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Rezensionen verfasst von
Vinoveritas (Hamburg)

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Anger is an Energy: Mein Leben unzensiert. Die Autobiografie von Johnny Rotten
Anger is an Energy: Mein Leben unzensiert. Die Autobiografie von Johnny Rotten
von John Lydon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Punk is dead. Und das ist gut so., 30. August 2015
Wer, so wie ich, vor allem über Public Image Limited to John Lydon gefunden hat (und nicht so sehr via Sex Pistols), für den ist diese Biografie ein mittelgroßer Segen. Zumal es so wahnsinnig viel Lesbares bekanntlich nicht gibt zum Thema PostPunk.
Sicherlich, ab und an beschleicht einen bei der Lektüre durchaus das Gefühl, dass John eben doch nicht nur von anderen in diese "Punk-Biest"-Formatfalle gelockt wurde, sondern dieses Image auch mit Stolz vor sich herträgt und so einiges dafür tut, es bloß nicht verblassen zu lassen. Und so fällt bei aller bewunderns- und wirklich lesenswerten schonungslosen Offenheit aus, wie widersprüchlich, stur und eigensinnig Lydon ist. Und immer wieder auch: selbstgerecht. Wer so viele Bandmitstreiter über die Jahre verloren hat wie er und nun offensichtlich einiges daran legt als Gründe dafür vor allem DEREN Geldgier und Faulheit und permanenten Vertrauensbruch auszumachen, der offenbart damit einen Eigensinn und einseitige Sichtweise, mit der wohl wirklich schwierig umzugehen ist in einem Bandgefüge. Zumal man im Buch auch immer wieder auf Widersprüche stößt, wenn er z.B. Public Image-Gründungsmitglied Keith Levene als jemanden hinstellt, der durch seine Drogen- und Spielsucht faul und lethargisch wurde, später dann aber erwähnt, wie sehr ihm die vielen Ideen und Vorschläge Levens auf den Senkel gingen. Na was nun? Lydons kreative Ideen waren, so lernen wir also, immer gut und ziehlführend. Die von Levene und anderen Mitstreitern: für die Tonne.
Das alles tut dem Lesegenuss jedoch keinerlei Abbruch, der Mensch als solcher ist widersprüchlich und Lydon plappert so großartig von der Leber weg, dass man ihm diverse Selbstbeweihräucherungen und Rechtfertigungen, ja sogar die unsagbar vielen hooliganesken Prügeleien und gerichtlichen Auseinandersetzungen schmunzelnd verzeiht.
Ich persönlich lese subjektiv gefärbte Texte viel lieber als solche, die so tun als könnten sie eine sonstwie geartete Objektivität transportieren. "Anger Is An Energy" ist so besehen ein fulminante Selbstentlarvung, de so gut funktioniert, weil Lydon a) bei aller Selbstgerechtigkeit immer geradeaus spricht und er es sich b) durch all seine riskanten Unternehmungen diverser Art einfach leisten kann sich ein wenig aufzuspielen. Man nimmt es ihm einfach ab, es ist keine Rolle.
Und so sind es vor allem die kleinen Nuancen, die dieses Buch zu einem großen Gewinn machen. Wenn er, der englische Arbeiterklassenrüpel par excellence, beispielsweise erzählt, wie gerade er im sonnigen und oberflächlichen Los Angeles landen konnte. Warum er sich gerade in Kalifornien sein Gebiss neu hat machen lassen. Oder dass er dort, in der Sonne, am Meer, in FlipFlops und kurzen Hosen rumrennt - und feststellt, dass niemand in diesem Outfit wütend, schon gar nicht punkig werden kann. Und stattdessen lieber zehn Jahre damit "vertut", Kinder großzuziehen, die gar nicht seine eigenen sind.

