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Rezensionen verfasst von
deathdealer92618 (Bochum)
(TOP 500 REVIEWER)   

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August: Osage County
August: Osage County
von Tracy Letts
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,20
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
5.0 von 5 Sternen Eine Familie..., 22. November 2009
Liest man dieses Drama, oder besser: diese Tragikomödie, hat man erstmal unweigerlich Tennessee Williams oder Eugene O'Neill im Hinterkopf. Denn auch Tracy Letts lässt hier eine Familie zusammen kommen, die sich schön gegenseitig fertig macht. Das läuft wie folgt ab: Das männliche Familienoberhaupt verschwindet. Seine krebskranke und medikamentensüchtige Frau ruft ihre drei Töchter und ihre Schwester samt Anhang zu sich. Rechnet man das Hausmädchen und den Sheriff noch hinzu, hat man es hier mit 13 Figuren zu tun, die alle mehr oder weniger mit dunklen Geheimnissen belastet sind. OK, das Hausmädchen ist wohl die "harmloseste", aber dennoch eine nicht minder wichtige Figur des Stücks. Dass es von Beginn an zwischen den Familienmitgliedern und auch den Anwesenden Ehepaaren knistert ist nicht zu überlesen, manchmal ist man kurz davor das Buch wegzulegen, weil es einfach zu viel ist, was hier nach oben gekehrt wird. Es geht um Ehebruch, Drogen, Alkohol, heimliche Liebschaften, unvorhergesehene verwandtschaftliche Beziehungen, verheimlichte Krankheiten u.v.m., aber bald merkt man, dass gerade das dieses Drama so interessant macht, denn es kommt niemals Langeweile auf, weil fast im Minutentakt ein neues Geheimniss, freiwillig oder unfreiwillig, gelüftet wird. Es vergehen auch niemals viele Seiten ohne dass jemand erwähnt wie drückend heiß es in dem Haus ist, was natürlich die gequälte Stimmung noch verschärft und verdeutlicht. Zwischendurch darf aber auch mal herzlich gelacht werden, vor allem über die Mutter, die in ihren etwas helleren Momenten (oder sind es gerade die dunklen Momente, in denen die Tabletten am besten ihre Wirkung zeigen?!) eine Zynismusbombe nach der nächsten zündet. Das ist beim Lesen schon amüsant, wenn man es auf der Bühne sieht und hört ist es tatsächlich zum Gröhlen! Ja, so wechseln sich Tragödie und Komödie ab. Und die große Überraschung kommt ja erst noch am Ende, hier ist nichts mit einem langsamen Sterben (des Dramas natürlich!), wie man es erwarten könnte!
Tracy Letts hat in "August: Osage County" wirklich ein Feuerwerk losgelassen. Ganz langsam kehrt er die Untergründe an die lupenreine, vorgegaukelte Oberfläche und lässt die Figuren ihre wahren Gesichter zeigen. Gerade hierbei zeigt sich sein Können, denn er keine eindimensionalen, klischeehaften Charaktere geschaffen, es sind durchweg greifbare Figuren, die alle unterschiedlich sind. Manche sind immer in Angriffslaune, manche halten sich lieber zurück und warten auf den richtigen Moment. Einige wollen die Realität nicht wahrhaben, andere können sie anscheinend nicht wahrnehmen. Ein tolles Stück bei dem geschrien, geschlagen und gelacht wird. Das Lesen macht Spass, es auf der Bühne zu sehen ist noch besser.


Quo vadis?: Roman
Quo vadis?: Roman
von Henryk Sienkiewicz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
3.0 von 5 Sternen Man macht eigentlich nichts falsch, egal, ob man es liest oder nicht!, 18. November 2009
Rom zur Zeit Kaiser Neros. Der Sittenverfall hat auf dem Höhepunkt von des Kaisers Macht Einzug gehalten. Man vergnügt sich auf diversen Festen oder schaut im Circus Maximus den Gladiatoren zu. Es könnte doch alles durch Dekadenz so schön verdorben sein, wenn da nicht diese neuartige Glaubensrichtung wäre. Das Christentum. Und weil dem guten Nero sowieso öfter mal langweilig ist und er neue Inspirationen für seine Lieder und Gedichte benötigt, zündet er Rom an und schiebt nachher den Christen, die sowieso den meisten Mitbürgern suspekt erscheinen, die Schuld zu. Damit sind der grausamen Christenverfolgung Tür und Tor geöffnet und der Autor macht diese Grausamkeiten auch sehr deutlich. Eingebettet in dieser Beschreibung des antiken Roms ist die Liebesgeschichte zwischen dem Patrizier Vinicius und der Christin Lygia, eigentlich Königstochter, nun aber als Geisel in Rom. Die Schwierigkeiten dieser Liaison dürften auf der Hand liegen. Erst recht, wenn Vinicius schnell soweit ist zum Christentum zu konvertieren. So beginnt eine Zeit der Ungewissheit, der Angst, des vorübergehenden Glücks, der Täuschungsmanöver und natürlich des neuen Glaubens.
