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Thomas Junker
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Animal irrationale: Eine kurze (Natur-)Geschichte der Unvernunft (edition unseld)
Animal irrationale: Eine kurze (Natur-)Geschichte der Unvernunft (edition unseld)
von Franz M. Wuketits
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Schaden und Nutzen der Unvernunft, 11. September 2013
Wie keine biologische Art zuvor haben die Menschen ihre Lebensbedingungen verändert – um nun festzustellen, dass ihre angeborenen Verhaltensweisen und ihre Erkenntnisfähigkeit mit den technischen Entwicklungen nicht Schritt gehalten haben. Umweltzerstörungen globalen Ausmaßes, eine rapide Zunahme an Zivilisationskrankheiten und tiefgreifende soziale Konflikte sind die Folge. Und so lässt sich kaum leugnen, dass sich der Homo sapiens, der ‚weise Mensch‘, wie ein Animal irrationale, wie ein unvernünftiges Tier, verhält.

Warum dies so ist und welche konkreten Konsequenzen daraus erwachsen, erzählt Franz M. Wuketits in seinem kurzweiligen und informativen Buch. Er zeigt, wie die evolutionäre Erkenntnistheorie uns hilft, die individuelle und vor allem die kollektive Dummheit zu verstehen. Er nimmt die Unvernunft aber auch in Schutz, wenn sie sich als Kreativität, als Emotionalität oder als Intuition äußert, die oft verlässlich ist als die Vernunft.

Wuketits‘ Buch ist eine harsche Kritik an vielen Entwicklungen der Gegenwart, es rechnet so ungehalten mit den Artgenossen ab, dass man sich an manchen Stellen an Thomas Bernhard erinnert fühlt. Aber es ist auch ein Ausdruck der Hoffnung: Dass die Erkenntnis unserer Unvernunft eine Voraussetzung ist, um zu einem vernünftigeren Umgang mit uns selbst und mit der Natur zu kommen. Diese Hoffnung mag unvernünftig sein, aber sie ist nicht dumm, denn ohne sie würden wir uns noch der letzten Chancen auf Veränderung berauben. Und so sei das Buch allen Lesern empfohlen, die Argumente suchen, um angeblichen Sachzwängen etwas entgegen setzen zu können.


Die Logik der Nicht-Logik: Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch definieren kann
Die Logik der Nicht-Logik: Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch definieren kann
von Andreas Kilian
  Broschiert
Preis: EUR 17,00

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ist Religion eine biologische Anpassung?, 8. November 2011
Religiöses Verhalten ist eines der interessantesten und rätselhaftesten Merkmale der Menschen. In der Vergangenheit wurde es bevorzugt mit den Methoden der Ethnologie, der Geschichtswissenschaft, der Soziologie oder der Psychologie untersucht. In den letzten Jahren kam die evolutionsbiologische Betrachtung hinzu. Dieser Ansatz erscheint insofern erfolgversprechend als religiöses Verhalten zwar nicht allgemein aber doch so weit verbreitet ist, dass man einen genetischen Anteil vermuten kann. Zudem scheint es biologische Vorteile mit sich zu bringen, denn religiöse Menschen haben mehr Kinder als ungläubige. Dies gilt nicht für alle Konfessionen, aber der statistische Zusammenhang ist doch recht eindeutig. Und so wurde vermutet, dass religiöses Verhalten eine biologische Anpassung ist.

Von evolutionsbiologischem Interesse sind weniger die nach Zeit und Ort unterschiedlichen Erscheinungsformen religiösen Verhaltens, sondern die allgemein menschliche, kulturübergreifende Tendenz, die natürliche und soziale Welt als durch übernatürliche Mächte bestimmt aufzufassen. Da die konkreten Erscheinungsformen der religiösen Denkweise höchst vielfältig und schillernd sind, fokussieren sich die evolutionsbiologischen Untersuchungen meist auf einen speziellen Aspekt. Dies gilt auch für das Buch von Andreas Kilian. Es bestimmt Religion als ein rhetorisches Mittel, das auf der evolutionär entstandenen Tendenz der Menschen beruht, komplexe Situation schnell bewerten zu müssen, und dabei auch notfalls Akteure und Ursachen zu erfinden. Im sozialen Kontext können die nicht überprüfbaren Aussagen dann dazu dienen, Eigeninteressen durchzusetzen und andere Gruppenmitglieder zu manipulieren. Religiöses Verhalten wird also aus den evolutionären Mechanismen der machiavellischen Gruppendynamik beim Menschen erklärt. Mit dieser Definition erfasst Kilian sicher ein wichtiges und verbreitetes Element von Religion, inwieweit er dem Phänomen damit umfassend gerecht wird, sei aber dahingestellt.