Über 600 Seiten. Und man liest es ratzfatz durch. Und, das allerwichtigste: parallel hört man in die Pistols- und PiL-Scheiben rein, sucht sich die diversen im Buch erwähnten YouTube-Clips aus alten Zeiten heraus, zieht sie sich rein. Und bekommt so nebenbei - der musikhistorisch wichtigste Aspekt - ein Gefühl dafür, warum gerade die Gallionsfigur des Punk die eigene Szene verlassen musste. Um so etwas Großartiges wie den PostPunk zu entwickeln.
Nein, so schlecht wie Lydon ihn macht, ist Punk natürlich nicht. Und auch in Platten von THE CLASH darf man getrost weiter hören, so ab und an.


MMXII
MMXII
Preis: EUR 17,29

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschütternd, bleiern, unschön - juhu!, 22. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: MMXII (Audio CD)
Ja, aber natürlich war das irgendwie klar, dass eine ausgemachte Weltuntergangs-Combo wie Killing Joke es sich nicht nehmen lassen würde, all den düsteren Zerwürfnissen des Maya-Kalenders Rechnung zu tragen und ein ganzes Album zum Jahr 2012 – in gutem alten Latein: MMXII – vom Stapel zu lassen. Und natürlich war es ebenso abzusehen, dass sich allen voran Frontmann Jaz Coleman in all seiner Theatralik derart besessen diesem Sujet widmen würde, dass das begleitende visuelle Ergebnis (Covergestaltung, Promo-Bilder, Videoclips) erneut irgendwo zwischen genial und albern anzusiedeln ist.

Als wesentlich überraschender erweist sich dafür denn doch die Tatsache, dass Killing Joke die weltweit einzige Altherren-Rockband sein dürften, die ausgehend von der Reunion ihrer Gründungsformation im Jahre 2003 nur noch zu musikalischen Großtaten fähig zu sein scheint. Bereits das 2010er Album „Absolute Dissent“ hatte selbst bei Fans für ungläubiges Augen- und Ohrenreiben gesorgt, hatte sich die metallisch veranlagte Post-Punkband dort doch bereits auf der künstlerischen Spitze ihres dunklen Schaffens gezeigt, versehen mit einem Biss, einer Prägnanz und einer „Erfahrung schafft Qualität“-Attitüde, wie wir sie uns von anderen Rock-Dinosauriern einige Male zu oft vergeblich gewünscht haben. Und „MMXII“, es lässt sich nicht anders sagen, hält diesen Standard auch im Jahre 2012 nicht nur weiter aufrecht, sondern erweitert ihn sogar noch um diverse Nuancen. Sicherlich, wie schon seit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im Jahr 1980 – und auf sämtlichen, inzwischen 14 nachfolgenden Alben auch – kann sich der begeisterte Hörer noch immer mit einigem Recht fragen, warum nicht irgendein Produzent den Gesang oder auch das Geschrei von Coleman nicht bitte endlich einmal gescheit, ergo weniger blechern und hallend, abmischen mag. Ist man jedoch geneigt diese ganz offensichtlich bewusst eingesetzte Unzulänglichkeit als „Trademark-Sound“ zu akzeptieren, sprengt „MMXII“ ganz wunderbar alles weg, was sich oberhalb unserer Halsknorpel befindet. Stilistisch ist der Longplayer dabei durchaus zu einem klanglichen „Best Of“ geraten, finden sich hier zwar – natürlich – nur neue Stücke, dafür jedoch aus so ziemlich jeder bisherigen Bandphase. Poppige Strukturen wie auf dem kommerziell erfolgreichsten Album „Night Time“ (1985) treffen auf Noise- und Industrial-Attacken, wie sie vor allem Mitte der 90er Jahre auf „Pandemonium“ auf die Fans losgelassen wurden. Auch steinharte Wutexzesse, mittel experimenteller Avantgarde-Lust durch den Post-Punkwolf gedreht, verweben sich dank ausschweifender Repititionsgelage immer wieder mit hypnotisch-erhabenen Momenten. Vor allem „Trance“ – der Titel ist hier wahrlich passend gewählt – weiß diesbezüglich zu begeistern, während die erste Singleauskopplung „In Cythera“ oder aber auch der sich langsam einfädelnde Opener „Pole Shift“ gerade durch ihr Bekenntnis zur Langsamkeit einen für Killing Joke eher untypischen und daher neuen Reiz aussenden. Überhaupt fällt auf, wie wandelbar Coleman seine Stimme mit steigendem Alter einzusetzen vermag, klingt er auf „In Cythera“ noch geradezu sanft und fast schon zerbrechlich, haut er mit Hilfe der gewohnt brutal-unbarmherzigen Einwürfe seines Leadgitarristen Geordie Walker mit „Colony Collapse“ und „Corporate Elect“ Stücke aus dem Halfter, die haarscharf an der Grenze zum Guttural-Gesang des Death Metal entlangstampfen.

