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Rezensionen verfasst von
Benjamin Garelly "bgarelly" (Ludwigsburg)
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Sunbather
Sunbather
Preis: EUR 15,63

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Nagel auf dem Kopf, 27. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Sunbather (Audio CD)
Wenn man an Black Metal denkt, gibt es gewisse Erwartungen, die man damit verknüpft; ein Gefühl eisiger Kargheit, das den Hörer am Schopfe packt und in eine Grube existenzieller Verzweiflung wirft. Metal ist jedoch kein Genre, das sich darum schert einfachen Erwartungen zu entsprechen; es will sie zerstören und untergraben. Auf ihrem zweiten Album Sunbather unternehmen die in San Francisco beheimateten Deafheaven genau das. Ihren Sound mit Elementen von Shoegaze und Post-Rock befüllend, schafft die Band einen beeindruckenden Klangwechsel von erstickender Dunkelheit zu einhüllendem Licht. Aus vier ausgedehnten Tracks bestehend, die durch atmosphärische Zwischenräume verbunden werden, treibt das Album zwischen Stellen irrer Katharsis und kontemplativer Ruhe, die dem Hörer einen Moment des Innehaltens in seinen ausgedehnten Klangflächen erlaubt, bevor es eine weitere intensive Flut ekstatischer Emotion (und Blastbeats) loslässt. Auf beeindruckende Art schaffen es Deafheaven ein Album zu kreieren, das sich tonlich gesprochen, komplett anders zu jeder anderen Death Metal-Platte anhört, während es immer noch dasselbe Thema behandelt. Das Album beschäftigt sich mit Themen wie Tod, Reue, Zweifel, Verlust und Angst, aber das macht es durch poetische Ergründungen anstatt profaner Konfrontation. Dieser leichtere Ansatz gibt dem Hörer Zeit es tatsächlich zu verinnerlichen und über die Texte nachzudenken anstatt nur instinktiv zu reagieren, was eine insgesamt tiefgründigere Erfahrung schafft für diejenigen, die sich die Zeit nehmen das Album wirklich aufnehmen zu wollen. Viele Bands bestreiten ihre gesamte Karriere ohne ein so gut gefertigtes, vollständig umgesetztes und schlichtweg mitreißendes Album wie Sunbather zu schreiben und irgendwie haben es Deafheaven geschafft auf ihrem zweiten Album den Nagel auf den Kopf zu treffen mit einem Album, das mit jedem Hören größer und affektiver zu werden scheint.