Die evolutionsbiologische Methode hat einen großen Vorteil, wenn es darum geht, menschliches Verhalten zu verstehen. Da sie die Besonderheiten unserer eigenen Spezies aus der Distanz betrachtet und auf allgemeine biologische Notwendigkeiten zurückführt, erleichtert sie es, diese wissenschaftlich zu verstehen, ohne sie vorschnell zu bewerten. Diesen Vorteil gibt Andreas Kilian aus der Hand. Es mag sein, dass Religion (auch) eine spezielle Ausdrucksform des allgemeinen biologischen 'Egoismus' ist, die ungerechtfertigte Vorteile verschafft, indem sie unüberprüfbare Aussagen macht. Die weitergehende evolutionsbiologische Fragestellung wäre nun aber zu untersuchen, unter welchen Umständen diese Strategie eingesetzt wird, worin ihr Nutzen und ihre Kosten bestehen und warum sie von den anderen (benachteiligten) Gruppenmitgliedern toleriert wird. Es ist ja nicht so, dass unüberprüfbare Aussagen generell akzeptiert werden. So wird beispielsweise Kindern, die eine Notlüge mit erfundenen Personen ausschmücken, in der Regel ja auch nicht geglaubt.

Das Buch bringt eine Fülle von interessanten Details und gibt einen guten Überblick über den Stand der evolutionsbiologischen Diskussionen zum Thema Religion. Das Geheimnis der weiten Verbreitung der religiösen Denkweise löst es meinem Eindruck nach aber nicht, da zentrale Fragen offen bleiben. Unter welchen Umweltbedingungen beispielsweise ist die Religion eine effektivere Strategie zur Durchsetzung individueller Interessen in einer Gemeinschaft als körperlicher Zwang und Uniformierung, oder gemeinsame Feiern, Phantasien und Kunst?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 1, 2013 3:14 AM MEST


Die Krankheit des Propheten: Ein pathographischer Essay
Die Krankheit des Propheten: Ein pathographischer Essay
von Armin Geus
  Gebundene Ausgabe

98 von 102 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein medizinischer Blick auf den Koran, 8. November 2011
Woher weiß ein gläubiger Moslem, dass er den richtigen Gott anbetet? Und woher nimmt er die Überzeugung, dass Allah nicht nur einer unter vielen Göttern sondern der einzige Gott ist? Weil dies im Koran behauptet wird. Der Koran wiederum soll nicht von Mohammed erdichtet worden sein, sondern von Allah, dem 'Herrn der Weltbewohner,' selbst stammen (Sure 10, 37). Und so beruht das Glaubenssystem der Moslems darauf, dass Mohammed die vom Erzengel Gabriel diktierten Texte wahrheitsgetreu wiedergeben hat. Was aber, wenn es Einflüsterungen des Satans waren? Und wie steht es mit dem Wahrheitsgehalt des Korans, wenn Mohammed ein Hochstapler oder geisteskrank war? Es wäre zwar möglich, dass sich Allah zur Überbringung seiner Nachrichten eines psychisch kranken Propheten bedient hat. Nichtsdestoweniger würde dies die Glaubwürdigkeit des Korans erschüttern und die Frage aufwerfen, inwiefern sich die Mohammed'schen Offenbarungen von den Eingebungen anderer Propheten und von den Halluzinationen der Psychiatriepatienten unterscheiden.

