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Rezensionen verfasst von
Lux Aeterna
(VINE®-PRODUKTTESTER)   

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Cloud Atlas [Blu-ray]
Cloud Atlas [Blu-ray]
DVD ~ Tom Hanks
Preis: EUR 7,99

103 von 135 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?", 16. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Cloud Atlas [Blu-ray] (Blu-ray)
Grundgütiger, was für ein Film.
Und ja, um der ausdrücklichen Betonung willen gleich noch mal: Was. Für. Ein. Film!!

Aber alles der Reihe nach. Und erst einmal vorweg:
Da sich einzelne Anmerkungen, die mir bezüglich dieses Streifens wichtig erscheinen, direkt auf die Handlung bzw. deren dramaturgische Umsetzung beziehen, lassen sich vereinzelte SPOILER nicht gänzlich vermeiden. Ich werde jedoch selbstverständlich keinerlei essentielle Handlungsverläufe oder mögliche Twists vorwegnehmen. So sollten auch diejenigen, die bislang noch nicht die Möglichkeit hatten, "Cloud Atlas" zu sehen, ein wenig mehr über den Film erfahren können, ohne dass ihnen im Zuge dessen Spaß und Spanung verdorben werden.

Zudem bitte ich um Nachsicht dafür, dass die hiesige Rezension "etwas" umfangreicher ausfällt. Der Film präsentiert sich nach meinem Empfinden als dermaßen facettenreich, dass ich das Gefühl hätte, seiner vielgesichtigen Imposanz einfach nicht hinreichend gerecht zu werden, wenn ich mich nur auf ein paar knappe Infos beschränkte.

Zu guter letzt gilt natürlich auch diesmal, wie generell immer und für jede Rezension eines jeden Nutzers hier:
Ich breite hier allenfalls eine Einzelmeinung, nämlich eben meine ganz persönliche (und damit hochgradig subjektive) Einschätzung über den Film aus. Wer immer den Streifen gegenteilig bewerten möchte oder dies bereits getan hat - nur zu! Wenn man "Cloud Atlas" zugesteht, die ein oder andere sehr wahre Botschaft zu vermitteln, dann unter anderem sicherlich jene, dass es für uns alle von ungemeiner Bedeutung ist, den Lauf der Welt stets kritisch zu hinterfragen und Bestehendes nicht einfach unwidersprochen stehen zu lassen. Kurzum: Gegenläufige Meinungen, fundiert und nachvollziehbar dargelegt, erweitern die Perspektive und den Erkenntnishorizont.

Letzterer, der Erkenninshorizont, hat sich bei mir schon beim (aus lauter Begeisterung gleich wiederholten) Ansehen des Trailers zu "Cloud Atlas" gehörig verschoben. Über was für einen vielversprechenden cineastischen Appetizer ich da zufällig gestolpert war! Gleich mehrere Handlungsstränge wurden angedeutet, allesamt in unterschiedlichen Zeitepochen angesiedelt, und offenbar doch auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft ("Alles ist verbunden"). Der Text aus dem Off - tendenziell pathetisch, zugegeben, aber dennoch - oder gerade deswegen - eine wohlige Gänsehaut erzeugend:

"Unsere Leben gehören nicht uns.
Von der Wiege bis zur Bahre
sind wir mit anderen verbunden
in Vergangenheit und Gegenwart.

Und mit jedem Verbrechen
und jedem Akt der Güte
erschaffen wir unsere Zukunft."

Pfuhhh. Und WOW!
Und diese Bilder! Was für eine visuelle Opulenz! Diese einfühlsame, berührende Musik, herrlich schön! Und all das, man glaubte es kaum, sollte - *Irritation pur* - ein deutscher Film sein??

Wir Deutschen mögen zwar, das muss man einfach eingestehen, für alles Mögliche bekannt sein, nicht jedoch unbedingt für die Produktion ganz, ganz, ganz großen Kinos. Im Allgemeinen begnügen wir uns damit, uns von Herrn Schweiger keinohrhasig bekokowäähen zu lassen. Eine etwas verschrobene Eigenart? Geschenkt.
Wenn einem Streifen dann aber doch mal ein wenig internationale Aufmerksamkeit zukommt, dann entweder, weil es sich um fulminanten Herbig'schen Humor handelt, den die Welt noch immer nicht wirklich von unsereinem erwarten würde, oder weil wir uns schonungslos selbstkritisch und zugleich enorm sehenswert mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, idealerweise natürlich - das geht immer - unter Rückgriff auf Nazis im Allgemeinen oder Adolf Obernazi im Besonderen.

"Cloud Atlas" hingegen bricht mit dieser etwas eingerosteten Tradition auf solch eindrucksvolle Weise, dass ich mich, als es dann endlich soweit war, den Streifen erstmalig zu sehen, mehrfach bei einem Anflug von unterschwelligem Stolz ertappte: Krauts können Kino!
Die Kooperation von Regisseur Tom Tykwer mit den beiden "Matrix"-Veteranen Andrew und Lana Wachowski erweist sich - ja, man muss es so sagen - geradezu als Segen der Filmkunst, als eine sich offenkundig gegenseitig kreativ befeuernde Troika, ein schöpferisches Gespann, das dem Zuschauer ein grandioses visuelles und klangliches Feuerwerk darbietet, welches seinesgleichen sucht.

Doch worum geht es überhaupt?
Diese Frage ist bei dem hier rezensierten Film nicht wirklich leicht zu beantworten; annähern kann man sich einer möglichen Antwort wohl am ehesten mittels einer zunächst einmal rein formalen Beschreibung: "Cloud Atlas" präsentiert dem Zuschauer episodenhaft einzelne Schicksale von Personen, die innerhalb der Zeitspanne von 1849 bis 2346 in sechs gänzlich unterschiedlichen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten leben und sich während ihres Daseins jeweils auf die ein oder andere Weise mit bedeutsamen ethischen Prüfungen konfrontiert sehen.
Treibendes Motiv ist hierbei offenbar maßgeblich das menschliche "Streben nach mehr", die unstillbare Gier nach Ressourcen, nach Dominanz, nach Herrschaft über andere - sei es in Form der Macht von Gutsbesitzern über ihre Sklaven, in Form von skrupelloser Gewalt eines kriminellen Energie-Konsortiums gegenüber seinen Kritikern oder in Form der Allmacht einer künftigen Konzernokratie über Wohl und Wehe ihrer Arbeitsklone - denn

"stets wandern die Schwachen
den Starken in den Rachen"

- ein gnadenlos treffender Leitsatz, der keinesfalls nur metaphorisch zu verstehen ist, sondern in den futuristischen Episoden durch kannibalistische Elemente in seiner buchstäblichen Realisierung gipfelt.
Der strigente rote Faden ist, in diesem Zusammenhang naheliegend, das Auflehnen einzelner Charaktere gegen diese vermeintlich unumstößliche ewige Ordnung, ein Aufbegehren gegenüber anscheinend zwingend gültigen erbarmungslosen Normen. Auch dies wieder in vollkommen unterschiedlicher Art und Weise und auf vielfältigen Ebenen - im Kleinen etwa hinsichtlich sozialer Konventionen, bezüglich sexueller Präferenz, als Emanzipationsprozess vom musischen Mentor oder Widerstand gegen die despotische Belegschaft eines Seniorenheims; im ganz großen Umfang hingegen durch den Versuch eines gesamtgesellschaftlichen Umsturzes.

Dass derlei keinesfalls leicht verdaubare Kost ist, sondern enorm polarisieren kann, lässt sich wohl nicht zuletzt an den - bisweilen sehr bezeichnenden - Reaktionen auf den Film anschaulich ablesen:
In den USA beispielsweise hat man ihm seitens diverser Kritiker sowie in einschlägigen Rezensionen geifernd eine klar europäisch eingefärbte "liberal agenda" attestiert, weil er es unter anderem doch tatsächlich wagt, halb im Meer versunkene Städte anzudeuten und damit den Klimawandel in den Bereich des eventuell Möglichen zu rücken. Ja, dem Streifen wurde gar (und dies nicht etwa aus Russland) "gay propaganda" unterstellt, weil er die Unverfrorenheit besitzt, ein verliebtes Männerpaar zu zeigen - und selbst hierzulande, in unserer ach so aufgeklärten und toleranten Gesellschaft, musste ich bei den von mir besuchten Vorstellungen ernüchtert feststellen, dass es nach wie vor ganz offenbar nicht wenige erwachsene (!) Menschen gibt, die den Anblick eines Kusses zweier Männer auf der Leinwand mit lautstark gegrölten Ekelsbekundungen quittieren. Was tut man(n)cher Zuschauer nicht alles für die eigene Reputation in seiner Peergroup ganzer Kerle.

Es liegt auf der Hand, dass - nicht nur, aber auch - eine derart konfrontative Perspektive ihren Teil dazu beitragen dürfte, dem ein oder anderen Zuschauer einen aufgeschlossenen Zugang zu den mannigfaltigen inhaltlichen Ebenen von "Cloud Atlas" zu erschweren oder sogar vollends zu verbauen.
Dabei zeigt sich immer wieder, wie belebend gut es dem Film tut, dass seine Struktur gerade nicht der sehr strikten pyramidalen Gliederung der Buchvorlage von David Mitchell folgt, sondern dass die individuellen Handlungsstränge vielmehr parallel laufen und stellenweise ineinandergreifen - denn somit werden deren Gleichrangigkeit und enge Verwobenheit zusätzlich hervorgehoben. Zugleich jedoch führt dies, und das ist wiederum die Kehrseite dieser Medaille, zu einer dichteren Komplexität des Stoffes. Das macht "Cloud Atlas" zwar nicht gleich zu einem undurchdringlich-monströsen Buch mit sieben Siegeln, nimmt den Zuschauer aber schon etwas mehr in Anspruch als jene Filme es tun, von denen man sich gemeinhin einfach "berieseln" lässt. Hier ist der Rezipient schon kontinuierlich gefordert, das jeweilige Geschehen halbwegs aufmerksam zu verfolgen und mitzudenken, um sich angesichts häufiger Sprünge durch Zeiten, Orte und Handlungsstränge nicht in dem vermeintlichen Wirrwarr der Dramaturgie zu verheddern und auf diese Weise den kontextuellen Anschluss zu verlieren.

Auch greift es wohl zu kurz, wenn man der Versuchung erliegt, ausschließlich nach inhaltlichen Querverweisen zwischen den einzelnen Epochenhandlungen Ausschau zu halten. Natürlich gibt es zahlreiche - mitunter nur winzige, gut versteckte, flüchtige - Details, mittels derer ein Handlungsstrang auf einen anderen Bezug nimmt; dennoch erscheint es mir tückisch, sich dermaßen im Klein-Klein zu verlieren, weil das große Ganze, die all dies zusammenhaltende erzählerische Klammer, dann nur allzu rasch aus dem Blick gerät und man sich - wie einigen meiner Freunde und Bekannten bei zwei gemeinsamen Kinobesuchen widerfahren - am Ende nur noch fragend den Kopf kratzt, weil man letztlich nicht zu erschließen vermochte, was einem der Film möglicherweise sagen möchte.