Modern Vampires of the City
Modern Vampires of the City
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Fortschritt im Reifeprozess dank besserer Balance, 27. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Modern Vampires of the City (Audio CD)
Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung wurde Modern Vampires of the City als "tiefergehendere" Veröffentlichung von Vampire Weekend beworben. Obwohl das bis zu gewissem Grad richtig ist, verharmlost das auch die gleichermaßen innigen, wie cleveren Songs auf ihren ersten zwei Alben. Es ist unbestreitbar, dass Modern Vampires um Einiges weniger offensichtlich protzig ist wie die vorherigen Werke der Band. Sie tauschen Contras intelligenten Eklektizismus gegen einen weniger kühnen Produktionsstil und einer kleineren instrumentalen Palette ein: Gitarre, Orgel, Cembalo und ein gelegentliches Sample schließen sich zu einem verfeinerten Sound zusammen, der eine engstirnigere Version ihres Debüts andeutet und die Band umrahmt das Album mit einigem von ihrem wortwörtlichsten und engstirnigsten Chamber Pop auf "Obvious Bicycle" und "Young Lion". Modern Vampires' ruhigere Herangehensweise zeigt auch auf, was Langanhaltendste an Vampire Weekends Musik sein könnte - einnehmende Melodien und sorgfältig gefertigte Texte. Das passt auch zu Ezra Koenigs beherrschenden Gedanken auf dieser Songliste, der Größte davon ist die Tatsache, dass wir alle einmal sterben werden. Die Band fasst das alles brilliant zusammen auf "Step", wo die Hip Hop-Beats der Musik und die Cembalos die Anspielungen auf Souls of Mischief und den wachsenden Schmerz in Koenigs Texten reflektieren. Andernorts mildern Vampire Weekend die Schrullen ab, die manche Hörer zuvor vielleicht polarisiert haben; Songs wie "Everlasting Arms" und "Unbelievers" befinden sich so gelungen auf dem schmalen Grat zwischen heiter und grell, dass sie selbst diejenigen für sich gewinnen könnten, die sie zuvor zu peppig und adrett gefunden haben. Auf ähnliche Weise sind auch Modern Vampires of the Citys politische Andeutungen subtiler als auf Contra, wo die Band mit ihnen fuchtelte wie College-Studenten, die zu sehr bemüht sind zu zeigen, dass sie sich mit gegenwärtigen Ereignissen beschäftigen: Koenig klingt kurz angebunden, wenn er in "Hannah Hunt" singt "though we live on the US dollar/We got our own sense of time" und selbst der am Offensichtlichsten politische Song des Albums, das dunkel wortreiche "Hudson", nimmt eine eher historische Haltung an, da es in seinen Überlegungen über Schicksal gegenüber freiem Willen alles beinhaltet von den Entdeckern des 17. Jahrhunderts, Vorkriegswohnungen und exklusiven Stadtteilen von New York. Natürlich können Vampire Weekend ihren Überschwang nicht vollständig unterdrücken und die lauten Stellen des Albums kommen sogar noch kraftvoller daher gegenüber den gedämpften. "Diane Youngs" kecke, lebhafte Mischung aus Doo-Wop, Surf Rock und Punk Rock fühlt sich als Wink zu Contra, ebenso wie Billy Joels "You May Be Right" an und Koenig singt in "Finger Back" "I don't wanna live like this, but I don't wanna die" mit so viel Freude, dass es genauso das Leben feiert, wie es die Sterblichkeit beklagt. Letztendlich ist Modern Vampires of the City eher nachdenklich als düster und balanciert seine ernsteren Stellen mit leichterem Ansatz und mehr Sicherheit aus, als sie das zuvor gezeigt haben. Selbst wenn sich Koenig & Co. fürchten alt zu werden, steht ihnen Reife ganz gut.


