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Rezensionen verfasst von
Christoph Müller
(TOP 500 REZENSENT)   

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Milliardengräber - Regierungsbunker in Ost und West
Milliardengräber - Regierungsbunker in Ost und West
von Gotthold Schramm
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

3.0 von 5 Sternen Missglückter Versuch, 12. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Kalte Krieg hat seine Spuren hinterlassen – bis in die Gegenwart. Dies erkennt der aufmerksame Zeitgenosse nicht nur an politischen Scharmützeln, sondern vor allem an den Hinterlassenschaften der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Spuren dieser Vergangenheit sind unter anderem die Regierungsbunker in Ost und West, die politisch Verantwortliche vor den Folgen eines atomaren Schlages retten sollten. Zumindest für einen übersichtlichen Zeitraum.

Mit dem Buch „Milliardengräber“ hat Gotthold Schramm, der selber viele Jahre für das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR gearbeitet hat, einen Blick vor allem auf den Regierungsbunker im rheinischen Bad Neuenahr – Ahrweiler geworfen. Es ist eine sehr einseitige Sicht, die er auf das Monument des Kalten Krieges geworfen hat. Diese sehr eingeengte Sicht erschwert die Lektüre des Buchs.

Schramm schreibt beispielsweise: „Bunker waren nicht nur passive Schutzanlagen. Sie waren Teil aktiver militärstrategischer Planungen. Und diese waren stets offensiv. Angriff wird bis heute von Militärs unverändert als die wirksamste Form der Verteidigung angesehen.“ (15) Dem Duktus dieses Gedankengangs folgend blickt Schramm mehr als kritisch auf den Regierungsbunker im Ahrtal.

Er berichtet davon, dass der Regierungsbunker Ziel ostdeutscher Spionage gewesen sei. Gleich einem Sieb habe es bei dem Bau des Regierungsbunkers im Westen auch Löcher gegeben, die Informationen Richtung Ost-Berlin weitergegeben haben. Diese Schwäche habe es bei dem Bau und der Unterhaltung des sogenannten Honecker – Bunkers nicht gegeben, wie Schramm veranschaulicht. Statt sich mit dem Sinn und Unsinn des Baus eines Bunkers zu beschäftigen, bleibt Schramm mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des ständigen Kampfes der politischen Systeme in der Anschauung der politischen Vorteile.

In diesem Zusammenhang verdeutlicht Schramm, dass der Regierungsbunker in Ahrweiler im Visier der Aufklärung in der DDR gewesen sei. Er sei eine ständige Herausforderung für die Aufklärung gewesen. Schramm geht so weit, den Regierungsbunker „als Objekt zur Früherkennung von Spannungssituationen“ (103) zwischen den konkurrierenden politischen Systemen zu beschreiben.

In einem zweiten Teil des Buchs kommen namhafte Wegbegleiter Schramms zu Worte, die sich immer auch mit dem Regierungsbunker im Ahrtal beschäftigt haben. Markus Wolf, der langjährige Geheimdienstchef der DDR schreibt beispielsweise, der Regeierungsbunker wie der Honecker-Bunker seien „markante Denkmale des Kalten Kriegs, die eine ständige Mahnung für die weltweite Erhaltung des Friedens sein sollten“.

Wer heutzutage die Bunker besucht, der macht dies aus einem zeithistorischen und politischen Interesse. Es ist die Spurensuche in eine Zeit hinein, deren Dynamiken heute fremd erscheinen. Fremd erscheint es, dass der Versuch eines historischen Rückblicks auch heute noch zu einem Vergleich der politischen Systeme hinhalten muss. Darauf sollte verzichtet werden, um gemeinsam daran zu arbeiten, dass politische Situationen nicht mehr heraufbeschworen werden, die mit dem Kalten Krieg vergleichbar sind. Schramms Buch „Milliardengräber“ kommt irgendwie als missglückter Versuch daher.


Hauptstadt der Spione: Geheimdienste in Berlin im Kalten Krieg
Hauptstadt der Spione: Geheimdienste in Berlin im Kalten Krieg
von Bernd von Kostka
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Erkundungstour durch eine verschlossene Welt, 4. Mai 2015
Es ist kein Geheimnis gewesen, dass sich zur Zeit des kalten Kriegs nicht nur die Militärs der Alliierten getummelt haben. Es sind auch die unzähligen Spione gewesen, die in Berlin ihre Arbeit gemacht haben. Deshalb erscheint es an vielen Stellen unangemessen, von einem friedlichen Zusammenleben der Völker nach dem zweiten Weltkrieg zu schreiben. Kriegerisches Treiben hat hinter den Vorhängen stattgefunden. Nadelstiche sind es gewesen, die den verfeindeten Staaten immer wieder zugesetzt haben.

