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Rezensionen verfasst von
Infocat 2009

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Super Sad True Love Story
Super Sad True Love Story
von Gary Shteyngart
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Zukunft ohne Tunnelblick, 31. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Super Sad True Love Story (Gebundene Ausgabe)
Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch hat mich so gefesselt, dass ich es schlicht überallhin mitnahm. Und nicht selten kam es vor, dass mich jemand fragte, was ich denn da lesen würde. Wenn ich ihm dann schweigend den Buchtitel hinhielt, deklamierte er verwirrt: "Super Super Super Sad Sad Sad Sad...", bis ich ihm erklärte, dass der Titel hier senkrecht geschrieben war. Dennoch, ganz falsch war es eigentlich nicht, jedes Wort drei- oder viermal zu wiederholen - so intensiv werden hier die Gefühle beim Leser wachgerüttelt.

Aber von vorne: Zu Gary Shteyngarts Roman um seinen tragischen Protagonisten Lenny Abramov kam ich eher durch Zufall, auch vorher hatte ich noch nichts darüber gelesen. Infolgedessen brauchte ich einige Dutzend Seiten, bis ich erst überhaupt begriff, dass das Buch in der Zukunft Amerikas spielte. Im Nachhinein kann man das nur darauf zurückführen, dass der Autor einen allzu engen, stereotypen Tunnelblick in die vor uns liegende Welt mit UFOs, Robotern und technikverwöhnten, charakterlosen Menschen vermeidet. Viel subtiler und witziger ist es, wenn man Bekanntschaft mit "Äppäräts", "SmartBlood" und Zugabfahrtstafeln als Stimmungsanzeigern macht. Gerade, dass es so klischeelos ist, macht dieses Buch so erfrischend.
Natürlich ist dennoch nicht alles eitel Sonnenschein in der Welt von morgen - denn die USA, Lenny Abramovs Heimatstaat, haben große Probleme, die die "Restaurations-Regierung" nicht in den Griff zu bekommen scheint. Chinas Einfluss wächst, auch die europapolitische Lage ist angespannt und gespalten, der gläserne Bürger ist Realität statt Horrorvision - Shteyngart verpackt durchaus reale Zukunftsaussichten so geschickt, anrührend und lustig, dass ich teilweise wirklich nicht mehr wusste, ob ich lachen oder mich gruseln sollte.
Mit schnoddriger, teils deftiger, und trotzdem seltsam poetischer Sprache schildert der Autor die Liebesgeschichte zwischen Lenny und Eunice Park, einer äußerst hübschen und toughen Koreanerin. Im Laufe der Story wird diese sogar noch zu einem Dreieck, denn sein um Jahre verjüngter Vorgesetzter mischt sich auch mehr und mehr in Lennys Leben. Teilweise wirken die Ausführungen des sympathischen Protagonisten so, als ob er selber eigentlich gar nicht in diese auch ihm futuristisch vorkommende Welt gehöre - gute Möglichkeit zur Identifikation mit ihm, oder doch eher düsterer Ausblick in die eigene bittere Zukunftsrealität?
Das Buch besteht im Wesentlichen aus einer Mischung von Tagebucheinträgen und Kommunikation über ein fiktives soziales Netzwerk namens "GlobalTeens". Letztere fand ich persönlich zwar - genauso wie den Roman im Ganzen - auch gelungen, teilweise allerdings dann doch zu überspitzt. Liest man einige von Shteyngarts drastischen Formulierungen, sträuben sich einem regelrecht die Nackenhaare.

"Super Sad True Love Story" ist ein Meisterwerk der amerikanischen Literatur, auf das Gary Shteyngart sehr stolz sein kann. Kaum mag man sich vorstellen, was passieren würde, wenn seine Voraussagen tatsächlich eintreffen - und auf der anderen Seite wünscht man es sich fast, weil die dargestellten Situationen manchmal so urkomisch sind, dass man selbst Akteur im Geschehen sein möchte.
Lebendiger und gleichzeitig surrealer als dieses Buch geht nicht - daher fünf Sterne und der tiefe Wunsch, in Zukunft [sic] viel öfter diese Art Roman lesen zu dürfen. Es wäre eine wahre Bereicherung.

MfG
Infocat


Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte
Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte
von Amy Chua
  Gebundene Ausgabe

21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wo Realität die Fantasie übertrifft, 10. März 2011
Amy Chua, die vieldiskutierte und umstrittene Juraprofessorin aus Yale, Tochter asiatischer Einwanderer und nicht zuletzt Mutter zweier Töchter, berichtet in diesem Buch vom Versuch, ihre Kinder durch strenge chinesische Erziehung zu erstklassigen Musikerinnen zu machen. Im für Frau Chua "laschen" und "im Niedergang befindlichen" Westen löste dieser tiefe Blick in den Alltag einer chinesischen Familie große öffentliche Empörung aus. Doch was macht "Die Mutter des Erfolgs" zur Provokation?

