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Rezensionen verfasst von
Fosch Markou (Berlin)

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Die Naziliteratur in Amerika
Die Naziliteratur in Amerika
von Roberto Bolaño
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Welt von Roberto Bolaño, 5. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die großen wie die kleinen Romane von Roberto Bolaño zeichnen sich durch eine hemmungslose Lust am Fabulieren und Verknüpfen von Ereignissen und Lebensläufen aus. Anders als bei ebenfalls lateinamerikanischen Romanautoren wie Gabriel García Márquez sind die Personen zwar immer auch im großen Kontext angelegt, werden aber von Bolaño in gewagtem Tempo durch die Zeit- und bisweilen Weltgeschichte gejagt ' und es gibt (zumindest in den epischen Meisterwerken) hunderte von ihnen. Jeder, der vorausschauend auf die Komplexität der Romane zu Beginn 'wichtige' Charaktere fleißig notiert und versucht, Verbindungen zwischen ihnen herzustellen, weiß, wovon ich spreche: nach wenigen Seiten stellt man dieses Projekt ein. Das liegt nicht nur an der ungemeinen Fülle der handelnden Personen, sondern insbesondere an der Unmöglichkeit, einzuschätzen, was und wer wichtig ist, wer vielleicht nur einmal auftaucht und dann nie wieder.

Auf der Suche nach Bolaño Methode wird man unweigerlich vermuten, dass er für alle seine Charaktere fiktive Lebensläufe und 'daten anfertigt, damit immerhin einer die Fäden in der Hand behält, der Leser ist es nicht, und das macht ihn einzigartig, den Bolaño.

Wie eben dieses fiktive Lexikon seiner Protagonisten zu seinem Gesamtwerk liest sich 'Die Naziliteratur in Amerika'. Bolaños Helden und ihr Umfeld sind fast immer im Kulturbetrieb tätig, es sind Dichter und Revolutionäre, suspekte Halbseidene, mehr oder weniger gescheitert, eher verdächtigt als gemocht. Das verlagsseitig als Roman betitelte Verzeichnis der 'Naziliteratur in Amerika' versammelt in loser Verknüpfung 30 Lebensläufe latein- und nordamerikanischer Dichter, auf lexikalische, bisweilen anekdotische Weise lernen wir fast bekannte, häufiger aber befremdliche Existenzen in ihrem Sturm und Drang kennen. Der 'Monsterepilog', fast ist man versucht, das Werk insgesamt als einen solchen zu Bolaños Gesamtwerk zu verstehen (unsinnig, es entstand zwar nach 'Die wilden Detektive', aber deutlich vor '2666'), der 'Monsterepilog' also listet verschiedene Personen noch einmal alphabetisch geordnet auf, verzeichnet erschöpfend eine Liste von Publikationen dieser 'Naziliteraten' sowie einschlägiger Zeitschriften und Magazine.

Alles, wirklich alles ist fiktiv in diesem Literaturlexikon. Und doch liest man vage Bekanntes, schon einmal Gehörtes. Der Nationalsozialismus endet nicht nur in Deutschland nicht mit dem Ende des 2. Weltkrieges, seine Ideen und Instrumente leben auch in den Köpfen amerikanischer Schreiber und Dichter weiter und gehen über in die nächsten Generationen, jede noch so überkommene Idee erfährt ihre Nachahmer. Welchen Einfluss nazistisches Gedankengut insbesondere in den jungen lateinamerikanischen Republiken mit ihren wechselvollen Geschichten auch in der Zukunft haben wird, darüber schreibt Bolaño, einige der im Text genannten Personen sterben viele Jahre, nachdem Sie diese Rezension lesen.

Kleine und mittlere Weltverbesserungsnazis. Viele sterben gewaltsam, in 'Killernestern', in Villaviciosa, im Bundesstaat Sonora. So sind die Zeiten, so sind die Verhältnisse. Völlig wilde Leben. 'Magier, Söldner, Miserable' oder 'Die arische Bruderschaft', das sind zwei Kapitel dieses Literaturlexikons.

Bolaño betreibt also keine historischen Erklärungsversuche, keine Deutungen und Personenbeschreibungen oder Einflüsse deutscher Nationalideen. Seine Protagonisten nehmen sich ihren Teil von der 'Idee Herrenmensch' und verbreiten ihre Ansichten gemäß ihrer Fähigkeiten in manchmal kleinstem, manchmal größerem Rahmen. Keiner von Ihnen wird ein neuer Adolf Hitler oder auch 'nur' ein Augusto Pinochet, aber alle tragen auf ihre Weise eine Idee weiter, ob in Zeitungen, die einer lesen will oder nicht, sie halten eine Überzeugung am Leben und ringen nach Publikum. Bolaño hält die Fäden, die meisten lässt er belächelt werden. Das ist dann zuweilen richtig komisch, wie Bolaño einen Lebenslauf zur Tarnung schmückt, um diese Person mit feinster Rache hinsichtlich seiner Rezeption zu strafen, seinen Standpunkt macht er klar.

Wenn man sich nach Lektüre der Lebensläufe, dem Hauptteil dieses Buches, dem 'Monsterepilog' widmet, sagen wir spät nachts, geschieht etwas ganz und gar Faszinierendes: man blättert die Seiten mit den abstrusesten Veröffentlichungen durch, wie man ein tatsächliches Lexikon durchblättern würde, geradezu erschöpft all die verseuchenden Gedanken überfliegend. Erschöpft von der reinen Menge möglicher Lebensläufe und eventueller Verbindungen und Zusammenhänge.

Nun werde ich auch anderer Stelle nicht müde, die Bedeutung Bolaños für die Literatur der letzten Jahrzehnte zu bemerken. Dieses Werk halte ich einmal mehr für absolut außergewöhnlich und in der Leseerfahrung für einzigartig. Als Kind liebte ich den 'Herr der Ringe' von Tolkien, dort gab es auch quasi fiktive Sekundärliteratur, die mir ganz energisch versuchte glaubhaft zu machen, 'Der Herr der Ringe' sei NICHT fiktiv. So geht es mir einige Jahre später (und zum ersten Mal seit dem) mit der Welt von Roberto Bolaño und der 'Naziliteratur in Amerika'. Vielleicht ist es das: die pedantische Genauigkeit Tolkiens in Verbindung mit der atemberaubenden Plauderhaftigkeit eines Kurt Vonnegut.