Zukunftsangst, Resignation und bleierne Schwere – Killing Joke dürfte mit „MMXII“ tatsächlich der Soundtrack des Jahres 2012 gelungen sein. So erschütternd und unschön das auch ist.


Urge to Kill
Urge to Kill
Preis: EUR 15,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sammlerstück für Genre-Fans, 22. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Urge to Kill (Audio CD)
Und so fragen wir uns – welche weiblichen Helden (oder auch Anti-Helden) hat die Punk- und Post Punk-Generation hervorgebracht? Hm? Okay, Blondie. Aber sonst? Okay, okay Siouxsie Sioux. Patti Smith. Aber sonst? Genau: Lydia Lunch. Da es sich bei Urge To Kill um eine Neuinterpretation fast 30 Jahre alter No Wave-Großtaten handelt, erinnern wir uns doch gern: No Wave, das war, lapidar erklärt, das nordamerikanische Pendant zum eher in Großbritannien angesiedelten Post Punk (Joy Division, Magazine, Josef K, Chameleons, Ultravox! u.a.). Das Zentrum dieser musikalischen Bewegung war New York und seine Hochzeit wird allgemein auf den Zeitraum von 1978-1982 taxiert.

Wie der Post Punk entstand also auch No Wave in unmittelbarer Folge zum originären Punk, dessen wüste Methoden und brachiale Botschaften durch vertracktere, mitunter schwer zugängliche Kompositionen ersetzt und mit mehrheitlich destruktiv-beklemmenden Lyrics versehen wurden. Wut, Anspannung und Gereiztheit wurden nicht länger möglichst flegelhaft hinausgepöbelt, sondern möglichst artifiziell hervorgepresst. Bevor es gegen eine etwaige Gesellschaft ging, ging es zunächst einmal gegen sich selbst. Und hatte es beim Punk noch geheißen, dass allzu viel Expertise am Instrument nur hinderlich sei, gelten Post Punk und No Wave bis heute als ein musikalisches Territorium, auf das man sich ohne fundierte Ausbildung kaum wagen kann.

Ja, so war das damals. In etwa. Lydia Lunch darf nun, so viel Form muss sein, nicht nur als größte weibliche Ikone der No Wave-Bewegung angesehen werden, sondern als hervorstechendste Person überhaupt. Speerspitze, gewissermaßen, die maßgeblichen (auch in diversen Kollaborationen Eingang findenden) Einfluss auf Bands wie Sonic Youth, Einstürzende Neubauten oder Nick Cave’s Birthday Party hatte.

