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K.E.

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Die Entstehung des Korans: Neue Erkenntnisse aus Sicht der historisch-kritischen Bibelwissenschaft
Die Entstehung des Korans: Neue Erkenntnisse aus Sicht der historisch-kritischen Bibelwissenschaft
von Karl-Friedrich Pohlmann
  Gebundene Ausgabe

3 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen keine Rezension, sondern..., 25. Februar 2013
.. ein Hinweis, der eigentlich in die Produktbeschreibung gehört: Pohlmann ist ein evangelischer Theologe, der im Bereich des Alten Testaments forscht. Es gibt nichts, das darauf hindeutet, dass er Arabisch kann oder sich näher mit dem Islam beschäftigt hätte. Wenn das wahr ist, dann äußert sich hier jemand, der das Buch, das er bespricht, nicht im Original lesen kann, sich also kein von Dritten unabhängiges Bild über seine Sprache und die Bedeutungsebenen des Textes machen kann. Man stelle sich vor, jemand würde als Wissenschaftler die Bibel kommentieren oder sogar historisch einordnen wollen, der kein Hebräisch kann und sich nie näher mit den Religionen befasst hat, für die sie die Heilige Schrift ist.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 13, 2014 12:14 PM CET


ERLEBNISSE, EINDRÜCKE, EMOTIONEN ALS LEHRER IN ÄGYPTEN: EIN BLICK ZURÜCK OHNE ZORN
ERLEBNISSE, EINDRÜCKE, EMOTIONEN ALS LEHRER IN ÄGYPTEN: EIN BLICK ZURÜCK OHNE ZORN
von Otto Bürckner
  Broschiert
Preis: EUR 7,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen lebensnah und farbenfroh, 25. Juli 2011
Diese sehr lebendige Erzählung habe ich - selbst künftige Lehrerin in Ägypten, die den nahen Osten bisher nur als Touristin kennt - mit großer Spannung gelesen. Als Deutsch-Kollegin könnte man auf dieses Talent aus den Reihen der Mathematiker neidisch werden, mit so viel Schwung berichtet der Autor uns in Schlüsselszenen, die uns gewissermaßen am exemplarischen Beispiel in seine Welt entführen und uns mit den einfachen Leuten bekannt machen, mit der gehobeneren Klasse, mit dem Leben an der Schule und schließlich mit der Weltpolitik. Nie werden wir durch bloße Beschreibungen belehrt, alles ist Erzählung. Wir bekommen zum Beispiel nicht nur die Information, dass die Armen arm sind, und sind dann betroffen, sondern wir erfahren, wie dankbar der Diener des Hauses für ein Bett war. Wir lesen nicht nur, dass die Reichen reich sind, sondern dass sich die Eltern der Schüler, die für ein Kind mehr Schulgeld im Monat bezahlten, als andere im Jahr verdienen, darüber beschwert haben, dass ein Schulausflug eben diesem behüteten Kind ein einfaches Handwerkerviertel zeigte. Wir leben mit - und landen schließlich in wirtschaftlichen Verstrickungen zwischen Deutschland und Ägypten, die die Erzählung in die Gefilde eines Krimis führen und den Vorhang ein kleines Stück heben, der normalerweise das, worüber man nicht redet, vor den Augen der Öffentlichkeit verbirgt.
Ich habe dieses kleine Buch sehr gerne gelesen, wusste aber hinterher nicht, ob ich wirklich, wie es auf dem Einband hieß, einen Erfahrungsbericht gelesen hatte, oder nicht vielleicht doch einen kleinen Roman. Weil ich schon darüber gestolpert war, die 250 Kilometer zwischen Alexandria und Kairo für den Kontext passend auf 150 zusammengeschrumpft zu sehen (was bloß ein Druckfehler sein kann), fiel mir auf, dass der Erzähler sich manchmal zum Fabulieren hinreißen ließ. So sagt er bereits von 1971, dass Öko-Parolen in Deutschland Allgemeingut gewesen seien, nur in Ägypten noch unbekannt (zum Vergleich: Greenpeace wurde 1971 gegründet und die Grünen 1980). In der Szene, für die das wichtig ist, erhöht es den erzählerischen Kontrast und gibt dem Ganzen eine frischere Farbe, doch nach diesen Entdeckungen war ich mir auch an anderen Stellen nicht mehr sicher, ob nicht Sindbad der Seefahrer Seemannsgarn mit in den Text gesponnen hat.