Im Grunde genommen erzählt Chua von ihrem Alltagsleben, bei dessen Schilderung ein westlicher Leser fast vom Stuhl fällt. Die Autorin berichtet von Szenen, die meine Fantasie bei weitem übersteigen: Mit rigiden Methoden und stählerner Zähigkeit zwingt die Mutter ihre Töchter täglich für mehrere Stunden an ihre Instrumente. Dies bringt ihnen schon bald Erfolg und Anerkennung - doch leicht ist es nicht.
Vor allem die jüngere Tochter Lulu lehnt sich sehr frühzeitig gegen die autoritären Übungsmethoden der Juraprofessorin auf. Und das schlägt sich auch sehr bald in einem Unterschied zwischen den beiden Schwestern nieder: Während Sophia, die ältere, am Klavier weiterhin einen glatten Aufstieg nach oben, bis in die Carnegie Hall, hinlegt, flattern Lulu Absagen von Konservatorien ins Haus.
Im Teenageralter bricht sich dann Lulus gesamter Widerstandsgeist, der von Amy Chua ein Leben lang rigoros unterdrückt wurde, Bahn und entlädt sich auf die Mutter. Die Übungsstunden geraten zum häuslichen Krieg, wiederholt bekundet die Tochter, Geigespielen zu hassen. Ausgerechnet im Russlandurlaub spielt sich schließlich die entscheidende Endschlacht ab.
Amy Chua verliert ihren Kampf "östliche Erziehung gegen westliches Umfeld" und kapituliert schließlich. Nach dem Moskauer Showdown beginnt sie, zusammen mit ihren Töchtern dieses Buch zu schreiben, als Familientherapie, wie sie selbst sagt.

Ich persönlich fand dieses Buch zwar flott und witzig geschrieben, die Intention der Autorin jedoch höchst anmaßend und sehr provokant: Im Vorwort schreibt sie, die Geschichte hätte davon handeln sollen, dass chinesische Eltern bessere Pädagogen sind als westliche. Obwohl der Verlauf des Buchs eindeutig zeigt, dass Chua gescheitert ist, beharrt sie bis zum Schluss auf dem Erfolg ihres Erziehungsmodells und besteht auf der Behauptung, die westliche Welt steuere kontinuierlich auf den Untergang zu.
Höchst interessant auch: In der Danksagung werden die Töchter von der Autorin als "Freude meines Lebens" bezeichnet - allerdings hörte sich das in den vorhergehenden Kapiteln noch ganz anders an. Da war von Stofftierverbrennungen die Rede, Sophia wurde als Müll beschimpft und Lulu als das Langweiligste und Ordinärste, was es gebe auf der Welt.
Für mich ist das ganze Buch von einer tiefen Arroganz durchzogen, die alles, was der Autorin in irgendeiner Weise missfällt, als minderwertig und vulgär denunziert. An solchen Stellen klingt Chua intolerant, klischeebehaftet und vorverurteilend. Noch dazu widerspricht sie sich selbst andauernd: Einmal stellt sie die These auf, dass es allen westlichen Eltern egal sei, ob etwas aus ihrem Kind werde oder nicht - etwas weiter hinten im Buch redigiert sie dies mit der Behauptung, alle Eltern der Welt wollten nur das Beste für ihre Kinder.

Zu guter Letzt: Als westlich erzogener Pianist kann ich Frau Chuas These, nur ständiger Übungsdrill, vermiedenes öffentliches Lob und tumbes Auswendiglernen führen zu Erfolg und damit zu Freude, aus ganzem Herzen widersprechen. Man kann sehr wohl Freude am Klavierspiel haben, auch wenn einem nicht alles hundertprozentig gelingt. Auch schon der Übungsprozess kann fröhliche Momente enthalten - und am meisten freut es einen natürlich, wenn man auch gelobt und nicht nur scharf kritisiert wird. Im Konzert kann man dann mit der Gewissheit, sein Bestes zu geben, und guten Gewissens an das Vorspiel herangehen.
Darum geht es letztendlich im Leben: Menschlichkeit. Frau Chua hat sie ihren Kindern fast komplett geraubt, sie in einer sterilen und abgegrenzten Parallelwelt aufgezogen. Dies in einem Buch zu schildern, mit stolzem Verweis auf Chinas konfuzianische Tradition, ist für mich nichts als eine Anmaßung. Zwei Sterne gibt es wegen des guten Stils und der hervorragenden Übersetzungsarbeit; das Ziel des Buches bleibt von mir unverstanden.