Wer kein Lydia Lunch-Album daheim stehen hat, der kennt „Indie“ schlichtweg nicht, so darf an dieser Stelle ein wenig plump behauptet werden. Da überraschend viele Indie-Fans jedoch nicht um diese unumstößliche Feststellung wissen, hat die New Yorkerin für Urge To Kill nun Teile ihrer alten Band reaktiviert. Um, wir erwähnten es, einstige Großtaten in frischem, aber gottlob keineswegs hypermodernen Gewand zu präsentieren. Als Geschmacksanreger und zurück in Erinnerung-Bringer, so ist zu vermuten. Und so gleicht Urge To Kill letzlich einer speziellen Version eines Best Of-Albums, finden sich neben einem Cover des Suicide-Klassikers Frankie Teardrop hier doch Stücke, die man in seinem Besitz haben sollte. Wenn der Elan für die Anschaffung eines ganzen Albums eventuell noch nicht ausreicht. Acht Songs von Queen Of Siam (1980), 13 13 (1982), In Limbo, (1984), Honeymoon In Red und Hysterie (beide 1987).

Ein Sammlerstück für längst überzeugte Genre-Fans. Ein Appetizer für Lunch-Neulinge. Und, tja: Eine unumgängliche Großartigkeit für die Musikhistorie.

So und nicht anders verhält es sich.


Hiob: Roman eines einfachen Mannes (dtv Literatur)
Hiob: Roman eines einfachen Mannes (dtv Literatur)
von Joseph Roth
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

4.0 von 5 Sternen Ehrlicher Eifer ohne Erfolg, 22. August 2015
Entstanden in den Jahren 1928/1929, veröffentlicht dann 1930, gehört “Hiob” neben “Radetzkymarsch” zu den am meisten gelesenen Büchern von Joseph Roth. Durch mein Studium der modernen hebräischen Literatur (Oz, Yehoshua, Shalev, Agnon, Tammuz) bin ich bereits vor vielen Jahren immer wieder in Kontakt mit Autoren gekommen, die das Leben osteuropäischer Juden innerhalb ihres “Shtetl” beleuchteten. Der von jüdischem Glauben und jüdischer Tradition geprägte Lebensraum, der immer wieder Bedrohungen von außen unterworfen ist, spielt nun auch in “Hiob” eine tragende Rolle, beginnt die Geschichte doch im russischen Zarenreich um 1890 – und endet nach dem Ersten Weltkrieg im Exil in New York. Eine nicht nur für jüdische Gemeinden enorm wechselhafte, konfliktreiche Epoche, in deren Verlauf neben den Vereinigten Staaten bekanntlich auch Palästina zum Sehnsuchtsort gerade in Russland und Polen beheimateter Juden wurde. Im Zentrum des Romans steht der glaubensfeste, am Rande des Existenzminimums lebende Toralehrer Mendele Singer, dessen Glaube – ganz nach dem Vorbild Hiobs – durch diverse Schicksalsschläge auf eine harte Probe gestellt wird. Der Zar nimmt ihm die Söhne, die Kosaken verführen ihm die Tochter, er und seine Frau sind der Willkür von Staatsbeamten und Ärzten ausgeliefert. Und zu allem Überfluss wird ihm auch noch ein körperlich und geistig behinderter Sohn, Menuchim, geboren. Roth erzählt in nüchterner – bisweilen bewusst an den Erzählstil der Bibel angelehnter – Sprache von den Zerwürfnissen eines Mannes, der sich, zerrieben zwischen Selbstanspruch und modernen Herausforderungen, nicht nur von seiner Frau und seinen Kindern, sondern auch von sich selbst zunehmend entfernt, zu einem verängstigten, vergrämten und mitunter gar verwirrten Geist wird. Bis er es zum Schluss schließlich sogar wagt Gott zu lästern, sich ihm zu entsagen.

Was besonders gefällt an Roths Roman und seinem Erzählstil ist ein Ansinnen, das zunehmend aus der Mode gekommen zu sein scheint über die Jahrzehnte: Mendele ist weder Held noch Anti-Held, keiner, der sich beständig aufschwingen will hier oder dorthin. Und auch niemand, der sich selbst beständig niedermacht, kein Jammerer, kein zynischer Zeterer. Mendele ist ein Mann, der gar nicht mehr erstrebt als rechtschaffen zu sein. Durchschnitt. Und somit nicht zuletzt auch: Stütze der Gesellschaft. Wie heißt es so schön im Roman: “Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden Erfolg”.