Trotzdem: Lesenswert! Wirklich lesenswert - und vielleicht als teilweise Erfindung viel lebenswahrer als ein einfacher faktengetreuer Bericht es jemals sein könnte. Wie auch immer: der kluge Diener, die aufrechte Klasse, die sich geschlossen für einen eigenen Fehltritt entschuldigt und den des Lehrers großmütig übergeht, die Ministerialbeamtin, die sich von einer charmanten Gastgeberin in eine hocheffiziente Geschäftspartnerin verwandelt, der no-passport-no-room-Portier und viele andere bleiben mir noch lange in Erinnerung - und die stumpfsinnig-rassistischen Arbeiter in Deutschland, die Polizisten, die die "Ausländer" beschimpfen, bis einer das Ganze beendet, indem er zu seinem Kollegen sagt, er glaube, es sind Israelis, und wolle "keinen Ärger kriegen". Nicht alle sind so, das betont auch der Text - nur ist, dass es auch Andere gibt, der einzige Inhalt, für den er keine exemplarische Geschichte erzählt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 30, 2012 8:42 AM MEST


Gott ist schön: Das ästhetische Erleben des Koran
Gott ist schön: Das ästhetische Erleben des Koran
von Navid Kermani
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Ton macht die Musik, 11. September 2010
Wer behauptet, hier sei der Koran als ein Buch beschrieben, das sich in einem fernen Altarabisch über die Köpfe der Hörer hinweg deklamiert, kann '"Gott ist schön"' unmöglich gelesen haben. Kermani erklärt uns nämlich im Gegenteil, das göttliche Wunder des Korans sei für Muslime darin beschlossen, dass der Prophet, wie "ein 'einfacher Allgäuer'", der eigentlich nur den Dialekt seiner Region sprechen kann, auf einmal im wahrsten Sinne des Wortes mit Engelszungen in der überall geläufigen Hochsprache so wunderbar spricht, dass die größten Dichterfürsten der Zeit in die Knie sinken. Und heute noch ist die koranische Sprache jene, an der sich die Dichter messen und mit der die Politiker in ihren Reden die Zuhörer gewinnen.
Die Aufgabe, die Kermani sich mit dem Buch stellt, ist daher mitnichten die, den Koran als Kunstwerk an sich zu beschreiben (weshalb er die platonische oder die Genie-Ästhetik nur darlegt, um eine Brücke zum europäischen Denken zu schlagen, aber nicht heranzieht, um den Koran zu erklären). Im Gegenteil breitet er eine Diskussion vor uns aus, die zeigt, dass schon die Muslime der frühen Jahrhunderte uneinig darüber waren, wie viel Kunst dem Koran eigentlich objektiv zukommt. Die einen hielten ihn für unvergleichlich und wagten es nicht, in einem Haus zu übernachten, dessen Eigentümer einen Koran besitzt, die anderen nahmen ihn zum Objekt ihres Forschungsinteresses in der Hoffnung, sein Geheimnis nicht nur verstehen, sondern eines Tages auch nachahmen und übertreffen zu können. Unbestritten war und ist also nicht der Kunstcharakter, sondern die durchschlagende Kunstwirkung des Koran.
Kermani geht es folglich darum, den kommunikativen Akt zu analysieren, der dazu führt, dass ein Text egal welcher objektiven Qualität als Kunstwerk empfunden wird. Wir, die wir den Koran nur aus Übersetzungen kennen und nach seinem Informationsgehalt beurteilen können, erfahren hier, dass er, ebenso wenig übersetzbar wie ein lyrisches Gedicht, weniger vom Inhalt, als von seiner Sprachgestalt lebt, vom Klang und dem Schwingen seiner Worte und damit davon, dass und wie er vom Rezitator dargeboten und vom Gläubigen gehört wird. Nicht das Lesen, sondern das Hören und Rezitieren des Textes ist das heiligste Ritual der Muslime, in dem die Gläubigen direkt erfahren, dass Gott selbst Wort geworden ist und durch Muhammad gesprochen hat - so wie die Nachahmung des Abendmahls in der Eucharistie für gläubige Christen die Menschwerdung Gottes nicht nur versinnbildlicht, sondern tatsächlich verkörpert.
