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Bücherwurm "lr19"

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Montecristo
Montecristo
von Martin Suter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 23,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Roman hätte einen anderen Schluss verdient, 19. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Montecristo (Gebundene Ausgabe)
Martin Suter entwickelt anfangs zwei Erzählstränge: Nach einer Notbremsung in einem Tunnel liegt ein Reisender tot neben den Schienen und Jonas Brand, mäßig erfolgreicher Videojournalist, hält plötzlich zwei Schweizer Geldscheine mit der gleichen Seriennummer in der Hand, eine Entdeckung, die folgenreich sein wird. Suter führt die beiden Erzählstänge in spannenden Beschreibungen zusammen und verknüpft sie mit einem Bankenskandal der größten Schweizer Bank. Begleitet werden die Geschichten von dem mysteriösen Tod eines Experten, der sich um die Klärung des Skandals bemüht, persönliche Angriffe auf den Protagonisten Jonas Brand und eine Liebesgeschichte zwischen Brand und der Event-Managerin Marina.
Die Beschreibungen über den Finanzhandel und die Funktionsweise der Bankenaufsicht bleiben sehr allgemein, auch wenn Suter dem Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung in seinem Nachwort für "seine Beratung, seine aufmerksame Prüfung des Textes und seine konstruktive Kritik" (S. 310) dankt. Da "Montechristo" als Roman und eben nicht als Wirtschaftskrimi angeboten wird, darf der/die Leser/in wohl mit Recht keinen Aufklärungskrimi über den Finanzplatz Schweiz erwarten.
Ich habe den größten Teil des Romans mit großem Interesse gelesen; Martin Suter versteht es, seine Romane spannend aufzubauen. Enttäuscht und ratlos bin ich aber über den Romaschluss. Da im Rahmen einer Rezension dieser naturgemäß nicht verraten werden sollte, kann diese Einschätzung leider hier nicht näher begründet werden. Aber ein Roman, der von dem Aufklärungsbestreben der Hauptperson, von ihrem Widerstand gegen Mord und Skandalunterdrückung getragen wird, hätte einen anderen, zu der übrigen Handlung angemessener passenden Schluss verdient. So stellt sich der Rezensent etwas ratlos die Frage: Was hat uns Martin Suter eigentlich mit seinem Roman sagen wollen?

Ludwig Heuwinkel


Mensch und Zeit (Studien zur Interdisziplinären Anthropologie) (German Edition)
Mensch und Zeit (Studien zur Interdisziplinären Anthropologie) (German Edition)
von Gerald Hartung
  Taschenbuch
Preis: EUR 34,99

5.0 von 5 Sternen Interdisziplinärer Zugang zu den temporalen Aspekten des Menschen, 2. Januar 2015
Der vom Wuppertaler Philosophieprofessor Gerald Hartung herausgegebene Sammelband "Mensch und Zeit" enthält insgesamt 14 Beiträge zum Leitbegriff der Anthropologischen Forschung. Dieser Forschungsansatz gehe, so der Herausgeber in seiner informativen Einleitung, vom "Rätsel des Menschen angesichts seiner Riskiertheit und nicht-garantierten Überlebenschancen, aber auch seiner technologischen Gestaltungschancen" (S. 7) aus. Die Bewältigung dieser Aufgabe sei nur durch eine interdisziplinäre anthropologische Herangehensweise möglich. Deshalb werden in dem Materialienband u.a. aus soziologischer, philosophischer, physikalischer und auch biologischer Sicht die Konzepte von natürlicher Zeit und Kulturzeit untersucht.
Folgende leitenden Fragestellungen werden u.a. in der Einführung angesprochen: Gibt es eine anthropologische Konstante des Zeiterlebens? Wenn ja, ist diese biologisch oder kulturell bedingt? Welche Verknüpfungen bestehen zwischen der kosmischen Zeit, der individuellen Zeit und der Kulturzeit?
Der Herausgeber hat die Einzelbeiträge den folgenden vier Kapiteln zugeordnet: Kosmische Zeit, Zeit des Lebens, Äußere und innere Zeiterfahrung sowie Lebensweltliche Perspektiven. Die Aufsätze beleuchten das weit gefasste Thema "Mensch und Zeit" aus sehr unterschiedlichen Blickrichtungen, so dass insgesamt ein umfassender und inspierierender Zugang zu den temporalen Aspekten menschlichen Lebens geboten wird.
Da an dieser Stelle nicht auf alle Einzelbeiträge eingegangen werden kann, soll der interdisziplinäre Zugang zu dem Thema "Mensch und Zeit" zumindest anhand einiger Einzelaspekte angedeutet werden, die vielleicht zu einer ausführlicheren Lektüre des Buches anregen können: Die Rolle der Zeit in der Kosmologie; Zeitstrukturen von Natur und Bewusstsein; Vorrang der Gegenwart im subjektivem Zeitgefühl, während die Physik keine Bevorzugung eines bestimmten Zeitmodus (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) kennt; Vorstellung einer grenzenlosen Dynamik in einer offenen Zukunft sowohl in den heutigen Naturwissenschaften als auch in der Geschichtswissenschaft; Folgen der zunehmenden Diskrepanz zwischen sozialer und biologischer Zeit; Parallelen zwischen ökologischen Entwicklungstheorien und Theorien zur menschlichen Entwicklung; Biologische Rhythmen; Zeiterfahrung in Gesundheit und Krankheit; Europäische und afrikanische Zeitvorstellungen und die Wirkung christlicher Missionierung auf afrikanische Zeitvorstellungen.
Die durchgängig auf den aktuellen Stand der Wissenschaft Bezug nehmenden Einzelbeiträge geben dabei dem Leser einen profunden Einblick in die interdisziplinäre anthropologische Forschung, wobei zuweilen für die Leserinnen und Leser vor allem die Beiträge von besonderem Interesse sein werden, die nicht seiner vertrauten und präferierten Forschungsrichtung entstammen.