Wer auf der Suche nach frischen Lebenseinsichten ist, der wird aus der Lektüre von „Hiob“ nicht sonderlich viele neue Eindrücke mitnehmen. Das Leben ist hart, es hagelt Niederschläge – wohl dem, dem es gelingt nicht vollkommen abzudrehen, ein halbwegs vernünftiger Zeitgenosse zu bleiben. Dann gibt es gen Ende vielleicht sogar eine kleine Belohnung, für irgendetwas lohnt die ganze Mühsal eben doch. Sehr empfehlenswert ist „Hiob“ dennoch, um einen Einblick in das bereits benannte Leben osteuropäischer Juden zu erhalten, zu verstehen, warum gerade sie die ersten jüdischen Einwanderungswellen in die USA und natürlich Palästina in Gang setzten.


Froschnacht: Roman
Froschnacht: Roman
von Markus Werner
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mürrische Innenansichten arg irritierter Männer, 22. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Froschnacht: Roman (Taschenbuch)
Neben Thomas Bernhard zählt der eigenwillige, so lakonisch-misanthropische Autor Markus Werner längst zu meinen persönlichen Favoriten. Unnötig zu sagen, dass die beiden – Bernhard und Werner es sind, die neben Beckett den größten Einfluss auf meine eigenen Bücher und Texte ausgeübt haben. Wenngleich ich gerade an einer auch nur annähernd ähnlich verknappten Ausdrucksweise, so wie sie Markus Werner zelebriert, definitiv noch zu arbeiten habe. Seine 7 Bücher – der wortkarge und öffentlichkeitsscheue Schweizer hat sich inzwischen offenbar wahrhaftig und endgültig von der Literatur verabschiedet – sind ein Fest für einen jeden Leser, der sich für bittere, zugleich jedoch philosophisch-humorvolle Lebensskizzen interessiert. In dürren Worten bringt Werner Buch für Buch das Kunststück fertig, die mürrischen Innenansichten vom Leben arg irritierter Männer an die Oberfläche zu bringen. Dass man seine kompakt formulierten, mehrheitlich die Menschheit bloßstellenden Thesen, all die mitten aus dem Leben gegriffenen absurden Erfahrungen selbst kennt, ja in Gänze unterschreiben möchte – und dennoch höchst amüsiert durch seine Bücher geradewegs hindurchflutscht, das sucht mit Sicherheit seinesgleichen in der deutschsprachigen Literatur.

Lange nicht so gelacht, lange nicht so oft “Ja, exakt so verhält es sich!” in die Leere meiner eigenen Dachgeschosswohnung gerufen wie bei “Froschnacht”.

In diesem Roman erzählt Markus Werner auf knapp 150 Seiten die Geschichte des Franz Thalmann. Thalmann war einst Pfarrer, verheiratet und hat zwei Töchter. Nun ist er schon seit einigen Jahren geschieden und Lebensberater. Beides wird von Thalmann eher begrüßt als dass es ihn belastet, jedoch gibt es einen anderen „Frosch“ im Hals, der ihn belastet. ,,Der Frosch kommt einmal monatlich, bleibt für drei Tage, geht und kommt dann wieder“. Weder husten, noch gurgeln, noch räuspern helfen und Thalmann ahnt: Sein Frosch im Hals heißt Klemens Thalmann und ist sein Vater. Vor einem halben Jahr hat Franz ihn auf dem Friedhof begraben. Was jedoch nicht mit begraben werden konnte sind die ungeklärten Streitigkeiten und das Unausgesprochene zwischen Vater und Sohn, die so verschieden lebten und sich doch so gleichen. Nun sitzt Thalmann mit 59 Jahren beim Melken und erzählt von seinen Klienten, von seiner Exfrau, von den Kindern, von seinen Gedanken über Gott und die Welt und natürlich von Ketzi, durch die sein Leben damals komplett verändert wurde. Denn es war die Verbindung aus jener junge Frau mit Namen Ketzi (mit einer Geschlechtskrankheit) und Thalmanns klemmenden Reißverschluss, die den Umstand herbeiführte, der weder von Thalmanns Frau noch vom Präsidenten des Kirchenstandes und am wenigsten vom Vater Klemens toleriert werden konnte. Nun des Pfarramtes enthoben und geschieden, lässt Markus Werner seinen Thalmann beim Melken sinnieren. Mit Scharfsinn, mit teilweise provokanter Sprache, mit Tiefsinn und viel Witz ist der Roman auch gleichzeitig ein literarischer Rundumschlag durch die heutige Gesellschaft.