Wakin on a Pretty Daze
Wakin on a Pretty Daze
Preis: EUR 11,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Viles bis dato fokussiertestes und zugänglichstes Album, 27. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Wakin on a Pretty Daze (Audio CD)
Das Album Smoke Ring for My Halo (2011) des in Philadelphia ansässigen Klangschmiedes Kurt Vile war ein entschiedener Wandel für den Künstler weg vom zu Hause aufgenommenen, überbelichteten Fuzz Pop hin zu einem ausgedehnteren, strukturelleren und vor allen Dingen introspektiveren Stil. Das fünfte Album und Nachfolger Wakin on a Pretty Daze fährt in dieser Richtung fort, aber schiebt die auf Halo begonnenen Veränderungen weiter an mit noch klarer gegliederterer Produktion, ausgedehnter Ergründung in längeren Songs und noch tieferen Blicken hinein, alles durch Viles einzigartigen Schleier angegangen. Mit dem über neun Minuten langen "Wakin on a Pretty Day" beginnend, übernimmt das Album unmittelbar die Rolle seines Vorgängers und bietet wehmütiges Zusammenspiel zwischen akustischen und elektrischen Gitarrentönen, Viles mürrischem, gemurmeltem Gesang und einem allgemeinen, emotionalen Gefühl, das irgendwo zwischen der Hoffnung und Verheißung der Jugend und der Erschöpfung des Alltags eingefangen wird. Es ist diese trügerisch komplexe Perspektive, in scheinbar einfältige Gitarrenarbeit eingehüllt, die Vile so interessant macht und dabei hilft, die Kompositionen auf Pretty Daze fesselnd zu halten, selbst wenn einige davon die 6-Minuten-Marke überschreiten. "KV Crimes" kommt mit einem bequemen, klassischen Rock-Riff ins Spiel, aber unter seinem steinernen Schlurfen und spöttischem Gesang liegt ein Kern an sowohl Melodie und einem greifbaren Gefühl verminderter Begeisterung wiedergeboren zu werden. Längere Titel wie "Girl Called Alex" und "Goldtone" fangen die dunkle Schwermut von Dinosaur Jr. zu Zeiten von Where You Been oder das verträumte Schweifen lassen der Gedanken von Neil Young auf seinen gitarrenlastigsten Höhen ein. Ähnlich wie bei seiner ehemaligen oder gelegentlichen Band The War on Drugs gibt es hier einen Unterton an Arbeiterrock á la Tom Petty oder Bruce Springsteen (Vile verwendet sogar die Zeile "Springsteen... pristine" in einem Song). Wie dem auch sei, mit den abgefahrenen, dunstigen Jams auf Wakin on a Pretty Daze wird klar, dass Kurt Vile nicht danach trachtet, den Kanon an klassischen gitarrenlastigen Songwritern zu imitieren oder gar zu verbessern, er stellt aber so ziemlich das Kapitel seiner Generation in der Entwicklung des Rock dar. Als sein mühelos fokussiertestes und zugänglichstes Album ist Pretty Daze das bisher Beste in einer Reihe an Veröffentlichungen, die anzudeuten scheinen, dass sogar noch größere Höhen erreicht werden könnten.


Mbv
Mbv
Preis: EUR 21,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kein neues Loveless, aber das Warten war es dennoch wert, 26. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Mbv (Audio CD)
Selbst obwohl My Bloody Valentine Ende 2012 ankündigten, dass sie in naher Zukunft neue Musik veröffentlichen würden, war es inmitten einer Februarwoche 2013, als m b v erschien, schwer zu glauben, dass es existierte - und nicht nur weil die Nachfrage nach dem Album die Website der Band beständig überlastete. Jahre lang schien ein Nachfolger zu ihrem Meisterwerk Loveless (1991) unmöglich und vielleicht sogar unnötig. Was sollte mit Kevin Shields' berüchtigtem Perfektionismus mithalten können, ganz zu schweigen von den Erwartungen fanatischer Anhänger (von denen einige noch nicht einmal geboren waren, als Loveless veröffentlicht wurde)? Mit einem Titel, der Jahre des Kritzelns von Initialen auf Mixtapes und Playlisten in Erinnerung ruft, beantwortete m b v jene Bedenken mit einer Ansammlung Songs, die sich sofort vertraut anfühlte. Und, angesichts der 22-jährigen Wartezeit passend genug, viele dieser Tracks sind entschieden gemütlich und vielleicht sogar schemenhafter, als das was zuvor erschien. "Who Sees You" und "If I Am" schütteln sich und schweben, voll mit unklarem Gesang und zögernden Gitarren, während "She Found Now" in seiner flüsternden Glückseligkeit "Sometimes" aus Loveless in Erinnerung ruft. Es gibt aber auch Unterschiede: m b vs Produktion ist überraschend direkt und intim, bisweilen fast schon engstirnig im Vergleich zu Loveless' Panoramen. "Is This and Yes", das Gitarren aufgibt zugunsten von Orgel und Blechbläsern, die Stereolabs majestätische Gelassenheit in Erinnerung rufen, ist einer der auffällig unterschiedlichsten Songs in ihrem Katalog. Shields & Co. verbringen viel Zeit des Albums damit das rhythmische Gewicht zu vermeiden, das ihre vorherige Musik gleichermaßen üppig wie vorwärts treibend machte. Stattdessen heben sie m b vs lauteste und gewagteste Momente für den Schluss auf. "In Another Way" paart eine stufenweise aufsteigende Gesangsmelodie mit Tönen, die in ihren dichten Clustern an Free Jazz heranreichen, während "Nothing Is" auf einem schlagenden Riff und Drums reitet, die nahezu pervers laut sind, als ob das für das andernorts Gedämpfte wettmachen soll. Der aufregendste Moment ist "Wonder 2", das die Triebwerk-Vergleiche zu ihrer Musik wortwörtlicher gestaltet als je zuvor mit Schnellfeuerbeats und flitzenden Klängen, die suggerieren, der Song wäre in den Weltraum geschossen worden. Gelegentlich fühlt sich m b vs Songwriting nicht immer so unmittelbar an wie zuvor: "Only Tomorrow" und "New You" sind unter den Tracks, die ihre poppigen Strukturen und Bilinda Butchers gezuckertes Gemurmel ausnutzen, aber Fans wissen, dass die meisten Ohrwürmer der Band ihre Zeit benötigen, um sich zu entfalten. Mehr beruhigend als offenbarend bestätigt m b v erneut, dass My Bloody Valentine einzigartig sind; die Subtilität ihrer Melodien, Instrumentation und die Art, wie sie zusammenschwimmen haben sie ganz alleine. Sie versuchen nicht Loveless neu zu kreieren, das sollten sie auch nicht, und m b v muss die Musik auch nicht (erneut) neu erfinden, damit sich das Warten bezahlt gemacht hat.