Dr. Ludwig Heuwinkel


Raum und Zeit: Vom Weltall zu den Extradimensionen - von der Sanduhr zum Spinschaum (Astrophysik aktuell)
Raum und Zeit: Vom Weltall zu den Extradimensionen - von der Sanduhr zum Spinschaum (Astrophysik aktuell)
von Andreas Müller
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Raum und Zeit - eine lesenswerte naturwissenschaftliche Einführung, 9. Mai 2013
Allen naturwissenschaftlich Interessierten kann die - zumindest in großen Teilen - auch für Laien verständliche Einführung "Raum und Zeit" des Astrophysikers Andreas Müller empfohlen werden.
Einleitend stellt er dar, wie die historische Zeitmessung sich entwickelt hat und welche Bedeutung hierbei den Sonnen- und Mond- sowie den Jahres-, Monats- und Tageszyklen zugekommen ist. Zeit stellt, so der Verfasser, neben den drei Raumdimensionen Länge, Breite und Höhe die vierte fundamentale Dimension dar, die unseren Alltag bestimmt. Nach dem Newton'schen und Galilei'schen Verständnis von Raum und Zeit hat Zeit nichts mit dem Raum zu tun, beide sind, für sich genommen, absolut, also nicht beeinflussbar.
Albert Einstein hat dieses Paradigma überwunden, nach ihm verschmelzen Raum und Zeit zu einer Einheit, der vierdimensionalen Raumzeit. Seine 1905 veröffentlichte Spezielle Relativitätstheorie besagt bekanntlich, dass die Bewegung das Ticken einer Uhr beeinflusst: eine bewegte Uhr tickt langsamer als eine Uhr in Ruhe. Eine Uhr, die im Bus mitfährt, so lautet eine typische Veranschaulichung des Autors, tickt anders als eine Uhr, die an der Haltestelle bleibt. Die 1915 von Einstein veröffentlichte Allgemeine Relativitätstheorie besagt, dass auch die Gravitation die Laufgeschwindigkeit von Uhren beeinflusst, wenngleich die Unterschiede immer nur sehr minimal sind und nur mit modernster Messtechnik nachgewiesen werden können. Der Reiz der Forschung, so Müller, bestehe aber im erkenntnistheoretischen Zugewinn über das Wesen von Raum und Zeit.
Neben den bekanntesten Ansätzen von Newton und Galilei sowie Einstein stellt der Astrophysiker Müller noch drei weitere Erklärungsansätze zum Verhältnis von Raum und Zeit vor: die mehrdimensionale Raumzeit (Kaluza-Klein-Theorie, Stringtheorie), die gekörnte Raumzeit mit Raumquanten und eventuell sogar Zeitquanten (Loop-Quantengravitation) und schließlich den Ansatz von Roger Penrose zu der sich auflösenden Länge und auflösenden Zeit im frühen und späten Kosmos.
In seinem Fazit stellt Müller fest, dass wir in einer spannenden Epoche leben, in der sich einige faszinierende, neue Hypothesen über die Natur von Raum und Zeit vor uns ausbreiten. Hohe Erwartungen setzt er in die Stringtheorie oder die Schleifen-Quantengravitation. Fraglich sei jedoch, ob die neuen Konzepte von Zeit und Raum verständlich und auf die alltäglich erfahrbare Welt übertragbar seien. Unanschaulichkeit und Befremdlichkeit kennzeichneten bereits viele Bereiche der modernen Physik. "Wir bezahlen mit der Anschaulichkeit und gewinnen dafür den Preis der Erkenntnis."
Ludwig Heuwinkel


Unter Freunden
Unter Freunden
von Amos Oz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einblick in die subjektive Seite des Lebens im Kibbuz, 18. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Unter Freunden (Gebundene Ausgabe)
Amos Oz, bekannter israelischer Schriftsteller, Literatur- und Philosophieprofessor und aktives Mitglied der israelischen Friedensbewegung, hat selbst in einem Kibbuz gelebt und kennt von daher das Leben im Kibbuz aus erster Hand. In einem Zeitungsinterview hat er erklärt, dass es sich bei den acht Erzählungen in seinem neuesten Band "Unter Freunden" um fiktive Geschichten handelt, dass sie sich aber andererseits genau so zugetragen haben könnten. Hiermit will er wohl zum Ausdruck bringen, dass er in seinen Erzählungen Personen, Ereignisse und Konflikte vorstellt, welche - literarisch verarbeitet - uns einen Einblick in das Leben im Kibbuz verschaffen sollen.

Dabei geht Oz weniger auf politische, religiöse oder ökonomische Rahmenbedingungen und Problemlagen ein, sondern er fokussiert sein Interesse auf die subjektiven Empfindungen und Handlungen der jeweiligen Hauptfiguren in den einzelnen Erzählungen. Vor allem geht es ihm um die Konflikte, die sich aus den individuellen Wünschen und Bedürfnissen der Individuen auf der einen und den Vorgaben der Kibbuzleitung auf der anderen Seite ergeben. Hier erhalten die Leserinnen und Leser einen behutsamen und unaufdringlichen Einblick in die individuellen Aspekte des Kibbuzlebens, wie sie anderweitig in der Fachliteratur zum Kibbuz kaum zu finden sind.

Aufgezeigt wird das angesprochene Spannungsverhältnis zwischen individueller Selbstverwirklichung und dem durch die Kibbuzbewegung traditionell vorgegebenen Erwartungen und Forderungen anhand der jeweiligen Hauptfiguren wie z.B. Zvi, der als Gärtner im fiktivem Kibbuz Jikhat arbeitet und die anderen Kibbuzbewohner durch seine permanenten Berichte über kleine und große Katastrophen irritiert und verärgert und dabei auch sein mögliches individuelles (Liebes-)Glück außer Acht lässt. Martin, der Schuster, hat aufgrund politischer Überzeugungen einen anderen Kibbuz verlassen und lebt nun buchstäblich bis in den Tod hinein ein an den strengen Ideen der Kibbuzbewegung ausgerichtetes aufopferungsvolles Leben. Und die Einschränkungen, welche das Leben in einem Kibbuz für ihre jungen Mitglieder bedeuten kann, verdeutlicht Oz am Beispiel von Jotam. Sein Onkel bietet ihm ein Maschinenbaustudium in Mailand an, aber die Kibbuzplanungen sehen vor, dass zunächst andere Jugendlichen aus dem Kibbuz studieren dürfen.

Aber auch all denjenigen, die sich nicht speziell für das Leben im Kibbuz interessieren, kann der hier vorgestellte Erählband nachdrücklich zur Lektüre empfohlen werden.