Wer keine Lust darauf hat entlarvt zu werden – sollte das Buch besser nicht lesen.


Die Unsichtbaren
Die Unsichtbaren
Preis: EUR 14,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen An und für sich..., 22. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Unsichtbaren (Audio CD)
...ein 5-Sterne Album. Aber das wäre ja schon Hype, wäre ja schon eine fast schon lemminghafte Nachbetung dessen, was ach so geschmacksaffirmative Postillen wie die SPEX vorkauen.
Sicher, bei allem, was aus der sogenannten PostPunk-Ecke kommt, sind Anspruch und Ansinnen mitunter höher angesiedelt als handwerkliches Können. Gerade das aber ist ein wesentlicher Charakterzug dieser Musikrichtung, der es seit jeher darum geht, in Sphären vorzustoßen, in denen sich ansonsten kaum wer auch nur aufzuhalten getraut. Genau das machen auch auch Messer aus Münster, die ungestüm und allem voran mit dem Kopf durch eine Klangwand wollen. Das tut mitunter dann weh, tat es aber auch schon bei Joy Divison oder Magazine oder Public Image Ltd. Schön ist anders - und genau das eine Wohltat, die ein Album wie "Die Unsichtbaren" über den Schmerz zur Wonne treibt. Die sich beständig selbstkritisch hinterfragenden, nicht selten auch an der Grenze zur Selbstablehnung entlangholpernden Texte spritzen metaphorisch-vage vor sich hin, dass sie zur Textnuss geraten, die mitunter unknackbar bleibt. Und den Hörer gerade dadurch immer wieder zwingt zu sich selbst zurückzukehren, wird ihm hier doch nichts auf dem Erklärbär-Silbertablett serviert, sondern geschmacklos vor den Latz geworfen.
Ohja, "Die Unsichtbaren" erfordert Hingabe, denn auch musikalisch gelingt es Messer auch locker 35 Jahre nach Ian Curtis oder John Lydon (und wer dann noch alles folgte) Songstrukturen zu ersinnen, die wunderbare Rätsel aufgeben, Spannung erzeugen, sich wigern sich am Ende - sei es textlich, sei es musikalisch - in irgendeiner Form aufzulösen.
Lange nicht mehr so herrlich von einer Band im Stich gelassen worden wie von Messer. Allein mi "Die Unsichtbaren" kaue ich seit Wochen an diesem Zweitling herum. Und kann nicht mehr davon lassen.
Kann nicht lassen.