Davon erzählt das Buch „Hauptstadt der Spione“, das der Historiker Bernd von Kostka und der Journalist Sven Felix Kellerhoff geschrieben haben. Bernd von Kostka führt die Menschen an Orte, die im Berlin des kalten Krieges für Spionage gestanden haben. So blickt er auf die Historie des Berliner Spionagetunnels, den die DDR – Politik aufgrund des sehr frühzeitigen Aufspürens propagandistisch missbraucht haben. Er berichtet auch auf den Berliner Teufelsberg, von wo aus die alliierten Truppen die Fernmeldeverbindungen in der DDR bis in den damaligen Warschauer Pakt überwacht haben.

Die Dokumentenlage in der Gegenwart ist schwierig, um die Effektivität der Spionagetaätigkeit im Berlin des kalten Krieges beurteilen zu können. Nichtsdestotrotz lesen sich die Erkundungen von Kellerhoff und von Kostka wie ein spannender Kriminalroman. Man fühlt sich ermutigt, die historischen Orte heute einmal zu besuchen, wenn denn Reste über geblieben sind. Diesbezüglich scheint, weshalb auch immer, vernachlässigt worden zu sein, beispielsweise Gebäude zu erhalten, historische Agentenarbeit nachvollziehbar zu machen.

Es ist natürlich auch so, dass man über die Spionage-Recherche Kellerhoffs und von Kostkas deutsche und europäische Geschichte noch einmal rekapitulieren kann. Es ist subtil gewesen, was in mehr als vier Jahrzehnten in Berlin geschehen ist. Den Alliierten war es in den jeweiligen Sektoren der Stadt erlaubt, Militärmissionen zu eröffnen. In den Militärmissionen auf dem Staatsgebiet der DDR haben jedoch nur DDR – Staatsangehörige arbeiten dürfen in den ergänzenden Diensten wie Wachpersonal oder Küchenmitarbeiter oder Bürohelfer.

Bernd von Kostka erweckt in den Kapitel, die er geschrieben hat, viele Orte wieder zum Leben. Sven Felix Kellerhoff arbeitet sich an Agentenbiographien ab oder berichtet detailliert über die Entstehung und die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit. Er erinnert an die Spione Werner Stiller, den bundesdeutschen Verfassungsschützer Otto John und den Topagenten Götz Schlicht. Er holt die sogenannten „Rosenholz-Dateien aus dem Dunkel heraus.

Das Buch „Hauptstadt der Spione“ macht eine Erkundungstour durch eine Welt möglich, die dem Zeitgenossen gewöhnlich verschlossen bleibt. In die Tiefe kann das Buch an vielen Stellen nicht gehen, aus nachvollziehbaren Gründen. Es ist aber auch nicht nötig. Nach dem Spaziergang durch die „Hauptstadt der Spione“ stehen dem Leser die Türen auf, sich intensiver mit einzelnen Biographien, verschiedenen Orten und historischen Bewertungen zu beschäftigen. Ein gelungene Hinführung zur Spionage und zu einem der ehemals lebendigsten Städte der Spionage in der Welt. Es zeigt einmal mehr, wie bedeutend die historische Rolle Berlins im 20. Jahrhundert gewesen ist – über alle Diktaturen und Ideologien hinweg.


Die Lügen jener Nacht: Roman
Die Lügen jener Nacht: Roman
von Judith Merchant
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unterhaltung pur, 2. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Lügen jener Nacht: Roman (Broschiert)
Der worst case geschieht. Ein junges Paar will heiraten. Am Tage der Eheschließung wird der Bräutigam Casper tot aufgefunden. Die Braut Nina ist nicht aufzufinden. Die Fragezeichen können größer nicht sein: Was ist geschehen ? Warum ist es geschehen ? Wieso wird der scheinbar schönste Tag im Leben zum gruseligsten ?

Auf den 444 Seiten des Judith Merchant – Kriminalromans „Die Lügen jener Nacht“ finden sich natürlich die Antworten auf diese Fragen. Es ist eine Story, wie von den zahlreichen Wendungen lebt. Es ist aber nicht nur der Abwechslungsreichtum, der die Lektüre des Merchant – Krimis zu einem großen Vergnügen macht. Es sind die Persönlichkeiten, die die Schriftstellerin beschreibt.

Mimi steht im Fokus der Autorin, die anlässlich der Heirat nach vielen Jahren in ihre Studienstadt Bonn zurückgekehrt ist. Bei einem Junggesellinnenabschied trifft sie einige Wegbegleiterinnen früherer Zeiten, die sie aus eigener Sicht vernachlässigt hat. Auf der britischen Insel lebend hat sie die Verbindungen ins Rheinland eher gekappt. So fährt sie mit einem mulmigen Gefühl an den Rhein.