Henryk Sienkiewicz hat sich historische Fakten und Figuren genommen und diese mit seiner Fantasie aufgepeppt. Er beschreibt eine sehr kuriose, grausame Zeit, die langsam ihrem Ende entgegen zu gehen scheint, in dem er zwei Welten aufeinander prallen lässt. Zum einen die laute, unsittliche Welt der Patrizier, zum anderen die Welt der tugendhaften, fatalistischen Christen. Das hat er auch zum Teil sehr gut gemacht, er benutzte eine sehr bildhafte, eindringliche und lebendige Sprache, die einen direkt in diverse Paläste, an den Hof Neros, in den Circus Maximus und an viele andere Plätze katapultiert. Es klingt abgehalftert, ich weiß, aber man sieht alles förmlich vor sich. Weniger gut gelungen ist dem Autor allerdings die Beschreibung einiger Figuren. Vor allem Lygia, immerhin die weibliche Hauptfigur, bleibt unglaublich blass. Sie ist einfach nur ein liebes Püppchen im Strom der Gezeiten. Man nimmt sie fast gar nicht wahr, da viel mehr über sie als mit ihr geredet wird. Selbst ihr Gefährte Ursus ist da deutlich schärfer konturiert, obwohl man sagen muss, dass die Christen insgesamt doch recht einseitig als die großen Märtyrer beschrieben werden. Spass macht aber der Charakter Petronius, Vinicius' Onkel, eine Art Schlüsselfigur, die eloquent, geistreich und oft auch witzig als ein Kanzler/Berater Neros fungiert und somit oft zu Gunsten von Vinicius und Lygia hantiert. Hätte das Buch zusätzlich nicht noch einige Längen, dann wären von meiner Seite mehr Sterne drin gewesen. Tatsächlich finde ich aber erst den zweiten Teil (ab Seite 367 in dieser dtv-Ausgabe) wirklich gut, denn erst hier scheint Sienkiewicz seine Figuren im Griff zu haben. Es wird nicht mehr so viel erzählt und schweift nicht mehr so oft ab, es geschieht mehr und macht das Buch somit etwas spannender. Sollte man sich für das Rom unter Kaiser Nero interessieren, könnte "Quo Vadis?" als eine etwas andere Sekundärliteratur durchaus lesenswert sein. Sofern man natürlich im Hinterkopf behält, dass es sich um einen Roman und nicht um ein Sachbuch handelt! Ansonsten ist das Buch meines Erachtens nach nur Mittelmaß und daher auch nur bedingt zu empfehlen.


Menschen im Hotel
Menschen im Hotel
von Vicki Baum
  Broschiert
Preis: EUR 7,95
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Mondän, 27. Oktober 2009
Wir befinden uns in einem Berliner Hotel in den "Goldenen 20ern". Hier treffen wir eine kleine Anzahl unterschiedlichster Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. In erster Linie wären da: Der Baron von Gaigern, der gar nicht so ehrbar zu sein scheint, wie man bei seinem Namen denken würde, die Grusinskaja, eine ehemals (!) weltberühmte Tänzerin, die nur noch für halbvolle Säle sorgt, der vereinsamte und entstellte Dr. Otternschlag, der schon lange mit Selbstmordgedanken spielt, der todkranke Hilfsbuchhalter Kringelein, der einmal richtig leben will, Frau Flamm, das Flämmchen, eine Sekretärin, die nicht nur durch Schreibarbeiten Geld verdient, als auch Generaldirektor Preysing, angereist um in Verhandlungen die Firma für die er arbeitet zu retten. Gemeinsam haben sie, dass sie entweder seelisch oder körperlich deformiert sind, ausbrechen wollen und ungefähr 4 Tage und 3 Nächte gleichzeitig im besagten Hause verbringen. Dort treffen sie aufeinander, mal nur flüchtig, aber im Grunde immerhin so nachhaltig, dass kaum jemand das Hotel so verlässt, wie er es betreten hat, eine Entwicklung, eine Veränderung machen (fast) alle durch. Sie beeinflussen sich gegenseitig, bauen sich auf, machen sich nieder und oft erzeugen kleine Entscheidungen, die zuerst gar nicht wichtig erscheinen, folgenschwere Resultate. Genau das macht ja den Reiz dieses Buches aus, man möchte wissen wie diese verschiedenen Lebensphilosophien miteinander klarkommen.
