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Rezensionen verfasst von
Hendrik Son

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12 Etudes D'execution Transcendente
12 Etudes D'execution Transcendente
Preis: EUR 14,97

16 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen nicht ganz überzeugend, 30. September 2011
Arraus Interpretation der "Etudes d'execution transcendente" war die erste CD, die ich mir damals als 11-jähriger gekauft hatte. Wäre ich nicht schon zu diesem Zeitpunkt ein Liszt-Fan gewesen, hätte mich diese CD zu einem gemacht. Mich hat die Faszination an Liszt und seinen eigenwilligen 12 Charakterstücken nie wieder losgelassen. Und mir ist jede neue Aufnahme willkommen, zumal es (noch) nicht zu viele Gesamteinspielungen gibt.
Die guten Seiten zuerst: jede Person, die den pianistisch wie musikalisch höchst anspruchsvollen Zyklus meistert, verdient Respekt. In weiten Teilen scheint Alice Sara Otts Einspielung der 12 Etuden gelungen. Wie von den vorherigen Rezensenten erwähnt, verfügt sie über bemerkenswerte technische Fertigkeiten, die es ihr erlauben sich ganz der Musik zu widmen.
Aber ganz glücklich bin ich mit dieser CD dann doch nicht geworden. Nach meinem Verständnis haben zumindest etliche dieser Stücke (wie auch die Ungarischen Rhapsodien) auch immer etwas mit "Magie" oder "Dämonie" zu tun, und genau das meine ich an ihrem Spiel zu vermissen. Otts Feux Follets ist wunderbar luzide und durchhörbar. Aber im Vergleich mit Berezovsky oder gar mit der Live-Aufnahme von Richter in Sofia klingt ihre Interpretation einfach zu brav, fast zu schülerhaft. Beide russischen Klavierlöwen versprühen in ihren Versionen der Irrlichter eine Unruhe und Nervosität, dass sich einem die Haare zu Berge stehen. In der Wilden Jagd ist sie weit davon entfernt, das Feuer und die Wildheit zu entfachen, wie es einst Arrau gelang. Oder ein weiteres Beispiel: Kissin wagt es in Chasse neige die Melodielinie und die Basslinie leicht versetzt zu spielen (und das nicht nur an denen Stellen, in denen Liszt das durch 32-tel-Pausen explizit fordert); ein kleine, dezente manchmal kaum hörbare, romantische Geste, die aber gewaltig nachwirkt. Während ich bei Ott vor allem ein Crescendo, ein Lauterwerden der Musik höre, fühle ich mich bei Kissin in den von der Ferne aufziehenden Schneesturm versetzt.
Alles in allem wirkt Otts Einspielung sehr kontrolliert, aber eben zu kontrolliert, zu gekonnt, wie in einer Abschlussprüfung einer Musikhochschule. Immer wieder würde man ihr gerne zurufen sich von der musikalischen, emotionalen Kraft einfach mal mitreißen zu lassen, die Zügel etwas lockerer zu lassen. Was mir an ihrer Interpretation fehlt, ist kurzum das "Transzendentale" der Musik.
Zweimal überarbeitete Liszt seine jugendlichen 12 Etuden auf eine ziemlich drastische Art und Weise, um schließlich zu seiner Endfassung der Etudes d'execution transcendente zu gelangen. Und vielleicht gelingt es der zweifelsohne sehr begabten Pianistin später das hinzuzufügen und nachzuholen, was ihr hier noch fehlt.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 26, 2012 3:20 PM MEST


The Reason for God: Belief in an Age of Skepticism
The Reason for God: Belief in an Age of Skepticism
von Timothy Keller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,18