Dieses mulmige Gefühl wird sie nicht verlassen. Denn es ist nicht nur so, dass sie aufgrund einer eigenen heilkräuterkundlichen Begeisterung unter Mordverdacht gerät. Schnell beschleicht sie ein Gefühl, dass es einen bestimmten Zweck verfolgt, dass sie zur Hochzeit eingeladen worden ist. Dabei ist Mimi wahrhaftig keine Unschuldige. Sie stiehlt während des Polterabends den Brautleuten das Geld aus den Briefumschlägen, die ihnen geschenkt worden sind. Sie verschweigt den Freundinnen bis es nicht mehr anders geht, dass sie sich vom langjährigen Lebensgefährten getrennt hat und eigentlich ohne festen Wohnsitz ist.

Es ist vergnüglich mitzuerleben, wie sich Mimi durch die Tage in Bonn schlawienert. Es macht Spaß, ihre Wahrnehmungen über die Freundinnen zu erleben, die den Weg in eine bürgerliche Existenz gefunden haben. Man weiß nicht, ob es Neid ist oder Wut, dieselben Ziele nicht erreicht zu haben. Letztendlich zeigen die Lebensläufe, dass trotz vergleichbarer Startbedingungen verschiedene Wege gefunden werden.

Immer wieder versuchen Mimi und Simone, Grit und Alla Gemeinsamkeiten der Studienzeit in Bonn zu betonen. Es scheint offensichtlich, dass es Unausgesprochenes zwischen den jungen Frauen gibt. Es wird betont, dass die gegenseitige Rückenstärkung der Schlüssel zum Glück sein sollte. Je mehr sich der Leser der Auflösung nähert, umso kritischer blickt der Leser auf diesen Wunsch.

Der Kriminalroman „Die Lügen jener Nacht“ ist sicher für Frauen eher geeignet als für Männer. Männer werden diese Geschichte mögen, wenn sie den Lokalkolorit aufsaugen. Letzendlich ist es eine Story, die Unterhaltung pur bietet.


Erziehen mit Anspruch und Leidenschaft: Die Herausforderungen christlicher Pädagogik
Erziehen mit Anspruch und Leidenschaft: Die Herausforderungen christlicher Pädagogik
von Jorge Mario Bergoglio
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

5.0 von 5 Sternen Plädoyer für Bildung und Erziehung, 1. Mai 2015
Eine gewisse Realitätsentfremdung wird Menschen zugesprochen, die die katholische Kirche verkörpern. Mit Papst Franziskus scheint dies nicht zu sein. Denn der Jesuit Jorge Mario Bergoglio hat mit dem Buch „Erziehen mit Anspruch und Leidenschaft“ die Stimme erhoben, die gehört werden muss. Denn in Zeiten einer relativistisch geprägten Pädagogik macht Papst Franziskus deutlich, auf welche Weise und mit welchem Denken Menschen geformt werden sollten. Dies macht er auf dem Untergrund eines jesuitisch geprägten Bildungsbegriffs im Geiste der Unterscheidung und mit dem Anspruch, nicht nur Wissen zu vermitteln.

In einleitenden Worten zeigt der deutsche Jesuit Michael Sievernich auf, wie sich Papst Franziskus versteht: „Mit seinen Beiträgen will er in Zeiten des Umbruchs, ja des drohenden Schiffbruchs, Leuchttürme aufstellen, die Orientierung geben. Es geht ihm dabei nicht um den Rückzug aus der (pädagogischen) Welt, sondern im Gegenteil um das engagierte Heraustreten aus der Selbstbezogenheit in eine anderen zugewandte Pädagogik.“ (10)

Es scheint wahrhaftig so zu sein, dass Papst Franziskus sich für einen Alltagsbezugs gelebten Glaubens ausspricht. Es geht in diesem Zusammenhang natürlich darum, auch Vorbild zu sein. Bergoglio sieht die Lehrerinnen und Lehrer, die Pädagoginnen und Pädagogen in der Pflicht, eine solche Rolle zu spielen. Von „Zeugen der Wahrheit“ schreibt er. Konkreter formuliert er: „Das rein Deskriptive oder Erläuternde sagt nicht alles, denn wenn es alleine bleibt, verflüchtigt es sich wieder. Man muss Inhalte, Gewohnheiten und Wertungen als eine lebendige Synthese anbieten, sie vorleben … Und das vermag nur das Zeugnis.“ (177)

Das Buch „Erziehen mit Anspruch und Leidenschaft“ ist nicht in einer theologischen Fachsprache geschrieben. Jede und jeder hat bei der sprachlichen Bodenständigkeit des Buchs die Möglichkeit, sich auf die Gedankenwelt Bergoglios einzulassen. Es ist kein Buch, das man zur Hand nimmt, um es wegzulesen. Vielmehr bietet es sich als Gelegenheit zur persönlichen Betrachtung an. Die vielen Anstöße des heutigen Papst Franziskus sind immer eine Überlegung wert. Zu selten finden sich in Schulen und Universitäten, aber auch vielen anderen sozialisierenden und bildenden Einrichtungen Menschen, die mit Jorge Mario Bergoglio die Grundhaltungen teilen.