Die Autorin hat diese Geschichte sehr flott, sehr modern und leicht erzählt mit einem Gespür für Dramaturgie. Oftmals lässt sie einen Erzählstrang kurz vor dem Höhepunkt abbrechen, um erst zu einer anderen Figur zu wechseln, bevor sie dann mit dem Begonnenem fortfährt. Nun von Spannung zu reden, wäre vielleicht etwas übertrieben, aber zumindest bleibt es dadurch so interessant, dass man weiterlesen möchte. Mal tragisch, mal witzig erzählt sie über ihre Figuren, analysiert sie, lässt sie nie nur böse oder nur gut aussehen. Sie lässt uns den Blick auf gebrochene Charaktere werfen, die in der Masse verschwinden, aber gerne etwas Besonderes wären, ein Stück mitbekommen wollen vom berühmten Kuchen. Es ist Unterhaltungsliteratur auf ein wenig höherem Niveau, welche auch heute noch über weite Strecken zu überzeugen weiß. Dass der Roman angestaubt sei, wie ich es kürzlich las, kann ich nicht unterschreiben. Denke ich da an zeitgenössische Schriftsteller wie Siegfried Lenz und vergleiche seine Werke mit "Menschen im Hotel", möchte ich eher meinen Baum lebe noch und Lenz sei schon fast 50 Jahre tot. Nicht widersprechen kann ich allerdings dem Vorwurf, dass sich einige Stellen etwas ziehen, da ist was dran, daher auch nur 4 Sterne.


Einführung in die Beratungspsychologie (Uni-Taschenbücher M)
Einführung in die Beratungspsychologie (Uni-Taschenbücher M)
von Susanne Nußbeck
  Broschiert
Preis: EUR 19,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Sehr gute Einführung!, 25. Oktober 2009
In diesem Lehrbuch wird ein sehr umfassender Einblick in verschiedene Konzepte und Methoden des Beratens vermittelt. Kapitel 1 stellt die Einführung dar und beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der Beratung vom Kaiserreich bis in die Gegenwart, grenzt Beratung von Therapie und Mediation ab, um dann zu berufsethischen Fragen zu kommen (Haltung gegenüber den Klienten, sich der eigenen Kompetenzgrenzen bewusst sein, Schweigepflicht u.ä.). Im zweiten Kapitel kommt Frau Nußbeck dann zu den Grundlagen der Kommunikationspsychologie. Sie stellt verschiedene Modelle und Theorien der Kommunikation vor (z.B. das Sender-Empfänger-Modell, das Organon-Modell, den Symbolischen Interaktionismus) und erklärt die enorme Wichtigkeit des Verstehens von non-verbaler Kommunikation. Verschiedene theoretische Konzepte der Beratung werden dann in Kapitel 3 bearbeitet. Die psychoanalytisch orientierte, die klientenzentrierte und die kognitiv-behavioral orientierte Beratung, sowie die systemorientierten Ansätze der lösungs- und ressourcenorientierten Beratung. Sehr interessant ist dann auch Kapitel 4, welches den Beratungsprozess an sich in den Fokus rückt. Wie sollte der äußere Rahmen aussehen, welche Normen und Werte werden vermittelt, wo liegt der Beratungsort, ist es leicht einen Termin zu bekommen usw. Das wird nicht in vielen Lehrbüchern so konkret besprochen! Desweiteren setzt die Autorin sich mit Beratung in Gruppen, der Krisenintervention, der Veränderung innerhalb des Beratungsprozesses und der Diagnostik (Hypothesenbildung, Anamnese usw.) auseinander, um dann zu den Techniken und Methoden (konzeptübergreifende und konzeptspezifische) zu kommen. Die Beziehung zwischen Berater und Klient wird im darauffolgenden Kapitel vertieft. Welche Kompetenzen sollte der Berater mitbringen, worüber müssen sich Berater und Klient einig sein? Welchen "Gefahren" ist der Berater ausgesetzt (Burnout-Gefährdung)? Kapitel 6 befasst sich dann mit der Evaluation von Beratungskonzepten und -prozessen. Hierbei werden Supervision, Beratungs- und Interventionsforschung, sowie das Qualitätsmanagement eingehend erläutert. Zuletzt gibt es dann noch auf gut 50 Seiten eine Darstellung verschiedenster Beratungsfelder, als da wären: Erziehungs- und Familienberatung, Beratung in Schule, Aus- und Weiterbildung, Entwicklungsberatung und Beratung in der Frühförderung, Beratung bei chronischer Krankheit oder Behinderung und Beratung bei Abhängigkeit und Sucht. Abgeschlossen wird das Buch von einer Darstellung der aktuellen Entwicklung, einem Glossar und natürlich einem Literaturverzeichnis.