Ludwig Heuwinkel


Kultur, Raum und Zeit: Ansätze zu einer vergleichenden Kulturtheorie
Kultur, Raum und Zeit: Ansätze zu einer vergleichenden Kulturtheorie
von Hans Jakob Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ansätze der Kulturwissenschaft für ein besseres interkulturelles Verständnis, 25. Dezember 2012
Der Autor Dr. Hans Jakob Roth, Jahrgang 1951, hat die Fächer Geschichte, Anglistik, Nationalökonomie und Verhaltenswissenschaften studiert und in unterschiedlichen Funktionen die Schweiz in Beijing, Shanghai und Hongkong vertreten. Vor dem Hintergrund dieser breiten wissenschaftlichen Ausbildung und der persönlichen Erfahrungen in anderen Kulturen legt er mit seiner Veröffentlichung "Kultur, Raum und Zeit" Ansätze zu einer vergleichenden Kulturtheorie vor. Dieser lesenswerte und durchgehend gut verständlich geschriebene Ansatz soll, so der Autor, ein besseres interkulturelles Verständnis fördern.
Hans Roth wendet sich gegen Bestrebungen in der Kulturwissenschaft, sich auf konkrete Beschreibungen und Einzelphänomene zu beschränken. Ein Verständnis fremder Kulturen und vergleichende Theorien erforderten eine umfassende theoretische Grundlage. Eine zu starke Fokussierung auf konkrete Ereignisse, Handlungen und Gewohnheiten führe möglicherweise sogar zu dem Ergebnis, dass ein Kulturvergleich nicht möglich sei. Daher verlangen Kulturvergleiche "eine Betrachtung auf der Metaebene und damit immer ein gewisses Maß an Abstraktion. Wenn die zu vergleichenden Tatbestände zu stark im Konkreten verhaftet bleiben, kann der Vergleich nicht gemacht werden." (S. 25).
Als Basis seiner kulturvergleichenden Betrachtung unterscheidet der Verfasser zwischen zwei grundlegenden Modellen: In den Individualgesellschaften, in denen das Individuum im Mittelpunkt steht,und die Kollektivgesellschaften, in denen die Gruppe im Vordergrund steht. Zu den Individualgesellschaften gehören nach Roth Europa und Nordamerika, der Rest der Welt wird von ihm dem Kollektivmuster zugerechnet.
Kritisch zu fragen ist hier sicherlich, inwieweit diese doch recht pauschale Einteilung allen vorfindbaren sozialen, kulturellen, ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Differenzen gerecht wird.
Anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht Hans Jakob Roth die Unterschiede zwischen seinem bipolaren Modell. So seien die unterschiedlichen Bewertungen nur vor diesem Hintergund zu verstehen. Die Verletzung individueller Menschenrechte führe zwangsläufig in einer Individualgesellschaft zu einer anderen Beurteilung als in einer Kollektivgesellschaft. Als ein weiteres Beispiel zur Veranschaulichung der durch die unterschiedlichen Gesellschaftsformen geprägten Auffassungen sei hier noch auf die Zeit verwiesen. Kollektivgesellschaften hätten eine präzise Vorstellung von der Gegenwart, aber keine klare Vorstellung von der Zukunft. Aus diesem Grunde werde auch auf eine zielgerichtete Zukunftsplanung verzichtet, während die lineare Zeitvorstellung in den Individualgesellschaften eine ausgeprägte Zukunftsperspektive umfasse.
In seinem Schlusskapitel plädiert Roth dafür, dass in den westlichen Individualgesellschaften die Individuen eine höhere soziale Verantwortung übernehmen und im sozialen Umgang mehr Emotionen zulassen sollten. Dagegen sollten Kollektivgesellschaften ihren Individuen größere Freiräume zugestehen und das Verhalten müsste "wohl auch vermehrt rationaler ausfallen." Allerdings bezweifelt der Autor, dass sich die in Jahrtausenden herausgebildeten Unterschiede ganz aufheben lassen. "Zu stark wirken hier die Verhältnisse der natürlichen und sozialen Umgebung direkt auf Person und Gesellschaft ein, als dass eine grundsätzliche Verschmelzung der beiden Muster in einer Weltgesellschaft möglich würde." (S. 212)
Dr. Ludwig Heuwinkel


Zeit als Lebenskunst
Zeit als Lebenskunst
von Olaf-Georg Klein
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5.0 von 5 Sternen Zeitsouveränität als wichtiges Lebensziel, 21. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Zeit als Lebenskunst (Taschenbuch)
Für alle diejenigen, die bisher noch keine Bücher zum Thema Zeit in ihren Regalen stehen haben, hat Olaf Georg Klein mit Zeit als Lebenskunst" ein hervorragendes Einstiegsbuch geschrieben. In dem auch für Zeit-Laien" durchgängig verständlich geschriebenen Werk zeigt der Autor Möglichkeiten auf, Zeitprobleme gezielt anzugehen, indem wir die unbewussten und einengenden Vorstellungen von Zeit verändern. Auch wenn wir als Individuen von der uns umgebenden Zeitkultur geprägt seien, könnten wir aber unabhängig davon über die eigene Zeitkultur reflektieren, zu ihr auf Distanz gehen und eine eigene ,Zeitsouveränität' entwickeln." (S. 8)

Im ersten Kapitel seines Buches geht Klein auf das allgemeine Empfinden von Zeitknappheit und Versäumnisangst ein und plädiert dafür, den jeweiligen Augenblick zu genießen statt sich für eine imaginäre Zukunft abzuhetzen. Anschließend kritisiert der Verfasser Zeitvorstellungen wir z.B. Schneller ist besser", Zeit ist Geld" sowie die von ihm als ideologischen Modebegriff" (S. 77) bewertete Vorstellung einer work-life-balance". Zu Recht weist er darauf hin, dass Arbeit und Leben nicht gegenüberzustellen seien, da Arbeit immer ein essentieller Bestandteil des Lebens sei. Es gehe vielmehr beim Umgang mit der Zeit um Achtsamkeit statt Zeitstress, um Gelassenheit sowie um ein ausgeglichenes Verhältnis von Aktivität und Passivität. Im dritten Kapitel Individuelle Zeitwahrnehmungen" werden u.a. die Phänomene Zeitdehnung und Zeitschrumpfung sowie die Beziehungen zwischen Körperlichkeit und Zeit analysiert. Unter der Kapitelüberschrift Ein anderer Umgang mit Zeit" verweist Klein anschließend auf die Probleme einer einseitigen Orientierung unseres Lebens an einer abstrakten, linearen Zeitvorstellung und stellt dieser Vorstellung die Bedeutung von Muße und Ereigniszeit entgegen.