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen in der Tradition des C.S. Lewis, 29. Juni 2009
Unser Zeitalter scheint ein in sich sehr Widersprüchliches zu sein. Viele hatten prognostiziert, dass der Glaube an Gott in einer hoch gebildeten und hoch technologisierten Gesellschaft bald der Vergangenheit angehören würde. Aber trotz wissenschaftlicher und technischer Fortschritte und Durchbrüche haben religiöse Gruppen eine starke Zunahme an Anhängern zu verzeichnen. Und unter Nobelpreisträgern und herausragenden Wissenschaftlern sind auch immer wieder bibeltreue Christen zu finden. (Der Rezensent selbst ist Christ und promovierter Biologe). Das wiederum zeigt, dass Glaube und Wissenschaft sich nicht notwendigerweise ausschließen müssen, Glaube und Intellekt schon gar nicht. Beststeller wie der "Gotteswahn" (The God delusion) von Richard Dawkins und Bücher von Sam Harris und anderen versuchen jedoch den Eindruck zu vermitteln, dass Religion generell etwas Schädliches ist und abgeschafft gehört. Auf diese Weise vergrößern sie die Kluft, die ohnehin schon zwischen Atheisten und Gläubigen existiert.
Timothy Keller, ein Pastor aus New York, versucht hingegen einen anderen Weg einzuschlagen. Er scheint ganz bewusst den Dialog zu suchen. Sowohl Atheisten als auch (hier in diesem Fall) Christen sollten wissen, weshalb sie sich für die eine oder andere Seite entschieden haben. Und sie sollten ihre Weltanschauung und ihr Glaubenssystem auch gut begründen und im Vergleich mit anderen Glaubenssystemen verteidigen können. Typische Fragen von Nichtgläubigen sind zum Beispiel: Wie kann ein guter allmächtiger Gott so viel Leid zulassen?, Ist das Christentum nicht eine Zwangsjacke?, Wie kann ein liebender Gott Menschen in die Hölle werfen? etc. Auf alle diese Fragen gibt Keller sehr profunde und anschauliche Antworten. Während Keller im ersten Teil des Buches eine Antwort auf Kritiken zur christlichen Lehre gibt, versucht er im zweiten Teil positiv zu argumentieren, weshalb ihm Glauben an Gott im Allgemeinen und Glauben an die Doktrin des Christentums im Speziellen die Weltanschauungen liefern, die rational am plausibelsten erscheinen. Für alle, die also eine solide Einführung in die Argumente für das Christsein bekommen wollen, (was sowohl für Christen als auch für Nichtchristen gilt), ist dies das Buch der Wahl.
Das Buch lässt sich Großen und Ganzen ganz gut lesen, ohne oberflächlich zu sein. Die angeführten Beispiele helfen der Veranschaulichung seiner Argumentation. Und Keller zeigt insgesamt, dass er ein exzellenter Schreiber ist, ganz in der Tradition des großen C.S. Lewis.