Jagd und Hund
Jagd und Hund
Preis: EUR 17,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Da kann man mal sehen..., 18. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Jagd und Hund (Audio CD)
Nachdem ich Love A seit einiger Zeit bereits enthusiastisch verfolge, hat es aus diversen Gründne gedauert bis ich mir nun auch das dritte Werk zugelegt habe. Kein Unwille hinderte mich, nein. Ich kam einfach nicht dazu. Die ersten drei Stücke, die ich dann hörte, waren "Toter Winkel", "100.000 Stühle leer" und "Der beste Club der Welt". Die ersten beiden haben mich davon überzeugt, dass Love A zunehmend "tiefer" und komplexer werden. Nix mehr mit "Freibad" - so schön dieses Stück vom Debütalbum auch war. Auf "Jagd und Hund" werden Leid und Verzweiflung sowie das immer wieder aufblitzende, unausweichbare Anspruchsdenken des Einzelnen mit größeren gesellschaftlichen Problemen vermengt. Und das so, dass die Schnittstellen, die Klebestreifen nunmehr kaum noch zu erkennen sind. Global-gesellschaftliche Missstände, heruntergebrochen auf die schmalen Schultern des vermeintlich kleinen Mannes, fokussiert auf dessen Wut, klar, aber AUCH auf dessen Verantwortung - das macht diese Platte aus.
Sicherlich, dass von einem Vorkommentierer etwas zerpflückte "Der beste Club der Welt" hat diese Klasse nicht, ja wirkt fast ein wenig wie ein Track, der wie vom Debütalbum "Eigentlich" geklaut scheint - war aber DER Grund mir dieses Album dann doch schnellstens zu besorgen. Allerdings höre ich Love A auch nicht als eine "wir sind gut und haben es gepeilt und alle anderen nicht"-Combo. Sondern nehme in jedem Track auch Selbstzweifel wahr, den Schmerz etwas ändern zu wollen, es aber irgendwie nicht auf die Reihe zu kriegen. Keine echte Handhabe über das eigene Schicksal zu haben.
Gut möglich, dass ich an dem Punkt danebenhaue, aber für mich sind die meisten Stücke - und da kann noch so oft die zweite Person Singular oder Plural als textlicher Ansprechpartner bemüht werden - eigenfokussiert. Und Himmel, trifft der beste Club der Welt zu. Und zwar vor allem auf 90 Prozent aller Hipster, Indies und sonstwas. Und vor allem: in Teilen auch mich.

Ich steh auf Tritte ins Hinterteil. Und den, den Love A mir mal wieder verabreicht haben, den habe ich mit Sicherheit gebraucht. Aber sowas von. Dank nach Trier.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 25, 2015 11:25 PM MEST


Compact Disc (2011 Remaster)
Compact Disc (2011 Remaster)
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht abschreckend, zugleich fordernd, 18. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Compact Disc (2011 Remaster) (Audio CD)
Da es objektive Rezensionen weder geben kann noch darf, kann das "Album" - subjektiv betrachtet - nur 5 Sterne erhalten. John Lydon ging es es nach seinen - wieder subjektiv - schlechten Erfahrungen mit den Sex Pistols und vor allem Malcom McLaren vornehmlich darum, mit Public Image Limited eine gesellschaftlich-künstlerische Plattform zu schaffen, in der diverse Stränge zueinander finden. Mit u.a. schließlich auch dem Gesamtkunstwerk "Album" als Ergebnis. Und eben nicht mehr, wie bei den Sex Pistols, dem Ergebnis "Star" oder aber, noch schlimmer: Punk-Identifikationsfigur. Weder von den Medien, noch von einer vermeintlichen Undergroundszene wollte er auf die eine oder andere Form (sei es via vermeintlichem Skandal oder via perfider Beweihräucherung falsch ausgelegt werden.Sondern stattdessen grenzen- und schrankenlos agieren, beinahe gar: gesichtlos.
Ob ihm das alles gelungen ist, nun, darf bezweifelt werden, wurde Public Image Limited ab Mitte der 80er Jahre doch zunehmend zum Lydon-Vehikel. Das natürlich nur nur, aber letzendlich vor allem von den Einfällen und der wirr-vehementen Ausstrahlungskraft seines Protagonisten lebte.
Musikalisch bietet "Album" - obschon von Kritikern nicht unbedingt als bestes PIL-Werk gesehen - alles, was vielleicht den perfekten Einstieg ins Public Image Limited-Universum ermöglicht. Experimentierlust, harsch zupackende Texte - und immer wieder eine überraschend popaffine Eingängigkeit. Nein, so musikalisch widerspenstig wie zu "Secind Edition"-Zeiten ist Lydon hier nicht mehr, auch wenn seine Stimmlage und seine Wortwahl noch immer scharf wie geschnitten "Ich trete euch allen ins Hinterteil!"-Brot daherkommt. Gerade das schlichtweg schöne "Rise" zeigt jedoch, dass Lydon nie der Bürgerschreck war, als der er so intensiv dargestellt ( oder z.T. auch von anderen missbraucht wurde). Sondern ein Mann, der über die Attacke immer Positives bewirken will und wollte.
Klasse Album, das nicht abschreckt, zugleich aber fordert.


