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Rezensionen verfasst von
Anna Verano

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Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter
Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter
von Bernhard Pörksen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

3.0 von 5 Sternen akademisch deskriptiv, 24. Mai 2015
Mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken liegt die Aufdeckung und Steuerung von Skandalen nicht mehr in der Hand einiger weniger Journalisten. Jeder kann sich an der Verbreitung von verdächtigem Material und der zugehörigen Meinungsbildung beteiligen, sie sogar initiieren. Auf diese Weise kann die breite Masse unerwünschtes Verhalten sanktionieren, vom S***storm über die öffentliche Ächtung bis hin zum erzwungenen Ende einer Karriere. Z. B. wurde der Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler letztlich durch die kritische e-mail eines Studenten ausgelöst. Anders als früher richtet sich die allgemeine Empörung nicht nur gegen tatsächliche oder vermeintliche Verfehlungen prominenter Persönlichkeiten. Jeder kann in die öffentliche Kritik geraten, durch eine unbedachte Äußerung, ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, eine versehentliche Weiterleitung einer mail an einen falschen Adressaten, und manchmal schlicht dadurch, sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufzuhalten, wenn ein Dritter mitfilmt und die Aufnahmen ins Internet stellt. Das Buch beschreibt dieses relativ neue Phänomen. Es bringt eine Vielzahl von Beispielen, in denen Blogs, Mails und Twitter-Nachrichten Empörungslawinen auslösten, Karrieren beendeten oder Privatleben zerstörten.

Leider macht das Buch es seinen Lesern nicht immer leicht. Formulierungen wie "Konturen einer partizipativen Skandaldidaktik", "charakteristisch instabiles Changieren der Empörungsdynamik" oder "der Aufmerksamkeitsexzess des Großpublikums marginalisiert die Relevanzfrage" lassen die akademische Herkunft der Autoren erkennen. Dem Lesefluss und dem Erkenntnisgewinn ist dieser Schreibstil nicht unbedingt zuträglich. Der Inhalt bleibt hinter den eindrucksvollen Formulierungen zurück. Das Phänomen wird lediglich beschrieben; die Analyse der zugrunde liegenden Mechanismen bleibt dünn. Als Hauptursache werden die technischen Möglichkeiten der schnellen Verbreitung ausgemacht - da hätte man auch ohne die Lektüre dieses Buches drauf kommen können. Eine tiefer gehende Ursachenforschung oder bewertende Einordnung erfolgt kaum, und so bleiben viele Fragen offen: Repräsentieren die ans Licht gezerrten Ärgernisse die tatsächlich vorliegenden Missstände, oder sind sie ein willkürlich ausgeschnittenes Zerrbild? Was bewegt Menschen dazu, sich an Kampagnen zu beteiligen? Welche Folgen hat es, wenn Folterskandale in Militärgefängnissen, die Abholzung von Regenwäldern, fehlende Quellenangaben in akademischen Arbeiten und der Klatsch über außereheliche Affären alle die gleiche Empörung nach sich ziehen? Kann man solche Kampagnen stoppen? Soll man sie stoppen? Was bedeutet die Entwicklung für den Einzelnen? Was für die Gesellschaft? Solche Fragen kommen in diesem Buch deutlich zu kurz.


Total beschränkt: Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt - Ein SPIEGEL-Buch
Total beschränkt: Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt - Ein SPIEGEL-Buch
von Alexander Neubacher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Je mehr Beschränkungen, desto mehr Beschränkte, 11. Mai 2015
Gesetze scheinen nach dem Motto "Viel hilft viel" erlassen zu werden. Der Wust an Regelungen, die zu unserer - tatsächlichen oder nur gefühlten - Sicherheit erlassen wurden, treibt die bizzarsten Blüten und ist kaum noch überschaubar. Und das vielfach, ohne das Ziel zu erreichen. Viele Regeln sind sogar kontraproduktiv; verschärfte Sicherheitsvorschriften führen paradoxerweise oft zu höheren Unfallraten. Die immense Flut an staatlicher Regulierung dient nicht nur unserer Sicherheit. Sie soll uns auch zu besseren Menschen machen. Ob es darum geht, Diskriminierung von Randgruppen zu unterbinden oder den Volkskörper gesund zu halten, der Staat greift lenkend ein, über Gesetze oder durch Abgaben, die unerwünschtes Verhalten verteuern. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es immer mehr Menschen, die sich berufen fühlen, erziehend auf ihre Mitmenschen einzuwirken und andere mit ihren Sittlichkeits- und Verhaltensnormen zu beglücken - seien es nun hauptberufliche Genderbeauftragte, die eine geschlechtersensible Ausdrucksweise durchsetzen, oder moralbewusste Aufpasser, die darauf achten, dass mit Zuckerschaum gefüllte Süssigkeiten nicht als Mohrenköpfle oder Negerküsse bezeichnet werden.