Sinfonien
Sinfonien
Preis: EUR 15,15

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Stravinsky mit viel Drive, 17. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Sinfonien (Audio CD)
Es war das Jahr 2003, als Rattle in Zusammenarbeit mit Roysten Maldoom ein großes Tanzprojekt zu Strawinskys Sacre du printemps auf die Beine stellte, dessen Verfilmung ein gigantisches Echo hervorrufen würde. Bei all der Begeisterung, die der Film auslöste und bei all den sensiblen Themen, die hier so großartig behandelt wurden, wie Erziehung, Kultur und Menschlichkeit, geriet fast schon in Vergessenheit, dass von der Bühne aus auch absolut großartige Musizierkunst und Strawinsky-Interpretation auf höchstem Niveau durch die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten zu hören waren. Das wird nun bei dieser vorliegenden CD definitiv nicht passieren.
Es braucht sicherlich einiges an Wagemut, einen ganzen Konzertabend, in welchem diese Einspielung ja bewerkstelligt wurde, mit einem reinen Strawinskyprogramm zu bestreiten. Aber das Resultat lässt sich allemal hören! Musiziert wurden die Symphonie in drei Sätzen, die Psalmensymphonie und die Symphonie in C. Was die instrumentalen Symphonien gemeinsam haben, ist ihre haarsträubende Virtuosität und technischen Anforderungen, die sie an das Orchester stellen. Viele rhythmisch äußerst vertrackte Stellen wollen bezwungen werden. Was bei dieser CD-Aufnahme begeistert, ist (nicht nur die Tatsache, dass Rattles schöner Lockenschopf ausnahmsweise mal nicht auf dem CD-Cover prangt, sondern) die unerhörte Meisterschaft dieses exzellent disponierten Orchesters. Sie meistern nicht nur alle Schwierigkeiten, sondern Strawinsky klingt sogar richtig gut in ihren Händen. Voller Präzision, Elan, Swing, Drive (und Rock) fliegen hier die Funken in den schnellen Sätzen. Und wenn Rattle im Finale der Symphonie in drei Sätzen den Schluss ruppig (die Streicher) und wuchtig (die Bläser) auftürmt, kommt man nicht umhin zu sagen: "das hat richtig gefetzt!"
Weiter geht es mit der Psalmensymphonie mit dem Rundfunkchor Berlin. Liebevoll herausgeputzt ist diese Musik und verbreitet mehr neoklassizistischen Charme als religiöse Gefühle. Den Abschluss bildet die Symphonie in C. Immer wieder kreisen die Motive und die Töne H, C und E, aus welchen sich die Stringenz der ganzen Symphonie entwickelt nebst orchestraler Brillianz in diesem zumindest äußerlich konventionellen Meisterwerk Strawinskys. Zauberhafte Interpretation! Wer hätte gedacht, dass Strawinsky so schön klingen kann?
Lange Rede kurzer Sinn: diese Aufnahme hat mustergültigen Referenzstatus und wurde zurecht mit dem Grammy ausgezeichnet. Kompliment auch an die Tontechniker der EMI: Aufnahmequalität ist wie immer vorzüglich!


Ravel: L'Enfant et les Sortilèges / Ma Mère l'Oye
Ravel: L'Enfant et les Sortilèges / Ma Mère l'Oye
Preis: EUR 21,99

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen luzider und klarer Ravel, 17. März 2009
Als Sir Simon Rattle zum Chef der Berliner Philharmoniker berufen wurde, gab er das Versprechen das Repertoire dieses absoluten Ausnahmeorchesters stetig zu erweitern ohne die Traditionspflege zu vernachlässigen. Die im Moment noch andauernde Spielzeit 2008/2009 kann dafür exemplarisch herhalten. Zum ersten Mal führten die Philharmoniker unter Rattle das Urgestein des philharmonischen Repertoires komplett auf: der brahmssche Viertausender. Die Aufnahme, die im Rahmen dieser Konzerte eingespielt wurde, soll noch im Frühling dieses Jahres veröffentlicht werden. Auf der anderen Seite machte Rattle bei den Berlinern französiche Musik zum wesentlichen Bestandteil ihres Spielplans, mit Messiaen und auch mit Ravel. Wenn das im Vergleich mit Brahms kein Kontrastprogramm ist: auf der einen Seite der ernste, (über-)gewichtige, deutsche Vollblüter, auf der anderen Seite die leichte, transparente, seidige Spielwiese.
Während man den Medien mit einigem Humor dabei zusehen kann, wie sie Rattles Leistungen bei Brahms heftig diskutieren, wie nun und ob überhaupt der "deutsche Klang" unter Rattle abhanden gekommen ist, bleibt Simons fabelhafter Ravel über alle Zweifel erhaben. Wie die Berliner Philharmoniker unter Rattle in die Kinderwelt von "Ma mère l'Oye" entführen, mit den feinsten, umwerfend schönen und ungemein luziden Klängen nur so um sich werfen und dabei die ganze Dramaturgie in Ravels ursprünglich als vierhändiges Klavierstück erdachten Werken entfalten: da gibt es nichts zu meckern und zu kritisieren. Dem stehen auch die "L'enfants et les Sortilèges" in nichts nach. Rattle war in der Lage auf ein vorzügliches Sängerteam nebst bewährtem Rundfunkchor zurückzugreifen. Bis auf Kozena, die etwas zu brav wirkt und von welcher man sich vielleicht etwas mehr Aggressivität hätte wünschen können, erfüllen alle ihre Rollen blendend.
Schon zweimal wurden die Berliner Philharmoniker unter Rattle mit dem Grammy ausgezeichnet für herausragende Chormusik, darunter auch das Brahms-Requiem. Es würde mich nicht allzu sehr wundern, wenn für diese vorzügliche Aufnahme die nächste Nominierung und Auszeichnung folgen würde. Die Berliner sind nicht nur das beste Brahms-Orchester der Welt. Sie outen sich hiermit auch als absolute Profis und Fachleute im Fach französischer Impressionismus.


