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Rezensionen verfasst von
HG (Dresden)
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   

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Head & Shoulders Thick & Strong Extra Haarverdickendes Tonic, 6er Pack (6 x 125 ml)
Head & Shoulders Thick & Strong Extra Haarverdickendes Tonic, 6er Pack (6 x 125 ml)
Preis: EUR 41,94

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ich hab die Haare schön, 23. März 2014
Kundenmeinung aus dem Amazon Vine - Club der Produkttester-Programm (Was ist das?)
Head & Shoulders gehört sozusagen zu meiner hauseigenen Haarwaschmittelmarke. Ich habe eine leichte Kopfhautirritation mit einer sporadisch auftretenden Form einer leichten Schuppenflechte. Zudem kann mein Haar nicht wirklich als Dickenwunder bezeichnen, sondern es pegelt sich im Sektor fein bis mittelfein ein. Warum nicht zu einem Mittelchen greifen, das mir eine üppigere Stärke verspricht....?

Anwendung:
Das Auftragen des Tonics auf die Kopfhaut finde ich im Ansatz erst einmal vernünftig, denn eine Behandlung des sichtbaren Haares gaukelt nur durch sogenannte Filmbildner mehr Fülle vor. Sie legen sich wie eine Art Hülle um das Haar. Diese Hülle stützt, man kann die Haare in Form frisieren, bekommt mehr Volumen und die Haare wirken vielleicht etwas kräftiger. Einmassiert in die Kopfhaut kann es zumindest an der Wurzel, dort wo das Haar gebildet wird, wo es lebt, seine Wirkung erzielen.

Das Auftragen:
Dieses gestaltet sich für meine langen Haare trotz des Sprühapplikators doch recht umständlich. Das Teilen und Scheiteln mach sich halt mit langem Haar und vor allem allein nicht ganz so einfach. Eine Kurzhaarvariante wäre hier wahrscheinlich von deutlichem Vorteil ;-). Nach dem Auftragen stellt sich ein leicht prickelndes, fast kühl-irritierendes Gefühl ein.

Der Geruch:
Der Geruch des Fluids ist recht gewöhnungsbedürftig. Irgendwie zwischen Acrylfarbkastenöffnen, chemische Reinigung und Mentholkaugummi.

Die Inhaltsstoffe:
Koffein und Vitamine
Immerhin haben Mediziner bereits nachgewiesen, dass Koffein Haarausfall entgegenwirkt. Den Haarwuchs fördern könnte allerdings nur eine hohe Dosis. Das Trinken von 60 bis 80 Tassen Kaffee am Tag ^^ wäre die erforderliche Dosis. Der frühe Vogel... ;-) Wenn überhaupt, müsse die Kopfhaut regelmäßig und schon in jungen Jahren mit koffeinhaltigen Mitteln behandelt werden, so die Wissenschaftler. Nun ist mir allerdings nicht bekannt, in welcher Konzentration das Koffein in diesem Tonic enthalten ist. Vielleicht reicht sie ja tatsächlich aus?

Das Ergebnis:
Ich wende das Tonic jetzt bereits seit einem Monat an. An Geruch und Frischeprickeln habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Hautirritationen sind nicht zu verzeichnen. Die Verträglichkeit ist als sehr gut einzustufen. Sind meine Haare nun dicker? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Dazu müsste man ein Haardickenmessgerät sein eigen nennen. Sagen wir mal so: Ich spüre eine gewisse Fülle, die aber nicht zwingend von dem verwendeten Tonic kommen muss. Daher eine neutrale Bewertung von mir.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 28, 2014 10:05 PM CET


Grundig HS 7330 InMotion, Hairstyler
Grundig HS 7330 InMotion, Hairstyler
Preis: EUR 79,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Neue Eisen glätten gut? Alte mitunter doch besser!, 23. März 2014
Kundenmeinung aus dem Amazon Vine - Club der Produkttester-Programm (Was ist das?)
Bis dato nutzte ich einen mit von der Friseuse meines Vertrauens empfohlenes Glätteisen aus einem Konkurrenzhaus und bin damit schon so einige Jahre sehr, sehr zufrieden. Von der Preisklasse liegt dieses Gerät etwas über meinem bis dato Verwendeten. Vor allem die Satin-Ion-Funktion finde ich bei meinem alten Gerät sehr gut, da sie meinem dünnen, fliegenden Haar ein wenig seiner Krissligkeit und "Flugfähigkeit nimmt. Diese fehlt allerdings im Glätteisen aus dem Haus Grundig. Aber da nicht vorhanden, soll und kann dieses - wie ich finde - nützliche Feature nicht mit in die Bewertung einfließen.
Hier nun mein Test des HS 7330:

Das gefällt mir:
(+) leichtes, kompaktes Gerät
(+) sehr langes Netzkabel 2,7 m
(+) gute Gleitfunktion des Glätters auch bei abgeschalteter Vibrationsfunktion!

Neutrale bzw. zu hinterfragende Bewertung:
(+/-)Vibrationsfunktion: Ich habe keinen nennenswerten Nutzen erkennen können, egal ob mit oder ohne Vibration, die Haare gleiten gut durch das Glätteisen. Aber vielleicht ist dies auch meinem seidig-dünnen Haar zuzuschreiben und die Funktion erzielt bei dickerem Haar einen besseren Effekt

Das finde ich weniger gut:
(-) Die Bedienführung, d. h. die Schaltknöpfe liegen auf dem des unteren Armes. Da sie zudem schwarz wie auch das gesamte Glätteisen sind, kann man die einzelnen Beschriftungen (ebenfalls in schwarz) fast überhaupt nicht erkennen. Hier ist Intuition nach einigen Versuchen von Vorteil. Einzig eine kleine blaue Diode für die eingestellte Temperatur leuchtet, doch auch diese ist kaum zu erkennen, da der Bereich direkt unter dem oberen Glättarm liegt. Eine Anzeige und auch die Bedienführung auf dem oberen Arm wären sehr von Nutzen, ein LCD Display die noch bessere Wahl gewesen
(-) Regulierung der Temperatur erst ab 160°C in für mich zu groben Schritten (160°C/180°C/200°C/210°C), gerade wegen meiner feinen Haare habe ich nie mit einer Temperatur über 155°C geglättet <-- mein herkömmliches Gerät gewährleistet zudem eine stufenweise Regelung in 5°C-Schritten
(-) keine automatische Abkühlfunktion im eingeschalteten Modus mit anschließender Abschaltautomatik
(-) Das Glätteisen wird im vorderen Bereich doch sehr heiß, bei meinem alten Gerät war dafür eine hitzeisolierte Cool Touch Spitze involviert, die ihrem Namen alle Ehre machte.

Fazit: Alles in allem finde ich bei einem Gerät dieser Preisklasse zu viele Mängel und nicht wirklich sinnvolle Funktionen. Ich bleibe dann doch lieber beim alten Eisen.


