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Axel Krämer (Berlin)
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Gender - Politische Geschlechtsumwandlung
Gender - Politische Geschlechtsumwandlung
von Volker Zastrow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,80

29 von 128 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Mutter! Kittelschürze! Aids-Tod!, 27. August 2010
Die Welt gerät aus den Fugen. Nicht etwa aufgrund ökologischer und ökonomischer Ausbeutungen auf unserem Planeten. Nein, viel schlimmer! Volker Zastrow, der Autor dieses schmalen Büchleins, ist davon überzeugt, einem großen Komplott auf der Spur zu sein.

Um was geht es? Nun, zunächst scheint es so, als handle es sich bei "Gender Mainstreaming" nur um eine Richtlinie der Europäischen Union, die von ihren Mitgliedsländern Gleichstellung und Gleichbehandlung von Männern und Frauen einfordert - und eben auch von Schwulen und Lesben, die vor offensichtlicher Diskriminierung geschützt werden sollen, ganz nach dem Motto: gleiche Rechte für alle.

Zastrow traut der Sache allerdings nicht, ganz im Gegenteil. Er ist davon überzeugt, dass dies nur der Anfang einer großangelegten homosexuellen Verschwörung sei. Eine, die nicht weniger zum Ziel habe, als die Aufteilung der Menschen in Mädchen und Jungs abzuschaffen und somit das Abendland auf den Kopf zu stellen!

Was aber beschwört in Zastrow eine solche Paranoia?

Zum Beispiel ein paar uralte Textstellen aus einem Werk von Alice Schwarzer aus den Siebzigerjahren, also aus einer Zeit, als Joschka Fischer noch Steine auf Polizisten schmiss und Heiner Geissler Parolen vom rechten Rand skandierte, für die er sich heute in Grund und Boden schämt.
Zu dieser Zeit vertrat Schwarzer die umstürzlerische Position, Frauen sollten berufstätig sein und nicht etwa die Rolle der Hausfrau ausfüllen - eine Ansicht, die heute selbst der Bildzeitung, für die Schwarzer regelmäßig schreibt, keine Schlagzeile mehr wert wäre. Für Zastrow jedoch dient diess Zitat als Beweis für einen auch heute noch anhaltenden, existenziellen Angriff auf die "Hausfrau und Mutter". Das aber ist für ihn der Sündenfall schlechthin. Denn für Zastrow ist die Mutter heilig - ein "urgewaltiger Topos in Kunst, Literatur und Religion, der im Innersten der meisten Menschen beim Gedanken an die eigene Mutter widerhallt. Dass auch eine andere Sicht möglich ist, zeigt etwa die Persiflage der Hausfrau und Mutter durch den infolge einer Aids-Infektion verstorbenen Freddy Mercury in dem Lied 'I want to break free' in Kittelschürze und Lockenwicklern am Staubsauger." (Seite 31)

Wie bitte? Richtig gelesen. Mutter! Lockenwickler! Aids-Tod!
Diese Argumentationsverkettung von Kulturgeschichte, persönlichem Unbehagen, klamaukigem Musikvideo und dem Hinweis auf den Aids-Tod von Mercury klingt kurios, man mag das unfreiwillig komisch finden. Aber es ist ein Schlüssel in Zastrows Verschwörungstheorie.
Zunächst verweist er auf vermeintlich radikale Uraltzitate von Prominenten, die sich zum Thema "Gender" in den letzten 30 Jahren mal mehr oder weniger sinnig geäußert haben. Wie etwa Alice Schwarzer oder Michel Focault, bei denen Zastrow offen oder unterschwellig auf ihre homosexuelle Orientierung hinweist. Genau das ist bei ihm Programm: der Hinweis, dass einer der Gender-Protagonisten schwul oder lesbisch oder gar an AIDS erkrankt ist oder sich zumindest in einer Hilfsorganisation für Aids-Infizierte engagiert. Zastrow will damit sagen: "Diese Leute sind abartig! Sie wurden nicht deshalb ausgegrenzt, weil die Gesellschaft sie zur Minderheit gemacht hat, sondern weil sie mit dem gesunden Volksempfinden nichts am Hut haben! Deshalb geht uns der Gender-Kram nichts an!"