Mir hat das zwar teilweise etwa holprig geschriebene, aber dennoch recht gut zu lesende Buch sehr gut gefallen und somit kann ich es auch nur jedem Studenten eines psychosozialen Faches, aber auch jedem ansonsten Interessierten nahelegen. Man wird nicht nur mit trockenen Theorien beliefert, sondern bekommt anhand von vielem Fallbeispielen und den Vorstellungen diverser Beratungsfelder auch einen Einblick, wie diese Theorien in der Praxis aussehen sollen/können. Fragen zum Inhalt am Ende eines jeden Kapitels sind noch zusätzlich hilfreich das Gelesene im Kopf zu festigen. Sehr gute Einführung, die Lust auf weiterführende Literatur macht.


Romeo und Julia: Zweisprachige Ausgabe
Romeo und Julia: Zweisprachige Ausgabe
von William Shakespeare
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Diese Ausgaben lohnen, 20. September 2009
Mittlerweile dürfte so ziemlich alles über Romeo und Julia gesagt sein. Vor allem gesagt von Leuten, die viel mehr Ahnung von Literatur haben als unsereiner. Daher werde ich versuchen mich in dieser Rezension darauf zu beschränken, was die Vorzüge speziell dieser dtv-Ausgabe sind. Ich werde also zu vermeiden versuchen wieder von Shakespeare Genialität anzufangen, davon wie großartig komponiert dieses Stück ist, dass es um soviel mehr als nur um tragische Liebe geht. Dass Toleranz ein Thema ist, sowie die Problematik, dass aus einem guten Vorsatz etwas Schlechtes entstehen kann. Auch lasse ich unter den Tisch fallen, dass es mich immer und immer wieder fasziniert wie facettenreich Shakespeare in sprachlicher Hinsicht war. Nicht nur seine unzähligen Wortspielereien, auch die Tatsache, dass es soviele verschiedene Sprachstile gibt, die er seinen Figuren in den Mund legt und sie dementsprechend charakterisiert hauen mich um. Nein, dass alles ist uninteressant, weil Sie es sowieso schon wissen ;-)
Also: Warum die Übersetzung von Frank Günther? Ich bin großer fan dieser Ausgaben, weil man wirklich etwas geboten bekommt für sein Geld. Zum einen bemüht der Übersetzer sich wirklich möglichst nah am Original zu bleiben, da werden dann auch schon mal eigene Wortkreationen zu Rate gezogen. Dies aber niemals ohne im Anhang die Beweggründe dafür und die eigentliche Bedeutung der englischen Entsprechung genau zu erläutern. Und für Shakespeare sollte man sich auch die Zeit nehmen, ab und zu mal nach hinten zu blättern, damit man die Tragweite zu erkennen vermag. Desweiteren findet man hier, wie immer in diesen Ausgaben, einen Bericht "Aus der Übersetzerwerkstatt", in dem nochmal ausführlicher auf bestimmte Feinheiten eingegangen wird. Hier spezielle darauf, dass "Romeo und Julia" doch ein recht versautes Stück ist, was nicht mit zweideutigen Anspielungen geizt. Anhand einer Stelle aus dem Stück wird z.B. gezeigt, dass in der alten Übersetzung von Schlegel doch einiges recht "familienfreundlich" übertragen wurde. Desweiteren folgt dann ein Essay mit dem Titel "Vom Mythos romantischer, weltbedeutender Liebe", in dem die Liebessituationen des Dramas genauer unter die Lupe genommen werden, den ich allerdings an einigen Stellen zu wissenschaftlich-trocken fand.
Insgesamt kann ich diese Ausgabe aber nur empfehlen. Ich habe Romeo und Julia jetzt schon zum dritten Mal gelesen und wieder haben sich mir neue Erkenntnisse geöffnet, Dank dieser tollen Übersetzung, die auch optisch wieder überzeugt, wie ich finde!





Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1+2
Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1+2
von Dirk Bernemann
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Drastische Wahrheitsfindung, 25. August 2009
Mit geradezu beängstigender Direktheit und akrobatisch-blutvollen Wortkreationen haut uns Dirk Bernemann hier die Schicksale einzelner, gebrochener (von fremder oder eigener Hand) Menschen, und eines Stieres, um die Ohren, um uns zu zeigen, wie sehr die Welt in die Brüche geht. Es gibt hier ganz extreme Figuren, mit extremen Ansichten und Vorgehensweisen, die tief unter die Haut gehen und niemanden unberührt lassen dürften. Im zweiten Teil sind es mehr die untergründigen Extreme, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, aber nicht minder schlimm sind. So zeigt uns der Autor die andere Realität, abseits von der medialen Verblödungsmaschinerie und den gepflegten Vorgärten, kotzt sie uns vor die Füße, dass es manchmal sogar schmerzt. Und es sind nicht bloße Schlaglichter, die hier wiedergegeben werden, nein, durch einen mehr oder weniger dicken Faden, sind die einzelnen Geschichten miteinander verbunden. Entweder treten Personen, die in der vorherigen Geschichte nur eine Nebenrolle spielten, in der folgenden nochmals, dann aber verstärkt, auf oder es ist vielleicht auch nur derselbe Schauplatz aus einer anderen Perspektive. Jedenfalls lässt einen genau das nicht zur Ruhe kommen, da man auf wenigen Seiten ein Elend nach dem anderen vorgesetzt bekommt. Bernemanns Sprache mit vielen kurzen, knappen Sätzen unterstützt dieses Tempo natürlich noch. Zumindest war das mein Empfinden.
Da mich aber letztendlich nicht jede Geschichte überzeugt hat, manchmal wird ein bisschen zu stark mit Klischees gespielt, und mir auch die Gedichte am Ende des Buches nicht sehr gefallen haben, gebe ich nur 4 Sterne. Vorbehaltlos zu empfehlen ist dieses Buch zudem auch nicht. Sollten Sie z.B. Probleme haben mit Bierflaschen, die an Gesichtern zerschellen, Abtreibungen mit Stricknadeln, Obdachlosen, die völlig grundlos von einer Gruppe Idioten verprügelt werden oder ganz allgemein mit einer sehr derben, drastischen Sprache, in der auch Fäkalausdrücke *hüstel* nicht fehlen, dann gehört dieses nicht in ihr Bücherregal. Allen anderen, die vielleicht auch Sibylle Bergs Buch "Ende gut" mochten, an das fühlte ich mich zumindest ab und zu erinnert (auch wenn Bergs Sprache natürlich einen Deut harmloser ist), sollten zugreifen. Man kann es mögen oder hassen, egal wird es aber wohl den wenigsten Lesern sein.


Von der Erde zum Mond: Direktflug in 97 Stunden 20 Minuten Roman
Von der Erde zum Mond: Direktflug in 97 Stunden 20 Minuten Roman
von Jules Verne
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Generell nicht schlecht; im Gegensatz zu seinen anderen Werken schon!, 21. August 2009
Aus purer Langeweile hat der Vorsitzende des "Gun Club" aus Baltimore kurz nach dem Sezessionskrieg die Idee eine Kanone zu erschaffen, die dermaßen riesig und kräftig ist, dass sie ein Projektil auf den Mond befördern kann. Die Clubmitglieder, später ganz Amerika, sind sofort Feuer und Flamme für diese Kopfgeburt und machen sich sofort an die theoretischen, später dann praktischen Vorbereitungen.
Leider beschränkt das Buch sich auch genau darauf. Und hier bin ich schon bei dem Punkt, der erklärt, warum ich nur 3 Sterne vergebe. Die anderen Werke Vernes sind spannend, haben teilweise interessante Wendungen, sind in der Geschichte (im fiktiven Beiwerk quasi) einfach einfallsreicher. "Von der Erde zum Mond" ist zu 95% ein rein wissenschaftlicher Roman. Technische Neuerungen werden vorgestellt, verworfen oder weiterentwickelt, Geldgeber werden gesucht und recht schnell gefunden, natürlich wird akribisch aufgelistet welches Land wie viel Geld spendet, Staaten werden fast in einen neuen Krieg getrieben, als ein passender Startplatz gefunden werden muss. Das ist alles nicht gänzlich uninteressant, aber in anderen Romanen hat Jules Verne dies alles bzw. ähnliche Thematiken und Problematiken in eine spannende, fesselnde Geschichte verpackt. Davon habe ich hier nicht viel gefunden. Erst ab dem 18. Kapitel, als der Franzose Michel Ardan mit der Idee auftaucht, selbst in dem Projektil mitzufliegen, wird das Buch etwas lockerer und besser.