Zeitsouveränität, so der Autor zum Abschluss, betone die Selbstverantwortung für unser Leben und unsere Lebenszeit. Der Begriff beziehe sich auf die Wahrnehmung von Zeit, das Denken und Sprechen über die Zeit sowie auf das Handeln in der Zeit. Auch wenn Klein neben seiner Autorentätigkeit selbst als Coach im Bereich Zeitmanagement arbeitet, grenzt er das Ziel Zeitsouveränität ausdrücklich von der Praxis des Zeitmanagements ab, da Zeitsouveränität eben nicht durch enge Regelvorgaben sondern eher durch kreative Selbstzentriertheit erreichbar sei. Die Entwicklung der individuellen Zeitsouveränität sei allerdings nicht nur ein Baustein für die eigene Lebenskunst, sondern zugleich ein Beitrag zu einem emanzipatorischen Gesamtprozess, wie Klein an der Notwendigkeit der Verkürzung der Erwerbsarbeitszeiten verdeutlicht.


Prekäre Balancen. Flexible Arbeitszeiten zwischen betrieblicher Regulierung und individuellen Ansprüchen
Prekäre Balancen. Flexible Arbeitszeiten zwischen betrieblicher Regulierung und individuellen Ansprüchen
von Matthias Eberling
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Entgrezungen zwischen Familie und Erwerbsarbeit, 21. Januar 2012
Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden für immer mehr Beschäftigte durchlässiger; Arbeitsmarktexperten und -expertinnen sprechen von einer Entgrenzung der Arbeitswelt. Die Normalarbeitszeit", gekennzeichnet durch den zeitlich klar abgegrenzten Feierabend nach einem in der Regel achtstündigen Arbeitstag sowie das freie Wochenende und den tarifvertraglich geregelten Jahresurlaub, ist zunehmend im Schwinden begriffen. Flexible Arbeitszeiten mit Arbeitszeitkontenregelungen, Gleitarbeitszeiten sowie Vertrauensarbeitszeit und Sabbatjahre sind nicht erst seit den von der Unternehmensseite initiierten Diskussionen um die Verlängerung der Wochen- und Jahresarbeitszeiten und den damit verbundenen Lohnverzichtsforderungen ein zentrales Element der betrieblichen Arbeitszeitregelung. Welchen Rahmenbedingungen die Nutzung dieser flexiblen Arbeitszeitmodelle unterliegt, und ob sie zur Steigerung individueller Zeitsouveränität beitragen, wird in der Studie Prekäre Balancen" untersucht.

Das Autorenteam stützt sich auf eine empirische Erhebung in fünf Betrieben, einem traditionellen Großunternehmen in der Industrie, zwei traditionellen Dienstleistungsunternehmen (Finanzen und Pflege) und zwei modernen Dienstleistungsunternehmen in der IT-Branche. Alle ausgewählten Unternehmen zeichneten sich zum Zeitpunkt der Befragung im Winter 2001/02 durch vergleichsweise fortgeschrittene Modelle der Arbeitszeitflexibilisierung aus. Insgesamt sind im Rahmen des explorativen Projekts 73 Beschäftigte, welche nach unterschiedlichen Qualifikationsniveaus und Lebensformen ausgewählt worden waren, in Interviews befragt worden. Ein besonderer Schwerpunkt wurde auf die Frage nach den Nutzungsmöglichkeiten von Blockfreizeiten gelegt.

Zunächst beschreiben die Autoren den Stand der empirischen Forschung, der einen deutlichen Trend zur Ausdifferenzierung und Flexibilisierung der betrieblichen Arbeitszeiten sowie zur Deregulierung gesellschaftlicher Zeitstrukturen (z.B. Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten) aufweist. Um die Grundlagen für die Interpretation der Befragungsergebnisse zu verdeutlichen, werden in einem weiteren, sehr informativen Kapitel die sozialwissenschaftlichen Konzepte Alltägliche Lebensführung" und Zeithandeln" sowie die in der Öffentlichkeit zwar breit geführte, wissenschaftlich aber wenig fundierte Debatte zur Balance zwischen Arbeit und Leben" beschrieben. In allen drei Ansätzen spielt die Zeitdimension im Zusammenhang des alltäglichen Handelns eine zentrale Rolle. Sie stehen damit in einem engen Zusammenhang mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Diese beinhalten zwangsläufig flexible Mehrarbeit und eine Verlagerung der Arbeitszeit in den Abend oder in das Wochenende und ziehen somit den Zwang zur Anpassung im Privaten nach sich. Den Betroffenen wird so eine zeitliche Neuorganisation des gesamten Alltags abverlangt

In der ausführlichen Darstellung der Befragungsergebnisse wird deutlich, dass in allen fünf ausgewählten Unternehmen die betrieblichen Belange stets Vorrang haben vor individuellen Arbeitszeitinteressen. Dieses gilt insbesondere für die Nutzung von längeren Blockfreizeiten. Während sich die Ansammlung von Mehrarbeitszeiten aufgrund betrieblicher Anforderungen zwangsläufig ergebe, sei die Entnahme von geleisteter Mehrarbeit aus den Arbeitszeitkonten häufig schwierig und erfordere ein hohes individuelles Verhandlungsgeschick und ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen. Die Betriebsräte - und damit die Gewerkschaften - seien bei diesen Verhandlungen fast immer außen vor; sie sollten aber, so die Verfasser, die betrieblichen Rahmenbedingungen für flexible Arbeitszeitmodelle präzise festlegen und deren Einhaltung überprüfen.

Als ein weiteres wichtiges Ergebnis der empirischen Untersuchung wird herausgestellt, dass in den drei traditionellen Unternehmen die Flexibilisierung und partielle Dezentralisierung der Regulierung und eine Öffnung für Beschäftigteninteressen von oben" betrieben wurden. Dadurch behalten die Vorgesetzten eine relativ starke Steuerungs- und Kontrollfunktion. In der zum Zeitpunkt der Befragung allmählich in die Krise abgleitenden New Economy, welche durch die beiden ausgewählten IT-Betriebe repräsentiert wird, hätten sich dagegen die Erfahrungen der Beschäftigten mit der dezentralen Regelung der Arbeitszeit in eine andere Richtung entwickelt: Die Risiken der häufig ausufernden Arbeitszeiten und die erkennbaren Arbeitsplatzrisiken wurden von den Beschäftigten zunehmend diskutiert und führten zur Forderung nach zeitpolitischen Betriebsvereinbarungen.