Am Schluss muss für Zastrows Verschwörungstheorie auch noch eine reisserische Gruselgeschichte über einen Horrordoktor herhalten, der eine Geschlechtsrollenumwandlung an einem unschuldigen Jungen erzwungen hat - allerdings nachdem diesem Ärzte zuvor versehentlich das Glied verstümmelt hatten. Ein Fall für RTL 2 - und nicht für ein seriöses Buch.
Genauso unseriös sind übrigens die düsteren Illustrationen von Anke Feuchtenberger, die an Aliens aus einem Horrorfilm von David Lynch erinnern und wohl an die "Abartigkeit" der Gender-Protagonisten gemahnen sollen.

Ein merkwürdiges Buch, das vermutlich kaum beachtet würde, wäre der Autor nicht Politikchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Kommentar Kommentare (33) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 30, 2013 6:30 PM MEST


Derrida
Derrida
DVD ~ Amy Ziering
Preis: EUR 13,49

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Let's talk about Sex!, 20. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Derrida (DVD)
In einer der Anfangssequenzen des Films erzählt Derrida eine Anekdote. Heidegger sei einmal gefragt worden, wie das Leben von Aristoteles aussah. Antwort: "Er wurde geboren, er dachte, und er starb." Alles andere sei nicht mehr als eine Ansammlung von Anekdoten - also irrelevant. Zumindest sei diese Ansicht in der traditionellen Philosophie, so Derrida, bislang immer eines der obersten Gebote gewesen.

Was würde dann also eine Filmdokumentation über Derrida ins Zentrum stellen? Sein akademisches Leben? Seine politischen Ansichten? Oder würde der Tabubruch begangen und eine home story auf gehobenem Niveau geboten werden? Skepsis ist also zunächst angesagt.
Die Filmmacher zitieren zunächst ein paar äußerst komplizierte Thesen Derridas aus dem Off, andererseits zeigen sie ihn dabei, wie er sich beim Friseur die Haare schneiden lässt oder darüber nachdenkt, ob er lieber sein blaues oder sein schwarzes Jackett anziehen soll. Später wird man Zeuge, wie Derrida, der philosophische Popstar, von studentischen US-Groupies angehimmelt wird. Entzückt versichern sie ihm, nach dem soeben beigewohnten Vortrag seine Texte besser zu verstehen.
Doch diese Filmschnippsel erwecken einen sehr oberflächlichen Eindruck. Wer sich davon nicht gleich abschrecken lässt, wird just hinter diesen Flappsigkeiten eine überraschende Tiefe entdecken, die ganz unterschiedliche Facetten eines Themas hervorbringt: Es fängt mit der Betrachtung des Philosophen als biographische Persönlichkeit an, setzt sich mit seinen Schwierigkeiten fort, über sein Privatleben zu reden, und spitzt sich sich schließlich auf die Frage nach seinem Selbstbild zu.
Richtig spannend wird es, als Derrida in eine Galerie eintritt, in der ein von einer Künstlerin gemaltes Porträt von ihm hängt. Derrida gibt vor laufender Kamera zu, "ein gestörtes Verhältnis" zu Bildern von sich zu haben. Häufig komme in ihm ein Verlangen auf, Fotos zu zerstören, auf denen er abgebildet sei. Immerhin akzeptiere er sein Aussehen nun allmählich und gewinne einen positiven Zugang zu seinem Narzissmus. Eine Stimme aus dem Off zitiert eine von Derridas Thesen, die lautet, es gebe in Wirklichkeit nicht diesen Gegensatz zwischen Narzissmus und Nicht-Narzissmus: "Es gibt mehr oder weniger verständnisvolle, großzügige, offene und weitgefasste Narzissmen. Was man als Nicht-Narzissmus bestimmt, ist nur die Ökonomie eines viel einladenderen und gastfreundlicheren Narzissmus. Einer, der offener ist gegenüber der Erfahrung des anderen als anderem. Ich glaube, ohne die Bewegung der narzisstischen Wiederaneignung wäre die Beziehung zum anderen vollkommen gestört. Liebe ist narzisstisch."
Damit möchte Derrida keineswegs eine Lanze für die Selbstverliebtheit brechen. Es geht ihm um die Frage, wie sich zwei Menschen trotz ihrer narzisstischen Verblendung lieben können, und zur Anschaulichkeit dieser Frage zitiert er aus Ovids "Echo und Narziss".