MfG
Infocat


Spinner
Spinner
von Benedict Wells
  Broschiert
Preis: EUR 10,90

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Leben, so wie es ist, 12. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Spinner (Broschiert)
"Roh und unfrisiert", "bitter-poetischer Humor", "Psychogramm der Orientierungslosigkeit" - wenn man so etwas in einem Klappentext liest, denkt man nicht an gemütliche Leseabende, bei denen eine Seite des Buchs nach der anderen wie geölt schwindet und man sich an einem nicht zu anspruchsvollen, aber trotzdem unterhaltsamen Lesevergnügen erfreut. Doch genau dies verbinde ich mit meiner Lesephase des Romans "Spinner", die nur vier Tage betrug.

Sie ist damit kürzer als die Zeitspanne, in der dieser Roman spielt, aber auch nicht sehr: Nur eine Woche im Leben des zwanzigjährigen Schriftstellers und Scheinstudenten Jesper Lier beschreibt Benedict Wells in "Spinner" - und dennoch gelingt es dem Leser, einen Einblick in die Problematik des Ich-Erzählers zu bekommen. Nach dem Abitur von München nach Berlin gezogen, wollte Lier eigentlich voll durchstarten und mit seinem Jahrhundertwerk "Der Leidensgenosse" den Durchbruch als Romanautor schaffen, doch im Moment läuft alles schief: Er vergräbt sich in einer ungemütlichen Kellerwohnung, studiert nur als Fassade und lügt seiner Mutter ein besseres Leben vor.
Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse in Liers bis dahin nicht gerade spannendem Alltag: Er trifft auf Miriam Schmidt, die im Kellerdunkel fast schon verschwundene starke Gefühle wieder hervorlockt und aber gleichzeitig auch seltsam unerreichbar scheint. Gustav von Wertheim, sein schwuler Freund, steht vor der Tür und entführt ihn in ein anderes, lebendigeres Berlin als Lier es bisher kannte. Sein alter Schulfreund Frank bittet ihn um Befreiung von seiner diktatorischen Mutter und Unterschlupf fürs Erste. Auf einmal ist von Langeweile nicht mehr die Rede.
Dennoch hat Lier es nicht leicht. Immer wieder klopfen dunkle Gestalten an seine Wohnungstür und verlangen nach dem Vormieter, dessen Namensschild noch immer nicht ausgewechselt worden ist. Das findet er am Anfang zwar noch ganz lustig, mit der Zeit aber wird es wirklich ernst. Der junge Autor verliert einen wichtigen Menschen seines Lebens und muss auf sich allein gestellt mit diesem großen Verlust klarkommen. Sein Zustand verschlechtert sich sowohl psychisch als auch körperlich mit jedem Schicksalsschlag. Auch das Verhältnis zu Miriam wird mit der Zeit immer komplizierter...
Die Woche zieht den Protagonisten in eine quirlige Lebensspirale, in der er nicht immer gerade als Sieger davonzieht. Mit scharfer Selbstironie und gnadenlosen Urteilen wirkt Lier zwar nicht gerade sympathisch, doch aber menschlich und authentisch.

Benedict Wells vereint viele Einflüsse zu einer Handlung, die dadurch nicht immer gerade übersichtlich wirkt. Dennoch - das gehört dazu, da es den Gemütszustand Jesper Liers gut widerspiegelt und nicht überhand nimmt. Das Leben wird dargestellt, wie es ist, und nichts beschönigt oder gar vertuscht; alles kommt zur Sprache. Auch Berlin als Stadt wird klangvoll und wahr dargestellt.
Das "roh und unfrisiert" auf dem Klappentext bezieht sich auf die Sprache des Autors. Hier möchte ich ein Veto einlegen, das kann ich so nicht unterschreiben. Zwar ist Wells zeitweise vernarrt in den Ausruf "verdammt!", dennoch ist das hier Verwendete lang nicht so schlimm wie in manchen anderen Büchern.

Wer Berlin liebt und das Leben kritisch betrachtet, dem sei dieses Buch mit voller Überzeugung ans Herz gelegt. Weder gefällig noch zahm nimmt der Autor den Leser mit auf einen Diskurs über das Leben zwischen Jesper Lier und seiner Mitwelt, und ist dabei auch durchaus sozialkritisch. Mehr Bücher von dieser Art und ein breites Publikum dafür wären meiner Meinung nach unbedingt wünschenswert. Die volle Punktzahl ist daher selbsterklärend.

MfG
Infocat


München U-Bahn Album: Alle Münchner U-Bahnhöfe in Farbe /All Munich Metro Stations in Colour (Urban Transport in Germany)
München U-Bahn Album: Alle Münchner U-Bahnhöfe in Farbe /All Munich Metro Stations in Colour (Urban Transport in Germany)
von Florian Schütz
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,50

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gut zusammengestellt, aber unübersichtlich, 15. Dezember 2010
Nachdem ich schon die U-Bahn-Alben von Berlin und Nürnberg kannte, und mich jedes Mal die gut zusammengestellten Informationen (sowohl "U-Bahn-Grundwissen" als auch detaillierte Bahnhofsbeschreibungen) und die Übersichtlichkeit des Albums überzeugt haben, orderte ich die Münchner Version von Dr. Florian Schütz und wartete gespannt auf die Ankunft des Buchs. Inzwischen kann ich sagen, dass der Kauf definitiv richtig war, wenngleich es dieses Mal wieder kleinere Mankos gab.