Koala: Roman
Koala: Roman
von Lukas Bärfuss
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Eine andere Möglichkeit der Existenz", 22. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Koala: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Wir hatten selten Gelegenheit, uns zu sehen; mein Bruder bewegte sich kaum aus jener Stadt heraus, die ich dreiundzwanzig Jahre früher nicht ganz freiwillig verlassen und seither gemieden hatte. Wir führten verschiedene Leben, außer der Mutter und einigen nicht ausschließlich angenehmen Kindheits- und Jugenderinnerungen teilten wir wenig, und gewöhnlich reichten uns zwei Stunden, um der still empfundenen Verpflichtung, sich als Brüder nicht ganz aus den Augen zu verlieren, Genüge zu tun." Grund für den Ich-Erzähler in Lukas Bärfuss' Roman, sich nun doch intensiver und vielleicht zum ersten Mal wirklich mit seinem (Halb-)Bruder auseinanderzusetzen, ist dessen selbst herbeigeführter Tod. Doch das Öffnen der offensichtlich verschlossenen Tür, ein Neubau der abgebrannten Brücken, erweist sich als bedrohliche Fahrt durch einen dichten Nebel in das eigene Innere und in das Innere der Welt.

Den Namen "eines Beutelsäugers, eines Tieres vom anderen Ende der Welt", hatte man seinem Bruder bei den Pfadfindern verpasst. Koala - Warum gerade dieser drollige, flauschige Kobold, dieses Kuscheltier, als das sich sein Bruder mitnichten erwies. Der Ich-Erzähler verfängt sich in einem Karussell, in einem Mahlgang der Gedanken. Er sinniert über die Enggeistigkeit seiner Heimat ("Das Wesentliche lag im Ungesagten, in den Blicken, in den Gesten, den unausgesprochen Gedanken, die als Gekräusel auf einer Stirn sichtbar wurden, als Lippen, die sich verkneifen."), sucht um Rat in der Literatur und ihren berühmten Selbstmördern, um letztendlich auf den Begriff "Einsamkeit" zu stoßen: "Ich erkannte darin die Krankheit meiner Zeit, die Ursache des Unglücks, das jeder, der ein offenes Herz hatte, empfinden musste." Er beginnt "eine Buchhaltung seines Lebens" zu erstellen und stößt dabei immer mehr auf den Begriff Gewalt. Gewalt am Menschen, Gewalt am Tier und der Natur: "Alle im Kampf gegen alle." Das putzige, "mit pelzigen Ohren, stoisch, um nicht zu sagen lethargisch" und ausschließlich Eukalyptus fressende Tier nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Es scheint, als würde es ihm Bilder schicken, "Bilder, manchmal von großer Schönheit, eine fern im Osten liegende Bergkette, etwa, die in der Abendkette bläulich oszillierte. Einmal sah ich, wie Männer eine Schale an den Fuß eines Baumstammes stellten, eine Schalte mit Gift, bevor sie sich lachend wegstahlen, ihren Häusern zu, die am Rande einer Lichtung standen."

Vielleicht hatte gerade diese "Karikatur der Harmlosigkeit" Seiten, "die eine Gefahr darstellten und die man verstecken wollte." Die Gedankengänge des Ich-Erzählers, so scheint es, öffnen die Büchse der Pandora. Im zweiten Teil des Buches mäandert er zurück in der Zeit, in die europäische Eroberung Australiens, die ihren Ursprung 1788 nahm, als man die ersten Strafgefangenen aus England in diese "letzte Station vor der Hölle" verfrachtete. Lukas Bärfuss beschreibt die Verzweiflung, die Härte und Rücksichtslosigkeit der europäischen Siedler, den unglaublichen Überlebenswillen der Aussätzigen in dem kargen Land, ihre zunehmende Feindschaft gegen die Aborigines und die brutale Ausrottung der scheinbar lebensuntüchtigen Koalas, diesen "glubschäugigen, trägen Wesen ohne Eigenschaften, die keine besonderen Fähigkeiten besaßen, so aschgrau wie stumpfsinnig und blöde in den Bäumen hingen, zu faul, um zu fliehen", die man nur von selbigen schütteln musste, um an ihr begehrtes Fell zu kommen.

Fazit: Auch wenn das Thema dies nicht offeriert, aber "Koala" erweist sich als ein außerordentlich anmutiges und gebildetes Buch. Eigenschaften, die der Ich-Erzähler, das Alter-Ego des Autors, den Bewohnern seiner Heimatstadt mehr oder weniger abspricht. Den Leser erwartet nicht der dort übliche reduzierte Wortschatz, der "Sätze verklumpen" lässt, sondern Bärfuss fabuliert geschmeidig, zuweilen ausufernd in "Satzgirlanden", die sich dennoch flüssig lesen. Ein ungemein bereichernder Roman, sprachlich wie inhaltlich. Ein Text, der eine große Tiefe offenbart und einmal mehr den Ehrgeiz des Menschen, sein unausgesetztes Streben und die Unfähigkeit stillzusitzen, offenlegt: Eine Begierde, die oft und immer wieder auf Kosten des Schwächeren ausgelebt wird. Aber auch eine "Folge der Angst, die mit ihm in die Welt gekommen war, er war die Angst, und die Angst war er, er hatte die Angst in die Welt gebracht, sie war seine Erfindung, sein Beitrag zur Naturgeschichte, und er ließ niemals nach in seinem Ehrgeiz, sie in die hinterste Ecke zu bringen." Doch, und das wird nur allzu offensichtlich: Er wird sie niemals beherrschen.


Der goldene Grubber: Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr
Der goldene Grubber: Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr
von Kat Menschik
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 34,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Auch ein perfektes Chaos ist etwas Vollkommenes." (Jean Genet), 20. März 2014
"Der Garten ist wie ein Familienmitglied. Wir investieren viel Kraft, Arbeit und vor allem Liebe. Wir dürfen erleben, wie der Garten sich entwickelt. Wir machen Fehler. Es gibt Niederlagen. Wir lernen. Wir beginnen neu. Wir kämpfen. Aber nie mehr wollen wir ihn missen. Das können wir schon lange nicht mehr. Der Garten ist ein Freigeist mit starkem Charakter. Und er macht uns glücklich." So beginnt Kat Menschik ihr ungewöhnlich-außergewöhnliches Gartenbuch. Kein herkömmlicher Gartenratgeber erwartet den Leser, sondern es geht mehr oder weniger um die Widrigkeiten und Schönheiten einer ahnungslosen Städterin, die einen Rückzugsort für sich und die Familie suchte und sich vor zehn Jahren in einem Dorf zwischen Strausberg und Wriezen im Oderbruch 4000 Quadratmeter braches Land zu eigen machte. Im Umgang mit Grubber und Co. völlig unbedarft, erschuf sie sich eine neue Dimension in ihrem Leben. Kat Menschik wurde Gärtnerin.