Der Islam beruht also ganz wesentlich auf der Glaubwürdigkeit seines Propheten, was einen Teil der hysterischen und mörderischen Reaktionen erklärt, die Salman Rushdies Satanische Verse und selbst harmlose Mohammed-Karikaturen auslösten. Und genau aus diesem Grund muss sich jede ernstzunehmende Kritik des Islam um diesen neuralgischen Punkt bemühen. In Anbetracht der weit verbreiteten Scheu, dies zu tun, kann es nicht hoch genug bewertet werden, dass Armin Geus die vielfältigen Hinweise auf eine schwere psychische Erkrankung des Propheten ohne falsche Rücksichtnahme und ideologische Scheuklappen gesichtet und bewertet hat.
Schon zur Zeit Mohammeds kursierten entsprechende Vermutungen, wie aus den im Koran selbst enthaltenen Dementis hervorgeht. So heißt es beispielsweise, der Prophet sei 'nicht besessen' (81, 22). Der byzantinische Historiker und Theologe Theophanes Confessor (765-815) deutete die Offenbarungen und Visionen Mohammeds dann als Krankheit und diagnostizierte sie als Epilepsie. Später wurde eine ganze Reihe weiterer Vermutungen über die Art der Krankheit des Propheten geäußert. Das Spektrum reicht von einem Tumor des Hypophysenvorderlappens (Akromegalie) über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bis zu Vergiftungserscheinungen. Armin Geus selbst kommt aufgrund zahlreicher Indizien zu dem Schluss, dass Mohammed unter einer 'paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie mit definierten Wahnvorstellungen und charakteristischen Sinnestäuschungen' gelitten hat. Und so lässt sich der Koran auch als 'Chronik einer Krankengeschichte' lesen (S. 74-75). Die detaillierte Diskussion der verschiedenen Diagnosen ergänzt Armin Geus durch Hinweise auf den Charakter Mohammeds. Neben den Überlieferungen über dessen Leben sind vor allem die Allah, Mohammeds alter ego, zugeschriebenen Eigenschaften eine reiche Fundgrube. Das so entstehende Bild ist wenig schmeichelhaft. Das ständige Schachern zeuge von einer 'Krämerseele', die rücksichtslose Selbstbezogenheit, der Sadismus und die Pädophilie Mohammeds sind weitere Hinweise auf schwerwiegende charakterliche Mängel.

Die Krankheit des Propheten des Marburger Medizinhistorikers Armin Geus ist ein mutiges, interessantes und wichtiges Buch, das viel zu einer realistischen Einschätzung des Islam beiträgt. Es liefert entscheidende Hintergrundinformationen, indem es die Religion Mohammeds aus dem Charakter und Prophetenwahn ihres Stifters deutet. Damit erklärt es nicht alles am Islam, aber ohne diesen Aspekt bleibt vieles im Dunkel.

Das Buch ist erhältlich bei der BASILISKEN-PRESSE und direkt bei Prof. Dr. Armin Geus, Postfach 561, 35017 Marburg an der Lahn.
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Waffenstillstand
Waffenstillstand
DVD ~ Max von Pufendorf
Wird angeboten von world-of-video
Preis: EUR 3,18

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Willkommen im Irak, einmal anders, 16. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Waffenstillstand (DVD)
Um es gleich vorweg zu nehmen: Waffenstillstand ist ein absolut empfehlenswerter Film. Er erzählt von dem Versuch, dringend benötigte Medikamente ohne militärische Unterstützung ins umkämpfte Falludscha zu bringen. Wir sind im Jahr 2004, als der irakische Widerstand gegen die amerikanischer Besatzungstruppen auf seinem Höhepunkt war.

Initiiert wird der höchst riskante Medikamententransport von einer idealistischen Krankenschwester und einem ehrgeizigen Kriegsreporter. Gemeinsam mit einem morphinsüchtigen Arzt, einem abgebrühten Kameramann und dem einheimischen Fahrer versuchen sie ihre wertvolle Fracht während eines kurzen und brüchigen Waffenstillstandes mit einem klapprigen Kleinbus ans Ziel zu bringen. Von den amerikanischen Besatzungstruppen werden sie schikaniert und belächelt, von den Aufständischen beschossen und bedroht. Ein bisschen erinnert die Aktion an die deutsche Haltung zum Irakkrieg, als man erst eine große Schweiz sein wollte, um dann wenig später doch in den Krieg gegen den Terror glaubte ziehen zu müssen.

Die Rollen sind allesamt hervorragend besetzt; am besten hat mir Hannes Jaenicke als zynischer Kameramann gefallen, aber dies ist nur ein subjektiver Eindruck. Die Geschichte wird überzeugend erzählt und die Bilder machen trotz des vergleichsweise geringen Budgets einen ausgesprochen authentischen Eindruck. Man merkt dem Film an, wie intensiv und sorgfältig sich der Regisseur Lancelot von Naso auch um Details gekümmert hat. Der Erzählstil ist angenehm ruhig, humorvoll wenn es angebracht ist und ernsthaft ohne sozialpädagogische Belehrungen. Waffenstillstand ist ein eindrucksvoller, spannender und gut erzählter Film: Unbedingt ansehen.


