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2.0 von 5 Sternen
Kritische Gegenmeinung, 15. Oktober 2011
Erstens: Jemand muss schließlich den Advocatus Diaboli geben.
Zweitens: Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass es wenig Grund gibt, der Autorin von "Adams Erbe" ein dermaßen unkritisches Lob auszusprechen, wie in den Feuilletons (erstaunlicherweise) und auch in den Amazon-Rezensionen (weniger erstaunlich) fast ausnahmslos geschehen.
Astrid Rosenfeld verwendet die Rezepte des kolportagehaften Unterhaltungsromans, dies zu einem überaus ernsthaften Thema. Das Rezept an sich muss nicht schlecht sein, wenn man den Umgang damit beherrscht und sich als informierter Autor bzw. Autorin erweist. Ein gutes Beispiel dafür hat jüngst Charles Lewinsky mit seinem neuen Roman "Gerron" gegeben (der ebenfalls ein Lebensschicksal unter den Bedingungen der Nazi-Besetzung Polens beschreibt).
Rosenfeld lässt allerdings schon auf den ersten Seiten grundsätzliche Zweifeln daran aufkommen, ob sie den Subtilitäten gewachsen ist, die ein ernst zu nehmender literarischer Text erfordert. Weil Magda Cohen, die Mutter des kleinen Edward Cohen, nach der Geburt ihres Kindes nicht weiter als Buchhändlerin arbeiten will, wird sie als "der Antichrist der Frauenbewegung" betitelt. Was für ein überzeichnetes, windschiefes Bild. Als der sechsjährige Edward seinen Großvater beobachtet, wie er weint, denkt er sich: "Er steigert sich da in irgendwas rein." Wer käme auf die Idee, dass so ein Sechsjähriger denkt? Der erste, im Jahr 2004 spielende Teil des Romans stolpert und rumpelt auf nicht weniger als 100 Seiten in diesem Muster weiter. Die kindliche Entwicklung Edwards - meist "Eddylein" gerufen - wird wesentlich durch die Begegnung mit dem Freund seiner Mutter geprägt, einem Elvis-Presley-Verschnitt und Tunichtgut namens Jack. Hin und her wogen mehr oder weniger schicksalshafte Wendungen und Begegnungen, bis Edward reif genug ist, sein erstes eigenes Geschäft zu eröffnen, in dem er "Teufelsföten" bzw. "Gothic-Sorgenpüppchen" (sic) verkauft, was sich auch alsbald zu einem rauschenden Verkaufserfolg entwickelt.
Wer sich nun fragt, was solcherlei Tiefsinn mit dem erwähnten ernsthaften Thema, nämlich der eigentlichen Kerngeschichte - einem jüdischen Lebensschicksal im Jahr 1938 -, zu tun haben soll, bleibt ratlos. Außer, dass Edward Cohen eines Tages aus seinem rauschhaften Dasein des Boutique-Besitzers fällt und just in diesem Moment auf die Geschichte seines Großonkels Adam stößt, gibt es keinerlei stringente Verbindung zwischen den beiden Teilen des Romans. Hatte Astrid Rosenfeld ursprünglich Ideen für zwei komplett unterschiedlich motivierte Erzählungen, zwischen denen sie sich nicht entscheiden konnte - und die schließlich in ein und demselben Text verbunden worden sind?
Jedenfalls wird Edward - und mit ihm die Leserinnen und Leser - durch den Fund einer Art schriftlich verfassten Lebensbeichte unvermittelt ins Jahr 1938 geworfen. Hier wird nun mit der Geschichte der Begegnung zwischen Adam und Anna ein durchaus unterhaltsames, wenn auch kaum je wirklich gehaltvolles Rührstück entworfen. Zu den Mängeln dieses Teils der Erzählung gehört, dass der Text zwar munter plätschert, aber nicht allzu viele Ingredienzen enthält, die zeitgeschichtliche Authentizität vermitteln könnten.
In diesem Zusammenhang muss nun die eingangs angetönte Frage nach der Informiertheit der Autorin fallen. Fundierte zeitgeschichtliche Kenntnisse - so würde man meinen - müssten ein unabdingbares Element sein, um einen literarischen Text gestalten zu können, dessen Motive ganz wesentlich von den Lebensbedingungen einer historischen Epoche geprägt sind.
Im Buchjournal-Talk auf der Leipziger Buchmesse 2011 hat nun freilich die Autorin geäußert, sie habe aus Geldmangel "leider" keine Recherchen vor Ort, "beispielsweise im Warschauer Ghetto" betreiben können. An ein solches Ausmaß der Unbedarftheit mag man eigentlich gar nicht glauben: Geht Frau Rosenfeld tatsächlich davon aus, es gebe grundsätzlich - so sie sich während der Arbeit an ihrem Buch bei Gelegenheit einmal die Mühe gemacht hätte, aus Berlin die paar Stunden Zugfahrt auf sich zu nehmen - ein Warschauer Ghetto, in dem sich heute Recherchen betreiben ließen? Es sei ihr verraten: Das Warschauer Ghetto wurde im Mai 1943 nach dem dortigen Aufstand vollkommen zerstört. Die Zerstörung war radikal und total, entsprechend beschränken sich bauliche Überreste auf einige kümmerliche Mauerteile.