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Fabian B.

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Wie das Gehirn die Seele macht
Wie das Gehirn die Seele macht
von Gerhard Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

21 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Altbekannt, 26. September 2014
Es mag sein, dass Gerhard Roth in Folge vielfältiger Kritik und vorgerückten Alters etwas milder in der Verbreitung und Verteidigung seines wissenschaftlichen Weltbildes geworden ist; dennoch bleibt er auch in diesem Buch seiner naturalistischen Linie in abgeschwächter Form treu und entwirft einmal mehr ein Plädoyer für die heutigen und künftigen Möglichkeiten der empirischen Wissenschaften – vornehmlich selbstverständlich der Hirnforschung - , die doch ein aufgeklärter Zeitgenosse nicht einfach übergehen kann, denn es handelt es sich ja hier immer noch um harte empirische Fakten; wer will da widersprechen? Wenn man sich aber anschaut, in welchen Bereichen die Ergebnisse der empirischen Nervenwissenschaften überhaupt potentiell von Nutzen sein können, nimmt die Begeisterung doch schon merklich ab. Denn hier finden sich einzig die Bereiche der Pädagogik und der seelischen bzw. psychischen Beeinträchtigungen.

In beiden Bereichen ist der Nutzen der empirischen Nervenwissenschaften allerdings mehr als umstritten. Pädagogische Weisheiten aus den empirischen Wissenschaften beschränken sich vornehmlich auf Binsenweisheiten, wie dass Lernen Spaß machen sollte, das Vorwissen zu berücksichtigen ist und die Lehrerpersönlichkeit - in anderen Worten: der Lehrer – Einfluss auf den Lernprozess hat. Was seelische Leiden angeht, ist das Feld der Erkenntnis wohl noch dünner. Im Sinne der freudschen Menschenlehre wird betont, dass die frühkindlichen Erfahrungen Einfluss auf die spätere emotionale Stabilität von Menschen haben und deshalb die Erziehung und das Verhältnis von Kind und Eltern von Bedeutung ist. Diese Botschaften – ob im Hinblick auf Pädagogik oder Psyche – sind aber nicht gerade neu und existieren nicht erst seit dem Beginn der modernen Nervenwissenschaften mit bildgebenden Verfahren. Es sollen damit eigentlich klassische Ansätze der Verhaltenswissenschaften durch angebliche neuartige Erkenntnisse aus der Nervenwissenschaft erklärt oder gefördert werden. Doch der Forschungsstand der Zunft von Gerhard Roth lässt dieses Unterfangen letztlich gar nicht zu, denn selbst Gerhard Roth gibt zu, dass man ohne die subjektiven Äußerungen von Probanden Korrelationen von Nervensystem und Geist nicht präzise zu deuten vermag. Doch eine fundamentale Erklärungslücke zwischen Geist und Körper will er wenig überraschend trotzdem nicht annehmen. Die Tatsache, dass viele Phänomene des Geistes empirisch noch nicht zu klären sind, müsse nicht heißen, dass das nicht in naher Zukunft doch noch geschehen könne.

Es ist schon kein leichter Spagat, den Gerhard Roth bei seinen Exkursionen über die Möglichkeiten seiner Nervenwissenschaft zu bewältigen hat, denn teilweise bremst er – wohl um dem Vorwurf des Reduktionismus entgegenzuwirken - die anscheinend existierende Euphorie in Bezug auf „wichtige“ oder „bahnbrechende“ Erkenntnisse der empirischen Wissenschaft aus, wenn er sagt, dass es durchaus fraglich sei, ob die Wissenschaft überhaupt einmal mehr oder weniger in der Lage sein werde, zu substantiellen Erkenntnisse über das Nervensystem zu kommen, die dann auch konkret Auswirkungen auf das Strafrecht oder andere Felder haben würden. (Siehe auch seine Äußerung in einem Interview zum zehnjährigem Jubiliäum des "Manifests" der Hirnforschung, in dem er sagte: "Aus meiner Sicht liegt eine theoretische Neurobiologie, die diesen Namen verdient, immer noch in weiter Ferne. Da haben wir uns im Manifest wohl doch etwas verschätzt. An dem Ziel muss aber unbedingt festgehalten werden". Auf die Frage, ob es möglich sei, durch den Blick auf das Nervensystem Verhaltensprognosen in Bezug etwa auf Straftäter abzugeben, meinte er: "Nein, nicht im Einzelfall, nur in Form von statistischen Aussagen.")

Trotzdem vergisst er selten, die Fortschritte und Möglichkeiten der empirischen Wissenschaften zu loben und hervorzuheben. Einerseits will er einen nicht reduktiven Materialismus vertreten und nicht als platter Reduktionist angesehen werden, andererseits betont er oft genug die Zentralthese der Nervenwissenschaft, demnach der menschliche Geist aufs Engste mit dem Gehirn in Verbindung stehen würde und ein reiner Dualismus eine spirituelle Spekulation sei. Demnach könnte man Gerhard Roth als Vertreter des nicht reduktiven Materialismus wohl durchaus auch als Eigenschaftsdualisten bezeichnen; ob er dem zustimmen würde? Letztlich vertritt Gerhard Roth eine unklare Position. Er will aus Zustimmung - und wohl auch aus Glaube - zu den empirischen Wissenschaften ein bisschen Reduktionist sein, andererseits aber auch offenbar nicht als reiner Hardliner angesehen werden, der Utopien wie Gedankenlesen oder den geborenen und erkannten Verbrecher im Strafrecht – was er unter der Hand aber trotzdem oft genug macht – befördert. Laut Roth sei weiter "fast die gesamte westlich-abendlädische" Kultur durchdrungen von der Annahme einer "objektiven Freiheit", was sehr merkwürdig erscheint, denn Debatten von Materialisten und Antimaterialisten um das Menschenbild gab es schon immer, etwa im Materialismusstreit, an dem Carl Vogt und Emil Du Bois-Raymond beteiligt waren, oder in Debatten um den Behaviorismus von Skinner.