Neubacher zeigt, wie Gesetze und Regelungen uns schleichend zu genau dem unmündigen Bürger machen, von dem sie behaupten, dass er vor sich selbst geschützt werden müsse - eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Er macht deutlich, wie Sprachvorgaben und Denkverbote das gesellschaftliche Miteinander vergiften, die Demokratie unterhöhlen und in Tugendtyrannei münden. Seine zahlreichen Beispiele sind mitten aus dem Leben gegriffen und gerade darum gleichzeitig komisch und deprimierend. Dabei ist das Buch weit mehr als eine Sammlung von Anekdoten. Neubacher unterfüttert die Systematik des allgegenwärtigen Regulierungswahn mit historischen und psychologischen Hintergrundinformationen, und das auf eine unterhaltsame Art und Weise. Er stellt die richtigen Fragen: Wenn die Bürger so unmündig und willensschwach sind, dass sie der Lenkung bedürfen - was qualifiziert die Politiker und selbsternannten moralischen Instanzen? Woher wissen sie, was gut für den Einzelnen ist? Sind sie nicht selbst auch Menschen und damit fehlbar? Und ist es überhaupt angebracht, Menschen vor sich selbst zu schützen? Hat nicht jeder ein Recht auf Selbstbestimmung, was auch einschliesst, eigene Fehler machen zu dürfen?
Auch wenn ich persönlich nicht jedes einzelne der angeprangerten Verbote schlecht finde (z. B. finde ich es ganz angenehm, fast überall rauchfreie Luft atmen zu können): Das Buch ist klasse geschrieben, lustig und klug zugleich. Danke, Herr Neubacher.


Weniger schlecht programmieren
Weniger schlecht programmieren
von Kathrin Passig
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

3.0 von 5 Sternen Querbeet durch die Softwareentwicklung, 13. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Weniger schlecht programmieren (Taschenbuch)
Vorneweg: Ich habe bereits etliche Bücher von Kathrin Passig gelesen und bin ein Fan von ihrer unorthodoxen Sichtweise und ihrem unverwechselbarem Stil. Deshalb war dieses Buch für mich ein Muss: Ich war gespannt, wie Kathrin Passig zusammen mit Johannes Jander ihre Leser zu weniger schlechten Programmierern machen wollte.

Das Buch befasst sich mit so ziemlich allen Aspekten, die bei der Softwareentwicklung eine Rolle spielen, z. B. mit Hilfsmitteln wie Editoren, Entwicklungsumgebungen und Versionsverwaltungs-Werkzeugen, mit Datensicherheit oder den Tücken unterschiedlicher Zeichencodierungen. Immer wieder stößt man auf den Rat, nicht alles selbst zu erfinden, sondern auf bestehende Lösungen zurückzugreifen. Auch Teamarbeit, Umgang mit Fehlern oder die schlichte Notwendigkeit von Englisch werden angesprochen.
Was mir bei all dem zu kurz kommt, ist das eigentliche Kernthema des Buches: Programmieren. Nennt mich altmodisch, aber unter Programmieren verstehe ich in erster Linie das Schreiben von Software und die Verfahren und Konzepte, die dabei zum Einsatz kommen. Und die werden nur am Rande behandelt. Zwar weist das Buch immer wieder darauf hin, das Code nicht nur korrekt funktionieren, sondern auch lesbar sein sollte. Wie das im einzelnen zu bewerkstelligen ist, bleibt aber weitgehend im Dunkeln. Es wird auf Namenskonventionen eingegangen und auf die Wichtigkeit von Code-Kommentierung. Das war mir ein bisschen wenig. Themen wie Modularisierung, Schichtentrennung oder universelle Programmiersprachenkonzepte kommen hier nicht vor, oder so knapp, dass sie untergingen. Auch bewegen sich die behandelten Themen auf seltsam unterschiedlichen Abstraktionsebenen: So beschreibt etwa Kapitel 22 die wichtigsten Befehle der bash (der verbreitetsten Unix-Shell, einer Scriptsprache, zu der es vermutlich etliche hundert Nachschlagewerke gibt). Das darauf folgende Kapitel 23 dann versucht, einen Überblick über die Kernpunkte der Objektorientierung zu geben.

