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Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach: Psychologische Einblicke
Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach: Psychologische Einblicke
von Andreas Kruse
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt lesenswert, 24. Juli 2013
„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heissen wegen seines unendlichen, unausschöpflichen Reichtums von Tonkombinationen und Harmonien!“ meinte Ludwig van Beethoven über den Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), einem der Grössten europäischer Kunst und Musik. Grossartig wie Andreas Kruse in seinem Buch ‚Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach‘ die Tiefen und Weiten, die Strömungen und Wellengänge dieses „Meeres“ Bach erkundet. Was ist das Besondere dieses Buches, das im Untertitel bescheiden ‚Psychologische Einblicke‘ heisst?

Das Buch stellt sich „die Aufgabe einer psychologischen Deutung der Biografie wie auch einzelner Werke Johann Sebastian Bachs“, so der Autor im Vorwort, der sich Bach immer wieder sehr persönlich, aber vor allem psychologisch und musikalisch annähert. Er beschreibt als Grundlage für das Schöpferische Johann Sebastian Bachs in Grenzsituationen – wie dem frühen Tod seiner ersten Frau Maria Barbara und den persönlichen Krankheitserfahrungen in den letzten Lebensjahren – seine Fähigkeit eine „innere Ordnung“ aufzubauen; eine Ordnung, die im Leben und Sterben trägt, indem sie die ‚Ordnung des Lebens‘ mit der ‚Ordnung des Todes‘ zu verbinden weiss. Es ist die Fähigkeit Bachs, sich sowohl auf die eigenen Entwicklungsnotwendigkeiten, –aufgaben und –möglichkeiten als auch die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit einzustellen. Die psychologischen und gesundheitswissenschaftlichen Modelle, Themen und Konzepte, die Andreas Kruse einführt und entfaltet wie u. a. Generativität, Integrität und Transzendenz, Multimorbidität und Vulnerabilität im Alter, Palliative Care, Salutogenese und Resilienz, ermöglichen ein vertieftes Verstehen der Entwicklung Johann Sebastian Bachs über den gesamten Lebenslauf und seiner Musikwerke. Zugleich werden Einblicke in das Wesen und die Potenziale menschlicher Entwicklungs- und Reifungsprozesse gegeben.

Andreas Kruse, Professor und Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Standardwerke, Sachbücher und Beiträgen zu den Entwicklungspotenzialen und Kompetenzen im Alter, zu Fragen der Rehabilitation und Palliative Care bei älteren Menschen, zu den Menschen- und Altersbildern in anderen Kulturen, zu den ethischen Grundlagen der persönlichen Lebensgestaltung und gesellschaftlichen Teilhabe im Alter. Wenn sich einer der renommiertesten Alternsforscher – der auch bei uns in der Schweiz einen hervorragenden Ruf genießt – über Jahrzehnte mit der Biographie und dem Werk Johann Sebastian Bachs auseinandersetzt, sich diesem immer wieder neu und mit grossem Respekt annähert – musikwissenschaftlich, persönlich, im eigenen Klavierspiel – dann sind die Erwartungen an ein Buch gross. Andreas Kruse übertrifft diese Erwartungen. In der Tat, dieses Buch beschreibt nicht nur die Grenzgänge des Johann Sebastian Bachs zwischen Schmerz und Verwandlung, Verlust und Neubeginn, Leben und Tod, Weltlichem und Göttlichem. Es ist selbst ein wunderbarer Grenzgang zwischen Musik und Psychologie, Philosophie und Hermeneutik, Medizin und Theologie.

Philippe Herreweghe schreibt zur Matthäus-Passion: „Die musica pathetica oder musica rhetorica (der Komponisten der Barockzeit) will berühren, den Zuhörer erschüttern, mit der mehr oder weniger zugegeben Absicht, ihn verwundbarer, und folglich empfänglicher für eine Botschaft zu machen.“
Nicht nur in der Musik Bachs werden Herz, Geist und Seele gleichermassen angesprochen, sondern auch in diesem Buch von Andreas Kruse: wahrhaftig und wunderbar, tief und weit, immer wieder berührend, menschlich, tröstend, stärkend. Nach der Lektüre dieses Buches denkt man grösser vom Menschen, weil man um die Würde menschlicher Bedürftigkeit und Gestaltungskraft weiss. Dem Vers aus einem Gedicht von Rose Ausländer (1901 – 1988) „Bach / mein Blutstrom / zum Himmel“ habe ich nach der Lektüre des Buches von Andreas Kruse aus ganzem Herzen zugestimmt. Unbedingt lesenswert.


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