Es ist wenig hilfreich, wie Gerhard Roth den ontologischen Unterschied von Sprache bzw. Gründen und der empirischen Basis, die beiden zu Grunde liegt, nicht zu beachten. Nur mit Erkenntnissen der Empirik kann es keine Antworten auf Fragen nach dem Wesen von Psyche, Pädagogik, seelischen Leiden etc. geben. Menschliches Verhalten hat neben potentiell triebhaften (Gier etc.) immer auch lebensweltliche Gründe, die eine kulturelle Verankerung besitzen und sich einer empirischen Untersuchung entziehen. Deshalb haben jene Teile der empirischen Verhaltenswissenschaften, die den Menschen empirisch erklären wollen, eine tautologische Tendenz, die tiefere Erkenntnisse ausschließt, da sie die lebensweltlichen Ursachen von menschlichem Verhalten, die oft - sicher nicht immer, wie bei rein körperlichen Bedürfnissen, etwa Hunger etc. - auf Gründen basieren, die sprachlich gefasst sind und letztlich nicht empirisch deutbar sind, nicht erfassen können. Die Materie selbst kann keine Antworten auf das Wesen von sich selbst geben. Anders ausgedrückt: Materie kann sich nicht selbst erklären, denn dazu wird Reflexion und Selbstdistanzierung benötigt, was Materie nicht leisten kann. Die empirischen Wissenschaften nutzen jene Fähigkeiten zwar, um Forschung zu betreiben, doch den a priorischen Charakter derselben nehmen sie einfach in Anspruch, ohne ihn zu erklären. Daher können die empirischen Wissenschaften im Hinblick auf menschliches Verhalten, das kulturell und sprachlich verankert ist, nur tautologische Erklärungen (ohne Körper bzw. Nervensystem kein Bewusstssein, Erfahrungen prägen den Menschen etc.) anbieten, die keinen tieferen Sinn besitzen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 29, 2014 2:51 PM MEST


Grundkurs Philosophie: Philosophische Anthropologie: Grundkurs Philosophie Band 1: BD 1 (Urban-Taschenbucher)
Grundkurs Philosophie: Philosophische Anthropologie: Grundkurs Philosophie Band 1: BD 1 (Urban-Taschenbucher)
von Gerd Haeffner
  Taschenbuch
Preis: EUR 20,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Menschliche" Anthroplogie, 11. April 2014
Philosophische Anthropologie ist die Frage nach dem Wesen des Menschen. Jene Anthropologie ist abzugrenzen von der allgemeinen Disziplin der Anthropologie, die sich mit empirischen bzw. naturwissenschaftlichen Mitteln der Frage nähert, was den Menschen ausmacht. Die philosophische Frage nach dem Wesen des Menschen ist ausufernd und nicht leicht zu begrenzen. Gerd Haeffner teilt seine Schrift in vier Abschnitte: Er fragt zuerst nach dem richtigen Ansatz, der in Betracht kommen kann, bei der Beantwortung der Frage zu helfen, behandelt im nächsten Abschnitt die Grunddimensionen des menschlichen Seins (Sprache, Sozialität, Geschichtlichkeit und Leiblichkeit), geht danach auf das „geistige Element des Daseinvollzugs ein“ (Bewusstsein und Freiheit) und behandelt am Schluss „die Einheit des menschlichen Seins und die Frage nach dessem Sinn“.

Durch den Text ziehen sich die bekannten Dualismen der Philosophie. Materialismus und Idealismus, Kollektivismus und Individualismus, Freiheit und Determinismus werden ausführlich behandelt. Haeffner gelingt es, die verschiedenen Standpunkte differenziert darzustellen, um in Anschluss seine eigene Sichtweise darzulegen. Bei der Frage nach dem Ansatz hält er einen reduktiven Materialismus für eindeutig verfehlt. Das zeige sich schon daran, dass die Biologie bei Mensch-Tier Vergleichen auf explizit anthropologische Ausdrücke zurückgreife, die indirekt die Abgrenzung zum Menschen schon deutlich machen würden. Daher müsse „die biologische Optik mit ihrer so reichen Ausbeute" relativiert werden. Sie sei weder „die einzige noch die grundlegende Weise, in der wir uns eine Vorstellung von unserem Wesen machen können“.

Was die Erkenntnis des Menschen betrifft, kritisiert Haeffner sowohl einen überzogenen Relativismus als auch den Egozentrismus. Der Relativismus führt zu Gleichgültigkeit und nehme „den Anspruch der Wahrheit auf das Leben nicht ernst“. Die Grenze des Relativismus erkenne man an den Bereichen und Auffassungen, die für einen Relativisten von großer Bedeutung seien, denn dort würde auch der Relativist seine Auffassungen verteidigen. Der Egozentrismus sei nach Haffner die Pervertierung der Erkenntnis, da er beinhalte, seine Auffassungen unkritisch über die der Anderen zu stellen. Zum Thema Sozialität im weiteren Sinne gehört die Feststellung, dass Menschen kaum ohne soziale Beziehungen auskommen. Dennoch gibt es laut Haeffner eine letzte „Einsamkeit, die jedem erwachsenen und erwachsenden Menschen aufgegeben zu sein scheint [...] Sie liegt auf einer tieferen anthropologischen Ebene als das faktische Alleinsein und Sich-einsam-Fühlen“, das durch den Verlust von sozialen Beziehungen entstehen kann.

