dauerstreik. Die USA, aber auch Großbritannien sind deshalb der Traum vieler junger Leute, zu denen auch die beiden verliebten Protagonisten zählen. "In ihrer Phantasie war die Landschaft, waren die weltlichen Dinge in Amerika auf Hochglanz poliert." Ifemelu hat Glück. Sie erhält ein Visum zum Studium in Amerika. Obinze verschlägt es nach London. Wird ihre Liebe über die Entfernung Bestand haben? Ist wirklich alles Gold, was glänzt? Werden die beiden im "Land der unbegrenzten Möglichkeit" die ihrige finden?

"Americanah" erzählt die Geschichte einer intelligenten, willensstarken, nigerianischen Frau ("Du siehst aus wie jemand, der etwas tut, weil er es tun will, und nicht, weil alle anderen es tun."), die, nachdem sie Afrika verlässt und nach Amerika geht, einige erschütternde Jahre in der Nähe von Elend und Erniedrigung lebt, ihren College-Abschluss macht, einen erfolgreichen Blog mit dem Titel " Raceteenth oder Kuriose Beobachtungen einer nicht-amerikanischen Schwarzen zum Thema Schwarzsein in Amerika" gründet, ein Stipendium an der Princeton University gewinnt und letztendlich doch dem Ruf des eigenen Herzen, dem Ruf der Heimat folgt. Offensichtlich sind zahlreiche eigene Erfahrungen und Erlebnisse der Autorin in das Buch eingeflossen, die sie gekonnt und souverän zu einem stilistisch wie auch inhaltlich großartigem Roman verwebt. "Americanah" ist ein Buch, das sowohl eine große Geschichte erzählt und gleichzeitig die Sichtweise, den eigenen Blickwinkel auf die Welt verändern kann. Auf den ersten Blick offenbart es zunächst eine wunderbare Liebesgeschichte. Aber der Roman thematisiert und seziert zugleich auf brillante Art und Weise diverse Einstellung zu Rasse und Hautfarbe. "Du siehst aus wie eine schwarze Amerikanerin." Obinzes Feststellung erweist sich als zu kurz gegriffen. Denn vor allem in den USA gibt es noch einen weiteren kleinen, aber feinen Unterschied: Man ist als Farbiger entweder ein amerikanischer Afrikaner oder ein Afroamerikaner. Aus einer solchen Unterscheidung entspringt eine tief sitzende Rassendiskussion im Text der in Nigeria geborenen Autorin, die heute wechselnd in ihrer Heimat und in den Vereinigten Staaten lebt. Adichie zeigt sich hier als außerordentlich selbstbewusste Denkerin und Schriftstellerin, die eine erstaunlich sensible Fähigkeit offenbart, die Gesellschaft zwar heftig zu kritisieren, ohne jedoch in spöttische oder herablassende Polemik abzugleiten. Nahezu mühelos verwebt sie hochliterarische Belletristik mit tief durchdrungener Gesellschaftskritik. Die globale, drei Kontinente umspannende Handlung beschäftigt sich zudem mit Fragen der Identität, des Verlusts, der Einsamkeit, Sehnsucht und natürlich der Liebe. Themen, die bei Adichie nicht als getrennte Einheiten aufgegriffen werden, sondern in einer komplexen, gegenseitigen Beziehung, einem diffizilen Geflecht stehen. Ganz so wie der oft stundenlange, aufwendige Prozess des Haareflechtens, der im Roman eine zentrale Rolle einnimmt und durchaus als Metapher verstanden werden kann.