Dennoch gibt es natürlich enorm viel zu entdecken, sowohl rein optisch als auch hinsichtlich diverser inhaltlicher Feinheiten. Selbst akustisch wagt sich der Film auf ungewöhnliches Terrain vor, indem die Degeneration der Menschheit in der Zukunft nicht nur optisch inszeniert wird, sondern auch sprachlich ihren Niederschlag findet, da die Kommunikation der Nachgeborenen mit nurmehr rudimentärer Grammatik und nachlässiger Artikulation im Auslaut der Worte vonstatten geht.

Ich habe mir "Cloud Atlas" bewusst ein zweites Mal angesehen, um mich sukzessive an die Fülle von Details heranzutasten, die dieses Werk bereit hält, und bin mir sicher, noch längst nicht alle Nuancen entdeckt zu haben. So wurde mir auch erst beim nochmaligen Kinobesuch vollumfänglich bewusst, wie frappierend die Parallelen zwischen dem Schicksal eines der Charaktere und der Passion Christi sind; die Stilisierung der entsprechenden Filmfigur zur messianischen Erlöserin wird an manchen Stellen ja sogar explizit betont, so etwa durch Verweise auf die Kreuzigung.

Nicht zuletzt die bemerkenswerte und faszinierende Entscheidung der Regisseure, den Schauspielern über die diversen Epochen verteilt gleich mehrere Rollen zuzuweisen, stellt die Experimentierfreude der drei künstlerischen Leiter unter Beweis - und betont zugleich die ewige Wirkungsmacht der oben erwähnten Motivik über die Jahrhunderte hinweg sowie die Verknüpfung der gezeigten Geschehnisse.
Dass hierbei gar die Schranken der Geschlechtlichkeit aufgehoben werden und die Darsteller bisweilen Figuren des jeweils anderen Geschlechts verkörpern, mag manchem Zuschauer als zu abgefahren aufstoßen, belegt meines Erachtens jedoch den Mut der Regisseure und das enorme Engagement der Schauspieler.
Und wenn man sich in diesem Kontext vor Augen führt, dass Co-Regisseurin Lana Wachowski noch vor wenigen Jahren Laurence hieß und biologisch ein Mann war, erhält diese Facette des Changierens zwischen den Geschlechterrollen noch einmal eine besondere Bedeutung, welche von dem Film - mit dessen leidenschaftlichem Plädoyer für die Standhaftigkeit gegenüber gesellschaftlichen Konventionen - in beinahe berührender Weise aufgegriffen wird.

Nun ja, zugegeben: Einige der Dialoge, die uns in dem Streifen begegnen, mögen leicht prätentiös und bisweilen esoterisch durchsetzt wirken - und ja, mit ein wenig Pedanterie könnte man sicherlich auch auf hohem Niveau jammern und - durchaus berechtigterweise - die ein oder andere logische bzw. stilistische Ungeschicklichkeit monieren (die aufdringliche Holzhammermethode, "das Böse" in einem der Erzählstränge als handelnde Figur zu personifizieren, erschien mir beispielsweise unnötig und fehl am Platze). Doch solcherlei marginale Mankos reichen meines Erachtens bei Weitem nicht aus, diesen in so vielerlei Hinsicht einmaligen Film pauschal abzuqualifizieren oder gar zu diskreditieren; er ergibt vielmehr noch immer ein in sich schlüssiges und mehr als überzeugendes Gesamtbild.

Mein persönliches Fazit also:
Ein aus meiner Sicht visuell, auditiv und narrativ mitreißendes, durch seine beeindruckende Detailverliebtheit und erzählerische Vielschichtigkeit fesselndes, inhaltlich tief- und ergreifendes, dadurch sowohl zum Lachen als auch gleichermaßen zum Weinen verleitendes, mit einem Bouquet eindrucksvoll inszenierter Szenen aufwartendes Epos. (Allein schon die Konfrontation Sonmis mit dem Archivar - WOW!! Vor allem gegen Ende fröstelte es mich, so brachial war die Wirkung dieses höchst intensiven und folgenreichen Zwiegesprächs.)

Ich kann und möchte "Cloud Atlas" somit all jenen InteressentInnen wärmstens empfehlen, die ungewohnten Perspektiven und experimentellen Erzählstilen gegenüber aufgeschlossen sind - um dann für drei Stunden in die vielgestaltige Welt eines cineastischen Meisterwerks einzutauchen, welches seinem Zuschauer so viel zu bieten hat, dass man die überbordende Fülle an Impressionen erst einmal ein paar Tage sacken lassen muss.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 27, 2013 7:33 PM CET


Herzensbrecher
Herzensbrecher
DVD ~ Monia Chokri
Preis: EUR 14,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Filmische Etude mit entsprechenden Schwächen, 14. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Herzensbrecher (DVD)
Hallo zusammen,

zunächst einmal der Hinweis: Meine Rezension wird einzelne Teile der Handlung vorwegnehmen, also sogenannte "SPOILER" enthalten. Wer sich dramaturgisch komplett überraschen lassen möchte, übt sich beim Lesen daher besser in ein wenig Zurückhaltung. ;-)

Zum Film selbst:
Ich habe "Les amours imaginaires" ("Herzensbrecher") als Geschenk erhalten; der Streifen war mir zuvor, ebenso wie Regisseur Xavier Dolan, vollends unbekannt. Ich habe den Film also - dies nur als Anmerkung bezüglich möglicher Erwartungshaltungen - absolut unvoreingenommen auf mich wirken lassen können.
Leider jedoch musste ich beim Anschauen zunehmend feststellen, dass der Streifen mich weitgehend kalt ließ, ja mehr noch: dass es mich stellenweise angestrengt hat, ihn überhaupt weiterzusehen.

Da ich auf Filme, die ihren Fokus auf zwischenmenschliche Verwerfungen aufgrund diverser Irrungen der Liebe legen, normalerweise gänzlich anders reagiere, war ich zunächst selbst ganz erstaunt über meine mangelnde Begeisterung und habe ein geraumes Weilchen gegrübelt, worin der Grund hierfür liegen könnte. Resultat meiner Erwägungen ist die Erkenntnis, dass "Les amours imaginaires" gleich mehrere unvorteilhafte Aspekte aufweist, deren problematisches Zusammenspiel viel von jener Tiefgründigkeit und jenem Zauber zunichte macht, welche diesem Genre bei handwerklich versierterer Umsetzung durchaus abzugewinnen sind.

Das beginnt schon bei dem Script, das Charaktere präsentiert, die uns nur schwerlich nahekommen können, weil sie über den Status diffuser Archetypen kaum hinauskommen:
Eine Sie, Mary - intelligent, nervös kettenrauchend, tendenziell neurotisch; ein Er, Francis - emotional labil, haltsuchend, nicht ganz so exzessiv rauchend; beide sind beste Freunde und verlieben sich in ein und dieselbe Person.
Besagter Dritter im Bunde, Nic, bleibt als Figur weitgehend auf seine überirdische Schönheit reduziert; ihm wird vom Drehbuch kaum mehr zugestanden als der Part des narzisstischen Genießers all der Anbiederungsversuche des buhlenden Freundespaars. Damit bleibt er dem Zuschauer charakterlich ebenso fremd wie die beiden Rivalen um seine Zuneigung, die ebenfalls ausschließlich über ihre Liebe zu Nic definiert werden; im teils etwas langatmig-zähen Verlauf der Handlung versuchen sie zunächst nur unterschwellig den jeweils anderen auszubooten und gehen dann gar zu Handgreiflichkeiten über, reflektieren das gesamte Geschehen am Ende jedoch - so wird in der letzten Szene angedeutet - nicht einmal ansatzweise, geschweige denn dass sie irgendetwas aus den emotional vorgeblich turbulenten Vorkommnissen lernen.

Natürlich gibt es bei alldem große Gefühle: Eifersucht, Missgunst, Wut, Traurigkeit, ja Tränen - das gesamte negative emotionale Spektrum erfolgloser Annäherungsversuche wird abgegrast. Es vermag den Zuschauer aber nicht wirklich zu berühren, zu erfassen, weil die Handelnden immer auf eindimensionale Stereotypen beschränkt und damit unnahbar bleiben. Und wenn Francis dann im Finale undefinierbar-guttural tierische Kreischlaute ausstößt und Mary stoisch-entrückt ins Leere blickt, möchte (und kann) man mit diesen beiden beim besten Willen nicht mehr mitfiebern, sondern ihnen lieber einen wirklich guten Therapeuten empfehlen.

Dass die Figuren des Films zudem ihr gesamtes Dasein nur auf einen periodischen Wechsel zwischen wahllosen One-Night-Stands und Hipster-Parties zu beschränken scheinen, zwischendurch Spontanurlaub auf dem Land machen oder sündhaft teure Klamotten kaufen, ohne zwecks Finanzierung irgendeiner erkennbar geregelten Arbeit nachzugehen - geschenkt. Ein solcher Streifen muss nicht durch konsistente Logik glänzen; zudem wird ja zumindest hinsichtlich Nic von dessen Mutter angedeutet, dass Papa immerhin die mondäne Wohnung zahlt. Aber muss es, bei allem wohlmeinend geflissentlichen Hinwegsehen über derlei Unzulänglichkeiten, denn unbedingt sein, dass die hartschalige Mary ausgerechnet darunter enorm leiden muss, aufgrund ihres furiosen Hepburn-Stylings angefeindet zu werden - und das inmitten lauter mega-hipper, ach-so-individueller und stilbewusster Bourgeois? Ist sowas noch in sich schlüssig und halbwegs plausibel?

Doch genug der Kritik am Script; auch auf anderen Ebenen vermag "Les amours imaginaires" bedauerlicherweise nicht ganz zu überzeugen.

So entwickeln sich die gestellten "Interview"-Sequenzen, die den Film insgesamt wohl in Handlungsabschnitte untergliedern sollen, mit dessen zunehmender Laufzeit mehr und mehr zu einem echten Ärgernis.
Der zunächst gewonnene Eindruck, es handele sich um Kommentare, die direkt auf das filmische Geschehen bezogen seien, entpuppt sich sehr rasch als Fehleinschätzung; auch die Hoffnung, man bekomme hierdurch schlaglichtartig weitere Handlungsstränge dargelegt, die gegen Ende des Streifens zusammengeführt würden, wird enttäuscht. Was bleibt, ist somit lediglich ein zusammenhangsloses Potpourri willkürlicher Äußerungen über sexuelle Orientierung im Allgemeinen und das Scheitern von Beziehungen im Speziellen - und dies noch mit dertart hyperaktiv ruppig heran- und wegzoomender Kamera gefilmt, dass ich mehr als einmal versucht war, diese leidigen Abschnitte kurzerhand vorzuspulen.