also:
also:

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aus der Stille eines Raumes, 27. November 2013
Rezension bezieht sich auf: also: (Audio CD)
Aus der Stille eines Raumes heraus komponiert Tim Köhler seine Lieder. Lieder, die musikalisch oftmals wie Skizzen daherkommen, getupfte Momentaufnahmen eines Lebens, das voller Fragen ist. Ja, Tim Köhler sucht. Und es ist gerade seine Suche, die ihn zu textlichen Formulierungen gelangen lässt, die vielleicht für ihn, ganz sicher aber für seine Hörer zu Antworten werden. Eine Mischung aus Philosophie und Poesie ist hier zu finden, ein wenig melancholisch, ein wenig besinnlich, doch niemals schwerfällig. Mit Sicherheit das beste, was im Jahr 2013 an deutschsprachigen Texten zu finden gewesen ist. Intelligent genug, um Kopfmenschen anzusprechen. Sensibel und feinfühlig genug, um zu Herzen und Seelen zu sprechen.
Ein elegantes Album ist "also:" geworden, weil es sich ganz wunderbar in Abendstunden zu einem Glas Wein genießen lässt. Man hängt seinen ganz eigenen Gedanken nach, hört die Klaviertasten, die Köhler drückt - und vor allem die, die er nicht drückt, die er auslässt - und hier und da schält sich ein Fragment aus diesem introvertierten Kosmos, setz sich in unsere Ohren und auf unsere Lippen und lässt uns einer Köhlerschen Formulierung hinterherschlendern...
Gut zu wissen, dass es diese Art von Musik noch gibt. Still und bedeutungsvoll. Schwebend und zupackend.Einen wie Tim Köhler setzt uns kein PR-Manager und kein Majorlabel vor. Nein, einen wie Tim Köhler muss man sich schon selbst entdecken.

Doch diese Suche ist es wert. Ist es doch eine Reise zu sich selbst.

David Wonschewski, Jury-Mitglied der Liederbestenliste


Untat (Conte Krimi)
Untat (Conte Krimi)
von Guido Rohm
  Broschiert
Preis: EUR 10,90

5.0 von 5 Sternen Einer der besten Literatur-Blogger - kann auch Roman., 4. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Untat (Conte Krimi) (Broschiert)
Seit langer Zeit verfolge ich bereits den Blog von Guido Rohm, auf dem er fast täglich kurze Schnippsel seines unfassbaren Einfallsreichtums veröffentlicht. Kurze Notizen, aber gewaltig, hellsichtig, grotesk - pointiert. Es mit seinem neuen Krimi aufzunehmen geriet da zur Pflichtlektüre. Und: Er hat mich nicht enttäuscht, der Rohm, denn wenn ich etwas von ihm inzwischen erwarte, dann ist es das Unerwartete. Und dafür ist er auch auf Romanlänge gut. Wer Einheitskrimis mag, sollte die Finger weglassen. Wer jedoch das Besondere sucht, ist hier genau richtig. Das Buch hebt sich total ab. Skandinavische Thriller lesen kann ja wohl mal jeder Knilch. Einen Rohm lesen - hat Charakter. Die Erzählstruktur und der Inhalt nimmt einem die Luft zum Atmen.


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