In ihrem Abschlusskapitel dieser ungemein anregenden und aspektreichen Studie benennt das Autorenteam vier zeitpolitische Aufgaben für die Betriebsräte (vgl. S. 292f.):
1. Das Leitbild der Balance zwischen Arbeit und Leben sollte als zentrales Gestaltungsprinzip von Zeitpolitik anerkannt werden.
2. Die Regelungen flexibler Arbeitszeiten sind unter Beteiligung der Beschäftigten frühzeitig konzeptionell zu planen.
3. Um einen belastungsnahen Zeitausgleich zu ermöglichen, ist die Mitbestimmung bei der Personalbemessung und beim Aufgabenvolumen zu nutzen.
4. Der Betriebsrat muss nicht unaufgefordert in die individuellen Aushandlungsmodelle eingreifen, vielmehr sollte er die jederzeitige Beratungsmöglichkeit der Beschäftigten gewährleisten.

Die Befolgung dieser Empfehlungen, so der abschließende Hinweis der Autoren, könne den mit der Deregulierung betrieblicher Arbeitszeitvereinbarungen und den zunehmenden individuellen Aushandlungsprozessen verbundenen Bedeutungsverlust der Betriebsräte aufhalten.


Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs: Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft
Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs: Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft
von John K Galbraith
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Scharfsinnige ökonomische Analysen, 13. Juni 2011
Der bekannte amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith, der als Mitglied im Kriegskabinett Franklin D. Roosevelts und Berater der US-Präsidenten Kennedy und Johnson aktiv in der amerikanischen Politik engagiert gewesen ist, legt mit dem Essay Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs" eine Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen Lage der Wirtschaftswissenschaften vor. Dabei verweist der bereits etwas sperrige Titel (amerikanischer Originaltitel: The Economics of Innocent Fraud: Truth for Our Time, 2004) darauf, dass der betagte Autor (geb. 1908) sich äußerst kritisch mit der Ökonomie auseinandersetzt, mit der er sich mittlerweile länger, als es der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen entspricht" (S. 18), beschäftigt hat.

Zu Beginn seiner kurzen Abhandlung geht Galbraith auf den scheinbar eklatanten Widerspruch des Buchtitels ein: Wie kann jemand einen anderen schuldlos" betrügen? Wie kann Betrug schuldlos sein? Der Autor verweist darauf, dass schuldlose", rechtlich zulässige Irreführungen im Privatleben und in der öffentlichen Diskussion üblich seien. Gemeint ist offenbar, dass wir im Alltagsleben zuweilen für negative Geschehnisse und Konsequenzen verantwortlich sind, ohne dass wir uns selbst dafür schuldig fühlen oder von anderen als schuldig bezeichnet werden. Als Beispiel kann auf die Werbung für Zigaretten und Alkohol mit ihren negativen Folgen im Hinblick auf das Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen verwiesen werden.

Und bezogen auf die Ökonomie urteilt Galbraith, dass diese überkommene volkswirtschaftliche Lehrmeinungen, aber auch tief verwurzelte Vorurteile" (S. 17) verbreite, von denen verschiedene Einzel- und Gruppeninteressen dauerhaft profitieren. Hierbei seien jedoch weder Einzelne noch Gruppen zu identifizieren, von denen derlei Irreführungen ausgingen. Zudem würden diese Anschauungen, Lehrmeinungen und Wahrheiten", seien sie nun liberal, sozialdemokratisch oder sozialistisch, stets mit dem Ziel der vermeintlichen Steigerung des Allgemeinwohls verbunden. Dies fasst der Autor in seiner Kernthese zusammen, dass die Volkswirtschaftslehre, aber auch Wirtschafts- und politische Systeme im Allgemeinen, aus finanziellen und politischen Interessen und aufgrund kurzlebiger Modetrends ihre eigene Version der Wahrheit kultivieren." (S. 12)

Wie sehen nun die Irreführungen und unschuldigen Betrügereien der Ökonomie im Einzelnen aus? Galbraith beginnt mit der Umbenennung des wirtschaftlichen Wirtschaftssystems: Statt vom Kapitalismus sprächen wir heute vom marktwirtschaftlichen System, obwohl dieser Begriff nichts sagend, falsch und schönfärberisch sei. Die faktischen Machtverhältnisse und die durch Marketing und Werbung verursachten Täuschungen am Markt würden so verschleiert.

Besonders ausführlich kritisiert der Verfasser die seiner Ansicht nach überkommene, von der Ökonomie aber gleichwohl vertretene Auffassung, dass die Eigentümer von großen Unternehmen maßgeblich die Führung dieser Unternehmen innehätten. Tatsächlich seien heute, insbesondere in den Aktiengesellschaften, die Leitungsbefugnisse faktisch ausschließlich in der Hand des Managements; die Aktionäre, also die Eigentümer, würden während der Aktionärsversammlungen nur noch die Berichte der Manager abnicken". Zudem würden sich die Manager noch ihr eigens Gehalt, teilweise durch undurchsichtige Erfolgsbeteiligungen verschleiert, selbst festlegen. Darauf, dass allerdings häufig auch die Manager nicht nur Treiber, sondern selbst Getriebene sind, wie in der aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion über die Einflussmöglichkeiten der Fondsgesellschaften auf Unternehmensvorstände und Aufsichtsratsvorsitzende deutlich wird, geht der Autor nicht ein.

Auch die vermeintliche große Wirksamkeit der Geldpolitik wird von Galbraith in Frage gestellt. Insbesondere bezweifelt er den von der Öffentlichkeit geradezu mystifizierten Einfluss des US-Notenbankchefs Alan Greenspan auf die realen Wirtschaftsabläufe. Kein Unternehmer werde aber seine Investitionsentscheidungen von der durch die Geldpolitik beeinflussten Zinshöhe abhängig machen. Entscheidend seien hier vielmehr die Höhe der Lagerbestände und der Auftragseingänge und die Gewinn- und Konjunkturerwartungen sowie weitere, oft außerökonomische, so genannte externe Einflussfaktoren.