Push the Sky Away
Push the Sky Away
Preis: EUR 9,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Holpriger, klanglicher Umbruch, 26. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Push the Sky Away (Audio CD)
Es waren fast fünf Jahre seit Nick Cave and The Bad Seeds das irre, intensive Rock-Cabarét alias Dig, Lazarus, Dig!!! veröffentlichten. Seitdem ergab die Gründung und Auflösung von Grinderman zwei Studioalben und Cave und Warren Ellis hatten ein paar Film-Soundtracks komponiert. Das von Nick Launay produzierte Push the Sky Away wurde von Ellis mit einer absichtlich begrenzten, klanglichen Palette gemalt. Der Ablauf des Albums lässt es wie eine lange, stimmungsvolle Suite anfühlen. Während die meisten Songs einfache Melodien und Arrangements beinhalten, die das Erscheinen von Verwundbarkeit und Zärtlichkeit anbieten, passiert es innerhalb dieses Rahmens, dass sie schließlich ihre scharfen Krallen und Unzufriedenheit enthüllen. Der Opener und erste Single "We No Who U R" erinnert an "Your Funeral, My Trial" in seiner Intention, aber musikalisch verleihen ihm Ellis' spärliche Loops, die Flöte und ein unterstützender Gesangsrefrain ein elegisches Gefühl, das die Bedrohung im Text widerlegt. "Water's Edge" ist mit seiner polternden Basslinie, unheimlichem Klavier und [Atist56285,Ellis'] dröhnenden Violin-Loops offenkundiger in seiner finsteren Bedrohung. Sein Protagonist, voller Wut, wenn er den Tanz der Romantik unter den jungen Leuten sieht, warnt: "It's the will of love/It's the thrill of love/It's the chill of love/Comin' on". "We Real Cool" nutzt ebenfalls diese klimpernde Basslinie. Sofort angespannt, erwartet man eine Explosion, die nie kommt - musikalisch. Hier und auch andernorts auf der Platte ist der Hörer angehalten einem emotionalen Drahtseilakt zu folgen zwischen den menschlichen Qualitäten in Caves Figuren als sprechende Subjekte und den geschmackloseren, abstoßenderen Zügen, die sie zu Objekten der Abneigung machen. Er urteilt nicht. "Finishing Jubilee Street" beinhaltet Ellis' elektrische Gitarre in bluesigem Nachklang, wie sie oberhalb einer 12-Saiten-Akustikgitarre dröhnt, bevor aufgeschichtete Streicher in Richtung einer dramatischen Katharsis zu marschieren beginnen. "Higgs Boson Blues", der längste Titel im Set, benutzt die Drums und E-Gitarre in einem ähnlich langen, formlosen Blues, der Cave in fast schimpfender Stimmung zeigt; sein schwarzer Humor wird innerhalb soziologischer Beobachtungen mit Miley Cyrus und Hannah Montana als Figuren offensichtlich. "Mermaids" verwendet ebenfalls Humor; von Beginn an fast obszön bewegt sich über seinen Witz hinaus und wird sowohl zu einem Liebeslied, wie auch einer romantischen Elegie über das Verschwinden eines Ortes der Mystik im westlichen, spirituellen Leben. Caves Protagonist glaubt an all das und beklagt sie wie ein verlassener Liebhaber. Der Titeltrack steigt aus dem Äther herauf, angetrieben von Gast (und früherem Bad Seed) Barry Adamsons Basslinie und Ellis' unheimlicher Orgel, die in den Vordergrund rückt. Es ist ein Päan auf Entschlossenheit im Angesicht schmerzlichen Verlustes. Push the Sky Away ist die erste Bad Seeds-Platte ohne Mick Harvey; die anhaftende Lyrik und entsprechende Üppigkeit in seinen musikalischen Arrangements werden hier vermisst. Trotz exzellenter Songs fühlt sich dieses Album mehr als Fortsetzung von Caves und Ellis' filmischen Arbeiten an als eine klassische Bad Seeds-Platte. Der klangliche Umbruch ist bewusst; aber bedenkt man ihre enorme musikalische Veranlagung, ist diese sparsamere Herangehensweise aus historischer Sicht holprig, wenn auch verlockend.


