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Rezensionen verfasst von
Cenodoxus "dinjun" (Bibliothecosibirsk)

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Oldenbourg Interpretationen, Bd.64, Faust I und Faust II
Oldenbourg Interpretationen, Bd.64, Faust I und Faust II
von Ralf Sudau
  Taschenbuch

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit viel Tiefgang, 25. Mai 2006
Unter mehreren Kommentar-Bändchen zum Faust, die ich nebeneinander verwendet habe, war mir diese Interpretation mit Abstand am Hilfreichsten (abgesehen von einem umfangreichen Stellenkommentar, den das grüne Reclam-Bändchen sehr gut bietet, wenn man nicht gleich zu einer größeren Goethe-Ausgabe wie der Hamburger Ausgabe von Trunz greifen will).
Der Band bietet zu allen Aspekten der beiden Faustdramen inhaltlich strukturierte Interpretationsansätze. So wird die Gelehrtentragödie als Erkenntnis- und Existenzkrise nachgezeichnet, nämlich weiter differenzierend als Tragödie der Erkenntnis, des Lebenshungers, des Titanismus. Immer wieder werden sehr schön auch die Zusammenhänge zwischen beiden Teilen der Faustdichtung gezeigt, so besonders im Kapitel über die "Stationen der Weltfahrt" und den "Ausgang der Wette", wodurch auch demjenigen Leser, der sich auf Faust I beschränkt, wesentliche Dinge aus dem 2. Teil klar werden. In vielen weiteren Kapiteln werden wichtige Aspekte wie Gattungsfrage, Dramenstruktur, Leitmotive und Symbolik, Verskunst etc. behandelt, so dass man hier wirklich erfährt, was man wissen will. Wagner wäre bestimmt begeistert, denn er will ja schließlich alles wissen -- und Faust wäre vielleicht auch einverstanden mit diesem anspruchsvollen aber dennoch nicht trockenen Band.


Absurda Comica oder Herr Peter Squentz: Kritische Ausgabe
Absurda Comica oder Herr Peter Squentz: Kritische Ausgabe
von Andreas Gryphius
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessantes Stück Komödiengeschichte, 27. April 2006
Die Barockkomödie ist für unseren Geschmack etwas albern und derb, das bloße gedruckte Wort vermag kaum die komische Wirkung wiederzugeben, welche in hohem Maße von der (Stehgreif-)Kunst der Schauspieltruppe und der Interaktion mit den Zuschauern abhängig gewesen sein dürfte.Dieses Stück von Gryphius erscheint in der Tat sehr albern und blödsinnig, bietet aber sehr interessante Einblicke in das damalige Theaterleben, welches satirisch übertrieben als Stück im Stück dargestellt wird. Die Satire richtet sich dabei in der Hauptsache gegen die Derbheit einfacher Handwerker (der Truppe Rund um Peter Squentz), welche in großem Dilettantismus den Versuch unternehmen die Geschichte von "Pyramus und Thisbe" am Königshof zur Aufführung zu bringen. Der Versuch scheitert natürlich kläglich und wird zu einer Art anarchischer Slapstickkomödie, an der man durchaus auch moderne Züge erkennen kann.Dabei ist das Stück weniger als barocke Ovid-Rezeption, sondern vielmehr als Neuaufnahme der in Shakespeares "Sommernachtstraum" eingeschalteten ebenfalls lächerlich-komischen Komödienaufführung zu sehen, also als Teil deutscher Shakespeare-Rezeption und somit dramenhistorisch nicht uninteressant. Die kritische Ausgabe verzeichnet akribisch alle Varianten der verschiedenen Drucke, wovon man allerdings wenig Nutzen haben wird, und enthält außerdem ausführliche Literaturhinweise und ein sehr nützliches und informatives Nachwort. Auch als Studienausgabe ist der Band somit sehr gut zu gebrauchen. Zu empfehlen für alle, die mehr von der Barock-Literatur kennenlernen wollen als eine Hand von Sonetten.


Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe: Faust - Erster und zweiter Teil. Ausführliche Inhaltsangabe und Interpretation
Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe: Faust - Erster und zweiter Teil. Ausführliche Inhaltsangabe und Interpretation
von Eberhard Hermes
  Broschiert

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Etwas mehr Interpretation dürfte es ruhig sein, 27. April 2006
Wie von einigen Rezensenten bereits gesagt wurde, bietet dieses Buch eine gute Hilfe für den Einstieg in Goethes Faust. Die Darstellung ist verständig geschrieben und klar strukturiert. Ein großes Manko ist aber, dass der Band leider keine Ansätze zur Gesamtinterpretation anbietet. Allenfalls werden derartige Interpretationsmöglichkeiten im Kapitel "Zur Rezeptionsgeschichte" angedeutet. Man wird also neben diesem Band auf jeden Fall noch eine weiterführende Interpretation brauchen.

Ebenfalls nicht enthalten ist ein Stellenkommentar, den man bei der Lektüre des Faust dringend braucht. Man sollte sich also überlegen, ob man zunächst nicht lieber die billigeren "Erläuterungen und Dokumente" von Reclam anschafft oder z.B. das Königs-Bändchen zum Faust. Die größte Hilfe ist für mich die Interpretation in der Oldenbourg-Reihe von Ralf Sudau gewesen, -- aber da muss man leider etwas tiefer in die Tasche greifen. Wie dem auch sei; wer vor allem Lektürewissen zum Inhalt des Faust sucht, ist mit diesem Band hier sehr gut bedient. Mit der beigefügten Audio-CD ist dieser Band außerdem gut zur Vorbereitung auf das mündliche Abitur geeignet.


Kommentierte Werkausgabe. Romane und Erzählungen. Sechs Bände in Kassette: Band 3: Die Verzauberung. Roman (suhrkamp taschenbuch)
Kommentierte Werkausgabe. Romane und Erzählungen. Sechs Bände in Kassette: Band 3: Die Verzauberung. Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Paul Michael Lützeler
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dem "Doktor Faustus" zu vergleichen, 19. April 2006
In der "Ausgabe nach dem Nachlass" von Felix Stössinger 1953 unter dem Titel "Der Versucher" herausgegeben, erwies sich dieser große Roman Hermann Brochs auch für die Herausgeber als schwierig. Mehrere Fassungen hatten im Nachlass Brochs vorgelegen, in Gesprächen oder Briefen hatte Broch oft den "Berg"- oder auch "Gebrigs-Roman" erwähnt, als weiterer Titel wurde "Demeter oder die Verzauberung" verwendet, bezogen auf die Figur der Mutter Gisson in diesem großen Naturroman.

Der Roman selbst hat sehr viele Ebenen und ist in der Tat nicht leicht zu lesen und zu verstehen. Erscheint das Buch zunächst (und etwas abschreckend) als Heimatroman, verwandt möglicherweise dem Heimatkitsch der "Blut- und Boden"-Literatur, so werden schon bald immer mehr Störungen des Idylls erkennbar, dargestellt aus der Perspektive eines der Gesellschaft des geschilderten Bergdorfes nicht recht zugehörigen Landdoktors, eines Fremden, wie auch Broch als Fremder im Exil auf Deutschland blickte.Ein Exilroman ist dies nun ohne Frage und das Idyll der Naturlandschaft, die in wunderschöner Sprache meist zu Beginn und Ende der großen Kapitel im Wandel der Jahreszeiten eindringlich geschildert wird, erweist sich als brüchig, jedenfalls an der Oberfläche, an welcher der Marius erscheint, ein Verführer, der den Frieden im Dorf erheblich stört, so dass es zu immer weitreichnderen Auseinandersetungen und Sonderheiten kommt, einer Art Verhexung. Dies mag gewiss auf die unerklärlich scheinende Gestalt Hitlers verweisen; vieles deutet darauf hin, aber so eindeutig und banal ist es schließlich doch nicht. Die Anschauungen des Marius erweisen sich keineswegs als direkt auf den Nationalsozialismus übertragbar. Als eine Art "Erlöser" tritt er auf, der die stumpfsinnigen Dorfbewohner "verhext". Worum genau es in diesem Roman geht, bleibt lange unklar, und es csheint mir mehr zu sein als nur Gleichnis des Nationalsozialismus, sondern eher eine weitgefasste mythologische Betrachtung der menschlichen Gesellschaft in Zeit und Natur überhaupt. Von der Verwandlung der Natur ist viel die Rede, von Ehe und Sexualität, von Gold und Erz, um Religiöses geht es, um das Bauernleben, um Krankheit und Gesundheit, um Traum und Wirklichkeit. Weitreichende Erkenntnisse finden sich auf vielen Ebenen der Erzählung, so dass man sich beim Lesen lange mit Einzelnem beschäftigt und deswegen nicht schnell lesen kann. Etwa um das Altern, aber auch um Erfahrung von Zeit, also des Augenblicks, der Tiefe und des oberflächlichen Anscheins geht es viel. Aber v.a. darum, wie sich die Masse gegenüber dem "Verzauberer" verhält. Man lernt, "dass die Gewalt der Überzeugung, der Führung, des Mitreißens eigentlich vom menschlichen Vertrauen unabhängig ist, blutwenig mit diesem zu tun hat, nicht durch Vertrauen erworben werden kann, vielmehr demjenigen vorbehalten bleibt, der sich selber zur Idee macht, der die Abstraktheit der Idee in sich selber verkörpert ... und dass dies vor allem dem Narren gelingt und stets dem Narren gelingen wird..." Dem groeßen Werk von Elias Canetti "Masse und Macht" sind derartige massenpsychologische Einsichten zu vergleichen; auch der dunklen Magie in Thomas Manns "Doktor Faustus" ist sicherlich manches in diesem Roman nah verwandt. Es ist dies ein gewaltiges Buch, das Menschen erscheinen lässt wie Teile eines Gebirges, kein einfaches Buch, aber ein Roman, verfasst in einer makellosen Sprache, die sich keine Schwäche erlaubt, von mythischer Kraft und Bedeutung.