Statt zu Feder und Tusche greift die Illustratorin fortan zu Spaten, Rosenschere und Säge. Sie stellt aus Zeitungspapier witzige und praktische Blumenanzuchttöpfchen her, kauft Unmengen neuer Pflanzen, so dass sie eigentlich von den umliegenden Gartenfachmärkten für die Auszeichnung mit der grünen Palme... äh... Hortensie vorgeschlagen werden sollte, kämpft gegen Schnecken und Rollwespen oder geht eine fruchtbare Beziehung mit dem ortsansässigen Maulwurf ein. Dass so ein Anwesen viel Freude, aber genauso auch Unmengen Schweiß im Nacken und Schwielen an den Händen hervorrufen kann, davon berichtet die Mutter einer 13-jährigen Tochter mit ihrem ganz spezifischen Charakteristikum künstlerischer Ausdrucksform: ein expressiver, surrealistischer Duktus, der in der Tradition von Holzschnitt und Pop-Art steht. Zunächst als schwarz-weißer Fortsetzungs-Comic in der FAZ erschienen, liegt nun das opulente, fast durchgängig in grün-weiß gehaltene Buch vor, in dem Kat Menschik auf ein paar Seiten sogar zu Acrylfarben gegriffen und erstmals gemalt statt gezeichnet hat. Ihre wie ein Tagebuch gehaltenen Texte, die in die Illustrationen eingebunden sind und mit ihnen eine enge Verbindung eingehen, sind auf den ersten Blick nicht einfach zu konsumieren. Sie variieren in Form und Größe, kippen, fallen, laufen von oben nach unten oder umfließen die Grafiken. "Ich will Text und Bild nicht doppeln. Nicht illustrieren, was im Text steht", sagt die Illustratorin, die in Luckenwalde geboren wurde und in Berlin aufwuchs und zu einer der gefragtesten in Deutschland gehört. Mystisch, melancholisch, harte Striche, klare Linien, mit hohem Wiedererkennungswert, einer ganz eigenen Ästhetik und immer mit einer gehörigen Portion Humor: So präsentieren sich alle Seiten dieses wunderbaren Bildergeschichtenbuches. Dass sie den Nutzwert ihrer Bilder nie von dem getrennt sehen will, was sie selbst daran interessiert, spürt man auf jeder Seite. Gerade das macht dieses Werk so authentisch und wertvoll.

Den Leser erwarten neben vielen Illustrationen von unterschiedlichsten Blumen, Pflanzen, Bäumen und Sträuchern, von Schmetterlingen, Käfern, diversen Ungezieferpopulationen, inklusive einiger Tipps und Tricks wie man sie am besten wieder loswird, auch jede Menge ganz persönliche Erlebnisse: "Manchmal grabe ich beim Grubbern oder bei der Gartenarbeit ganz allgemein eine Rotbauchunke aus. Dann ekle ich mich ein wenig, rufe meinen Freund S., der sie behutsam nimmt und woanders wieder einbuddelt." Herrn Talpa eruopaea bietet Kat Menschik entgegen allen anderen Dorfbewohnern sogar ein urwüchsiges Eldorado, sozusagen das Maulwurf-Mallorca des Nordens. Hier dürfen die pelzigen Gesellen in aller Ruhe graben, buddeln und häufeln. Die Illustratorin wartet derweil in ihrer Hängematte geduldig auf die Schätze, die sie mitunter zutage fördern. Von der wertvollen Erde, die sich bereits einen Namen weit über den Zaun hinweg gemacht hat, ganz zu schweigen. Vielleicht hilft ihr dieser "Ruhm" über das kläglich in die Hose gegangene Projekt "praktischer, romantischer Gemüsebauerngarten" hinweg. Aber das über die russische Grenze aus Karelien geschmuggelte... äh... emigrierte Birkenpflänzchen gedeiht dafür umso bestens. Es hat sich sozusagen hervorragend in die Brandenburger "Jejend" integriert. Da kann sich so manche Einwanderungsbehörde eine Scholle abstechen. Vielleicht lag dies aber auch nur an dem nach einer Gartenparty von einigen stöckelschuhbewehrten Damen aus der Stadt vorzüglich vertikutierten Boden ;-).

Fazit: Egal ob Bauanleitung für Vogel- oder Baumhaus, Pflegetipps für junges Gemüse oder diverse Unkrautattacken, ob Schneckenplage oder widerwilliger Aufbau einer "Gemeinschaftspellerine" für eine Festgesellschaft (man sagt wohl auch Gartenpavillon dazu), Kat Menschik hat ein wunderbares FürDieBestenFreundeGartenverschenk- bzw. VielLieberSelbstBehalteBuch gestaltet. Mit ihren ganz persönlichen Texten und Illustrationen folgt sie dem Lauf eines Gartenjahres: beginnend mit den ersten erwachenden Frühjahrsblühern, über sommerlichen Dauerregen sowie nicht mehr zu erntendem, da bereits von Waschbär und Reh verwertetem Herbstobst, einer ordentlichen Vergiftung aus frisch gepresstem Holunderbeerensaft bis hin zu Igelwinterschlafunterbringungsmöglichkeiten. So bleibt neben einer unglaublich köstlichen, witzigen, praktischen, außergewöhnlichen und visuell anspruchsvollen Lektüre leider auch nur ein mitfühlendes Schulterzucken auf ihre Frage: "Warum nur gehen mir immer wieder Pflanzen ein?" Ich verstehe es zuweilen auch nicht.


Vor dem Fest: Roman
Vor dem Fest: Roman
von Sasa Stanisic
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Nacht trägt heute drei Livreen: Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.", 18. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Der Fährmann hat einmal erzählt, es gebe im Dorf jemanden, der mehr Erinnerungen von anderen Leuten besitze als Erinnerungen, die seine eigenen sind.", heißt es im frisch prämierten "Heimat"-Roman von Saša Stanišić. Erinnerungen als Zeitweiser. Denn was wir heute Heimat nennen, finden wir nicht in der Zukunft und auch nicht in der Gegenwart. Heimat kommt aus unserer Vergangenheit und entfaltet an der Schnittstelle zwischen Gestern und Morgen, dem Heute, seine Wirkung, um hernach aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen wiederum die Zukunft zu prägen. Um jene zu gestalten, bedarf es jedoch dem Wissen um das "Alte". Dazu legen wir Archive an, malen Bilder oder erzählen Geschichten: Zeitzeugen im Fluss der Erinnerung.

Der in Bosnien geborene Autor, der 1992 mit seiner Familie im deutschen Exil Zuflucht suchte, hat sich diesem Bewahren von Erinnerungen und dem Heimatgefühl angenommen. An einem einzigen Tag, genauer gesagt ist es eine Nacht, verbindet der Autor Gegenwart und Vergangenheit, vermischt Gestern mit Heute und formt daraus ein Morgen. Anhand eines fiktiven Dorfes in der Uckermark spult er auf 320 Seiten rund 500 Jahre Zeitgeschichte im Zeitraffer ab. Gegenständen wird Leben eingehaucht, das Leben mitunter vom Tod heimgesucht. Aus Altem wird Neues und Neues erscheint alt. Seinen fiktiven Handlungsort setzt er in die Uckermark: "Füstenfelde. Einwohnerzahl: ungerade. (...) Es gehen mehr Menschen tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen." Dort wird der Leser Zeuge von den Vorbereitungen zu einem alljährlich stattfindenden Fest. "Das Dorf putzt die Schaufenster. Das Dorf poliert die Felgen. Das Dorf duscht. Die Fischerei geht auf den Hecht, die Bäckerei geizt nicht mit der Marmeladenfüllung. Mancher Haushalt wird sich wappnen mit einer doppelten Dosis Insulin (...) Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen."