The European Origins of Scientific Ecology (Histoire des sciences, des techniques et de la medicine)
The European Origins of Scientific Ecology (Histoire des sciences, des techniques et de la medicine)
von Pascal Acot
  Taschenbuch
Preis: EUR 50,59

5.0 von 5 Sternen Die Ursprünge der Ökologie in Quellen, 10. Dezember 2009
Die Geschichte der wissenschaftlichen Ökologie ist ein vergleichsweise junges Teilgebiet der Geschichte der Biologie. Mit dem Aufschwung der Ökologie in den letzten beiden Jahrzehnten rückte auch ihre Geschichte stärker in den Vordergrund. Es erschienen einige umfassende Studien zu ihrer Entstehung; die grundlegenden Quellentexte dieser Disziplin, vor allem solche, die vor 1900 in Europa erschienen, sind aber oft nur durch die Sekundärliteratur bekannt und in einigen Fällen schwer zu erhalten. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, daß Pascal Acot in Zusammenarbeit mit in Frankreich arbeitenden Wissenschaftshistorikern diese Sammlung von insgesamt 32 Fascimiletexten klassischer Schriften des 19. Jahrhunderts zur Ökologie herausgegeben hat.

Das zweibändige Werk ist in sechs thematisch geordnete Abschnitte unterteilt, die mit jeweils einer Einleitung versehen sind. Die bis in die Gegenwart umstrittene Frage, wie Gegenstandsbereich und Methoden der Ökologie zu bestimmen sind, macht es unausweichlich, daß man über die Auswahl der Texte unterschiedlicher Meinung sein kann. Dies vorausgesetzt kann man den Herausgeber zustimmen, daß die Bände einige der wichtigsten Gebiete abdecken, aus denen die moderne wissenschaftliche Ökologie entstanden ist.

In Abschnitt 1, Botanical Geography", werden Texte von A. v. Humboldt, A.-P. de Candolle, A. J. Dureau de la Malle, G. Bonnier und Ch. Flahault wiedergegeben; in Abschnitt 2, The Structuring of Communities", solche von E. Darwin, Ch. Lyell, Ch. Darwin, K. Moebius, P.-F. Verhulst, Ch. V. Riley, P. Marchal und F.-A. Forel; Abschnitt 3, Agrochemistry und Bacterial Autotrophy", enthält Texte von J. Liebig, J.-B. Boussingault und S. Winogradski; Abschnitt 4, The Taxomomy and Nomenclature of Plant Groups", von A. H. R. Grisebach, A. Kerner von Marilaun, A. de Candolle, Ch. Flahault; Abschnitt 5, The Geography of Human Societies", solche von K. Ritter, É. Reclus, F. Ratzel; in Abschnitt 6, The Birth of Scientific Ecology", kommen E. Haeckel und E. Warming zu Wort.

Jedem der Quellentexte, die durchschnittlich zwischen 15 und 30 Seiten umfassen, wurde eine kurze englische Zusammenfassung vorangestellt. Die Texte selbst werden in ihrer ursprünglichen französischen, englischen, deutschen oder dänischen Fassung wiedergegeben. Wenn immer möglich, wurden die deutschen Texte durch zeitgenössische englische oder französische Übersetzungen, der dänischen Text von Eugenius Warming durch die deutsche Übersetzung ergänzt.

Die umfangreiche Quellensammlung und die instruktiven Einführungen machen die Bände zu einer lohnenden und spannenden Lektüre, die sich auch sehr gut als Seminarreader eignet. Als einziger Nachteil ist der relativ hohe Preis zu nennen, der aber durch die meist gute Wiedergabequalität und den Umfang der Bände gerechtfertigt ist.


Darwinism's Struggle for Survival: Heredity and the Hypothesis of Natural Selection (Cambridge Studies in Philosophy and Biology)
Darwinism's Struggle for Survival: Heredity and the Hypothesis of Natural Selection (Cambridge Studies in Philosophy and Biology)
von Jean Gayon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 159,24

5.0 von 5 Sternen Genetik und Darwinismus: Die Geschichte einer konfliktreichen Beziehung, 10. Dezember 2009
Der Erfolg der Synthetischen Theorie der Evolution in den Jahrzehnten nach 1950 hat die Tatsache in den Hintergrund treten lassen, daß der moderne Darwinismus eine lange und intensive Krise erfuhr, bevor er zum kaum bestrittenen Lehrbuchwissen unserer Tage wurde. Obwohl diese Krise durch die Angriffe der Gegner (u.a. Lamarckisten und Orthogenetiker) verstärkt wurde, handelte es sich wesentlich auch um eine innere theoretische Krise. Hervorgerufen wurde die Krise dadurch, daß es trotz der intuitiven Gewissheit, daß die Selektionstheorie richtig ist, noch fast 80 Jahre dauerte, bis die natürliche Auslese als empirische Realität und theoretische Möglichkeit konkret nachgewiesen werden konnte.