Gegen Schluss des Films die Frage an Derrida: Was würde er in einer Dokumentation über Heidegger oder andere Philosophen gerne sehen? Antwort: Sie sollten über ihr Sexualleben sprechen. Weil genau dies stets ausgeklammert werde, wenn von einem Philosophen die Rede sei. Er wolle hören, welche Rolle die Liebe in ihrem Leben gespielt habe.


Rossini, Gioacchino - Moïse et Pharaon (NTSC, 2 DVDs)
Rossini, Gioacchino - Moïse et Pharaon (NTSC, 2 DVDs)
DVD ~ Ildar Abdrazakov

2 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Uninspiriertes Sandalenspektakel, 10. März 2010
Es geschieht selten genug, dass die musikalisch großartige Rossini-Oper "Moses und Pharao" inszeniert wird. Noch dazu in einer Besetzung, die mit Namen wie Erwin Schrott oder Barbara Frittoli prahlen kann. Eigentlich handelt es sich hier um eine "Opera seria", eine ernsthafte Oper. Doch was macht die Mailänder Scala daraus? Eine Sandalen-Schmonzette, die unfreiwillig zur Klamotte gerät! Und zwar ganz ohne Ironie.
Die hinlänglich bekannte Gesichte von der Gefangenschaft der Juden in Ägypten und dem strafenden Gott, der über die Sklavenhalter die sieben Plagen als wundersame Katastrophen kommen lässt - all das wird hier wortwörtlich genommen und mit viel Hokus-Pokus umgesetzt. Und das in einer Inszenierung aus dem Jahr 2003!
Die zwanzigminütige Ballettszene ist nicht mehr als uninspiriertes Herumgehoppse.
Der Pharaonensohn Aménophis, der sich in die Nichte von Moses verliebt - eine von Rossini hinzugefügte Figur, um der Geschichte einen neuen Aspekt abzugewinnen - kommt mit seiner Maske und seinem Outfit daher wie eine ägyptische Drag Queen.
Obgleich das alles lächerlich ist, kann man nicht wirklich darüber lachen.
Was man aus dieser Oper hätte machen können, zeigen moderne Inszenierungen aus Salzburg und Nürnberg, in denen man sich mit der an sich faszinierenden Figur des Moses zuvor auseinandergesetzt hat. Interessante Reflexionen über den visionären Übervater, der für sein Volk ein Stellvertreter Gottes darstellt und es in eine neue Heimat führt, gibt es genug - wie etwa von Sigmund Freud, Theodor Herzl oder Friedrich Schiller. Auch dürfte es nicht schwerfallen, einen aktuellen Bezug zu finden. Jedenfalls hat es jüngst die Nürnberger Oper geschafft, aus diesen Anregungen eine atemberaubende Inszenierung aus dem Hut zu zaubern, die dem Publikum zwar ein bisschen Hirnaktivität abverlangt, aber insgesamt doch viel Zustimmung gefunden hat. Letztlich ist es doch befriedigender, eine Oper gesehen zu haben, die nicht nur zu Konsum, sondern auch zum Nachdenken anregt. Leider gibt es solche nur selten auf DVD.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 18, 2011 1:27 PM MEST


Rossini, Gioacchino - Il Turco in Italia (NTSC)
Rossini, Gioacchino - Il Turco in Italia (NTSC)
DVD ~ Ruggero Raimondi
Preis: EUR 32,74