Offensichtlich war ich nicht in der Lage, diesen Roman unabhängig von Bolaños Gesamtwerk zu besprechen, trotzdem sei versichert, dass 'Die Naziliteratur in Amerika' ein aus meiner Sicht ganz vorzüglicher Weg ist, diese kosmopolitische, intellektuelle und zutiefst poetische Welt zu betreten.


Gebrauchsanweisung für Hamburg
Gebrauchsanweisung für Hamburg
von Stefan Beuse
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Schwache Gebrauchsanweisung, 24. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Gebrauchsanweisung für Hamburg (Taschenbuch)
Es liegt in der Natur der Reihe "Gebrauchsanweisung für ...", dass es gute und weniger gute Texte gibt. Sie werden von Autoren verschiedenster Prägung geschrieben und es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie eine Gebrauchsanweisung für den Besuch einer Stadt oder eines Landes aufgebaut und verfasst werden soll. Ich habe einige dieser Bücher gelesen, darunter sehr informative und ungemein unterhaltsame, einige waren sogar beides. Die "Gebrauchsanweisung für Hamburg" von Stefan Beuse gehört nicht dazu.

Zu Beginn hat mich der in 24 Stationen aufgeteilte Text durchaus gepackt, die ersten 30 Seiten habe ich schnell gelesen. Als Gelegenheits- und momentan Vollzeit-Hamburger habe ich einige hilfreiche Tipps bekommen und Aufklärung über Dinge erfahren, die ich immer schon mal wissen wollte. Dann ermüdet die sich in Superlativen ergehende Beschreibung Hamburgs und "des Hamburgers" doch schnell. Phasenweise hatte ich den Eindruck, dass Beuses Projekt darin besteht, durch mal zynische, mal anbiedernde Bemerkungen versehene Hamburg-Fakten aus irgendeinem Buch der Rekorde miteinander zu verbinden. Die längste Dies, das meiste Das usw. usf.

Das führt nun leider dazu, dass die Gebrauchsanweisung thematisch bei den häufig allseits bekannten Highlights und Charakteristika, vor allem aber oberflächlich bleibt. Vieles, wie die überflüssige und nicht hamburg-spezifische Butterfahrt-Industrie, gleitet nach wenigen Sätzen ins dumme Klischee ab. Einiges scheint leicht veraltet bzw. schon vor einiger Zeit geschrieben, für eine Bewertung der fachlichen Richtigkeit, die hier an anderen Stellen kritisiert wird, fehlt mir die Kenntnis. Weshalb ich meinerseits übrigens nicht vorhabe, eine Gebrauchsanweisung für Hamburg zu schreiben.

Frech wird das Buch aus meiner Sicht dann, wenn ein Kapitel mit drei unsäglich belanglosen Geschichten mit "Hamburger Geschichten" überschrieben wird. Warum Hamburg, und warum soll ich diese Geschichten lesen? Wenn das eine Werbung für den Schriftsteller Beuse sein soll, dann lasse ich von dessen Büchern besser die Finger.

Und eigentlich gilt das für den gesamten Band aus dieser doch eigentlich sehr ordentlichen Reihe.


Das Abenteuer des Miguel Littin. Illegal in Chile
Das Abenteuer des Miguel Littin. Illegal in Chile
von Gabriel Garcia Marquez
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Illegal in Chile, 17. Januar 2012
Der Kolumbianer Gabriel García Márquez ist einer der größten unter den großen Erzählern Lateinamerikas, mit seinen Romanen hat er Weltberühmtheit erlangt und bereits 1982 den Literaturnobelpreis gewonnen. García Márquez ist über den Journalismus zur Literatur gekommen und hat sein Werk immer wieder mit Reportagen und politischen Essays ergänzt.

So ist es auch mit diesem "Abenteuer des Miguel Littín", eine prosaische Reportage über den chilenischen Filmemacher Miguel Littín, der in Pinochets Chile der 1980er Jahre einen Film über das Leben in der Diktatur dreht. Dabei ist dem Exilchilenen wie vielen anderen die Einreise in sein Heimatland untersagt.

Das Abenteuer des Miguel Littín ist ein wahrhaft waghalsiges Projekt. In Europa organisiert er mehrere voneinander unabhängige Filmteams, die als Werbefilmer getarnt nach Chile einreisen und dort Filmmaterial über das Leben in den Städten und den Armenvierteln drehen sollen. Zwölf Jahre ist her, dass Littín das letzte Mal in seiner Heimat war, zwölf Jahre sind vergangen, seit sich Augusto Pinochet durch eine gewaltsame Machtergreifung an die Spitze eines auf Repression und Verfolgung basierenden Militärstaates putschte.

Auch Miguel Littín reist also nach Chile, mit Pass, Identität und Habitus eines Geschäftsmanns aus Uruguay, optisch derart verändert, dass ihn selbst seine Mutter nicht erkennt. Es folgt ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Militärpolizei, Spitzeln und anderen Behörden. Bis sich die Kreise um die wahre Identität von Miguel Littín enger ziehen und die Gefahr, dass der tatsächliche Zweck der Unternehmung bekannt wird, stetig zunimmt, haben die Filmteams 32 Tausend Meter Film aufgenommen, unter anderem ein Spiel mit dem Feuer - im Zentrum der Macht, dem Präsidentenpalast La Moneda. Und da das Leben die besten Geschichten schreibt, gibt es sogar noch eine Begegnung mit Pinochet selbst, der Littín allerdings keines Blickes würdigt - und das ist wohl auch besser so.

Diese kurze Reportage, die García Márquez aus der Ich-Perspektive Littíns schreibt, hat Tempo und ist zweitweise spannend wie ein Thriller. Littín sammelt Beweise für eine Generalabrechnung mit Pinochets Chile und riskiert gemeinsam mit seinen Mitstreitern Leib und Leben, um die Filmrollen zur weiteren Bearbeitung ins Ausland zu schaffen. Aber sein Plan geht auf. Entstanden ist dann 1986 der Film "Acta General de Chile" (dt. Protokoll über Chile), den ich mir nur zu gern anschauen würde. Leider ist der Film an den mir bekannten Quellen nicht verfügbar.