Jean Gayon hat eine außergewöhnlich detailreiche und präzise Geschichte der oft widersprüchlichen und schwierigen Beziehungen zwischen natürlicher Auslese und den jeweiligen historischen Vererbungstheorien, die eine Ursache für die Krise des Darwinismus waren, von Darwin bis zur Synthetischen Theorie vorgelegt. Es handelt sich um eine Übersetzung seines 1992 auf französisch erschienenen Darwin et l'après-Darwin: Une histoire de l'hypothèse de sélection naturelle. Der Band gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil wird der Beginn der Krise des Darwinismus bei Darwin und Wallace dargestellt. Im zweiten Teil wird das Spannungsverhältnis zwischen den Theorien der Selektion und der Vererbung bis ins 20. Jahrhundert nachgezeichnet. Einführend stellt Gayon hier Galtons und Weismanns Theorien zur Selektion, Vererbung und Regression dar. In weiteren Abschnitten werden Strategien vorgestellt, das Selektionsprinzip am Beispiel der Mimikry zu bestätigen und verschiedene Versuche der englischen Biometriker, die Wirkung der Selektion nachzuweisen. Den Abschluß bildet eine Darstellung der Konfrontation zwischen Darwinisten und frühen Mendelisten in den Jahren nach 1900.

Im dritten Teil zeigt Gayon, wie das Selektionsprinzip in den Jahren nach 1920 durch die Berechnungen der mathematischen Populationsgenetik und empirische Untersuchungen bestätigt werden konnte. Dies hatte aber auch gravierende Folgen: aus Darwins umfassender Theorie der natürlichen Auslese wurde einer unter mehreren Parametern der Populationsgenetik und der Neo-Darwinismus der Synthetischen Theorie wurde wesentlich zu einem Neo-Mendelismus".
Viele der von Gayon beschriebenen Episoden sind aus den Schriften von William Provine, Ernst Mayr und anderer Autoren bekannt, aber noch nie so eingehend dargestellt worden. Wie seine Vorgänger beschränkt sich Gayon im wesentlichen auf die Rekonstruktion theoretischen Wissens und - abgesehen von wenigen Ausnahmen - auf die Geschichte der englischsprachigen Evolutionstheorie. In diesem Rahmen ist der vorliegende Band die bisher umfassendste und präziseste Darstellung der historischen Debatten um die Herausforderung des Darwinismus durch Theorien der Vererbung und uneingeschränkt zu empfehlen.


Briefwechsel - Carl Vogt, Jacob Moleschott, Ludwig Büchner, Ernst Haeckel
Briefwechsel - Carl Vogt, Jacob Moleschott, Ludwig Büchner, Ernst Haeckel
von Christoph Kockerbeck
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zur Entstehung des Weltbildes der modernen Biowissenschaften, 10. Dezember 2009
Die naturwissenschaftliche Biologie wie sie die Gegenwart prägt, nahm einige ihrer wichtigsten Ursprünge im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts - die experimentelle Methode, die Evolutionstheorie, die Zellentheorie und zahlreiche andere, bis heute unverzichtbare Konzepte wurden innerhalb weniger Jahrzehnte in ihrer modernen Form entwickelt und durchgesetzt. Begleitet wurden diese methodologischen und theoretischen Fortschritte von geistigen und organisatorischen Emanzipationsbestrebungen der Naturwissenschaftler. Im bewußter Abkehr von traditionellen Vorstellungen sollte das Bild der Welt, der Natur, der Menschen auf eine neue Basis gestellt werden. Dieser Umbruch wurde gegen teilweise erbitterten Widerstand der alten Eliten aus Philosophie und Theologie erkämpft, die - nicht zu Unrecht, wie die weitere Entwicklung zeigte - ihre Deutungsmacht gefährdet sahen.