Das Leben des Raffael
Das Leben des Raffael
von Giorgio Vasari
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neu übersetzt und wunderbar erschlossen, 19. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Das Leben des Raffael (Taschenbuch)
Band für Band werden im Verlag Klaus Wagenbach die Künstlerbiografiemn Giorgio Vasaris neu verlegt und dadurch für den deutschen Leser vollkommen neu erschlossen. Dieser Band etwa zu Raffael ist wunderschön illustriert; der Text von Vasari selbst ist durch eine umfangreiche und sehr kundige Einleitung auf beste Weise erschlossen, die Übersetzung ist - soweit ich das sehen kann - genau und sehr lesbar. Der Text wird im Detail noch einmal durch Anmerkungen erläutert, die z. T. der Rhetorik und Topik der Raffael-Vita nachgeht und v.a. wichtige Begriffe wie "studio" etc. sehr ausführlich erklärt, wobei auf die antiken wie andere Quellen verwiesen wird. Alleine diese Anmerkungen rechtfertigen den Kauf dieses wunderbaren Buches. Raffaels anekdotenreiches Leben wird hier lebendig, jene Legende über den Künstler, die in ihm die anmutigste Verkörperung des idealen Künstlers gesehen hat (auch und v.a. im Gegensatz zur Kraft Michelangelos). In der Tat eine "Liebeserklärung an einen ungewöhnlichen Künstler" - wie man dem Rückentext treffend entnehmen darf.


Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft
Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft
von Hans Peter Althaus
  Taschenbuch

18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ungeheurer Sprachschatz, 19. April 2006
Von "abgezockt" [zu jidd. zchoken] bis "Zore(s)" [jidd. zoro] oder "Zuschmuser" findet man hierrund 1100 informative und unterhaltsame Einträge, darunter Wörter, die jeder kennt (Chuzpe, Schmus und Tacheles), vieles Unbekanntes, manches Überraschendes (betucht von jidd. betuach = vertrauenswert, sicher; hat also mit "Tuch" nichts zu tun"), daneben eine umfangreiche Einleitung zum Jiddischen sowie umfangreiche Literaturhinweise. Alles in allem ein sehr gelungenes handliches Wörterbuch!


Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten 1945 - 1960.
Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten 1945 - 1960.
von Marcel Reich-Ranicki
  Broschiert

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unverzichtbar, 19. April 2006
Diese Anthologie ist Teil einer 5bändigen Reihe, in welcher MRR Erzählungen des 20. Jahrhunderts (bis 1980) zusammengestellt hat; dabei scheint mir dieser Band zur Kurzgeschichte der Nachkriegszeit, einem Höhepunkt erzähelnder Prosa in Deutschland üpberhaupt, am besten gelungen. Die Auswahl der Kurzgeschichten kann durchaus als klassisch gelten: ich will nur W. Borchert: Das Brot, E. Langgässer: Saisonbeginn, H. Böll: Wanderer, kommst du nach Spa... und I. Aichinger: Spiegelgeschichte nennen.

Viele dieser Erzählungen zählen schon seit langem zu meinen absoluten Favoriten und bleiben auch noch beim hundertsten Mal interessant und in ihrer Klarheit beeindruckend. Daneben gibt es aber auch viel zu entdecken, nicht zuletzt das meisterhafte Nachwort von MRR: "Wer lebt, erzählt..." Sehr eindringlich wird deutlich gemacht, was durch Erzählen eigentlich geleistet wird: die Zeit aufheben, "sichten und sichtbar machen, schauen und veranschaulichen, glauben und beglaubigen, wahrnehmen und wahr machen. ... Erzählen heißt: der Wirklichkeit zur Wirksamkeit verhelfen." Somit ist das hier wirksame, erzählerisch beglaubigte Geschichte - mehr als jedes Geschichtsbuch bieten kann!


Tupolew 134: Roman
Tupolew 134: Roman
von Antje Rávic Strubel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,50

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Versuch eines Deutschlandromans, 16. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Tupolew 134: Roman (Taschenbuch)
Dieses Buch von Antje Rávic Strubel wurde bei Erscheinen als Hardcover in einigen Zeitungsbeilagen zur Frankfurter Buchmesse Herbst 2004 als eine der wichtigsten Erscheinungen des Jahres gefeiert; mit großen Erfolgsaussichten, die bisher meines Wissens aber nciht eingetreten sind. Möglicherweise lässt das Erscheinen der Paperback-Ausgabe das nun bald anders aussehen. Zu wünschen wäre das, allerdings auch mit Einschränkung.
Strubel hat mit "Tupolew 134" gewiss einen sowohl gestalterisch als auch thematisch höchst bemerkenswerten Roman dargeboten; allerdings um leichte Kost handelt es sich keineswegs, das sei schon einmal vorweggenommen.

In diesem Roman geht es um ein Stück Zeitgeschichte, das im öffentlichen Gedächtnis unseres Landes nahezu keine Spuren mehr hinterlassen hat, jedenfalls mir war dieser Fall nicht bekannt: am 30. 8. 1978 wurde eine Tupolew 134 von zwei DDR-Bürgern (darunter die vierundzwanzigjährige Katja Siems) auf dem Flug von Danzig nach Berlin-Schönefeld entführt und auf den West-Berliner Flughafen Tempelhof umgelenkt.
Der Geschichte dieser Entführung geht die Erzählung auf sehr behutsame Weise nach, indem verschiedene Zeitebenen, alle verbunden in der Metapher eines Schachts der Geschichte (oben - unten - ganz unten) nebeneinander gestellt werden, nämlich Vorgeschichte der Protagonisten (v.a. Katja Siems), die Zeit unmittelbar vor dem Ereignis und die Aufarbeitung vor Gericht, politische, alltägliche, spontane, geplante, unüberlegte Dimensionen dieser Tat, die somit sehr lose miteinander in Verbindung gebracht werden.

Auf höchst interessante und auch spannende Art konstruiert Antje Rávic Strubel damit ein Stück deutsch-deutscher Geschichte - oder unternimmt ganz subjektive Erinnerungsarbeit. In dieser Geschichte spiegelt sich sehr viel wider, etwa von der Terrorangst der späten Siebziger (Bundeskanzler H. Schmidt erhält selbst eine Rolle in dem Roman), natürlich vom Alltag der DDR, von der deutschen Frage und Begegnungen zwischen West- und Ostdeutschen.
Dieses Buch nimmt die Geschichte dabei meiner Meinung nach nicht zu ernst, es geht nicht um einen historischen Eiertanz, Detailschürferei oder zu skrupulöse Aufarbeitung, sondern die Autorin hat zwar das Wesentliche recherchiert, sich im Übrigen jedoch auf ihr schriftstellerisches Gespür verlassen, wenn man das so sagen kann. Gerade dies macht das Buch meiner Meinung nach so interessant und lesenswert, denn hier wird keine Wahrheit feilgeboten, sondern behutsam eine Art Untersuchugn über mögliche Motive bei den Akteuren unternommen, die sich genügend zurückhält, aber dennoch eine Geschichte von großer innerer Wahrscheinlichkeit entstehen lässt. Letztendlich ist es aber der Leser, der sich diese Zusammenhänge selbstständig konstruiert und sich somit auf (postmoderne) Allegorese oder Sinnfindung begibt. Dabei geht es neben allem Historischen um ganz grundsätzliche Dinge, menschliche Sinnsuche und Beziehungsnot, aber auch um deutsch-deutsche Themen und einen klar umrissenen geschichtlichen Rahmen. Alles Dinge, die wohl niemals ganz ausgelotet sein werden, wie die tiefe Dunkelheit eines Schachts.