Alles in allem ist das Buch ein grundsolider Ratgeber, bewusst in einer lockeren Sprache abgefasst. Es wendet sich an Einsteiger, die im Learning-by-doing-Verfahren einige Programmier-Projekte durchgeführt haben, z. B. die Erstellung eines Blogs oder Webshops, und die jetzt ihren Horizont erweitern wollen. Es zeigt, welche gängigen Klippen bei der Erstellung von Software häufig auftreten und wie man sich durch geeignete Kniffe und Werkzeuge viel Arbeit sparen kann. Selbst dort, wo das Buch nicht mit konkreten Ratschlägen aufwartet, hält es für den Leser wenigstens die tröstliche Erkenntnis bereit, dass er nicht zu dumm zum Programmieren ist, sondern dass andere mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Es versteht sich von selbst, dass bei der Bandbreite der angesprochenen Themen keines wirklich erschöpfend behandelt werden kann.
Wer sich bereits intensiver mit Programmierung befasst hat, wird viel Bekanntes finden, nur etwas unkonventioneller aufbereitet.


Schlechte Medizin: Ein Wutbuch
Schlechte Medizin: Ein Wutbuch
von Dr. med. Gunter Frank
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt! Lesen!, 20. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Schlechte Medizin: Ein Wutbuch (Broschiert)
Von den populärwissenschaftlichen Büchern über Medizin ist dieses mit Abstand das beste - und für das eigene Verhalten relevanteste - das ich je gelesen habe!!! Gunter Frank - selbst Arzt (Allgemeinmediziner mit eigener Praxis) - kritisiert heftig eine vorbeugende Medizin, die gesunde Menschen anhand von standardisierten Normwerten zu Kranken erklärt und mit Medikamenten und Ernährungsvorschriften traktiert. Oft erfolgen ärztliche Ratschläge und Therapien gegen besseres Wissen, weil die aktuelle Lehrmeinung eine bestimmte medizinische Behandlung nun mal vorschreibt. Dabei beruht die Wirksamkeit vieler Maßnahmen lediglich auf populärem Glauben, ist aber durch systematische Studien nicht belegt, viele sogar widerlegt. Das Buch enthält nicht nur aufschlussreiche Informationen, es ist auch ungeheuer unterhaltsam geschrieben. Ich habe es in einem Schwung ausgelesen.

Das Buch gliedert sich in 3 Teile.
Der erste beschreibt, dass sich schlechte Medizin immer weiter verbreitet und welchen Schaden sie anrichtet. Wer leicht erhöhte Blutdruck-, Blutfett- oder Blutzucker-Werte hat, oder wer regelmäßig zu medizinischen Checkups geht und glaubt, sich damit etwas Gutes zu tun, wird hier gut fundierte Informationen finden und anschließend den Medizinbetrieb etwas differenzierter sehen.
Der zweite Teil geht den Ursachen für die inflationäre Ausweitung von medizinischer Behandlung auf nicht-kranke, lediglich von Normwerten abweichende Menschen auf den Grund. Es ist nicht (nur) die "böse" Pharmaindustrie. Auch Hochschulen und Forschung tragen durch akademische Inzucht und mentale Trägheit dazu bei. So, wie die wissenschaftliche Welt aktuell organisiert ist, sind Ergebnisse, die nicht in das bestehende Weltbild passen, ungern gesehen und hemmen die Karriere. Dazu kommen noch kaum durchschaubare Verflechtungen von Wissenschaft und Wirtschaft und die schlichte Erkenntnis, dass finanzielle Interessen nun mal stärker sind als die Orientierung am Patientenwohl.
Der dritte Teil ("Auf dem Weg in die Gesundheitsdiktatur") schildert die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Medizin, die trotz reichlich dünner Faktenlage die Hauptursachen von Krankheit in der privaten Lebensführung jedes Einzelnen sieht und damit pauschal alle Betroffen als "selbst schuld" diffamiert. Die hier beschriebene Mentalität ist keine pessimistische Zukunftsvision, sondern bereits Allgemeingut und somit Realität. Jeder wird in seinem privaten Umfeld ähnliche Beobachtungen gemacht haben wie die in dem Buch beschriebenen. Dieser Teil ist der aufrüttelndste und brisanteste. Mein Tipp: Unbedingt bis Teil 3 durchhalten. (Oder gleich mit Teil 3 beginnen!)