In den weiteren Kapiteln werden u.a. noch die Vorstellungen von der Konsumentensouveränität und von der angeblichen klaren Trennung zwischen dem privaten und staatlichen Sektor, wodurch u.a. der tatsächliche Einfluss der Rüstungsindustrie auf die Außenpolitik verdeckt werden solle, einer kritischen Analyse unterzogen.

Vieles von dem, was Galbraith zu Recht kritisiert, wird den an wirtschaftlichen Fragen interessierten Leserinnen und Lesern nicht neu sein. Dass das in vielen Schulbüchern noch vorherrschende Bild vom König Kunde" durch die Werbeetats der Unternehmen stark angekratzt wird, ist heute kaum mehr strittig. Und auch die vom Autor gegen die Wirksamkeit der Geldpolitik vorgebrachten Argumente finden sich in den meisten volkswirtschaftlichen Lehrbüchern. Aber eben nur im Abspann zu der zuvor ausführlich mathematisch hergeleiteten und begründeten Theorie einer in sich geschlossenen Geldpolitik. Und hier liegt der Verdienst dieses durchgängig verständlich geschriebenen Essays: Die systematische Entlarvung ökonomischer Lehrmeinungen und Wahrheiten, die nicht zur Erklärung wirtschaftlicher Ereignisse und Prozesse beitragen. Vielmehr, so die bedenkenswerte Kritik von Galbraith, hat sich die Ökonomie von Einzel- und Sonderinteressen vereinnahmen lassen und dient somit der Legitimation und Verfestigung von wirtschaftlichen und sozialen Fehlentwicklungen. Galbraith hat am Ende seiner langen wissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Karriere ein sehr lesenswertes und im besten Sinne aufklärerische Veröffentlichung vorgelegt, die allen an wirtschafspolitischen Fragen Interessierten nachhaltig empfohlen werden kann.

Dr. Ludwig Heuwinkel


Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder
Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder
von Hans Bertram
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gelungener Überblick zu aktuellen Fragestellungen zur Familie, 9. Juni 2011
Die Rahmenbedingungen für Familie haben sich in den letzten Jahrzehnten mit zunehmender Beschleunigung verändert und bewirken damit einen Wandel der Familie. Das Forscherehepaar Birgit und Hans Bertram, Professoren an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin bzw. an der Humboldt-Universität zu Berlin, analysiert diesen Wandel vor dem Hintergrund demografischer und ökonomischer Veränderungen, der Verlängerung der Lebenszeiten, der Veränderungen der Lebensläufe sowie des veränderten Rollenverhalten. Dabei untersuchen sie vor allem die hieraus resultierenden Folgen für die Sozialisation der Kinder.

In ihrer Einleitung, die eine informative Übersicht über die inhaltlichen Schwerpunkte und die Zielsetzungen der Veröffentlichung enthält, stellen die Autoren den Bezug zu Hannah Arendt her. Diese habe in ihrer Dissertation festgestellt, dass die Liebe eines Paares exklusiv und das Paar nur auf sich bezogen sei und daher die Welt um sie herum für sie keine Rolle mehr spiele. Erst durch Kinder werde das Paar wieder in eine Beziehung zur Welt versetzt. Heute, so die Verfasser, sei der Bezug eines Paares zur Außenwelt allerdings auch als Ergebnis der Verknüpfung gemeinsamer intellektueller und beruflicher Erfahrungen möglich, wofür ihre gemeinsame Veröffentlichung ein anschaulicher Beleg sei.

Im ersten Teil ihres Buches stellen Birgit und Hans Bertram den historischen Wandel der Familie dar. Das von Parsons beschriebene "Ernährermodell" befinde sich historisch bedingt - und nicht infolge des Wertewandels - im Niedergang. Hierdurch und aufgrund der verlängerten Lebenszeit verlören die Vater- wie auch die Mutterrolle im Lebensverlauf relativ an Bedeutung. Gleiches gelte auch für den Beruf, während die Partnerschaft aufgrund der geringen Kinderzahl und der vom Lebensalter her möglichen längeren gemeinsamen Lebenszeit an Bedeutung gewinne. Diese "gewonnenen Jahre" belegen die Autoren u.a. mit dem statistischen Hinweis, dass seit 1980 die Lebenserwartung der Männer mit 65 von 13 auf 17 Jahre gestiegen sei. Hierdurch entstehe die relativ neue Situation, dass auch Männer ihre ältere Partnerin pflegen müssten, ohne dass sie auf diese Aufgabe hinreichend vorbereitet seien.

Ähnlich wie bei dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft stehe die Familie heute angesichts des Wandels von der industriegesellschaftlichen Lebensform zur Wissensgesellschaft vor großen Veränderungen. Die Reaktionen auf diese Umbruchsituationen, z.B. auf den Beziehungsebenen Mann - Frau, Eltern - Kind und Großeltern - Enkel hängen, so die Autoren, weitgehend von den individuellen Lebensbedingungen ab. Die hiermit verknüpfte Pluralisierung der Lebensformen wird mit den beiden folgenden Entwicklungstendenzen begründet: Die heutige ökonomische Struktur umfasse sowohl traditionelle Industrieunternehmen, landwirtschaftliche Produktions- und Dienstleistungsbetriebe, staatliche und gemeinnützige Verwaltungsorganisationen sowie eine vielfältig gestaltete Medienbranche. "Die ökonomische Basis einer Familie muss notwendigerweise dieser Vielfalt der unterschiedlichen Möglichkeiten der ökonomischen Existenzbedingungen in der Wissensgesellschaft entsprechen." (S. 88) Hieraus ergäbe sich, anders als von Hannah Arendt für die Industriegesellschaft beschrieben, die Notwendigkeit des Paares, eine Versorgungs- und Haushaltsgemeinschaft herzustellen. Allerdings stünde diese neue Aufgabe nicht im Gegensatz zur Vorstellung einer romantischen Liebesbeziehung, jedoch sei heute vor dem Hintergrund der Pluralisierung der Lebensformen häufig eine Trennung zwischen der romantischen Liebeswahl und der ökonomisch abgesicherten Versorgergemeinschaft zu beobachten.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt zum Wandel der Familie sei die in der Öffentlichkeit häufig diskutierte sinkende Geburtenrate. Diese Entwicklung führe auf Seiten der Familie zu einer qualitativ besseren Bildungsförderung der Staat die "demografische Dividende" einspare.