Es geht im Koran also nicht darum, DASS das Paradies versprochen und die Hölle angedroht wird, sondern WIE Versprechen und Drohung sich uns präsentieren, nämlich als ein Anruf von höchster Schrecklichkeit und Lieblichkeit zugleich. Und damit werden dann zunächst auch die vom Koran Getöteten erklärt: sie haben die Gewalt des Erlebnisses nicht ausgehalten. Dabei wird versucht, an Hand verschiedener Anekdoten über diese Todesfälle die Verschiedenartigkeit dieser Erschütterungen aufzuzeigen ' und damit das Potential der Koran-Rezitation, höchste Lust und höchstes Entsetzen gleichzeitig wecken zu können. Später wird das Motiv der vom Koran Getöteten noch einmal aufgegriffen und die Art der Erschütterung mit Hilfe von Sufi-Theorien näher erläutert. Diese beschreiben, wie das Hören das Herz ergreift und in der Vorstellung schönste und schrecklichste Bilder weckt ' und wie der kleine Mensch in der Brandung der Gefühle am Felsen Gottes zerschellt oder selber Fels in der Brandung ist, der auch im Höchsten ruhig bleibt und unbewegt.
Dies der rote Faden durch die Darlegungen, die den Koran an sich betreffen.
Da Kermani aber für europäische Leser schreibt, muss er ihnen, die gewohnt sind, den Genuss an Schönheit und die Ergriffenheit durch Göttliches zu trennen, erst einmal ermöglichen, beides wieder in Zusammenhang zu bringen. Das Göttliche im unwandelbar Schönen und Idealen zu sehen, steht ja im diametralen Gegensatz zu der christlichen Sicht, die Jesu Göttlichkeit in Leiden, Sterben und Auferstehung erkennt. Folgerichtig trennen die westlichen Ästhetiken das Göttliche vom Schönen, allenfalls drückt sich das Göttliche im Schönen aus, während im Osten das Schöne den Rang eines unmittelbaren Gottesbeweises hat und der Genuss daran für die ganz Orthodoxen auch auf den religiösen Bereich beschränkt ist. Um hier eine Brücke zu finden, muss Kermani zurück gehen in antike Zeiten, in denen Kunst und Gottesdienst noch zu einem verbunden waren, und sich (man denke an die griechischen Orakel) Göttliches im Zustand der Inspiration in Kunst offenbart. Von hier ausgehend gelingt es Kermani, die beiden Entwicklungslinien aufzuzeigen und ineinander zu spiegeln, die zuletzt im Abendland die Kunst als Selbstausdruck des künstlerischen Individuums sieht, also ihren Werkcharakter in den Vordergrund rückt, und im Morgenland die Kunst als göttliche Inspiration begreift, also ihre Fähigkeit in den Mittelpunkt stellt, die Herzen für eine überindividuelle Wahrheit zu öffnen. Am Schluss führt er diese beiden Denkmuster mit der Beschreibung der Wirkung von Musik zusammen, die einerseits als ein von Künstlerindividuen geschaffenes Werk wahrgenommen wird, aber andererseits durch ihre unmittelbare Wirkung auf die Herzen der Hörer auch etwas sprachlos tiefes Allgemeines verwirklicht, das uns ahnen lässt, was der Koran für die Muslime bedeutet.
Um den Koran als lebendiges, wirkendes Wort Gottes geht es, nicht um '"den"' Islam, auch nicht um die Entstehung des Koran (die nicht einmal angesprochen wird) und auch nicht um dessen Rezeptionsgeschichte. Kermani schreibt weder als Theologe, noch als Historiker, sondern erläutert als Sprachwissenschaftler die Vielfalt der Wirkungen des Offenbarungstextes damals und heute -und hilft dem deutschen Leser, der den Koran mit Gewinn lesen möchte, damit wirklich sehr. Der hat nun durch ihn gelernt, die Wiederholungen nicht als inhaltliche Redundanzen, sondern als Rhythmisierungen nach Art von Refrains zu begreifen, mit ihrer Hilfe Beziehungen herzustellen, den emotionalen Sinn von Worten zu fühlen und das Gleichnishafte in den Vordergrund zu stellen -' und auf einmal spricht dieses schwierige Buch auch für ihn.