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Oper mit Migrationshintergrund, 25. Januar 2010
Man mag über Cecilia Bartoli denken, was man will. Eins steht jedoch fest: als Flittchen - hier in der Rolle der Fiorilla - ist sie einfach unschlagbar. Wenn sie in dieser funkensprühenden Inszenierung aus dem Zürcher Opernhaus frivol über die Bühne tänzelt, mit den Augen rollt und in herrlichen Koloraturen freimütig bekennt, sich mit einem Ehemann allein zu langweilen und darum so viele Liebhaber wie nur möglich an Land zu ziehen - dann nimmt man ihr das sofort und mit großem Vergnügen ab.
Auch herrausragend: Reinaldo Macias als Don Narciso, dem ein ganz wunderbar exzentrisches Outfit verpasst wurde. Aber die Sänger sind alle großartig.
Ohnehin wird in Rossinis komischer Oper mit Migrationshintergrund ein ganzes Feuerwerk an musikdramatischen Einfällen gezündet. Weil jede der Figuren so extrem ichbezogen handelt - fast möchte man sagen: modern - und an nichts anderes als an die Verfolgung der eigenen Interessen denkt, prallen unentwegt ganz individuelle Welten aufeinander. Und so kommt es, wie es kommen muss: zum allgemeinen Chaos. Da verschwimmen die Unterschiede zwischen dem Orient und dem Westen bald und spielen bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Rossini setzt die rasch eintretenden Verwicklungen erfrischend und inspirierend in seiner Musik um, wie man das von ihm kennt.
Diese Produktion aus dem Jahr 2002 lässt in ihrer Inszenierung keine Wünsche offen.


Let's Make Money
Let's Make Money
DVD ~ Erwin Wagenhofer
Preis: EUR 9,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sendung mit der Maus, 13. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Let's Make Money (DVD)
Was passiert mit dem Geld, das wir bei der Bank anlegen? Diese Frage steht am Anfang dieses globalisierungskritischen Dokufilms. Optisch fängt er an wie eine "Sendung mit der Maus". Auch sonst geht der Regisseur so unbefangen ans Werk wie in der Kindersendung. So verzichtet er auf jeden Kommentar aus dem Off und lässt stattdessen die unterschiedlichsten Akteure des Weltmarktes zu Wort kommen. Ob wir mit ihnen sympathisieren oder ihnen misstrauen, das überlasst er dem Zuschauer. Und das ist auch prima so.

Freilich ist eine Sache für alle ganz offensichtlich: Es geschehen himmelsschreienden Ungerechtigkeiten. Transnationale Unternehmen investieren in Indien, in Burkina Faso und in Südamerika, was zwar auf den ersten Augenschein den jeweiligen Ländern zugute kommen mag. Aber wie jeder aufgeklärte Mensch weiß: letztlich profitieren ausschließlich die Unternehmen und vielleicht noch ein paar einheimische Reiche. Von der Wertschöpfung bleibt der jeweiligen Bevölkerung weniger als fünf Prozent.

Am meisten im Gedächtnis haftet die Episode über die sogenannten Wirtschaftskiller (Economic Hit Men) aus den USA. Einer von ihnen, John Perkins, ist inzwischen an die Öffentlichkeit gegangen. Der ehemalige Chefökonom des NSA (National Security Agency) vergleicht seine frühere Arbeit mit der eines Auftragskillers für die Mafia - mit dem Unterschied, dass er gleich ganze Länder und Regierungen erpresst hat.

Das funktioniert so: man knöpft sich ein Land mit solchen Ressourcen aus, die für US-Auftragsfirmen interessant sind. Für ein übertrieben optimistisch bewertetes Infrastrukturprojekt wird ein Riesenkredit von der Weltbank oder einer ihrer Schwesterfirmen organisiert. Doch das Geld kommt nie in den sogenannten Entwicklungsländern an. Stattdessen fließt es in die Kassen der US-Firmen, die in großem Stil die zum Teil unsinnigen Infrastrukturprojekte realisieren. Davon profitieren in dem jeweiligen Land wiederum nur ein paar Reiche, die aufgehäuften Schulden hingegen werden sozialisiert und auf die Bevölkerungsmehrheit abgewälzt. Es droht die Schuldenfalle, meist auf Kosten von Gesundheit und Bildung. Doch die imperiale Wirtschaftsmafia fordert ihren Anteil. Dazu gehören vor allem: die Kontrolle über die Stimmen in der UNO, die Errichtung von Militärstützpunkten oder der Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Öl oder die Kontrolle über den Panamakanal. "Natürlich erlassen wir dem Schuldner dafür nicht die Schulden - und haben uns so wieder ein Land dauerhaft unterworfen" - so Perkins in einem seiner Interviews.
Nicht immer lassen sich Entscheidungsträger und Experten in den jeweiligen Ländern bestechen. Letztlich hängt jedoch alles an den Staatschefs, die sich mitunter schon mal gegen diese Praxis wehren. In solchen Fällen werden sogenannte "Schakale" ausgeschickt, Attentäter der US-Geheimdienste. Die Präsidenten von Panama und Ecuador sollen 1981 Opfer von Schakalen geworden sein, aber auch Indira Ghandi. Zugegeben, das riecht sehr nach Verschwörungstheorie, aber gänzlich abwegig klingt es wiederum auch nicht.
Gelingt ein Attentat nicht, wie im Fall Saddam Hussein, der sehr gut bewacht war und mehrere Doppelgänger hatte, wird der Vorwand für einen militärischen Einmarsch gesucht.