Papst Franziskus geht mit seinen Einlassungen zu Bildung und Pädagogik in die Tiefe. Dies wird in der Gegenwart sicher häufig vermisst. Es ist nicht so, dass er alle Erwartungen beispielsweise auf die Lehrerinnen und Lehrer projiziert. Er nimmt sämtliche Menschen in die Pflicht, die sich in Erziehung und Bildung um das Formen von Menschen bemühen müssen. Wörtlich: „Nur allzu oft gewinnen Pädagogen den Eindruck, sich Tag für Tag zu einem doppelten Autoritätsentzug aussetzen zu müssen: zum einen vonseiten der Gesellschaft, die ihnen die soziale Unterstützung und Wertschätzung … versagt …; zum anderen vonseiten der Eltern, die ihrer vorrangigen Aufgabe die gebührende Rückendeckung und Anerkennung verweigern und ihre Autorität zuweilen sogar vor den Kindern in Frage stellen. Gerade die Pädagogen sind ständig versucht, die Hoffnung aufzugeben.“ (166/167)

Mit dem Buch „Erziehen mit Anspruch und Leidenschaft“ hat Papst Franziskus ein deutliches Signal gesetzt, um die Ernsthaftigkeit und die Sinnhaftigkeit von Bildung und Erziehung wieder einmal zu betonen. Sein Plädoyer hat es verdient, hermeneutisch in die Gegenwart eingereiht zu werden, aber auch weiter entwickelt zu werden.


Von wegen Mimose: Wie ich meine Hochsensibilität als Stärke erkannte
Von wegen Mimose: Wie ich meine Hochsensibilität als Stärke erkannte
von Beate Felten-Leidel
  Broschiert
Preis: EUR 17,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ist die Hochsensibilität eine Herausforderung ?, 26. April 2015
Von der Idee der Hochsensibilität hatte ich vor der Lektüre des Buchs „Von wegen Mimose“ nichts gehört. Während ich mich von Seite zu Seite vorarbeitete, konnte ich auch nicht glauben, was Beate Felten – Leidel dort aufgeschrieben hatte. Sie berichtet auf den fast 240 Seiten von der eigenen Hochsensibilität. Sie hat für die menschlichen Sinne eine ausgeprägtere Antenne als die meisten anderen Menschen. Eigentlich müsste dies doch ein enormer Vorteil für das alltägliche Leben sein, denkt man sich während des Lesens. Felten – Leidels Erfahrungsbericht „Von wegen Mimose“ lässt erspüren, welchen jahrelangen Leidensweg sie mit dieser Hochsensilität hinter sich hat.

Können Sie es sich etwa vorstellen, in der Karfreitagsliturgie zu sitzen und aufgrund der Heftigkeit der Erlebnisse im liturgischen Raum umzukippen ? Sie werden wahrscheinlich grinsen. Für Felten – Leidel war diese Erfahrung im Alter von fünf, sechs Jahren alles andere als amüsant. Denn die Ohnmächtigkeit führte nicht nur dazu, dass die Eltern und andere Verwandte mitleidig und vorwurfsvoll das empfindsame Mädchen kritisierten. Es führte wohl auch im niederrheinischen Dorf, in dem Felten – Leidel aufwuchs, zu Irritationen.

Sie schreibt zu diesem Erlebnis: „Mein Körper führte ein Eigenleben, und genau das machte mir schreckliche Angst. Ich erlebte die Kreuzigungsszene hautnah mit. Ich ertrug es nicht, dass Jesus gequält und umgebracht wurde.“ (40) In der Atmosphäre der Kindheit und Jugend erlebte Felten Leidel die Hochsensibilität als grenzenlose Last. Mit dem Kennenlernen der Ideen der amerikanischen Wissenschaftlerin Elaine Aron wandelte sich diese Haltung in eine positive Sicht. Hochsensible seien alles andere als schwach. Wörtlich: „Wer doppelt und dreifach so viele Sinnesreize und Emotionen in derselben Zeit wie andere erfassen und verarbeiten muss, wer so intensiv fühlt und ungefiltert wahrnimmt und unter dieser Last nicht dauernd zusammenbricht, muss sehr stark sein. Heute sehe ich meine Hochsensibilität als das, was sie wirklich ist: ein nicht ganz einfaches, aber wunderschönes Geschenk der Natur.“ (234)

Dem Leser bleibt nicht anderes als das Hergerissensein zwischen der scheinbaren Faszination für diese außergewöhnliche Ausstattung und dem nicht ablassenden Gefühl dafür, die Autorin nicht für voll zu nehmen. Doch, der Leser hat die Möglichkeit, dem Leben gegenüber demütig und auch begeistert von demselben zu sein. Das Leben bietet immer wieder Überraschungen. Die Hochsensibilität kann sicher als solche verstanden werden.