Zur Erklärung der menschlichen Sozialität ist die Soziobiologie allein ungeeignet, denn wenn ein Biologe etwa behauptet, es kann außer der Biologie keinen Erklärungsansatz für den Menschen geben, da „keine Spezies einen Zweck besitzt, der über die durch ihre genetische Geschichte geschaffenen Imperative hinausgehe“ (Wilson), so betreibt ein Biologe selber Metaphysik, da er solche Hypothesen nicht beweisen kann. Sie sind sozusagen der ideologische Unterbau seines Weltbildes, ohne das es nicht auskommen kann. Seine Wissenschaft ist so „unter der Hand selbst zu einer Philosophie geworden.“ Reduktive Biologie sieht sich stets dem Problem des Tautologischen konfrontiert. Denn eine Theorie, die nichts außer sich zulässt, kann letztendlich kaum etwas erklären, da sie keine Falsifizierungsmöglichkeit bietet und damit nichts anderes als schlichte Metaphysik ist. Sie ist gleichzeitig alles und nichts. Wenn der Biologe konstatiert, dass es für Menschen und ihre Organismen stets nur ums Überleben gehen würde, so macht diese Aussage in der Hinsicht, dass die Aussage des Biologen, der sie tätigt, selbst nicht zum Überleben benötigt wird, wenig Sinn. Inwiefern die vielen kulturellen Errungenschaften des Menschen - Architektur, Musik, Spiel, Witz – nötig sind, um zu überleben, kann ebenfalls kaum erklärt werden.

Reduktive Ansätze lehnt Haeffner auch bei der Frage nach dem Wesen des Geistes ab. Reduktive Naturwissenschaft muss bei der Erklärung des Menschen alltägliche Begriffe des Geistes, wie Wahrheit, Behauptung, hinreichende Begründung etc. als „Gegenstände der Physik ausgeben; damit begeht sie einen massiven Kategorienfehler. Physikalische Prozessen können lediglich eine Korrelation zwischen materiellen, chemischen Prozessen und Geistesfähigkeiten, Verhaltensweisen feststellen, aber keine Erklärung dafür bieten, denn der „Rückweg von der Theorie, die das wahre Sein gibt, zum unmittelbaren Erleben gelingt nicht“. Im Fazit hält Haeffner fest, dass das Wesen des Menschen durch eine Grundspannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit gekennzeichnet ist. Denn zum einen hat der Mensch die Fähigkeit zur freien Wahl; die freie Wahl selbst ist allerdings auch ein „sich Binden“ an etwas, dem die Entscheidung vorausgeht, „sich überhaupt selbst zu entscheiden und nicht etwa sich bloß treiben zu lassen.“ Zum Menschen gehört somit die Transzendenz, die sich durch die Freiheit des Geistes und die Fähigkeit, über sich selbst und die Welt nachzudenken, ausdrückt, gleichzeitig aber auch die körperliche und materielle Gebundenheit an eine Situation und ihre Umstände, „die durch das Transzendieren sowohl überschritten wie angeeignet wird."


1975: Im Jahr der Weiber
1975: Im Jahr der Weiber
von Kurt Appaz
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5.0 von 5 Sternen Schöner Trip in die 70er, 26. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: 1975: Im Jahr der Weiber (Taschenbuch)
Kann man den Lebensstil der 70er Jahre in Deutschland unterhaltsam in einen Roman packen? Ist das Lebensgefühl dieser Generation nicht viel zu klischeebehaftet, als dass man es kurzweilig darstellen kann? Doch, das geht, denn Kurz Appaz hat es gemacht! Er erzählt die Geschichte von sich und seinen Freunden, die sich nach dem missglückten Abitur in ihren VW Bus setzten und in Richtung Frankreich aufmachen. Außer Alkohol trinken, Kiffen und Mädchen gibt es keine besonderen Höhepunkte, doch das macht gar nichts. Appaz gelingt es mühelos, mit seinem Stil die Lockerheit und das Lebensgefühl dieser Jahre einzufangen. Gute Musik, Drogen und Mädchen sind mehr als genug, um zufrieden zu sein. Nach diesem Motto verfahren auch Appaz, Wolle und die anderen.

Viele gelungene Dialoge finden sich in 1975, die die Stimmung zwischen den Freunden schön einfangen. Da wird ungezwungen miteinander geredet, wie Jugendliche das eben so tun. Appaz hat es geschafft, die Stimmung dieses Frankreichtripps authentisch herüberzubringen. Die Geschichte ist total lebensnah und dass es an sich keine richtige Handlung gibt, schadet überhaupt nicht. Da machen sich eben ein paar Freunde im VW-Bus auf nach Frankreich, ohne ein konkretes Ziel zu besitzen. Wer an einer warmherzigen Reise in die Welt der 70er Jahre, die ungemein viele tolle Dialoge und Situationskomik besitzt, interessiert ist, dem ist „1975 – Im Jahr der Weiber“ von Kurz Appaz auf jeden Fall zu empfehlen


Kein neues Menschenbild: Zur Sprache der Hirnforschung (edition unseld)
Kein neues Menschenbild: Zur Sprache der Hirnforschung (edition unseld)
von Peter Janich
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