Stanišić changiert dabei zwischen der Rolle des kühlen Beobachters und der eines in Bildern versunkenen Kindes. Zusammen ergibt das einen abgründigen Realismus, Kunst als Fragment - auch da, wo erzählt wird. Denn sein Text setzt sich aus verschiedensten kurzen Erzählungen zusammen. Manchmal steht gar nur ein Satz auf einer Seite. Geschichten, die für sich zu stehen scheinen, aber dennoch ein dichtes Netz ergeben und fest miteinander verwoben sind. Hinzu gesellt sich ein Geflecht unterschiedlichster Personen und Dorfbewohner. Da begegnet uns Herr Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei 'Von Blankenburg Landmaschinen'", der Glöcknerlehrling Johann und seine Mutter, die Leiterin der Heimatstube. Die Jugend in Gestalt von Lada, dem stummen Suzi und Meerrettich-Micha hat ebenso ihren Auftritt wie Dietmar Dietz, genannt Dietzsche, Briefträger vor der Wende, heute Rassehuhnzüchter, Frau Reiff mit ihrer Keramik-Werkstatt, die kranke Anna, Namensvetterin des zu feiernden Festes oder der Adidas-Mann, der leise, suspekte Fremde, wahrscheinlich Ausländer. Als verbindendes Glied fungiert Frau Kranz, die neunzigjährige Malerin, die als zentrale Figur vom Autor komponiert wurde und deren Bildsprache Stanišić in Worte umsetzt, in literarische Farbkompositionen. Ihr an die Seite wird der weise Fährmann gesetzt. Doch der ist tot, wie man bereits auf der ersten Seite erfährt. Dennoch spukt dessen Seele und die vieler anderer durch die Seiten. Geisterhafte Erzähler, die in der Uns-Form einen scheinbar unbeteiligten Blick auf das Geschehen des Dorfes werfen. "Lassen wir die Träumenden in Frieden. Vertreiben wir uns die Zeit mit den Ruhelosen: Mit unseren Seelen, sie schlafen ohnehin nie."

Auf unglaublich intensive Art und Weise versteht es Saša Stanišić, mit zum Teil minimalistischen Reduzierungen, eine ausufernde und breite Vielfältigkeit zu erzeugen. Manches ist erschreckend wahr, anderes grotesk verzerrt. Sprachgewaltig und -vielfältig sowie in Ton und Duktus an die Eigenheiten seiner jeweiligen Protagonisten angepasst, bewegt sich der Autor souverän zwischen den Zeiten, schreibt sogar in altdeutscher Ausdrucksform. Manchmal wird fast stakkatoartig, dann wieder ausufernd opulent erzählt. Ein inhaltsschwerer, mehrdeutiger und sich selbst ständig hinterfragender Text, in den man vielleicht nicht gleich hineingleitet, der 30...40 Seiten benötigt, um sich zu entfalten. Doch spätestens dann umfängt er einen und zieht unweigerlich in seinen Bann. Trotzdem fordert er eine ständige ungeteilte Aufmerksamkeit. Man muss sich fallen lassen beim Lesen, eintauchen, um den Sound unterschiedlichster Töne und Variationen, diese Gedankenmäander, wahr- und aufzunehmen, sie zu verarbeiten. "Komm, wir nehmen dich mit. Zu deiner Namensvetterin, zu den Menschen, zum Tier. Zur Fähe, zu Schramm. In den Lebenshunger, in die Lebensmüdigkeit.", rufen die unruhigen Seelen und eröffnen ein Kaleidoskop aus bunten Scherben, das geschüttelt, neue, noch faszinierendere Farbnuancen in anderer Anordnung offenbart. Ein Roman, der vergangene Aromen ausströmt und sie zu einer neuen Duftkombination zusammensetzt. Geschichten, die lange unter dem Deckel drängten und nun nach draußen gelassen werden. "Eine Haut aus Geschichten ist das, die uns wächst."

Fazit: Saša Stanišić stapelt Geschichten übereinander, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit trotzdem als gemeinsames Ganzes erweisen. Genau wie eine Trockenmauer aus Feldsteinen, so erweist sich auch sein Roman als solide Umwehrung einer kleinen Ortschaft, die trotzdem Bestandteil des großen Weltgeschehens ist. Der Autor erzählt in einer Nacht die Geschichte eines Ortes und seiner Einwohner, magisch, fast märchenhaft. Es geht um Tod, um Angst, um Nostalgie, Gegenwart, verlorene Träume, um Worte und Sätze. Es geht um den Begriff Heimat. Stanišić webt ein Sprachgespinst aus unterschiedlichsten Fäden, das durch seine Fülle und Farbigkeit fasziniert. "Es sind so Augenblicke..." oder: "Ein Gemälde des Zeitvergehens (...) So eine Nacht ist das."


Das halbe Haus
Das halbe Haus
von Gunnar Cynybulk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Frei ist ein kurzes und ein schweres Wort." oder: "Wie hat sich das Jahrhundert nur so schnell aufgebraucht?", 13. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Das halbe Haus (Gebundene Ausgabe)
"Seit dem Morgengrauen ist er wach, aber das Haus schläft noch. Es ist ein halbes Haus, in dem eine halbe Familie lebt. Die eine Hälfte ist da, die andere weg: gestorben, gefallen und vergessen." Das Haus steht an der Peripherie einer zwar nicht namentlich benannten, aber unschwer als Leipzig zu erkennenden Stadt. "Im Süden ist das Land aufgebrochen. Leere Dörfer stehen am Abgrund, in den Kratern tragen riesige Schaufelräder die Braunkohle ab. Nachts hört man ihr Ächzen und Kreischen. Es ist das Schlaflied des Jungen. (...) Die Vorstadt dämmert, während die eigentliche Stadt von damals träumt. Es ist eine stolze und alte Stadt mit hohen Kirchen und lichten Passagen und einem imposanten Bahnhof, da kann man besser ankommen als wegfahren. Die Stadt hat große Söhne und Töchter hervorgebracht und bedeutsame Menschen beherbergt, es wird ihm immer wieder gesagt..." Das halbe Haus wird im Laufe der Erzählung noch eine lange Geschichte zu erzählen haben. Weniger vielleicht über die große Stadt, die ihren zuweilen recht schmutzigen Atem weit über das Land bläst, sondern mehr über seine Bewohner. Der Text wiederum wird den Bauplan des Hauses mit seiner knorrigen Treppe, seinen vielen Winkeln, Nischen und Zufluchten bestimmen. Am Ende wird das Haus leer sein, aber Gunnar Cynybulk hat die leeren Zimmer erneut zum Sprechen gebracht, sie mit unterschiedlichsten Emotionen gefüllt und ihnen ihre versteckten, kaum wahrnehmbaren Töne entlockt. Der aufmerksame Leser wird zuweilen ein Ächzen verspüren, ein böses Kichern oder ein verwirrtes Lachen. Er wird das Haus schluchzen hören, aber auch freudig erregt sehen, liebevoll singend, ängstlich verstummt oder schockiert den Atem anhaltend. Und: Er wird überall in dessen Ecken das Wort Heimat flüstern hören.