Die Hochsensibilität scheint wahrhaftig den ganzen Menschen zu erfassen. Felten – Leidel lässt ganz tief in ihr Seelenleben und ganz persönlichen Erfahrungen zu sehen. Es wirkt schillernd an vielen Stellen. Doch die Schlüssigkeit ihrer Erzählfreude lässt den Leser von der Authentizität überzeugt sein.

Felten – Leidel berichtet, wie schwer es ihr als Einzelgängerin in der Schule ergangen ist. Sie erzählt von den Studienzeiten und den Schwierigkeiten, Prüfungen hinter sich zu bringen. Und sie plaudert auch darüber, wie die Hochsensibilität heute soziale Beziehungen ihrerseits mitgestaltet. Spannend wird es, wenn sie von den Straßenbahnfahrten in Köln schreibt, wo sie wohnt. Die ständige Beschäftigung der Menschen um sie herum mit Mobiltelefonen und MP 3 – Playern ist mit ihren vielen Antennen eine unglaubliche Herausforderung.

Apropos Herausforderung: Nehmen Sie die Aufgabe an und erschließen Sie sich einmal die Hochsensibilität. Es sollte nicht in einem voyeuristischen Sinne geschehen. Vielmehr könnte es Ihnen gelingen, die Hochsensibilität als Gegenentwurf zur beschleunigten und überreizten Gesellschaft zu sehen.


Agentinnen aus Liebe: Warum Frauen für den Osten spionierten
Agentinnen aus Liebe: Warum Frauen für den Osten spionierten
von Marianne Quoirin
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Unglaubliche Selbstvergessenheit, 6. April 2015
Die Frage nach dem Warum eines Phänomens erscheint immer schwierig. Mit der Antwort darauf, warum Frauen für den Osten spionierten, ist es auch so. Die Journalistin Marianne Quoirin vermag es mit dem Buch „Agentinnen aus Liebe“ sich anzunähern an das eine oder andere Rätsel. Sie schafft es, den Leser davon zu überzeugen, dass das Ministerium für Staatssicherheit der früheren DDR subtiler gearbeitet hat als sich dies jemand hat vorstellen können.

„Für die Agentinnen aus Liebe aber endeten die Fluchtwege in einer Sackgasse. Die Wirklichkeit erwies sich bald als banal, brutal und bedrohlich für die eigene Existenz“, schreibt Quoirin, die immer wieder eine unglaubliche Selbstvergessenheit der Protagonistinnen spüren lässt. Denn die Agentinnen aus Liebe scheinen nicht nur eine hohe Leidensfähigkeit gehabt zu haben. Sie scheinen die eigenen Grenzen immer wieder auch eindrucksvoll überschritten zu haben.

Der Reportagen-Stil des Buchs macht die erzählten Geschichten sehr anschaulich. Man stellt sich vor, wie die Frauen und Männer durch die Bonner Provinz sich bewegt haben. Man stellt sich vor, wie kurz die Wege aus dem Ministeriumssekretariat in die eigene Wohnung der früheren Bundeshauptstadt gewesen sein könnten. Die Spionage ist quasi um die Ecke geschehen. Ganz bürgerlich und ganz alltäglich.

Ganz alltäglich sind die Akteurinnen in der Regel gewesen. Für die Aufklärer aus dem deutschen Osten sind sie in der Regel gewesen, da sie ihren Arbeitsplatz an den Schaltstellen der Macht gehabt haben. Sie haben Zugang zu Dokumenten und Informationen gehabt, die dem Normalbürger in der Regel niemals zugänglich wären.

Die Masche der Romeos und Julias in der Spionage erklärt sich von selbst. Erst wird gegenseitiges Vertrauen aufgebaut, dann wird der eigentliche Auftrag offenbart. Schlussendlich geht es dann um den Missbrauch eines Amtes und noch viel mehr einer Person. Es gehört mehr als Kaltschnäuzigkeit, vielleicht auch Menschenverachtung dazu, die Zuneigung eines Gegenüber auf die Weise zu gebrauchen, wie es frühere Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gemacht haben.

Es mag für die eine oder andere Ministerialsekretärin nicht nur ein amouröses Abenteuer gewesen sein,was sie mit dem Romeo aus dem Osten erlebt haben. Es mag ein Abenteuer, mit dem sie an die eigenen Grenzen gegangen sind. Nicht anders ist es zu interpretieren, dass sie oft auch folgenden Verhaftungen, Ermittlungen und Inhaftierungen in der Weise verarbeitet haben, dass sie keine Wut gegenüber den ehemaligen Romeos erlebt haben.