5.0 von 5 Sternen Stichhaltige Sprachkritik an der Hirnforschung, 13. Februar 2014
Peter Janich unterzieht Teile der Hirnforschung - gemeint sind vordergründig die radikaleren Vertreter dieser Wissenschaft – in seinem Essay einer Sprachkritik. Warum das notwendig ist, skizziert er gleich zu Anfang und diagnostiziert ein „Aufeinander-Einreden und Aneinander-Vorbeireden“ und ganz allgemein eine „Sprachvergessenheit“, die zum „Kennzeichen der Naturwissenschaft“ geworden sei. Seinen Essay teilt Janich in eine kurze grundsätzliche Einführung in die analytische Sprachphilosophie und drei weitere Abschnitte ein, in denen die Sprache der Hirnforschung auf Objekt-, Meta-, und Paraebene durchleuchtet wird. Auf Ebene der Objektsprache beklagt Janich eine zu sorglose Verwendung von banalen Alltagsbegriffen für die komplizierte Hirnphsyiologie und ihrer Bestandteile. Fachleute würden laut Janich demnach mit einer Selbstverständlichkeit über komplizierte, vielfach noch unverstandene und in Wechselwirkung mit anderen stehenden Hirnbestandteile reden, als seien diese so natürlich zugänglich wie „Kiesel an einem Flussufer oder Sonnenuntergänge“.

Die Parasprache betrifft die Ziele und das Auftreten der Hirnforschung in der Öffentlichkeit. In der öffentlichen Debatte ist die Hirnforschung – wie auch andere Naturwissenschaften – daran interessiert, ihre Forschungsvorhaben als möglichst bedeutend und weitreichend zu deklarieren, um sich einen soliden Stellenwert, was Forschungsgelder etc. angeht, zu sichern. Einer der schwersten sprachlichen Fehler sei laut Janich die falsche Sprachformel vom Gehirn pars pro toto stellvertretend für das Ganze, d.h. den Menschen. Dieser sogenannte mereolgische Fehlschluss wird laut dem Autor prägend „für das Selbstverständnis der Hirnforscher“. Dabei wird übersehen, dass es unzulässig ist, das Gehirn eines Menschen anstelle seines gesamten Wesens inklusive der anderen Körperteile und seiner kognitiven Fähigkeiten (für die er selbstverständlich sein Gehirn braucht) zu stellen.

Ähnlich sei der laxe sprachliche Umgang im „Manifest“ der Hirnforschung, in dem nach Janich mit komplizierten „privaten“ Begriffen nur so um sich geworfen werde, ohne das Ganze in einen größeren Kontext mit Erläuterungen und Begründungen zu bringen. Daher könne man sagen, dass die gegenwärtige Außendarstellung der Hirnforschung nach Janich „zugespitzt nur noch ein werbewirksamer Selbstdarstellungsdisput“ sei. Anhand der Metapher eines Ölbildes wird das Kategorienproblem, das die Neurowissenschaft bei der Untersuchung von Dingen mit kulturellem Hintergrund hat, beleuchtet. So könne zwar mit allerhand technischem Gerät die Leinwand und die Farben etc. eines Bildes untersucht werden, der kulturelle Hintergrund – wem gehört das Bild, welche Intention hatte der Maler damit, in welchem Kontext ist es entstanden etc. - allerdings nicht beleuchtet werden, da dies aus grundsätzlichen Gründen nicht möglich ist. Der kulturelle Hintergrund eines Bildes ist nicht hinreichend erklärbar, da er praktisch nie abgeschlossen ist. Inhaltliche und kontextuelle Fragen können quasi beliebig fortgesetzt werden. In Bezug auf den Menschen kann das bedeuten, dass die Ziele der Hirnforschung, die die Erforschung des menschlichen Bewusstseins betreffen, schnell ziel- und sinnentleert werden können. Ein Gemälde mit Messgeräten nach dem Inhalt zu untersuchen ist ebenso unsinnig, wie das menschliche Gehirn nach dem Inhalt von Gedanken zu untersuchen. Anders sieht es bei medizinischen Projekten, die die Erforschung von Nervenleiden zum Ziel haben, aus. In der Öffentlichkeit dominiere aber eher der Teil der Hirnforschung, der mit öffentlichkeitswirksamen Themen wie der möglichen Lösung des Leib-Seele Problems von sich reden mache.

Falsch ist nach Janich weiter die teilweise in der Hirnforschung vertetene Meinung, dass nun das Gehirn durch das Gehirn erklärt werde, denn das sei ein Kategorienfehler. Vielmehr benutzt der Hirnforscher sein Gehirn und seine damit verbundenen kognitiven Fähigkeiten, um ein anderes, externes Gehirn zu untersuchen. Auch ist er bei der Untersuchung, der Vorstellung und der Diskussion der Ergebnisse seiner Arbeit an die kulturellen Gebräuche und Normen der seinigen Gesellschaft gebunden, d.h. er muss seine Ergebnisse in üblicher Form zur Diskussion stellen und auf Stringenz und Logik etc. überprüfen lassen. Bei der Rede vom Gehirn, welches das Gehirn untersucht, fallen alle diese Voraussetzungen, ohne die überhaupt keine Wissenschaft betrieben werden kann, (denn Wissenschaft wird von Menschen in einem Kontext von Normen und Gebräuchen betrieben) raus, was diese Redensart unzulässig mache. Es komme daher auch darauf an, dass die Hirnforschung sinnvolle Explananda (Erklärungsziele) besitze, damit überhaupt klar wird, nach was sie eigentlich sucht. Die Hirnforschung übersehe vielerorts, dass sie eine Wissenschaft vom Menschen als Objekt sei, die aber gleichzeitig auch vom Menschen als Subjekt betrieben werde. Es kann im Falle der Hirnforschung daher keinen außerwissenschaftlichen „Blick von nirgendwo“ auf ihre Untersuchungsgegenstände geben. Die Hirnforschung habe zwar mittlerweile ein im Vergleich zu früher sehr viel größeres empirisches Wissen über das Gehirn angehäuft, das sie maßgeblich der technischen Entwicklung verdankt, die mit Computertomografen und Ähnlichem heute viele Möglichkeiten bietet, philosophisch sei sie jedoch laut Janich beim L'Homme Machine von La Mettrie (1748) stehengeblieben. Dieser Essay ist sehr gut geeignet, um sich eine Übersicht über die Kritik an der Hirnforschung zu verschaffen, denn Janichs zeigt stichhaltig die methodischen Probleme, vor welche die Hirnforschung gestellt ist und die oft einfach nur achselzuckend ignoriert werden.