Wen die Lust packt, weiter zu studieren, dem hilft ein wahrhaft imposanter Anmerkungsapparat und ein umfangreiches Literaturverzeichnis, Interessen zu artikulieren, Schwerpunkte zu setzen und einem eigenen Weg zu folgen.


Natascha
Natascha
von David Bezmozgis
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Bleibe für die Heimat, 7. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Natascha (Gebundene Ausgabe)
"David Bezmozgis erzählt vom Aufwachsen in einem fremden Land und davon, wie man sich eine Heimat schafft, ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen'", sagt die Produktinformation.
In der Tat erzählt die Geschichte vom Heranwachsen eines jüdischen Jungen aus Lettland, der mit seiner Familie nach Kanada immigriert - und dann? Wer die Integrationsdebatten hierzulande aufmerksam verfolgt, dem fällt es auf, dass 'Heimat' im vorliegenden Buch nicht bedeutet, Kanadier bis zur Unkenntlichkeit geworden zu sein, sondern mitsamt seiner eigenen Welt im neuen Land anzukommen.
Wer ist es denn, der diese neue 'Heimat schafft'? Ist es Kanada, das die notwendigen Sozialwohnungen für die letzte Bleibe im Altenheim baut? Oder ist es der kluge und großherzige Rabbi, der in diesem jüdischen, nicht überkonfessionell kanadischen Altenheim darüber entscheidet, wer dort einziehen kann? Und dem es allein darum zu tun ist, eine Minjan zusammen zu bringen, also eine für das Sabbatgebet ausreichende Betergemeinde in der Synagoge? Diese neue Heimat löst die Fremdheit nicht auf ' und damit eben auch das Eigene nicht, das, was den Menschen zu dem macht, der er eigentlich ist. Doch sind die Protagonisten damit wirklich schon angekommen? Fehlt nicht noch ein Schritt?
Bezmozgis erzählt seine Geschichte in abgeschlossenen Episoden, die man auch voneinander unabhängig als einzelne Kurzgeschichten lesen könnte, denn sie sind nur dadurch verbunden, dass die Familienmitglieder des Ich-Erzählers von Kapitel zu Kapitel älter werden. Die Nebenfiguren dagegen bleiben in den einzelnen Episoden gefangen, sie tauchen einmal auf und verschwinden dann auf Nimmerwiedersehen, man muss sich keinen ihrer Namen merken. Und es sind so gut wie ausnahmslos aus dem Osten emigrierte Juden, Kanadier kommen kaum vor. Warum das so ist, wird nicht gesagt. Es wirkt, als sei Kanada nur das Meer, in dem die jüdische Gemeinde eine Insel ist, auf der die Figuren anlanden und von der sie dann wieder verschwinden.
Dieses Kommen und Gehen auf immer schafft eine Atmosphäre von Verlorenheit, die das ganze Buch durchzieht. Sie wird unterstrichen von der Melancholie der Sprache und sie findet in den jedes Mal wieder verblüffenden und traurigen Schlüssen der einzelnen Erzählungen ihren Ausdruck. Der Leser stockt, hält inne und blickt zurück ' und wieder ist die Zukunft so leer, als sei sie durch kein Gegenwärtiges vorzubereiten.


Aus dem Diwan
Aus dem Diwan
von Galal-ad-Din Rumi
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dichtkunst oder Verseschmiede?, 14. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Aus dem Diwan (Taschenbuch)
Eine sorgfältige Einleitung stellt uns Rumi, den berühmten islamischen Mystiker, als Menschen (biografisch), als Zeitgenossen (historisch), als Dichter (stilistisch) und in seiner spirituellen Bedeutung vor. Frau Schimmel, der so sehr daran lag, den Geist der islamischen Welt dem Westen verständlich zu machen, baut auch hier nicht nur eine Brücke, sondern spinnt ein ganzes Netz, an dessen vielen Fäden entlang der westliche Leser sich zum östlichen Denken vortasten kann.