Diese Reportage ist zu empfehlen für Freunde und Kenner von García Márquez sowie für an lateinamerikanische Geschichte Interessierte. Wen Isabell Allendes "Geisterhaus" oder die Geschichte ihres Vaters, der am 11. September 1973 von Pinochet gestürzt wurde und sich das Leben nahm, beindruckt hat, findet in diesem Text weitere Perspektiven zum Thema.


Liberty: Roman
Liberty: Roman
von Jakob Ejersbo
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,99

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Das Glück der Babylonier erwächst aus den Tränen der Leidenden.", 14. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Liberty: Roman (Taschenbuch)
"Ich habe viel in meine Bücher investiert ..." schreibt der 40-jährige Jakob Ejersbo seinem Kopenhagener Verleger und sorgt sich, denn der ist Tod absehbar, um den richtigen "Gebrauch" seiner literarischen Hinterlassenschaft. Diese besteht aus einer "Afrika-Trilogie", deren erster Band "Liberty" hier nun in Deutschland vorgelegt wird. Im deutschen Feuilleton ist es bemerkenswert still um diese Neuerscheinung. Dabei handelt es sich um ein umfangreich angelegtes Projekt, das mit gleichermaßen anziehenden und unerträglichen Mitteln versucht, ein moralisches, politisches und gesellschaftliches Panorama aus der Sicht zweier junger Männer zu zeichnen, die sich im tansanischen Moshi der 1980er Jahre finden und verlieren. Eine ungewöhnliche Kulisse, die Ejersbo nutzt, um seine Nicht-Helden durch ein wahres soziales Inferno hin zur Hölle zu schicken.

Liberty, Freiheit oder uhuru ist, was der Schwarze Marcus und der Däne Christian in Tansania suchen. Christian sucht seine persönliche Freiheit in der Assimilation, im Aufgehen in der schwarzen Musikkultur, in der Unordnung des täglichen Lebens in einer tansanischen Großstadt. Marcus hingegen dient sich über Jahre bei weißen sogenannten "Entwicklungshelfern" an, um - endlich - an ein Flugticket nach Dänemark, Schweden oder sonst wo nach Europa zu kommen. Zumindest für eine Ausbildung.
Deshalb wohnt Marcus bei Weißen, deshalb bricht er mit seiner Familie, die Schläge seines Vaters und der Sippenzwang tun ihr Übriges. Die Weißen bezahlen ihm das Schulgeld und besorgen Kost und Logis (das Ghetto, wie Marcus seine Unterkunft nennt). Als Gegenleistung wird verlangt, dass er den Haushalt erledigt, kocht, sich um die Kinder kümmert, in den Firmen der skandinavischen Entwicklungsdienste arbeitet, Fahrdienste leistet etc., kurz: er soll Neger ist. Die Beziehung von Marcus und dem Kreis der weißen Entwicklungshelfer, zu denen auch die Eltern von Christian gehören, ist bar jeder Vorstellung von dem, was man sich bestenfalls erhofft.

Ejersbo versucht nicht einmal, ein ausgewogenes Bild zu zeichnen. Schwarze Bürger werden auch Jahrzehnte nach der politischen Unabhängigkeit von den "Kolonialisten" klar als Menschen zweiter Klasse bezeichnet, betrachtet und behandelt. Die Schikanen reichen von Züchtigung, psychischer Grausamkeit über sexuelle Ausbeutung bis zu Mord. Für die Weißen ist der befristete Aufenthalt, auch wenn es sich um viele Jahre handelt, ein dauerhafter Urlaub bestehend aus Feiern, Drogen und Vögeln. Finanziert durch Veruntreuung von Subventionen und Mitteln der Entwicklungshilfe, ermöglicht durch Bedrohung, Betrug und Bestechung, gefördert von einer schwarzen Elite, deren Erhaltung von Reichtum und Macht auf diesem System beruht.

Christian, der als Dreizehnjähriger nach Tansania kommt, ist anders. Er sucht nicht das Abenteuer, sondern "das gute Leben". Er und Marcus freunden sich an, teilen ihre Liebe für die Musik und die Reggae-Kultur, erleben viel gemeinsam, teilen ihre Initiationen. Im Gegensatz zu seinen Eltern und den anderen Weißen kommt er wahrhaftig in Afrika an und sieht die Chancen, die ihm das vermeintlich leichte Leben bietet. Für die Erwachsenen ticken die Uhren hier anders, und auch Christian nimmt sich sein Teil Liberty, missachtet die Schule (im Gegensatz zu Marcus), verweigert eine Ausbildung, hängt rum. Er will bleiben, und lange Zeit gelingt ihm das auch, obwohl er auf eigenen Füßen stehen muss. Aber je schwärzer er meint zu werden, desto klarer wird, dass er für seine Freunde immer der weiße Europäer mit Geld bleiben wird, der er nach ein paar Jahren Tansania nicht mehr ist. Er hängt zwischen den Welten, jegliche Verständigung mit der Familie oder weißen Frauen führt ins Nichts. Für den Leser wird es zunehmend schwieriger, Christians Motive zu verstehen. Mehr und mehr wird Christian wie Jonas, Marcus' weißer Herr, eine teuflische Figur für beide. Ein Barbar auch für den Leser. Jonas stirbt ziemlich genau in der Mitte dieser Geschichte. Aber besser wird dadurch nichts, eher schlechter. Woran ist er eigentlich genau gestorben?

Dies ist kein Roman über Afrika, über die Entwicklungshilfe oder der Natur von Schwarzen und Weißen, wenn sie aufeinandertreffen - ihn danach zu bewerten oder überhaupt so zu lesen, ist Unsinn. Ejersbo weiß eine Menge über das Leben in Afrika und das merkt man. Erzählt wird diese Geschichte in kurzen Kapiteln abwechselnd aus der Sicht von Marcus und Christian. Das ist ungemein spannend, weil es Ejersbo gelingt, die unterschiedlichen Denkweisen sauber herauszuarbeiten. Dabei sind beide Jungen bzw. später Männer, 10 Jahre werden hier tagebuchartig beschrieben, keine großen Denker und interessieren sich vornehmlich für sich selbst. Die punktgenauen Zeichnungen von Moral und Sitte, von Verhaltensmustern und Persönlichkeitsentwicklung entstehen allein durch Action: ein ungeheurer Sog von Geschehnissen, Reaktionen und Plänen, der mich das doch umfangreiche Werk in nur wenigen Nächten hat verschlingen lassen.