Rottenegg
Rottenegg
von Markus Kavka
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Spannender Kontrast von Hauptstadt und Provinz, 4. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Rottenegg (Gebundene Ausgabe)
Markus Kavka ist den Meisten wohl vor allem noch als MTV Moderator ein Begriff, wo er mit bekannten Floskeln wie „Hamma wieder was gelernt“ die News aus dem Showbiz launisch-ironisch moderierte. Er war damals eines der bekanntesten Gesichter des recht erfolgreichen Musiksenders, fast schon eine kleine Marke. Als ehemaliger Musikredakteur hat er aber auch den Kontakt zum Schreiben nie verloren. Mit Rottenegg hat er seinen ersten Roman geschrieben, der in und um Ingoldstadt spielt, wo Kavka geboren ist, und somit latent autobiographisch gefärbt ist. Auch wenn Kavka selbst das bestreitet, passt die Geschichte doch schlicht zu gut zu seiner Person.

Die Handlung in Kürze: Der durchaus erfolgreiche Moderator des Berliner Musiksenders PopTV, Gregor Herzl, gerät plötzlich in berufliche und private Turbulenzen. Sein cholerischer, egomanischer Chef setzt ihn kurzerhand ohne größere Begründung vor die Tür und seine wohlgestaltete, erfolgreiche Schauspielfreundin zeigt ihm ebenfalls die kalte Schulter und sucht anderswo Zerstreuung. Schwer angeschlagen hat der Mann erstmal genug von der Urbanität und zieht sich in seine bayrische Heimat, wo alles etwas beschaulicher ist, zurück – nach Rottenegg.
Hier wird er von seinen Eltern umsorgt, kann mit alten Freunden in der Stammkneipe Biere kippen und in der Dorfdisco mit seinem Ipod und der angesagten Musik aus der Hauptstadt für etwas Glamour sorgen. Er findet die Ruhe und die Übersichtlichkeit, die er zunächst braucht, die aber natürlich nicht ewig anhalten kann. Auch im beschaulichen Rottenegg bleibt der Protagonist nicht von vielfältigen Turbulenzen verschont. Da wären: Cholerische Exfreunde seiner neuen Liebhaberin, brutale und missgünstige Gegenspieler im örtlichen Fussballverein und untreue, exzentrische ehemalige beste Freunde – eben die ganzen Altlasten aus der Jugend, von denen man eigentlich denken würde, sie wären mit dem Umzug in eine große Stadt verschwunden. Schmierige Medienmanager, die den örtlichen Regionalsender in Ingoldstadt leiten, gibt es eben nicht nur in der Großstadt – genauso wie TV-Sternchen aus der Provinz, die sich mal eben öfters die Nase pudern gehen.

Das alles mischt Kavka zu einer anschaulichen, akkurat beschriebenen Szenerie zusammen, die die Stimmung und die Mechanismen in der Provinz schön einfängt. Höhepunkt ist dann das jährliche Dorffest, das regelmäßig in wüste Schlägereien ausartet und auch Herzl nicht verschont. Kavka hat eine angenehme, lockere Art zu schreiben, die ohne Pathos und Zeigefinger auskommt. Der Kontrast von Hauptstadt und Provinz wird von Kafka schön eingefangen und bereitet Lesespaß. Ein Roman für alle, die auf unterhaltsame Art mehr über die Mischung von Musikbiz und bayrischer Provinz erfahren möchten.


Höllenritt Wahlkampf - Ein Insider-Bericht
Höllenritt Wahlkampf - Ein Insider-Bericht
von Frank Stauss
  Broschiert
Preis: EUR 12,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eher banal, 8. Januar 2014
Frank Stauss arbeitet seit vielen Jahren im Wahlkampfteam der SPD in verantwortlicher Position mit. Er hat die SPD über Brandt bis Schröder begleitet und viele Wahlkämpfe aktiv aus nächster Nähe erlebt und mitgestaltet. Seine Erfahrungen hat er nun niedergeschrieben in „Höllenritt Wahlkampf – ein Insider-Bericht“. Das Insiderwissen kann man ihm wohl kaum absprechen; doch ist jenes Wissen wirklich so speziell und spannend, dass man es kennen sollte? Ich bin mir da nicht so sicher, denn auf eine gewisse Art bestätigt Frank Stauss selber alle eher negativen Klischees, die es über PR und Marketing für Politiker gibt. Letztlich zählt eben auch für Frank Stauss allein der Auftritt seiner Politiker, der dann schnell mit Meinungsumfragen nach jedem Detail – Krawattenlänge, Körpersprache etc. - durchgekaut wird, um sicher zu sein, dass die Wählerschaft zufrieden ist. Aus Sicht eines PR- und Marketingprofis ist diese Vorgehensweise durchaus legitim, doch wirft sie ein etwas fahles Licht auf den Wahlkampf, in dem es trotz allen Image- und Stilfragen doch letztlich immer noch um Inhalte gehen sollte.