Zu den wichtigsten Protagonisten dieser Entwicklung gehörten die Materialisten Carl Vogt, Jacob Moleschott und Ludwig Büchner (der Bruder des Dichters Georg Büchner) sowie der deutsche Darwin" Ernst Haeckel. Alle vier Autoren hatten eine medizinische bzw. biologische Universitätsausbildung absolviert und sich dann publizistischen Tätigkeiten zugewandt. Während Vogt und Moleschott in der Schweiz bzw. Italien ihre universitäre Laufbahn fortsetzen konnten, mußte sich Büchner, dem wegen seines Materialismus von der Universität Tübingen die Lehrerlaubnis entzogen wurde, mit publizistischen Arbeiten den Lebensunterhalt verdienen.

In seiner ausführlichen und sehr informativen Einleitung schildert Kockerbeck sowohl den biographischen Hintergrund seiner Autoren als auch ihr jeweiliges Verhältnis zueinander. Die gegenseitigen Hilfestellungen und Sympathien - schließlich war man sich weitgehend einig, was die gemeinsamen Gegner betraf - werden ebenso kenntnisreich dargestellt, wie die wissenschaftlichen und weltanschaulichen Bruchstellen. Persönliche Divergenzen erhielten auch dadurch Nahrung, daß der statische Materialismus der 1850er Jahre durch den Darwinismus in vielerlei Hinsicht schon bald überholt war. Obwohl sich beispielsweise Büchners populärer Bestseller Kraft und Stoff (1. Aufl. 1855) auf einem, wenn auch geringeren Niveau weiterverkaufte, ging die Meinungsführerschaft auf Haeckel über, der mit seiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte (1. Aufl. 1868) dem neuen dynamischen Weltbild die prägende Form gab.

Den zweiten Teil des Buches nimmt die mit Anmerkungen versehen Transkription der insgesamt 63 Briefe ein. Porträtaufnahmen der Autoren und die faksimilierte Wiedergabe je eines ihrer Briefe illustrieren und ergänzen den Briefwechsel ebenso wie ein mit biographischen Informationen versehenes Personenregister. Inhaltlich sind die Briefe von unterschiedlichem Gewicht, es werden Komplimente und Informationen ausgetauscht, es finden sich aber auch interessante Stellungnahmen zur Evolution der Menschen, der Bedeutung des Kampf ums Dasein in der menschlichen Gesellschaft, politische Bewertungen und vielerlei mehr.

Es ist erstaunlich, wie frisch die von Vogt, Moleschott, Büchner und Haeckel diskutierten Probleme noch sind. So kam man beispielsweise im Disput zwischen Haeckel und Vogt über den Mono- bzw. Polygenismus unschwer einen historischen Vorläufer der aktuellen Debatte um die Multiregionale versus Out-of-Africa-Theorie erkennen.

Der von Kockerbeck herausgegebene Briefwechsel aus der Frühzeit der wissenschaftlichen Biologie sei deshalb allen historisch interessierten Biologen empfohlen, die einen Schritt von den aktuellen Debatten um Gentechnik, Klonen, Eugenik und Verantwortung der Wissenschaft zurücktreten möchten, und sich für die Ursprünge dieser Ideen und Konflikte interessieren.


Monismus um 1900: Wissenschaftskultur und Weltanschauung
Monismus um 1900: Wissenschaftskultur und Weltanschauung
von Paul Ziche
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Warum gibt es den 'Monismus' nicht mehr?, 10. Dezember 2009
Im 19. Jahrhundert kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern traditioneller philosophischer und vor allem religiöser Anschauungen auf der einen und Naturwissenschaftlern auf der anderen Seite. Der Jenenser Biologe Ernst Haeckel, einer der frühesten Anhänger Charles Darwins in Deutschland und erfolgreicher Wissenschaftspopularisator, gab der naturwissenschaftlichen Weltanschauung einen inhaltlichen und organisatorischen Rahmen, der unter dem Namen `Monismus' bekannt wurde.

Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der 1906 gegründete Deutsche Monistenbund" wegen materialistischer und pazifistischer Tendenzen aufgelöst. Die Überzeugung, dass eine wissenschaftliche Weltanschauung nicht nur möglich, sondern unerlässlich ist, lebt aber weiter.