Das ist die besondere erzählerische Qualität des Werks. Durch den direkten Einblick in die Köpfe der Handelnden wird Banales allmählich zu etwas Wichtigem, dann zu etwas Übergeordnetem und letztlich zu pointierten Metaphern, die in kondensierter Form wiederum doch Zeugnis ablegen von Afrika schwarz/weiß. Der Roman hat eine gutdurchdachte, komplexe Struktur und zeigt trotz der Tatsache, dass Jakob Ejersbo nicht mehr selbst letzte Arbeiten an dem Text vornehmen konnte, streckenweise epische Größe bei halsbrecherischem Tempo.

Aber: Das wirklich gewaltige an diesem Roman, das ganz und gar außergewöhnliche ist, dass Ejersbo bis auf's Blut misanthropisch ist und die Charaktere derart extrem anlegt, dass es nicht nur schockierend ist, sondern klischiert wirken kann. Das wird diesem Buch in nachfolgenden Rezensionen vorgeworfen werden - und ich kann es verstehen.

Allein ich bin anderer Meinung. Der Roman beschreibt Rassismus, ist aber nicht rassistisch. Und wenn er rassistisch ist, trifft es den Schwarzen in der Beschreibung seiner berechnenden Unterwürfigkeit und seiner besinnungslosen Sexgeilheit nicht härter als den Weißen, die den Tansanianern nicht das Essen aus dem Müll gönnen und noch ein bisschen sexgeiler sind. Der Text ist durch und durch misanthropisch, ausnahmslos alle Personen in diesem Buch sind schlecht, ausgenommen nur eine "Tante" in Schweden, die Marcus einige Zuwendungen anweist, die allerdings nicht oder kaum bei ihm ankommen. Ejersbo beschreibt das tansanische Moshi dieser Zeit als Babylon mit Schwarzen, die für ein bisschen Geld alles (!) machen, und Weiße, die das auf ihre Art und Weise genauso tun. Letztere sitzen in der Administration, da fließt das Geld durch, sie bestimmen. Diese Weißen sind nicht die Entwicklungshelfer, wie wir sie uns vorstellen, es sind die Kolonialisten von früher, unter dem Mantel karitativer Organisationen, ohne Schuldgefühle, im Gegenteil.

Damit tut Ejersbo vielen Helfern auf der Welt Unrecht, aber das wusste er sicherlich. Aber er ist das Wagnis eingegangen, durch Übersteigerung ins Krankhafte und Perverse über Dinge zu sprechen, die politisch korrekt wenn überhaupt angehaucht werden können. Indem er Konflikte und Verhalten auf die Spitze treibt und die Räume ordentlich ausleuchtet, entstehen Situationen, die ich so noch nicht gelesen habe.

Eine gewagte, herausragende Geschichte vom Erwachsenwerden zweier Jungen, die sich so ähneln und doch so verschieden sind.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 17, 2012 10:35 AM CET


Das Dritte Reich: Roman
Das Dritte Reich: Roman
von Roberto Bolaño
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Postumes Frühwerk vom Meister des vagen Wahnsinns, 18. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Dritte Reich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Mit "Das Dritte Reich" legt der Hanser Verlag nun erstmalig einen aus dem Nachlass veröffentlichten Text des Exilchilenen Roberto Bolaño, 2003 viel zu früh in Barcelona gestorben, vor. Es handelt sich um einen frühen Text des Autors von "2666", der als Erneuerer nicht nur der spanischsprachigen Literatur gilt und dessen Werk sowohl Kultstatus genießt als auch in der Literaturkritik große Anerkennung findet. Nachdem der zuletzt, ebenfalls nach Bolaños Tod publizierte "Lumpenroman" ein geteiltes Echo hervorgerufen hat, durfte man dieser Veröffentlichung mit großer Spannung entgegensehen. So auch ich.

Etwas ungewöhnlich, aber ich möchte eingangs auf dieses Buch als Druckprodukt zu sprechen kommen. Ein außergewöhnlich schöner und praktischer, jackenloser Leineneinband mit einem bemerkenswert irreführenden Werbetext. Kennte ich Bolaño nicht, ich hätte dieses Buch nicht gekauft noch gelesen. Ich interessiere mich keineswegs für Strategiespiele, zumal wenn es sich um Simulationen des Zweiten Weltkriegs und derlei handelt. Bolaño tat dies offenbar, sein gutes Recht. Mitnichten aber steht das Kriegsspiel "Das Dritte Reich" (das scheint es tatsächlich zu geben) im erzählerischen Vordergrund und Kern dieses Romans, wie der Klappentext suggeriert. Lassen Sie sich also von der Kurzbeschreibung und dem Titel, von dem mir unbekannt ist, ob Bolaño ihn zu Lebzeiten tatsächlich gewählt hätte, nicht abschrecken. Oder übermäßig anziehen. Das Spiel ist wichtig, letztlich titelgebend, jedoch ...

Der Deutsche Udo Berger, mittlerer Angestellter und leidenschaftlicher Brettspieler mit Vorliebe für strategische Kriegsspiele, verbringt den ersten gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg. Und zwar dort, wo die Deutschen, die West-Deutschen, das Geschehen findet in der Vorwendezeit statt, für gewöhnlich Urlaub machen: an der spanischen Mittelmeerküste, pauschal, Hotel am Strand, standorttreuer, erlebnisferner Tourismus in der Hochsaison. Udo war dort bereits mehrfach in seiner Kindheit, kennt das Hotel und erinnert die Chefin. Er spricht Spanisch und ist jetzt in den Zwanzigern.

Auf dem Weg, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, veröffentlicht Udo Essays und Kommentare zu Strategiespielen in Fachzeitschriften und ist als frisch prämierter Landesmeister im Olymp der deutschen Szene angekommen. Es ärgert ihn, dass seinen Beiträgen mitunter sprachliche Unzulänglichkeit vorgeworfen wird. Er entscheidet, seinen Stil und seine Reflexionsfähigkeit durch das Führen eines Tagebuches zu verbessern. Es ist dieses teils in unbeholfen-martialischer, teils in aufgesetzter Sprache geführte Tagebuch einiger hochsommerlicher Tage in den 80ern, das hier in Buchform erscheint.