Davon merkt man bei Frank Stauss nicht mehr viel. Er hat die Rolle des PR- und Marketingprofis voll eingenommen und ist stets besorgt, das dieses Plakat oder jenes Zitat einen Tick zu unpassend war. Frank Stauss ist damit ein echter Spin-Doktor, der seine Politiker perfekt in Szene setzen will, es dabei aber kaum mehr schafft, über den Tellerrand seiner Marketingmaschine herauszublicken. Denn auch er sollte wissen, dass Wahlen letztlich inhaltliche Richtungsentscheidungen sind und der vernünftige Bürger nicht aufgrund von Körpersprache oder perfekt inszenierten Plakaten bzw. PR-Auftritten entscheidet, sondern aufgrund der besseren Argumente. Stauss dagegen hetzt von einer Umfrage zur anderen und kommt heraus, ein Auftritt oder ein Plakat seines Schützlings ist gut angekommen, freut er sich wie ein kleines Kind. Er wirkt merkwürdig unpolitisch und frei von eigenen politischen Überzeugungen, die man in seiner Position wohl haben sollte. Es würde irgendwie kaum einen Unterschied machen, ob er PR für die SPD, den FC Bayern oder irgendeine Waffenfirma macht. Frank Stauss gibt zweifelsfrei interessante Einblicke in den Maschinenraum eines Wahlkampfes, der von den vielen engagierten Menschen lebt, die im Hintergrund alles organisieren und vorbereiten. Ansonsten kommt er aber nicht über weithin bereits bekannte Feststellungen hinaus, wie dass ein Kandidat auch auf Frauen sympathisch wirken sollte, Meinungsumfragen wichtig sind und Slogans griffig sein müssen, damit sie wirken. Insofern scheint der Wahlkampf für Berater wie Stauss zumindest inhaltlich - vom Aufwand gesehen sicher schon - kein Höllenritt zu sein.


Der Existentialismus ist ein Humanismus: Und andere philosophische Essays 1943-1948
Der Existentialismus ist ein Humanismus: Und andere philosophische Essays 1943-1948
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gute Einführung in den Existentialismus, 11. November 2013
Der vorliegende Sammelband enthält Ausätze Sartres zu verschiedenen Themen, die allerdings alle mehr oder weniger seiner philosophoischen Denkrichtung, dem Existentialismus, nahestehen. Enthalten ist auch der bekannte Vortrag: "Der Existentialismus ist ein Humanismus", der die Idee dieser Denkrichtung recht ausführlich erläutert. Sartre wurde von Gegnern des Existentialismus immer wieder attackiert. Meist mit der Begründung, der Existentialismus sei eine menschenfeindliche Ideologie, eine Art abstoßender Nihilismus, vor dem die Menschen bewahrt werden müssten. Da prinzipiell auch atheistisch angelegt, waren auch kirchentreue Gesellen nicht begeistert von diesem Gedankengebäude. Sartre versucht, diese Einwände zu entkräften und dem Existentialismus ein humanistisches Gesicht zu geben. Das gelingt ihm eindrucksvoll. Zwar sieht der Existentialismus gemäß seinem Credo: "Die Existenz kommt vor der Essenz" den Menschen als ohne Daseinsgrund nackt in die Welt geworfenes Geschöpf, das prinzipiell niemanden etwas schuldig ist und keine Aufgabe hat, die es sich nicht selbst stellt. Der Mensch als "Tier, das nicht passt" (Sloterdijek) hat nichts als seine blanke Existenz. Eine höhere Aufgabe gibt es nicht und kein Mensch ist a priori - im Gegensatz zu seinem Platz in einer bestehenden Gesellschaft - höher gestellt als ein anderer. Ausflüchte wie Konventionen, Neigungen und die Lebensgeschichte eines Menschen zählen nicht als Begründungen für Entscheidungen.

Jedes Individuum muss in jedem Aufgenblick seines Lebens allein - d.h. mit allen Konsequenzen, die sich aus einer Entscheidung ergeben können - entscheiden, kein anderer Mensch, auch nicht der engste Vertraute, kann ihm das abnehmen. D.h. wenn jemand wahrhaft humanistisch handeln möchte, trägt er bei jeder Entscheidung, da er weiß, dass die anderen ebenso alleine sind und entscheiden müssen, die volle Verantwortung auch für die anderen. Entscheiden muss man allein, aber die Verantwortung für die anderen, die im selben Boot sitzen, hat man trotzdem. Diese Bürde ist die Last des Existentialismus, die Sartre beschreibt. Gleichzeitig gibt sie dem Menschen aber auch seine Würde. Als ohne Sinn geschaffene Wesen hat prinzipiell jeder Mensch die Fähigkeit, sich dem "Richtigen" und "Guten", was immer es für einen einzelnen Menschen bedeutet, zuzuwenden. Sartre sagt: "der Mensch, der sich engagiert und sich bewußt wird, daß er nicht nur jener ist, der zu sein er wählt, sondern auch ein Gesetzgeber, der mit sich die gesamte Menschheit wählt, dieser Mensch kann dem Gefühl seiner totalen und tiefen Verantwortung nicht entrinnen".