In die Seele der Julias kann der Leser bei der Lektüre des Buchs „Agentinnen aus Liebe“ nicht schauen. In den Erzählungen werden die Freuden wie die Fallstricke des Doppellebens der Spioninnen nachvollziehbar. Man wünscht sich mehr Analyse der Frauen und Männer, über die berichtet wird. Andererseits lassen die sachlichen und objektiv gehaltenen Berichte Raum offen für eigene Überlegungen.

Das Subtile des Spionagesystems des deutschen Ostens wird spürbar. Dies ist gut so. Denn der Leser hat mit jeder Seite die Möglichkeit, den eigenen Bauchschmerz zu diagnostizieren und sich zu wünschen, dass eine solche Masche niemals mehr Erfolg in einer Gesellschaft haben sollte.


Die Kunst, aufzuräumen
Die Kunst, aufzuräumen
von Ursus Wehrli
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

5.0 von 5 Sternen Lachen - über uns selbst, 31. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst, aufzuräumen (Gebundene Ausgabe)
Auf diese Idee muss erst einmal jemand kommen, geht es dem Leser und Betrachter während der Lektüre des Buchs „Die Kunst aufzuräumen“ durch den Kopf. Die bunt in der Pommes-Schale durcheinander gewürfelten Fritten liegen plötzlich wohlgeordnet nebeneinander. Selbst der Ketchup – Klecks hat seinen Ort.

Der freischaffende Künstler Ursus Wehrli hat nicht nur das lästige Aufräumen ad absurdum geführt. Es ist eine Karikatur des Alltäglichen. Wer sein Buch „Die Kunst aufzuräumen“ kennt, dem wird das Halten von Sauberkeit und Ordnung nun endgültig Spaß machen. Die Mühe, die sich Ursus Wehrli für den Bildband gemacht hat, wird sich niemand machen. Denn selbst der penibelste Zeitgenosse wird seine Kraft nicht dabei lassen, die Buchstaben aus der Buchstabensuppe nach dem Alphabet zu ordnen und die farbigen Karotten als Schlußstrich zu nutzen.

Natürlich eignet sich der Bildband als Geschenk zu jeder Gelegenheit. Denn jede Leserin und jeder Betrachter wird sich in irgendeiner Weise wiederfinden. Es lässt den Zeitgenossen lächeln über die neurotischen oder die anankastischen Einblicke in das Leben. Selbst den nächtlichen Sternenhimmel lässt Ursus Wehrli nicht unberührt.

Die Mannigfaltigkeit des Bälleparadieses, das von der Vielfarbigkeit lebt, lässt Wehrli nicht in einem ungeordneten Zustand zurück. Er sortiert die Farben, lässt das Bällebad schließlich als Flagge eines Landes aussehen. Der Gag des Buchs „Die Kunst aufzuräumen“ lebt von dem Kontrast zwischen Unordentlichkeit und Sortiertheit. Was wir im alltäglichen Leben nicht zulassen würden, dem wird beim Durchsehen des Buchs eine große Sympathie entgegenschwappen.

Wehrli lässt nur die Fotografien sprechen. Kein Text begleitet das Buch. Es sollte mehr solcher Bildbände geben. Sie parodieren unsere Gegenwart und lassen uns lachen – über uns selbst.


Spielarten der Lust: Die vielfältige Welt der Sexualität. Ein Streifzug für Neugierige
Spielarten der Lust: Die vielfältige Welt der Sexualität. Ein Streifzug für Neugierige
von Silke Maschinger
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Aufruf zur Leichtigkeit, 17. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist ein amüsanter Streifzug durch die Welt der Sexualität, den die Autorin Silke Maschinger mit dem Buch „Spielarten der Lust“ gestattet. Sie schreibt nicht moralinsauer und mit einem erhobenen Zeigefinger, sondern beschreibt die Welt der Sexualität, wie sie sich in der Gegenwart zeigt. Was Silke Maschinger als Facetten der Sexualität vorstellt, muss man nicht unbedingt mögen. Doch bietet das Buch „Spielarten der Lust“ die Möglichkeit, sich dem ein oder anderen Phänomen zu nähern.

„Mut zur Neugier“ schreibt sie folgerichtig über das erste Kapitel. Um Erotikshops für Frauen geht es. Trotzdem schreibt sie: „Sexualität ist zwar gesellschaftlich gesehen bei weitem nicht so tabuisiert wie früher, aber die Scham sitzt besonders bei Frauen doch noch tiefer als man erstmal denken mag, wenn man sich die frechen Sextipps in Frauenzeitschriften anschaut. Zu lange wurde Frauen nicht zugestanden, eigene sexuelle Lust zu empfinden.“ (13)

Silke Maschinger ist jedoch keine Schriftstellerin, die sich im Namen der Emanzipation erklärt. Ihr scheint es um die Freude an der Sexualität zu gehen. Sie kommt sympathisch daher, wenn sie die vordergründig peinliche Situation anspricht, im Sexshop die Nachbarin zu treffen. Dann hätte man jemandem, um über solche Themen zu sprechen. Maschinger holt die Sexualität und den Sex aus der Tabuzone heraus.