Die erzählte Geschichte im Film hat eine besonders effektive Wirkung, da sie von Perkins selbst im ruhigen Plauderton erzählt wird - gerade so, als gebe er eine Urlaubsanekdote zum besten. Dies steht etwa ganz im Kontrast zum aufgeregten Tonfall der skandalheischenden Michael Moore-Filme.

Allerdings stimme ich der häufig geäußerten Kritik an dem Film zu, in der bemängelt wird, dass der Regisseur "eine diffuse kritische Grundstimmung" gegen "die da oben" verbreite und damit nicht dazu beitrage, den Zuschauer zum Nachdenken darüber zu bewegen, wie er selbst zu der Misere beitrage - etwa durch sein Konsumverhalten oder durch sein Aktien-Portfolio.

Am Ende des Films weiß man übrigens immer noch nicht, was mit dem Geld passiert, das man auf der Bank anlegt. Und wo man es vielleicht besser anlegen könnte.


Die Legende vom Ozeanpianisten
Die Legende vom Ozeanpianisten
DVD ~ Tim Roth

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Drei Szenen, die Filmgeschichte schreiben, 10. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Legende vom Ozeanpianisten (DVD)
Eine Literaturverfilmung über die Geschichte eines Mannes, der sein ganzes Leben lang auf einem Dampfer verbringt und niemals auch nur einen Schritt ans Land setzt. Die Schiffsheizer nennen ihn nach seinem Geburtsjahr - Neunzehnhundert - und ziehen ihn unter Deck auf.

Drei Szenen gibt es in diesem ansonsten sehr konventionellen Streifen à la Hollywood, die eine besondere Erwähnung verdienen, weil sie Filmgeschichte schreiben dürften: In einer Szene erklärt der Meisterpianist in einem diskreten Gespräch mit einem Kollegen während einer Abendveranstaltung an Bord, was ihn zu seiner Musik inspiriert. Die Kamera schwenkt wie ein Fernglas auf eine ältere, elegante Dame, die man in diesem Moment zum ersten Mal erblickt. Der Held des Films haut die Finger in die Tasten und phantasiert in wenigen Sätzen ihre persönliche Geschichte dazu, die er aus ihren Gesichtszügen, ihren Bewegungen, ihrer Kleidung, ja, ihrer ganzen Erscheinung ableitet - und genau dazu improvisiert er auf die Schnelle eine Komposition auf dem Klavier! Dann schwenkt die Kamera über zur nächsten willkürlich ausgewählten Person, einer jüngeren Frau, und schließlich zu einem Herrn, und immer dasselbe Spiel mit jeweils ganz unterschiedlich emotional gefärbter Melodik und rhythmischem Temperament. Großartig.

Bei der zweiten Szene handelt es sich um ein Piano-Duell, zu dem Neunzehnhundert von einem großmäuligen, eher zweitklassigen Jazzpianisten aufgefordert wird. Dieser hat dafür extra eine Reise nach Europa gebucht. Doch er unterliegt jämmerlich gegenüber dem bereits zur Legende gewordenen Ozeanpianisten, der sich schließlich an seinen heißgeglühten Klaviersaiten eine Zigarette anzündet. Eine köstliche Szene, wunderbar gespielt.

In der dritten Szene begründet Neunzehnhundert, warum er es nicht übers Herz bringt, in Manhattan an Land zu gehen. Wo ist das Ende der Stadt? Wo hört sie auf? Eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten macht ihm Angst. Er fürchtet, vor lauter Auswahl keine Entscheidungen treffen, sich nicht festlegen und sich so auch nicht entwickeln zu können. Genausowenig könne er auf einem Klavier komponieren, dessen Tastatur unendlich lang sei.
Eine starke Metapher, so wie der ganze Film, der sich trotz einer hart am Kitsch vorbeischrammenden Hollywooddramatik tief ins Gedächtnis der Zuschauer einschreibt.