Fazit: Ein monumentales Werk, das auch nach der großartigen Übertragung ins Deutsche durch Anette Grube nichts an seiner Eindringlichkeit verloren hat. Ein Buch, das atemlos durch die Seiten treibt und vielfach zum Innehalten auffordert, ob seiner Intensität, Schönheit, seiner Dimension und Ausdrücklichkeit. "In diesem Land kann man keinen ehrlichen Roman über Rasse schreiben. Wenn man darüber schreibt, welche Bedeutung Rasse wirklich für die Leute hat, dann ist es zu augenfällig. (...) Wenn du also über Rasse schreiben willst, dann sorg dafür, dass es lyrisch und feinsinnig ist, damit der Leser, der nicht zwischen den Zeilen liest, gar nicht merkt, dass es um Rasse geht. Ihr wisst schon, so was wie eine Proust'sche Meditation, wässrig und flauschig, und wenn man sie gelesen hat, fühlt man sich auch wässrig und flauschig." Dies bekommt Ifemelu von einem Freund zu hören. Doch man kann! Chimamanda Ngozi Adichie hat es getan.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2014 4:29 PM MEST


Ein unmögliches Leben: Roman
Ein unmögliches Leben: Roman
von Andrew Sean Greer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ein Nussschalenspiel der Zeit" oder: "Aus der Welt geschnitten", 24. April 2014
"Es heißt, es gebe viele Welten. Rings um die eigene, dicht gepackt wie die Zellen unseres Herzens. Jede mit ihrer eigenen Logik, ihrer eigenen Physik, ihren Monden und Sternen. Wir können nicht hin - in den meisten würden wir nicht überleben. Aber es gibt einige, das weiß ich nun, die unserer fast genau gleichen - wie die Märchenwelten, mit denen meine Tante uns früher narrte. 'Du wünschst dir was, und es entsteht eine andere Welt, in der dieser Wunsch wahr wird, egal, ob du sie jemals zu sehen bekommst.' In diesen anderen Welten sind alle deine geliebten Orte da, deine geliebten Menschen. Und vielleicht wird in einer von diesen Welten alles Unrecht wiedergutgemacht und das Leben so, wie du es dir wünschst. Was also, wenn du die Tür fändest? Was, wenn du den Schlüssel hättest? Denn eins wissen wir: Dass das Unmögliche uns allen ein Mal passiert.", heißt es in dem neuen Roman von Andrew Sean Greer. Der kurze Ausschnitt umreißt zugleich den Plot des amerikanischen Autors, der nach seinem fulminanten Debüt aus dem Jahr 2005 ("Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli") von John Updike gar mit literarischen Legenden wir Marcel Proust und Vladimir Nabokov verglichen wurde. Eine gewisse Dualität kann man im Werk des jungen Amerikaners durchaus entdecken.

Das Unmögliche passiert seiner Protagonistin tatsächlich. Am 30. Oktober 1985 wird Greta Wells wegen einer schweren, lang anhaltenden und bis dato mit keinerlei Erfolgsaussichten verbundenen Depression von ihrem behandelnden Arzt eine letzte Alternative vorgeschlagen. Elektrokonvulsionstherapie heißt das Zauberwort, das ihr endlich wieder ein annehmbares Leben verschaffen soll. Der Tod ihres Zwillingsbruders Felix und die Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten Nathan kann dadurch allerdings auch nicht rückgängig gemacht werden. Doch halt! Wieso eigentlich nicht? Vielleicht ist das Hinübertreten von einer Welt in eine andere tatsächlich möglich? In unserer Fantasie und unseren Träumen sind solche Grenzgänge durchaus gang und gäbe. Dazu bedarf es keines weißen Kaninchens oder einer Flasche mit der Aufschrift "Trink mich" wie in Alices Wunderland. Im "Innersten wissen wir mehr, als wir wissen." Und tatsächlich. Als Greta am Morgen nach der Behandlung in ihrem Schlafzimmer in New York erwacht, schreiben wir das Jahr 1918. Pferdegetrappel statt Autolärm. Das zeitlos, nüchtern-moderne Interieur der Gegenwart ausgetauscht gegen Streifenbrokat und Spitze. Doch Gretas "Fluch von Trauer und Tod" hat sich nur verlagert. Die letzten Tage des 1. Weltkriegs werfen ihre Schatten über Amerika und mehr oder weniger auch auf die gleichen Personen aus dem Jahr 1985, selbst wenn gewisse charakterliche Abweichungen und veränderte Beziehungskonstellationen zu verzeichnen sind.