Kleine Einführung in das Schubladendenken: Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils
Kleine Einführung in das Schubladendenken: Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils
Preis: EUR 7,99

2.0 von 5 Sternen Anekdoten aus dem Leben des Jens F., 6. März 2015
Anhand des Titels und aufgrund der wirklich ansprechenden Kapitelüberschriften hatte ich ein populärwissenschaftliches Werk über die Psychologie von Vorurteilen und Stereotypen erwartet. Doch das Buch ist eher eine Sammlung von Anekdoten aus dem Leben des Autors (sowie seines Vaters, seiner Großmutter, seiner Kollegen, etc.), umrahmt mit passenden Forschungsergebnissen. Oft habe ich über einer detailliert ausgemalten Geschichte den Faden verloren und nicht mehr gewusst, worauf der Autor eigentlich hinaus wollte.
Die Geschichten aus dem eigenen Leben, mit denen der Autor die Forschung zu Vorurteilen untermalt, sind so zahlreich und umfangreich, dass sie etwas gezwungen wirken und die eigentlichen Inhalte verwässern. Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass es dem Autor weniger darum geht, etwas zu veranschaulichen, sondern dass er die Gelegenheit nutzt, mit jenen abzurechnen, die ihm in der Vergangenheit Unrecht angetan haben, und sei es als 11jähriger. Der Autor stellt sich selbst in den Vordergrund, er präsentiert sich als jemand, der "es geschafft hat" und dennoch ein furchtbar netter Kerl geblieben ist: aus kleinen Verhältnissen stammend, Professor geworden, im zweiten Beruf Künstler, offen und vielseitig, und natürlich stets um Vorurteilsfreiheit bemüht. Nichts gegen diese großartigen Leistungen, aber wenn die das Thema sind, hätte er eine Autobiografie schreiben sollen, nicht ein Psychologiebuch.

Wer sich für das in diesem Buch angerissene Thema interessiert, dem würde ich Wissen Sie, was Ihr Gehirn denkt?: Wie in unserem Oberstübchen die Wirklichkeit verzerrt wird ... und warum (A mind of its own) von Cordelia Fine empfehlen. Auch dort geht es - unter anderem - um Stereotype und verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung. Aber obwohl das Buch von Cordelia Fine etwas kürzer ist als das von Jens Förster, deckt es ein viel weiteres Spektrum der aktuellen psychologischen Forschung ab und ist dazu um einiges unterhaltsamer geschrieben.


Keine Macht den Doofen!: Eine Streitschrift
Keine Macht den Doofen!: Eine Streitschrift
von Michael Schmidt-Salomon
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,99

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Hirnwürmern und homo demens, 26. Februar 2015
Michael Schmidt-Salomon, sonst bekannt für anspruchsvolle philosophische Werke, redet hier Klartext und greift dabei zu teils brachialen Formulierungen. Er teilt kräftig aus, gegen religiöse, ökonomische und politische Dummheit. Das ist anfangs ganz amüsant, aber so witzig es geschrieben ist, über mehr als 100 Seiten wird es irgendwann ermüdend. Den Ursachen für die beklagten Idiotien geht der Autor nicht mal ansatzweise auf den Grund. Das wäre zu verschmerzen, wenn er sich tatsächlich auf eine geharnischte Wutrede beschränkt hätte. Er lässt sich aber dazu hinreissen, Verbesserungsvorschläge anzubringen, in dem Tenor: mehr Bildung, mehr Mut, mehr Aufklärung. Das klingt so, als hätte er die Lösung für die beschriebenen Probleme servierbereit parat. Tatsächlich aber sind das die gleichen Allgemeinplätze und Sprechblasen, die im vorangegangenen Kapitel über die Idiotie in der Politik so sehr beklagt wurden.
Fazit: Schimpfen ist leicht - auch wenn nicht jeder es so schön pointiert ausdrücken kann wie Schmidt-Salomon. Lustig zu lesen, aber ohne großen Erkenntniswert.