Sinfonie 9
Sinfonie 9
Preis: EUR 21,99

21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mahlers Abschied in Vollendung, 17. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Sinfonie 9 (Audio CD)
Mit der demokratischen Wahl von Sir Simon Rattle zum Chefdirigenten hatten die Berliner Philharmoniker einen mutigen Schritt gewagt und drastische Erneuerungen in Kauf genommen. Und Rattle hat bislang sein Versprechen gehalten, und mit jeder Spielzeit das Repertoire dieses einmaligen Klangkörpers stetig erweitert, vor allen Dingen in Bezug auf zeitgenössische Komponisten. Aber gleichzeitig hielt Rattle auch sein anderes Versprechen, und zwar die Pflege von Werken, die zu den traditionellen Stärken der Berliner zählen, dem philharmonischen Erbe eines Orchesters, das in seinen frühen Jahren direkten Kontakt und Draht zu den großen spätromantischen Komponisten wie etwa Strauss und Mahler genoß.
Es war schon immer ein Glücksfall, wenn Rattle und Mahler aufeinander trafen. Bei seinem Debut bei den Berliner Philharmonikern dirigierte er Mahlers Sechste, und nachdem er Jahrzehnte später zu deren Chefdirigenten ernannt wurde, gab es im allerersten Konzert seiner Amtszeit ebenfalls Mahler, nämlich die Fünfte. In der Spielzeit 2007/2008 standen vor allen Dingen die späten Werke von Mahler auf dem Programm: zum wiederholten Male die 10. Symphonie in der Cooke'schen Aufführungsversion, die weder ihm noch uns langweilig werden wird, das Lied von der Erde und die neunte Symphonie.
Schon mit den ersten Takten der neunten Symphonie ist dem Zuhörer einfach bewusst, dass Rattle bei Mahler zu Hause ist. Es herrscht da einfach ein Gefühl von Richtigkeit: alles ist an seinem Platz, ganz so, wie es sein sollte. Die für Mahler so typischen kammermusikalischen Details werden liebevoll ausmusiziert, ohne den Blick fürs Ganze zu verlieren. Die Ausbrüche im ersten langsamen Satz sind gigantisch, und doch bleibt das Orchester selbst in den tumultartigen und dichtesten Passagen durchhörbar und transparent. Im Tanzsatz beweist Rattle einmal mehr sein untrügerisches Gespür für die richtigen Tempi und Rhythmen. Die Rondo-Burleske versprüht Spielwitz und Virtuosität ohne Mahlers Trotz zu verlieren. Und wer meinen sollte, die Berliner Philharmoniker hätten ihren deutsch-traditionellen, dunkel gefärbten, bass-betonten Klang verloren, der höre sich die Auflösung der Symphonie im letzten Satz an.
Die Neunte sollte die letzte durchkomponierte und vollendete Symphonie von Mahler bleiben. Hier ist also Mahlers auskomponierter Abschied, sein Beitrag zum fin de siècle, präsentiert von einem der wohl bedeutendsten Mahlerdeuter unserer Zeit und realisiert durch ein exzellentes Orchester, das bereit ist, ihm durch alle Höhen und Tiefen zu folgen. Exquisites und grandioses Spiel! Das einzige, was mir nicht so zusagen will, ist die etwas aufdringliche Inszenierung seines silbernen Lockenschopfes auf dem CD Cover...