Der amerikanische Autor lässt es allerdings nicht bei einer Zeitreise. Die nächste Behandlung katapultiert die junge Frau ins Jahr 1941. Das Zeitkarussell scheint nicht mehr stillzustehen. Mit jeder neuen Behandlung, 25 werden es insgesamt sein, bei denen Greta im wahrsten Sinne des Wortes vom Blitz getroffen wird, stellt sich ein weiteres graduelles Erwachen ein. Sie rotiert zwischen den drei Zeitebenen hin und her, erlebt ein "magisches Zusammenschnurren der Welten". Lückenzeit. Vergleichbar vielleicht mit einer buddhistischen Seelenwanderung, einem "Pop-up-Buch möglicher Leben". Und mehr noch: "Über die Membranen dreier Welten hinweg hatten wir Plätze getauscht, diese beiden anderen Gretas du ich, und waren zu anderen Leben erwacht." Jede Reise gleicht dabei der Ringlinie einer Untergrundbahn, auf 1941 folgt wieder 1985, um hernach ins Jahr 1918 abzutauchen. Bis... ja bis sie "nicht mehr synchron liefen, aus dem Takt waren, drei verkehrt aufgefädelte Perlen an der Kette." Das empfindliche Zeitroulette ist gestört. Wird die Welt jetzt zur Falle?

"Wie nennt man die Zeit, in der wir fehlen?" Kann man verlorengegangene Momente wieder zurückholen? "Wer sind wir, wenn wir nicht wir selbst sind?" Kann man das Unmögliche ungeschehen machen? "Was für einen Unterschied macht die Epoche, in die wir hineingeboren werden?" Kann man verlorene Liebe in einer anderen binden? Kann man dem anklopfenden Tod in Welt-Variation II vielleicht den Einlass verwehren? Wo ist der Ort, "wo alles Unrecht wiedergutgemacht wird"?, sind nur einige Fragen, die der großartige Plot von Andrew Sean Greer aufwirft. In einer wunderschönen, nahezu poetischen Sprache, die kongenial von Uda Strätling ins Deutsche übertragen wurde, ist ihm erneut ein grandioser Roman gelungen, der beinah atemlos durch die Seiten treibt. Stilistisch changiert der Text gekonnt zwischen Dialogen, hingetupften Alltagsbeschreibungen, geschichtlich-politischen Betrachtungen sowie tiefsinnigen und philosophisch angehauchten Sätzen: "Damals war mir die Welt fremd gewesen, weil ich aus ihr herausgefallen war. Jetzt fühlte es sich ähnlich an, weil ich wusste, dass die Dinge auch anders sein konnten." oder: "Gibt es einen größeren Schmerz, als zu wissen, was sein könnte, und doch nicht die Macht zu haben, es wahr werden zu lassen". Letztendlich steht über Greta die große Frage: Ist sie die Frau, die zu werden sie sich immer erträumt hatte? "Unser Schicksal wird so oft einfach davon bestimmt, wo wir uns gerade befinden."

Fazit: "Ein unmögliches Leben" erweist sich trotz seines turbulenten Zeitreisekarussells als ruhiger, heiter getragener und durchaus optimistischer Roman, in dem wie bei Marcel Proust der Mensch auf der Suche nach seiner Identität im Mittelpunkt steht. Eine weitere großartige Stimme aus Amerika. Ein Autor, den ich unzweifelhaft an mein persönlich favorisiertes Dreigestirn Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides und Richard Powers andocken würde.


Mama Amelie und das Welpenchaos/Mama Amelie and the Puppy Chaos: Eine lustige Geschichte in Reimen, Deutsch-Englisch
Mama Amelie und das Welpenchaos/Mama Amelie and the Puppy Chaos: Eine lustige Geschichte in Reimen, Deutsch-Englisch
von Aylin Keller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Iiihh-aaahh, ey, voll, krass, ein Welpenfest, wie cool ist das?!", 20. April 2014
Welche Mutter kennt das nicht: der Haushalt und der eigene Nachwuchs wachsen einem manchmal über den Kopf, zumal wenn man sich gerade nicht so fit fühlt. Da kann mitunter nur ein Sprössling zu viel werden. Hundemama Amelie hingegen hat derer gleich zehn. Wuffie, Duffie, Fluffie, Ruffie, Gruffie, Muffie, Dadl, Dudl, Flo und Jo sind zwar die allerknuffigsten Hundewelpen, aber so eine Rasselbande in Schach zu halten, erfordert schon Nerven wie Drahtseile:

Baden, füttern, einkaufen geh'n (Bathing, feeding, shopping then,)
Den Kleinen nachlaufen, von Eins bis Zehn. (while chasing after one-to-ten,)
Kochen und putzen - das schaff ich nie! (cooking and cleaning, deary me!)
Oh, arme Mama Amelie! (Oh, poor Mama Amelie!)

Daher bittet Mama Amelie ihre Freunde um Unterstützung. Opa Hase erklärt sich für die kulinarische Versorgung bereit, sprich: er wird kochen. Und der obercoole Eddy, seines Zeichens Esel, will mit der Zwergenmannschaft gemeinsam einkaufen gehen. Wäre doch gelacht, wenn er das nicht hinbekäme:

Eddy, der Esel, hat Rastalocken, (Eddy the donkay, has dreadlocks,)
Wanderstiefel und gestreifte Socken. (walking boots und stripy socks.)
Mit einem Korb auf jeder Seite, (He's got a basket on either side,)
stolziert der Starke und Gescheite. (proud as punch he struts his stride.)

Doch wie es kommen musste... Das lässige Mal Ebensoeinkaufen entwickelt sich zum völligen Chaostrip. Der Laden gleicht nach dem Einfall der Zehn einem Schlachtfeld. Kunden werden von den Hundewelpen mit Joghurt beworfen und Äpfel dienen ihnen als Fußballersatz. Das ist dann selbst für das stoische Nashorn, seines Zeichens Chef, zu viel. Letztendlich wandelt sich jedoch alles zum Guten und die bunte Schar feiert ein lustiges Fest.

"Mama Amelie und das Welpenchaos" ist ein quietschvergnügtes Bilderlesebuch für Kinder ab drei bis neun Jahren. In einfachen Reimen erzählt die Irländerin Alva O'Dea von den Sorgen, Nöten, aber auch den Freuden einer alleinerziehenden Hundemutter. Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Lebensfreude, aber auch Verantwortungsbewusstsein sind die Themen, die hier liebevoll und spielerisch vermittelt werden. Dadurch, dass die Reime zweisprachig abgedruckt sind, dürfte dieses Buch auch für englischlernende bzw. zweisprachig aufwachsende Kinder ein wundervoller Begleiter sein. Aber dafür sorgen schon die herrlichen Illustrationen von Katharina Kubisch, die für sich allein stehend bereits sprechend sind. Ihre Bleistift-, Tusche-, Aquarellszenarien in warmen bunten Farben, ihre dargestellte Situationskomik und vor allem die lustigen Tierpaten, allen voran der megacoole, sonnenbebrillte Rastalocken-Eddy mit seinen Ringelsocken und Moonboots, die verkniffen dreinschauende Kassiererin-Henne oder der mit Joghurt bekleckerte Ziegenbock lassen nicht nur Kinder herzlich lachen und sie in ihr Herz schließen. Katharina Kubsch setzt den Zeilen von Alva O'Dea das noch nicht als Wurfgeschoss missbrauchte, sogenannte Sahnehäubchen auf.