Jeder einzelne Bahnhof in München (oder auch in Garching) wird detailliert entfaltet, geschichtlich und architektonisch. Von den wichtigen Stationen wie Theresienwiese, Sendlinger Tor und Marienplatz bis hin zu Außenbezirks-Bahnhöfen wie Dülferstraße oder Holzapfelkreuth widmet der Autor jeder Tatsache einen Platz - das kann auf die Dauer anstrengend sein, bietet aber oft auch sehr interessantes Wissen über die Münchner U-Bahn! Dabei bedient sich Dr. Schütz nicht nur abgehobenen Fachvokabulars, sondern schreibt so verständlich, dass auch Unkundige die Fakten durchschauen und bestimmt nicht nur noch U-Bahnhof verstehen! Ganz vorne im Buch wird die Stadt München mit ihrem ÖPNV generell dargestellt, weiter hinten ist als "Zusatz" noch ein Kapitel über unterirdische S-Bahn-Strecken enthalten. Dies ist mehr als "Bonusmaterial" zu sehen; der Hauptschwerpunkt liegt definitiv auf der Beschreibung der U-Bahn.

Zwei kleinere Mängel sind mir persönlich aufgefallen, der erste ist in dieser Reihe bereits altbekannt: die kleine Schrift, die zwar mir persönlich keine Probleme bereitet, allerdings auf die Dauer auch stört. Hier sollte man nicht versuchen, möglichst viel Wissen auf möglichst kleinen Raum zu pfropfen, obwohl dadurch das Buch natürlich sehr handlich ist.
Schlimmer finde ich das zweite Manko. Das Buch ist komplett unübersichtlich gegliedert, was wirklich einen Gegensatz zu den beiden anderen mir schon bekannten Exemplaren bildet! Natürlich ist auch die Geschichte der Münchner U-Bahn mit Stammstrecken, Erweiterungen und Linienumbenennungen alles andere als einfach, aber die seltsamen Zusammenlegungen (U3/U6, U1/U2, U4/U5) verwirren den Leser mehr, als dass sie ihm nützen. Hier hätte man die Struktur nochmals überdenken müssen.

Ansonsten aber im Großen und Ganzen ein sehr lesenswertes Buch mit vielen wichtigen und interessanten Fakten über die Münchner Untergrundbahn; gewohnt gute Arbeit aus der U-Bahn-Album-Reihe! Mit historischen und aktuellen Bildern sowie kurzen Exkursen an die "Oberfläche" der Stationen mit den Aufgängen bekommt man einen ziemlich guten und scharfen Eindruck dieses Verkehrsmittels. Weiter so, das ist ein gutes Konzept!

MfG
Infocat
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 13, 2011 8:02 PM CET


Luke und Jon: Roman
Luke und Jon: Roman
von Robert Williams
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

28 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ordentliches Debüt, 6. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Luke und Jon: Roman (Taschenbuch)
Durch einen Artikel im KulturSPIEGEL bin ich auf den jungen Debütautor Robert Williams und seinen ersten Roman "Luke and Jon" gekommen. Nach einer nur zweitägigen Phase habe ich mich nun durch sein unaufdringliches Debüt gelesen und habe im Großen und Ganzen einen durchaus positiven Eindruck vom Stil des Autors und seiner Herangehensweise an die beschriebene Problematik gewonnen.

Der Ich-Erzähler Luke verliert seine Mutter bei einem Autounfall, was wiederum seinen Vater, einen Holzspielzeug-Fabrikanten, in eine tiefe Krise stürzt. Er beginnt zu trinken, kann sich nicht mehr um fällige Rechnungen und anderes kümmern und muss schließlich aus dem alten Haus ausziehen. Also ist der Protagonist gezwungen, in ein baufälliges Haus nahe der Kleinstadt Duerdale umzuziehen.
Dort trifft er auf Jon, einen ihm seltsam vorkommenden Jungen, der Faktenwissen regelrecht einspeichert, wieder ausspuckt und ansonsten eher still ist. Mit seinen Großeltern lebt Jon in einem vollkommen verwahrlosten Messiehaus in Duerdale und bekommt deswegen oft "Besuch" von Sozialarbeitern.
Lukes Fragen zur Schule beantwortet Jon nicht - und das mit Recht, wie man später merkt. Offenbar wird er in der Jahrgangsstufe gemobbt. Gleichzeitig beginnt Lukes Vater, an einem riesigen Holzpferd herumzubasteln und eine Gerichtskommission rollt nochmals den Unfall seiner Mutter auf... die Ereignisse verdichten sich zunehmend und die Protagonisten müssen improvisieren, um jede Situation möglichst gut zu lösen.