Zunächst läuft alles wie erhofft, Udo und Ingeborg verstehen sich gut, rücksichtsvoll beschäftigt er sich lange kaum (!) mit dem mitgebrachten Spiel und den zu schreibenden Analysen. Obwohl nicht nach seinen Interessen, sickert der banale Spaßtouristenalltag durch die unvermeidliche "Freundschaft" mit dem Pärchen Hanna und Charly (die beiden kennt jeder von uns) in seine Pläne. Ingeborg zuliebe geht er, wenn auch mit innerer Distanz, an den Strand, in Kneipen und nachts in die örtlichen Discotheken. Eine oberflächliche Ruhe, die durch die Bekanntschaft mit Einheimischen zunehmend aus der Bahn gerät, zumindest kommt es ihm so vor. Da sind El Lobo und El Cordero (Der Wolf und das Lamm!), zwar suspekt, deren Feierlaune aber die anderen drei ansteckt. Es gibt die abweisenden Angestellten des Hotels, die attraktive Frau Else als Chefin - zu der er permanent Kontakt sucht - und ihr unsichtbarer Mann. Dann ist da noch "Der Verbrannte", ein monströs entstellter Verleiher von Tretbooten, wortkarg, geheimnisvoll, des Nachts eingebunkert in einer Festung aus, nun ja - Tretbooten. Er ist es, der Udos Interesse weckt. Da ist er, der bolañoeske Ton, vage Vermutungen, Mutmaßungen über Verschwörungen gegen ihn, das Gefühl, beobachtet zu werden, seltsame Missstimmungen, die Udo in seinem Tagebuch festzuhalten versucht. Die alkoholischen Nächte werden immer haltloser, es gibt Entgleisungen, und solche, die Udo nur vermuten kann. Als Charly beim Surfen verschwindet, ist die noch zwanghaft erhaltene Urlaubsstimmung vollends hinüber.

Ingeborg reist ab, sie und auch Udo müssen ohnehin in den nächsten Tagen wieder arbeiten. Udo bleibt, vordergründig, um die Leiche seines "Freundes" zu identifizieren, wenn sie denn gefunden wird. Nun verbindet ihn mit Charly wahrlich keine Freundschaft, seine Gründe zu bleiben sind also anderer Natur.

Mit Ingeborgs Abreise und - saisonbedingt - der der meisten Touristen, verändert sich alles und auch Udo. Sein Leben in Deutschland, die Realität, rückt immer ferner, seine Motive kann oder will er auch im Tagebuch nicht formulieren. Seine Beziehung zum Verbrannten wird stärker, mit ihm verbringt er fortan die Nächte und - ja, jetzt spielt er, spielt mit dem Verbrannten eine große, vielleicht alles entscheidende Partie "Das Dritte Reich". Zwar ein Anfänger, erweist sich der Verbrannte als geschickt, von irgendwoher bekommt er Unterstützung (oder nicht?). Udos Truppen, die Alliierten, verlieren zunehmend an Boden, so auch Udo ... Charly wird gefunden, Udo bleibt. In Deutschland macht man sich Sorgen über seinen Zustand, aber das Spiel muss zu Ende gespielt werden. Von Frau Elses todkrankem Mann, den er schließlich trifft, erfährt er, dass es um nicht weniger als um Leben und Tod geht. Denn "der Verbrannte ist nicht zu unterschätzen". Was geschieht, wenn er gewinnt? Wenn er verliert?

In diesem Frühwerk Bolaños zeichnet sich einiges ab, was er später perfektionieren sollte. Ein Faustschlag, ein Kuss, Gerüchte, ein Traum ... die scheinbar grundlosen, beklommenen Stimmungen und Feindseligkeiten, versteckte Rohheit, Sex und Vergewaltigung, Verschwörung und Wahnsinn. Die Tagebuchform scheint mir für die Geschichte, für die Entwicklung Udos bestens geeignet, die Figuren sind überzeugend, allein das Brettspiel als Austragungsort für das Schicksal Udos will mir nicht gefallen. Das Spiel ist das bindende Glied zwischen ihm und dem Verbrannten, ihre Beziehung. Als Bild oder Symbol aber, als echte Parallelität zu Udo Bergers Leben hat Bolaño "Das Dritte Reich" (also: das Spiel) bewusst oder unbewusst dann doch nicht ausreichend angelegt und eingebunden - oder es ist mir entgangen. Die Beschreibungen des Spielverlaufs bleiben für mich technisch und geographisch, meinethalben militärtaktisch. Für eine echte Spielernatur scheint mir Udo Berger zudem viel zu sensitiv und aufmerksam, sogar sein weiteres Umfeld und seine Wirkung stets beobachtend und beschreibend.

Ich bin und bleibe dabei, dass Roberto Bolaño uns die waghalsigste und aufregendste Literatur der letzten Jahre hinterlassen hat, aber mit "Das Dritte Reich" wird uns nach dem "Lumpenroman" erneut ein schwächeres Werk vorgelegt. Wer sich als Einstieg in die Bolaño-Welt vor den großen Meisterwerken "2666" und "Die wilden Detektive" fürchtet (dazu gibt es allerhand Grund, der mit dem Umfang so gar nichts zu tun hat), empfehle ich "Stern in der Ferne" als Lektüre. Überflüssig zu erwähnen, dass auch ein schwächerer Bolaño absolut lesenswert ist. Fahren Sie in den nächsten Tagen in den Urlaub nach Spanien?


Die wilden Detektive: Roman
Die wilden Detektive: Roman
von Roberto Bolaño
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Dann aber geschah, womit niemand gerechnet hatte.", 29. Juli 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Und es gibt eine Literatur für die Stunden der Verzweiflung. Diese letztere war es, die Ulises Lima und Belano wollten."

Die wilden Detektive ist kein Detektivroman, nicht im klassischen Sinne, um das vorwegzunehmen. Der Titel der deutschen Übersetzung von Bolaños 1998 erstmalig erschienen Roman Los detectivos salvajes suggeriert offenbar eine Mischung aus der Wilden 13, Die Wilden Kerle sowie Emil und die Detektive, das waren die häufigsten Spontanassoziationen Bolaño-Fremder, wenn ich über das Buch gesprochen habe. "Worum geht es denn?" - nun ja, so ziemlich um alles, handelt es sich doch um ein "bolañoeskes" Werk (F. von Lovenberg, FAZ).