Aus der Sicht von Hans und Birgit Bertram hat sich die wissenschaftliche und öffentliche Diskussion über Familie zu sehr verengt, indem sie sich auf die - vor allem auf die Mutter bezogene - Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf , die Eltern-Kind-Beziehungen und die Fördermöglichkeiten von Betreuungseinrichtungen und Familie konzentriere. Hierin komme eine traditionelle und verkürzte Sichtweise auf die Familie zum Ausdruck, wonach die Förderdefizite in der Familie durch außerfamiliäre Institutionen ausgeglichen werden müssten. Dieser Kompensationsgedanke sei besonders ausgeprägt gewesen in der schichtspezifischen Sozialisationsforschung, er liege aber beispielsweise auch den PISA-Studien zugrunde. Die Verfasser lehnen das Kompensationsmodell dagegen ab und plädieren stattdessen für den bio-sozialökologischen Ansatz des amerikanischen Wissenschaftlers Urie Bronfenbrenner. Dieser habe das Bild eines aktiven Kindes entworfen, das mit seinen eigenen Voraussetzungen die Umwelt mitgestaltet, aber selbst auch von der Umwelt beeinflusst wird. Bronfenbrenner "geht davon aus, dass Kinder in intensiver Auseinandersetzung mit ihren Eltern, Geschwistern, Freunden und anderen Erwachsenen in Familie, Kindergarten und Schule ihre Kompetenzen auf der Basis ihrer natürlichen Möglichkeiten und ihrer Umwelt entwickeln." (S. 127)

In ihrer Diskussion über die Bedeutung von Anlage und Umwelt für die Entwicklung des Kindes lehnen die Autoren einseitig ausgerichtete anlage- und milieutheoretische Konzeptionen ab. Aber auch das Interaktionsmodell, welches die Wechselwirkungen von Anlage und Umwelt betont, wird als unzureichend verworfen. Und hier ist der Ansatzpunkt für die von Birgit und Hans Bertram vorgenommene Erweiterung des Ansatzes von Urie Bronfenbrenner um das "Konstrukt des kindlichen Wohlbefindens." (S. 177) Diese Erweiterung soll die einseitige und isolierte Konzentration auf die Entwicklung der kognitiven Kompetenzen unter einer sozial-ökologischen Perspektive überwinden. Denn die ausschließliche kognitive Förderung des Kindes ohne die gleichzeitige positive Entwicklung auch anderer Aspekte des kindlichen Wohlbefindens habe nur geringe Erfolgsaussichten. Das Wohlbefinden der Kinder umfasse neben den kognitiven Kompetenzen "auch ihre gesundheitliche Situation, der Schutz vor Verletzungen, ihre Sicherheit auch außerhalb des Elternhauses, ihr freier Zugang zu Freunden und anderen Erwachsenen, sowie auch das subjektive Gefühl, nicht nur in der Familie akzeptiert zu sein, sondern auch in ihrer sozialen Gruppe und von den Erziehern und Lehrern, so dass sie sich subjektiv als Teil ihrer Gruppe und der Gesellschaft erleben können." (S. 13)

In ihren abschließenden familienpolitischen Forderungen benennen die Autoren sechs Dimensionen für das angestrebte Kindeswohl: kindliche Gesundheit, Bildungschancen, ökonomische Armutsvermeidung, persönliche Sicherheit, Interaktion und Kommunikation mit den Eltern und Freunden sowie subjektives Wohlbefinden. Diese Dimensionen verdeutlichen ihrer Meinung nach, "dass weder staatliche Institutionen auf der einen noch die Eltern auf der anderen Seite alle diese sechs Bedingungen jeweils allein garantieren können." (S. 195) Daher fordern sie eine enge Kooperation zwischen Staat und Eltern. In Übereinstimmung mit den Aussagen aus dem Siebten Familienbericht müsse eine am Kindeswohl orietierte Erziehung in eine nachhaltige Familienpolitik eingebunden sein, welche aus der Trias von Zeit-, finanzieller Transfer- und Infrastrukturpolitik bestehe.

Die hier vorgestellte Veröffentlichung richtet sich laut Klappentext an Studierende, Lehrende und Interessierte aus den Bereichen aller Sozialwissenschaften. Mit Blick auf diesen weiten Adressatenkreis sind sowohl die umfassende Literaturübersicht als auch und das Glossar zu begrüßen. Zudem werden alle Einzelkapitel mit Arbeitsfragen zum Text abgeschlossen. Es kann ferner festgehalten werden, dass es dem Autorenehepaar durchgängig gelingt, zentrale familiensoziologische Ansätze aus Vergangenheit und Gegenwart gut verständlich und umfassend darzustellen, so dass die Leserinnen und Leser einen informativen Überblick in den wissenschaftlichen Diskurs über die Familie erhalten. Die sehr meinungs- und konfliktfreudige Kommentierung anderer wissenschaftlicher Ansätze sowie die klare Darstellung eigener Positionen wird nicht in allen Fällen auf Zustimmung stoßen, zumal die Autoren wissenschaftliche Trampelpfade verlassen und daher kaum in wissenschaftliche Schubläden bzw. Schulen eingezwängt werden können. Ihr Wertmaßstab ist das von ihnen in den Mittelpunkt gestellte Wohlbefinden des Kindes. Dabei werden aber auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse berücksichtigt. Auch wenn die Autoren die von Arlie Hochschild als "traditionell-warm" beschrieben Betreuung durch die Eltern offenbar positiv beurteilen, sprechen sie sich nicht gegen eine Berufstätigkeit beider Elternteile aus, die allerdings durch entsprechende familiale und politische Regelungen und Maßnahmen unterstützt werden müsse.

Dr. Ludwig Heuwinkel Bielefeld


Memorandum 2010: Sozial-ökologische Regulierung statt Sparpolitik und Steuergeschenken
Memorandum 2010: Sozial-ökologische Regulierung statt Sparpolitik und Steuergeschenken
von Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik
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Preis: EUR 17,90

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5.0 von 5 Sternen Lesenswertes zur Wirtschafts- und Finanzkrise, 9. Juni 2011
Die relativ positiven Konjunkturdaten aus dem Sommer 2010 werden von Regierungspolitikern als Beleg für ein erfolgreiches Krisenmanagement und das Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise angesehen. Die Zuverlässigkeit und Effizienz der wirtschafts- und geldpolitischen Instrumente und Institutionen haben sich aus ihrer Sicht erneut eindrucksvoll bestätigt. Forderungen nach deren grundsätzlicher Umgestaltung entbehrten daher jeder Grundlage. Die Ursachen der Krise werden fast ausschließlich in der amerikanischen Immobilienkrise, und damit außerhalb der nationalen politischen Zuständigkeit und Einflussmöglichkeiten und/oder im personellen Fehlverhalten einzelner Manager, vor allem im Bankwesen.