Der Existentialismus sieht den Menschen als verantwortlich für sein Leben an. Biologische Erklärungsansätze für den Menschen werden abgelehnt, da deren Vertreter ebenso in die Existenz geworfene Individuuen sind, die für die anderen entscheiden müssen. Sartre sagt demensprechend, dass "jeder Mensch, der einen Determismus erfindet, unaufrichtig" sei. Jeder Mensch, der seine Leidenschaften vorschiebt und sein Verhalten damit begründet sei - in Sartres harten Worten - ein Feigling. Ein solches Menschenbild mag rau erscheinen, da es die Wahrheit über den Menschen bis zu einem gewissen Grad offen legt, wie Sartre meint: "...wenn der Existentialist jedoch einen Feigling beschreibt, sagt er, dieser Feigling ist für seine Feigheit verantwortlich". Der Mensch hat daher fast immer die Möglichkeit, zu scheitern, doch ist Scheitern etwas menschliches. So mag der Existentialismus nach Sartre anfangs zwar kühl und steinern wirken, doch im Angesicht dessen, dass der Mensch sich selbst wiederfinden und sich davon überzeugen muss, "daß nichts ihn vor sich selbst retten kann, und sei es auch ein gültiger Beweis der Existenz Gottes", zeigt er seine Würde, die er dem Menschen verleiht. Die weiteren Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit dem Existentialismus nahestehenden Themen, wie dem Cogito von Descartes, das ja quasi die Anfangsbedingung des Existentialismus beschreibt, "Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis" oder "Materialismus und Revolution". Als Einführung in den Existentialismus ist der Band gut geeignet, da in zwei Aufsätzen explizit auf die Frage eingegangen wird, was der Existentialismus denn nun sei und wie man ihn charakterisieren könne.


Wie kommt der Geist in die Materie?
Wie kommt der Geist in die Materie?
von Colin McGinn
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Bewusstsein bleibt ein Rätsel., 5. August 2013
Das Leib-Seele Problem gehört zu den klassischen Fragestellungen der Philosophie. Mit dem Aufkommen der Neurowissenschaften als moderne naturwissenschaftliche Disziplin ergeben sich neue Blickwinkel auf das alte Problem, da mittels moderner Technik nun auch dem Kopf bzw. dem Geist bei der Arbeit zugeschaut werden kann. Doch gibt diese neue Perspektive Anlass zur Hoffnung auf Erkenntnisfortschritt? Colin McGinn sagt dazu: "Nein". Ob mit oder ohne Neurowissenschaft lässt sich das Bewusstseinsproblem nicht zufriedenstellend lösen, da dem Menschen schlichtweg das passende kognitive Werkzeug dazu fehlen würde. Er outet sich somit als Anhänger der "Mysteriums"-These in Bezug auf das Bewusstsein. Philosophie ist für McGinn generell dadurch charakterisiert, sich mit Fragen zu beschäftigen, die das begrenzte Erkenntnisvermögen des Menschen betreffen. Bewusstsein sei da keine Ausnahme. Damit vertritt McGinn eine naturalistisch agnostische Position. Einen reinen Dualismus lehnt er ab und sieht das Gehirn somit als notwendig für den Geist an. Gleichzeitig betont er aber explizit den ontologischen Unterschied zwischen Körper und Geist und hält an dessen Irreduzibilität fest.

Er argumentiert ähnlich wie Thomas Nagel. Auch wenn man alles über die Funktionsweise eines Wesens und seiner materiellen bzw. körperlichen Grundlagen wüsste, wüsste man dennoch nicht, was das nun genau bedeutet oder wie sich ein Zustand konkret anfühlen würde. Die Intentionalität kann nicht von außen künstlich hergestellt werden, auch nicht durch ein immer größer werdendes Wissen um die Funktionen von Neuronen und Synpasen. Die natürlichen Erkenntisgrenzen des Menschen seien aber trotzdem keineswegs zu bedauern, sondern eher positiv anzusehen, da die Perspektive von Maschinen mit Bewußtsein oder einer gottähnlichen Naturwissenschaft, die den Ton in der Gesellschaft angibt, wenig verlockend sei. Es sei vielmehr durchaus wohltuend für Mensch und Wissenschaft, Erkenntnisgrenzen zu akzeptieren. Daduch könne sich viel Verdruss und Eifer, der bei der Suche nach Antworten auf Fundamentalprobleme leicht entstehen kann, ersparrt werden. Hervorzuheben ist noch, dass McGinn einen lockeren, gut lesbaren Stil hat, der ohne besserwisserischen Ductus auskommt.
Neben Geert Keil habe ich noch nichts Besseres zum Thema Bewusstsein gelesen.


Eine Theorie der Gerechtigkeit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Eine Theorie der Gerechtigkeit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von John Rawls
  Taschenbuch
Preis: EUR 23,00