Aber ich darf die positiven Aspekte nicht vergessen, sonst hätte ich ja noch weniger Sterne verteilt: Es ist selbstverständlich bemerkenswert, was Verne sich hier hat einfallen lassen bzw. wie er Theorien ganz unbekümmert weiterdachte, damit die Reise zum Mond hier verwirklicht werden kann. Vor allem rückblickend mit unserem heutigen Wissen, denn vieles war ja gar nicht so abwegig von ihm erdacht. Es ist mir halt bloß zu viel. Desweiteren scheint Jules Verne mir hier etwas humorvoller als sonst, beispielsweise ist die satirische Darstellung der Amerikaner als schießwütiges, kriegsgeiles Volk sehr amüsant und bis heute ja aktuell :-). Geht es einem also nicht unbedingt um Jules Verne, sondern vielmehr darum, wie weit man mehr als 100 Jahre vor den ersten Schritten auf dem Mond war, dann wird man dem Roman wohl mehr als 3 Sterne geben. Es ist eben ein Für und Wider, was sich irgendwo im Mittelmaß einpendelt. Sollte wohl in keiner Verne-Sammlung fehlen, es gibt aber weitaus bessere Romane von ihm.
Auch noch interessant für den einen oder anderen Käufer ist vielleicht, dass sich in dieser Ausgabe ein gut 100 Seiten dicker Anhang befindet. Zuerst ein sehr ausführliches Glossar, gefolgt von einem Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Volker Dehs. Danach findet man eine Zeittafel, die alle relevanten Daten von Verne und Nadar (Zeitgenosse Vernes, der mit spektakulären Ballonaufstiegen Aufsehen erregt und in diesem Buch durch Michel Ardant verkörpert wird) aufzeigt, in Verbindung mit Daten der Raumfahrt. Desweiteren findet man 3 kurze Artikel (einen von Nardan, 2 von Verne) über Ballonaufstiege und Edgar Allan Poe und zu guter Letzt einen kleinen Artkel zu den Illustrationen in diesem Buch.


Shalimar der Narr
Shalimar der Narr
von Salman Rushdie
  Broschiert
Preis: EUR 9,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Rushdie macht es gut, aber nicht so gut wie früher, 8. August 2009
Der ehemalige US-Botschafter in Indien, Max Ophuls, wird vor den Augen seiner Tochter ermordet. Von seinem muslimischen Chauffeur. Dieser Mord war das Resultat einer Affäre, die bereits viele Jahre zuvor stattfand. Salman Rushdie schlägt den Bogen bis zurück ins Jahre 1910 als Max Ophuls geboren wird und bettet diese zuerst rein private Rachegeschichte in die geschichtlichen Wirren um Kaschmir.
Wie man sieht, gehöre ich mit dieser 3-Sterne-Rezension zu einer Minderheit, aber dieses Buch hat mich einfach nicht überzeugt. Es ist mir unterm Strich zu oberflächlich. Natürlich ist es über weite Strecken ein typischer Rushdie, in einer überbordender Sprache erzählt, sehr bunt und bilderreich, in orientalischem Flair. Das aber diesmal nicht ganz so stark wie in früheren Werken, was über weite Strecken sehr gut ist. Leider wirkt es aber (somit) an zu vielen Stellen recht trocken, gar langatmig, so als hätte Salman Rushdie gemerkt, dass es diesmal mit seinem Mix aus privater Geschichte und politischer Historie nicht ganz so flüssig funktioniert und er den Holzhammer rausholen muss, um diverse politische Begebenheiten dem Buch und dem Leser einzuprügeln. Dabei bleiben oftmals die Figuren auf der Strecke, die meiner Meinung nach bei weitem nicht soviel Tiefe besitzen, wie andere Charaktere aus Rushdies Werken. Außerdem erscheint dann vieles zu gewollt und der Auslöser, die Affäre zwischen Max und der Mutter seiner Tochter, muss für sehr vieles herhalten, was gar nicht dem Vorankommen der Geschichte dient, sondern vielmehr nur die Thematik etwas ausbreiten will/soll. Sehr gut wiederrum gefiel mir, dass der Autor nicht versucht hat Antworten zu finden, sondern vieles nur andeutet, um den Leser Freiraum zu lassen.