Überhaupt die visuelle Umsetzung:
Ich habe ernsthafte Hochachtung vor dem Empfindungsvermögen derjenigen Rezensenten hier, die den Film als ästhetisches Meisterwerk betrachten können. Mir selbst erschloss sich diese wohlwollende Perspektive beim Anschauen leider nicht. Der inflationäre Gebrauch von Zeitlupeneffekten ist in meinen Augen keinesfalls ein Nachweis hoher künstlerischer Güte, sondern vielmehr Ausdruck von Spieltrieb und Experimentierdrang seitens des Regisseurs. Xavier Dolan ist, wie auch im Film (in der Rolle des Francis) zu sehen, noch überaus jung, und es ist anzunehmen, dass er sich stilistisch noch ausprobiert; dementsprechend auch der von mir gewählte Titel für die hiesige Bewertung.

Auch an anderen Stellen wird meiner Meinung nach sehr anschaulich deutlich, dass es sich bei "Les amours imaginaires" in einem gewissen Sinne um eine filmhandwerkliche Übung handelt, in der ein junger Regisseur mit den technischen Möglichkeiten, welche ihm das Medium Film eröffnet, lustvoll experimentiert. Das ist für ihn als Lernenden ohne jeden Zweifel überaus lehrreich und auch absolut legitim - nur eben nicht zwangsläufig meisterhaft oder sehenswert. Etwa die Szenen der jeweiligen One-Night-Stands von Mary und Francis:
Man nehme zwei Darsteller, fixiere die Kamera in Nahaufnahme auf deren gegenseitige Berührungen, um die physische Nähe zu verstärken, lege eine Zeitlupe darüber, um die Intensität des Empfindens bar jeden Zeitgefühls zu betonen, unterlege all dies noch mit einem Cello-Solo von Bach - und fertig ist die Intimität aus der cineastischen Retorte. Da Dolan bemüht scheint, avantgardistisch zu sein, verfremdet er diese Szenen noch mit verschiedenen Farbfiltern; das war's dann aber auch schon mit seiner Vorstellung von Ästhetik.

Der Soundtrack lässt ebenfalls etliche Wünsche offen, da er vor allem zwei musikalische Motive hervorhebt, welche sich ohne jede Variation ständig zu wiederholen scheinen, nämlich eine italienische Version von "Bang! Bang!" und ebenjene zuvor erwähnte Bach-Suite (die ich bis dato immer ausgesprochen gerne gehört habe, die mir der Film mit seiner notorisch romantisierenden Verwendung aber ärgerlicherweise gehörig verleidet hat).

Klingt alles sehr negativ?
Mag sein, aber so ist er nun mal leider ausgefallen, mein - natürlich rein subjektiver - Eindruck. Immerhin aber, dies sollte hier sicherlich nicht unerwähnt bleiben, gleicht die durchaus respektable schauspielerische Leistung der Darsteller einige der handwerklichen Schwächen aus; insbesondere Monia Chokri kann beeindruckend ausdrucksstark die latent depressive Neurotikerin geben. Und Dolans Potential lässt hoffen, denn nicht zuletzt an seinem geschickten Spiel mit ausdrucksstarken Blicken und anderen noverbalen Ausdrucksmitteln scheint sich ein nicht unerhebliches Gespür für Details ablesen zu lassen.

Und wohlgemerkt:
Dass ein junger Regisseur sein Handwerk nur während seiner Arbeit vernünftig und nachhaltig lernen kann, liegt auf der Hand; dass der hier rezensierte Streifen aufgrunddessen deutliche Charakteristika des Findungsprozesses eines aufstrebenden Nachwuchsregisseurs aufweist, ist nicht generell ein Manko; man ist in Kenntnis dieser Voraussetzungen mitunter sogar zu etwas mehr Nachsicht bereit.
Doch reicht dieses verständnisvolle Wohlwollen eben nicht aus, um den Film insgesamt als wirklich sehenswertes Meisterwerk klassifizieren zu können, denn unterm Strich bleibt das Resultat speziell dieser Etude - zumindest in meinen Augen - eben doch allenfalls durchschnittlich.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 16, 2013 1:01 PM CET


Moulin Rouge [Special Edition] [2 DVDs]
Moulin Rouge [Special Edition] [2 DVDs]
DVD ~ Kylie Minogue

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ein formidables, opulentes und monströses, glamouröses, gigantisches Verwirrspiel - ein Hochgenuss der Sinnenfreuden!", 1. Mai 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moulin Rouge [Special Edition] [2 DVDs] (DVD)
Ja, mit den obigen Worten hat Harold Zidler, der exaltierte Betreiber des Nachtclubs "Moulin Rouge", den Nagel auf den Kopf getroffen - gerade auch, was diesen Film selbst angeht.
Wenn man mich fragte, welchem Genre man den Streifen zuordnen könne, müsste ich schlichtweg passen - denn dieses opulente Opus scheint sich geradezu leidenschaftlich mit Händen und Füßen gegen jede plumpe Kategorisierung zu stemmen und vereint stattdessen munter Elemente aller möglichen Sparten zu einem fulminanten Feuerwerk filmischer Fantasterei.

Das liest sich sicherlich reichlich nebulös und abstrakt, zugegeben.
Aber genau hierin liegt der bezeichnende Dreh- und Angelpunkt dieser furiosen Produktion: Man kann sie gar nicht richtig greifen, nur unzureichend beschreiben, weil sie etwas so vollkommen Anderes ist als alles, womit man sie zumindest ansatzweise in Verbindung bringen könnte.

Doch eins nach dem anderen.
"Moulin Rouge" erzählt eine eigentlich mehr als abgegriffene, altbekannte Geschichte: Er liebt sie, sie liebt auch ihn. Im Prinzip also alles prima, denn

"The greatest thing
You'll ever learn
Is just to love
And be loved in return."

Aber da gibt es eben noch diesen widerwärtig-miesen - und leider ziemlich mächtigen - Dritten im Bunde...

So weit, so seicht. Scheinbar.
Es ist jedoch weniger dieses vermeintlich angestaubte Strickmuster, welches die Faszination des Streifens maßgeblich prägt; es geht nicht vorrangig um das WAS, das erzählt wird, sondern um das WIE. Dieser äußerst clevere Kniff, der sich später auch bei anderen Großproduktionen als ausgesprochen erfolgreich erweisen sollte (man denke nur an Camerons "Avatar", der eine im Grunde triviale Pocahontas-Story in ein visuell unvergleichliches Meisterwerk verwandelt), wird bereits hier zur Perfektion getrieben: So etwas wie "Moulin Rouge" hat man zuvor wohl noch nicht gesehen.

Schon der Einstieg, gebildet aus den ersten gut fünfzehn bis zwanzig Minuten, ist bisweilen ein kaskadenartiger Superwirbel, ein beinahe schon hyperaktiv überdrehtes Potpourri extravaganter Einfälle, greller Farben und berauschender Musik, gepaart mit mitreißenden Massen-Tanzeinlagen und durchsetzt von schier unzähligen textuellen Querverweisen der neueren Musikgeschichte (Bedauerlicherweise gehen etliche dieser Zitate in der - teils unbeholfen wirkenden - deutschen Synchronisation verloren, sodass ich die englischsprachige Originalversion an dieser Stelle jedem geneigten Zuschauer wärmstens ans Herz legen möchte).

Die Dramaturgie des Streifens kommt dann zwar zunächst ein wenig zur Ruhe, gönnt dem Rezpienten also eine Verschnaufpause, ohne sich selbst jedoch untreu zu werden; es bleibt bei immer neuen Ideen für ein cineastisches Füllhorn an Fantasie, das sich selbst ganz ausdrücklich nicht allzu ernst nimmt: Die Protagonisten steigen zu den Wolken hinauf, wandeln im Liebesduett über dem nächtlichen Paris, schwingen sich um den miniaturisierten Eiffelturm, wozu sie der schnurrbärtige Vollmond mit der Stimme Placido Domingos gesanglich begleitet. Ein Innbegriff von Kitsch, ganz klar - dem es in seiner exzessiven Übertreibung jedoch faszinierend souverän gelingt, sich über sich selbst lustig zu machen.

Auch das teils anarchische Chaos, das dem Zuschauer immer wieder vielgestaltig dargeboten wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie professionell der Streifen verwirklicht wurde; zwar gewinnt man nicht selten den Eindruck, die Darsteller hätten einfach ohne engere Regievorgaben ihrem infantilen Spieltrieb gefrönt (die Präsentation von "Spektakulär Spektakulär" für den Duke im Elefanten ist hier ein vortreffliches Beispiel), doch sind bei näherem Hinsehen selbst die absurdest wirkenden Szenen als zwar nicht übermäßig anspruchsvolle, jedoch nichtsdestoweniger strikt durchchoreografierte Arrangements zu erkennen. Umso größer das Verdienst des Films, ebendiese Professionalität vollends vergessen zu machen und den Zuschauer stets aufs Neue mit einem aberwitzigen, teils zotig-humorigen Rausch vielfältigster Impressionen zu verblüffen:
Die grandiose Revue, mit der Zidler sein Etablissement um den Aspekt des Theaters erweitern will und als deren glanzvolle Hauptdarstellerin die Kurtisane Satine endgültig zum Star avancieren soll, wird ein farbenprächtiges Opus Magnum, angesiedelt in der "exotischen Schweiz" (wir alle wissen also: Indien), dementsprechend angereichert mit "tantrischem Cancan" und fokussiert auf die unglückliche Liebe eines - natürlich - tangotanzenden (!), mittellosen Sitarspielers, dessen Musikinstrument selbstverständlich sprechen kann und immer wie Wahrheit sagt, woraus sich ein bombastisch inszeniertes Sing- und Verwirrspiel entspinnt...

Es ist wenig verwunderlich, dass eine derart unkonventionell komponierte Produktion wie "Moulin Rouge" ihr Publikum in zwei diametrale Lager spaltet, bestehend aus emphatischen Anhängern einer- und fassungslos Ernüchterten andererseits. Baz Luhrmann hat ein stark polarisierendes Werk geschaffen, dessen absolut außergewöhnlicher Gestaltung beileibe nicht jeder Zuschauer etwas abgewinnen kann.
Ich für meinen Teil bin dem Film - wie wohl unschwer zu erahnen - mit Haut und Haar verfallen, und auch wenn ich ihm nur zu gerne und aus voller Überzeugung das Sterne-Maximum zugestehe, kann ich durchaus nachvollziehen, dass nicht jeder Rezipient diese euphorische Meinung teilen kann. Wer hierbei einen Liebesfilm eher klassischen Zuschnitts erwartet, wird schon binnen weniger Minuten wohl ähnlich desillusioniert und enttäuscht sein wie jemand, der primär einen Musicalfilm sehen will, denn selbst diesem Sujet will sich der Streifen mit all seinen liebenswerten Verschrobenheiten nicht einfach brav unterordnen.