Dies macht - leider nur indirekt - auch vorliegender Sammelband deutlich, der auf eine Vorlesungsreihe im Jenaer Ernst-Haeckel-Haus zurückgeht. Die Autoren kommen überwiegend aus der Philosophie (Paul Ziche, Olaf Breidbach, Gottfried Gabriel, Uwe Dathe) und sympathisieren deutlich mit den Gegnern des Monismus. Die Ansichten Haeckels und anderer Monisten werden abfällig kommentiert, die seiner Gegner niemals, und man ist bemüht, den Monismus ein weiteres Mal philosophisch zu widerlegen. Es ist dabei durchaus interessant zu beobachten, dass damit die Virulenz des Monismus im weiteren Sinne indirekt anerkannt wird. Vor allem in den angelsächsischen Ländern melden sich Vertreter der naturwissenschaftlichen Weltanschauung öffentlichkeitswirksam zu Wort - die Debatten um die Soziobiologie, Richard Dawkins' `egoistisches Gen', Klonen oder Gentechnik dokumentieren dies eindrucksvoll. In vorliegendem Sammelband sind sie nicht vertreten, man bleibt unter sich. In diesem Sinne ist der Band - zumindest in seiner ersten Hälfte - weniger ein Dokument des Monismus um 1900, als des deutschen Anti-Monismus um 2000.

Die zweite Hälfte des Sammelbandes ist historischen Beiträgen gewidmet. Heiko Weber zieht einen Vergleich zwischen den Vorstellungen von Ernst Haeckel und August Forel; ergänzt wird sein Beitrag durch eine Bibliographie von Werken von und über Forel. Hans-Detlef Mebes schließlich geht auf die Beziehungen zwischen Monismus und Reformbestrebungen innerhalb der Freimaurerbewegung ein.


Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie: Seine Gründungsgeschichte, seine problemgeschichtlichen und wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen (1911-1916) (Pallas Athene)
Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie: Seine Gründungsgeschichte, seine problemgeschichtlichen und wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen (1911-1916) (Pallas Athene)
von Ulrich Sucker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 46,00

5.0 von 5 Sternen Wissenschaftsgeschichte in der DDR: ein Dokument, 10. Dezember 2009
Dass eine akademische Arbeit erst fünfzehn Jahren nach ihrer Fertigstellung publiziert wird, dürfte in der heutigen Wissenschaft eine sehr seltene Ausnahme darstellen. So lässt sich Ulrich Suckers in den letzten Jahren der DDR (1987) entstandene und bisher unveröffentlichte Habilitationsschrift auch als historisches Dokument lesen. Für die vorliegenden Ausgabe wurde sie ohne inhaltliche Änderung übernommen. Folglich finden sich DDR-typische Themen und Verweise auf osteuropäische Autoren, deren Arbeiten seither kaum mehr beachtetet werden. Die Nachteile dieser Vorgehensweise seien aber auch erwähnt. So ist das Literaturverzeichnis auf dem Stand von 1987 und wurde nur durch eine (sehr knappe) Auswahl neuerer Schriften ergänzt. Auch finden sich relativ viele Druckfehler. Ein Namens- oder Sachregister fehlt. Von diesen Schönheitsfehlern einmal abgesehen, ist es außerordentlich verdienstvoll, dass die Studie, die mit der Neuformierung und Institutionalisierung biologischer Forschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der Schlüsselereignisse neuerer Biologiegeschichte abdeckt, nun allgemein verfügbar ist.

Nach der Einleitung zu Fragestellung und Methode folgen drei weitere einführende Kapitel, in denen kontextuelle Aspekte der Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie skizziert werden. Der Überblick über die Neuformierung biologischer Forschung durch experimentelle Genetik und Entwicklungsphysiologie wird ergänzt durch einen Abriss der Diskussionen, die in dieser Situation zur Frage entstanden, was unter ,Biologie' zu verstehen ist. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den Vorstellungen des Paläontologen Otto Jaekel, der sich in mehreren programmatischen Schriften für eine moderne Organisation der Biowissenschaften eingesetzt hatte.

In den beiden abschließenden Kapiteln schildert Sucker die eigentliche Gründungsgeschichte des KWI für Biologie und gibt einen Überblick über weitere geförderte sowie abgelehnte biologische Projekte. Er zeigt, wie es bei diesem frühen Versuch von Wissenschaftssteuerung zur Konzentration auf fünf experimentell ausgerichtete Felder kam (Pflanzengenetik, Entwicklungsmechanik, Tiergenetik, Protistenkunde, physiologisch-chemische Untersuchungen). Ein instruktives Vorwort des Genetikers Hans Stubbe, der selbst zwischen 1936 und 1943 am KWI für Biologie forschte, ergänzt den empfehlenswerten Band.