Realistisch hat Maschinger wahrscheinlich im Hinterkopf, wie sehr der Sex und die Sexualität im Alltag beschäftigt. So spannt sie den Bogen über die Swinger-Szene, das Fremdgehen, die Bisexualität zur Homosexualität. Auch wer sich diesen Formen der gelebten Freude an sich und am Körper nicht öffnen kann, hat zumindest einmal die Gelegenheit nachspüren zu können, was Frauen und Männer beschäftigt, die es leben.

Breiten Raum nimmt das Tantra in dem Buch ein. Maschinger konzentriert sich auf die Philosophie dieser Lebenshaltung. Den esoterischen Aspekt des Tantras lässt sie vergessen, beschreibt Tantra als gemeinsamen Weg zweier sich liebender Menschen. Kritisch schreibt sie: „Tantra entwickelte sich als Gegenstrom gegen die etablierte Religion, besonders gegen den weit verbreiteten Glauben, dass die Sexualität verleugnet werden muss, damit die Erleuchtung erreicht werden kann.“ (118) Tantra könne helfen, „unsere andere passende Hälfte zu finden, dadurch, dass wir unsere eigenen Blockaden lösen, die uns davon abhalten, mit dem anderen in Verbindung zu gehen“ (125).

Maschinger holt das ganz Alltägliche aus der Schmuddelecke. Sie weiß darum, dass Menschen hinter vorgehaltener Hand sowie in verschämter Art und Weise gelebte Körperlichkeit verschweigen. So ist das Buch „Spielarten der Lust“ eher als Aufruf zu verstehen, mit etwas mehr Leichtigkeit Liebe und Sexualität anzuschauen.


Vater, Mutter, Stasi: Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates
Vater, Mutter, Stasi: Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates
von Angela Marquardt
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mehr als nur Zeitgeschichte, 11. März 2015
Der Leser hat Alternativen, dieses Buch in verschiedener Weise zu lesen. Nimmt er es als zeithistorisches Dokument in die Hand, wird er Schwierigkeiten haben, eine nüchterne Distanz zum Erzählten zu halten. Liest er es als Mensch, der mit Frau Marquardt gleichaltrig, aber im Westen Deutschlands groß geworden ist, so überwiegt das Gefühl: „Mann, was habe ich ein Glück gehabt mit der Gnade der Geburt in der Bundesrepublik.“ Dass das Buch „Vater, Mutter, Stasi“ den Leser kalt lässt, ist eher unwahrscheinlich.

Denn an der Biographie von Angela Marquardt wird deutlich, wie perfide die Staatssicherheit in der ehemaligen DDR gearbeitet hat. Manipulation und Deformation sind offensichtlich Strategien gewesen, um sich die Menschen in der Diktatur gefügig zu machen. Marquardt beantwortet nicht die Frage, weshalb ein Mensch sich hinreißen lässt, seine Mitmenschen zu bespitzeln. Auf dem Hintergrund der eigenen Geschichte kann dies auch nur schwer gelingen.

Angela Marquardt gelingt es transparent zu machen, was Bespitzelung und Misstrauen aus einem Menschen machen können. Die Stasi-Akteure sind im Zuhause der Angela Marquardt ein und aus gegangen, erschienen in den Augen der jugendlichen Angela als Freunde des Hauses. Dass diese Herren lediglich zur Rettung des sozialistischen Staatssystems die Nähe gesucht haben, erscheint mehr als enttäuschend.

Wenn Angela Marquardt aus der Zeit als Bundestagsabgeordnete berichtet, so zeigt sich, dass Abgeordnete aus vielen Fraktionen ihr immer auch mit einem Täter / Opfer – Schema begegnet sind. Dass diese Klassifizierung jedoch wenig Sinn macht, ergibt sich aus einem längeren Nachdenken. Marquardt als Schulhof – Spitzel zu bezeichnen ist halt nur eine Seite der Medaille. Sich in die subtilen Denk-und Arbeitsweisen der Staatssicherheit einzufühlen, ist die andere Seite der Medaille.

Das Täter / Opfer – Schema ist aufzugeben, wenn man sich dem Buch „Vater, Mutter, Stasi“ gewidmet hat. Die Grenzen verwischen, wo es einzelnen Menschen und einem politischen System um den Erhalt von macht geht. Es wird klar, welche Verantwortung Erwachsene haben, damit Kinder und Jugendliche möglichst in freiem Geiste aufwachsen können. Angela Marquardt hat zudem einen Missbrauch durch den Stiefvater erleiden müssen.