Der Stil des Autors ist unaufdringlich und wirkt authentisch. Durch das Schreiben in der ersten Person wird es dem Leser auch ermöglicht, an Gedanken und Gefühlen von Luke teilzuhaben. Das einzige Manko, das etwas schade ist: hierdurch wird eine Situation, die der Protagonist nicht selbst erlebt, sondern erzählt bekommen hat, oft ziemlich banal geschildert und vermittelt nicht das eigentliche Gefühl. Ich weiß, dass das ein generelles Problem bei Ich-Erzählern ist, doch finde ich, dass es hier etwas zu ungeschmeidig wirkt.

Insgesamt hat das Buch bei mir einen guten Eindruck hinterlassen, wenn ich auch finde, dass 188 Seiten fast ein bisschen zu wenig sind für die Außenseiter-Problematik, die darin angesprochen werden.
Gut gemacht, Mr. Williams, weiter so! Vier von fünf Sternen.

MfG
Infocat


Sentimento
Sentimento
Preis: EUR 13,23

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gewohnt atemberaubende Stimme, 28. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Sentimento (Audio CD)
Durch die "Straße der Lieder" auf Eva Lind aufmerksam geworden, habe ich mich zum Kauf ihres Albums "Sentimento" entschieden und musste bei der Liedauswahl erst einmal ziemlich schlucken: obwohl mich der Titel das hätte ahnen machen müssen, war ich doch sehr überrascht, in fast jedem Liedtitel das Wort "Liebe" zu finden. Meine Befürchtung war anfangs, diese CD sei kitschtriefend gesungen.

Nachdem ich mich "durchgehört" hatte, habe ich mich gefragt, wie ich je so etwas von Frau Lind denken konnte. Ihr wunderbarer Sopran, der auch andere Weltklassesängerinnen wie Anna Maria Kaufmann in den Schatten stellt, ist von einer so unfassbaren Reinheit, dass der Gedanke an "Kitsch" gar nicht erst aufkommt. Was ich ebenfalls sehr positiv empfand, war, dass Frau Lind auch auf Italienisch gesungen hat - diese Sprache passt perfekt zu ihr!
Auch die Melodien der gesungenen Lieder sind sehr schön und entspannend für gemütliche Wintertage und -abende.
Die volle Punktzahl kann hier durch nichts verhindert werden. Großartige Leistung!

MfG
Infocat


Bus Simulator 2009
Bus Simulator 2009
Wird angeboten von marion10020
Preis: EUR 9,97

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Nicht im Geringsten empfehlenswert!, 27. November 2010
= Spaßfaktor:1.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: Bus Simulator 2009 (Computerspiel)
Ich habe schon ziemlich lange gezögert, mir den Bus-Simulator 2009 zuzulegen, nachdem ich die vielen negativen Rezensionen gelesen habe. Generell habe ich auch deswegen gezaudert, weil ich schon oft gehört habe, dass Astragon meist keine guten Simulationsprodukte anbietet. Alles dies habe ich in den Wind geschlagen...

...und bin nach dem Kauf so frustriert gewesen wie noch nie zuvor!

Es will und will einfach bei diesem Spiel kein Fahrspaß aufkommen; dies beginnt schon im Hauptmenü. Ebenjenes gehört bei einer Simulation klar und übersichtlich und nicht mit dümmlicher Musik unterlegt. Genauso möchte ich keine Busse kaufen müssen und Geld verdienen; das ist eine Nahverkehrssimulation und kein Testspiel für Wirtschaftsbosse! Darf man dann endlich auf einer der freigekauften Buslinien im fiktiven Rheinburg (warum hat man nicht eine reale Stadt genommen? Für mich zeugt das schlicht und ergreifend von Faulheit, da man sich nicht an Realitäten halten muss!) fahren, wozu man lange Ladezeiten in Kauf nehmen muss (Anm.: mein Laptop ist erst nach dem Release dieses Spiels überhaupt produziert worden!), muss man sich auf eine mindestens DIN A3-formatige Seite die ganzen Tastenbelegungen schreiben. Es geht wirklich NICHT komplizierter!
Irgendwo mitten in der Route lädt der Simulator - wieder mindestens fünf Minuten lang - das "Stadtgebiet". Hier hört mein Verständnis vollends auf; der letzte Rest an Fahrspaß ist jetzt endgültig weg.