Sinfonie 7
Sinfonie 7
Preis: EUR 12,67

22 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen virtuos, 28. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: Sinfonie 7 (Audio CD)
Abbado hatte es in Berlin nicht einfach, hatte er doch das sehr unselige und undankbare Los, dort das Erbe des großen Karajans antreten zu müssen. Seine zudem absolut wortkarge Art und Weise, wie er Proben durchexerzierte, konnte so manch gestandenen Musiker in die Verzweiflung treiben und verursachte schließlich im Orchester einen tiefen Riss. Es bedurfte einer Rücktrittserklärung Abbados und seine anschließende schwere Krankheit, dass in den letzten Monaten und Jahren seiner Amtszeit Dirigent und Orchester doch noch zueinander fanden. Und dann folgten unvergessliche Auftritte der Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten, wie etwa die Beethoven Symphonien auf ihrer Italientournee und natürlich Mahler.
Mahler und Abbado: das war schon seit jeher eine ganz besondere, singuläre Paarung, wobei mit zunehmendem Alter und mit zunehmender Lebenserfahrung sich Abbados Zugang zum symphonischen Werk Mahlers doch ein wenig geändert zu haben scheint. Zeugen seine früheren Aufnahmen doch ein wenig von analytischer Sprödigkeit und Zerfahrenheit, wirken die Einspielungen, mit welchen wir in den letzten Jahren beschenkt wurden, gereifter, in sich schlüssiger, überzeugender und letztlich auch voll frischer Lebenskraft. So auch hier in der Siebten von Mahler, das angeblich mit am schwierigsten zugängliche Meisterwerk des österreichischen Komponisten.
Vom ersten Takt an pulsiert Leben in der Symphonie. Die unzähligen solistischen Einschübe sind glänzend, die Transparenz und der Orchesterklang einfach umwerfend und zutiefst beeindruckend, die Details der Nachtmusiken zeitlos ausmusiziert. Wieder einmal brachte es Abbado fertig, die unter ihm stark verjüngten Berliner Philharmoniker zu Höchstleistungen zu inspirieren. Und die Berliner ließen sich nicht lange bitten und bewiesen mit eindrucksvoller und konsequenter Orchesterspielkultur, weshalb sie, wenn man vielleicht das Lucerne Festival Orchester ausklammert, fast konkurrenzlos als eines der besten und größten Mahlerorchester der Welt angesehen werden können. Am meisten beeindruckt hat mich das chronisch fröhliche, fast schon zu triumphal geratene Finale. Dass die Abschlusssätze von Symphonien kompositorisch im Vergleich zu den vorangegangenen Sätzen ein wenig schwächeln können, hat Tradition seit Haydn. Dieser Eindruck mag sich beim Hören von weniger gelungenen Einspielungen der siebten Symphonie erhärten. Aber nicht so in diesem Konzertmitschnitt. Hier erstrahlt im Schlusssatz bester und größter Mahler in atemberaubender, spannungsgeladener und überbordender Virtuosität.
Man mag heute geneigt sein, etwas wehmütig auf jene letzten Konzertsaisons der Philharmoniker unter Abbado zurückzublicken, aber wir wussten ja schon vorher, dass man bekanntermaßen immer dann aufhören soll, wenn es am schönsten ist...