Tomorrow's Harvest
Tomorrow's Harvest
Preis: EUR 14,99

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Subtil bedrohliche, androide Fieberträume, 26. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Tomorrow's Harvest (Audio CD)
Mit seit Langem erwarteten Comebacks von David Bowie, My Bloody Valentine, The Knife und Daft Punk in den ersten wenigen Monaten, war 2013 bereits das Jahr der Rückkehrer, als auch Boards of Canada wieder auftauchten. Trotz der Tatsache, dass es sieben Jahre seit ihrer letzten Veröffentlichung, der EP Trans Canada Highway waren, und acht seit ihrem letzten Longplayer, dem unausgeglichenen Campfire Headphase, fühlt es sich beim Hören von Tomorrow's Harvest an, als ob das Duo nie weg gewesen wäre. Unähnlich zu einigen Werken ihrer zurückkehrenden Zeitgenossen, enthüllt das Album keine dramatischen Wandel; dies ist eindeutig eine Platte von Boards of Canada, angefüllt mit den melancholischen Melodien und subtil unruhigen Rhythmen, die sie seit den späten 90ern verfolgen. Aber nicht, dass Tomorrow's Harvest altmodisch klingen würde; es gibt tatsächlich durchweg Hinweise, dass das Duo aufmerksam verfolgte, was sich in der elektronischen Musik während ihrer Abwesenheit tat. Die unbehagliche Stimmung und dichten Arpeggi, die Songs wie "White Cyclosa" dominieren, rufen sowohl Oneohtrix Point Never als auch ihr eigenes Œuvre in Erinnerung, während die unruhige, untere Frequenz, die auf "Split Your Infinitives" schwankt, dem Dubstep zunickt (in dessen Burial-Art, nicht in der, die ganze Stadien füllte). Da die Begründer dieses Stils Musik machten, die fast so unaufdringlich wie auch evokativ war, macht es Sinn, dass Boards of Canada daran Anleihen macht, der Großteil von Tomorrow's Harvest unterstreicht aber, dass das Duo immer noch in seiner eigenen Welt ansässig ist. Während The Campfire Headphase versuchte nach vorne zu gehen, aber auch das Gefühl von Music Has the Right to Children wieder einzufangen - und damit endete nichts von Beidem gut umgesetzt zu haben - könnte dieses Album hier als modernisierter Nachfolger zu Geogaddi angesehen werden. Diese Songs könnten sogar eine ausbalanciertere Reise darstellen als jenes Album, wie sie sich so von vorsichtiger Unruhe zur schwelenden Bedrohung und wieder zurück bewegen; "Reach for the Dead", dem Track, den die Brüder auswählten, um in diese Phase ihrer Musik einzuführen, gelingt beides. Aufmerksamkeit erregende Tracks wie "Jacquard Causeway", das sich selbst mit einer Fanfare ankündigt, die auf Dokumentationen der 70er zurückgreift, und der eigenartig würdevolle Pop von "Palace Posy", der eine erfolgreiche Single sein könnte, wenn Boards of Canada sowas wollen würden, werden von Charakterskizzen umgeben, die auftauchen und herumschleichen, wie "Telepaths" gespenstisches Gemurmel und die weit entfernten Getöse von "Collapse". Der bemerkenswerteste Wandel auf Tomorrow's Harvest könnte der sein, dass sich die von ihm hervorgerufene Vergangenheit kälter und weniger unschuldig anfühlt als auf früheren Tagträumen; dieses Mal ist das Zurückblicken genauso Nostalgie wie auch das Sicherstellen, dass das Duo hinter dir nichts Gruseliges herbeigezaubert hat während "Cold Earth" oder "Nothing Is Real". Diese kühle Raffinesse könnte das Album zu einem intellektuelleren Vergnügen machen als Boards of Canadas frühere Alben, es ist aber ein meisterhaft ausgeführtes Werk, das sich für sie wie ein natürlicher Fortschritt anfühlt. Während sich das nun in Schrift nicht besonders aufregend anhören könnte, ist die konsistente Exzellenz von Tomorrow's Harvest als Ansammlung subtil bedrohlicher, androider Fieberträume genauso beruhigend, wie es das maximal sein kann.