Der Chilene Roberto Bolaño Ávalos, bereits 51jährig im Jahr 2003 - auf eine Spenderleber wartend - verstorben, hat der Leserschaft mit 2666 sein umfangreiches und komplexes Vermächtnis hinterlassen, ein "literarisches Ereignis". Die wilden Detektive ist in mancherlei Hinsicht vergleichbar zu seinem Opus magnum (welches auch sein Opus summum werden sollte), jedoch weder ein wirklicher Vorläufer noch ein Versuch. Ein kurzer Versuch, den Facettenreichtum von Die wilden Detektive zu beschreiben, muss unweigerlich scheitern oder ausufern, besser gesagt: in ein unendliches Verknüpfungsmuster, in die Vielfalt des Möglichen mäandern. Wetten?

Los geht's: Der Roman besteht aus drei Teilen, beginnt und endet mit den Tagebuchaufzeichnungen des 17jährigen Mexikaners Juan García Madero aus den letzten Tagen des Jahres 1975 und den ersten des Folgejahres. Madero, eigentlich Student der Rechte in Mexico City, wird berauscht von der revolutionären Stimmung der Dichterszene und gerät in den Kreis der sog. Realviszeralisten, einer Gruppe von jungen Dichtern und solchen, die es gerne wären, angeführt von Arturo Belano und Ulises Lima, mysteriöse Poeten im Stile eines Arthur Rimbaud (Arturo!). Belano und Lima begeben sich auf die Suche nach Cesárea Tinajero, der "Mutter aller Realviszeralisten" und ihren vermuteten Schriften. Dass sie ihr Einkommen nicht der Schriftstellerei, sondern offensichtlich durch den Verkauf von Dope Marke Golden Acapulco bestreiten, mag eine Marginalie sein. Oder auch nicht. Einen selbstverfassten Vers der beiden jedenfalls wird der Leser nicht zu Gesicht bekommen. Ein Gedicht, ein einziges, von Cesárea Tinajero finden sie in den Archiven der Hauptstadt, ein Bildgedicht, ein Witz vielleicht?

Die Spur von Cesárea Tinajero führt in die Wüste, in den Bundestaat Sonora, und Belano und Lima folgen ihr. Oder flüchten sie? Immerhin haben Sie neben Madero noch die junge Prostituierte Lupe im Auto, deren Zuhälter Alberto sie durch Wüste und nach Sonora verfolgt. Dieser dritte Teil des Romans hat Züge eines Roadmovies und einen Showdown nach mexikanischer Art. Ein Ende also, wie es Bolaño-Kenner nicht erwarten, alles weitgehend transparent und nachvollziehbar?

Glücklicherweise nicht, denn es gibt den ungleich umfangreicheren Mittelteil des Romans, bestehend aus Aussagen von Weggefährten und Bekanntschaften von Belano und Lima, aus Anekdoten und Berichten von Dichtern, Verlegern, Buchhändlern und einigen Menschen, die zufällig oder auch nicht ebenfalls dort waren, wo Belano oder Lima waren, in Mexiko, in Amerika, in Europa und in Afrika. So erfahren wir, wo sich die beiden in der Zeit von 1976 bis 1996 aufgehalten haben, mit wem sie Kontakt hatten, womit sie Geld verdient haben. Wir bekommen zumindest Anhaltspunkte. Häufig nur kurze Lebenslichter von zwei Menschen, die getrieben sind, ständig unterwegs, die als Seemann wieder in Erscheinung treten, als Campingplatzbewacher (einer von Bolaños Jobs nach seiner Emigration nach Spanien, eines von vielen sicherlich autobiografischen Elementen), als Straßenräuber und Literaturplauderer. Vom Poeten ist der Habitus geblieben und das Interesse. Und wundersame Sachen passieren zwischendurch, eine mystische Aura umgibt Belano und Ulises. Mir scheint, es ist schon lang nicht mehr die Aura des Dichters, des Revolutionärs und seiner "großen Sache"; auch nicht die Aura der Kriminalität oder des undurchsichtigen Weltreisenden. Es ist die Aura der schieren Existenz, das Unfassbare des Lebens, das gnadenlos die bloße Vorstellung von den Lebensmöglichkeiten begleitet.

Dieses komplexe Geschichtengebilde legt sich zeitlich in die Tagebuchrahmenhandlung des Juan García Madero, berichtet von Dingen, die sich innerhalb des Tagebuchs bewegen und erzählt insbesondere von Ereignissen, die sich nach Maderos Aufzeichnungen abspielen (werden), nach dem Showdown in Sonora. Genaue Grenzen innerhalb von Abläufen und Ursachen und Wirkungen zu ziehen ist - nicht anders als bei 2666 - schwierig, Zusammenhänge fließen ineinander und ergeben ein Optionsgeflecht. Wem berichten die Zeugen? Warum berichten sie?

"Bolañoesk" also, es geht um alles und alles ist möglich, alle Verbindungen sind denkbar und viele werden gedacht, Orientierung und Kausalität funktionieren nicht wie gewohnt, Verschwörungstheorien drängen sich auf, werden abgedrängt. Das Geschehen gleicht einer Liste von Ereignissen, einer Liste von Erzählungen und Bildern. Listenhaft, andeutend und reihenfolglich ist insgesamt das Schreiben von Bolaño. Es gibt Listen mit Einteilungen von spanischsprachigen Dichtern in "Schwule", "Tunten", "tattrige Schwuchteln" etc., Listen von Fachbegriffen aus der Metrik, Listen von lateinamerikanischen Dichtern und eine Abrechnung mit ihnen und dergleichen mehr.

Viele der "Zeugenaussagen" erzählen eigene Lebensgeschichten, eine bestimmte Sicht auf Ereignisse und können kontextlos als kleine Psycho- und Soziogramme gelesen werden. Einige Zeugen melden sich mehrfach zu Wort, allen voran Amadeo Salvatierra, der Belano und Lima über Cesárea Tinajero Auskunft geben kann, und dessen Bericht durch seine Datierung eine besondere Bedeutung bekommt.