Klavierkonzerte Op.54/KV 491
Klavierkonzerte Op.54/KV 491
Wird angeboten von Edealcity
Preis: EUR 12,95

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Stilsicher, 20. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Klavierkonzerte Op.54/KV 491 (Audio CD)
Evgeny Kissin, das einstmalige Wunderkind aus den ehemaligen U.D.S.S.R, ist und bleibt ein absolutes Phänomen. Bei so vielen Wunderkindern war es meistens nur eine Frage der Zeit bis der verhängnisvolle Einbruch kam: in jungen Jahren bereits ausgebrannt vom zehrenden Konzertbetrieb, Mangel an eigenen innovativen Interpretationen, und das Scheitern in der Entwicklung der eigenen Klangsprache (und letztendlich die ausbleibende erforderliche Entwicklung zur musikalische Reife) ließen so viele hochgejubelte Wunderkinder in die tragische Versenkung geraten. Nicht so aber bei Kissin! Der von so vielen Kritikern prognostizierte Einbruch blieb bei ihm aus, und er ist weiterhin auf dem allerbesten Wege, sich in den Klavierolymp der Allergrößten zu spielen.
Zwei Klavierkonzerte legt der russische Klavierlöwe nun vor, das eine von Mozart und das andere von Schumann. Da ich Kissin vor allen Dingen als großartigen Deuter der romantischen Komponisten kannte, wie Liszt, Brahms, Rachmaninoff und natürlich Chopin, war ich zunächst ein wenig skeptisch, wie er sich als Mozart-Interpret outen würde. Und ich wurde auf keinen Fall enttäuscht. Mit einer fast schon selbstverständlichen Stilsicherheit verzaubert Kissin den Zuhörer und bietet alles auf, was einen großartigen Mozart ausmacht: Delikatesse, Transparenz, Fingerfertigkeit, Klangschönheit, ja sogar Durchdringung mit mozart'schen Geist. Die Tatsache, dass Mozart neben viel heiterer, unbekümmerter, humorvoll ausgelassener Musik auch mit dramatischer Melancholie erschüttern kann, macht uns Kissin in seiner meisterhaften Einspielung vor. Und es wird wohl für immer ein Geheimnis seiner Kunst bleiben, wie er das vollbringt.
Das Schumann Klavierkonzert steht dem in nichts nach. Schumann und Kissin: es stellt sich zurecht die Frage, ob man in dieser Kombination überhaupt etwas falsch machen kann! Wer seine Kreisleriana und seinen Karneval kennt, der wird verstehen, was ich meine. Kissin bleibt diesem wundervollen Konzert nichts schuldig: von der lyrischen Einleitung, die Kissin in wundervoller Berücktheit darzustellen weiß, bis hin zum feurig stürmischen Finale zieht er alle Register.
Wir fassen zusammen: Kissin legt mal wieder ein Musikfest der Extraklasse vor, und wir warten in ehrfürchtiger Spannung auf seine nächsten musikalischen Großtaten.