Eine andere Deutung vertritt erwartungsgemäß die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik in ihrem "Memorandum 2010". Sie attestiert zwar der Bundesregierung wie auch anderen Staaten ein in Ansätzen durchaus erfolgreiches Krisenmanagement, dieses sei jedoch nur durch die vorübergehende Loslösung von neoliberalen Doktrinen in der Krise möglich gewesen. Die eigentlichen Ursachen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind nach Auffassung der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik damit jedoch nicht beseitigt, da diese nach ihrer Auffassung in der seit Jahren verfolgten Umverteilungspolitik zugunsten der Unternehmens- und Vermögenseinkommen liegen. Hierdurch sowie aufgrund der zunehmenden Privatisierung der Alterssicherungssysteme ("Riester-Rente") seien die Finanzmärkte mit reichlich Ersparnissen versorgt worden, für welche es in der Realwirtschaft immer weniger Verwertungsmöglichkeiten gäbe. Die politisch unterstützte Liberalisierung der Finanzmärkte ermöglichte schließlich die Kreierung von komplizierten Finanzprodukten, die den Anlegern, im Vergleich zur Realwirtschaft, überproportionale Gewinne in Aussicht stellten.
Im Memorandum 2010, das eine etwa 30-seitige Kurzfassung und eine Langfassung sowie einen sehr nützlichen Tabellenanhang umfasst, wird dargelegt, dass die bisherigen Maßnahmen zur Regulierung der Finanzmärkte nur kosmetische Maßnahmen umfassen. Die von den Verfassern geforderte stärkere und langfristige Intervention des Staates in die nationalen und internationalen Finanzmärkte seien bisher nicht beschlossen worden und auch aufgrund der realen politischen Machtverhältnisse und der Lobby-Arbeit der entsprechenden Finanz- und Wirtschaftsverbände kaum zu erwarten. Allerdings mache nicht die Frage von öffentlichem oder privatem Eigentum den Unterschied hinsichtlich der Krisenanfälligkeit der Banken aus, sondern das damit verfolgte Geschäftsmodell. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang u.a. auf die Landeszentralbanken.

Als Ausgangspunkt für die Schaffung einer tragfähigen Finanzmarktarchitektur werden u.a. eine Re-Regulierung des Finanzsektors, die persönliche Haftung von Vorständen und Aufsichtsräten, eine Erhöhung der Eigenkapitalqoute, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer sowie eine Europäische Finanzaufsicht gefordert.

In dem Kapitel "Arbeitszeitpolitik in der Krise" wird als Grund für die relativ erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik angegeben, dass diese sich gesellschaftlich an Beschäftigungssicherung und Beschäftigungsschaffung und nicht individuell an der Vermittlungsfähigkeit orientiert habe. Da inzwischen aber die Kurzarbeit, der Abbau von Überstunden und das Entleeren von Arbeitszeitkonten weitgehend ausgereizt seien, müsse zur Verhinderung eines zukünftigen Anstiegs der Arbeitslosigkeit eine aktive Arbeitsmarktpolitik betrieben werden, die einen Ausstieg aus den Hartz-Reformen, die Beendigung der Förderung von prekären Beschäftigungsverhältnissen, Qualifikationsmaßnahmen sowie die dauerhafte Verkürzung der Arbeitszeiten umfassen müsse. Eine zukünftige "kurze Vollzeit von etwa 30 Stunden ist ... ein Kompromiss zwischen den zeitlichen Anforderungen und Wünschen, die das Zusammenleben mit Kindern mit sich bringt, und der Kontinuität in der Erwerbsarbeit, die für die weitere berufliche Entwicklung der betreffenden Frauen und Männer notwendig ist." (S. 95f.)

Finanzpolitisch wird in dem Memorandum ein Zukunftsinvestitionsplan in Höhe von jährlich 110 Milliarden Euro gefordert. Die von der gegenwärtigen Bundesregierung vertretene Doktrin der Selbstfinanzierung wird zurückgewiesen, da Steuersenkungen kaum Selbstfinanzierungseffekte auslösen und deshalb - entgegen den offiziellen Regierungsverlautbarungen - die Staatsschulden zunehmen werden. Der krisenbedingte Anstieg der Neuverschuldung dürfe gegenwärtig aus konjunktur- und arbeitsmarktpolitischen Gründen nicht abgebaut werden, "sondern (ist) zunächst hinzunehmen." (S. 112)

Ein sofortiger Paradigmenwechsel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung wird in dem Kapitel "Ressourceneffizienz und Klimaschutz" gefordert. Die Politik der Effizienz müsse durch eine Politik der Suffizienz (Selbstgenügsamkeit) ergänzt werden. Die westlichen Industriegesellschaften müssten sich die Frage stellen, wie viel für sie genug sei. Und im letzten Kapitel "Bildung in der Demokratie" kritisieren die Autoren die Unterfinanzierung des deutschen Bildungssystems, wobei sie für die Jahre 2003 bis 2006, trotz PISA-Schock, eine rückläufige Tendenz der öffentlichen Bildungsfinanzierung aufzeigen.

Als Fazit aus dem Memorandum 2010 kann festgehalten werden, dass die Autoren der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik eine theoretisch umfassende und plausible Begründung für die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise vorlegen und vor dem Hintergrund einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik überzeugend Vorschläge zu deren Überwindung entwickeln. Die von der Bundesregierung verbreitete Vorstellung, dass mit der Überwindung der aktuellen Finanzkrise die Krise der Realwirtschaft beigelegt sei, wird als falsche Hoffnung entlarvt. Positiv ist abschließend noch die durchgängig gute Lesbarkeit des Memorandums hervorzuheben, die kein volkswirtschaftliches Spezialwissen voraussetzt.
Dr. Ludwig Heuwinkel, Bielefeld


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