Immunity
Immunity
Preis: EUR 15,98

5 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Weiterentwicklung, doch immer noch zu viel Hochglanz, 25. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Immunity (Audio CD)
Zwischen Insides und seinem Nachfolger Immunity arbeitete Jon Hopkins mit King Creosote am bezaubernden Diamond Mine, das die Grübeleien des schottischen Singer/Songwriters zu einem Hintergrund vertonte, der halb ländlicher Folk und halb evokatives Klanggeplätscher war. Immunity ist nicht ansatzweise so akustisch wie es diese Zusammenarbeit war, aber dessen sanftes, luftiges Gefühl klingt auf einigen dieser Songs nach: "Breathe This Air" erweitert sich von einem pochenden House-Rhythmus zu einer geräumigen Klavier-Meditation, die genauso Max Richter wie auch Diamond Mine in Erinnerung ruft, während der Titeltrack - der zufällig King Creosotes Gesang beinhaltet - das Album auf flüsternde Art beschließt. Dieses Gefühl dehnt sich auf weniger offensichtliche Weise auf den Rest des Albums aus; Immunity ist oft ein gemischteres und ausgedehnter klingendes Werk als Insides, vor allem auf Songs wie dem Brian Eno-ähnlichen "Abandon Window" und "Form by Firelight", das eine verspielte Studie über Kontraste abgibt, in der Art wie es kleine Verzögerungen erschafft und dann eine friedliche Klaviermelodie abspult. Einige von Immunitys beeindruckendsten Momente gehen näher auf die Mischung aus Rhythmus und Atmosphäre ein, die Hopkins auf ... hevorhob: "Collider" nutzt den seufzenden Gesang von Dark Horses' Lisa Elle als Interpunktion für fast unmerklich wechselnde Beats und einer schweren Basslinie, die dem Track hilft sich zu einem stimmungsvollen, eleganten Ganzen aufzubauen; indessen verwandelt das passend betitelte "Sun Harmonics" Elles Stimme in etwas Engelsgleiches im Laufe von zwölf ruhigen Minuten. Trotz dieser Höhepunkte spiegelt das Album immer noch wieder, wie Hopkins' glatt polierte Herangehensweise sowohl Fluch wie Segen ist. Immunity zeigt, dass er als Komponist und Produzent reifer wurde in seiner subtilen, fähigen Art, dennoch fühlen sich seine Tracks gelegentlich an wie die Umgebung für einen Schwerpunkt, der nie erreicht wird. Aber auch wenn es nicht immer die volle Aufmerksamkeit des Hörers einfordert, ist Immunity dennoch sorgfältig gefertigt.