Ohne diese Vorleistungen wären die ausgewählten Gedichte wohl teilweise befremdlich, was weder an Frau Schimmel noch an Rumi liegt, sondern an dem schier unmöglichen Vorhaben, diese Gedichte nicht nur inhaltlich, sondern auch rhythmisch ins Deutsche zu übertragen. Zwangsläufig klingt das Ergebnis gelegentlich holperig, etwa wenn um des Reimes willen eine Vokabel gewählt werden musste, die im Deutschen wenig poetische Strahlkraft hat, oder wenn der Rhythmus selber dem Deutschen nicht entspricht. Das ist schade. Manche Verse blitzen auf, die uns ahnen lassen, was wir dadurch versäumen, dass wir kein Persisch können:
Im Garten sind tausend Entzückende fein
Und Rosen und Veilchen mit Düften so rein
Und rinnendes, plätscherndes Wasser im Fluss '
Dies alles ist Vorwand: Er ist es allein!


Und Jesus ist sein Prophet: Der Koran und die Christen
Und Jesus ist sein Prophet: Der Koran und die Christen
von Mehdi Bazargan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Seht selbst! sagt Bazargan, 13. Juli 2010
Navid Kermani leitet das Buch mit einer kurzen Darstellung der Vita und der Bedeutung des Autors ein, eines wichtigen iranischen Korangelehrten und Politikers, der sein Leben dem Gedanken an einen nicht westlichen, auch nicht kommunistischen, sondern islamischen Weg in die Moderne gewidmet hatte. Sodann folgt ein Brief Bazargans an seine "christlichen Brüder und Schwestern", in dem er ihnen einen kurzen Abriss über die Bedeutung der Buchreligionen und besonders des Christentums im Koran gibt und sie in sein Vorhaben einführt, ihnen die entsprechenden Textstellen zur Kenntnis zu geben. Im Anschluss finden wir diese Textstellen mit kurzen Hinweisen versehen in chronologischer Reihenfolge aufgelistet. Das Buch schließt mit einem den Leser bitter traurig stimmenden Interview über die trostlose politische Zukunft des Iran, die unter unveränderten Bedingungen zu erwarten war. Es ist (1994) das letzte Interview mit Mahdi Bazargan (gest. 1995).
Der Text, der dem Buch den Titel gab, umfasst nicht mehr als 70 Seiten. "Lest selbst!", sagt der Brief. Er steigt in keine Diskussionen ein, er versucht nicht, dieses Argument mit jenem zu toppen, sondern sagt einfach: "Lest selbst!" Kennen wir das nicht irgendwoher? Behauptet nicht die Sage, Galilei hätte gegenüber der Inquisition etwas Ähnliches gesagt? Hinsehen, statt Meinungen über etwas zu diskutieren, das keiner wirklich kennt, ist uns als Forderung der Aufklärung bekannt. Für Bazargan ist es eine Frage der Aufrichtigkeit, nicht herumzuargumentieren, sondern zu zeigen, was im Koran steht. Er listet die entsprechenden Textstellen vollständig auf, damit nicht nur die Christen selber sehen können, wovon die Rede eigentlich ist, sondern auch zum Beispiel die Islamisten, die mit in die Seiten schauen.