Wenn das Täter / Opfer – Schema aufgegeben werden muss, so ist sicher auch am klassischen Traumabegriff zu zweifeln. Marquardt denkt in diese Richtung nicht. Es geht um die Suche nach den eigenen passiven und aktiven Anteilen in einem Beziehungsgeschehen. Macht man den Versuch, Gemeinsamkeiten zur Geschichte eines Thomas Raufeisen („Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei: Eine deutsche Tragödie“) zu finden, so gibt es sicher viele Überschneidungen, aber mindestens auch eine Menge Unterscheidungen in den individuellen Persönlichkeiten und im Umgang mit diesem gruseligen Staatssystem.

Was die Staatssicherheit in der DDR mit jungen Menschen gemacht hat, ist bis auf den heutigen Tag nicht zu entschuldigen. Angela Marquardts Buch „Vater, Mutter, Stasi“ zeigt, dass die Diskussionen niemals geführt werden können, wenn ideologische Ideen oder auch andere Schubladen mitgedacht werden. Es zeigt, wie tiefgreifend politische Systeme in das individuelle Leben eingreifen – nicht nur zum Wohle des Menschen. Sachlich bleibt man nicht, Marquardt nimmt den Leser mit in den emotionalen Strudel. Es ist halt mehr als nur Zeitgeschichte.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 1, 2015 11:56 AM MEST


Schattenboxer
Schattenboxer
von Horst Eckert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erste Reihe der deutschsprachigen Kriminalliteratur, 5. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Schattenboxer (Gebundene Ausgabe)
Was macht den Reiz der Thriller des Düsseldorfer Kriminalautoren Horst Eckert aus ? Es sind vor allem die ausgeklügelten Persönlichkeiten, die Horst Eckert auf die Bühne des Geschehens schickt. Allen voran wieder einmal der Kriminalkommissar Vincent Veih. Veih ist nicht nur der Enkelsohn eines in den Nationalsozialismus verstrickten Düsseldorfer Polizisten, sondern auch der Sprößling einer zur Ruhe gekommenen RAF – Terroristin. Im Polizeipräsidium hat er seine Ruhe wohl finden wollen. Immer wieder wird er jedoch mit der Vergangenheit seiner Familie konfrontiert.

Eckert zeichnet das Bild eines sympathischen, vom Leben hin und hergerissenen Menschen, der sich als Polizist auszeichnen kann, im alltäglichen Leben jedoch immer am Rande des Scheiterns lebt. „Schattenboxer“ ist bereits der zweite Roman Eckerts, in dem Vincent Veih der Protagonist ist. Man kann sich an ihn gewöhnen. Mit Vincent Veih bricht Eckert mit seiner früheren Tradition, keinen zentralen Hauptdarsteller zu haben. Seinen Romanen tut dieser Gesinnungswandel gut. Überhaupt gelingt es Eckert sehr markante Persönlichkeiten zu entwickeln, die zu begleiten Spaß macht.

Es geht in „Schattenboxer“ um vermisste junge Frauen. Über das Verschwinden entführt Eckert den Leser in die Welt des Terrorismus und der Spionage. Ausgangspunkt ist die Ermordung des ehemaligen Treuhandchefs Karsten Rohwedder, der unter einem anderen Namen vorgestellt wird. Viel Sprengstoff steckt in „Schattenboxer“, wenn man sich vorstellt, dass viele von Eckert geschilderte Szenen Düsseldorfer Wirklichkeit sind.

Eckert muss eine Menge Spaß haben, der Frage nachzugehen, weshalb menschliche Abgründe so tief sein können wie er es in „Schattenboxer“ schildert. Es scheint ihm wenig fremd in der Schilderung der Menschen, die dem Leser begegnen. Er beweist ein großes Einfühlungsvermögen in die Menschen, egal welchen Alters sie sind.

„Schattenboxer“ ist eine düstere Geschichte. Von Seite zu Seite wird die geschilderte Welt ein Stück heller – wie mit einem Dimmer. Dies ist ein Grund dafür, dass es während der Lektüre auch niemals langweilig wird. Es scheint auch so zu sein, dass Horst Eckert nur wenig fremd zu sein scheint. Zumindest scheint er – ob im wirklichen Leben oder bei seinen Recherchen – wenig Berührungsängste mit den schrägen und dunklen Seiten des Lebens zu haben.

Für Horst Eckert ist die Düsseldorfer Innenstadt und der Düsseldorfer Medienhafen Ort des kriminellen Lebens. Dies erweckt den Eindruck, dass es System hat, der Glas-und Glitzerwelt dieser Orte das Grauen entgegenzusetzen. Es ist sicher eine Umgebung, die Eckert vertraut ist und sich zu schildern lohnt.

Der Kriminalroman „Schattenboxer“ ist wieder einmal der Beweis dafür, dass Horst Eckert zurecht in der ersten Reihe der deutschsprachigen Kriminalliteratur stehen darf. Ich bin gespannt, ob es beim Hörbuch mit Dietmar Wunder genauso gelungen ist.


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