Field of Reeds
Field of Reeds
Preis: EUR 19,98

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Taumeln zwischen atonaler Dissonanz und reiner Schönheit, 25. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Field of Reeds (Audio CD)
Mit ihrem riskanten, dritten Album legten These New Puritans den kantigen Dance-Punk von Beat Pyramid und die düsteren, elektronischen Beats von Hidden ab, um sich ein weiteres Mal neu zu erfinden für Field of Reeds, eine Platte, die klassischen Partituren und Avant-Garde Jazz genauso verpflichtet ist wie Rock. Indem sie eine lockere Live-Herangehensweise für den Aufnahmeprozess anwandten und Freiraum und Leere erlaubten Vorrang über Beats zu gewinnen, bekam die Musik ein verstörendes, dystopisches Gefühl, schwingt sich von losgelöst bis alptraumhaft bevor sie sich in etwas liebevoll Ruhiges auflöst. Einige der besten Songs, wie "Fragment Two", "V (Island Song)" und "Spiral" (der wie eine Fiebertraum-Version von Björks und Thom Yorkes Duett "I've Seen It All" vom Soundtrack zu Dancer in the Dark klingt) blühen in dieser taumelnden Bewegung zwischen atonaler Dissonanz und reiner Schönheit auf. Selbst These New Puritans schlichteste Titel strotzen vor Details und Ideen, obwohl sie oft einen konkreten Backbeat oder eindeutige Struktur vermissen lassen. Atmosphärische Strukturen, aus melancholischen Hörnern und unheimlichen, analogen Synthesizer-Tönen aufgebaut, fügen einen schwankenden Unterton hinzu, der einem oft die Haare zu Berge stehen lässt und eindringlich ist. Die Produktion ist ähnlich unkonventionell. Nachdem er in Essex und Amsterdam das Material geschrieben hatte, arbeitete Jack Barnett mit seinem Bruder George und Tom Hein die Teile aus, bevor sie in London, Gloucester und Berlin mit der neuen, portugiesischen Sängerin mit der honigsüßen Stimme Elisa Rodrigues aufgenommen wurden und dafür ein unübliches Magnetresonanzklavier benutzten und den Songs sorgfältig Feldaufnahmen zuwiesen, inklusive zerspringendem Glas und dem Schrei eines echten Habichts. Dieser Perfektionismus, der in den Klängen und komplexen Arrangements vorherrscht, macht Field of Reeds zum herausforderndsten Werk in ihrem Katalog und auch zum bahnbrechendsten.
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Vertikal (Ltd.)
Vertikal (Ltd.)
Preis: EUR 22,99

5.0 von 5 Sternen Man nimmt sich die Zeit, 24. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Vertikal (Ltd.) (Audio CD)
Auf Vertikal, dem sechsten Album von Cult of Luna, kehrt die schwedische Band nach einem fünfjährigen Pause zurück mit einem Album an starr strukturiertem und massiv schwerem Post Metal. Durch elektronische Zwischenspiele interpunktiert, stellt das Album Cult of Lunas Geduld für einen guten, langsamen Aufbau dar, wie sie behutsam Schichten aufhäufen und Abschnitte verbinden und nur stoppen, wenn die monströsen Songs, die sie gebaut haben, voll funktionsfähig und bereit zum Wüten sind via eines vernichtend schweren Riffs. Selbstsicher in ihrem Handwerk achten die Bandmitglieder darauf die Dinge nie zu überhasten, den Songs auf Vertikal zu erlauben sich so auszuleben wie sie das sollen, so wie das der Fall ist beim 18,5-minütigen Epos "Vicarious Redemption", das exponentiell zu wachsen scheint, wie es langsam zu seinem Finale trottet. Obwohl Cult of Luna schon immer eine beeindruckende Band waren, machen die solide Konstruktion und schonungslose Ausführung Vertikal zu einem unglaublichen Hörerlebnis.