Wem es allerdings gelingt, sich möglichst unvoreingenommen - und aufgeschlossen für filmisches Neuland - auf dieses ungewöhnliche Werk einzulassen, für den stehen die Chancen nicht schlecht, zwei erstaunlich kurzweilige Stunden bester Unterhaltung zwischen Hören und Sehen sowie Lachen und Weinen verbringen zu können.

Den Versuch wäre "Moulin Rouge" jedenfalls meines Erachtens mehr als wert.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 27, 2013 1:44 PM CET


Sophie Scholl - Die letzten Tage (Special Edition, 2 DVDs) [Deluxe Edition]
Sophie Scholl - Die letzten Tage (Special Edition, 2 DVDs) [Deluxe Edition]
DVD ~ Julia Jentsch
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 27,86

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Bald schon werden Sie hier stehen, wo wir jetzt stehen.", 3. Februar 2011
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Um es gleich vorweg zu nehmen: "Sophie Scholl - Die letzten Tage" ist ein filmisches Ereignis, das seinen Zuschauer kaum ungerührt lassen kann.

Große Worte, zugegeben - doch meines Erachtens nicht zu hoch gegriffen. Warum?

Dieser Streifen ist, nicht zuletzt aufgrund der behandelten Thematik, weit mehr als ein Unterhaltungsfilm.
Schon allein die Tatsache, dass weite Teile der in ihm enthaltenen Dialogsequenzen auf den originalen Verhörprotokollen der Staatspolizei beruhen, verleiht ihm ein ungewöhnlich hohes Maß an zeitgeschichtlicher Relevanz und Authentizität. Man sieht also nicht einfach ein fiktives Drama, sondern verfolgt vielmehr unter zunehmender Erschütterung die - mindestens halb-dokumentarische - Chronologie der Ereignisse rund um die gewaltsame Zerschlagung der Widerstandsbewegung "Weiße Rose".

Hierbei liegt, der Titel des Films legt es nahe, ein besonderes Augenmerk auf der Person Sophie Scholls:

Der Zuschauer nimmt Anteil an ihrem Versuch, gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Flugblätter in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zu verteilen, um in scharfen Worten gegen die ausufernde Barbarei des NS-Regimes zu protestieren; man wird Zeuge ihrer Verhaftung und der mit eiskalter Präzision geführten Ermittlungen seitens der GeStaPo, kulminierend in den tagelangen Verhören der jungen Frau durch den zunehmend aggressiv auftretenden Kriminalobersekretär Robert Mohr - bis hin zu der himmelschreienden Farce des (unter dem Vorsitz des berüchtigten Richters Roland Freisler geführten) Schauprozesses, in dessen Verlauf die Angeklagten wegen "landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt und daraufhin - selbst nach nationalsozialistischen Maßstäben völlig übereilt - noch am selben Tage ermordet werden.

Diese eng ineinander greifenden, sich bisweilen beinahe überstürzenden Ereignisse erfahren in dem Film eine solch eindringliche Darstellung, dass die Gesamtheit der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" sukzessive in den Hintergrund tritt, was jedoch - entgegen der Kritik mancher hiesiger Negativrezensionen - absolut vertretbar erscheint, da der Streifen seine Emphase, wie obig erwähnt, gerade auf das tragische Finale der Geschehnisse legt und eben keine breit angelegte Allgemeindarstellung des studentischen Widerstands bieten möchte.

Das Kernstück des Films bildet denn auch der protokollarisch verbürgte Verlauf der Verhöre Sophie Scholls durch Mohr - Szenen, die hier von manchen Rezensenten erstaunlicherweise als "langweilig" oder "zäh" kritisiert wurden, die jedoch bei näherer Betrachtung alles andere als handlungsarm und dröge sind.
Im Gegenteil: Sophies anfängliches Leugnen jedweden Widerstands, ja ihr Trotz, ihre Dreistigkeit und Frechheit gegenüber dem von Mohr repräsentierten Unrechtsstaat, ihre allmähliche Wandlung hin zur furchtlosen, wortgewandten Kämpferin sowohl gegen den blanken Hohn der sogenannten "Rechtssprechung" durch das Regime im Speziellen als auch gegen dessen Menschen- und Weltbild im Allgemeinen - dies erfährt hier eine solch aufwühlende, glaubwürdige, brillante Darstellung, dass man sich der zutiefst erschütternden Wirkung des Gezeigten nur schwerlich entziehen kann.

Dabei ist besonders hervorzuheben, wie vielschichtig auch der NS-Kriminalist portraitiert wird, der Sophie letztlich dem sicheren Tod überantwortete:
Mohr tritt nicht etwa als durch und durch diabolischer Gegner auf, der es von Anfang an auf das Verderben der jungen Frau abgesehen hätte - sondern kann sich stattdessen der Faszination ihrer Rhetorik ebenso wenig entziehen wie ihrer Standhaftigkeit und ihrer Courage, die sie sich selbst unter unmissverständlicher Todesdrohung bewahrt.
Mohr windet sich regelrecht, zeigt sich hin- und hergerissen zwischen seinen tief verinnerlichten nationalsozialistischen Überzeugungen einerseits und vorsichtigen Sympathien für Sophies Mut andererseits; argumentativ hoffnungslos unterlegen und dennoch voller Machtfülle über ihr Wohl und Wehe, laviert er herum, schreit, tobt, ätzt und attackiert, kämpft mit ihr und mit sich selbst, lauert, lockt sie, versucht ihr gar Wege aufzuzeigen, um lebend davonkommen zu können - und verkennt dabei, dass er sie damit doch nur zum Verrat an ihrem Bruder, ihren Freunden und Gesinnungsgenossen, ja an der ganzen Idee der "Weißen Rose" überreden würde.

Kurzum: Es sind gerade diese Vernehmungs-Sequenzen, die eine enorm fesselnde dramaturgische Kraft entfalten, weil hier - gleich einem furiosen Kammerspiel - zwei einander diametral gegenüberstehende Grundüberzeugungen, ja zwei Welten, auf engstem Erzählraum mit voller Wucht aufeinander prallen - und es macht sprachlos, wie souverän Sophie Scholl dem Unabwendbaren entgegensieht.
Dabei wird sie jedoch keinesfalls zu einem makellosen Übermenschen glorifiziert; vielmehr wird der Zuschauer auch Zeuge jener Augenblicke, in denen sie (ver-)zweifelt, in denen Angst und Verunsicherung allzu mächtig werden, in denen sie sehr wohl massiv mit ihrem Schicksal hadert und unter der quälenden Situation zusammenzubrechen droht. Julia Jentsch verkörpert all dieses Leiden, das sich nach außen nur mit größter Mühe stoisch gibt, mit geradezu atemberaubender Bravour.

Warum dann trotz all dieses Lobes "nur" vier Sterne statt der vollen fünf?
Ich habe lange mit mir gerungen, mich dann aber letztlich nicht zur Maximalpunktzahl durchringen können - denn so grandios Jentsch und Alexander Held (Mohr) den Film auch tragen - und als Protagonistin und Antagonist verständlicherweise dominieren -, so blass bleiben manch andere Charaktere. Dies liegt teilweise an der - in Einzelfällen allzu eindimensionalen - Figurengestaltung seitens des Drehbuchs, bisweilen jedoch auch an meines Erachtens unzureichenden schaupielerischen Leistungen einiger Nebendarsteller, die sich über stereotype Interpretationen ihrer Rollen kaum hinauswagen.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt "Sophie Scholl - Die letzten Tage" in meinen Augen ein herausragendes, überaus ergreifendes und angesichts der historischen Bezüge nachhaltig erschütterndes Werk, dem man wohl ohne Abstriche das Prädikat "besonders wertvoll" zuschreiben kann.


Elizabeth & Elizabeth - Das goldene Königreich (2 DVDs) [Limited Edition]
Elizabeth & Elizabeth - Das goldene Königreich (2 DVDs) [Limited Edition]
DVD ~ Cate Blanchett

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Ich trage einen Sturm in mir...", 16. Oktober 2010
Gleich zu Beginn:
Die beiden in dieser Edition enthaltenen Filme, "Elizabeth" und dessen Fortsetzung "Elizabeth - Das Goldene Königreich", gehören zu jenen Werken, an denen sich bisweilen die Geister scheiden. Das liegt zweifelsohne an der stilistischen Eigenwilligkeit, mit der Regisseur Shekhar Kapur sie inszeniert hat.

Denn er wählt einen gänzlich anderen Ansatz als etwa Hooper für dessen Zweiteiler "Elizabeth I (2 DVD Special Edition)" mit Helen Mirren; Letzterer nämlich favorisiert deutlich eine Dramaturgie, welche selbst bei "großen Szenen", etwa mit Volk oder Heer, den Eindruck relativer visueller Nüchternheit vermittelt und so die Aufmerksamkeit des Rezipienten nachdrücklich auf die Interaktion zwischen den einzelnen beteiligten Figuren fokussieren soll. Damit lehnt sich Hoopers Inszenierung streckenweise erstaunlich stark an Motive eines Kammerspiels an.
Kapur hingegen schlägt einen hierzu diametral entgegengesetzten Weg ein; seine beiden hiesigen Filme sind detailliert komponierte, reichlich opulente, durch und durch prachtvoll-bombastische, optisch und filmmusikalisch schlicht überwältigende "Kostümopern".

Dieser Begriff ist von einigen Kritikern betont geringschätzig verwendet worden, und tatsächlich: Es ist nur allzu gut nachzuvollziehen, dass vereinzelte Puristen und faktenbegeisterte Historienfans das kalte Grausen packt, wenn sie sich mit Kapurs "Elizabeth"-Werken konfrontiert sehen. Denn hier ist alles übergroß, immens, gewaltig - beginnend bei den Kulissen, einem regelrechten Potpourri prunkvoll verzierter Säle, feierlich geschmückter Kathedralen und erlesen gestalteter Gemächer; fortgeführt durch Kostüme, deren schier berauschende Vielfalt und Opulenz jede scheinbar noch so nachrangige Szene zu einer echten Augenweide werden lassen; bestärkt noch durch eine mitunter kühne Kameraführung und -positionierung, welche dem Zuschauer die Möglichkeit bietet, das Geschehen aus buchstäblich ungewöhnlichen Perspektiven zu verfolgen; nicht zuletzt eindrucksvoll und bewegend untermalt durch einen zwischen Sanftheit und Bombast schwankenden Soundtrack, der gerade den Höhepunkten der Handlung eine enorm ergreifende Wucht verleiht.