Sollte man noch nichts von Salman Rushdie gelesen haben, kann man natürlich zugreifen, es ist ja immer noch ein gutes Buch über Respekt und Toleranz, sei es im Privaten oder in religiösen und/oder politischen Fragen. Aber man macht auch nicht unbedingt einen Fehler, wenn man sich (erstmal) nach einem anderen, früheren Buch umschaut. "Shalimar der Narr" war mein 4. Rushdie und wie ich finde bei weitem nicht der beste, allerdings auch nicht der schlechteste.


Dracula
Dracula
von Bram Stoker
  Broschiert
Preis: EUR 8,00
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Der Graf lässt bitten!, 29. Juli 2009
Da haben wir ihn, den wohl berühmtesten Vampirroman. Und auch die Klassiker-Edition von Fischer kommt nicht drumherum. Zu Recht, wie ich finde, denn auch nach mehr als 110 Jahren hat der Roman wohl nur wenig an Kraft verloren, immer noch zieht es den Leser hinein. Zuerst, und das ist auch sogleich meines Erachtens nach der beste Teil in dem Buch, direkt in des Grafen Schloss in Transsilvanien. Hier ist 4 Kapitel lang der junge Anwalt Harker sein, naja, "Gast". Erst freiwilliger, dann eher unfreiwilliger Natur. Hier gelingt es Stoker sehr gut eine gruselige, fast klaustrophobische Grundstimmung beizubehalten. Eine merkwürdige Reaktion auf Knoblauch, das anscheinende Fehlen eines Spiegelbildes, das Auftauchen dreier Frauen (Fiktion oder Realität?), die Harker wortwörtlich an den Kragen wollen, Räume, die besser nicht betreten werden sollen oder das wirklich unorthodoxe Verlassen des Schlosses seitens Draculas lassen einem zwar nicht das Blut in den Adern gefrieren (was dabei bemerkt, bei Dracula wohl gar nicht so schlecht wäre!), aber zumindest wird es dadurch einem Gruselklassiker gerecht. Später dann, als Graf Dracula sich in Whitby aufhält und kaum noch persönlich in dem Roman auftaucht, wird natürlich dieser subtile, unterschwellige Grusel beibehalten, doch leider kommen auch einige Längen hinzu. Viel wird sich dann mit der Eindämmung der Gefahr und Gesprächen darüber beschäftigt und man fragt sich, warum der so intelligente Van Helsing nichts sagt und nicht reagiert. Hier hätten wir einen kleinen Kritikpunkt. Gut wiederrum aber, dass "Dracula" aus Tagebucheintragungen und Briefen der Protagonisten besteht, da hat man aber immer das Gefühl unmittelbar dabei zu sein, da es etwas realistischer anmutet. Dafür und für die Atmosphäre, die verbreitet wird gebe ich gern 5 Sterne. Kommen wir nun aber zu weiteren negativen Kritikpunkten: Leider ist Bram Stoker kein sehr guter Erzähler gewesen. Es fehlt den Figuren einfach an Tiefe, was sich dadurch bemerkbar macht, dass sämtliche Aufzeichnungen, in den oben erwähnten Formen, sich so sehr gleichen, dass damit den Schreibern jegliche Individualität abgeht. Würde kein Name drüber stehen, könnte es auch immer nur eine Person sein, die berichtet. Desweiteren erschien mir die Idee alle Aufzeichnungen von jedem lesen zu lassen, nur damit keine Missverständnisse auftreten, als sehr gewollt. Auch mochte ich die ständige gegenseitige Beweihräucherung der Charaktere nicht. Andauernd ist von "so treuen und tapferen Männern" die Rede, jeder lobt permanent jeden und ab einem bestimmten Punkt im Roman wird Mina Harker fast pausenlos als die absolute Überfrau dargestellt. Das nervt! Ich dachte manchmal Charles Dickens hätte seine Finger im Spiel. Also an dieser Stelle nichts gegen den großen Dickens, aber bei ihm waren die guten Menschen auch immer durch und durch gut und bei jedem Wiedersehen gab es Tränen. Naja, und dann hätten wir noch das Ende, was nicht schlecht ist, aber auch nicht ganz meinem Geschmack entspricht. Auch hier dauert die Jagd auf Dracula länger als alles andere.
Klingt jetzt alles vielleicht negativer als die Bewertung mit 4 Sternen rechtfertigen mag, aber, ich wiederhole mich, das Buch hat eine düstere Grundstimmung und viele Szene, die mir wirklich gut gefallen haben. Und auch die Ausgabe von Fischer ist, trotz einiger Tippfehler, wieder recht gut gelungen. Hübsch anzusehen (und auch zu fühlen, wie ja schon mehrfach geschrieben wurde), mit einem zwar durchwachsenem Nachwort, dafür aber in der Erstübersetzung, die den Klassikerstatus nochmal unterstreicht. Aber das ist natürlich Geschmacksache.