Target Earth
Target Earth
Preis: EUR 17,98

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Voivod mit überraschend starkem Album, 24. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Target Earth (Audio CD)
Um die Wahrheit zu sagen war Target Earth ein entscheidendes Album für die Progressive Metal-Veteranen Voivod. Das letzte Studioalbum der Band, Infini (2009), wurde aus den Festplatten-Gitarrenfetzen des verstorbenen Gitarristen (und Haupt-Songwriter) Denis "Piggy" D'Amour zusammengebastelt. Das Live-Album Warriors of Ice war das Erste, das den neuen Gitarristen Daniel "Chewy" Mongrain präsentierte; er leistete einen fantastischen Job, Piggys sehr schwere, kantigen Teile zu lernen und spielen. Ein neues Album zu schreiben und aufzunehmen, das der Reputation Voivods für Innovation gerecht werden würde, erschien als beängstigende Aufgabe; wenn es dies aber war, so hört man das auf Target Earth nicht. Das hier ist extremes, knorriges, experimentelles Voivod auf ihrem besten Niveau; die Musik ist schwierig, dramatisch und intensiv. Der "Blower-Bass" von Jean-Yves "Blacky" Thériault führt in den Titeltrack ein, der das Album beginnt. Sein Markenzeichen, die hohe Verzerrung, wird von Mongrains puffenden Gitarrenriffs, Michel "Away" Langevins doppelter Basstrommel-Attacke und Denis "Snake" Bélangers knurrendem, aber gesungenem Gesang beantwortet. Dieser Titel bestätigt vom ersten Moment an, dass die progressive Seltsamkeit der Band, die in der klassischen Ära Dimension Hatröss/Nothingface gezeigt wurde, ein intrinsisches Element in der Chemie und musikalischen Strategie der Band bleibt. (In der Bridge werden sogar ein paar Rasierklingen-artige Jazz-Akkorde mit eingeworfen.) Voivod haben aber auch den Thrash Metal noch nicht aus ihrem Arsenal verbannt. "Kluscap O'Kom" macht das dem Hörer in höchstem Maße klar; es ist alles Attacke. "Mechanical Mind" ist der eindeutig umwerfendste Track des Albums. In diese sieben-einhalb-Minuten wurden so viele Riffs, Taktwechsel, harmonische Umkehrungen und bloße dynamische Seltsamkeiten gepackt, dass es einem die Gedanken verschmelzt, wenn man realisiert, dass es eine furiose Thrash-Attacke gibt, die dem verwinkelten Prog gleichkommt. "Keidos" ist mit seinem Punk Rock-Intro eine perfekte Bühne für Bélangers mittelhohem Growlen und den Improvisationen von Mongrain. Als Voivod die Dinge dann bei "Empathy for the Enemy" etwas verlangsamen, ist das Ergebnis aufgrund seiner sonderbaren Tonalitäten und Harmonien immer noch fesselnd. Das "Artefact" beginnt atmospärisch, bevor Langevin die Band zunächst auf doppeltes, dann auf dreifaches Tempo bringt. Der Track wechselt seine Stimmung, Taktangabe, Tonart und Kadenz nicht weniger als vier Mal. Ältere Fans können vor Erleichterung aufatmen: Target Earth ist nicht nur besser als man das irgendwie hätte annehmen können, es ist schonungslos kreativ, inspiriert und fieberhaft.


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