All dies kann kritisieren, wem der Sinn weniger nach schwelgerischer äußerer Aufbereitung, sondern eher nach einer Filmbiographie steht, die sich vor allem anderen möglichst eng an historisch verbürgten Tatsachen orientiert.
Doch dies möchten die hier vorliegenden Produktionen von Kapur - dieser Eindruck drängt sich förmlich auf - gar nicht sein; es geht ihm nicht um stur faktentreue, womöglich gar triste Dokumentation. Er möchte keine Geschichtsstunde liefern, die jedem universitären Historikerseminar zur Ehre gereichen würde. Seine Zielsetzung ist es wohl vielmehr, ganz große Gefühle zu vermitteln und diese dann gemäß seinem Empfinden in einen adäquaten optisch-akustischen Zusammenhang einzubetten. Aus diesem Grunde nutzt er die geschichtlichen Gegebenheiten der Elisabethanischen Ära allenfalls als grobes Rahmengerüst, als Projektionsfolie, auf der er sein eigentlich anvisiertes Werk erschafft, indem er ein wahrhaft pompöses, einer solch großartigen Königin mehr als angemessenes, bildgewaltiges Feuerwerk entfacht und Elizabeth damit ein in seinen Augen würdiges, bewunderndes Denkmal setzt.

Insofern erscheint es mir denn auch problematisch, Kapurs "Elizabeth"-Filme stets aufs Neue Punkt für Punkt mit jenen oben genannten Inszenierungen von Hooper zu vergleichen, denn beide künstlerischen Ansätze liegen hierfür eben schlichtweg zu weit auseinander.
Auch der - immer wieder aus verschiedenen Richtungen anklingende - Vorwurf, die in der hiesigen Edition enthaltenen Filme seien nur deshalb ganz bewusst derart optisch überladen, um inhaltliche Defizite zu kaschieren und von diesen abzulenken, lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht halten: Sowohl die Handlungsstruktur im Allgemeinen als auch die einzelnen Dialoge im Speziellen präsentieren sich vielmehr durchweg solide, zum Teil sogar von fesselnder Wortgewalt gezeichnet. Ebenso die schauspielerische Leistung: Allen voran glänzt Cate Blanchetts meisterhafte Verkörperung der Monarchin; die enorme zielstrebige Energie und die von massiven inneren Kämpfen gezeichnete Leidenschaft, welche die Darstellerin ihrer Rolle mit solch hinreißender Bravour zu verleihen vermag, überstrahlen die anderen Figuren bei Weitem.

Kapur und Blanchett belassen es jedoch nicht bei einer solch eindimensionalen Präsentation Elizabeths, die aus der großen Fürstin letzten Endes ja nichts weiter machen würde als eine charakterlich walkürenhafte Wuchtbrumme; stattdessen gestehen Regisseur und Schauspielerin der Königin eine betont menschliche - und damit eben auch von Unzulänglichkeiten belastete, verletzliche - zweite Seite zu. Kapurs Elizabeth ist demnach eine sehr starke Frau mit nur allzu verständlichen Schwächen; im Grunde genommen eine ausgesprochen realistische und durchaus sympathische Darstellung mit bemerkenswertem Identifikationspotential.
Hooper hingegen überdreht die menschliche Facette in seiner eigenen Inszenierung so weit, dass seine Monarchin zu einer von Begierden getriebenen, fehlbaren, cholerischen, wankelmütigen, insgesamt durch und durch schwachen Frau mit wenigen Stärken verkommt. Doch wird ein solches Rollenverständnis noch der eminenten Bedeutung einer Herrscherin gerecht, die ihr einst so beschaulich kleines, unbedeutendes, vergleichsweise armes England zu einem Weltimperium erhoben hat? Aber nun gut, ich möchte eventuelle Vergleiche ja meiden... ;-)

Warum nun trotz so vielen Lobes für Kapurs Opus keine vollen fünf Sterne?
Ich schrecke ein wenig davor zurück, Filme pauschal zum unerreicht Allerbesten zu erklären. Zudem empfand ich einzelne Rollen, etwa die der Männer an Elizabeths Seite (Dudley im ersten Teil und Raleigh im zweiten) als ein wenig zu seicht und stereotyp angelegt. Dies mag zwar der dramaturgischen Erwägung geschuldet sein, die überragende Position der Rolle Elizabeths nicht gefährden zu wollen, doch hege ich nicht den geringsten Zweifel daran, dass eine derart brillierende Blanchett es auch mit ein wenig vielschichtiger angelegten Parts an ihrer Seite hätte aufnehmen können.

Was bleibt unterm Strich?

Beide Filme, die in der hiesigen Sonderedition enthalten sind, also sowohl "Elizabeth" als auch dessen Sequel "Elizabeth - Das Goldene Königreich", sind all denjenigen Interessierten uneingeschränkt zu empfehlen, die ein Faible für optisch und akustisch imposante Inszenierungen voller Leid und Leidenschaft haben, ohne sich dabei an eventuellen historischen Ungenauigkeiten aufzureiben.
Mein Tipp: Wer es sich zutraut, der sollte die Filme im - sehr gut verständlichen, weil kontextbedingt in glasklarem 'British Accent' gesprochenen - englischen Original schauen. Zwar ist die deutsche Synchronisation durchaus respektabel, doch Blanchetts eigene verbale Interpretation der Rolle der Königin ist geradezu atemberaubend.


ANNO 1404
ANNO 1404
Wird angeboten von skgames
Preis: EUR 14,49

4.0 von 5 Sternen Worauf warten? Segel setzen! :-), 5. Juli 2009
= Spaßfaktor:5.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: ANNO 1404 (Computerspiel)
Ich muss es wirklich so euphorisch formulieren:
UbiSoft hat mit "Anno 1404" nicht nur eine mehr als würdige Fortsetzung dieser renommierten Spielreihe produziert, sondern in diesem Genre einen - in vielfältiger Hinsicht beeindruckenden - absoluten Meilenstein setzen können.

Ja, das mag ein wenig zu enthusiastisch klingen, aber Fakt ist nun mal: Ich besitze das Game jetzt schon seit seiner Veröffentlichung im Sommer 2009 (also bereits seit mehr als anderthalb Jahren*), und noch immer bin ich hellauf begeistert davon. Ich habe eine eindeutige Schwäche für Aufbau-Strategiespiele; es bereitet mir einfach irrsinnigen Spaß, Siedlungen zu errichten und sie auszugestalten; zuzusehen, wie die Bevölkerungszahl anwächst, wie anfängliche Hütten zu passablen Wohnhäusern ausgebaut werden und allmählich zu prächtigen Residenzen heranwachsen; wie Produktionsstätten ihren Betrieb aufnehmen und alles gedeiht und floriert; wie erste Beziehungen zu anderen Völkern geknüpft und entsprechende Handelsrouten etabliert werden; wie man mit steigendem kulturellen und wirtschaftlichen Status auch geopolitisch an Einfluss gewinnt und ganz allmählich den eigenen Wirkungs- und Machtbereich erweitert.

Kurzum: Für jemanden, der solchen Faktoren etwas abgewinnen kann, ist die "Anno"-Reihe wie geschaffen, und dem hiesigen vierten Teil "1404" gelingt es nicht nur, all die obig beschriebenen Interessen zu befriedigen, sondern sie gar noch (see-)meilenweit zu übertreffen.

Das Spiel ist mit solch faszinierender Liebe zum Detail kreiert worden, dass es andere Produktionen dieser Kategorie, die zumindest von Ansatz und Prinzip her als halbwegs vergleichbar gelten könnten, geradezu jämmerlich alt und eintönig aussehen lässt. Das geht schon los bei scheinbaren Nebensächlichkeiten, etwa dann, wenn sich nach längerer Zeit intensiven Spielens eine Stimme zu Wort meldet: "Meine Güte, schon vier Stunden rum! Wie wär's mit einer Tasse Kaffee?"

Ganz zu schweigen von der visuellen Pracht, die das Game entfaltet: Dieses "Anno" wartet mit einer geradezu atemberaubend schön gestalteten, farbenprächtigen, rundum imposanten Welt auf, in der es nur so wimmelt vor lauter liebevoll aufeinander abgeglichenen Einzelheiten - angefangen bei den zahllosen Tier- und Pflanzenarten, welche auf den verschiedenen Inseln beheimatet sind, weitergehend bei den fremden Einzelcharakteren und Völkern in ihren individuell gestalteten Ansiedelungen und Heimathäfen, bis hin zu den Einwohnern der Städte des Spielers selbst - alles wuselt, eilt, schlendert, dass es schon allein eine wahre Freude ist, das bunte Treiben einfach nur auf sich wirken zu lassen und in diesem quirligen Mikrokosmos zu versinken.

Und es bleibt nicht bei derlei optischen Vorzügen; auch strukturell entfaltet "Anno 1404" eine ganz neue Dimension der bereits bekannten Stärken dieser Reihe: Das Game ist derart vielschichtig angelegt, dass sich auch inhaltlich stets Neues entdecken und erfahren lässt. Die Produktionsstätten greifen vortrefflich ineinander, sind in sich schlüssig konzipiert und bereichern den Spielverlauf enorm, da sie den Siedlungsausbau durch die Herstellung benötigter Baustoffe und Nahrungsmittel sowie weiterer Bedarfswaren und Luxusgüter glaubwürdig unterstützen.

Die sich hieraus ergebende beträchtliche Vielfalt an Bau- und Verwertungsmöglichkeiten mag auf den ersten Blick abschrecken, doch brauchen auch unerfahrene "Anno"-Interessierte keine Sorge vor etwaiger Unübersichtlichkeit zu haben; die im Spiel enthaltenen Szenarien führen sehr ausführlich und gut nachvollziehbar an all die Optionen heran, die dem Spieler zur Verfügung stehen. Dies geschieht nicht etwa reduziert auf plumpe Anleitungen à la "Hier klicken, dann passiert x", sondern mittels aufeinander aufbauender Aufgaben, deren Lösungswege Schritt für Schritt den Einblick in die jeweiligen Funktionen erweitern.
Man "erspielt" sich also ganz allmählich die Bedienung, die größeren Zusammenhänge und Wirkungsweisen des Games, wobei diese vorteilhafte - weil sehr anschauliche - Konzeption dann noch durch die Tatsache ergänzt wird, dass die spielimmanenten Menüs und Funktionen ohne Weiteres intuitiv bedien- und nutzbar sind. Man findet sich also recht bald ein und kommt zumeist ohne jegliche zusätzliche Hilfe problemlos klar.