Die Fahrphysik ist schlicht unrealistisch; der Bus rollt nicht aus, sondern bleibt von 4 km/h aus einfach stehen, ganz abrupt. Setzt man den Blinker und fährt nur wenige Zentimeter weiter zur Seite, hört der Bus schon wieder auf zu blinken. Ebenfalls steckt die "Simulation" voller Detailfehler: mitten während der Fahrt knallt plötzlich ein Auto auf das Busdach und hüpft holpernd auf die Straße vor mir. Das wird dann mir als Fahrer unter "Verkehrsdelikt: Schweren Verkehrsunfall verursacht!" negativ angerechnet. Von der Grafik will ich lieber gar nicht reden; ich sage nur, dass sie weit, weit unter dem Durchschnitt liegt.
Die "Aufgaben" im Spiel sind ebenfalls kein bisschen spannend; man hat eine Anfangs- und eine Endhaltestelle und fährt einfach. Dazu noch ein paar lächerliche Vorortsnamen wie "Kekshausen" und das Gebiet ist komplett.
Hier wurden wirklich ganz, ganz elementare Versäumnisse begangen, und ich bin wirklich nicht der Typ, der gerne jammert (ich gebe auch nicht gern zu, dass ich mich "verkauft" habe). Aber hier kann ich einfach nichts anderes mehr machen, denn so wie es ist, macht das Spiel einfach keinen Spaß.

So schlampig und schludrig bei den wichtigen Dingen gearbeitet wurde, so akribisch hat man überflüssige Details eingebaut. Ich darf meine Busfahrerfigur ändern (auch männlich-weiblich), meine Busse lackieren und ihnen Werbung an die Wand klatschen. Man kann fiktive Routen in einer fiktiven Stadt erfinden und fiktiven Haltestellen fiktive Namen geben - irgendwo hier ist mir dann der Geduldsfaden gerissen, ich habe das Spiel von meinem Laptop gelöscht und die CD-Box in eine dunkle Ecke verfrachtet. Anschließend bin ich reumütig zu anderen Bussimulationen zurückgekehrt.

Bevor ich das Spiel gekauft habe, habe ich mir Screenshots angesehen, die sehr verlockend gewirkt haben. Das täuscht!!! Es gibt für mich keinen einzigen positiven Aspekt an diesem Spiel - und eigentlich versuche ich schon immer, welche zu finden! Der Preis ist für mich auch nicht in Ordnung, wenn man die Qualität bedenkt.
Wem die Simulation gefällt, den kann ich nur beneiden, denn ich bin nicht zufrieden und es wurmt mich noch immer, dass ich für so eine Qualität Geld ausgegeben habe. Für mich gilt: Nie wieder Astragon, es sei denn, das Entwicklerstudio heißt TML!!!

MfG
Infocat


3096 Tage
3096 Tage
von Natascha Kampusch
  Gebundene Ausgabe

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gebündelte Kraft, 18. November 2010
Rezension bezieht sich auf: 3096 Tage (Gebundene Ausgabe)
Lange habe ich gezögert, eine Rezension zu "3096 Tage" zu schreiben, denn: wie macht man das? Einerseits darf ich von einer achteinhalb Jahre lang Entführten nicht ein krimihaft geschriebenes Buch erwarten, andererseits kann man auch nicht verlangen, dass Kampusch komplett sachlich bleibt. Eine Nicht-Fünf-Sterne-Rezension könnte als empathielos, eine mit voller Punktzahl als bemitleidend interpretiert werden - nach dem Motto: "Dem armen Hascherl geb ich gleich mal volle Punktzahl".

Das mag der Grund für manche sein, für mich nicht. Die Begründungen sind im Nachfolgenden aufgeführt.

Kampusch beginnt bei ihrer Kindheit und verklärt dabei keineswegs diese Epoche als "schön" oder "unbeschwert", wie der oberflächliche Betrachter beim Vergleich zur Entführungszeit denken könnte. Noch Minuten vor ihrer Entführung sei ein Suizidgedanke in ihr aufgekeimt, den sie dann aber schnell unterdrückt habe.
Die junge Frau und ihre beiden Ghostwriterinnen spicken das Buch nicht übermäßig mit eigenen Gefühlen, sondern stellen an den Anfang jeden Kapitels ein Zitat, das Kampuschs Gefühlslage in den dargestellten Situationen schildert. Das wirkt manchmal sehr nüchtern und schafft zwischen Autorin und Handlung eine höhere Distanz. Auch die Umschreibung Priklopils, der fast immer schlicht "der Täter" genannt wird, verringert den schmerzhaft persönlichen Anteil. Obwohl hier manche anderer Meinung sein mögen, möchte ich untermauern, dass es auch für den Leser in manchen Momenten "einfacher" ist, mit dieser gewonnenen Distanz umzugehen. Bemerkenswert auch der unglaublich starke Wille des Kinds, Teenagers und der jungen Frau Natascha Kampusch, das alles zu überleben und anschließend ein selbstständiges Leben zu führen.
Am erschütterndsten war auf mich die langsame Entfremdung Natascha Kampuschs von der Außenwelt. Auch als ihr Peiniger sie mit in einen Garten nahm, glaubte sie ihm nicht, dass die Umgebung echt war, und hielt alles für eine Filmkulisse. Diese Passagen im Buch, ebenfalls niedergeschrieben in einer überraschenden Distanzierung - mit der Begründung "ich kannte es nur so" - haben mir während meiner nur dreitägigen Lesephase schier den Atem geraubt.