Vererbung und Milieu (Heidelberger Jahrbücher Bd. 45)
Vererbung und Milieu (Heidelberger Jahrbücher Bd. 45)
von Michael Wink
  Taschenbuch
Preis: EUR 42,50

5.0 von 5 Sternen Ein unerschöpfliches Thema, 10. Dezember 2009
Ob, wie und in welchem Maße Menschen in ihrem Verhalten durch genetische Faktoren oder die Umwelt bestimmt werden, sind Fragen, auf die jede Zeit ihre eigenen Antworten zu finden bemüht ist. Nachdem das Pendel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Richtung Vererbung ausgeschlagen war, betonte man von den 1960er Jahren an eher das Milieu. Dass Organismen (die Phänotypen) in vielfacher Weise und oft bis in kleine Details durch ihre genetische Ausstattung (den Genotypus) determiniert werden, ist für Biologen selbstverständlich. Dieser Gedanke wird heute weithin akzeptiert, anders wären beispielsweise die Förderung (und die Angst vor) der Gentechnik nicht zu erklären.

Bei den meisten Merkmalen lässt sich aber weder ein einseitiger Determinismus der Gene noch ein solcher der Umwelt nachweisen. Und bis in die Gegenwart höchst umstritten ist vor allem, welche Faktoren sozial wichtige Verhaltensweisen der Menschen bestimmen. Die klassische Themen sind hier Gesundheit und Krankheit, Intelligenz, Persönlichkeitsentwicklung, Kriminalität, Kreativität und Religiosität, die auch in vorliegendem Sammelband behandelt werden. Sieht man einmal von der durch die unterschiedlichen Forschungsinteressen erklärlichen Tendenz ab, dass Naturwissenschaftler die biologischen Grundlagen stärker betonen als Geisteswissenschaftler, so ist ein Bemühen um vermittelnde Positionen unverkennbar.

Dies wird schon in den einleitenden Beiträgen von Michael Wink und Hubert Markl deutlich, die einerseits gegen eine Gen-Zwangsneurose", d.h. ein Überschätzen der Macht der Gene argumentieren, zugleich aber deutlich machen, dass die Menschen im Laufe der biologischen Evolution entstanden sind, was nicht nur ihre physischen sondern auch psychischen Eigenschaften geprägt hat.

Weitere Beiträge geben einen Überblick über den Stand des Wissens der Humangenetik zu Vererbung und Umwelt bei Krebserkrankungen sowie bei anderen multifaktoriell verursachten Krankheiten (Claus R. Bartram, Friedrich Vogel). Aus Sicht der Psychologie werden Bedingungen für die Entwicklung von Intelligenz und Persönlichkeit (Franz Resch und Eva Möhler, Franz Emanuel Weinert) dargestellt. Mit Erklärungen für kriminelles Verhaltens bzw. die besondere Kreativität einer sozialen Gruppe (des Judentums im 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat man sich zwei besonders umstrittene, spezielle Aspekte der nature-nuture-Debatte vorgenommen (Dieter Dölling und Dieter Hermann, Helmuth Kiesel). Beide Fragen werden sowohl historisch als auch inhaltlich diskutiert.

Wie schwierig eine sachliche Einschätzung hier im Einzelfall sein kann, mag man daran ersehen, dass eine mögliche genetische Erklärung für die kulturellen Leistungen von Juden nach Ansicht von Helmuth Kiesel ausscheidet, weil sie gleichsam mit einem Tabu belegt ist" (S. 282). Überwiegend historisch sind zwei weitere Beiträge angelegt. Die Diskussionen um biologisch inspirierte Theorien in der Soziologie von Herbert Spencer über Max Weber bis in die neuere Zeit werden von Uta Gerhardt nachgezeichnet. Sandra Kluwe erörtert Schicksalsphobien" zwischen Vererbung und Milieu im literarischen Naturalismus des 19. Jahrhunderts. Beiträge über chinesische Lyrik (Goat Koei Lang Tan), die Idee einer religiösen Veranlagung" (Gregor Ahn) und theoretische Modellbildung (Rainer Hegselmann) runden den Band ab.

Damit ist die Vielfalt der Aspekte angedeutet, die in dem grundlegenden Sammelband diskutiert werden. Interessanterweise argumentieren die Naturwissenschaftler eher inhaltlich, die Kulturwissenschaftler historisch, wobei sich, wie bei dem Thema kaum anders zu erwarten ist, auch gegensätzliche Einschätzungen zeigen. Wer sich einen Eindruck über den aktuellen Stand der Forschung und über unterschiedliche Positionen zu Vererbung und Milieu" bei Menschen machen möchte, dem ist der schön gestaltete Band als Einführung in wichtige Grundfragen sehr zu empfehlen.


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