Das "lange" 19. Jahrhundert (1789-1917): Profil einer Epoche
Das "lange" 19. Jahrhundert (1789-1917): Profil einer Epoche
von Franz J Bauer
  Taschenbuch

30 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr anregende Geschichtsbetrachtung, 20. Januar 2006
Ich habe diesen Essay als sehr anregend empfunden und kann ihn nur weiterempfehlen, zumal in einer Zeit, in welcher Geschichtsphilosophie nur noch selten ernsthaft betrieben wird. Bauers Darlegungen reichen von allgemeinem Nachdenken über Epochenbildungen und Geschichtsprozess (hier gibt er einen Überblick etwa von Hegel bis Koselleck) bis hin zu differenzierten Betrachtungen, die oftmals Dichotomien der Entwicklung im 19. Jahrhundert im Auge haben. Hier unterscheidet Bauer die Themenkomplexe "Aufklärung - Historismus - Fortschrittsdenken", "Säkularisierung und Ratuionalisierung" (besonders interessant die Darstellugnen zum eoigentlich Paradoxen des rationalen Freiheitsbegriffes, da Rationalisierung auch Zunahme an Fremdbestimmtheit bedeutet), "Emanzipation und Partizipation" usw. Der Band schließt mit einem Blick auf die Krise der Moderne im 1. Weltkrieg (nachdem mit dem Zeitalter der Revolutionen und dem Jahr 1789 begonnen wurde So wird aus dem strukturlosen "wüsten Strom des Werdens" (so Nietzsche in unseren Köpfen das "lange" 19. Jahrhundert zu einer Epoche. Das Buch kann ich allen empfehlen, die keine Ereignisgeschichte erwarten, sondern diese bereits kennen und aus philosophischer Distanz über auch heute noch grundelgende Entwicklungen in der Geschichte nachdenken können. Da das 19. Jahrhundert einen ungewöhnlcihen Umbruch bedeutete, ist dieses Buch auch für das Verständnis des (kurzen) 20. Jahrhunderts sehr wertvoll!!!


Die ZEIT. Welt- und Kulturgeschichte, Bd.1 : Anfänge der Menschheit und Altes Ägypten
Die ZEIT. Welt- und Kulturgeschichte, Bd.1 : Anfänge der Menschheit und Altes Ägypten
von Andreas Sentker
  Gebundene Ausgabe

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein Standardwerk, 6. Dezember 2005
Vergleicht man dieses Lexikon mit der Propyläen Weltgeschichte (nach wie vor die Referenz), so hat man dort eine abschreckende Bleiwüste, die man gerade deshalb kaum mal zur Hand nimmt, hier nun ein ansprechendes und zum Lesen motivierendes Buch, das möglicherweise nicht im Regal verstauben wird, sondern tatsächlich dazu anregt, dass man es verwendet - und sei es nur, um darin zu blättern und die ein oder andere Abbildung nebst Beschriftung zu lesen. Insofern macht schon dieser erste Band wirklich Lust auf mehr.