Ich will nicht Kampuschs Verliesleben schildern, das ist nicht die Aufgabe meiner Rezension. Eher möchte ich mich noch auf das Ende beziehen, in dem einmal mehr deutlich wird, welch eine unfassbar große Kraft Natascha Kampusch besitzt: Sie hat mit ihrer Flucht einen Teil ihres Versprechens an sich selbst eingelöst, der andere wurde dadurch erfüllt, dass sie in ein selbstständiges Leben überwechselte - genau so, wie sie es immer wollte. Sie hat sich nicht wie ein Huhn mit mitleidig hingeworfenen Körnern zufriedengegeben, sondern sich im Willen ungebrochen ein eigenes Leben, welches Priklopil ihr immer verweigerte, geschaffen.

Spätestens an diesem Punkt sollte klar sein, dass ich keinem armen Hascherl fünf Sterne auf das Buch "3096 Tage" gebe, sondern einer selbstbewussten, starken jungen Frau, die in den undenkbarsten Situationen menschlichen Lebens die größte und mächtigste Kraft bewiesen hat.
Natascha Kampuschs Buch sollte meiner Meinung nach in jedem Sozialkundeunterricht gelesen werden, denn nur aus der Sicht des Opfers eines der perversesten Verbrechen in den gesamten letzten Jahrzehnten kann der menschliche Abgrund erahnt und die Folgen aufgezeigt werden. Frau Kampusch, einen großen Dank für diese unverblendete, hasslose und klare Erinnerung!

MfG
Infocat


Axolotl Roadkill
Axolotl Roadkill
von Helene Hegemann
  Taschenbuch

4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Könnte gut sein - wenn nicht..., 17. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Axolotl Roadkill (Taschenbuch)
Einen erstaunlich differenzierten Artikel des SPIEGELs über das Debüt der 17-jährigen Berlinerin Helene Hegemann, das Buch "Axolotl Roadkill", habe ich gelesen, bevor sich bei mir das Interesse regte, es zu lesen. Die extremste Formulierung des Redakteurs war noch "radikal, sperrig und teilweise schlicht unlesbar".

Dem kann ich nicht zustimmen, es ist noch viel, viel extremer, als man sich je vorstellen könnte!

Hegemann reißt den Leser gewaltsam in die Umgebung ihrer Handlung hinein, rücksichtslos und mit einer Sprache, die einem Hurrikan gleicht. Mit Dialogsätzen wie "Hör endlich auf, diese pseudonaiven, pseudokleinkindlichen, pseudounschuldigen Aussagesätze aus dem Gehege deiner Zähne zu entlassen!" oder "Ich bin kein Verbrecher, ich sehe nur im Moment schlecht aus" erschlägt sie noch den letzten Widerstand des Lesers dagegen, sich selbst komplett zu vergessen und in das Berlin des Jahres 2010 einzutauchen.
Manchmal wollte ich vor Frustration über ihre Sprache, der ich über weite Teile nichts wirklich Sinnvolles abgewinnen konnte, das Buch weglegen oder gar wegwerfen, habe mich aber "durchgebissen" durch diese dichte Ansammlung von Wahn und Weisheit, die Hegemann zu siamesischen Zwillingen macht. Am Ende dachte ich mir: "Und das ist jetzt das Ende? Das gibt's doch nicht!" und war enttäuscht, dass das Buch "nur" ca. 200 Seiten hat. Selten hat mich Sprache so fasziniert, muss ich sagen.

Warum dann nur drei Sterne? Das Buch könnte doch eigentlich das Buch aller Bücher sein, wenn man hier meine oben genannte Faszination bemerkt. Ja - könnte, ist es aber leider nicht, da es eine Parallelwelt beschreibt, die mit Realität teilweise schlicht nichts zu tun haben kann.
Ich (m, 15) maße mir hier ein ziemlich eindeutiges Urteil an, nachdem ich in den Medien den Hype um Hegemann als "authentische Stimme der Jugend" verfolgen konnte, und sage ganz deutlich: Hegemann ist NICHT die Stimme der Jugend und sie verwendet NICHT die Sprache der Jugend! Kein normaler Teenager in der ganzen Welt würde solche Sätze wie oben beschrieben von sich geben. Die Realität ist oft normaler, als Hegemann das beschrieben hat. Auch wenn die verwendete Sprache gut den Gefühlszustand der Protagonistin Mifti wiedergibt, entspricht sie nicht der Realität und kann so nirgends gefunden werden.
Jugendliche im wirklichen Leben reden normaler und unprätentiöser als Hegemanns Hauptfigur Mifti. Diese Verfehlung rechtfertigt meiner Meinung nach den Abzug von 2 Sternen und die Abwertung auf 3/5.