Die Vier: Eine Intrige
Die Vier: Eine Intrige
von Volker Zastrow
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gespielte Naivität, 20. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Vier: Eine Intrige (Broschiert)
In der Danksagung seines Buches behauptet Volker Zastrow, dass er eigentlich eine Heldengeschichte erzählen wollte, nämlich das Märchen von vier SPD-Übermenschen, die tapfer ihre politsche Existenz aufs Spiel gesetzt hatten, um den "Wahlbetrug" der bösen Anti-Heldin Andrea Ypsilanti zu verhindern.
Im Lauf der ausführlichen Recherchen entpuppte sich jeder der vier Figuren - wer hätte das gedacht? - als ganz normale Person mit ihren Macken und ihren spezifischen Eitelkeiten.
Aus der Heldengeschichte ist also nichts geworden. Soll man Zastrow, dem Politik-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wirklich abnehmen, dass er mit einer so wahnwitzigen Naivität an die Sache herangegangen ist? Wohl kaum. Dennoch vermag das 400seitige Ergebnis hin und wieder zu überraschen. Stilistisch verliert es sich zwar häufig in überflüssigen Details - anstrengend sind mitunter die vielen Anekdötchen von Parteimitgliedern, Kleinstadtbürgermeistern oder Jusovertretern, die von Zastrow dazu gebraucht werden, um seine These von der sich vom Volk entfremdenden Sozialdemokratie zu untermauern. Eigenartig kommen auch die schulbuchartigen Erläuterungen zum politischen System Deutschlands daher, wie etwa der Exkurs zum Dilemma des "Fraktionszwangs" der Abgeordneten, die doch im Grunde nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Manche Lebensgeschichten sind allzu ausschweifend geraten, wie etwa die der Darmstädter Familie Metzger, in die eine der Protagonistinnen ja nur eingeheiratet hat. Als Leser wünscht man sich zudem, dass Zastrow so manchen bildhaften Vergleich - wie etwa dem des "Knoblauchgeruchs" von Franz Walter - nicht so inflationär häufig benutzt hätte.
Doch trotz dieser literarischen Banalitäten ist ein interessantes Sittenbild der Volkspartei SPD herausgekommen. Oder soll man es lieber Unsittenbild nennen? Eitelkeiten, Machtspielchen und Intrigen: all das hat zu einem destruktiven Verfall beigesteuert, wie man ihn bei der CDU, der FDP und den Grünen wohl genauso beschreiben könnte. Ganz zu schweigen von der Linken, die dem Autor nur allzu ideologisch als Feindbild dient.
Interessant wäre jedoch zu erfahren, welche Rolle Journalisten wie Zastrow in diesem Spiel einnehmen. Diesen Teil hat der Autor wohlweislich ausgespart. So naiv und unbefangen, wie er sich gibt - wer möchte das ihm und seinen Kollegen eigentlich noch länger abnehmen?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 30, 2009 1:23 PM CET


The Five Obstructions
The Five Obstructions
DVD ~ Alexandra Vandernoot

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der perfekte Film, 8. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: The Five Obstructions (DVD)
Die Marketingkampagne zum Film möchte diesen als "Komödie" verkaufen, oder auch als ein "Film übers Filmemachen", doch "Five Obstructions" ist mehr als das, und man muss auch kein Filmfreak sein, um daran seine Freude zu haben. Diese Dokumentation handelt davon, dass von Trier dem von ihm als Vorbild verehrten Regisseur Jørgen Leth Aufgaben stellt. Die Ausgangssituation: Leth soll seinen in den Sechzigerjahren zum Kult gewordenen Kurzfilm "Der perfekte Mensch" noch einmal drehen, oder genauer: fünfmal. Jedesmal mit bestimmten Vorgaben. Es zeigt sich, dass Leth diese Einschränkungen und Hindernisse sehr gut für sich zu nutzen weiß, und das mit unerhörter Kreativität: einmal soll Leth in Kuba drehen, dabei darf keine Einstellung länger als eine halbe Sekunde dauern; ein andermal muss er einen trostlosen Ort auswählen und selbst die Hauptfigur mimen. Dann wiederum soll er aus seinem Film einen Cartoon machen. Das zu beobachten ist an und für sich schon interessant genug. Am schönsten sind aber die Begegnungen zwischen Leth und von Trier, deren Beziehung das eigentliche Drama ist: der sadistische Bewunderer von Trier möchte nämlich sein Vorbild demontieren, ihn auseinandernehmen und ' - man kann sich dieses Eindrucks nicht erwehren - vor den Augen eines großen Publikums vorführen. Am Ende gibt es eine Auflösung, die alle Erwartungen ins Leere laufen lässt, eine wunderbare Pointe und gleichsam der Höhepunkt dieser Reality Fiction oder wie immer man dieses Genre auch nennen mag, das von Trier und Leth da gemeinsam geschaffen haben. Ein klasse Film!