Zur "halben Familie" gehören Jakob Friedrich, ein junger Bursche in der beginnenden Adoleszenz, sein Vater Frank und Großmutter Polina. Um diese drei Generationen dreht sich der Plot des Autors. Die letzten Vorwendejahre sind angebrochen. Die Wirtschaft der DDR befindet sich in rasanter Talfahrt, ebenso wie die mühsame Aufrechterhaltung sozialistischer Ideologien. Jacobs sportlicher Ehrgeiz allerdings schwingt sich in höhere Sphären. Als aufstrebender Leichtathlet steht er kurz vor der Aufnahme an die Kinder- und Jugendsportschule. Der Traum einer sportlichen Karriere rückt in greifbare Nähe. Doch die westaffinen Ambitionen seines Vaters korrelieren nicht mit dem Gesellschaftssystem. Frank will raus aus der halbseitigen Umgrenztheit: "Hier wie da sagen die Leute grüß Gott. Das hat die Grenze nicht zerschnitten. Das meiste hat sie zerschnitten. Es gibt deutsch-deutsche Bäume, Zweiländereichen. Es gibt Doppeldörfer, oder besser gesagt halbierte Dörfer. (...) Das ist das, was die Grenze den Leuten hier gebracht hat, die Halbierung." Er hält die Lügen seines Staates nicht mehr aus, "ein Turm zu Babel, ein Scheißhaufen, der mit Häkeldeckchen aus Worte zugedeckt" ist. Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Sei es, die reisefreie Rentnerin Polina im Zuge der Familienzusammenführung schon mal in den "goldenenWesten" vorzuschicken oder aber mit lautstark artikulierten Worten und Aktionen das lauschende und denunzierende Ohr der allseits wachsamen Institution mit Namen Staatssicherheit auf Höchstalarmbereitschaft zu setzen. Ein derart gegen den Landesfrieden verstoßendes Individuum wurde zuweilen dann ganz schnell mundtot gemacht.
Zurück im halben Haus bleibt letztendlich nur noch ein unter "fürsorglicher" Beobachtung stehender Jugendlicher mit abgestürzten Träumen. Doch wie soll der Heranwachsende jetzt auf sich allein gestellt mit all den Lügen fertigwerden? Mit all den ganzen Ausrufezeichen, die in der Schule gefordert werden, sich zu Hause jedoch immer in riesengroße Fragezeichen wandelten? Und wie mit den heranwachsenden, neuen, aufregenden Gefühlen für das andere Geschlecht? Mitunter kann das Glücksstreben des einen "ein anderes Glücksstreben zunichtemachen. Ein Freiheitswunsch einen anderen."

Gunnar Cynybulk hat ein literarisch bemerkenswertes Buch geschrieben. Anhand seiner drei Protagonisten lässt er mit wechselnden Perspektiven, unterschiedlichen Erzählformen (Ich-, Du-, Er-Form) und -tönen sowie variierenden Zeitebenen ein ganzes "Familien"-Jahrhundert Revue passieren. Sein beobachtendes, emotionales Fabulieren, gepaart mit einem feinsinnigem, zum Teil parodistische Züge aufweisenden Humor, entwickelt eine ungeheuer leuchtende Farbigkeit und beinahe fühlbare Stofflichkeit, die im Kontrast zum ansonsten ziemlich grauen Umfeld steht. Ein Buch, durch dessen Seiten man atemlos fliegt, das treibt, pusht, aber auch nachdenklich-leise Töne anstimmt und zuweilen gar zu Tränen rührt. Ein unglaublich intensiver Roman, der vielfältigste Emotionen weckt. Zudem zeichnet Cynybulk grandiose Portraits seiner drei Hauptfiguren und des Landes, in dem sie leben. Nicht direkt, klar und linear, sondern verschlüsselt und meist zwischen den Zeilen, in einer wunderschönen, bildhaften und poetischen Sprache, wird nach und nach eine Familiengeschichte enthüllt, die nicht nur eine Leiche unter dem Lehmboden im Keller verscharrt hat.

Fazit: Gunnar Cynybulks "halbes Haus" offenbart sich als äußerst beachtenswertes literarisches Debüt, das zu gleichen Teilen die ganz persönliche Lebensgeschichte des Autors wie auch eine politische Auseinandersetzung mit der scheinheiligen Moral und dem lügendurchwachsenen System der damaligen DDR verarbeitet und dokumentiert. Ein Plot, in dem auf Doping im Kinder-Leistungssport, Verrat und Bespitzelung durch Stasi und Konsorten genauso geblickt wird wie hinter das Gefühl, welches mit dem Wort Heimat verbunden ist. Ein Roman, der gefangennimmt und fasziniert und dessen Worte auch den Ausklang bilden sollen: "Er ist wach, aber das Haus schläft noch. Es ist ein halbes Haus, in dem mal eine halbe Familie gelebt hat und für kurze Zeit eine fast ganze. Die Großmutter schlief im Wohnzimmer auf dem ausgezogenen Sofa, der Vater schlief im ersten Stock, im Bett in der Bücherwand, für eine Weile schlief er da zusammen mit seiner Frau. Deren Tochter hatte ein eigenes Zimmer, darin stand auch ein großer Kleiderschrank. Und dann gab es noch einen Kater, der schlief manchmal zu seinen Füßen. (...) Das Fotoalbum würde er im Handgepäck mitnehmen, ebenso wie einen Zungenschlag und ein paar Worte: gaupeln, Bimmel, groggy, Nieselpriem, mausen, Fisimatentchen, Forsützschen, Ganker, nischeln. (...) Irgendwann einmal, dachte er und denkt es wieder, sollte ich alles ganz genau auflisten. Die Dinge, die Worte und die Gefühle. (...) Im Heft dieses Mannes - besser wäre gleich ein ganzes Buch - würde alles wie neu stehen, wie zum ersten Mal erlebt. (...) Ein Satz wäre ihm eine Räuberleiter, auf einem Strich würde sein Gedanke verweilen, hinter einem Komma würde er mit einem Wasserfall in die Triefe rauschen oder mit einem Zug durch die Nacht. Auf diese Art würde er es ihnen zeigen, denen, die alles vorsagen oder nachsagen oder falsch sagen oder gar nicht sagen." Genau dieses Buch hat Gunnar Cynybulk geschrieben. Ein Autor, dessen Namen man sich unbedingt merken sollte!


Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ
Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ
von Giulia Enders
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

133 von 147 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weg mit der Darmscham! Her mit den Bauchgefühlen!, 4. März 2014
"Liebe Leser, es wird Zeit, dass wir uns mit dem Eingemachten beschäftigen. Schnallen Sie Ihre Hosenträger enger, geben Sie der Brille den letzten Stups hoch auf die Nase, und trinken Sie einen gewagten Schluck Tee! Mit sicherem Abstand nähern wir uns einem mysteriösen Häufchen." So leitet Giulia Enders ein besonders "anrüchiges" Kapitel über das Endprodukt einer der drei Schläuche in unserem Körper ein. Zwei davon (Gehirn und Blutkreislauf) stehen im allseits anerkannten Ruf, "Meisterwerke" zu sein. Nummer 3 dagegen winkt ganz zag- und schamhaft aus dem Inneren. Die nötige Anerkennung wird ihm zumeist verweigert. Denn von diesem "Mann ohne Eigenschaften" glauben die meisten, dass er höchstens mal aufs Klo geht, ansonsten offensichtlich nur "lässig im Bauch rumhängt" und nur ab und an durch eher unsittliche Töne sowie müffelnde Ein-... äh... Auswürfe auf sich aufmerksam macht. Die Rede ist von unserem wohl größtenteils stark unterschätzten Darm.