Klavierkonzerte
Klavierkonzerte
Preis: EUR 15,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen geniale Darbietung, 3. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Klavierkonzerte (Audio CD)
Nach anfänglichen kurzzeitigen Anlaufschwierigkeiten erfreut sich das erste Klavierkonzert von Tschaikowski bis heute ungebrochen größter Beliebtheit. Jeder erstklassige aber auch zweitrangige Virtuose scheint damit seinen Einstand geben zu wollen, und die Zahl der Aufnahmen ufert geradezu aus. Die ungeheure Popularität desselben besiegelte aber leider auch das Schicksal der folgenden Klavierkonzerte Tschaikowskis. Weder das zweite noch das dritte Konzert noch die anderen Werke für Klavier und Orchester konnten sich jemals im Konzertsaal wirklich gegen den Erstling behaupten, sei es, weil der Klaviersatz zu unspektakulär zu sein schien oder die melodischen Einfälle nicht ganz so schlagerselig und eingängig gerieten wie noch im ersten Konzert.
Bernd Glemser ist nun die pianistische Großtat zu verdanken, eine Gesamtaufnahme vorzulegen, in denen er sich auch der absolut zu Unrecht so vernachlässigten Kinder des russischen Romantikers annimmt. Allein schon aus diesem Grund ist hier eine uneingeschränkte Kaufempfehlung auszusprechen. Aber darüber hinaus bekommt man zu einem sehr günstigen Preis (Naxos sei dank) sehr brillante, technisch hochversierte, anstandslose, mustergültige Interpretationen geliefert. Und wenn man das Interesse und etwas Geduld mitbringt, stellt man fest, dass in den anderen Klavierkonzerten hinreißende, großartige Musik seit einem Jahrhundert zu schlummern scheint. Glemser ist schon seit etlichen Jahren nicht einfach nur irgendein Pianist. Und es ist jammerschade, dass ihm der letzte Durchbruch in die Weihen der Jahrhundertpianisten noch versagt blieb. In einem Interview äußerte er sich über den Traum, die Klavierkonzerte von Beethoven mal mit den Wiener Philharmonikern, und die Brahmskonzerte mit den Berliner Philharmonikern zu spielen. Und vergleicht man sein Spiel mit dem von heutigen Popstars wie Lang Lang, dem Auftritte mit letzterem Orchester bereits mehrfach vergönnt waren, dann steht er ihnen nicht nur technisch in nichts nach, er bietet weit darüber hinaus musikalische Reife und Intellekt. Und somit heißt es weiterhin warten und hoffen für ihn (und uns, die Nutznießer)... und man wird sich in der Zwischenzeit an seinen nicht gerade wenigen, von der Kritik zu Recht bejubelten Aufnahmen erfreuen.


Bilder einer Ausstellung / Klavierkonzert 1
Bilder einer Ausstellung / Klavierkonzert 1
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 45,53

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen der letzte Romantiker, 16. August 2007
Einige der meistgespielten Klavierwerke unserer Zeit hatten zu Beginn mehr oder weniger bedeutende, und doch merkliche Anlaufschwierigkeiten. Das gilt sowohl für die Bilder eine Ausstellung als auch für das erste Klavierkonzert von Tschaikowsky. Ravel's wunderbare Orchestrierung des bekanntesten Klavierwerkes von Mussorsky hat zwar maßgeblich zur Beliebtheit der Bilder beigetragen, aber dem eigentlichen Klavierzyklus hat es sicherlich an der Etablierung im Konzertsaal gehindert: denn mit der sehr farbigen und klangreichen Orchesterfassung schienen die Klavierstücke fast ein wenig fahl und blass zu wirken. Zwei absoluten Jahrhundert-Pianisten ist es zu verdanken, dass sich das zum Glück geändert hat. Und das sind zum einen Sviatoslav Richter und zum anderen Vladimir Horowitz.
Dabei ist die Herangehensweise von Richter und Horowitz sehr gegensätzlich. Richter ist das partitur-durchdringende Genius, der Wahrheit suchende, dem Geist dem Komponisten mit Haut und Haaren verpflichtete Musiker. Horowitz hingegen ist der letzte echte Virtuose, den die Welt erleben durfte, der letzte Romantiker in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Mit dem Argument, daß Mussorgki kein echter Klavierkomponist gewesen sei, nahm sich Horowitz die künstlerische Freiheit, den Klaviersatz ein wenig pianistischer und auf sehr kunstfertige Weise virtuoser zu gestalten. Um diese allemal sehr kurzweiligen, amüsanten, hörenswerten Veränderungen und letztendlich Horowitz vollendetes, grandioses Klavierspektakel vollends würdigen zu können, würde ich die vorliegende Aufnahme von Horowitz NICHT als Erstaufnahme empfehlen.
Zum zweiten Hauptwerk auf der CD, dem Klavierkonzert von Tschaikowsky, müssen nicht allzuviele Worte gesagt werden. Als Horowitz sich aufmachte, diesen pianistischen Gipfel mit Bravour zu erklimmen (um alle anderen Interpreten in den Schatten zu stellen), war das Klavierkonzert bereits etabliert, durch die Liszt-Schüler Bülow und Siloti und durch Anton Rubinstein, wobei letzterer einige Zeit brauchte, um seine so offensichtliche falsche Meinung über das Konzert abzulegen. Aber Horowitz war derjenige, der das Doppel-Oktaven-Rennen am Schluß des Konzerts gewann, der in der Interpretation des Konzerts neue Maßstäbe setzte, und schließlich das Konzert zu seinem eigenen Triumphbogen machte: um sein unantastbares Monument herum tummeln sich die anderen (sterblichen) Pianisten.