Der Kaiser von China: Roman
Der Kaiser von China: Roman
von Tilman Rammstedt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit dem alleinerzehenden Großvater in China, 17. März 2009
Ein brillanter Einfall: Da ist ein einarmiger, alleinerziehender Großvater, der sich mit seiner Aufgabe der Erziehung überfordert fühlt - besonders, da er sich vorgenommen hat, alle Enkel gleich zu behandeln. Also entschließt er sich eines Tages, einen von seinen Schützlingen zu bevorzugen, um nicht am Ende mit lauter Mittelmaß dazustehen. Dieser Auserwählte ist der Ich-Erzähler des Romans. Dessen Geschwister werden damit getröstet, es sei keinesfalls persönlich gemeint.
Kein Wunder also, dass dieser Großvater ist nicht besonders beliebt ist, nicht mal beim auswerwählten Enkel, der gar keine Lust verspürt, seine Freizeit mit dem Opa zu verbringen. Ihm wird von den Geschwistern aufgetragen, mit dem Großvater nach China zu reisen, ein Geschenk zu dessen Geburtstag, aber dazu hat der Enkel ganz und gar keine Lust. Also muss er sich etwas einfallen lassen.
Schöne Geschichte, wunderschön geschrieben, manchmal etwas dick aufgetragen, was allerdings beabsichtigt ist ... und zu sehr grotesken Situationen führt.


Zardoz
Zardoz
DVD ~ Sir Sean Connery
Wird angeboten von Eliware
Preis: EUR 24,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einen Extra-Stern für Sean Connerys Kostüm, 13. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Zardoz (DVD)
Atmosphärisch erinnert der Film an "Der Omega Mann", "Barbarella", "West World" und andere zivilisationskritische Science-Fiction-Streifen aus den Siebzigern, nur ist er ein wenig, sagen wir mal: kunstvoller. Genau das ist es, was ihn so einzigartig macht.
Schon der Anfang mutet bizarr an: Ein riesiger Steinkopf schwebt, als wärs ein abgehobener archaischer Tempel, durch Wolken und Himmel, dazu erklingt eine verfremdete Beethoven-Symphonie. Der Kopf dient einem gewissen Zardoz als Transportmittel zwischen den Welten. Genauer gesagt handelt es sich nur um eine Welt - nämlich um unsere. Doch in ferner Zukunft ist die Menschheit räumlich streng getrennt zwischen einer dumpfen, primitiven Mehrheit und einer kleinen elitären Schicht der Schönen, Klugen und Gebildeten, und der Austausch zwischen ihnen wird streng kontrolliert. Sean Connery gehört zu den Primitiven - seine entblößte behaarte Brust, eine archaische Neigung zur Aggressivität und die permanente Bereitschaft zum Balzen erinnern in jeder Szene daran. Es gelingt ihm eines Tages, mit Hilfe eines Tricks in den monströsen Steinkopf einzudringen und zu der kultivierten und androgyn anmutenden Welt des Establishments zu gelangen. Dort, in Vortex, ist man gleichermaßen fasziniert und abgestoßen von ihm. Sein Auftauchen konftrontiert die Bewohner der bislang abgeschotteten Idylle mit der verdrängten Wahrheit, dass der Lebensstil in sicherer Abgeschiedenheit mit dem Verrat an ihren Mitmenschen bezahlt wird.
Sehr sehenswert! Allein schon wegen dem Kostüm von Sean Connery ...


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