"Stimmt es, dass wir alle falsch auf dem Klo sitzen? Wie kann man leichter rülpsen? Wieso können wir aus Steak, Apfel oder Bratkartoffeln Energie machen, während ein Auto nur bestimmte Sorten Benzin verträgt? Wozu gibt es den Blinddarm, und warum hat Kot immer die gleiche Farbe?", sind nur einige Fragen, die Giulia Enders mit wahrhaft viel Charme, immer einer Prise Humor, fundiert und höchst anschaulich beantwortet. Die junge Wissenschaftlerin, die ihr erstes Staatsexamen in Medizin bestanden hat und derzeit für ihre Doktorarbeit am Institut für Mikrobiologie in Frankfurt am Main forscht, beginnt ihre Exkursion durch den dunklen Verdauungsschlauch zunächst an seiner Pforte, der Eingangshalle "zu einer Welt, in der Fremdes zu Eigenem wird". Vom Mund aus schlittert sie speichelumhüllt in die Speiseröhre, tastet sich über Magen, den sich "orientierungslos herumschlängelnden Dünnen" und seinem gemütlichen "Kumpel" namens Dickdarm, langsam bis ganz nach unten und flutsch wieder heraus. Zuweilen zoomt sie dabei ganz nah ans mikrobisch-bakterielle Geschehen heran und vermittelt somit eine unglaublich immense Fülle an Hochinteressantem und mitunter schier Erstaunlichem. So begegnen dem Leser diverse Süßigkeitsverstecke, hochgehandelte Lebensversicherungspolicen in Form von Bauchspeck oder ein filigranes Rülps- und Pupsballett. Giulia Enders veranstaltet eine ölige Rutschpartie auf der "glatten Muskulatur", lädt zu einer Tortenverfolgungsjagd ein, setzt sich mit der Entstehung von Allergien, Unverträglichkeiten und Intoleranzen, dem Nutzen oder Schaden von Antibiotika auseinander und erklärt Blutgruppenunverträglichkeit. Zudem räumt die Autorin mit "Angsthygiene" auf und zeigt, dass das menschliche Besiedlungsprogramm der Mikroben auch ganz ohne EU-Fördermittel unkompliziert und erfolgreich einsetzt.

Entstanden ist ein herrlich unkompliziertes und äußerst verständliches Werk, das dem interessierten Leser eine Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse und Hypothesen lebendig darlegt. Giulia Enders gelingt es auf geradezu faszinierend simple Art, hochkomplexe Vorgänge wie die Arbeit der Enzyme sowie viele weitere Thematiken von der Nahrungsaufnahme bis zur Verdauung geradezu spielerisch darzulegen. Eine besondere Aufwertung erfährt der Text obendrein durch die witzigen und außerordentlich aussagekräftigen Illustrationen der Schwester der Autorin. Jill Enders Abbildungen beleben das Buch enorm und ziehen dessen Thematik zusätzlich aus der "Schmuddel-Ecke". Ihre Bakterien fliegen gelegentlich als Batmans durch die Darmflora oder tappern als zottlige Greise durch "das bakterielle Woodstock" unseres Körpers. Die Designstudentin lässt Immunzellen als mittelalterliche Recken gegen fiese Eindringlinge kämpfen, verpflichtet ihre Mikroben flugs zum Tragen von Basecaps oder setzt diverse lustige Gesellen als Türsteher vor unterschiedlichste Öffnungen, damit sie für sichere "Personenkontrollen" sorgen.

Letztendlich schlägt man dieses überaus lesenswerte, charmante und hochinteressante Buch mit einem ganz und gar "umgestülpten" Bauchgefühl sowie einer keineswegs mehr schamhaft belasteten Feststellung zu, dass unserem Darm wohl eine immens wichtige Rolle bei der Gestaltung des persönlichen Wohlbefindens zukommt und deren Bedeutung dem unseres "edlen" Gehirns keineswegs nachsteht. Denn jener "befindet sich mitten im Getümmel. Er kennt alle Moleküle aus unserem letzten Essen, fängt herumschwirrende Hormone neugierig im Blut ab, fragt die Immunzellen nach ihrem Tag oder lauscht andächtig dem Surren der Darmbakterien. Er kann dem Gehirn Dinge über uns erzählen, von denen es sonst niemals eine Ahnung hätte." Unser Darm "ist eine riesige Matrix - er empfindet unser Innenleben und arbeitet im Unterbewusstsein." Vielleicht, so hinterfragt man nicht zu Unrecht, vielleicht liegt unser Ich viel tiefer als wir vermuten.

Fazit: "Wir haben riesige Maschinen gebaut und sind zum Mond geflogen. Wer heute neue Kontinente und Völker entdecken will, muss die kleine Welt erkunden, die sich in uns selbst befindet. Unser Darm ist dabei der faszinierendste Kontinent. Nirgendwo leben so viele Spezies und Familien wie hier.", schreibt die Autorin. Danke Giulia Enders, für diese charmant-erhellende "Darmspiegelung" und die bestätigt gefundene Anschauung, dass der "ruhige Buchleser (...) in Sachen Verdauung erfolgreicher als ein angespannter Topmanager" ist.
Kommentar Kommentare (12) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 14, 2014 2:13 PM MEST


Beurer BF 800 Bluetooth Diagnosewaage, schwarz
Beurer BF 800 Bluetooth Diagnosewaage, schwarz
Preis: EUR 74,68

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wiegen - Analysieren - Grübeln, 4. März 2014
Kundenmeinung aus dem Amazon Vine - Club der Produkttester-Programm (Was ist das?)
Der Frühling naht! Also wann wenn nicht jetzt die überflüssigen Pfunde loswerden bzw. die optimal verteilten unter Beobachtung stellen, dass sie nicht doch noch...
Die BF 800 misst nicht nur das Körpergewicht, sondern ermittelt den BMI, den Anteil an Körperfett und -wasser sowie Muskel- und Knochenmasse. So lässt sich feststellen, woher die zusätzlichen Kilos rühren, ob man fleißig Sport getrieben hat (Muskelmasse) oder ob das Essen etwas zu gut geschmeckt hat (Körperfett). In Kombination mit der HealthManager App und dem hauseigenen iPhone/iPad verbindet sich die Waage über Bluetooth und so hat man die Möglichkeit, alle ermittelten Gesundheitswerte langfristig zu speichern, auszuwerten oder in Diagrammen ausgeben zu lassen. Das können allerdings so einige andere Waagen auch. Was macht die BF 800 also gut und was ist noch verbesserungswürdig? Meine Testergebnisse:

Das gefällt mir:
+ sehr ansprechendes Äußeres
+ robustes und langlebiges Material
+ konstante Messwerte bei mehreren Messungen direkt hintereinander (max. 0,1 % Toleranz)
+ Wiegevorgang startet direkt beim Betreten der Waage, kein Einschalten notwendig
+ sehr gut lesbares Display
+ einfache Aufbereitung der Analysedaten in der App

Nicht ganz so gut bzw. nachbesserungswürdig:
- Kopplung iPad-Waage mittels Bluetooth 4.0 funktioniert nicht immer reibungslos, allerdings werden die letzten zehn Messungen gespeichert und bei funktionierender Bluetooth-Verbindung ausgelesen
- gemessener Muskelmasse- und Fettanteil sehr fragwürdig, auf mehreren Referenzwaagen werden mir bis zu 6 % differierende Werte angezeigt (die glaubwürdiger erscheinen, da ich mich in diesem Bereich aufgrund jahrelanger sportlicher Aktivitäten recht gut auskenne), die Werte auf der BF 800 sind mir dann doch sehr hinterfragungswürdig
- Gewicht auf anderer Referenzwaage um ca. 0,6 kg Differenz (o.k. die Beurer zeigt mir weniger an, sollte mich also zufrieden geben ;-)
- App ausbau- und verbesserungsfähig:
--- - Hinzufügen von mehreren Nutzern trotz angeblicher Möglichkeit nach mehreren Fehlversuchen aufgegeben
--- - gelegentliche Abstürze
--- - keine Android-Unterstützung

Fazit: Alles in allem eine robuste, optisch recht ansprechende Waage mit einigen Fragezeichen bei der Richtigkeit der gemessenen Körperfett- und Muskelmasseanteile. Zudem sollten in dieser Preisklasse die enthaltenen Funktionen nebst dazugehöriger App auch reibungslos funktionieren bzw. für alle Smartphones zur Verfügung stehen. Hier scheint mir das Konzept nicht durchgängig ausgereift.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 8, 2014 3:31 PM CET


Und auch so bitterkalt: Roman
Und auch so bitterkalt: Roman
von Lara Schützsack
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "In der Nacht klingt der Sommer anders" oder: "Ein falscher Vogel im Schwarm", 1. März 2014
Sie sind rebellisch und kreativ, provozieren Nerven- und Familienkrisen, haben den Charme von stacheligen Kakteen, sind oft unnahbar, motzen, muffen und meckern wie Kinder in der Trotzphase, provozieren, attackieren und übertreten Verbote. Sie treiben ihre Erziehungsberechtigungen in den Wahnsinn, weil sie - scheinbar unbekümmert - ihre Gesundheit oder gar ihr Leben aufs Spiel setzen, sei es durch Mutproben, Alkohol- oder Drogenexperimente aller Art. Deshalb werden sie gern von Wissenschaftler beäugt und man macht sie zu Helden in Büchern. Die Rede ist von Jugendlichen zwischen 11 und 19 Jahren, auch Teenager genannt. Pubertät, so scheint es, ist eine Zeit voller Gefahren. "So wie Gott sie uns gab, so muss man sie haben und lieben, sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren", schrieb Johann Wolfgang von Goethe (selbst kein großes Vorbild bei der Erziehung seines Sohnes August). Gewähren lassen - solange es um harmlose Schwärmereien und Launenhaftigkeit geht: kein Problem.

Lara Schützsack hat sich für ihren Debütroman eine derartige "Heldin" ausgesucht. Sie heißt Lucinda und wohnt mit ihrer Schwester Malina und ihren unkonventionellen Eltern Isa und Frieder (beide Mädchen nennen sie beim Vornamen) in einem Haus in einer gepflegt-bürgerlichen Gegend. Sie ist schön, sie ist flippig, impulsiv, risikofreudig und der Schwarm aller Jungen. Lucinda leuchtet.... doch nur in der Nacht. Denn das heranwachsende Mädchen hat ein Problem und rutscht immer tiefer in eine seelische Krise. Depression, Todessehnsucht und eine zunehmend dramatischere Ausmaße annehmende Magersucht sind die Folgen. Der 18-jährige Robert, genannt Jarvis, der neue Nachbar, scheint das junge Mädchen nur vorübergehend aus ihrem Kokon zu reißen, zieht sie im Endeffekt jedoch noch tiefer in die Abwärtsspirale. Isa und Frieder stehen dem völlig hilflos gegenüber. "Sie verstehen ihre Sprache nicht mehr, und jetzt versuchen sie verzweifelt, ihre Zeichen zu deuten. Sich suchen nach dem Punkt, wo sie meine Schwester verloren haben, nach der Abzweigung, die Lucinda genommen hat."

Erzählt wird aus den Augen von Malina. Sie, die Jüngere, beschreibt in klaren, einfachen Sätzen ihr Unverständnis, aber auch ihre tiefe Verbundenheit zu der älteren, bewunderten Schwester. Malina begibt sich imaginär mit Lucinda nach Tenebrien, dem Dunkelland, "in das alle gehen, die nicht für unsere Welt gemacht sind. Die Dünnhäutigen, die Gläsernen, diejenigen, die zu viel wünschen, diejenigen, die zu viel gewagt und zu viel verloren haben." Sie bemerkt zwar "die Dinge, "die im Keller passieren, mich nichts angehen (...) Sie trennen meine Schwester und mich voneinander wie die Dämmerung den Tag und die Nacht", doch sie kann sie (noch) nicht verstehen. Vielleicht sind es die Geister, die im Rhododendronbusch umherstreifen. Vielleicht aber auch die leuchtenden Farben, die Lucinda, immer wenn sie sich ihrer Umwelt entzieht, mitnimmt und eine farblose, geräuscharme und unbewohnbare Welt zurücklässt.

Ein anspruchsvolles Buch hat die junge Autorin geschrieben, doch keineswegs für ihr Zielpublikum - 14- bis 16-Jährige - zu unverständlich. Lara Schützsack fabuliert in Worten und kurzen, klaren Sätzen, die junge Leser gerade deshalb erreichen dürften, da sie deren Ton punktgenau trifft. Was für den erwachsenen Leser mitunter nebulös, rätselhaft und okkult anmuten mag, spricht jedoch genau die im körperlichen und seelischen Wandel betroffene Gruppe der Adoleszenten an. Es sind Farben, die aus Lara Schützsacks "Feder" fließen, Stimmungen, die sie punktgenau und geradezu spielerisch zu setzen versteht. So wie Lucinda, spielt auch die 1981 in Hamburg geborene Literatin und Drehbuchautorin, allerdings mit ihrer literarischen Stimme, "wie auf einem Instrument, streicht langsam jede ihrer Saiten, bis man Bauchschmerzen bekommt vor Sehnsucht nach dem, wovon sie erzählt." Aber sie erzeugt auch nahezu fühlbare Beschwerden, ob der Dinge, über die sie berichtet, dem Leid und der Hilflosigkeit des Elternhauses und letztendlich auch der Schwester.

