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Rezensionen verfasst von
Jennifer Hess (Gießen, Deutschland)
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Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große
Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große
von Mascha Kaléko
  Broschiert
Preis: EUR 8,99

16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen einmal sollte man..., 18. Dezember 2008
Fassungslosigkeit. Blankes Entsetzen ergriff mich, als ich das erste Mal Gedichte Mascha Kalekos las: ich konnte es einfach nicht fassen, zuvor nie etwas von ihr gehört zu haben. Als Liebhaber der Neuen Sachlichkeit per se fand ich hier endlich, wonach ich so lange gesucht hatte: den - wenn man so will - weiblichen Erich Kästner.

Wer bitte ist diese Mascha Kaleko?
Im Berlin der dreißiger Jahre gehörte sie zum Kreis der schöpferischen Bohème, traf Literaten wie Tucholsky, Ringelnatz und Else Lasker-Schüler und erlangte schnell Berühmtheit. Es war ihre Kunst, mit einem Minimum an Sprache ein Maximum an Bedeutung zu transportieren, die den Zeitgeist traf und auch heute noch beeindruckt.

Ihren stets nüchternen Blick auf Liebesbeziehungen, die zum Scheitern verurteilt sind, gepaart mit augenzwinkernder Sentimentalität und zynischer Ernüchterung - all das meinte wohl Thomas Mann, als er die "aufgeräumte Melancholie" der Kaléko lobte.

Und wirklich, ihre geschaffene Vereinigung von Witz, Ironie und Melancholie erinnert an Erich Kästners Sarkasmus (Zur Erinnerung Kästners Kleines Solo: "Einsam bist du sehr alleine. Aus der Wanduhr tropft die Zeit. Stehst am Fenster. Starrst auf Steine. Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben. Weißt Bescheid..."). Bei Kaleko klingt das dann folgendermaßen:

"Wenn einer fortfährt, geht das Herz auf Reisen. Und treibt sich irgendwo allein herum. Es ist schon manchmal schwer, nicht zu entgleisen. Die klügste Art zu reden bleibt doch: stumm. Wenn einer fortging, kann man nichts vergessen, Und jeder Tag ist ein Erinnerungsblatt. Wenn einer fortgeht, braucht man nichts zu essen, Man wird vom Tränenschlucken satt".

Ich muss mit Reich-Ranicki d'accord gehen, wenn er konstatiert, Kaleko schreibe, wie ihr der Schnabel gewachsen sei. Und genau das ist es, was ich zu schätzen weiß. ("Mir ist so kognakfroh zumut! Schon tanzen Wand und Schränke. Ich sag dem Tischherrn, was ich von ihm denke Und schließe daraus: der Schnaps war gut...").

In diesem Sammelband sind die ersten beiden Gedichtbände der Kaleko, die in den 30er Jahren noch vor ihrer Emigration in Berlin entstanden und der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zum Opfer fielen, zusammengefasst.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 7, 2009 10:17 AM MEST


Open Hearts [UK Import]
Open Hearts [UK Import]

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Suche nach Authentizität, 5. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Open Hearts [UK Import] (DVD)
Mitte der 90er Jahre entwickelten die dänischen Regisseure Vinterberg und von Trier mit ihren Filmen "Das Fest" (1998) und "Die Idioten" (1998) ein neues Filmkonzept. Die Idee der Dogma-Reihe entstand. Unter "Dogma" versteht man seitdem ein Regelwerk, das versucht, anhand von formal-ästhetischem Purismus eine Befreiung vom digitalen Illusionskino Hollywoods zu erreichen.

Nach "Italienisch für Anfänger" (2000) ist "Open Hearts" (2002) der zweite Film der sogenannten Dogma-Reihe, bei dem eine Frau Regie führte. Susanne Bier hat zwar nicht alle Dogma-Regeln eingehalten, z.B. sind hier Soundeffekte und Bildverfremdungen zu vermerken, der Authentizität der Dialoge tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mit diesem Film gelingt es Bier, die eigentliche Grundintention des Dogmaregelwerks konsequent umzusetzen; u.a. mit Hilfe der hervorragenden Darsteller wirkt sie einer Oberflächentendenz des gegenwärtigen Kinos entgegen und schafft einen tiefgründigen und mitreißenden Film. Die Krise des Erzählens scheint überwunden, die Suche nach Authentizität geglückt. Mit anderen Worten: die Einhaltung der klassischen Dogma-Formel "Reduktion statt Übertreibung zwecks Aufmerksamkeitssteigerung" setzt hier in der Tat eine mediale Aufrichtigkeit anstelle einer kühlen Künstlichkeit. Wen "Das Fest" bewegt hat, der sollte sich den Film Biers defintiv nicht entgehen lassen.


Das kunstseidene Mädchen: Roman
Das kunstseidene Mädchen: Roman
von Irmgard Keun
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen neue sachlichkeit par excellence, 4. Mai 2006
Wer eine Schwäche für die 20er/30er Jahre des letzten Jahrhunderts hat, darf es nicht versäumen, sich mit der Neuen Sachlichkeit auseinanderzusetzen.

Der Begriff der Neuen Sachlichkeit, ursprünglich ein Terminus aus der bildenden Kunst, steht gleichzeitig für das Programm der Literatur dieser Jahre: ein nüchterner Schreibstil ermöglicht es, Alltäglichkeiten der Protagonisten darzustellen. Und der Alltag in dieser bewegten Zeit ist dabei oft chaotisch, geprägt durch Massenarbeitlosigkeit und politische Gegensätze. Dennoch bleibt der Humor (oft ein Schwarzer) nie auf der Strecke.

Ein bekanntes Beispiel ist hier Kästners "Fabian". (Oder seine Gedichte, wie die "Sachliche Romanze"). Wer sich aber mit der männlichen Sicht nicht begnügen mag und die weibliche Stimme in diesem Chaos sucht, dem sei Irmgard Keuns zweiter Roman "das kunstseidene Mädchen" (1932) empfohlen.

Das oberste Ziel der jungen Protagonistin Doris ist es, ein "Glanz" zu werden. Für einen gesellschaftlichen Aufstieg nimmt sie dabei allerlei Strapazen in Kauf. Vor allem aber gilt es, die eigene Sentimentalität zu überwinden. Doch dies erweist sich schwieriger als geglaubt...

Mehr sei hier nicht verraten. Bleibt bloß zu sagen, dass dieses Buch nicht umsonst in Heidenreichs Kanon der "Starken Stimmen" aufgenommen wurde. Und so wünsche auch ich ihm viele neue Leser!


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