Internet: Segen oder Fluch
Internet: Segen oder Fluch
von Kathrin Passig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Ein Streifzug durch alle Argumente, 22. Februar 2015
Wenn das Buch eines deutlich macht, dann, dass alles nicht so einfach ist: "Kein Problem, über das zwei erwachsene Menschen länger als eine halbe Stunde diskutieren, hat eine einfache Lösung." Weder sind die Fronten klar, noch die Argumente, noch nicht einmal die genauen Fragestellungen. In Bezug auf das Internet und die mit ihm verbundenen Chancen und Risiken gibt es irreführende Metaphern, falsche Hoffnungen und diffuse Gefühle, mal von Begeisterung, mal von Bedrohung.
Passig und Lobo arbeiten Fakten, Argumente, individuelle Sichtweisen und geschichtliche Entwicklungen auf. Das Buch bemüht sich um Ausgewogenheit; die Argumente von Befürwortern und Gegnern kommen gleichermaßen zu Wort. Ob das Internet nun eher Segen oder Fluch ist, beantwortet das Buch nicht wirklich. Das kann man ihm nicht vorwerfen, denn diese Frage ist schlicht nicht entscheidbar. Doch die hier zusammengetragenen Hintergrundinformationen sind lesenswert. Klare Empfehlung!


Das Geschlechter-Paradox: Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen
Das Geschlechter-Paradox: Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen
Preis: EUR 13,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Viel zu lang und wenig überzeugend, 3. Februar 2015
Mädchen erzielen bessere Schulnoten als Jungen, haben in der Kindheit im allgemeinen weniger Probleme, und auf den Universitäten sind junge Frauen klar überrepräsentiert. Dennoch verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als Männer, und in Spitzenpositionen sind sie nur selten zu finden. Dieses Buch will erklären, warum. Es sieht den Hauptgrund in unterschiedlichen Begabungen und Prioritäten. Während viele Männer sich einseitig auf ein einziges Ziel ausrichten und bereit sind, ihm alles unterzuordnen, haben Frauen oft vielfältige, breit gestreute Talente, die sie auch ausleben wollen. Darum kommt es häufiger vor, dass Frauen auf Beförderungen verzichten. Manchmal kündigen sie sogar aus eigenem Antrieb einen gut dotierten Job, um sich Familie und Kindern widmen zu können. Niemand benachteiligt sie, niemand behindert ihre Karriereambitionen. Sie leben - wenn die Rahmenbedingungen es ihnen erlauben - ihr Leben nach eigenen Präferenzen und folgen nicht unbedingt dem typisch männlichen, als Prototyp für eine erfolgreiche Karriere geltenden Modell.

Soweit die These dieses Buches. Wirklich überzeugt hat es mich nicht. Das Buch ist lang, viel zu lang. Dem Leser wird zugemutet, sich durch ca. 450 Seiten zu kämpfen. Trotzdem ist der Inhalt erstaunlich dünn. Viele Aussagen werden ständig wiederholt, und ganze Kapitel schweifen völlig vom Thema ab. Am fragwürdigsten ist die Schlussfolgerung: Aus der schlichten Existenz von unterschiedlichen beruflichen Werdegängen, und aus der Tatsache, dass Biologen Unterschiede in der hormonellen Entwicklung von männlichen und weiblichen Föten festgestellt haben, wird flugs abgeleitet, alle Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Karrieren seien nun einmal biologisch bedingt. Dieses Erklärungsmodell ist zwar momentan ungeheuer angesagt; das zeigen z. B. Erfolge von Büchern wie "Männer sind anders, Frauen auch". Aber die Gründe für die Andersartigkeit werden - zumindest im hier vorliegenden Buch - durch nichts belegt. Genau so gut könnte die Ursache in unterschiedlicher Erziehung liegen, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen, oder auch ganz woanders. Wer sich mit einer andere Sichtweise auf die Fragestellung befassen möchte, dem sei "Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann" (Delusions of Gender) von Cordelia Fine ans Herz gelegt. Dieses Buch ist deutlich knapper, spritziger und unterhaltsamer geschrieben und es liefert, anders als das von Susan Pinker, eine umfassende und kritische Sicht auf aktuelle Forschungen zum Thema.

Meine persönliche Hypothese ist, dass die meisten Frauen mit einer Berufswelt, in der Selbstmarketing, Ellenbogen und Seilschaften eine größere Rolle spielen als fachliche Leistung, weniger gut umgehen können als Männer. Wer will sich über 40 Jahre lang, 8 Stunden am Tag, in einem Umfeld bewegen, in dem er sich ungemütlich, ausgeschlossen und unwillkommen fühlt? Die Frage, ob die in der heutigen Berufswelt dominierenden Umgangsformen zwangsläufig so sein müssen, und ob sie etwas zum Rückzug von Frauen aus dem Berufsleben beitragen, wird im vorliegenden Buch völlig ausgeklammert.


Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin
Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin
von Kathrin Passig
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zum Schreien komisch, 30. Dezember 2014
Dieses Buch ist kein Ratgeber. Es ist nicht dazu gedacht, Menschen bei der Überwindung ihrer Aufschieberietis zu helfen. Statt dessen singt es ein Loblied auf die Prokrastination und schildert anhand vieler Beispiele, wie man auch auf nachlässige Art und Weise, ohne jede Selbstdisziplin ganz gut durchs Leben kommt. Ich habe aufgegeben, mich zu fragen, ob das Buch ironisch oder tatsächlich ernst gemeint ist. Es eröffnet ungeahnte Blickwinkel, ist auf hinreißende Art anders und einfach zum Schreien komisch.

Auch wenn fast alles maßlos übertrieben ist: Ein Körnchen Wahrheit ist überall drin. Viele Aufgaben sind tatsächlich nicht so dringend, wie sie scheinen. Vieles erledigt sich durch liegen lassen von allein (oder durch andere). Voller Einsatz ist oft verschwendete Energie, für viele Aufgaben genügt auch eine 80%-Lösung, die dazu auch noch in 20% der Zeit erarbeitet werden kann. Manche Aufgabe nimmt man sogar nur deswegen in Angriff, damit man einer anderen, vermeintlich noch unangenehmeren Arbeit entgeht, so dass die Prokrastination auch ihre guten Seiten haben kann. Oft ist der Widerwille gegen eine Aufgabe ein Hinweis auf ein tiefer liegendes Problem: "Wenn man Selbstdisziplin benötigt, ist das ein Indikator dafür, dass etwas schief läuft und das Unterbewusstsein es nur früher bemerkt hat."

In der Besprechung eines ihrer anderen Bücher (Weniger schlecht programmieren) wurde Kathrin Passig bereits als die "Meisterin des unorthodoxen Blickwinkels" bezeichnet. Auch in diesem Buch macht sie diesem Titel alle Ehre. Wer ihren Stil mag (und ich gehöre dazu), wird an diesem Buch seinen Spass haben.


Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun
Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun
von Charles Duhigg
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bunte Sammlung, spannend erzählt, 11. Dezember 2014
Wer zu diesem Buch greift, erwartet vermutlich, einiges über die psychologischen Hintergründe von Gewohnheiten zu erfahren, vielleicht den einen oder anderen Tipp, eine (schlechte) Gewohnheit loszuwerden oder eine (gute) Gewohnheit anzunehmen.
Diese Erwartung erfüllt das Buch nicht wirklich. Was landläufig unter Gewohnheit verstanden wird, streift Duhigg nur am Anfang des Buches. Aber er ist ein sagenhafter Geschichtenerzähler. Egal, ob es um Marketingfachleute geht, denen es zunächst nicht gelingt, ein innovatives Produkt zur Geruchsbeseitigung (Febreze) am Markt zu platzieren, um die Organisationsstrukturen von Starbucks oder Alcoa, oder um die Überwindung der Rassentrennung in Montgomery, Alabama: Trotz des nicht gerade geringen Umfangs von über 350 Seiten (Anhänge nicht mitgezählt) wird das Buch nie langweilig.
Dabei ist das wissenschaftliche Eis, auf dem Duhigg sich bewegt, äussert dünn. Hinter der von ihm immer wieder angeführten "Gewohnheitsschleife" (Reiz - Routine - Belohnung) steckt nicht viel mehr als das uralte Pawlow'sche Prinzip, und ob die ohnehin schon dünne Theorie auch zu den Fallbeispielen passt, in oft mehr als fraglich. In vielen Beispielen drängt sich der Eindruck auf, der Begriff der Gewohnheit sei im Nachhinein mit der Brechstange hineininterpretiert worden, zumindest wird er weit gefasst und stellenweise arg überstrapaziert. Wenn es um Firmen oder gesamtgesellschaftliche Veränderungen geht, würde man eher von Organisationspsychologie oder Soziologie sprechen.
Während ich das Buch gelesen habe, fühlte ich mich gut informiert und gut unterhalten. Dennoch sehe ich jetzt, wo ich es ausgelesen habe, keine klare Linie: Das Buch ist einfach eine Sammlung von aufschlussreichen, unterhaltsamen Geschichten aus Psychologie, Wirtschaft und Gesellschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was ich persönlich daraus mitnehme: Ich werde mir eine Flasche Febreze kaufen.
Volle Punktzahl für das Lesevergnügen, aber Abstriche für die Stichhaltigkeit der Argumentation.


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