Liebe und Sex, Literatur und Literaturbetrieb, Erwachsenwerden und Anderssein, Drogen und Städte, Gewalt und Kriminalität, es geht um Exil, Wohlstand und Armut, Politik, Polizei und Krieg. Natürlich geht es auch um Cesárea Tinajero, um ihre Bedeutung für den Durchbruch der realviszeralistischen Dichtung, um ihren Verbleib in der Wüste von Sonora, um das "eigentliche" Leben der Cesárea Tinajero. Belano und Lima werden scheinbar abgelenkt von ihrer Suche nach Idealen und von der Revolution im Herzen, werden in ihrem Schicksal damit vielleicht - ohne es zu wissen - Cesárea Tinajero immer ähnlicher. Wie Rimbaud fliehen Sie vor der Literatur (vor dem Herstellen von Literatur) ins Abenteuer des Überlebens, aus Enttäuschung vielleicht. Anders als Rimbaud haben sie zudem ganz praktische Gründe, ihrer Exilheimat den Rücken zu kehren.

Beide Werke, 2666 und auch Die wilden Detektive werden ihren Platz in der Weltliteratur finden. Ich möchte das Erlebnis dieser Lektüren sehr empfehlen. Was Besseres als dieses Buch ist mir in der letzten Woche nicht passiert. Beim Schreiben dieser Rezension entstehen mir so viele Fragen, dass ich es eigentlich sofort ein zweites Mal ... quod erat demonstrandum!


"Fabelhaft! Aber falsch!" : Marcel Reich-Ranicki in Anekdoten
"Fabelhaft! Aber falsch!" : Marcel Reich-Ranicki in Anekdoten
von Franz Josef Görtz
  Gebundene Ausgabe

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen MRR in Anekdoten, 26. Juli 2010
Eine Sammlung von Anekdoten aus dem Zusammenleben und besonders -arbeiten mit Marcel Reich-Ranicki, kurz MRR, Deutschlands Literaturpapst. Das klingt zunächst ganz interessant und sinnvoll, wo der spricht, ist eigentlich immer was los. Ich versprach mir geistreiche und eloquente Bissigkeiten, hatte MRR doch vor nicht langer Zeit noch und also schon in hohem Alter die wunderbare Impertinenz besessen, öffentlich den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk zurückzuweisen. Das war schön.

Der von Franz Josef Görtz, einem Weggefährten, herausgegebene Band umfasst neben einem belanglosen, weil nur beispielgebenden Vorwort ein belangloses Nach- und Dankwort sowie knapp 130 Seiten Anekdoten, Bonmots und dergleichen mehr. Eine thematische Gliederung fehlt, die vorhandene Kapitelgebung erscheint mir willkürlich und lediglich als Platzhalter für die uninteressanten Vignetten von Isabel Klett zu dienen.

Aber zum Inhalt:
die Anekdotengeber sind alte Bekannte (Karasek, Löffler) und alte "Feinde" (Grass, Walser, Handke). Vieles kennt man, an vieles meint man sich zu erinnern. MRR düpiert, drangsaliert, polemisiert und übertreibt, nutzt seine Schlagfertigkeit und seine Eloquenz, dabei ist er einmalig und unterhaltsam.

Trotzdem: die Auswahl der Anekdoten scheint mir nicht gelungen. Obwohl MRR gelegentlich mit seiner Auffassung von Kritik ("Jede Kritik, die es verdient, eine Kritik genannt zu werden, ist auch eine Polemik.") zitiert wird, der Leser Entgleisungen tatsächlich und zu Recht erwartet, zeigen viele Anekdoten dann doch einen selbstsüchtigen, anmaßenden, unsachlichen und absolut unfairen MRR. Diese Geschichtchen, von denen es einige gibt, passen nicht in den penetrant positiv daher plaudernden Kontext, in das "Ist der nicht cool?"-Gehabe auch des Vor- und Nachworts. Weil es nicht cool ist, wenn MRR einer neue Redakteurin mit dem Spruch "Na, Mädchen, wo gehörst Du denn hin?" mit der Hand auf den Po haut, das ist womöglich sexuell belästigend und nicht mal bei MRR geistreich. In Grenzen hält sich auch meine Begeisterung des provozierten Rausschmiss' von Sigrid Löffler, der er im Literarischen Quartett öffentlich Blindheit und Taubheit in Sachen erotischer Qualitäten attestiert hat. Noch einen? Stellen Sie sich vor, ihr Chef ruft sie an und beendet das Telefongespräch mit den Worten "Sie langweilen mich! Adieu, ich habe zu tun." - unglaublich, oder?

Ich mag auch diese andere Seite an MRR und habe die Anekdoten-Sammlung insgesamt mit Gewinn gelesen. Mir erscheinen jedoch nicht alle Berichte dem personenkulthaften Daherkommen - ohnehin schon fragwürdig - dieses Buches mit den "besten Bonmots und Anekdoten" (so der Klappentext!) zugeneigt, das Ganze ist unsauber und unzureichend editiert.


Die Liebe währt drei Jahre
Die Liebe währt drei Jahre
von Frédéric Beigbeder
  Taschenbuch