Fazit: Siehe Rezensionstitel oder: "Eeh-aww, how cool ist that! A Puppy-Party, that's where it's at!" ;-)
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Max Factor Colour Elixir Lipgloss 10 Pristine Nude, 1er Pack (1 x 3 ml)
Max Factor Colour Elixir Lipgloss 10 Pristine Nude, 1er Pack (1 x 3 ml)
Preis: EUR 7,85

4.0 von 5 Sternen Rote Lippen soll man küssen... Und was ist mit den Pastellfarbenen?, 18. April 2014
Kundenmeinung aus dem Amazon Vine - Club der Produkttester-Programm (Was ist das?)
Als Mr. Max Factor in den 1930er Jahren die Lip Pomade - den ersten Lipgloss - erfindet, verleiht er den Lippen der Filmstars in Hollywood ihren typisch glamourösen Leinwandglanz. Bald darauf ist er bei vielen Frauen weltweit heiß begehrt. Bis heute ist sein Charme ungebrochen und ein verführerisch glänzender Lippen-Look ein wahrer Eyecatcher.
Der neue Lipgloss von Max Factor soll hochpigmentierte Trendfarben mit dem samtig-weichen Lippengefühl eines Lip Balms kombinieren - "für ein verführerisch glänzendes Finish, ohne zu verkleben", verspricht es die Firma. Feuchtigkeitsspendendes Candelillawachs und glättendes Öl sind die angeblichen Zauber-Ingredienzien.
Schaun mal moal... Mein Test:

Farbe:
10 Pristine Nude offenbart sich als sehr natürlich wirkende Farbnuance, die wohl den natürlichen Lippenton einer hellhäutigen, blonden Frau ziemlich exakt trifft und ein zartes, dezent-pastellfarbenes Rosé zaubert und beinahe mädchenhaft frische Nude-Lippen zaubert. Auch einen zu dunklen oder zu matten Lippenstift, den ich meist darunter trage, peppt der Gloss wirklich gut auf.

Anwendung:
Das Auftrageschwämmchen scheint beim Herausziehen zu wenig Gloss zu enthalten. Doch der Eindruck täuscht. Schon die offenbar zu geringe Menge reicht problemlos für ein komplettes, gleichmäßiges Lippenfinish. Das Gloss scheint also auch in Bezug Ergiebigkeit effektiv zu punkten.

Konsistenz/Verträglichkeit:
Nach dem Auftragen hat man tatsächlich ein Gefühl, als würden man eine Pomade tragen. Der Lipgloss ist leicht klebrig, was mich aber nicht stört. Im Gegenteil, er verleiht in etwa das Gefühl, seine Lippen mit Honig eingestrichen zu haben, was ich bei rauen, rissigen Lippen tatsächlich von Zeit zu Zeit tue. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass die Lippen voller erscheinen und besser durchblutet sind.

Haltbarkeit:
Es handelt sich hier natürlich nicht um ein Permanent-Make-up. Trinken, Essen und Küssen hinterlässt natürlich seine Spuren bzw. beseitigt sie. Zwei bis drei Stunden, dann sollte der Gloss erneuert werden.

Fazit: Max Factor Colour Elixir Lipgloss offenbart sich als eine Art Lipbutter in flüssiger Form. Das Ergebnis lässt sich sehen, die Verträglichkeit und Pflegeeffekte "munden" mir gleichfalls gut. Ich bin's gut zufrieden, ohne gleich in euphorische Jubelstürme auszubrechen ;-). Gut gemacht!


Madame de Pompadour und die Macht der Inszenierung
Madame de Pompadour und die Macht der Inszenierung
von Andrea Weisbrod
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Subtil bis zum Schluss als Zentrum des französischen Hofes, 13. April 2014
Als nach nur sieben Monaten seit der ersten Begegnung, am 14. September 1745 Jeanne-Antoinette de Pompadour offiziell bei Hofe vorgestellt und als neue "maîtresse en titre" eingeführt wurde, bewegte sie sich bei diesem Akt zwar so formvollendet und gekonnt, als ob sie schon immer in "ce pays-ci" gelebt hätte, doch dass sie sich Zeit ihres Lebens als fester Bestandteil im Leben des Bourbonenkönigs etablieren sollte, ahnte wohl niemand. Die bürgerliche Schönheit entwickelte eine unglaubliche Fähigkeit, Ludwig XV. zu besänftigen und zu zerstreuen und konnte somit mehr und mehr Einfluss auf ihn und letztendlich sogar dessen Staatsangelegenheiten ausüben. Obwohl einer Unzahl von Gerüchten, Intrigen und Hetzkampagnen von Seiten der Hofgesellschaft sowie des Dauphins, des Adels, ausgesetzt, die diesen Skandal am Hofe so schnell wie möglich ad acta legen wollten, konnte sie sich 19 Jahre bis zu ihrem Tode am 15. April 1764, der sich in diesem Jahr zum 250. Mal jährt, an der Seite des französischen Königs halten.