Beim Häuten der Zwiebel
Beim Häuten der Zwiebel
von Günter Grass
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00
Verfügbarkeit: Auf Lager.

 
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Typisch Grass, 19. Juli 2009
Ooohhh, welch ein Wind wurde gemacht, als Grass 2006 bekannt machte, im Zweiten Weltkrieg der Waffen-SS zugehörig gewesen zu sein. Da wurde dann mal schnell von allen Seiten mit der Moralkeule geschwungen, auch wohl weil dieses Gerät dem guten Herrn Grass alles andere als unbekannt ist. Naja, ich für meinen Teil denke mir: Lieber spät, als nie. Wer weiß, was uns noch so alles für Enthüllungen von Leuten bevorstehen , die heute noch idealisiert werden.
"Beim Häuten der Zwiebel" ist jedenfalls ein sehr interessantes Buch. Zumindest über weite Strecken. Beginnend mit dem Ende der Kindheit zu Beginn des Krieges 1939, schlägt Günter Grass den Bogen bis ins Jahr 1959, also in das Jahr, in dem "Die Blechtrommel" erschien. Dabei macht er in seinen Erzählungen immer mal wieder Halt, um sich in der Gegenwart ein Wenig zu besinnen, sich besser zu erinnern, seine Bernstein-Sammlung zu befragen oder einen Spaziergang mit der Schwester und den Enkelkindern zu erwähnen, bei dem über Vergangenes gesprochen wurde. Aber das sind nur kurze Momente, Abschnitte, vielleicht mal ein bis zwei Seiten, dann wird nach dem Gedächtnis weitergearbeitet. So erfahren wir wie Grass vom ideologischen Hitlerjungen zum erschrockenem, gereiften Gegner dieses Wahns wurde, wie groß die Liebe zu seiner Mutter bis zu ihrem Tod war und wie sich der kunstversessene Junge vom einfachen Steinmetz, über erste Gedichte und der Gruppe 47, zu dem Künstler entwickelte, bei dem irgendwann alle Dämme brachen und somit dem Wortschwall endlich freien Lauf gelassen wurde. Wobei gerade Letztgenanntes teilweise etwas tiefgreifender hätte beschrieben werden können. Aber auch die kleinen Dinge sind interessant, so zum Beispiel, wenn erklärt wird, wer im realen Leben für die diversen Romanfiguren Pate stand oder was für banale Kleinigkeiten oftmals in Grass' Büchern verarbeitet wurden. Aber natürlich spielt er auch viel mit dem Leser, oft fällt er sich selbst ins Wort, stellt seine eigenen Erinnerungen in Frage, lässt sogar Oskar Matzerath auftreten. Das mag verwirren und auch als Kritikpunkt an einer Autobiographie durchaus Sinn machen, aber so scheint es mir am ehrlichsten zu sein.
Man muss natürlich den typischen Grass' Schreib- und Erzählstil mögen, diese metaphernreiche, verspielte, lebendige Sprache und den wiederholten Wechsel der Erzählebene, wo zuerst von "Ich...", dann von "der Sohn...", "der Soldat..." oder "der Künstler..." die Rede ist. Mochte man das bisher nicht, dann wird auch dieses Werk keine Freude bereiten. Nachteil ist daran aber, dass viele recht unwichtige oder zumindest für mich nicht sehr interessante Dinge durch besagte Sprache viel größer erscheinen, als sie eigentlich sind. Ob es zum Beispiel von großer Wichtigkeit ist, dass der Autor ob seiner sexuellen Reizbarkeit damals in Düsseldorf fast täglich mit einer Erektion im Bus stand, wage ich zu bezweifeln. Wie er das dann zu seinen Gunsten zu gebrauchen wusste, aber immer Angst hat, dieser "Tatbestand" könnte Aufsehen erregen, wird von Günter Grass' Stil dann doch etwas künstlich bzw. künstlerisch aufgebauscht. Da überwiegt der Schein, nicht das Sein. Das möchte ich als negative Kritik geltend machen. Und vielleicht noch, dass mir das letzte Kapitel etwas schnell herunter geschrieben erschien. Ansonsten hat mir das Lesen doch Freude bereitet, obwohl ich keine großer Fan von Günter Grass bin.


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