Auf den Hauptteil (hier auch mit Exkurs "Steinzeit heute? - Die Naturvölker der Gegenwart") folgt ein sehr ZEIT-spezifischer Teil, die sog. "ZEIT Aspekte". Hierunter verbirgt sich eine Sammlung ausgewählter Artikel aus der ZEIT zu den Themen dieses Bandes. Dies ist eine schöne Idee und macht durchaus Freude, v.a. auch, wenn man sich an Artikel erinnert, die man möglicherweise auch einmal aufgehoben hat. Andererseits ist dieser Teil aber auch serh problematisch und bei aller Hochachtung für die ZEIT muss man sich doch fragen, ob alle ihre Artikel sozusagen sub specie aeternitatis (in einer "Menschheits"enzyklopädie) Gültigkeit haben können. Dies will ich besonders für den Artikel über den Ötzi vom 7. August 1992 bezweifeln. Zu diesem Zeitpunkt war bei weitem noch nicht genügend Wasser aus den Gletschern ins Tal geflossen, geschweige denn der Fund ausreichend wissenschaftlich ausgewertet.

Man muss man anerkennen, dass namhafte Vertreter ihres Faches als Autoren des ersten Bandes auftreten. Den Beginn macht Egon Boshoff über das Thema "Was ist Geschichte", ein ausgewisener Kenner des Mittelalters, vor allem der Salier. Er gibt einen Überblick darüber, wie die menschliche Geschichtsbetrachtung etwa seit den Griechen entstanden ist, dies sachkundig und sicher, aber für meinen Geschmack leider auch etwas zu kursorisch. Wichtige Unterscheidungen moderner Geschichtsbetrachtung, etwa die Kategorien von "kalter und warmer Erinnerung" oder des individuellen und kollektiven Gedächtnisses nach Cl. Lévi-Strauss, Maurice Halberwachs bzw. Jan Assmann bleiben leider ganz außen vor, so dass man hier wenig mehr findet als Elementarwissen, aber kaum eine wirkliche Einführung in die philosophische oder auch anthropologische Reflexion über das Fach Geschichte. Wie vieles ist also auf der Strecke geblieben? Will man das den ZEIT-Lesern nicht mehr zutrauen?

Die Idee Zitate wichtiger Denker wie Ciceros oder Rankes neben dem Text hervorzuheben, ist sicherlich löblich, allerdings wenn es in derartiger Verkürzung geschieht wie hier (dies gilt leider für alle Teile des Lexikons!) bringt das eigntlich gar nichts und ist letztendlich nicht mehr als verzierendes Beiwerk. Auch die jeweiligen Quellen werden nirgends angegeben, was leider auch für den gesamten Text gilt. Nirgends gibt es Hinweise auf die verwendete oder wenigstens auf weiterführende Literatur!

Zudem gibt es trotz aller betonten Mühe um Anschaulichkeit m. E. zu wenige wirklich veranschaulichende Abbildungen wie Karten oder Stammbäume. So fehlt mir etwa dringend eine Karte über die Ausbreitung der jungsteinzeitlichen Wirtschaftsform. Auf Anhieb bin ich z.B. ratlos, wo genau ich mir das türkische Catal Hüyük denken muss.

Ein abschließendes Urteil zu finden fällt nun schwer und ist nach einem Band auch kaum möglich. In Zeiten von wikipedia, in denen viele aus den Augen verlieren, was verlässliche Informationen von unverlässlichen unterscheidet, hätte ich mir eine wesentlich stärkere Orientierung an den Grundsätzen von Wissenschaftlichkeit gewünscht. Andererseits steht fest, dass hier ausgewiesene Fachleute geschrieben haben und dass man tatsächlich nicht alten Wein in neuen Schläuchen erhält, sondern durchaus Informationen aus erster Hand und auf dem Stand der Wissenschaft (abgesehen von den doch zu kurzlebigen ZEIt Aspekten, die aber durchaus ihren Reiz für sich haben).

Ein Standardwerk wird das nicht werden. Dafür bietet die ZEIT "Welt- und Kulturgeschichte" dem ersten Anschein nach doch leider weniger als man erwartet hätte. Ich werde sie mir nicht anschaffen und weiterhin zum Bewährten greifen: Siedlers Deutsche Geschichte, der Gebhard, Oldenbourg Grundrisse, Propyläen, Fischer Weltgeschichte... und daneben zu Monographien. Aber das ist durchaus Geschmackssache. Unter dem Strich scheint es jedoch so, als sei alles v.a. eine große Marketing-Kampagne und auch hier gilt: The media is the message (Marshall McLuhan).


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