"Bis heute sind die Meinungen über Madame de Pompadour geteilt. War sie eine machtgierige, berechnende Frau, die den willensschwachen König beherrschte und mit ihrer Verschwendungssucht den französischen Staat in den Ruin trieb? War sie eine gebildete, aufgeklärte Frau, die geschickt in die europäische Politik eingriff, welche die französische Wirtschaft ankurbelte und die schönen Künste förderte?", fragt sich die Autorin. Andreas Weisbrod, die Geschichte und Kunstgeschichte studierte, mit einer Doktorarbeit zu Madame de Pompadour und der politischen Rolle offizieller Mätressen im 18. Jahrhundert ihr Studium abschloss und fortan in Paris lebt und tätig ist, versucht in ihrem Buch, die laut Ludwig XV. "reizendste Frau, die es in Frankreich gibt" anhand ihrer acht wichtigsten Porträts zu analysieren. Denn gerade die Inszenierung ihrer Person entwickelte die Mätresse en detail.

In deren Ergebnis vermittelt die Autorin dem Leser nicht nur einen großartigen Eindruck der damaligen Zeit, sondern jedes einzelne Bild, das zudem in ausgezeichneter Qualität abgedruckt ist, erzählt eine ganz eigene, vielfältige Geschichte, die der schillernden, intelligenten und äußerst kultivierten Persönlichkeit, die die Pompadour unzweifelhaft war, ein neue Facette hinzufügt. Nun könnte man meinen, dass die Analyse eines Bildes kaum etwas Genaueres über Verhältnisse oder Eigenschaften der abgebildeten Person wiedergeben kann. Doch der Stellenwert des Porträts in den Machtgefügen des 18. Jahrhunderts ist für Herrschende und vor allem den König derart enorm, dass es beinahe als seine eigentliche Daseinsform angesehen werden kann, wie es der Historiker Louis Marin formulierte.

Von der blühenden, jugendlichen, den König leidenschaftlich betörenden Schönheit auf dem ersten Abbild von 1750, über die "heimliche Ehefrau" aus dem Jahr 1758 (beide wie auch noch vier weitere von ihrem "Haus- und Hofmaler" François Boucher), bis hin zur weisen, die Fäden - wenn auch nur symbolisch - immer noch in der Hand habenden und knüpfenden engen Freundin des Monarchen aus dem Jahr 1764 von François-Hubert Drouais, dessen Veröffentlich die Pompadour nicht mehr erlebte, tragen die jeweiligen Maler mit ihren Kompositionen diversen Aussagen der von ihr Porträtierten Rechnung. Diesen und dem Lebensweg Madame de Pompadours folgt Andrea Weisbrod kompetent, objektiv und sachkundig. Sie analysiert, recherchiert, leitet ab und folgert aus noch so kleinsten, mitunter jedoch maßgeblichen Details. Dabei sind ihre Abhandlungen keineswegs trocken und schwer verdaulich, sondern die Autorin pflegt einen überaus charmanten und gut lesbaren, ja faszinierend spielerischen Ton, der trotzdem nie ins Seichte abgleitet oder gar Spekulationen bemüht. Natürlich bietet sich auch bei ihr ein großer Vermutungsspielraum, denn belegbare Quellen gibt es, wenn überhaupt, kaum verlässliche. Dennoch nimmt sie den Leser dieses Buches auf eine atemberaubende Reise ins vorrevolutionäre Frankreich mit und zeichnet in ihrem Abbild Nummer Zehn, wie ich dieses wunderbare Buch bezeichnen möchte, ein äußerst stimmiges Gesamtbild einer der imposantesten Frauengestalten des 18. Jahrhunderts und deren Reigen wechselnder Selbstdarstellungen.


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