Der Koran ist nicht in einem Moment vom Himmel gefallen, sondern das Dokument eines 23 Jahre währenden Sprechens Gottes zu den Menschen. Wir lesen also nicht, wie das Verhältnis zu den Christen IST, sondern wie es sich entfaltet, welche Schattierungen, welche Nuancen es kennt. Islamistische und islamkritische Positionen zeichnen sich in der Regel durch eine beinharte Rigidität aus, die immer nur eine, nämlich die eigene Sichtweise gelten lässt und vom Koran verlangt, dass er starr wie ein Monolith dem zu entsprechen habe. Für solche Denker steht dann die eine mit der anderen Aussage im Widerspruch, sobald sie nicht das gleiche besagt, aber wer Gottes Wirken im Wandel begreift, für den sind diese verschiedenen Aussagen Zeichen des großen Einen, der alles umfasst, und genauso wenig einander widersprechend, wie der Regen von gestern dem Sonnenschein von heute widerspricht. Die chronologische Reihenfolge ermöglicht dem Leser, dieses Wirken mitzuvollziehen - und darin liegt die inspirierende Kraft dieses Büchleins. Bazargan hilft zu dieser Lesart, indem er auf den Wandel aufmerksam macht und darauf, unter welchen Umständen Gott zum Beispiel ein Miteinander mit Christen ausdrücklich wünscht und unter welchen Umständen er Freundschaften, ja sogar Kontakte verbietet. Nachdem beide Seiten ewig sind, gelten immer beide gemeinsam und das heißt in diesem Falle: Haltet zusammen im Guten, bleibt einander fern im Bösen und haltet Meinungsverschiedenheiten so lange aus, bis Gott sie am jüngsten Tage entscheidet.


Das Buch der von Neil Young Getöteten: Mit Songtexten von Neil Young
Das Buch der von Neil Young Getöteten: Mit Songtexten von Neil Young
von Navid Kermani
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen bloß Kunst oder schon Offenbarung?, 12. Juli 2010
Was sagt mir dieses Buch? Ich, der ich Neil Young zwar kenne, aber nicht SEHR gut kenne, ich, der ich Neil Young zwar mag, aber nicht SEHR mag, hätte, wäre es wirklich nur ein Text über Neil Young, von der Lektüre nicht viel gehabt.
Aber der Titel weist auf eine andere Ebene hin. Es gibt in der islamischen Überlieferung 'das Buch der vom Koran Getöteten', also derer, die vom Hören der Suren so ergriffen waren, dass ihnen vor Entzücken das Herz gebrochen ist. Kermani greift diesen Ausdruck auf, der, wie er sagt, eine '"ästhetische Grunderfahrung"' beschreibt, die '"das Herz zusammenzieht, sodass man meint, ersticken zu müssen'."
Mir, also jemandem, der Neil Young zwar mag, aber nicht SEHR mag, kommt der Vergleich mit dieser Wirkung des Koran ziemlich dick aufgetragen vor. (Aber warum nicht? Zwischen vielen Zeilen dieses Büchleins sprühen Ironie und Heiterkeit wie bunte Funken hervor, also auch hier?). Doch dann entdecke ich: der Koran ist eine Offenbarung, und genau das ist Neil Youngs Werk hier eben auch. Er hat die Musik geschaffen, die den Jungen durch seine Kindheit und Jünglingszeit führt, bis er ein reifer Mann ist.
Die Wiederentdeckung seiner Werke ist dem Zufall zu verdanken, dass der unglückliche Vater, der kaum ertragen kann, wie sehr seine kleine Tochter von den Dreimonats-Koliken gebeutelt wird, auf die Idee kommt, Neil Young aufzulegen ' und plötzlich ist sein kleines Mädchen ruhig. In den Folgemonaten wird diese Musik als Therapeutikum unverzichtbar ' und das gibt dem Vater die Muße, sie für sich neu zu entdecken und den Jahren nachzusinnen, durch die sie ihn begleitet hat. Das ganze Buch ist eine Beschreibung der Musik, der Texte und des Schaffens von Neil Young, es ist keine autobiografische Erzählung -' und dennoch, wenn man die beschriebenen Musikstücke und 'Texte als Metaphern versteht, dann ist es genau in dieser Form die Erzählung eines werdenden Männerlebens. Mir, der ich Neil Young zwar mag, aber nicht SEHR mag, wird der Junge, der hinter dem Rücken des großen Bruders dessen erste CDs hört, der Jüngling, der in den wilden Auswürfen des Künstlers seine eigene Wildheit entdeckt und in der Sehnsucht der stilleren Werke seine eigene Sehnsucht nach Verbundenheit und Liebe, und der junge Mann, der erste Verluste erleidet und lernt, Trauer zu empfinden, zu deren Versöhnung wieder Neil Young ihn leitet, in Erinnerung bleiben.