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "Ich schreibe das gleiche Buch wie alle anderen (...)", 11. Juni 2003
Rezension bezieht sich auf: Die Liebe währt drei Jahre (Taschenbuch)
„Die Liebe währt drei Jahre" ist der dritte und (wohl) letzte Band aus Beigbeders Trilogie (deshalb) um Marc Marronier, den High-Society-Siddhartha der Pariser Jetzt-zeit-Dekadenz. In der Dramaturgie der Liebe (Leidenschaft, Heirat, Scheidung) widmet sich dieses Buch dem nicht unpopulären Abgesang der Liebe, Ihrer zeitlichen Limitiertheit, Ihrer Lügen - und komplettiert damit den Zyklus (man darf es vorweg-nehmen) der zwischenmenschlichen Trinität. Formal ist „Die Liebe währt drei Jahre" das Erklärbuch der Bücher über Marc Marronier.
Meine Freude und meine Erwartungshaltung waren gross, als ich den „neuen Beig-beder" erstand, völlig egal hingegen war mir, dass dies der dritte Teil einer Trilogie ist, deren erste Teile ich zwar gelesen hatte, die mir jedoch nie unabgeschlossen oder „irgendwie spannungsgeladen" schienen (Das kann als Nach- und Vorteil gewertet werden!).
Es ist alles drin, was für gemässigt skandalöse Literatur angezeigt ist. „Eine gefärbte Blondine mit Silikontitten kriegt den Hals mit Sperma voll.(...) Ein Typ mit Maske durchbohrt die Brustwarzen einer Holländerin (...) Eine unerfahrene jugendliche Amateurin lässt sich einen Dildo (Korrekturvorschlag Rechtschreibprüfung: Tilde) in den Anus und einen in die Vagina schieben (...), darüber hinaus wird mit Selbstmord kokettiert, werden Drogen konsumiert und - defätistisch aber immer in der Weise eines „Wortarrangeurs" - selbstbezogen bekannt (Wichskabine, die Schwierigkeit der oralen und analen Erleichterung zu gleichem Zeitpunkt unter Einwirkung bewusst-seinsmindernder Substanzen), dass die Balken eines jeden einzigen Lebens ob solcher theatralischer Vorkommnisse gehörig ins Wanken kommen KÖNNTEN. Nun, immerhin befinden wir uns wohl innerhalb so etwas wie einer Parabel, und da müs-sen die Wechsel „sitzen" (Die Tatsache, dass B. so häufig als Erzähler darauf hinweist, wie sich die Teile aneinanderfügen WERDEN, hinterlässt dann doch den An-schein von Unsicherheit, ob hier eigentlich noch jemand dem Konzept folgt.).
Und alles liest sich nach dem braven Muster. Es tönt so skandalös daher und lässt doch die Melodie nie vermissen. Ich habe mich mit allem, was B. schreibt , einvestanden erklärt, ohne mich dadurch ein Stück weiser oder aufgeklärter zu fühlen. Es bewegt mich nicht. Fehlt ein (einziger) kontroverser Gedanke? Wird sich am Ende auch die wirklich gute neue französische Literatur trivialisieren? Gibt es überhaupt noch ein literarisches Geständnis, dass uns verwirrt? Sind allein diese Fragen der Zweck dieses Buches (Das wäre ohne Zweifel mutig und wird zumeist als Ausrede in der deutschen Literatur angeführt!). So wie die Bücher B.s daher kommen, muss der Zustand des gleichgültigen Lesens von ihm entweder bewusst initiiert oder das Re-sultat anderer Intentionen sein.
In letzterem Falle ist es - für mich - ein enttäuschendes Buch. Ich hatte häufig den Eindruck, B. schreibt über Jahre an dieser Trilogie auf eine Pointe zu, die sich bei Veröffentlichung als „it's understood" darstellt.
Da ist noch sein Stil, die direkte Ansprache, in der sich B. am sympathischsten und einen Blick in sein Innerstes gibt, aber eigentlich tut er das die ganze Zeit. Also hin und wieder ein stilistischer Versuch, einen Bruch und damit die Aufmerksamkeit des Lesers zu erzeugen - aber in all der Bekenntnistiefe seines „Tagebuches" existiert (für uns) kein Geheimnis mehr, das der Aufmerksamkeit lohnte. B. beichtet uns bis-weilen in die Langeweile. Dieses Manko bekommt er nicht in den Griff. Das ist schade. Das kleine, von sich aus funkelnde und perfekte Juwel, das uns die Dreiteilung der Trilogie suggerieren möchte, liegt da einfach nicht vor uns.


Wie du dir, so ich mir
Wie du dir, so ich mir
von Woody Allen
  Taschenbuch

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bekenntnisse an die Umwelt., 11. Juni 2003
Rezension bezieht sich auf: Wie du dir, so ich mir (Taschenbuch)
Die Schauspiele Woody Allens bestehen - abgesehen von den immer wiederkehrenden Zentralthemen Beziehungskampf, der Mensch in der Moderne und der Großstadt im Besonderen - wesentlich aus kleinen Einfällen des Absurden, die seinen charakteristischen Humor ausmachen. Allens frühere Arbeit als Bühnenkomiker und Gagschreiber macht den Nucleus seiner episodenhaften und skurillen Filme aus. Wie ein Skizzenbuch lesen sich Woody Allens frühe Stories, wie eine kurze prosaische Aufarbeitung seiner Ideen lesen sich die Geschichten im vorliegenden Band „Wie du dir, so ich mir".
Die Interpretation der Wäscherei-Listen eines Prominenten, die Lebensgeschichte des Erfinder des Sandwiches, die Memoiren eines sozialstarken Arschlochs aus den 20ern, verhinderte Revolutionäre aus Lateinamerika - Woody Allen findet in jeder denkbaren Begebenheit den perlmuttenen Kern seiner jeweiligen Eigenart, den Kern der Wahrheit und der spezifischen Komik. Eigentlich unseren Kern.
100 dieser Geschichten kann man am Stück lesen. Entdecken, dass das tägliche Leben allein durch einen Impuls, eine Erinnerung zu einer Kostbarkeit und etwas Besonderem mutieren kann, wenn man sie einfach weiterdenkt.
Unterhaltsam, „gehaltvoll", kurz und bündig auf das phänomenale unseres Miteinanders konzentriert. Komische Texte sind besser wohl nicht zu schreiben.


Was Sie schon immer über Sex wissen wollten . . .
Was Sie schon immer über Sex wissen wollten . . .
von Woody Allen
  Broschiert

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perversion - was ist das eigentlich?, 3. Juni 2003
Da fällt einem natürlich eine Menge ein: Aphrodisiaka, Sodomie, Orgasmusschwierigkeiten, Transvestiten, Perversion, klinische Sexualforschung und - last but least - die Ejakulation. Und genau diese Episoden sind das Gerüst für zweifelsohne einen der skurrilsten Filme von Woody Allen. Mit dem Buch verhält es sich wie immer mit dem Film: das Huhn und das Ei sind sich zum Verwechseln ähnlich.
Allein Gene Wilder als Dr. Ross und seine Liebe zu Daisy, dem Schaf, lohnen den Film und das Buch ein ums andere Mal. Radikal, zynisch, verzerrt. Sieben schräge Visionen, wie das Leben wäre, wenn wir die sexuelle Aufklärung zu ernst nehmen.


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