Mahler: Sinfonie No. 6
Mahler: Sinfonie No. 6
Preis: EUR 14,32

27 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Abbado's Mahler, 8. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Mahler: Sinfonie No. 6 (Audio CD)
Die Ära Abbados bei den Berliner Philharmonikern war ganz eindeutig nicht immer eine Bilderbuch-Ehe, wie man vielleicht den Eindruck beim Lesen von diversen oberflächlichen Kurzbiographien bekommen könnte. Vor allem die Art und Weise wie Abbado probte, stieß nicht bei allen Orchestermusikern auf Gegenliebe, und mit der Ankündigung des Maestros, seinen Vertrag über 2002 hinaus nicht zu verlängern, war er vermutlich seinem Rausschmiss zuvorgekommen. Aber dann folgte Abbados schwere Krankheit, und man sagt, dass die letzten Jahre, die Abbado bei den Berlinern verbrachte, die fruchtbarsten und die besten waren. So manch bewegende Aufnahmen sind während dieser Zeit entstanden. Schließlich gab es als Abschiedsgeschenk dann noch einen kleinen Mahler-Zyklus mit unvergesslichen Momenten, wie etwa die Einspielung der 7. Symphonie. Zwei Jahre nach Abbados Abschied von den Berlinern, kehrte er nun als Gastdirigent in die Philharmonie zurück, und der Empfang des ehemaligen Chefdirigenten war euphorisch, wenngleich die Erwartungshaltung sicherlich hoch und voller Spannung war.
Und Abbado enttäuschte nicht: man bekommt hier meiner Meinung nach eine der aufregendsten, inspirierendsten und schönsten Mahleraufnahmen der letzten Jahre geboten. Und dabei ist die 6. Symphonie sicherlich alles andere als leichte Kost: vom vielleicht klassischsten aller mahlerschen Kopfsätze bis hin zum wuchtigen Finale mit seinen berühmten drei Hammerschlägen wird hier von allen beteiligten Musikern alles abverlangt. Mit dem schockierenden Schluss (ich erschrecke trotz wiederholten Hörens immer noch, wenn ich die CD bei voller Lautstärke höre) ist sie außerdem die zweifelsohne tragischste Symphonie. Bei der vorliegenden Aufnahme kommt einem so ziemlich alles zugute, was ich an den Berliner Philharmonikern so lieben und schätzen gelernt habe. Da wäre ihr unvergleichlich schöner und differenzierter Orchesterklang, an den gewaltigen Stellen mächtig aufzutrumpfen, nur um in den zarten Passagen in endlos schönen Klangsinn zu verfallen (man achte nur auf das choralartige Seitenthema im ersten Satz). Da wäre außerdem ihre rhythmische, schneidende Präzision und nicht zu vergessen die klangliche Transparenz und Durchhörbarkeit fast wie bei einem kammermusikalischen Konzert. Und dass trotz aller genannten Vorzüge ein überzeugender Bogen über das ganze Werk gespannt ist, die Symphonie vom Anfang bis zum letzten Hauch aus sich lebt und atmet, ist vielleicht auch der Live-Atmosphäre in der Philharmonie zu verdanken und vor allen Dingen einem Dirigenten, der in solchen Momenten zu Höchstform aufblüht und animiert, wie kaum ein zweiter heutzutage. Der König war zurückgekehrt, und Presse und Publikum jubelten.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 3, 2013 7:43 PM CET


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