"Anno 1404" nimmt sich, das wird hierdurch ebenfalls deutlich, außerordentlich viel Zeit; der Spielablauf ist ausgesprochen gemächlich angelegt. Das trägt - gemeinsam mit dem Belohnungssystem unzähliger Verdienste und Errungenschaften, die erst mit der Zeit gewonnen werden können - gewaltig zu einer beachtlichen Langzeitmotivierung bei, bedeutet jedoch natürlich im Umkehrschluss, dass ein jeder Gamer, der vor allem anderen schnelle Erfolge anstrebt, von einer derartigen Spielstruktur hoffnungslos enttäuscht sein wird. Es dauert schließlich viele Stunden, bis eine mittelgroße Stadt hinreichend mit allem versorgt ist, was ihre Einwohner benötigen; für das Erreichen der höchsten Zivilisationsstufe und die Errichtung pompöser Monumente (wie Kaiserdom und Sultansmoschee) gehen durchaus schon mal einige Wochen Spielzeit ins Land.

Doch genau dies macht eben den besonderen Reiz von "Anno" aus: In Ruhe auf- und ausbauen, konsolidieren, gemächlich wachsen, alles im Blick haben, Abläufe durchschauen und diese dann wohlüberlegt und zielgerichtet organisieren - und im Zuge dessen nach und nach eine rundum begeisternde Spielwelt erschließen.
Das erfordert einerseits ein nicht unerhebliches Maß an Geduld und andererseits auch eine gewisse Frustrationstoleranz, denn auf dem Weg zum fein austarierten Stadt- und Handelswesen lauert schon das ein oder andere - vorübergehende - Scheitern, etwa wenn das Geld oder ein dringend benötigter Rohstoff knapp wird. Dennoch sind dies beileibe keine unüberwindbaren Barrieren; je länger man sich mit dem Spiel auseinandersetzt, desto sicherer und souveräner wird man im nachhaltigen Aufbau.

Nun, das war insgesamt wohl sehr viel des Lobes.

Trotzdem kann ich diesem - im Grunde genommen ja phantastischen - Game nicht die volle Anzahl an Sternen zugestehen. Das hat zwei wesentliche Gründe, nämlich zum einen die wirklich scheußlich kundenunfreundliche Vorgehensweise im Hinblick auf die unsäglich miesen Kopierschutz- und Lizenzvergabe-Maßnahmen des Spiels, die zwischenzeitig mittels Patch aufgehoben und dann dreisterweise durch die Hintertüre des Add-Ons wieder eingeführt wurden, und zum anderen die desolate Situation mit dem Multiplayer-Modus, dessen Speicherfehler oftmals gerade nach sehr langen Partien den gesamten Spielinhalt zunichte gemacht hat. Letzterer Bug scheint mittlerweile zwar durch einen entsprechenden Patch ausgebügelt worden zu sein, doch spricht die offenkundige Nachlässigkeit, mit welcher der Multiplayer-Modus unausgereift veröffentlicht wurde, dem ansonsten grandiosen Projekt regelrecht Hohn.

Da derlei ärgerliche Faktoren auch essentielle Mitbestandteile von "Anno 1404" und damit für potentielle Käufer durchaus von Belang sind, möchte ich sie ungern verschweigen, ausblenden oder unter dem ansonsten überwältigenden Eindruck des Spiels vernachlässigen. Meiner Meinung nach braucht sich ein Konsument bei Weitem nicht jede Dreistigkeit der Spielebranche gefallen zu lassen.

p.s.: Ohne jemanden zu weiteren Geldausgaben verführen zu wollen, sei es mir an dieser Stelle gestattet, doch auch "ANNO 1404: Venedig - Das offizielle Add-on" wärmstens zu empfehlen. Zwar hat sich UbiSoft mit der Wiedereinführung der Kopierschutz- und Lizenz-Scherereien auf dem Umweg dieser Erweiterung meines Erachtens wahrhaft nicht mit Ruhm bekleckert, doch rundet sie das Basisspiel in hervorragender Weise ab, indem sie zusätzliche, ohne Frage bereichernde Komponenten bietet.

Insbesondere sind natürlich der durch diese Erweiterung endlich verfügbare (und inzwischen, wie erwähnt, durch einen Patch ausgebesserte) Multiplayer-Modus und diverse Optionen zu erwähnen, die den Handlungsspielraum innerhalb der Einzel- oder Mehrspielerpartien abermals vergrößern - etwa die Möglichkeit, fremde bzw. gegnerische Inseln nun nicht mehr allein mit Waffengewalt, sondern mittels Bestechung (Kauf von Ratssitzen) zu übernehmen.
Wer also keinen gesteigerten Wert darauf legt, das - durchaus vorhandene - kriegerische Potential des Spiels auszunutzen, der kann sich auf Expansion durch Wirtschaftskraft verlegen. Dies muss keinesfalls öde sein, zumal die korrumpierten Fremdmächte ein solches Gebaren verständlicherweise nicht gutheißen; sinkt der eigene diplomatische Status aufgrund allzu unverfrorener Bestechungsversuche unter einen kritischen Wert, kassiert man schon mal eine Kriegserklärung - mit bisweilen äußerst verheerenden Folgen.

Auch ansonsten präsentiert sich die Erweiterung "Venedig" als echte Bereicherung, nicht zuletzt dank der enthaltenen neuen Szenarien und zu erlangenden Erfolge/Belohnungen, sodass die Kombination aus Basisspiel und Add-On ein in meinen Augen - nahezu - perfektes Game ergibt.

Fazit: Ab in die Wanten, Anker lichten, Segel setzen - und hinaus in die weite Anno-Welt! :-)

* Nicht irritieren lassen von dem obigen Datum; dieses stammt noch von einer früheren Erstvariante meiner Rezension. Stand der aktuellen Bewertung: 14.02.2011.


Die Stadt der Blinden
Die Stadt der Blinden
DVD ~ Julianne Moore
Preis: EUR 11,99

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Auf halbem Wege verdurstet, 14. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Stadt der Blinden (DVD)
Gleich vorweg und auch auf die Gefahr hin, hier - inmitten so vieler Begeisterter - Schelte zu kassieren: "Die Stadt der Blinden" hat mich gehörig enttäuscht.

Dabei lässt sich der Plot, der auf dem gleichnamigen Originalstoff des portugiesischen Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago fußt, zunächst überaus vielversprechend an:

Beginnend mit einem allerersten Betroffenen, der, in seinem Wagen sitzend, aus heiterem Himmel sein Augenlicht verliert, erblinden schließlich in epidemisch rasender Geschwindigkeit immer mehr Menschen, die mit dem Primäropfer in Kontakt gekommen sind.

Um dem im Zuge dessen um sich greifenden Chaos Herr zu werden und einer uferlosen Ausbreitung der "Weißen Blindheit" Einhalt zu gebieten, werden die Betroffenen auf Anordnung offizieller Stellen hin in einer verlassenen psychiatrischen Anstalt unter Quarantäne gestellt. Unter schärfster Bewachung von der Außenwelt abgeschottet, sich selbst überlassen und unzureichend mit Nahrungsmitteln versorgt, werden die Internierten recht schnell anfällig für existentielle Konflikte:

Egomanische Platzhirsche schwingen sich zu Herrschern über ihre Leidensgenossen auf und reißen die Organisation der Nahrungsmittelverteilung an sich; speichelleckende Mitläufer biedern sich bei ihnen an, um auf diesem Wege von der zunehmend prekären Lage zu profitieren; zugleich nimmt die Verwahrlosung verheerende Ausmaße an, bis an letzte Überbleibsel von Hygiene und Moral nicht mehr zu denken ist und es für die Erblindeten schließlich nur noch um das buchstäblich nackte Überleben geht.

All diese Komponenten bieten, zumal verdichtet auf den extrem beengten Erzählraum der maroden Zwangsunterkunft, mehr als ausreichend Stoff für eine vielschichtige Sezierung gesellschaftlicher Zustände, und natürlich drängt sich dem Zuschauer bereits sehr frühzeitig - weil unmissverständlich - die Erkenntnis auf, dass das gezeigte Geschehen eine Parabel auf menschlich-soziale Strukturen und deren verhängnisvolle Schwachstellen darstellt; überdeutlich zeigt sich, zu welch vollkommener Entmenschlichung, zu welch rücksichts- und rückstandsloser Degeneration unsere Spezies imstande ist, wenn nur die Umstände es in entsprechender Weise begünstigen.

Es steckt viel Tier in unsereinem. So weit, so erschreckend.

Doch ist ein Film zwangsläufig gut, weil er schockiert?
Immer wieder wird hier in Rezensionen betont, wie kompromisslos erschütternd das Gezeigte sei - doch es scheint mir deutlich zu kurz gegriffen, diese aufwühlende Facette des Streifens als Beleg für dessen mutmaßlich überragende Qualität anzuführen.

Auch ich spürte beim Ansehen der "Stadt der Blinden" bisweilen einen Kloß im Hals; auch mir drehte sich vereinzelt der Magen um, und es liefen mir schier unerträgliche Schauder über den Rücken, als die Frauen... - Doch macht dies den Film wirklich sehenswert? Ist die Erschütterung des Zuschauers eine ausreichende Intention für einen Kinostreifen, dessen Schwerpunkt ganz offensichtlich auf der gesellschaftskritischen Demaskierung (a)sozialer menschlicher Verhaltensweisen liegt? Genügt die Provokation von Abscheu als Nachweis von Qualität?

Leider nämlich bleibt der Film an diesem Punkt stecken; er hat, abgesehen von den besagten raren, zutiefst erschütternden Momenten, nicht viel aufzubieten. Er wirkt unausgegoren, nicht zu Ende gedacht, da er das enorme ihm zugrunde liegende Potential leider bei Weitem nicht auszuschöpfen vermag.

Natürlich ist es für eine Gesellschaftsparabel unerheblich, woher genau die Blindenseuche nun kam, wie sie sich überträgt, ob sie sich überhaupt auf klassisch-epidemischem Infektionsweg ausbreitet oder nicht vielleicht eher metaphysisch-transzendenten Ursprungs ist (die Szene in der Kirche impliziert ja beispielsweise eine derartige Deutung). Wenn jedoch absolut jede nähere Beleuchtung der "Weißen Blindheit" verweigert wird, wenn also sowohl das Woher und das Warum als auch das Wie, das Wozu und das Wohin krampfhaft ausgespart werden, dann bleibt nicht viel Substanz. Daher fehlt der Parabel ein zumindest halbwegs tragender Rahmen, wodurch dem Streifen jedwede Authentizität abhanden kommt. Unterm Strich konterkariert sich "Die Stadt der Blinden" damit nur selbst.