Auf die Plagiatsaffäre Hegemann-Airen gehe ich nicht ein, da dies nicht zu einer Rezension gehört.

MfG
Infocat


Am Anfang war die Nacht Musik: Roman
Am Anfang war die Nacht Musik: Roman
von Alissa Walser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Buch der Bücher, 22. September 2010
Durch den SPIEGEL bin ich auf das Erstlingswerk Alissa Walsers gekommen, "Am Anfang war die Nacht Musik". Obwohl mir die Handlung anfangs für ein ganzes Buch etwas zu langweilig erschien (Arzt trifft blinde Pianistin und kuriert sie), war ich neugierig auf die Tochter Martin Walsers...
...und fand mich nach der Lektüre erschöpft und begeistert wieder auf meiner Couch.

Allein schon der erste Satz des Buches wirkt wie ein wohltönender Klang, den die Autorin anschlägt und der wie die auf dem Cover abgebildete Glasharmonika vielstimmig verklingt. Nachdem ich die Rückseite - gespickt voll mit Kommentaren wie "hochmusikalischer Sprache" und "in jeder Zeile satte Sinneseindrücke" gelesen hatte, war ich mir sicher, dass man dieses Buch heftig hochstilisiert hatte.
Dem war nicht so!
Entweder hat sich Alissa Walser jede Zeile, jeden Satz, jedes Wort so gründlich überlegt, bis sie sicher war, dass es passt - oder sie verfügt über die besondere Fähigkeit, aus Sprache Atmosphäre zu schaffen - und das meine ich nicht figürlich, sondern ernst!
Walser schlägt keinen blumig-barocken Ton an, wie vielleicht Zeit und Ort der Handlung (Wien 18. Jh.) vermuten lassen würden, sondern eine Sprache, die so wunderbar gleichmäßig und gleichzeitig abwechslungsreich schwingt, wie im Walzertakt, dass man wie auf einer wohligen Welle durch die gesamten 250 Seiten des Buchs (am Ende dachte ich im Gegensatz zum Beginn, das sei noch zu wenig) getragen wird. "Sprachreise" wird oft inflationär verwendet, aber hier stimmt es Buchstabe für Buchstabe!

Maria Theresia Paradis, als Wunderkind geltende, blinde Wiener Pianistin und Musikschülerin von Kozeluch und Salieri und darüber hinaus Komponistin der 'Sicilienne', wird von ihren Eltern zum angesehenen Arzt Franz Anton Mesmer gebracht, nachdem die Therapien anderer Ärzte versagt haben. Mesmers umstrittener Magnettherapie unterwirft sich mit anderen Patienten auch "Resi" Paradis.
Nach einer Weile des Aufenthalts kann Resi mit geöffneten Augen auch wieder sehen, doch leider, leider... kann sie ab diesem Moment nicht mehr Klavier spielen, was ihre erbosten Eltern dazu veranlasst, sie mit Gewalt zurückzuholen.
Nachdem Mesmer vom Geachteten zum Geächteten geworden ist, tingelt er noch eine Weile durch Wien, bis er sich nach Paris absetzt und dort eine eigene Schule für Magnettherapie eröffnet. In Paris trifft er auch Resi wieder, die auf einer Tournee dort Halt macht.

Die vergleichsweise "alltägliche" Handlung, wenn man sie mit anderen Historienschinken vergleicht, die im Übrigen auf historisch belegten Daten und Fakten fundiert, findet in einer ätherisch umschriebenen Welt statt, mit einer so unfassbaren Sprachmelodie, dass man manchmal fast ein wenig neidisch auf die Autorin wird, die das kleinste Detail so wunderbar umschreiben kann.
Das soll aber nicht heißen, dass das Buch langwierig, belanglos oder gar aufgebauscht ist! Es ist eine vergleichsweise reale Handlung, die aber mit den schönsten und edelsten Stilmitteln der Sprache in einer anderen Sphäre, auf einer höheren Bewusstseinsebene, stattfindet.

Sonst versuche ich, meine Rezensionen möglichst kurz zu halten. Je länger die Rezension, umso begeisterter war ich vom Buch. Ich denke, anderen Leuten wird es genauso gehen wie mir: sobald sie die erste Seite aufschlagen, befinden sie sich mit Herz und Seele im barock-klassischen Wien und enden auf der letzten Seite in Paris.
Alissa Walser spielt die Glasharmonika des Erzählens meisterlich und schafft damit einen Stern am Himmel eines jeden Lesers. Jeder Ton klingt harmonisch, aber trotzdem intelligent und wirkt nie deplatziert, so gut wie nie eine Dissonanz. Jedes Kapitel eine Strophe für sich, in der das Stück sich fortsetzt, bis der letzte Ton auf einem Platz in Paris verklingt.

MfG
Infocat


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