"Wenn ich älter bin, werde ich Muse", stellt Lucinda im Buch fest. "Dann werden Romane und Lieder über mich geschrieben." Lara Schützsack hat sich ihrem Wunsch angenommen. "Und auch so bitterkalt" ist ein schockierendes, ehrliches, ein zuweilen verstörendes und auf jeden Fall ein erschreckend wundervolles und tief beeindruckendes Buch, dem man nur wünschen kann, dass es viele, viele (auch erwachsene) Leser findet. Denn letztendlich ist es auch ein Buch, das vielleicht "die Seekrankheit des Gemüts", wie Jonathan Franzen einmal die Pubertät bezeichnete, wenn auch nicht heilen, so doch zumindest lindern kann. Die im Epilog abgedruckten Musiktitel, die im Buch gleichfalls eine große Rolle spielen, tun auf jeden Fall ihr Übriges. Eine ausgezeichnete Auswahl, wie ich meine.


Wie das Blatt sich wendet
Wie das Blatt sich wendet
von Mo Yan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen China im Wandel, 28. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Wie das Blatt sich wendet (Gebundene Ausgabe)
China und seine 1,3 Milliarden große Bevölkerung haben innerhalb weniger Jahrzehnte die gravierendsten Veränderungen in der fünftausend Jahre alten Geschichte des Landes vollzogen. Nach verheerenden sozialistischen Experimenten wie der Kulturrevolution hieß es plötzlich Markt statt Plan, Leistung statt politischem Bewusstsein, Öffnung statt Isolation und Individualismus statt Kollektiv. Dass das Aufeinanderprallen eines ungezügelten Kapitalismus mit dem sozialistischen Erbe und der chinesischen Tradition nicht spurlos an der Bevölkerung vorbeigeht, kann man sich dabei lebhaft vorstellen. Denn die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche der letzten dreißig Jahre haben nicht nur das gesellschaftspolitische Rahmenwerk in China verändert, sondern auch das Leben in der Familie. Wie leben chinesische Familien heute? Wonach streben Eltern für Ihre Kinder? Unter welchen Bedingungen werden ländliche und städtische Jugendliche groß? Welche Rolle spielen Religion und Traditionen im Familienleben?

Mo Yan hat in dem vorliegenden schmalen Büchlein einen Blick zurückgeworfen. Er setzt sich mit den oben genannten Fragen auf seine ganz persönliche Art und Weise auseinander. Anlass gab ihm die Bitte eines indischen Verlegers, einen Essay zum Thema "Die großen Veränderungen des chinesischen Kommunismus in den letzten dreißig Jahren" zu schreiben.
Rückblickend auf seine Kindheit und Jugend Ende der sechziger Jahre bis hinein in die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts, versetzt sich der chinesische Literaturnobelpreisträger wieder in den kleinen, einsamen Jungen, "der sich, obwohl er der Schule verwiesen worden war, angelockt durch den Lärm auf dem Schulhof, verschüchtert durch das Schultor stahl", um einem Tischtennisspiel seiner Mitschülerin Lu Wenli und seines ehemaligen Lehrers Liu "Großmaul" zuzuschauen, in dessen Resultat letzterem der Pingpong-Ball in den Mund flog und im Hals stecken blieb. Mo Yan erzählt von körperlicher Züchtigung des Lehrerkollegiums an den ihn "Untergebenen", den Ursachen seiner Schulverweisung, die eine "falsche ideologische Einstellung" als Hauptgrund aufführen und von seinem rebellischen, bewunderten Klassenkamerad He Zhiwu, der sich der Obrigkeit entgegenstellt. Er berichtet von seinem Werdegang als Aushilfskraft in einer Baumwollmanufaktur, seinen Träumen in einer beengten Welt, in der er seine Begabungen nicht frei entfalten konnte, bis hin zu seinem Eintritt in die chinesische Armee. Ein Schritt, der ihm die Chance gab, sein Schicksal zu verändern: die Überwindung seines Bauernstatus und dem damit verbundenen Dasein als "Mensch minderwertiger Klasse". Ein Schritt, der es ihm letztendlich ermöglichte, an der Universität zu studieren und fortan sein Leben der Literatur zu widmen. Immer wieder kreuzen dabei He Zhiwu und Lu Wenli seine Bahn. Und diese beiden sind es letztendlich auch, die das schmale Büchlein zum finalen Abschluss bringen: jeder mit einer anderen Biografie und divergentem Entwicklungspotential.

"Bei diesem Text (...) handelt es sich im Grunde um ein Stück meiner Memoiren. Wenn etwas nicht den Tatsachen entspricht, liegt es allein daran, dass mir meine Erinnerung, da schon so lange Zeit verstrichen ist, einen Streich spielt.", schreibt der Autor. In kurzen, einfachen Sätzen und immer wieder eingeflochtenen chinesischen Sprichwörtern zeichnet Mo Yan ein wunderbares Bild des kommunistischen, im Umbruch befindlichen Landes und seiner damit konfrontierten Einwohner. Er offenbart dabei den im Hörigkeitseifer gefangenen Staat genauso wie die Kontroversen der traditionsreichen Landbevölkerung versus der sie rasant überrollenden Moderne. Unterschiedlichste Denkweisen der ihn mehr oder weniger das ganze Leben begleitenden oder auch nur marginal kreuzenden Personen werden aufgezeigt und geben dem Leser einen kleinen Einblick in die doch so unterschiedliche Ideologien der chinesischen Bevölkerung. Wehmut klingt mitunter zwischen den Zeilen, die aber immer wieder mit einer gehörigen Portion Humor abgemischt wird.

"Verehrte Leser! Bitte haltet mich nicht für schwatzhaft, weil in meinem Kopf zu viel durcheinanderschwirrt.", bittet Mo Yan. Diese vermeintliche Redseligkeit, ich würde es eher als Gedanken- oder Erinnerungsmäander bezeichnen, ist auch keineswegs der Grund für die etwas zwiespältig aufgenommene Lektüre. Die Ausführungen des chinesischen Autors sind hochinteressant, zuweilen erschreckend, aber immer wieder amüsant abgemischt. Sie geben durchaus einen - wenn auch nur begrenzten - so doch erhellenden Einblick in diverse chinesische Ideologien und daraus resultierende, für einen Europäer zuweilen befremdlich erscheinende Verhaltensmuster. Aber - und hier liegt für mich die "Hauptkrux" - sie enthüllen eine sehr einfache Erzählweise, die ich einem Literaturnobelpreisträger nicht zuschreiben würde. Ob dies der Übersetzung geschuldet ist, kann ich nicht beurteilen, aber grammatikalisch, als auch in Ausdruckform und Diktion gleichen seine Erinnerungen den Gedankengängen eines stilistisch nicht so souveränen Autors. Hinzu kommen die vielen eingeschobenen Sprichwörter, die ihren Sinnzusammenhang in der deutschen Übertragung nicht entfalten, mitunter gar verweigern, da sie in ihrem Kontext nicht erfasst werden können. Dadurch gehen dem nicht mit den chinesischen Traditionen verwachsenen Leser wahrscheinlich viele feine und hintergründige Bedeutungen und Anspielungen verloren. Nichtsdestotrotz: eine erhellende und kurzweilige Lektüre.


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