Der Schluss beendet nicht das Sprechen über die Musik Neil Youngs, das bleibt in Entwicklung begriffen und offen, sondern er beendet diese Jugendgeschichte. Mit der Entscheidung, Vater zu werden, hat sich der erwachsene Mann in die Kette der Sterblichen eingereiht. Und dessen Geschichte ist schon weiter gegangen: Der Tochter geht es wieder gut und Neil Young bedeutet ihr nichts mehr. Der Erzähler kommentiert: '"Sie hat den ersten Schritt aus meiner Welt heraus getan'."


Nach Europa
Nach Europa

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Europa - Ziel der Sehnsucht oder Fossil der Vergangenheit?, 7. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Nach Europa
Ein hintersinniger Titel, der hier als Überschrift über der Rede steht, die Kermani zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des Burgtheaters Wien gehalten hat. Was ist gemeint? Der Weg nach Europa oder die Zeit nach Europa, Europa als Ziel oder Europa als Vergangenheit?
Möglich, dass sich die Zuhörer gewundert haben, dass Kermani, statt auf die ruhmreiche neue Geschichte dieses Theaters einzugehen, über den Europagedanken sprach, über die Utopie, die von großen Geistern damit verbunden wurde, und über das Elend, das die Flüchtlinge erleben, die daran glauben. Mit glühenden Worten (und schockierenden Tatsachen) erinnert er daran, dass Europa die Verpflichtung hat, nicht nur für Europäer, sondern für die Welt Europa zu sein.
Und was hat das mit dem Burgtheater zu tun? Die Feier zu seiner Wiedereröffnung vor 50 Jahren sei zu einer nationalistischen Posse geraten, erinnert er, ein österreichisches Stück musste die erste Spielzeit eröffnen, noch nicht einmal ein 'nur' europäisches durfte es sein. Und es sei vollkommen undenkbar gewesen, dass damals ein von der Herkunft her Nichteuropäer die Rede zur Feier des Tages hätte halten können. Und kurz vor dem jetzigen 50jährigen habe Österreich im gleichen Tonfall gegen die Aufnahme der Türkei revoltiert: Europa müsse christlich bleiben. Doch habe diesmal das Burgtheater sich von solcher Mentalität distanziert, indem es einen Europäer zum Festredner kürt, der weder europäischer Herkunft noch christlichen Glaubens ist.
Daher nutzt Kermani seine Redezeit, um an die Not der vielen zu erinnern, die bislang umsonst darauf warten, dass Europa sich auch für sie als Europa zeige, also als der Kontinent, in dem die Menschenrechte als Universalien gelten und nicht nur als Privileg für Europäer. Was verlangt er da? Etwa, dass alle kommen dürfen, die kommen wollen, macht hoch die Tür, die Tor macht weit? Nein, das sagt er nicht. Er sagt jedoch, dass es nicht damit getan ist, die Menschenrechte nur innerhalb der eigenen Grenzen zu verteidigen und Flüchtlinge, die von außen kommen, verelenden, verhungern und verdursten zu lassen oder gar, um sie loszuwerden, mit einem Unrechtsregime zu paktieren, sich also immer nur zu verweigern. Denn wenn Europa seine Werte nicht mehr vertritt, dann hat es keine und hört auf, Europa zu sein.


Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien: Islamische Lyrik aus tausend Jahren
Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien: Islamische Lyrik aus tausend Jahren
von Annemarie Schimmel
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Islamische Lyrik aus tausend Welten, 29. April 2010
Eine lange Einleitung hilft uns, die religiösen, mystischen und literarischen Traditionen zu verstehen, denen die vorgestellten Gedichte entstammen. Und weil jeder einzelne Autor mit einer Kurzvita ebenfalls vorgestellt wird, ist es uns möglich, den Gedichten die Stellung zuzuordnen, die sie in der Überlieferung innehaben.