Hinzu kommen dann bedauerlicherweise noch einige weitere dramaturgische Defizite wie etwa drastische logische Unzulänglichkeiten, die dem dargebotenen Geschehen einen bedeutsamen Teil seiner Ernsthaftigkeit nehmen, weil sie offenbar werden lassen, wie himmelweit einzelne Handlungsverläufe an den Haaren herbeigezogen worden sein müssen, um die Szenerie auf Gedeih und Verderb noch entwürdigender, bedrückender, aussichtsloser und damit erschütternder zu gestalten. Mag sein, dass diese Untiefen schon in der originalen Buchvorlage des Films zutage treten und damit dieser anzulasten sind - doch hätte man zweifelsohne gut daran getan, sich etwas engagierter mit ihnen auseinanderzusetzen und zumindest die augenfälligsten Logikfehler auszubügeln, anstatt sie unreflektiert in das Drehbuch zu übernehmen und dem im Grunde grandiosen Stoff damit letztlich einen Bärendienst zu erweisen.

Alles in allem also kein sehr dankbares Projekt für die Hauptdarstellerin, auch wenn sie redlich darum bemüht ist, ihrer verblüffend eindimensional konzipierten - weil notorisch naiv gutmenschelnden - Figur ein wenig Vielschichtigkeit zu verleihen.
In "Magnolia" war Julianne Moore weitaus besser aufgehoben.


Der Pfad des Wikingers - Severed Ways
Der Pfad des Wikingers - Severed Ways
DVD ~ Fiore Tedesco
Preis: EUR 6,95

38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen ...der Rest ist Schweigen..., 10. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Pfad des Wikingers - Severed Ways (DVD)
Ich muß sagen: Im Grunde bin ich ein wirklich hartgesottener Filmliebhaber.
Im Laufe der Jahre wird man ja - teils freiwillig, teils auf Drängen Dritter hin - mit so manchem Streifen konfrontiert, den man, vorsichtig formuliert, als "gewöhnungsbedürftig" klassifizieren könnte. All diese filmischen Kataströphchen habe ich, so miserabel sie mitunter auch gewesen sein mögen, immer tapfer bis zum Abspann angeschaut.

"Der Pfad des Wikingers" war hierbei die allererste - und bislang einzige - Ausnahme.
Ich konnte ihn beim besten Willen nicht von Anfang bis Ende schauen, sondern mußte nach gut einer halben Stunde abschalten, um ihn dann erst am nächstfolgenden Abend weiterzusehen.

Hätte, ja hätte ich doch bloß auf meine Bekannte gehört!!

Aber ich wollte ihr nun mal nicht glauben, daß dieser Streifen wirklich derart verheerend schlecht daherkommt, daß einem eigentlich die passenden Worte fehlen, um adäquat zu beschreiben, wie unsäglich er wirklich ist.

Das besonders Bittere: An dem "Pfad des Wikingers" ist wirklich absolut ALLES vollends indiskutabel; ich habe auch nach längerem Nachgrübeln nichts, aber auch gar nichts an diesem Opus finden können, das ihm wenigstens ansatzweise zur Ehrrettung gereichen könnte:

Schon die Aufmachung des Ganzen unterbietet jedes Schulfilm-Projekt; die Einblendung einzelner Kapiteltitel - als dramaturgische Idee schon grundsätzlich fragwürdig - wirkt nicht etwa anspruchsvoll minimalistisch, sondern schlicht und ergreifend stümperhaft, anders läßt es sich nicht sagen.
Das Cover mag optisch noch einen halbwegs akzeptablen Eindruck erwecken, aber man stelle sich die Dreistigkeit vor, daß ein Film mit einem Soundtrack wirbt, der realiter überhaupt nicht vorhanden ist: Da werden einschlägige Bands ("Judas Priest") als musikalische Untermalung angepriesen, doch während der gesamten - quälend langen - Laufzeit des Streifens erklingt nicht ein einziger Takt eines entsprechenden Songs.

Der Freund meiner Bekannten brachte es treffend auf den Punkt: "Wäre doch interessant zu erfahren, ob diese Gruppen überhaupt WISSEN, daß auf dem Cover mit ihnen geworben wird!"
So bleibt, von einem kurzen Möchtegern-Metalgeplönke via Synthesizer mitten im Film mal abgesehen, als einziger Hinweis auf eine Metal-Affinität des Projekts nur der eine der beiden Wikinger-Darsteller, der plötzlich und unvermittelt mitten im Dickicht mit Headbangen anfängt. Einfach mal so, von der Handlung völlig unmotiviert.

Überhaupt: Nennt man sowas wirklich schon "Handlung"?
Der narrative Ausgangspunkt mag ja durchaus viel Potential aufweisen; zwei Wikinger, die in Mittelamerika gestrandet sind, versuchen, sich in der "Neuen Welt" zurecht- und zu ihresgleichen zurückzufinden. Doch was wird daraus gemacht?

In unscharfen, teils wegen hilflosem Drehen im Gegenlicht kaum mehr erkennbaren, verwackelten Bildern bekommt man zwei Hauptfiguren dargeboten, deren hauptsächliche Beschäftigung darin besteht, wie zwei vollgedröhnte Liverollenspieler in Schlußverkauf-Kostümen im Wald abzuhängen und - zu schweigen.
Erst nach gefühlten 45 Minuten ringt sich der eine mal eine Art "Laß uns gehen" ab, und das war's dann auch erst mal wieder für die nächsten ein, zwei Kapitel.

Auch ansonsten tut sich kaum etwas von Relevanz; eher anekdotenhaft werden einzelne dramaturgische "Highlights" eingestreut wie das Aufeinandertreffen mit den beiden Missionaren, deren einer sofort erschlagen wird; der andere darf zwischenzeitig überleben, sein Kirchenhüttchen hingegen wird abgefackelt. Schließlich - Rückblende - hat die Freundin / Verlobte / Gattin von Wikinger I diesen einst sitzenlassen, weil sie sich so für den christlichen Glauben zu begeistern schien. SKANDAL!!

Noch tiefschürfender der intellektuelle Anspruch in Szenen wie der "Ich-verrichte-mein-großes-Geschäft-direkt-vor-laufender-Kamera"-Unsäglichkeit und dem "Indianerin-mit-Hormonstau-vergewaltigt-narkotisierten-Wikinger"-Klamauk.

Man sieht diesen Film und fragt sich zunehmend: Was, um alles in der Welt, soll das alles?? Warum, um Himmels willen, tue ich mir das gerade an??

Fazit: Man muß wohl in höchstem Maße alkoholisiert, hoffnungslos high oder psychopathologisch auffällig sein, um auch nur ansatzweise etwas Erheiterndes oder gar Sehenswertes an diesem filmischen Totaldesaster zu finden, das hier allen Ernstes kommerziell vertrieben wird, wenngleich man es selbst kostenlos nicht würde haben wollen.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 24, 2010 2:30 PM MEST


Lucky # Slevin
Lucky # Slevin
DVD ~ Josh Hartnett
Preis: EUR 6,95

194 von 205 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich dachte nicht, dass Sie er wären. Ich dachte, er wäre Sie.", 9. März 2009
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Lucky # Slevin (DVD)
Hin und wieder kommt es vor, dass man einen Film empfohlen bekommt, von dem man zuvor noch niemals etwas gehört hat.

Mir geht es in solchen Fällen dann zumeist so, dass die Skepsis die Oberhand gewinnt; schließlich - so der Eindruck - wird es ja schon triftige Gründe haben, dass ein Streifen sang- und klanglos an einem vorübergegangen und in irgendeiner Versenkung verschwunden ist.

Als mich ein Bekannter auf "Lucky # Slevin" ansprach, erntete er denn auch zunächst nur ablehnende Irritation: Lucky wer? Was soll das sein?
Worum genau es in dem Film ging, konnte - oder wollte - er mir nicht näher erläutern; ich erfuhr lediglich, dass ein scheinbar x-beliebiger junger Typ aufgrund einer Verwechslung in allerlei mafiöse Verwicklungen und Schwierigkeiten gerät, die ihm zunehmend über den Kopf wachsen und ihn ebendiesen gar zu kosten drohen.
Nun ja, immerhin schien - mit Bruce Willis, Morgan Freeman, Ben Kingsley, Lucy Liu und Josh Hartnett - ein ganzes Ensemble bekannter Kinogrößen mitzuspielen, also ließ ich mich, Skepsis hin oder her, letztlich breitschlagen und willigte in einen entsprechenden DVD-Abend ein.

Seit besagtem Abend habe ich, und das schreibe ich aus voller Überzeugung, einen neuen absoluten Lieblingsfilm.

Damit kein falscher Eindruck entsteht:
Es fällt mir alles andere als leicht, einem Streifen volle fünf Sterne zuzugestehen. Für einen notorischen Nörgler und Quengler aus Passion, wie ich zugegebenermaßen einer bin, findet sich nahezu immer eine willkommene Angriffsfläche für mehr oder minder umfangreiche Negativkritik; es gibt ständig etwas anzumerken, einzuschränken oder tadelnd zu kommentieren.

In all diesen Punkten jedoch hat "Lucky # Slevin" mir einen derart rigorosen Strich durch die Rechnung gemacht, wie es binnen vieler Jahre kaum einem anderen Film gelungen ist; der Streifen hat mir in solch furioser Weise jede Motivation für Schmähungen und Relativierungen ausgetrieben, dass es mir nach dem ersten Anschauen regelrecht die Sprache verschlagen hat.

Ebendiese ist im Übrigen, apropos, ein essentieller Bestandteil des Films.
Das Drehbuch dieses mitreißenden Thrillers ist nicht nur in dramaturgischer Hinsicht fulminant ausgearbeitet und die Handlung bis hin zum buchstäblich atemberaubenden Finale grandios komponiert - vor allem die Dialoge sind es vielmehr, die den Zuschauer packen, fesseln und nicht mehr aus ihren Fängen entlassen. Sprachwitz und rhetorische Kapriolen, intelligente Gesprächswendungen und vielschichtiger Humor lassen bei jedem Filmliebhaber, der Wert auf halbwegs passable Dialoge legt, das Herz höher und höher schlagen:

"Das war mein Sohn. Verstehen Sie, ich habe gesagt 'war'."
"Ja."
"...Weil mein Sohn tot ist. Ermordet. In die Vergangenheitsform geschickt. Vom einem Ist zu einem War. Noch vor dem Frühstück."