5.0 von 5 Sternen Der gerechte Staat, 29. Juli 2013
Es gilt als Verdienst von John Rawls, dass er der klassischen politischen Theorie, in denen die Klassiker von Platon und Aristoteles nach wie vor eine dominante Rolle einnehmen, eine Wiederbelebung in der Moderne verpasst hat. Mit seiner Theorie der Gerechtigkeit gelang ihm eine Symbiose von liberalem und sozialem Denken – oder einfacher ausgedrückt von „linkem“ und „rechtem“ Gedankengut. Denn seine Argumentation, die er in seinen bekannten zwei Gerechtigkeitsgrundsätzen zusammenfasst, zielt sowohl auf eine möglichst große Zahl von Grundrechten und trägt somit dem liberalen Denken Rechnung als auch auf die soziale Gerechtigkeit, insofern er soziale Ungleichheiten im Staat nur dann für gerechtfertigt hält, wenn sie den sozial Schwachen zugutekommen. Zur Begründung seiner Grundsätze benutzt er ein fiktives Szenario, das er Urzustand nennt. In diesem beraten Protagonisten über das Modell eines künftiges Staates, ohne ihre soziale Rolle und ihre Fähigkeiten in diesem zu kennen. Sie beraten unter dem sogenannten „Schleier des Nichtwissens“. Unter diesen Bedingungen, schließt Rawls, würden seine Bedingungen ähnlich einem „Überlegungsgleichgewicht“ angenommen werden, da die Akteure des Urzustandes somit die Gewissheit hätten, unabhängig von ihrer zukünftigen sozialen Position nicht allzu schlecht dazustehen. Diese Folgerung ist jedoch nicht unumstritten, denn ob die Akteure des Urzustandes, wie Rawls sich das vorstellt, wirklich maximal risikoscheu entscheiden würden, kann nicht als sicher gelten. Risikofreudige Menschen würden eventuell anders entscheiden. Trotzdem ist das Szenario, das Rawls zur Begründung seiner Grundsätze entwickelt, überzeugend und ein stabiles Fundament zur Begründung seiner Argumentation.

Seine politischen Vorstellungen kommen im Ganzen sehr idealistisch daher, denn es scheint klar zu sein, dass eine größtmögliche Anzahl von Freiheits- und Grundrechten leider nur dann möglich ist, wenn bestimmte andere Freiheiten eingeschränkt werden. Völlige Freiheit würde Anarchie bedeuten, das wäre dann aber überhaupt kein Staat mehr und wohl auch nicht mehr im Sinne von Rawls. Gerechtigkeit und liberales Denken stehen demnach in einem gewissen Spannungsverhältnis, da eine wirklich liberale Gesellschaft – gemäß ihrer Überzeugung – auch gewisse Abweichungen vom Recht bzw. der Gerechtigkeit in Kauf nehmen sollte. Auch die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit aus dem zweiten Grundsatz scheint insofern schwierig zu sein, da es schwer zu bemessen ist, wann soziale Ungleichheiten den sozial Schwachen auch nützen und ob eine derartige Regel überhaupt mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Kräften durchsetzbar wäre. Daneben schweift Rawls auch noch in den Bereich der Ethik ab. Der gute Mensch ist für ihn gemäß seiner politischen Philosophie der „gerechte“ Mensch, der sich um der Gerechtigkeit willen für die beiden Gerechtigkeitsgrundsätze von Rawls - hier betreibt Rawls Werbung in eigener Sache - entscheiden würde, um somit eine liberale und zugleich soziale Gesellschaft zu ermöglichen. Die Theorie der Gerechtigkeit ist ein eindrucksvolles Plädoyer für eine liberal-soziale Gesellschaft – obgleich von hohem Idealismus getragen.


Politik: Schriften zur Staatstheorie
Politik: Schriften zur Staatstheorie
von Aristoteles
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

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5.0 von 5 Sternen Zeitlose politische Philosophie, 15. Juli 2013
Die Politik des Aristoteles ist ein Klassiker der politischen Philosophie mit vielen zeitlosen Elementen. Mit am bekanntesten sind die anthropologischen Grundaussagen der Politik. Der Mensch ist qua seiner Vernunft und Sprachfähigkeit ein politisches Wesen. Erst im Zusammenleben mit seinen Mitmenschen kann er seinen Gemeinschaftssinn und seine Sprachfähigkeit nutzen, um glücklich zu leben. Ziel des Staates ist es dementsprechend, den Menschen das Glück bzw. die eudaimonia zu ermöglichen. Das klingt zwar sehr idealistisch, stimmt aber auch im Kern. Denn Aufgabe des Staates kann es kaum sein, seine Bürger zu bevormunden oder ihnen zu schaden, sondern die "richtigen" - wie diese nun genau beschaffen sein sollten, ist wiederum eine andere Frage - Rahmenbedingungen zu schaffen, um ein vernünftiges Zusammenleben seiner Bürger zu ermöglichen. Das ist heute wohl kaum anders wie zur Zeit der Antike. Im Gegensatz etwa zu Platon,der in seiner politischen Philosophie zu recht radikalen Forderungen greift – klare Standeszugehörigkeit der Bürger, nur Philosophen sollen den Staat verwalten – ist Aristoteles eher pragmatisch in seinen Forderungen und erweist sich in seinen Ausführungen als Befürworter von sozialer Gerechtigkeit.

Sein Konzept der Lehre der Mitte, das er auf die menschlichen Affekte bezogen, in seiner nikomachischen Ethik entwickelt, findet man bei seinen politischen Ausführungen wieder. Nicht nur im Bezug auf den Charakter und die menschlichen Begierden gilt es einen gesunden Mittelweg zu finden, sondern auch was die Zusammensetzung des Staates angeht. Nach Aristoteles gibt es schon naturgemäß ein Übergewicht der Armen über die Reichen, da eine gewisse Güterknappheit und Ungleichheit an Talenten, Fähigkeiten der Menschen, die zu Klassenunterschieden führen, immer schon da ist. Gerade deshalb plädiert er für eine möglichst breite Mittelschicht, die essentiell für die Stabilität des Staates ist. Ein Übergewicht der Armen im Kontrast zu einer reichen, dominierenden Klasse der Reichen führt zu Instabilität und Revolutionsgefahr. Aristoteles hat somit schon zu seiner Zeit die gesellschaftlichen Risiken, die von sozialer Ungleichheit ausgehen in seiner politischen Theorie berücksichtigt, was sicher zur Zeitlosigkeit der Politik beigetragen hat.


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