Doch wer einmal Persisch, Urdu, Sindhi, Paschto, Pandschabi usw. im Original gehört hat, der weiß, der Inhalt ließ sich wohl übertragen, manchmal gewiss auch der Zauber der Bilder, aber wohl kaum die Musik der Sprache, die doch erst den Grund für das strenge Regelwerk der Versbildung ist. So lassen die Gedichte einen großen Wunsch unerfüllt, ja wecken ihn sogar erst, nämlich dieser Sprachmusik näher zu kommen, die sich aus der Struktur der Lyrik erahnen lässt.
Sie ist Ausdruck einer Mystik, die für die Verherrlichungen Gottes und der göttlichen Liebe so farbenfrohe und sinnliche Bilder aus der Natur und dem menschlichen Erleben der Liebe gefunden hat, dass sie das Irdische zum Himmlischen erhöhen und das Himmlische als Irdisches real werden lassen.
Frau Schimmel, die große Islamwissenschaftlerin und Orientalistin, die mit ihren Büchern unermüdlich versucht hat, die Kluft zwischen Islam und westlicher Welt zu überbrücken und Einfühlung und Begreifen des Anderen zu erleichtern, bietet hier eine umfassende Zusammenschau der Stile und Formen. Allein dadurch, dass uns die vorgeführten Exempel dieses und jenes Autors jeweils als Exempel für diese und jene Richtung ausgewiesen sind, erfahren wir obendrein, dass jedes Gedicht einer eigenen Schatzkammer entstammt, dass also der Reichtum riesig ist, der -' für uns unerschlossen - die orientalische Kultur belebt und nährt. Entdeckerseelen macht das neugierig und wer beginnt, nun diese Sprache und ihren Geist in weiteren Beispielen zu suchen (ins Englische ist viel viel mehr übersetzt), dem kann dieser Gedichtband als Landkarte dienen, die er durch seine eigenen Funde nur noch zu vervollständigen braucht.


In Deutschland leben: Ein Gespräch mit Wieland Freund
In Deutschland leben: Ein Gespräch mit Wieland Freund
von SAID
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Heimat gibt es nicht, 24. April 2010
Said ist ein Iraner, der mit 17 nach Deutschland gekommen ist. Er hat hier studiert und sich bald schon als Schriftsteller und Lyriker einen Namen gemacht.
Es ist interessant und aufschlussreich, die neuere deutsche Geschichte aus der Perspektive eines Menschen beschrieben zu bekommen, für den Deutschland nicht das Land seiner Väter, sondern das Land seiner Hoffnung war, der also Deutschland nicht an dessen Vergangenheit, sondern an seinen eigenen Träumen misst.
Und es ist traurig. Said kennt die deutsche Geschichte besser als viele Deutsche, er äußert sich genau und kenntnisreich. Der Widerstand gegen den Schah, den auch die 68er proklamierten, war die erste Verbindung zum Land. Und immer, auch später, hat er mitgemischt, nichts weiß er nur aus der Zeitung, und er kann seine Ansichten mit sehr persönlichen Beobachtungen und Anekdoten belegen. Hat sich aus diesem innigen Miteinander eine Symbiose entwickelt? Nein, Said nennt es lieber eine Liebe, die auch die Brüche des Geliebten lieben will. Eine Liebe, die nicht blind sein will, muss Trauer tragen - und die hört man aus manchen Zeilen heraus. Trauer über enttäuschte Träume? Da ist Bewunderung für viele und vieles und eine tiefe Verehrung zum Beispiel für Willy Brandt. Es ist die Trauer aus der Weisheit der Ernüchterung heraus, die z.B. die materielle Sorglosigkeit hier genießen kann, aber unter der Kälte des Geldes leidet. Die Deutsch als befreiende Sprache erlebt, aber die Kunst- und Geistlosigkeit des öffentlichen Lebens beklagt, die die Freiheit in Deutschland hoch schätzt - und doch sieht, dass es zwar manche hässliche Fratze, aber das erträumte Europa nicht gibt. NOCH nicht, wispert es zwischen den Zeilen.
Der Interviewstil des Buches hat mich gestört, weil das wirkt, als müsse der Autor gelenkt werden, um etwas zu sagen - und das einzige eigenständige letzte Kapitel über den europäischen Traum des "Kindes" zeigt fulminant, wie sprachmächtig und inhaltsstark statt dessen Essays zu den Themen gewesen wären.


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