Zugleich jedoch driftet das Drehbuch nicht in bemüht intellektuelles Dozieren ab; stattdessen ist es oftmals die beispiellose Liebe zum Detail, welche selbst scheinbar belanglose Unterhaltungen zu kleinen Sternstunden filmischer Unterhaltung werden lässt. Auf diese Weise gelingt es dem Streifen, seinen Figuren eine ganz besondere Form von Charme zu verleihen, nämlich eine smarte Coolness, die sich jedoch nicht - wie in anderen Thrillern häufig anzutreffen - aus testosteron-strotzenden Machoplatitüden, sondern aus feinsinnigem Esprit speist:

"Also, machen wir es kurz."
"Den Zeitpunkt haben wir längst verpasst!"

Und wenn der Protagonist des Streifens, Slevin, mit seiner Freundin Lindsey unbeschwert über den mutmaßlich besten James Bond-Bösewicht und den seiner Meinung nach überzeugendsten Agenten-Darsteller aller Zeiten philosophiert, dann mag das dem ein oder anderen unspektakulär erscheinen - doch gerade diese Art herrlich komponierter Dialoge hat etwas so unaffektiert Natürliches, dass sie sich ohne Frage genau so auch im realen Leben finden könnte, was den Zuschauer den Charakteren erstaunlich nahe bringt.

Auffällig generell: Während im Zuge der deutschsprachigen Synchronisation von Filmen zumeist viele sprachliche Bonbons der Originalfassung verlorengehen, gelingt "Lucky # Slevin" mit dem genauen Gegenteil dessen ein ausgesprochen seltenes Meisterstück, nämlich die nochmalige Aufwertung der Texte. Nachdem ich den Streifen sowohl in Originalsprache als auch auf Deutsch gesehen habe, ziehe ich den Hut vor dem Team, welches ihn derart fabelhaft synchronisiert und damit nochmals enorm bereichert hat.

Auch ansonsten macht der Film es mir ausgesprochen schwer, Ecken und Kanten auszumachen, die ich bemängeln könnte.
Stattdessen nötigen mir sowohl der charakteristische Soundtrack, der das Geschehen wundervoll unaufdringlich untermalt und umspielt, als auch die schauspielerische Darbietung sämtlicher Mitwirkenden ein Höchstmaß an Respekt ab. Alle Darsteller legen eine derartige Verve an den Tag und funktionieren so vortrefflich als durch und durch harmonisches Team, dass man die Begeisterung, mit der sie bei der Sache waren, förmlich mit Händen greifen kann.

Es bleibt mir also gar nichts weiter übrig, als mich dem Streifen in vollem Umfang - und ohne jede noch so geringe Einschränkung - geschlagen zu geben und ihm die Maximalzahl von Sternen zu gönnen.

Denn diese hat er nach meinem Empfinden mehr als verdient.
Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 15, 2013 10:07 AM MEST


Magnolia (2 DVDs)
Magnolia (2 DVDs)
DVD ~ Jason Robards
Wird angeboten von audiovideostar_2
Preis: EUR 20,25

49 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auch Bücher mit sieben Siegeln können schön sein..., 13. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Magnolia (2 DVDs) (DVD)
Zunächst einmal:
Man muss nur einen Blick auf die sehr stark divergierenden Bewertungen hier auf Amazon werfen um zu sehen, dass sich an diesem Film die Geister scheiden wie an kaum einem anderen. Die einen Rezensenten preisen ihn als "den besten Streifen der Neunziger Jahre", die anderen wünschten sich, ihn nie gesehen zu haben.

Ich für meinen Teil muss gestehen, dass ich Schwierigkeiten hatte, "Magnolia" zu bewerten - denn obgleich ich ihn nun schon mehrere Male gesehen habe, drängt sich mir dennoch die Ahnung auf, seine Vielschichtigkeit nach wie vor noch nicht vollends durchdrungen zu haben.

Worum geht es?
Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson entfaltet in dem episodisch erzählten Drama ein - anfangs beinahe verwirrend vielfältiges - Bouquet einzelner Handlungsstränge: Der Zuschauer lernt neun Menschen kennen, die zunächst, obgleich allesamt in Kalifornien lebend, in keiner besonderen Verbindung zu einander zu stehen scheinen. Sie alle werden jedoch, wie sich alsbald zeigt, von (unterschiedlich schweren) Belastungen gepeinigt - sei es in Form gravierender gesundheitlicher Probleme ihrer selbst oder eines ihnen sehr nahe stehenden Menschen, sei es infolge familiärer Konflikte oder auch aufgrund allgemeiner zwischenmenschlich-sozialer Schwierigkeiten der Betreffenden.

Erst ganz allmählich kristallisiert sich heraus, dass alle diese Menschen damit sehr wohl etwas gemeinsam haben; dass ihr Handeln - so autark es ihnen subjektiv auch erscheinen mag - dennoch Auswirkungen auf die jeweils anderen Figuren des Streifens hatte und nach wie vor hat.
Zunehmend verbindendes Element sind hierbei weniger die Wirkungsweisen des Zufalls, der die Wege der Charaktere im Verlauf der Handlung in bisweilen verblüffender Weise kreuzen lässt, sondern vielmehr die Frage nach individueller Schuld. Diese tritt im Zusammenhang mit einzelnen Verfehlungen ganz unterschiedlicher Art mehr und mehr zutage, beginnend etwa bei Betrug und Diebstahl, weitergehend über eheliche Untreue bis hin zu möglichem Missbrauch der eigenen Tochter. Die im Film dargestellten Figuren haben unter derlei schlaglichtartig dargebotenen Impressionen unterschiedlich drastischer Abgründe menschlichen (Fehl-)Verhaltens und den hieraus resultierenden Wechselwirkungen im Umgang mit ihrem persönlichen Umfeld massiv zu leiden - und zwar sowohl die jeweiligen Opfer als auch die mutmaßlichen Täter.

Insofern verlangt "Magnolia" seinem Zuschauer sehr, sehr viel ab.
Es ist definitiv kein Streifen, den man anlässlich eines geselligen DVD-Abends mit Freunden schauen sollte; ein entsprechender Versuch meinerseits endete denn auch eher desaströs.
Der Film giert regelrecht nach der uneingeschränkten Aufmerksamkeit des Zuschauers, gesteht diesem keinen noch so flüchtigen Augenblick der Ablenkung zu, denn jede scheinbar noch so beiläufig gesprochene Textzeile, jede noch so nebensächlich erscheinende Geste der Charaktere, jede noch so zufällig wirkende Kameraeinstellung dieser multiplen Charakterstudie ist derart bedeutungsschwanger und inhaltlich geladen, daß man sofort Gefahr liefe, den Anschluss an die zahlreichen Erzählfäden zu verlieren, wenn man auch nur einen kurzen Moment lang gedanklich abschweifte.

Das mag sich nun übertrieben lesen, trifft aber tatsächlich zu; nicht zuletzt einige der hiesigen negativen Bewertungen machen mit ihren Ausführungen anschaulich deutlich, dass es mitunter sehr schwerfallen kann, die obig beschriebene, dringend benötigte Aufmerksamkeit über gut drei Stunden unentwegt und ohne kleinste Abstriche aufrecht zu erhalten, insbesondere aufgrund der streckenweise ausgesprochen dialoglastigen - und damit vermeintlich handlungsarmen - Struktur des Streifens.

Auch emotional muss der Zuschauer einiges leisten.
"Magnolia" funktioniert nur, wenn der Rezipient willens und in der Lage ist, sich auf den Film einzulassen. Das klingt leichter, als man es umsetzen kann, denn der Streifen ist weitgehend von solch tiefgreifender Wehmut und Verzweiflung gezeichnet, daß er den Zuschauer in immer quälendere Abgründe von Hilflosigkeit hinabreißt; einige meiner Bekannten waren davon schlicht überfordert oder gerieten aufgrund ihrer eigenen Bewegtheit dermaßen in Verlegenheit, dass sie sich weigerten, den Film bis zum Ende zu schauen.
Wie schmerzhaft er mitunter in latent vorhandenen Wunden bohren kann, lässt sich wohl auch an der Tatsache anschaulich ablesen, dass er gerade von jenen meiner Bekannten in Bausch und Bogen abgelehnt wird, deren persönliche und/oder familiäre Situation den im Film thematisierten Konflikten erschreckend nahe kommt.

Doch macht so etwas den Streifen zu einem schlechten Film?
Dürfen nur Dokumentationen auf "Arte" oder Beiträge in der "Zeit" halbwegs anspruchsvoll sein? Darf ein Kinofilm seinen Zuschauer nicht bis an dessen individuelle emotionale Grenze bringen?

Ich denke doch, er darf - und deshalb kann ich mich den teilweise harschen Verrissen hier auch nicht anschließen.
Dennoch möchte ich "Magnolia" auch nicht gleich im Umkehrschluss, wie andere Rezensenten es getan haben, zum "mit Abstand besten Film aller Zeiten" küren, denn natürlich hat auch er seine Schwächen.

So erscheint mir der Themenkomplex "Krebs" zu stark vertreten; gleich zwei der handelnden Charaktere leiden an verschiedenen Formen der Krankheit, von weiteren Menschen, die an Krebs verstorben seien, ist die Rede - das erscheint mir überladen. Mag sein, dass Anderson hier eigene Traumata verarbeitet hat; eine derart einseitige Schwerpunktsetzung solch vieler Krebserkrankungen auf engstem Erzählraum ist der Glaubwürdigkeit aber eher ein Stück weit abträglich.

Auch das Finale des Streifens lässt den Zuschauer eher hilflos und verwirrt zurück.
Das brachiale, metaphysisch eingefärbte Naturphänomen, welches plötzlich und regelrecht schockartig über die Handlungsstränge hereinbricht, soll nach Aussage des Regisseurs offenbar nicht, wie oft vermutet, eine Reminiszenz an die entsprechende alttestamentarische Plage sein. Ich hatte diese dramaturgische Zäsur des Films bislang so gedeutet, dass in diesem einschneidenden Ereignis der grundlegende Wandel zum Besseren versinnbildlicht wird, der für die einzelnen Charaktere gegen Ende des Streifens eintritt - doch analog zu der Äußerung Andersons soll dem wundersamen Regen wohl gar keine kathartische Wirkung beigemessen werden.
Was stattdessen? Das Spektakel geschieht einfach nur so, passiert quasi lediglich um seiner selbst willen?

Wie weiter oben erwähnt:
Auch wenn ich "Magnolia" nun schon mehrfach mit Begeisterung gesehen habe, kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, inzwischen voll und ganz zu dem Streifen durchgedrungen zu sein. Er wirft immer noch viele Fragen auf, mit denen er den Zuschauer schließlich sich selbst überlässt.

Dennoch - oder gerade deshalb - verdient er, nicht zuletzt aufgrund der phänomenalen schaupielerischen Leistung ausnahmslos aller Darsteller sowie wegen seiner enormen atmosphärischen Dichte, seiner überaus gelungenen Dramaturgie und einem fulminanten Soundtrack, vier Sterne.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 15, 2012 12:48 PM CET


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